Fernab der großen Festivals

Ich höre Musik. Viel Musik. Seitdem ich 11 Jahre alt bin kaufe und sammele ich Platten. Da häufte sich über die Jahrzehnte einiges zusammen. Hinzu kam, dass ich seit nunmehr fast 23 Jahren Radio Goethe produziere, eine „syndicated“ Sendung auf rund 40 Stationen. Und auch für eine große deutsche Airline produzierte und moderierte ich zehn Jahre lang eine Country/Folk/Americana Show. Auch so landete viel Musik hier bei mir.

Einen Musiker, den ich schon sehr lange beobachte, begleite, verfolge ist Hugo Race, der einmal zu den Bad Seeds von Nick Cave gehörte. Es muss 1991 gewesen sein, da spielte Hugo Race in einem fast leeren Klüpfel. Begeistert war er davon nicht, das sah man ihm an. Race ist für mich einer der begnadesten Musiker, der unermüdlich seinen Weg weitergeht. Da sind Konzerte wie im Klüpfel einfach mal Stolpersteine, die man schnell vergisst.

Dirtmusic live, ein Klangerlebnis.

Der Australier veröffentlicht seine Songs unter eigenem Namen, mit den Fatalists, True Spirit und sucht auch immer wieder Kollaborationen mit anderen Musikerinnen und Musikern. Herausragend zuletzt sind da die Projekte „Long Distance Operators“ mit der belgischen Violinistin Catherine Graindorge und auch die Zusammenarbeit mit dem Italiener Michelangelo Russo. Aber das ist vor allem Dirtmusic, ein faszinierendes Weltmusik Projekt. Seit vielen Jahren arbeitet Hugo Race da mit Chris Eckman zusammen, der mit den Walkabouts aus Seattle bekannt wurde.

Dirtmusic waren anfangs noch mit Chris Brokaw von Codeine im Americana Sound unterwegs, bevor sie mit BKO eine Platte in Mali mit Tamikrest aufnahmen. Das eröffnete ihnen ganz neue Klanglandschaften. Für das jüngste Album zog es Race und Eckman nach Istanbul, um dort mit Murat Ertel von „Baba Zula“ „Bur Bir Ruya“ einzuspielen, ein unglaublich komplexes, tiefes und ergreifendes Album zwischen den Musikwelten und Genres. Nun legt die Band mit einer selbst veröffentlichten Live-Platte nach, einem Konzert, das auf dem Ostravia Festival in Tschechien aufgenommen wurde. Es gibt diese Bands, die ich unbedingt einmal live sehen möchte. Und Dirtmusic ist so eine dieser wenigen Gruppen. Gerade nach dem Hören dieser Live-Platte, die das hervorragende Zusammenspiel der drei Musiker beschreibt. Drei Stimmen, drei musikalische Schwerpunkte, drei unterschiedliche Musikergeschichten, die sich hier treffen, sich ergänzen, sich austauschen, sich gegenseitig antreiben. Dirtmusic schaffen es, diesen gewaltigen Studio Sound auf die Bühne zu bekommen. Es ist ein Rausch der Musik, der Töne, der Einflüsse. Ich habe selten so ein gutes und mitreißendes Live-Album gehört. Dirtmusic muss ich nach dieser Platte irgendwann einfach mal selbst im Konzert erleben.

 

Ganz großes Kino – die neue Platte von „Dirtmusic“

Als George W. Bush am 29. Januar 2002 in seiner „State of the Union“ Rede von der „Axis of Evil“ sprach, war die Welt entsetzt. Hier wurde ein neuer Ton in der amerikanischen Außenpolitik angeschlagen. Die Folgen dieser Neuausrichtung spüren wir noch heute. Ja, der derzeitige Amtsinhaber Donald Trump hat diesen vielbeachteten Satz von „W“ sogar noch verschlimmert. Die Achse der „bösen“ Länder wurde dramatisch erweitert. Einreiseverbote, Mauern, Aufkündigung internationaler Verträge und Abkommen, eine sehr beschränkte Sichtweise auf die Welt sind die Folgen dieser Politik.

Und dann liegt da dieses Album im Briefkasten. „Bu Bir Ruya“, die neue Platte von Dirtmusic. Für mich die beeindruckende, emotionale und passende Antwort auf die Engstirnigkeit so mancher Politiker hier in den USA, in Deutschland, der Türkei und an vielen anderen Orten. Chris Eckman und Hugo Race hatten fünf Jahre nach Bushs Rede „Dirtmusic“ gegründet, damals noch mit dem „Codeine“ Schlagzeuger Chris Brokaw. Anfangs war die Band auf den Spuren des weiten Americana Sounds unterwegs. Lange mentale Highways wurden da bereist. Mit den folgenden Alben gingen Eckman und Race jedoch neue Wege, sie arbeiteten in Bamako, Mali, mit malischen Musikern zusammen und schufen so einen weltoffenen Sound.

Nun liegt das fünfte Album von „Dirtmusic“ vor. Diesmal zog es Chris Eckman und Hugo Race nach Istanbul. Im Dezember 2016, nach dem Putsch in der Türkei und dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA, kamen sie in der Stadt am Bosporus mit Murat Ertel von Baba Zula zusammen, die 2017 auf dem Nürnberger Bardentreffen zu hören waren.

Murat Ertel, Chris Eckman, Hugo Race. Foto: Glitterbeat.

„Bu Bir Ruya“ ist keine politische Platte und doch hochpolitisch. Gerade weil sie Grenzen öffnet und überschreitet. Für mich klingt die Platte wie die musikalische Antwort auf die politische Engstirnigkeit und den dümmlichen Nationalismus unserer Tage. Hier und da. Auf „Bu Bir Ruya“ kommen Musiker aus verschiedenen Welten zusammen. Der Amerikaner Chris Eckman, Gründungsmitglied der Folk-Rock Band „The Walkabouts“, der heute im slowenischen Ljubljana lebt. Der Australier Hugo Race, der ein musikalischer Weltenbummler sondergleichen ist, der schon in London, Berlin und Prag lebte und jüngst hervorragende Kollaborationen mit der Belgierin Catherine Graindorge und dem Italiener Michelangelo Russo vorlegte. Und da ist Murat Ertel, der Kopf der Gruppe „Baba Zula“, die seit 1996 den Klang des Orients mit Rockmusik verbinden und international gefeiert werden. Hinzu wurden noch einige Gastmusiker eingeladen.

Es ist ganz großes Kino, was auf dieser Platte entstanden ist. Americana trifft auf den Orient, die San Francisco Bay zu Gast am Bosporus. Hier kommt die Welt zusammen. Auch wenn „Bu Bir Ruya“ nicht als politische Platte gedacht war, sie ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was in Gefahr ist verloren zu gehen, wenn sich nationalistische Tendenzen durchsetzen, wenn in der Welt neue physische und mentale Mauern gebaut werden, wenn kleinkarierte Politiker ohne Weltsicht und Sachverstand die Oberhand bekommen. Musik ist eine universelle Sprache. Eckman, Race und Ertel lassen daran auf dieser neuesten „Dirtmusic“ Platte keinen Zweifel aufkommen.

Erschienen ist „Bu Bir Ruya“ auf dem Weltmusiklabel Glitterbeat. Auf der Bandcamp Seite von „Dirtmusic“ kann man einige der Songs hören