Ein Lied gegen das Unrecht

Woody Guthrie ist der wohl bekannteste und wichtigste Protestmusiker und -sänger des 20. Jahrhunderts. Foto: Public Domain.

Amerika durchlebt im Trumpschen Zeitalter ganz dunkle Tage. Der Kandidat und nun Präsident Donald Trump beschwört immer wieder die „guten alten Zeiten“, als Amerika noch als weißes Land, als führende Nation der Welt wahrgenommen wurde. Die Probleme von heute gab es nicht auf der „Main Street“, denn da waren Minderheiten, Andersdenkende und Andersfarbige nicht erlaubt. „God’s Country“ war christlich, patriotisch, einheitlich – so zumindest erscheint es im Rückblick des Donald. Wenn man ihm so zuhört, dann scheint Trump von den 1950er und frühen 1960er Jahren zu schwärmen, die heile Welt, in die er sich zurück sehnt, ohne dabei die Probleme jener Zeit wahrzunehmen. weiter lesen

Es ist nicht alles Trump in den YOU-ESS-AI

Donald Trump hier, Donald Trump dort. Über die Sommermonate hatte ich für einen öffentlich-rechtlichen Sender die Korrespendentenstelle übernommen. Wochenlang hieß es nur Trump, Trump, Trump, Trump, Trump. Am Ende wusste ich schon gar nicht mehr, was ich noch über den 45. Präsidenten der USA sagen sollte. Ruhige Wochenenden gab es fast nie, denn im Weißen Haus hat man die Angewohnheit am Freitagnachmittag wichtige Personalentscheidungen zu treffen. weiter lesen

Mit Eisbrecher auf Sturmfahrt

Eisbrecher sind erneut auf Sturmfahrt. Die neue Platte ist das siebte Studioalbum der Band. Sie haben ihren unvergleichlichen Sound beibehalten, der nach wie vor begeistert. Sie zählen für mich zu einer der besten Rockbands im deutschsprachigen Raum. Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten hier und da, schafften Alex Wesselsky und ich es doch noch miteinander über das Album, die aktuelle politische Situation, die USA und vieles mehr zu sprechen, hier ungekürzt wiedergegeben. Alex wusste von meinen Reisen in Krisen- und Konfliktgegenden und meinte, das Video zur ersten Single des neuen Albums “Was ist hier los?“ werde mir gefallen. Und das tut es, eine aktuelle Bilderschau, die zeigt in welchen verrückten Zeiten wir leben. Ein guter Anfang für ein Interview mit dem Frontmann von Eisbrecher:

weiter lesen

Das kulturelle Drehkreuz Somalia

Wer an Musik aus Afrika denkt, dem fallen Musiker aus dem Senegal, Nigeria oder Südafrika ein. Die Weltmusik hat ihre afrikanischen Stars. Eine Region Afrikas wird dabei gerne übersehen. Nicht nur, dass Teile Somalias seit über 25 Jahren im Chaos versinken, es gab auch noch nie eine funktionierende Plattenindustrie. Welch musikalischen Reichtum es jedoch am Horn von Afrika gibt, das zeigt nun ein neues Album “Sweet as broken dates”.

Hargeisa, die Hauptstadt der unabhängigen, doch international nicht anerkannten Republik Somaliland. In einer Seitenstrasse, etwas versteckt liegt das Kulturzentrum der Stadt. Der Leiter heisst Jama Mussa Jama, selbst Autor, der lange Jahre in Italien lebte. Nun versucht er mit dieser Einrichtung den Kulturschaffenden in Somaliland einen Platz zu bieten. Bei meinem Besuch in seinem Büro fiel mir gleich eine Wand voller Kassetten auf. Hunderte von Tapes. Aufgezeichnet sind Gedichte und Geschichten somalischer Autoren und Lieder von Musikern. In der somalischen Gesellschaft gab und gibt es kaum Bücher und auch keinen professionellen Musikmarkt, alles wurde mündlich weitergegeben oder bei Live-Konzerten mitgeschnitten.

