Zahlen, Fakten, Statistiken…Trump

Statistisch betrachtet sah es im Jahr 2013 so aus: Alle 37 Minuten wurde ein Mensch in den USA umgebracht. Alle 27,1 Sekunden gab es ein Gewaltverbrechen in den USA. Insgesamt wurden 14,196 Menschen in diesem Jahr umgebracht, 4,5 Morde pro 100.000 Einwohner.

Donald Trump weiß es immer besser. Foto: Reuters.

Das klingt viel, ist es auch, doch es ist weitaus weniger, als in den Jahren zuvor. Der Trend hält an, die Mordrate sinkt in den USA. Daher zeigten sich viele verwundert, als Donald Trump heute bei einem Treffen mit Vertretern der „National Sheriffs‘ Association“ erklärte, „die Mordrate in unserem Land ist so hoch wie seit 47 Jahren nicht mehr“. Dann blickte er auf die anwesenden Reporter und meinte, die Medien würden darüber aber nicht berichten. Lieber verschweige man diese Daten, so Trump.

Kein Wunder, dass die „höchste Mordrate seit 47 Jahren“ verschwiegen wird, denn es gibt sie nicht. Entweder kann Präsident Donald Trump die Statistiken nicht richtig lesen oder aber er kommt mit „Alternativen Fakten“ daher, sprich Lügen. Tatsache ist, 1957 lag die Mordrate per 100.000 Einwohnern in den USA bei 4,0. Sie stieg danach stetig an, bis sie im Jahr 1980 10,2 erreichte, die höchste Rate bislang. Danach fiel sie, von Jahr zu Jahr. 1996 lag sie bei 7,4, zehn Jahre später bei 6,1 und im Jahr 2014 bei 4,4. Im Folgejahr stieg sie auf 4,9 an, ein Zuwachs um 11 Prozent. Doch nach wie vor liegt die Mordrate in den USA weit unter der von 1980. Anscheinend hat Donald Trump nur den Anstieg um 11 Prozent von 2014 auf 2015 gelesen, nicht groß nachgedacht und deshalb lauthals erklärt, so hoch sei die Mordrate noch nie gewesen, auch wenn das nicht stimmt.

Aber im Zeitalter der „Alternativen Fakten“ und der Medienschelte wird das sicherlich im Weißen Haus so gedreht, wie man es haben will. Donald Trump wird keinen Rückzieher von seinen haltlosen Behauptungen machen, denn schon im Wahlkampf prangerte er die höchste Mordrate in den USA seit Generationen an. Sein Allheilmittel – ein leichterer Zugang zu Schußwaffen, denn einem „bad guy with a gun“ sollte ein „good guy with a gun“ gegenüber stehen. Die Logik ist zum Schreien in den USA.

 

 

 

 

Blutiger Jahresanfang

Alles beim Alten in Oakland. Vor ein paar Wochen freute sich Jean Quan noch und erklärte, ihre Gewaltpräventionsprogramme zeigten endlich Ergebnisse. „Nur“ 92 Morde im Jahr 2013 seien ein Erfolg ihrer Politik, kommentierte die Bürgermeisterin. Im Vorjahr lag die Mordrate noch bei 131 in ihrer Stadt. Quan ganz selbstsicher und selbsteingenommen schielt bei solchen Aussagen bereits auf den Wahltag im November 2014. Denn dann stellt sie sich zur Wiederwahl. Vieles hängt davon ab, ob sie Oakland sicherer gemacht hat. Eine hohe Mordrate passt da nicht so gut ins Bild. Aber die Statistik zeigt ja nun einen Fall von 131 auf 92, eine Reduzierung, so deutlich wie seit 40 Jahren nicht mehr. Dank Jean Quan?

Wohl kaum, denn die Situation auf den Straßen Oaklands hat sich kaum verändert. Am Samstag wurden die Opfer 10 und 11 gezählt. Ein 15jähriger Junge und ein 35jähriger Mann, die vor einer Freizeiteinrichtung des „Boys and Girls Club“ in West-Oakland standen. Einfach so. Ein noch Unbekannter ging auf sie zu, zog eine Schußwaffe und feuerte auf jeden der beiden mehrere Schüsse ab. Die Opfer starben noch, bevor sie ins Highland Hospital gebracht werden konnten. Zwei weitere Tote, die Bürgermeisterin Jean Quan die guten Nachrichten zunichte machen und die zeigen, dass sich nichts in dieser Stadt verändert hat.

