Der Blick nach unten lohnt sich

Heute wurden die Grammy Nominierungen verkündet. Ich muss auf der ellenlangen Liste ziemlich weit nach unten fahren, um die wirklich guten Platten zu finden, von denen ich finde, dass sie eine Auszeichnung verdient haben. Klar, es ist immer auch Geschmack dabei, aber seien wir doch ehrlich, bei diesen Grammys werden in den vielbejubelten Kategorien immer die gleichen Verdächtigen nominiert und ausgezeichnet.

Eine der wirklich großartigen Platten in diesem Jahr ist Mary Gauthiers „Rifles & Rosary Beads“, die als „Best Folk Album“ zur Wahl steht. Gauthier hat das Album gemeinsam mit Veteranen geschrieben. Songs, die in Musik-Workshops entstanden sind, Lieder als Hilfe, als Krücke, als Möglichkeit, Erfahrenes auszusprechen und zu verarbeiten. Eine wichtige Platte in diesen Zeiten, wo Zehntausendes von Soldaten aus den Einsätzen in Afghanistan und Irak zurückkommen und auf eine Gesellschaft stoßen, die nicht in der Lage ist, ihnen die Hilfen zu bieten, die sie benötigen, die sie verdienen. Jeden Tag nehmen sich 22 Veteranen das Leben. Das ist die offizielle Zahl, nicht beachtet dabei werden Suizidversuche, Gewalt gegen andere, Alkohol- und Drogenprobleme, der gesellschaftliche Absturz. Mary Gauthiers Album ist daher ein Spiegel und ein Aufrüttler zugleich. Alben wie diese sollten beachtet und ausgezeichnet werden:

      gauthier

In der Kategorie „Best Album Notes“ wurde die hervorragende Doppel-CD Alpine Dreaming: The Helvetia Records Story, 1920-1924″ nominiert. In jahrelanger Kleinarbeit hat Professor James Leary von der University of Wisconsin in Madison alle Aufnahmen eines Labels zusammengetragen, das ein Schweizer Einwanderer 1920 gegründet hatte. Und nicht nur das, Leary erzählt in dem umfassenden Booklet die Geschichte des Labels und der Schweizer Community, angereichert mit vielen Bildern, Informationen und Details zu den einzelnen Musikerinnen und Musikern. Ein beeindruckendes Klangwerk, das neugierig macht auf mehr. Auf mehr, was all die Einwanderer in die USA mitgebracht haben, wie sie dieses Land zum Tönen brachten, wie sie es kulturell und musikalisch beeinflusst und bereichert haben.

      helvetia
Und dann sind auch noch zwei deutsche Produktionen in der Kategorie Best Historical Album nominert. Beide wurden auf dem einzigartigen (Kult-)Label Bear Family veröffentlicht: „At The Louisiana Hayride Tonight“ und „Battleground Korea: Songs And Sounds Of America’s Forgotten War“ . Zwei umfangreiche Boxen, die es in sich haben. Vor allem die Korea Box ist ein historisch einmaliges Klangerlebnis, die Geschichte zum Hören bringt. Beide sind in der bekannten Bear-Family Qualität mit viel Liebe zum Detail veröffentlicht worden.

Von Istanbul nach Niamey

Mamane Barka starb vor kurzem. Eine Mail von Sakina aus Niamey machte mich darauf aufmerksam: „This week Niger lost a big musician called Mamane Barka. So the musicians here were sad.“ Ein Land trauerte um einen der ganz großen Musiker, einem Meister der Biram. Bis dahin hatte ich von Mamane Barka noch nie gehört. Sakina schickte mir einige Links, ich hörte rein und bestellte umgehend die CD „Introducing Mamane Barka“.

Sakina, die ich über ihre Arbeit mit Studio Shap Shap kennengelernt hatte, erzählte von ihm, weil der Percussionist von Studio Shap Shap, Oumarou Adamou, mit Mamane Barka spielte und weltweit tourte. Auf dieser CD sind beide zu hören, zwei Meister ihres Instruments. Adamou konnte ich selbst im Garten von Sakina in Niamey erleben, ja, bewundern, wie er mit Händen und Füßen auf den Kalebassen trommelte, irrsinnige Töne aus seinen Instrumenten herausholte. Mamane Barka hingegen spielt die Biram, ein Instrument des Volkes der Boudouma aus dem Osten des Niger, direkt am Lake Chad gelegen. Für sie ist das Instrument heilig und geschützt durch den Geist des Sees, Kargila. Die Biram ist wie ein Boot gefertigt, ganz im Sinne der Kultur der Boudouma am Seeufer des austrocknenden Tschadsees.

