Inflight Radio wird geradliniger

Als freier Journalist baut man sich im Laufe der Jahre einen Bauchladen auf. Das war und ist bei mir nicht anders. Ich arbeite für verschiedene Radiosender und ein paar Zeitungen, allen voran die Nürnberger Zeitung. Und daneben gab es noch andere Projekte, mit denen ich meinen Unterhalt verdiente. Eines davon war seit Anfang 2005 die Country, Folk und Americana Sendung im Inflight Radio der Lufthansa. Eine Zweistundensendung, zweisprachig moderiert, die weltweit auf allen Langstreckenflügen der Kranich Airline zu hören war. Das Schöne daran war, dass ich die Freiheit hatte, die Playlisten selber zu bestimmen. Ein paar verständliche Auflagen gab es, wie keine „F-Bombe“ zu spielen oder Songs zu bringen, in denen es um Katastrophen, Flugzeugabstürze oder Massenunfälle ging. Ansonsten hatte ich alle Freiheiten dieser Welt.

Das hieß für mich, dass ich neben vielen, vielen Independent Musikern und Bands aus den USA, Kanada, England, Schweden auch deutsche Gruppen und Musiker bringen konnte. Ich mußte nicht auf die Hitparaden und Billboard Charts blicken, ganz im Gegenteil, die Lufthansa wollte ein Country Klangbild fernab des Herkömmlichen haben. Ich konnte so immer vorab über das Nürnberger Bardentreffen berichten, lokale Bands mit ihren aktuellen Veröffentlichungen, wie Smokestack Lightnin‘ und Ski’s Country Trash, und selbst „Lazing at Desert Inn“ von den Shiny Gnomes spielen, persönliche Favoriten, wie Infamis, bringen und vor allem auf die vielseitige, interessante und spannende Country, Folk und Americana Szene in Deutschland verweisen. In jeder Sendung kamen etliche deutsche „Acts“ zum Zuge.

Ich schreibe in der Vergangenheit, denn damit ist nun Schluß. Nach über neun Jahren hat sich das Lufthansa Management dazu entschlossen, eine neue Produktionsfirma zu beauftragen. Kosteneinsparungen werden angeführt, die allerdings im mimimalsten Promillebereich anzusiedeln sind. Und die neuen Macher erfinden das Rad neu. Die Sendungen werden wohl nicht mehr moderiert werden, einfacherweise sollen nur noch CDs abgespielt werden. Wahrscheinlich wird es so laufen, wie bei anderen Airlines auch, die großen Plattenfirmen werden sich ihre Sendeplätze erkaufen. Damit geht ein kleines, aber bedeutendes musikalisches Inselreich verloren. Rückmeldungen, die ich über die Jahre erhielt, kamen aus aller Welt. Es wird geradliniger, Ecken und Kanten sind im „Radio“ nicht mehr gewollt. Fazit ist, über den Wolken war die Freiheit für einen Programmmacher mal grenzenlos.

 

„Shortcut to Europe“

Das war wieder der Titel der diesjährigen „Tag der offenen Tür“-Veranstaltung in Washington DC. Alle Botschaften der EU Länder waren dabei, präsentierten sich…wie? Das kann ich nicht genau sagen, denn ich war ja nur auf dem Gelände der deutschen Botschaft und habe dort fast sieben Stunden aufgelegt. Eine bunte Mischung „Music made in Germany“. Und das reichte von Hans Albers bis Rammstein…und ja, das waren Wünsche. Aber auch Bushido, Peter Fox und etliche Independent Bands wie Luxuslärm oder Kira waren angesagt. Zeitweise wurde es etwas windig, doch das Wetter hielt und tausende von Menschen strömten auf das Botschaftsgelände. Eine gelungene Veranstaltung, die Deutschland sicherlich gut darstellte.

Deutsche Platte bei FolkwaysAm Tag zuvor war ich noch auf der Suche nach deutschen Spuren im riesigen Musik- und Tonarchiv des gemeinnützigen Plattenlabels „Smithsonian Folkways“. Ein wahrer Schatz von Aufnahmen steht da dem Hörer und Interessierten zur Verfügung, und alles ist nach wie vor erhältlich. Folkways ist bekannt für seine Roots-Musik Veröffentlichungen. Woody Guthrie, Pete Seeger, aber auch Protest- undKampfsongs aus Angola, Irland, Südafrika. Und man findet zum Teil sehr skurile Alben mit deutschen Hintergrund. So z.B. die Befragung von Bertold Brecht vor dem US Kongress in der McCarthy Ära, als Kommunisten im Land und vor allem in Hollywood gejagt wurden. Eine faszinierende ethnomusikalische Platte aus dem ethnologischen Museum in Berlin. Biermann Aufnahmen sind dort genauso zu finden wie Bierhallenlieder und Märsche. Im Archiv von Folkways ist die Zeit stehen geblieben, ein wahrer Schatz für Hörer.