Hier in diesem Büro lagert ein Schatz der somalischen Kultur, auf den auch der 31jährige Vik Sohonie, Betreiber des New Yorker Indie Labels Ostinato Records, auf Umwegen aufmerksam gemacht wurde. Er war, so Sohonie, für ein neues Album auf der Suche nach somalischer Musik: „Wir hatten sehr gute Kontakt zur somalischen Diaspora in den USA und Europa aufgebaut. Immer mal wieder bekamen wir ein paar Kassetten geschickt, darauf ein, zwei gute Lieder. Aber es war nichts besonderes darunter. Bis uns einer mal sagte, wir sollten mit Jama Mussa Jama sprechen, der ein Archiv von 10.000 Kassetten habe. Und wir wussten gleich, das ist eine Goldmine. Wir kontaktierten ihn also, erklärten, was wir vorhatten und er war sofort offen dafür.“

Im Kulturzentrum von Hargeisa war in den vergangenen Jahren das vertraute musikalische Erbe Somalias wieder zusammen getragen worden. Sohonie und sein Partner reisten mit dem Ziel nach Hargeisa, in vier Wochen so viel Musik wie möglich zu digitalisieren. Es wurde eine Reise in eine bis dahin unbekannte Musikwelt: „Jedem, den wir trafen, erzählten wir, was wir machen und fragten nach, wer ihre Lieblingsmusiker und -sänger von Hargeisa, von Puntland, von Mogadischu waren? Welchen Musikstil, sie mögen? Wir haben so eine unglaubliche “Road Map” zusammengestellt. Am Ende der Digitalisierung im Archiv wussten wir ziemlich viel über die Musikszene, die Gruppen, die Genres und die Epochen. So konnten wir alles richtig einordnen und kamen am Ende mit einem wahren Schatz zurück.“

Für Vik Sohonie hat die somalische Musikszene so viel zu bieten, wie kaum eine andere, denn Somalia war lange Zeit eine offene, multikulturelle, eine tolerante Gesellschaft, in der die vielen Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen zusammen trafen. „Man sieht das heute nicht mehr in der Berichterstattung, aber man kann es in der Musik hören, im Essen schmecken, in der Sprache hören. Es gibt in der somalischen Sprache Wörter aus dem Chinesischen, aus dem Hindi, Arabische Wörter. Jeder Teil der somalischen Kultur hat eine alte Geschichte, und die Musik ist da nicht anders.“

Tonbänder im Archiv von Radio Hargeisa. Foto: Peltner.

Nach dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre 1991, erklärte sich die einstige britische Kolonie Somaliland für unabhängig. Schon zuvor gab es Spannungen zwischen dem Regime in Mogadischu und der Region im Nordwesten des Landes, die dazu führten, dass Barre 1988 die eigene Luftwaffe gegen Aufständische in Somalialand fliegen ließ. Doch zuvor hatten Mitarbeiter von Radio Hargeisa die Weitsicht viele der Musikbänder aus dem eigenen Archiv in Sicherheit zu bringen. „Die ersten Bombenziele waren Radio Hargeisa, denn es war das Kommunitkationszentrum der Rebellen. Sie wussten also, dass die Bomben kommen werden und ein paar Radioleute vergruben viele der Tonbänder, darauf Live-Mitschnitte von Musikern. Erst kürzlich hätten sie wieder welche ausgegraben. Doch sie haben vergessen, wo viele dieser Bänder versteckt wurden, nur einige konnte sie bislang wiederfinden.“

“Sweet as broken Dates” ist eine Sammlung aus Liedern dieser Kassetten und Tonbänder aus dem Kulturarchiv der somaliländischen Hauptstadt und von Radio Hargeisa, die lange als vermisst gegolten haben. Sie präsentieren ein Land, das offen für viele Einflüsse war, ein Drehkreuz der Kulturen. Dieses Album wirft ein ganz neues Licht auf eine Region, die die meisten von uns nur mit Terror, Krieg und Elend in Verbindung bringen. Es zeigt die menschliche Seite dieser reichen Kulturregion am Horn von Afrika.

„Sweet as broken Dates“ erscheint auf Ostinato Records. Auf der Webseite des Labels kann man einige Songs hören.

 

„Hell Yeah“ – KMFDM sind zurück

Es wurde auch langsam Zeit! Im November wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt und nun endlich ist es so weit. Gespannt wie ein Flitzebogen habe ich auf die neue KMFDM Platte gewartet. Darauf, wie Sascha Konietzko auf die politische Lage in seiner zeitweiligen Wahlheimat reagieren wird. Der Hamburger legt mit „Hell Yeah“ nun das 20. Studioalbum der Band vor.