Die Bürgermeisterin hat eigentlich keinen Plan und hofft, mit ein paar Pflastern hier und da, die Sache in den Griff zu bekommen. Da werden ein paar mehr Polizisten auf die Straßen geschickt, dort kauft man schon mal ein paar Knarren von Leuten zurück „no questions asked“ und da stellt man sich tief betroffen hinter die Familie eines weiteren Opfers und fordert ein Ende der Gewalt. Wohlfühlhilfen, wir tun ja was. Aber all das nutzt so gut wie nichts, um das Morden auf den Straßen der Stadt zu beenden.

Was Oakland braucht ist eine neue Stadtführung, die das Gewaltproblem in Oakland zur höchsten Priorität macht. Die ganz deutlich sagt, alleine läßt sich das Morden in Oakland nicht beenden. Aber dafür ist das Ego einer Bürgermeisterin wie Jean Quan zu groß, die lieber in Hinterzimmern Pläne schmiedet, die keiner kennt und keiner versteht.

Ich weiß, in Nürnberg stehen dieses Jahr auch Wahlen an. Die Probleme liegen da ganz woanders. Verkehr, Stadtentwicklung, Mietpreise, SÖR… Aber das sind Probleme, mit denen man sich beschäftigen, über die man auch vehement streiten und diskutieren sollte. In Oakland kommt man dazu gar nicht. Hier geht es um die Sicherheit der Bürger. Darum, dass junge Afro-Amerikaner, junge Latinos ohne Angst über den Haufen geknallt zu werden aufwachsen können. Darum, dass man in einigen Gegenden nicht ständig aufpassen muß, nicht in einen Schußwechsel zu geraten oder von jemandem mit einer Knarre in der Hand nach seinem Geld gefragt zu werden. Das ist der Alltag in Oakland. Das ist Wahlkampfthema in Oakland.

3000 Tote in Juarez

Ciudad JuarezAm Dienstag wurden in Ciudad Juarez, der Grenzstadt zu El Paso, Texas, zwei weitere Männer auf offener Straße erschossen. Damit stieg die Mordrate in diesem Jahr auf 3000, so hoch wie noch nie.

Juarez ist die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Der seit Anfang 2008 schwelende Drogenkartellkrieg in Mexiko, hat alleine hier mindestens 7386 Menschenleben gefordert.

2008 starben 1623 Menschen, 2009 2763 und dieses Jahr ist mit 3000 Toten noch nicht zu Ende. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass die verheerende Situation in Juarez unter Kontrolle zu bringen ist

Mordstadt Oakland

Oakland MordZuerst die gute Nachricht. Vor einem Jahr lag in Oakland die Mordrate Ende November schon bei 115 Toten. Ein Jahr später ist sie leicht gefallen, am Wochenende wurde der 100. Ermordete auf den Strassen Oaklands aufgefunden, ein 52jähriger der mit Schusswunden in seinem Blut lag. Eine Meldung, die hier keinen mehr so richtig überrascht, erzürnt, nachdenklich macht. Man lebt in Oakland mit dieser Mordrate….oder genauer gesagt in East- und West-Oakland. Zwei Stadtteile, die besonders betroffen sind. Hier sind Schiessereien, Drogen- und Bandenkriege und Morde zur Normalität geworden. Kinder wissen, dass man sich ducken muss, wenn es ballert. Das gehört hier einfach dazu.

Als ich 1999 hierher zog lag die Rate gerade mal bei 68 Toten. Und „gerade mal“ in diesem Zusammenhang zu schreiben, ist schon komisch. Denn 68 Ermordete gelten in Oakland als ein Erfolg der Polizei- und Präventionsarbeit. Nach 1999 ging es steil bergauf, jedes Jahr weit über 100 Tote. Bürgermeister kamen und gingen, darunter solche politischen Schwergewichte wie Jerry Brown und Ron Dellums. Beide führten Wahlkampf mit der hohen Mordrate und versprachen diese zu senken. Aber nischte passierte. Sie brachten neue Polizeipräsidenten mit sich, schöne Worte und viele neue Strategien, aber am Ende war die Modernisierung der Innenstadt wichtiger als der Alltag in den sowieso runtergekommenen Stadtteilen. Jerry Brown war früher Gouverneur von Kalifornien, dann demokratischer Präsidentschaftskandidat. Wurde Bürgermeister in Oakland, danach Generalstaatsanwalt in Kalifornien und ist nun erneut im Gespräch als Gouverneur des Bundesstaates. Könnte ich wählen, ich würde ihm nicht mein Kreuzchen geben, denn er hat auf ganzer Strecke in dieser Stadt versagt. Und der Amtsinhaber Ron Dellums ist nicht viel besser. Lange Zeit Kongressabgeordneter für Oakland, er gilt als einer der einflussreichsten Afro-Amerikaner in den USA, enger Busenfreund der Clintons. Doch im letztjährigen Präsidentschaftswahlkampf war er mehr für Hillary Clinton aktiv, glänzte durch Abwesenheit, als die Mordrate 2008 auf 124 Tote anstieg.