Auf dieser Platte kann man vor allem traditionelle Boudouma Lieder hören, die sich um die Ahnen, das Leben als Nomaden, die Schönheit des Wassers und der Wüste, den Mut der Krieger drehen. Es sind nur zwei Instrumente zu hören, und dennoch wird eine große akkustische Welt erschlossen, die fremd und dennoch vertraut wirkt. Für mich, der schon mehrmals die Möglichkeit hatte in diese Region zu reisen, ist dieses Album ein perfekter Soundtrack einer beeindruckenden Landschaft. Musik ist hier die emotionale Sprache, die eine wunderbare Verbindung bietet.

Gaye Su Akyol wurde 1985 geboren, doch sie klingt wie eine Stimme aus längst vergangenen Tagen. Das macht für mich die Faszination dieser türkischen Sängerin aus . „Istikrarli Hayal Hakitattir„, ihr zweites Album, ist nun bei Glitterbeat erschienen, einem „Weltmusik Label“, das man einfach kennenlernen muss. Akyol verbindet in ihren Liedern musikalische Epochen, Genres, Sounds, Stimmungen. Es ist eine faszinierende Mischung zwischen dem, wie ich selbst Istanbul 1985 kennenlernte und wie ich es zuletzt 2017 erleben durfte.

Gaye Su Akyol spannt problemlos den Bogen zwischen damals und heute. Wandert durch die Zeiten, als wäre es ein Kinderspiel. Und dabei illustriert sie eine filigrane Distanz zum Publikum, die gleichzeitig anziehend ist. In ihren Liedern erwachen die 70er Jahre wieder mit einem Keyboard Sound, der frisch klingt. Sie klingt dann wieder, als ob sie in einem Schwarzweißfilm in einer französischen Bar auf einer kleinen Bühne steht, dicker Zigarettenqualm, ein paar Männer blicken fasziniert aus dem Schatten heraus auf diese Frau, die da auf Türkisch singt: „So all folks are beautiful yet are we ugly? / Were we given the sea and didn’t we swim? / No one ever has dried tears in our eyes“.

Eines von vielen Bildern, die mir als Hörer kommen. Orient, 1970er Jahre, Paris, kleine Bar…und doch ganz großes Kino, was Gaye Su Akyol hier auf „Istikrarli Hayal Hakitattir“ präsentiert. Eine wunderbare, mitreißende Platte, die ich jedem nur ans Herz legen kann, der offen für die weite musikalische Welt da draußen ist.

Musik für dunkle Tage

„Das Buch der Klänge“ heißt die bereits 1984 erschienene Platte des Komponisten Hans Otte. Ich muss zugeben, bis vor einer Woche kannte ich diesen Mann nicht, und das, obwohl er deutsche Musikgeschichte geschrieben hat. Von 1959 bis 1984 war Hans Otte der Musikchef von Radio Bremen und entwickelte mit Weitsicht ein Programm, das einzigartig in der ARD war.

Otte war jedoch auch Komponist, der mit „Das Buch der Klänge“ auf den Spuren von John Cage wandelte, den er mit seiner Arbeit für Radio Bremen einem breiteren Publikum bekannt machte. Diese Solo Klavier Stücke wurden zwischen 1979 und 1982 geschrieben. In diesen zwölf Kapiteln führt er die Hörer auf eine ergreifende Klangreise, die einfach passend ist für den regnerischen Herbst, den kühlen Winter, der Melancholie zum Jahresende. Es ist das Herausfinden der ganzen Tiefe dieses Instruments. Einzelne Töne, die durch den Raum schweben, ein zärtlich, leises Wehen, wie der Wind, der den grauen Nebel um die Bäume waben lässt. Es ist die Stille, die hier erklingt, die den Raum mit wunderbaren Bildern erfüllt.

Das in Portland, Oregon, ansässige Label Beacon Sound bringt nun in einer Auflage von gerade mal 500 „Das Buch der Klänge“ erneut auf Vinyl heraus. „One of the 20th century’s most sublime pieces of music for piano“, heißt es auf der Webseite des Labels und diese Umschreibung scheint nicht übertrieben zu sein. Ein tief beeindruckendes, bewegendes und zeitloses Album. Perfekt für diese Jahreszeit voller Rückblicke, Gedankengängen, Aussichten. „Das Buch der Klänge“ von Hans Otte ist absolut empfehlenswert.