Es ist erneut ein brachiales Industrial-Metal Werk, ohne Raum für Kompromisse zu lassen. Die zum Teil hochpolitischen Texte machen deutlich, dass hier ein Angriff auf all das kommt, für was Amerika in diesen Tagen steht: Fake News, Gelaber, Geschichtsverfälschung, eine Verletzung der Grundwerte und Grundrechte. Unterlegt ist das lautstark, mit harten Gitarrenriffs, viel Elektronik und einem typisch-mitreißenden KMFDM Beat. Hier spielt eine Band, die nicht Schönwetter macht, vielmehr den Alltag in seiner ganzen Brutalität widerspiegelt.

KMFDM sind bekannt dafür, das auszusprechen, oder besser hinauszuschreien, was andere nur denken. Als Präsident George W. Bush ins Kriegshorn gegen Afghanistan und Irak blies und viele Künstler aus Angst vor Repressalien still blieben, antwortete Konietzko unmissverständlich mit „WWIII“, ein hochpolitisches, ein mehr als wichtiges Album in der Bandgeschichte. Damals lebte er noch in Seattle, eine Stadt, die ihn und die Band prägte. KMFDM heute sind vor allem das Duo Sascha Konietzko und Lucia Cifarelli, nicht nur musikalisch sind sie ein Paar. Und diese künstlerische Nähe spürt man. Es ist eine Ergänzung durch und durch.

KMFDM wurden 1984 am Rande einer Kunstausstellung gegründet. Seitdem brettert Sascha Konietzko unaufhaltsam voran: „KMFDM never stops“ heisst es in einem Lied. Die Band ist international eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Acts. Auch wenn man im eigenen Land den Einfluss von KMFDM nicht erkennt und zu schätzen weiß, viele Bands in den härteren Genres sehen die Gruppe als wichtigen Meilenstein im Musikzirkus. In den USA haben sie Kultstatus, das wird man bald wieder auf der kommenden Tour durch die (Nicht)Vereinigten Trumpschen Staaten erleben können. „Hell Yeah, se Tschörmans are coming!“

YouTube Preview Image

Das fliegende Schwein im Konzert

Pink Floyd gehören zweifellos zu den besten, einflussreichsten und erfolgreichsten Bands der Musikgeschichte. Ihre Alben sind Rockklassiker, die zeitlos sind. Der Kopf der Band, Roger Waters, fand immer die richtigen Worte, auf  „Dark side of the moon“, „Wish you were here“, „The Wall“ und „The Final Cut“. Aber auch auf Solopfaden begeisterte Waters mit seiner direkten Ausdrucksweise. Für mich eine der besten Platten ist „Amused to Death“, ein genialer Seitenhieb auf die moderne Mediengesellschaft.

Und nun meldet er sich mit „Is this the life we really want?“ zurück. Erneut eine brillante Platte, für die er sich sehr viel Zeit nahm. Doch die Lieder an sich erregen die Konservativen im Land nicht. Da scheinen sie nicht genau hinzuhören. Es ist vielmehr die dazugehörige Tour von Roger Waters, die die Trump-Fans auf die Palme bringen und sie nach einem Pink Floyd Boykott schreien lassen. Klar, verbrennt Eure Pink Floyd Platten! Rogers Waters bezieht in den Konzerten eine klare Stellung gegen Präsident Donald Trump, da fliegt das bekannte „Schwein“ aus der „Animals“ Ära mit Trumps Bild durch den Saal. Die ersten Rufe nach einem Einreiseverbot des Musikers wurden schon auf FOXNews laut. Roger Waters grinst sich einen, denn ein Boykott gegen seine Platten sind ein lächerlicher Versuch Kritik eines Ausnahmekünstlers zu unterdrücken.

YouTube Preview Image

Auch eine deutsche Band ist unter den deutlichen Kritikern des derzeitigen US Präsidenten. KMFDM, die Industrial-Elektronik-Metal Formation des Hamburges Sascha Konietzko, veröffentlicht im August ein neues Album, eine US Tour ist für den Herbst geplant. KMFDM nahmen auf ihren Platten und in ihren Konzerten nie ein Blatt vor den Mund, sie sprechen das an, was da „oben“ schief läuft. Eine ihrer politischsten Alben kam zur Zeit von George W. Bush auf den Markt und hieß „WWIII“, ein brillantes Werk, das an Deutlichkeit kaum zu überbieten war. Darauf auch „Stars and Stripes“, alles andere als ein patriotisches Lied in der Bush-Ära. KMFDM haben begeisterte und engagierte Fans weltweit, einer davon hat nun genau diesen Song mit neuen Bildern unterlegt, die treffender, passender und vernichtender nicht sein könnten. Donald Trump wird diese bildliche Version von KMFDMs „Stars and Stripes“ wohl kaum mögen, es lohnt sich, den Text mitzulesen:

