12 Stunden Müllfahrt

Somaliland ist landschaftlich eine beeindruckende Region. Ein fließender Übergang von sattem Grün zu karger Steppe und sandigem Wüstenboden, manchmal noch umrahmt von Bergketten. Auf der 12stündigen Fahrt zurück nach Hargeisa mußte ich oftmals an den Südwesten der USA denken, an Arizona, New Mexico, Nevada und auch Südkalifornien. Ein weiter, nicht endenwollender Blick in die Ferne. Hier könnte man auch problemlos einen Spaghetti Western drehen.

Doch egal wo und wie schön die Landschaft auch ist, überall liegt Müll herum, vor allem leere Plastikflaschen und Plastiktüten. Ganze Büsche waren vom Abfall übersät. Doch hier scheint das niemanden zu stören, es gehört einfach dazu. Der Blick über den Müll ist wie bei uns das Überhören von Lärm. Man lebt damit, man hat sich daran gewöhnt, man kennt es nicht anders. Ziegen, Esel, Kamele fressen den Abfall, der Plastikmüll sammelt sich an den freien Wasserstellen, so gelangen kleinste Teilchen in die Nahrungskette. Darauf weisen Hilfsorganisationen in einfachsten Hygieneseminaren auch hin, doch auch das hat bislang kaum etwas am Verhalten geändert.

Selbst am breiten Sandstrand von Berbera, direkt am Golf von Aden gelegen, ist alles mit Plastikflaschen verdreckt. Hier sitzen viele gemütlich am Strand, einige verschleierte Frauen waten durchs seichte Wasser, andere im Burkini sind mit ihren Männern etwas weiter draußen, springen in die Wellen. Taucher genießen das warme Wasser auf ihrer Unterwassersuche. Sehen werden sie bestimmt auch Plastikmüll, der einfach ins Meer geweht wird.

Somaliland und Somalia hoffen auf gute, auf friedliche Zeiten, auf Auslandsinvestitionen, auf Tourismus. Beim Durchfahren des Landes, in den Bergen oder am Strand denkt man unweigerlich daran, dass das Horn von Afrika ein unglaubliches Reiseziel sein könnte, wenn sich die Sicherheitslage deutlich verbessern würde. Landschaftlich und kulturell gibt es hier viel zu entdecken, die Menschen offen und freundlich. Doch das Müllproblem könnte da noch zu einem riesigen Problem werden, falls es nicht bald angegangen und gelöst wird. Die Somalier haben noch einen langen Weg vor sich.

Nur weg damit

Sind wir nach den Feiertagen alle satt? Mal ehrlich, wie viel des Essens wurde am Ende weggeworfen? Jede Menge, nicht wahr? In den USA werden jährlich rund 40 Prozent der Lebensmittel in den Müll geworfen, und das nicht nur an Weihnachten. Das ist ungefähr so, als wenn man im Supermarkt nach dem Bezahlen ein paar Einkaufstüten gleich an der Kasse zurück läßt. 40 Prozent!

Immer frisch auf den Tisch. Foto: Reuters.

Immer frisch auf den Tisch. Foto: Reuters.

Amerikaner schmeißen etwa 50 Prozent mehr Lebensmittel weg, als noch in den 70er Jahren. Schon damals war der Trend absehbar. Während des Zweiten Weltkrieges gab es in den USA sogar Posterkampagnen, die dazu aufriefen, keine Nahrungsmittel in den Müll zu werfen. „Essen ist eine Waffe“, hieß es. Doch wie kam es zu dieser dramatischen Wende, die sicherlich auch in Deutschland ähnliche Dimensionen angenommen hat.

Gegessen wird heute im Vorbeigehen. Fast-Food und Fertiggerichte, mal unterwegs schnell den Döner, den Burger, die Pizza. Alles „Super-Sized“, es ist eh zu viel, also am Ende weg damit. Und auch zu Hause wird zu viel gekocht, die Reste will niemand mehr aufheben, um sie am nächsten Tag zu essen. Hinzu kommt ein Ungleichgewicht zwischen der Produktion und dem Konsum von Lebensmitteln. Untersuchungen haben gezeigt, dass Schüler und Studenten mit dem Gemüse ganz anders umgehen, wenn sie es selbst gesät, gewässert, geerntet haben. Zu wissen, woher das kommt, was da vor mir auf dem Teller liegt und wie aufwendig es war, bis es dahin kam, bringt einen anderen Umgang mit Lebensmittel mit sich.

Essen ist billig geworden, in Supermärkten wird man von den Angeboten erschlagen. Und dennoch ist heute einer von sechs Amerikanern auf „Food Stamps“, auf Lebensmittelunterstützung durch den Staat, angewiesen. Jahreszeiten gibt es schon lange nicht mehr in den Einkaufsregalen, alles ist immer erhältlich. Seltsam ist, dass es in den letzten Jahren eine „Food Movement“ gibt, Essen als Genuß, „Food Trucks“, innerstädtische Gärten, neue Restaurantideen. Doch gleichzeitig steigt der Lebensmittelmüllberg jährlich an.