Eine himmlische Stimme

Nazy Kaviani, die Gründerin und Direktorin von „Diaspora Arts Connection“ in San Francisco steht um kurz nach 19 Uhr auf der Bühne und kündigt die kurdische Sängerin Aynur Dogan an. Als sie sagt, dass sie sich so den Himmel vorstelle, in dem eine Stimme wie die von Aynur singt, jubelt das Publikum begeistert. Vor allem Exil-Kurdinnen und Kurden und einige Türkinnen und Türken kamen an diesem Sonntagabend ins „Marine Mermorial Theatre“, einer Einrichtung für aktive und ehemalige US Militärangehörige in Downtown San Francisco.

Eine himmlische Stimme – Aynur Dogan live in San Francisco.

Ich fuhr direkt nach einem 11 Stunden Flug vom Flughafen SF zum Konzert. Schon mehrmals wollte ich Aynur live erleben, in Deutschland und Istanbul, jedesmal hatte es dann nicht geklappt. Doch nun steht die 43jährige vor mir in diesem ganz besonderen Konzertsaal auf der Bühne. Neben ihr Cemîl Qoçgîrî auf der Tenbûr und Salman Gambarov am Piano, zwei Ausnahmemusiker, die den Saal mit ihrer Spielkunst erfüllen.

Aynur hat Bühnepräsenz ohne groß eine Show hinzulegen. Sie rennt nicht über die Bühne, sie arbeitet nicht groß mit dem Publikum, sie sagt wenig zwischen den Liedern. Ganz im Gegenteil, meist steht sie nur da oder lehnt an ihrem Barstuhl, blickt nach unten, gestikuliert sparsam mit der linken Hand. Das ist alles, das ist genug. Ihre Stimme, ihr Gesang, ihre Ausdruckskraft ist, was zählt. Manchmal animiert sie das kurdische Publikum zum Mitsingen, zum Mitklatschen. Die Diaspora erlebte am Golden Gate ein Stück Heimat. Bärtige junge Männer haben Tränen in den Augen, singen mit, himmeln Aynur Dogan richtiggehend an, die mit ihren Liedern zur weltweit bekannten Stimme ihres Volkes ohne Staat geworden ist.

Ich weiß nicht viel, von was und über was sie singt, ich weiss nur, dass Aynur Dogan eine faszinierende Sängerin ist, die einen in eine unglaubliche Gefühlswelt eintauchen lässt. Es ist diese Mischung aus Tradition, Heimatklängen, Jazz und Chanson, die sie brillant vermischt. Und dazu die einzigartige Spielkunst von Cemîl Qoçgîrî, der zart und voller Perfektion über sein dreisaitiges Instrument streicht, zupft, spielt. Eine perfekt-feinfühlige Ergänzung für diese einzigartige Musikerin.

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Kraft(Kunst)Werk

Kraftwerk sind Kult. So richtig habe ich die Düsseldorfer Band erst nach meinen Radio Goethe Anfängen auf KUSF in San Francisco kennen-, schätzen- und liebengelernt. Mit ein paar eigenen CDs hatte ich die Sendung begonnen und dann gezielt im umfangreichen Plattenarchiv des Senders nach weiteren deutschen Bands gesucht. Und da standen unter anderem auch die frühen Vinyl Scheiben von Kraftwerk. Klar, ich kannte Kraftwerk, aber so richtig hatte ich bis dahin nicht zugehört, doch das änderte sich schnell. Kraftwerk öffneten mir eine ganz neue Klangwelt, zeigten mir auf, welchen Einfluss das Kling Klang Sounduniversum auf andere Gruppen und Musikrichtungen hatte.

Konzerte, alle Platten, Bücher und Interviews mit Karl Bartos folgten. Der Sound von Kraftwerk, die Geschichte und die musikalischen und künstlerischen Visionen waren für mich und auch meine Sendung prägend. Und nun dieses Buch hier: „Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“, eine umfangreiche Studie zur Musik, der Vision, der Kunst der Düsseldorfer Formation, herausgegeben von Uwe Schütte. Jede Platte wird für sich analysiert, zerlegt, auf die kleinsten Teilchen und Tönchen hin begutachtet und durchgehört. Das Kraftwerk Imperium in seiner ganzen Macht und Schönheit.