YouTube Preview Image

Musik, die mehr als verbindet

Ich habe Istanbul lieben gelernt. Eine wunderbare Stadt, in der man so viele Seiten, Ecken und Winkel entdecken kann. Sie erinnert allein von der Lage her etwas an San Francisco. Es sind die Gegensätze, die mich in Istanbul anziehen, die mich faszinieren. Das Alte. Das Prachtvolle. Die Lage am Bosporus. Die Menschen. Die Kreativität. Die tiefe Verwurzelung in einer beeindruckenden Kulturlandschaft.

Dort fand ich in einem kleinen Plattenladen am Beginn der Einkaufsmeile Istiklal Caddesi auch ein paar Alben türkischer Musiker. Alte Aufnahmen und dann auch Aynur, die kurdische Sängerin mit ihrer kraftvollen, zärtlichen, berührenden, leidvollen Stimme. Seitdem verfolge ich ihren Weg. Und nun stieß ich dabei auf das Album „Hawniyaz“, ein Album, das aus dem Morgenland Festival in Osnabrück entstanden ist. 2012 trafen sich dort am Rande ihrer Auftritte Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov, vier Musiker, die für sich den „Orient“ erklingen lassen. In Osnabrück trafen sie sich, spielten zum ersten Mal zusammen und öffneten damit eine neue musikalische Welt.

2015 schließlich, wohl auch durch das sanfte Drängen von Festival Direktor Michael Dreyer, der dieses einmalige Zusammenspiel von Anfang an begleitete, entstand außerhalb von Osnabrück das Album „Hawniyaz“, was im Kurdischen etwa „Jeder braucht jeden, jeder ist für den anderen da“ bedeutet. Ein wunderbares Wort für diese Musikgruppe und für die Zeit, in der wir leben. „Hawniyaz“ ist nicht politisch und doch so deutlich und direkt. Musik verbindet, überschreitet problemlos Grenzen. Hier die Genregrenzen zwischen Jazz, Avantgarde, „Weltmusik“. Ein reichhaltiger Schatz, der da in der niedersächsischen Stadt entstanden ist. Nicht in Multikulti Metropolen Berlin, Hamburg oder Köln, sondern Osnabrück, einer Stadt, mit der viele wohl so gar nichts verbinden.

Michael Dreyer schreibt in seinem Begleittext für dieses Album, einem wahrhaftigen Liebesbrief an Aynur, Kayhan Kalhor, Cemil Qoçgiri und Salman Gambarov: „Jeder der Musiker dieses Quartetts ist einzigartig, aber in diesem Zusammenspiel und Zusammenklang erschaffen sie eine neue musikalische Welt, die kurdische Musik, persische Musik und Jazz zusammenbringt in einer Natürlichkeit, die uns daran erinnern mag, dass die Kulturen – nicht nur in dieser Region – immer fließend waren, sich beeinflusst haben, dass Kulturen immer in Bewegung waren und sind. Vielleicht ist dies, ganz nebenbei, ein Statement gegen die Angst des Westens, der um „seine“ Kultur fürchtet, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen hier Zuflucht und ein neues Zuhause suchen.“

Diesen Worten kann ich mich nur anschließen, sie treffen genau das, was diese Musik so wunderbar klangvoll, was sie so bedeutend macht. Sie öffnet Welten, wenn man denn will. Eine Bereicherung für jeden, der hinhören kann und hinhören will. Hawniyaz ist auf dem Label Harmonia Mundi erschienen.

Die Gewalt einer Klangwelle

8 tracks laying forth a deep listening journey into the netherworlds of human experience, movement, ritual and space“. Dieser Satz ist gewaltig. So beschreibt das spanische Frauenduo Las CasiCasiotone, LCC, die eigene Musik auf ihrem neuesten Werk „Bastet„. „Bastet“ ist der Name der in der ägyptischen Mythologie als Katzengöttin dargestellten Tochter des Sonnengottes Ra. Sie steht für weibliche Macht und ist als Göttin der Musik bekannt.

Das Album läuft schon zum zigsten Male und ich weiß noch immer nicht, wie ich diese Musik in Worte fassen soll. Ja, es ist eine Mischung aus vielen Bildern, Szenen, Gefühlen. So, als ob alles mit einer weißen Leinwand begonnen hat und sich dann Ana Quiroga und Uge Pañeda einfach dem freien Lauf der Farben hingegeben haben. Keine Grenzen, wild und scheinbar planlos, wahrlich eine Mischung aus „menschlichen Erfahrungen, Bewegung, Ritualen und Raum“. Das Ergebnis ist alptraumhaft, brutal, direkt, verstörend und doch so einzigartig schön.