Seitdem ich vor 10 Jahren nach Oakland zog, wurden auf den Strassen der Stadt nahezu 1500 Menschen ermordet. Hier gewöhnt man sich an solche Statistiken. Als ich mit der Bundeswehr nach Afghanistan reiste, versuchte ich meine Mutter mit dem Argument zu beruhigen, dass die Wahrscheinlichkeit in Oakland umgebracht zu werden um einiges höher liegt als in Begleitung der Bundeswehr am Hindukusch. Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass Mutter Peltner dem Argument so gar nicht folgen wollte. „Ach, hör doch auf Arndt“, waren ihre Worte.

Na ja, man kann auch die gute Seite des ganzen sehen. Oakland ist nicht die gefährlichste Stadt Kaliforniens. Man soll ja auch mal über die guten Nachrichten berichten.

Amerika hat täglich seinen Krieg

San Francisco: 98. Oakland: 123. San Jose: 32. Richmond: 28, Antioch 9….Die Zahlen stehen für die ermordeten Menschen im Jahr 2008. Die Kommunen in der San Francisco Bay Area verzeichneten im vergangenen Jahr, wie überall im Land, einen leichten Rückgang bei den Mordopfern.

Aber ohne Zweifel sind sie noch viel zu hoch. Als ich meinen Eltern davon erzählte, dass ich nach Afghanistan reisen werde, schlugen sie nur die Hände über dem Kopf zusammen. „Von wem hat der Junge das nur?“, fragte meine Mutter. „Musst Du da wirklich hin“, meinte mein Vater. Das Argument, dass das ja gar nicht so gefährlich sei, gerade weil ich mit der Bundeswehr unterwegs sei, liessen sie nicht zählen. Dummerweise gab es gerade an dem Tag, als ich davon berichtete, einen weiteren Anschlag im Norden Afghanistans. Also erklärte ich, dass in Oakland bereits 1200 Menschen ermordet wurden, seitdem ich im Herbst 1999 hierher gezogen war. Und verglichen mit Afghanistan ist es statistisch betrachtet wohl wahrscheinlicher hier Opfer einer Gewalttat zu werden, als in Mazer-e Sharif oder Kunduz. Die Antwort meiner Eltern auf diese, meiner Meinung nach, hervorragende Argumentation kann man sich wohl denken. Meine Mutter erklärte nur, ich hätte überhaupt nicht nach Amerika gehen und lieber in Nürnberg „was“ (einen Job) finden sollen. Ich denke mal, Müttern kann man nicht mit Statistiken kommen.

Aber zurück zum Thema. Amerika hat einen Krieg auf den eigenen Strassen mit jährlich tausenden von Opfern. Seitdem ich in Oakland lebe wird jedes Jahr darüber gesprochen, wie man das Problem in den Griff kriegen kann. Es gibt Absichtserklärungen und Pläne, Gewalpräventionsprogramme und schöne Worte. Getan wird letztendlich recht wenig. Es sterben nicht nur rivalisierende Bandenmitglieder, sondern immer öfters auch unbeteiligte Passanten, die zwischen die Feuerlinien geraten. Der Ruf nach mehr Polizei ist da, die lokalen Steuern steigen kontinuierlich, um das alles zu finanzieren, aber die Ergebnisse lassen auf sich warten. Das Problem ist, dass es zu viele Knarren auf der Strasse gibt. In einigen Stadtteilen Oaklands (und sicherlich auch in anderen Städten) ist es so, dass es für Kinder einfacher ist, an der nächsten Strassenecke für ein paar Dollar eine Knarre zu kaufen, als Bleistifte oder Hefte für die Schule. Geredet wird hier viel über Ursachen und Lösungsvorschläge. Doch es wird sich nichts ändern, die Gewalt auf den amerikanischen Strassen wird bleiben. Das ist nicht pessimistisch, das ist vielmehr eine realistische Einschätzung. Man lernt einfach damit zu leben.