Es ist beeindruckend, was die 15 Autorinnen und Autoren hier an Informationen, Genauigkeiten, Hintergründen, Geschichte und Geschichten zusammengetragen haben. Kraftwerk waren ihrer Zeit weit voraus, haben andere Musikerinnen und Musiker, Künstlerinnen und Künstler, ja, ganze Genres maßgeblich mit ihrem teils minimalistischen Kling Klang Sound beeinflusst. Sie experimentierten mit Tönen und Technik, kreierten so eine unvergleichliche und einzigartige Klanglandschaft, eine musikalische Vision, die immer wieder in irgendeiner Form mit der auftauchenden Mensch-Maschine zu tun hatte. Kraftwerk haben sich von den nicht verstandenen Soundtüftlern aus dem Düsseldorfer Hinterhof zu weltweit gefeierten Kulturschaffenden gewandelt, die heute wochenlang und problemlos die Hochkulturtempel dieser realen Welt füllen.

„Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“ ist nicht nur ein Buch für Kraftwerker, für Sammler, für Liebhaber des deutschen Sounds. Es ist auch ein Buch über eine Zeit, in der junge deutsche Musiker auszogen, um ihre eigene Identität zu finden, ohne dabei die deutsche Geschichte zu übersehen. Kraftwerk wurden so zu unglaublich wichtigen Kulturbotschaftern eines Landes, in dem man schlichtweg zu lange den eigenen musikalischen und künstlerischen Weg übersah, verhöhnte, klein redete. Von daher war es höchste Zeit für diese genaue Betrachtung des Gesamtkunstwerks Kraftwerk.

Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk, C.W. Leske Verlag, 24,90 Euro.

Ein kräftiges Holdrijadideldö aus Wisconsin

Viel wurde schon über die amerikanische “Folk Music” geschrieben. Was dabei aber immer wieder übersehen und überhört wird ist, dass all die Einwanderer, die in die USA kamen, ihre Kultur und Musik mit- und in der neuen Heimat einbrachten. Mit “Alpine Dreaming” erscheint nun eine Doppel-CD auf Archeophone Records, die das kurzlebige US Label “Helvetia Records” vorstellt.

Viel ist nicht bekannt über Ferdinand Ingold, nur soviel, dass er 1860 in Bischofszell im Kanton Thurgau zur Welt kam. Im Alter von 32 Jahren zog er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern von Bern in die USA. Dort siedelten sich die Ingolds in “Green County” in Wisconsin an, dem “Little Switzerland” in Amerika. Hier hatten Einwanderer aus dem Kanton Glarus “New Glarus” gegründet. Ferdinand Ingold unterhielt in der Kleinstadt Monroe einen Laden, in dem er unter anderem auch erste Schallplatten aus der alten Heimat verkaufte. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte Ingold die Idee für ein eigenes Plattenlabel, eines, mit dem er seine Heimatverbundenheit und seine Kunden gleichermaßen zufrieden stellen konnte: Helvetia Records war geboren.

Der Musikethnologe James Leary stieß zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren auf eine 78er Schellack Platte von Helvetia Records. In einem Plattenladen fand er eine Aufnahme von Otto Rindlisbacher, dem Sohn Schweizer Einwanderer. Learys Neugier war geweckt, von da an suchte er nach weiteren Scheiben des Labels. Im Musik Archiv der University of Wisconsin in Madison, an der er lehrt, konnte er über die Jahre zehn weitere 78er finden. Die Idee für eine Gesamtschau des Labels war geboren. „Man kann eine Mischung aus Jodlern hören, vor allem von Charles Schoenenberger. Aber es gibt auch Akkordeon und Violin Duette und rein männliche und gemischte Quartetts, daneben noch eine Art Operetten Jodler, gesungen von der Schweizer Nachtigall.“

Helvetia Records existierte gerade einmal vier Jahre, von 1920 – 1924, alle Aufnahmen wurden allerdings in den USA eingespielt, meist in New York City, wo es seinerzeit zahlreiche Recordings Studios gab. Zielgruppe waren vor allem die Schweizer in Amerika, die in New Jersey, Ohio und eben Wisconsin lebten, aber Ingold platzierte auch Werbung in Swiss-American Zeitungen, die an der Westküste gelesen wurden. “Alpine Dreaming” stellt nun zum ersten Mal den Gesamtkatalog von Helvetia Records vor, 36 Lieder konnte James Leary für dieses Album finden: „Wir hatten Glück, dass die Besitzer von Archeophone Records so ein gutes Netzwerk zu Sammlern haben. Darüber haben wir noch einige der 78er gefunden, die wir nicht in unserem Archiv hatten. Rich and Meagan vom Label sind dann mit einem Plattenspieler und Computer zu Sammlern nach Tennessee und Wisconsin gefahren, um dort einzelne Lieder zu digitalisieren.“