Ana Quiroga und Uge Pañeda sind LCC.

Es ist Musik, geschaffen wie für Theater und Film, man kann sich all jenen Szenen hingeben, die man denn vor dem inneren Auge sehen will. Ich weiß, man muss diese Art von Musik mögen, die eigentlich nur alleine in den eigenen vier Wänden gehört werden kann. Oder zumindest zugänglich gemacht werden kann. Denn für LCC braucht es Zeit und Raum, um die ganze Größe dieser bewegenden Klangwelt zu öffnen. Gerade läuft zum achten Mal hintereinander das Stück „Ka“. Es erscheint monoton, immer wieder das Zerschlagen von Glas, ein dumpfer Beat, ein einlullender Takt. Und doch, dieses Stück wächst, spannt immer mehr diesen Bogen des Verlaufs, Ungewissheit, was da noch kommen mag. Am Ende bleibt nur, diesem ver-rückten Soundspiel noch einmal und noch einmal zu begegnen, sich auf ein Neues hin- und mitreißen zu lassen. Ein fantastisches Album für Hinhörer!

 

 

Auf der Suche nach der kalifornischen Liebe

Derzeit wird in den USA viel zurück geblickt. Hier jene, die 50 Jahre nach dem “Summer of Love” darüber reden, was aus all dem geworden ist. Und dort die, die das weiße Amerika längst vergangener Tage als Idealbild betrachten. Doch es geht auch anders, wie eine Retro-Welle in Los Angeles zeigt. Musik, Tanz und Mode aus einer anderen Zeit feiert in der kalifornischen Megametropole, der Glanz- und Glitterstadt, der Traumfabrik ein Comeback.

Menschen aus aller Welt zieht es nach Los Angeles. Hier trifft man auf Stars und Sternchen, hier fahren werdende Schauspieler und Filmschaffende Taxi und erzählen ihren Mitfahrern, dass sie bald ganz groß rauskommen. Los Angeles lädt zum Träumen ein. Der Blick ist nach vorne gerichtet, die Zukunft gehört denen, die an sich glauben.

Und doch, derzeit geht der Blick auch wieder zurück auf eine Zeit, in der die Welt noch heil und Amerika “great” war – zumindest in der Erinnerung. Die 1950er Jahre und mit ihr der Rockabilly erleben in LA eine Wiedergeburt, wie die Musikerin und Sängerin Maureen Davis erklärt. „Es bringt uns zusammen. Es ist ein Flashback auf die glücklicheren Zeiten unserer Großeltern. Die Mode ist klassisch, wir reden hier von den Chanel Modellen, diesen Pencil Skirts, Mode, die immer wieder aktuell wird.“

Die aus Ohio stammende Maureen Davis lebt seit vielen Jahren in Los Angeles. Sie legt nun mit ihrer Band Mercury Five passend zum Retro-Trend in LA ein neues Album vor. “Gimme Mo!” heißt es, was für Maureens Spitzname “Mo” und gleichzeitig für die Kurzfassung von “More” steht. Also, in etwa “gib mir mehr Maureen”. Auf dem Cover ist die attraktive Sängerin im Stil eines 50er Jahre Cartoons abgebildet. Es ist ein Album, auf dem Davis viele musikalische Brücken schlägt: „Ich bin eine Tänzerin, ich liebe das Tanzen, Swing und Jitterbug…. Rockabilly war für mich eine Möglichkeit meine Country und Rock’n Roll Wurzeln mit meinem Tanzen zu verbinden. Rockabilly ist nicht nur die Zusammenführung von Hillbilly und Rock’n Roll. Da ist auch Latin Rockabilly. Ich liebe meine Cha Chas und meine Mambos, also musste ich “Mambo Joe” und “Mr. Love Love” schreiben, einen Cha Cha. Und dann sind da meine Mistreiter Scotty Lund und Sylvain Carton. Wie sie es produziert haben hat das alles zusammen gebracht.“