Washington DC ist eine beeindruckende Stadt, die ich an den Abenden noch zu Fuss erkundet habe. Vorbei am Verfassungsgericht, zum Kongress, das Vietnam Memorial, die Mall, das Lincoln Memorial, das Weisse Haus, Dupont Circle nach Georgetown und vorbei an den Dutzenden von Botschaften aus aller Welt. Man läuft sich hier die Füsse platt, aber das auf eine sehr interessante Art. DC ist auf alle Fälle eine Reise wert.

Von SF nach Ostafrika

SWP RecordsIch sitze mal wieder im Studio von KUSF San Francisco. Diesmal für eine Sendung über Rootsmusik aus Zentral- und Ostafrika. Etwas ungewöhnlich für jemanden, der sich eigentlich auf deutsche Musik spezialisiert hat. Aber das ganze kam so zustande: Als ich in Ruanda war, besuchte ich einen Buchladen und dort stand eine CD „At the Court of the Mwami Rwanda 1952“. Da ich solche alten Aufnahmen und „Field Recordings“ sammele griff ich zu. Später stellte sich dann heraus, dass diese CD nur eine in einer ganzen Serie war. Die Aufnahmen stammten von Hugh Tracey, ein Brite, der vor allem in den 50er Jahren durch Zentral- und Ostafrika reiste, um dort die Musik der Einheimischen aufzunehmen. Herausgekommen sind einmalige Aufnahmen, die in hervorragender Qualität vorliegen.

Michael Baird, in Sambia geboren, lebt heute in Holland. Er gründete SWP Records, ein kleines Label für seine Musik und die Musik aus der Region aus der er kommt. Nun stiess er durch Zufall auf die Aufnahmen von Hugh Tracey, die in einem Archiv in Südafrika vor sich hin rotteten. Baird hatte die Idee diesen Schatz zu heben und zu veröffentlichen.

Und darüber geht die heutige Sendung auf KUSF, das sogenannte „Spotlight“. Hier kann man die beiden Teile der Zweistundensendung hören.

SWP-Records 1     
SWP-Records 2     

Vic Chesnutt ist tot

vicatthecutAm Freitag verstarb im Alter von 45 Jahren der Sänger und Songschreiber Vic Chesnutt. Ein hochtalentierter Musiker, der jedoch seit einem fatalen Autounfall mit 18 Jahren querschnittsgelähmt war und unter starken Depressionen litt. Chesnutt starb im Kreis seiner Familie und Freunden. Unklar ist bislang, an was er starb. Einen Tag zuvor twitterte seine enge Freundin, die Musikerin Kristin Hersh: „Ich kann Euch sagen, was ich weiss, aber niemand weiss viel: ein weiterer Selbstmordversuch, sieht schlimm aus, Koma — falls er überlebt, wird da wohl ein Hirnschaden sein“

Ich habe Vic Chesnutts Musik lieben und schätzen gelernt, als ich vor etlichen Jahren in einem CD Laden in Berkeley sein Bandprojekt „Brute“ fand. Eine wunderschöne Platte. Danach folgten seine Soloaufnahmen und ich war begeistert. Die Lufthansa Country/Folk/Americana Sendung machte es mir dann möglich, dass ich Chesnutts Musik auch mal einem ganz anderen Publikum präsentieren konnte.

Vic Chesnutt wurde von Michael Stipe von R.E.M. in einem Club in Athens, Georgia entdeckt. Daraufhin produzierte Stipe die ersten zwei Solo Alben von Chesnutt. Durch eine Dokumentation wurde die Geschichte des Sängers bekannt. Etliche Musikerkollegen produzierten eine Benefiz CD „Sweet Relief II: Gravity of the Situation“ für Vic Chesnutt, um ihm bei seinen hohen Gesundheitskosten unter die Arme zu greifen.

Hier ist Vic Chesnutt in einem Interview mit Terry Gross, das Anfang Dezember aufgezeichnet wurde:

Und hier noch ein You Tube Clip:

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