Begleitet wird die Doppel-CD von einem umfangreichen und reich bebilderten Booklet, in dem die Geschichte des Labels und der einzelnen Musiker erzählt wird. Für den Musikethnologen James Leary, der schon zahlreiche Bücher und Musikprojekte zur Geschichte der Einwanderer im Mittleren Westen veröffentlicht hat, war “Alpine Dreaming” eine Herausforderung. Die Sprache sei nicht leicht gewesen, lacht er. „Zum einen waren die Aufnahmen alt, sie waren gesungen und nicht gesprochen. Zum anderen sind diese Schweizer und diese verschiedenen österreichischen Dialekte keine geschriebene Sprache.“ Herausforderungen, die aber schließlich gemeistert wurden.

Auch wenn Helvetia Records nur vier Jahre existierte und 1924 im Konkurs endete, ist diese Episode und damit diese neue Veröffentlichung ein wichtiges und bislang übersehenes oder vergessenes Klangdokument in der langen Geschichte der Schweizer Einwanderer in den USA.

 

Der Multikulti-Klang Khartums

In Zeiten von Fake News, Onlinebullying, anti-muslimischer Hetze erscheinen die Platten eines kleinen Indie-Labels aus New York wie das berühmte gallische Dorf im römischen Reich. Die Musikveröffentlichungen von Ostinato Records sind zwar ein Kampf gegen die übermächtigen Windmühlen, aber sie sind dennoch ein wunderbar kraftvoller Ausdruck dafür, dass noch nicht alles verloren ist.

Nach „Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa“ erscheint nun „Two Niles to Sing a Melody – the violins & synths of Sudan“. Ein Album mit Musik aus einem Land, dass man seit Jahrzehnten nur mit Krieg, Hunger, Menschenrechtsverletzungen und einem Präsidenten in Verbindung bringt, der mit einem internationalen Haftbefehl gesucht wird. Ostinato Records hat auf dieser jüngsten Platte Musik zwischen den 70er und den 90er Jahren zusammen getragen, die gleich drei Episoden der sudanesischen Musikszene umfassen. Zum einen die Hochzeit Khartums in den 70ern, als der Ruf der sudanesischen Musiker vom Roten Meer bis an den Atlantik reichte. Man sprach vom sudanesischen Gürtel, der von Somalia und Dschibuti bis in den Senegal und Kamerun langte.

Der zweite Teil von „Two Niles to Sing a Melody“ dreht sich um die Musik nach der Einführung der Scharia 1983, als man als Musiker in Khartum vorsichtiger vorgehen und schließlich ganz das Land verlassen musste. Unter ihnen auch der legendäre muslimisch nubisch-sudanesische Sänger und Songwriter Mohammed Wadi. Der dritte Part dieser Dreifach-LP und Doppel-CD ist Musik aus dem Exil, denn die Stimmen wurden zwar außer Landes gezwungen, doch verstummten nie.

Die Lieder erzählen für sich die Geschichte einer vielschichtigen, offenen und selbstbewußten sudanesischen Musiklandschaft, die ohne Einflüsse aus anderen Kulturkreisen auskommt. Der Sudan als ein reiches Kulturland.

Ostinato Records ist erneut ein wichtiger Blick hinter die Schlagzeilen, die Nachrichten, das tagtägliche Getöse geglückt. Khartum wird durch die Musik ein Stück näher gebracht, so, wie es das Label mit Mogadischu auf „Sweet as broken dates“ schaffte. Hinter all dem Krieg und dem Horror blühte einst eine klangvolle und vielseitige Kulturlandschaft. Und wieder wird dabei deutlich, dass Musik die wohl einzige internationale Sprache ist, die uns alle verbindet. Auch wenn man die Worte nicht versteht, man wird auf eine besondere Reise entführt, die neugierig macht auf ein für mich bislang unbekanntes Land.