In Kalifornien gehen 80 Prozent des Wassers in die Produktion von Lebensmitteln. Der Bundesstaat ist die Kornkammer der USA. Der Großteil des Gemüses und der Nüsse, die in den USA angebaut werden, stammt aus Kalifornien. Die Wasserkrise im „Golden State“ hängt eng mit der Landwirtschaft zusammen. Eine Lebensmittel-Wegwerfgesellschaft, wie wir sie heute erleben, ist auf Dauer aus sozialen, moralischen und auch ökologischen Gründen nicht zukunftsfähig. Der kleine Satz, Weniger ist mehr, könnte und sollte in der eigenen Küche beginnen.

 

Pack die Jutetasche ein

Jute statt Plastik, das war schon in den 80er Jahren gang und gäbe. In den Supermärkten mußte man 10 oder 20 Pfennig für eine Plastiktüte hinlegen, die einem die meist muffelige Kassiererin dann aufs Laufband schmiß. Schnell, schnell alles einpacken, sonst stapelte sich am Ende alles oder fiel sogar noch runter.

Ein neues Gesetz soll den Plastikabfall an den kalifornischen Stränden verringern.

Plastiktüte an einem kalifornischen Strand.

Ganz anders in den USA. Hier stand am Ende jemand am Laufband und fragte „Paper or Plastic“? Eine Papier- oder eine Plastiktüte, alles wurde eingetütet, eine Gallone Milch gleich in eine Doppelplastiktüte. Daheim packte man alles aus und hatte dann einen Haufen Plastikabfall, denn die Tüten waren so dünn, dass sie nicht noch einmal verwendet werden konnten. Ich schreibe bewußt in der Vergangenheit, denn schon seit einiger Zeit haben Städte wie San Francisco oder Oakland lokale Gesetze verabschiedet, die vorschreiben, dass man für Tüten zahlen muß. Der Verbrauch sank drastisch. In meinem Trader Joe’s Laden in Oakland-Rockridge, Trader Joe’s ist ein Tochterunternehmen von Aldi Deutschland, zahlt man mittlerweile auch für die Papiertüte. Die Kunden haben sich umgestellt und bringen ihre Tragetaschen mit, kein Problem, man will ja die Umwelt schonen.

Nun geht Kalifornien noch einen Schritt weiter. Bislang waren es die Kommunen, die testeten, ob die Bürger diese Änderung beim Einkauf mitmachen. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown hat einen Gesetzesantrag auf seinem Schreibtisch liegen, der beinhaltet, dass die Einmalplastiktüten in Kalifornien ganz abgeschafft werden. Ab 2015 in Supermärkten und Drogeriemärkten, ein Jahr später dann auch in den „Corner Stores“ und an der Schnapsbude. Mit SB270 soll die Wegwerfgesellschaft etwas auf den richtigen Weg gebracht werden. Es ist zu wünschen, denn Millionen von Plastiktüten enden in Parks, an Stränden, in Seen, Flüssen, im Meer.

Sicherlich ist das nur ein weiterer Tropfen auf dem noch immer heißen Stein, doch es hat Symbolkraft. Das weiß auch die Industrie. Die Plastiktütenhersteller laufen bereits Sturm gegen diese „no plastic“ Pläne. Sie wissen, Kalifornien ist der bevölkerungsreichste Bundesstaat und was hier umgesetzt wird, hat Folgen für den Rest des Landes. Andere Bundesstaaten könnten und werden wohl nachziehen.

 

Der Müll Nazi

Überall in den USA stehen die Schilder entlang der Landstrassen und Autobahnen: „Adopt a Highway“. Bürger und Gruppen, lokalen Unternehmen und Kirchengemeinden raffen sich dann immer mal wieder zusammen und erklären sich dazu bereit, eine Meile Highway sauber zu halten. Das heisst, sie sammeln den Müll ein, den Autofahrer so aus dem Fenster schmeissen und der sich entlang der Strasse ansammelt.

Nun hat sich in Colorado eine extreme Nazi Organisation für ein Strassenstück angemeldet und das schlägt im ganzen Land hohe Wellen. Die Nazis sagen, sie seien pflichtbewusste Bürger, andere meinen, man dürfte solchen Hasspredigern kein Forum bieten. Und das sei es, wenn an der Strasse nun ein Schild mit dem Namen der Organisation stehen wird. Doch einige meinen süffisant, man solle die Nazis doch den Müll aufsammeln lassen….was passe besser zu ihnen. Die Behörden haben nun zugestimmt, auch auf Anraten von Bürgerrechtsgruppen, die erklärten, die Meinungsfreiheit sei eben auch die Freiheit Andersdenkender.

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