“Gimme Mo” hat die Leichtigkeit und Entspanntheit eines südkalifornischen Strandnachmittags. Sonne, Meeresrauschen, Kofferradio und dazu ein Eis am Stiel. Auf diesem Album nimmt Maureen Davis einen mit auf eine klangvolle und “happy” Zeitreise. „LA ist wunderbarer Ort dafür. Die Mode, eine Frau mit einer Blume im Haar, Kerle mit den Tattoos. Wir sind hier sehr offen. Man muss nur nach Swing Dance in Los Angeles suchen, dann findet man das. Es gibt da einen ganzen Kalender voll, wo man was in Los Angeles finden kann.“

Maureen Davis ist auf einer Mission. Sie will ihre Mitmenschen für den Retro-Sound gewinnen. Derzeit tanzt sie sich wieder durch das Nachtleben der Megacity. In 101 aufeinander folgenden Tagen erlebt sie die Stadt und ihre Clubs, manchmal tanzt sie auch einfach draussen zum Sound eines Radios. Dazu spielt sie mit ihrer Band live, unterrichtet und schreibt an neuen Songs. Viele davon sind wie auf “Gimme Mo!” persönlich gehalten: „Wenn du dir die Lyrics anhörst, dann merkst du schnell, dass ich immer auf der Suche nach Liebe bin. Die EP “What’s it gonna take” war sogar ein Heiratsantrag an meinen damaligen Freund. Und er sagte nein….der Bastard. (lacht). Ich wollte den Leuten einen menschlichen Blick auf die Musik geben. Viele dieser Rockabilly und Swing Songs sind einfach nur happy, happy und ein bisschen trauriges Cliché. Ich wollte mich als ehrliche, erwachsene Frau durch die Musik ausdrücken, und ich hoffe, das ist mir gelungen.“

Maureen and the Mercury 5, Gimme Mo!, ist bei Rock Star Records erschienen.

YouTube Preview Image

Musik für den freien Fall

Es muss im Herbst 1992 gewesen sein, da sah ich Oxbow zum ersten Mal in einem kleinen Club oben an der Haight Street in San Francisco. Damals war eine Kollegin aus dem Burt Children’s Center mit dem Gitarristen der Band, Niko Wenner, zusammen. Sie meinte, komm mit zum Konzert, könnte dir gefallen. Für mich war San Francisco damals noch ein offenes Buch. Jeder Tag war voller neuer Entdeckungen. Und Oxbow war eine prägende Erfahrung. In diesem kleinen Club zu später Stunde schrammelte sich die Band durch den Abend. Niko, sonst eher einer ruhiger, zurückhaltender, ja, schüchterner Zeitgenosse, der mit leiser Stimme sprach, wirbelte wie ein Derwisch über die kleine Bühne, beackerte seine Gitarre, hieb drauf, entlockte ihr die alptraumhaftesten Töne. Der Lautstärkepegel war kurz vor dem Dach-Abflug-Level. Und dann war da ihr Sänger Eugene Robinson. Ein Muskelpaket, der sich schon früh im schweisstreibenden Kneipendunst sein Hemd vom Leib riss und mal grölte, mal schrie, mal ganz gefühlvoll ins Mikro hauchte. Seine Augen rollten herum, so als ob er kurz vor der Ekstase war.

25 Jahre später legen Oxbow „Thin Black Duke“ vor. Ein Album, das auf den ersten Hörtrip ruhiger, gemäßigter wirkt, so, als ob Oxbow in die Jahre gekommen sind. Doch das täuscht. Daniel Adams, Gregory Davis, Eugene Robinson und Niko Wenner sind noch immer so schön schräg schrill wie eh und je. Da sind Dissonanzen in der Musik, da passiert etwas im Hintergrund, was da so nicht hingehört und dennoch zum komplexen Klangbild der Band passt. „Thin Black Duke“ ist eine musikalische Herausforderung, die es in sich hat. Kein gerader Weg, kein Lalala, keine Untermalung im Alltag. Dieses Album hat Tiefe, Ecken und Kanten, Ausbuchtungen, dunkle Seiten, die man als Hörer mutig und bereitwillig entdecken muß, entdecken sollte. Diese Platte ist ein Meisterwerk der Band, ohne Kompromisse zu machen sind Oxbow durch die Jahre marschiert. Zum 50. Jubiläum des „Summer of Love“ mit all seinen Hippie Klängen, spielt hier eine Band auf, die fest verankert ist in der Weltstadt San Francisco. Irgendwie kommt auf diesem Album alles zusammen, Vergangenheit und Zukunft und eine volle Breitseite Gegenwart. In was für einer Welt leben wir? Hier ist der Soundtrack dazu.