Weblink: Ostinato Records

Der Funke Hoffnung heißt „Das Ich“

Seit nahezu 30 Jahren existiert Das Ich, das Duo um Bruno Kramm und Stefan Ackermann. In den 90ern gehörten sie zu den führenden Bands im Gothic Bereich, tourten weltweit und wurden auch in den USA zu einem festen Bestandteil der schwarzen Szene. Nun waren Das Ich wieder auf einer größeren US Tournee von der Ost- zur Westküste. Am Rande ihres Konzertes in San Francisco sprach ich mit Bruno Kramm und Stefan Ackermann:

NZ: Ihr habt schon lange nicht mehr in den USA getourt. Nun sitzen wir hier in San Francisco, Präsident ist Donald Trump, warum seid Ihr ausgerechnet jetzt auf USA Tour?

Bruno Kramm: Es gab ja sogar mal einen Zeitpunkt, wo wir uns gesagt haben, so lange wie jemand wie Donald Trump an der Macht ist, kommen wir gar nicht mehr in die USA. Wir haben das Versprechen nicht lange gehalten, wir waren dann zwischendrin in Los Angeles auf einem Festival. Dass es so lange gedauert hat, lag natürlich an verschiedenen Dingen. Zum einen an Stefans Krankheit, den Schlaganfall, den Stefan hatte. Der sich ja auch regelrecht ins Leben zurück gekämpft hat. Dann zum anderen bei mir, ich war politisch sehr aktiv, war in der Piraten Partei engagiert, habe mir quasi 5 Jahre Sabbatical von der Musik gegönnt. Normalerweise ist es ja andersrum, Sabbatical macht man mal auf Band und kehrt dann wieder zur Politik zurück. Bei mir wars andersrum. Aber jetzt haben wir wieder diese Kraft geschöpft und sind auch dabei neue Songs zu schreiben, stellen fest, dass wir glücklicherweise auch gerade so reingerutscht sind in so ein 90s Revival. D.h. plötzlich wollen einen auch auf einmal alle großen Festivals, du bist überall dabei. Das macht es dann natürlich auch viel leichter, wir haben extrem viele internationale Konzertanfragen. Wir waren im November erst auf Südamerikatournee, wir haben viele Festivals, jetzt kommt bald wieder Russland, wir machen gerade das Album fertig. USA war für uns auch so ein Stück weit, ja, mal wieder zu kucken, wie hier die Basis in der Szene ausschaut, weil die sich natürlich…ja, man spricht ja immer so von vier Jahren Generationswechsel in der Szene, da ist natürlich hier auch viel passiert in der Zwischenzeit.

NZ: Ihr seid ja schon öfters durch die USA getourt, wie hat sich das für Euch hier verändert? Seht Ihr einen Unterschied, was hier vor zehn, fünfzehn Jahren war?

Stefan Ackermann: Um ganz ehrlich zu sein, nicht wirklich. Es ist immer noch das Kaugummimäßige, was hier so ist, also nichts wirklich greifbares und sehr fadenscheinig bleiben. Lieber auf Sicherheit machen und nicht wirklich mal Tacheles reden, das geht hier so gut wie gar nicht. Alle sagen schnell “hey friend”, aber es ist nicht so gemeint, das nervt ein bißchen, aber es ist ok. Das ist eben das Land, das ist die Mentalität, da kann man nichts machen. Wir sind keine Weltveränderer.

Bruno Kramm: Nice to meet you…gut, so eine Szene ist auch nie geschützt davor, die eigene regionale Mentalität inne zu haben. Das ist nun mal sehr, sehr amerikanisch.

NZ: Wir haben schon Trump erwähnt, merkt Ihr da einen Unterschied. Ihr seid ja eine Band, die schon sehr “outspoken” ist, Bruno, Du warst ja lange Zeit politisch sehr aktiv, Ihr bringt das ja auch in Eure Musik ein…

Bruno Kramm: Da merkst Du schon, dass es so einen kleinen Change gab, dahingehend, dass sich bestimmte rechte Strömungen jetzt viel offener nach vorne wagen, in der Vergangenheit doch eher so in Deckung blieben, weil es einfach zum liberalen, multikulturellen Amerika nicht gepasst hat und die jetzt ziemlich offen dazu stehen. Das merkst Du vor allem, wie es halt so üblich ist, im “Bible Belt”, in den Südstaaten. In Georgia war ich teilweise schon schockiert, wie die Leute ganz offen mit ihren “Trump 2020” Stickern rumrennen. Und auch diese Spaltung der Gesellschaft, die schon immer da war zwischen Arm und Reich und schwarzen Menschen und weißer Supremacy, die ja ganz stark ausgeprägt ist, das ist noch krasser geworden. Du merkst das natürlich nicht so in der Szene. Die ist prinzipiell viel liberaler, viel mehr auf Diversität, auf Toleranz aufgebaut, aber im normalen Leben definitiv. Und wenn ich mir dann auch die soziale Situation von vielen Freunden aus der Szene anschaue, die man auch schon seit Jahrzehnten kennt, die sich eher zum Schlechten gewendet hat. Und wenn man dann auch ein bisschen hinterfragt, wie so generell die Zukunftsperspektive ist, dann wird einem schon ein bisschen Angst.

NZ: Aber warum tourt Ihr jetzt gerade durch die USA? Die neue Platte kommt ja erst, was hat Euch hierher gezogen?

Stefan Ackermann: Wir haben einen neuen Song, den spielen wir heute schon. Und das ist auch für Amerika eine Besonderheit, weil die Amerikaner natürlich weltweit die ersten sind, America First…(beide lachen)…ein bisschen Ironie dabei. Aber wie wir jetzt darauf gekommen sind. Na ja, es wurde gefragt, der Bruno macht ja das ganze Booking, er ist ein supertoller Manager, geht nicht besser. Und er hat halt drei, vier, acht Termine gehabt, dann haben die anderen Veranstalter das mitbekommen und dann kam eine Show nach der anderen dazu. Am Ende sind es 16 geworden.

Bruno Kramm: Es war eigentlich auch nicht geplant, dass es so eine große Tournee wird. Ich wollte eigentlich drei, vier Konzerte machen, wir wollten ein, zwei neue Songs ausprobieren und mal schauen, wie die so funktionieren. Doch dann hat sich noch relativ viel dazu eingereiht und plötzlich war es dann doch eine Tour, die fast einen Monat lang geht. Aber es hat, denke ich, auch schon viel damit zu tun, dass dieses 90s Revival auch in den USA stattfindet, New Wave als solches, gerade der späten 80er, Anfang der 90er ist wieder extrem im Kommen. Dann dachten wir uns, jetzt sind wir eh schon da…also, ursprünglich hieß es eine Woche. Dann wurden plötzlich zwei Wochen draus, dann wurden plötzlich drei Wochen draus. Und dann hieß es, jetzt kommt noch Detroit dazu, dann noch Richmond und Providence, das wurde dann irgendwie so eingeflochten und dann war es auf einmal eine Riesentour. Jetzt sieht es so aus, wie eine Tournee, wir neues Album, große Tournee, aber so war das nicht gedacht, es hat sich einfach so ergeben. Im Nachhinein muss ich sagen, es wäre vielleicht besser gewesen, ein paar Shows weniger zu machen, weil es extrem anstrengend ist. Wir haben so ein straffes Programm, dass nach acht Tagen jeden Tag Konzert dann mal ein Off-Day ist. Und dann wieder acht Tage, dazu dann noch die Strecken, die teilweise riesengroß sind. An der Westküste fliegen wir alles, das is ok, aber an der Ostküste sind wir halt sehr viel gefahren. Das sind dann so Strecken, du spielst in Tampa, fährst dann am nächsten Morgen nach Atlanta, um da zu spielen, um dann am nächsten Morgen nach West-Palm Beach zu fahren, um da zu spielen…das ist schon arg und das hätten wir uns auch ein bißchen leichter machen können.

NZ: Wie einfach war es für Euch hier zu touren, denn in der jüngsten Vergangenheit habe ich mehrmals mitbekommen, dass Bands Touren im letzten Moment absagen mussten, weil sie keine Visa oder erst verspätet bekommen haben?

Bruno Kramm: Also, niemals mit Visa machen, das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Ich kann das jeder Band nur so empfehlen, ich empfehle es auch jeder Band im Moment so, eigentlich machen das auch alle so. Ich habe es zuletzt gesehen bei einer deutschen Band, Lord of the Lost, die wollten eine komplette Tour machen, die haben ein Dreivierteljahr vorher offiziell Visa beantragt, den ganzen Prozess mit diversen Agenturen durchgegangen. Sind knapp 5000 Euro losgeworden dabei, mit dem Resultat, dass es dann doch nicht geklappt hat. Das Risiko ist mir zu groß, letzten Endes machen wir es so, wie wir es immer gemacht haben, als Touristen einreisen und dann unsere Konzerte spielen. Ist vielleicht nicht ganz legal, aber die meisten Bands machen es so und anders lässt es sich nicht machen. Wenn du es versuchst regulär zu machen ist das Risiko nicht nur für dich selber, sondern auch für die örtlichen Veranstalter so groß, wenn das ganze “failed”, dass du das nicht eingehen kannst. Ich glaube, das hat auch viel mit dem aktuellen Klima zu tun, dieses sich abschotten in den USA, dass es eigentlich gar nicht mehr so angesagt ist…Man hat ja selber so viel zu bieten, dass man das vielleicht ein Stück weit von außen beeinflusst, was ja eigentlich immer ganz wichtig für die USA war, dass das gar nicht mehr so stattfindet, was sehr schade ist.

NZ: Jetzt würde ich gerne was zur neuen Platte wissen, wie sie zustande gekommen ist, der Prozess, was man vielleicht auch hören wird?

Stefan Ackermann: Schwierig da was zu erzählen, weil das alles ja erst im Entstehen ist. Ein Song ist fertig, den wir heute auch präsentieren, also, einfach anhören und selber entscheiden.

Bruno Kramm: Also, wir sind gerade mitten im Prozess. Ich habe ganz viele neue Songs auf der Festplatte, an denen gerade gearbeitet wird. Wir sind natürlich auch am überlegen, was für ein Format wollen wir überhaupt fahren. Macht es überhaupt noch Sinn in der heutigen Zeit eine feste CD zu veröffentlichen, da machst du eine Mörder Promo, die läuft dann genau einen Monat und danach ist wieder alles vorbei. Oder teilst du es nicht lieber in einzelne Happen auf und versuchst eine Story draus zu entwickeln. Das sind so Geschichten, wo wir noch immer dabei sind, aber kommen wird sie auf alle Fälle. Die Songs sind schon alle sehr, sehr weit, aber wie wir das ganze dann veröffentlichen. Ich will da auch noch nicht zu viel zu sagen, weil es alles noch in der Planung ist, aber neue Songs ausprobieren war natürlich hier schon so ein Fokus.

NZ: Und wann soll die Platte kommen?

Bruno Kramm: Nächstes Jahr auf alle Fälle..

Stefan Ackermann: Jedes Mal, wenn wir was gesagt haben, haben wir uns um Jahre verschätzt…

Bruno Kramm: Es ist wirklich so das wesentliche, dass du dich als Band fragen musst, willst du eigentlich klassisch, ein normales Album veröffentlichen. Da gibt es zwei Überlegungen. Einmal, hat das Album-Format in einer Zeit wie heute überhaupt noch eine Daseinsberechtigung, wie kannst du das vermarkten, wie kannst du mit Social Media arbeiten. Und auf der anderen Seite sehe ich mir viele Kollegen an, die da auch ein bisschen an ihrem Anachronismus hängen geblieben sind, ganz stur sagen, “ja, ich will genau so das Album, das ist meine Kunstform.” Für uns war es auch immer wichtig die Gegenwart zu reflektieren. Eine Reflexion der Gegenwart, finde ich, kann mit einem klassischen Albumkonzept alleine nicht so funktionieren. Deswegen sind wir da ein bisschen am Grübeln, wie man das alles zu so einem Fluss verbinden können. Vielleicht eben dann regelmäßig was veröffentlichen mit viel Coverage, die dann auf Social Media Kanälen stattfindet. Ist halt erst recht viel zu planen, weil man dann nicht nur eine Albumproduktion hat, sondern eben auch noch den „surrounding content“.

NZ: Ihr seid nun mit Das Ich seit über 30 Jahren im Geschäft. Was reizt Euch noch immer als Das Ich aufzutreten, Musik zu machen, live zu spielen?

Stefan Ackermann: Jeder einzelne Gast der kommt, die Welt bereisen, das Tourleben an sich, das ist wundervoll. Ich meine, andere Menschen müssen dafür bezahlen mal an die Copacabana zu kommen oder nach Südamerika. Die müssen richtig viel Geld zahlen, und wir werden eingeladen und kriegen auch noch Geld dafür. Das ist doch schön, einen besseren Job gibt es nicht. Das wird auch jeder Musiker bestätigen. Und der, der sagt es ist nicht so, der lügt.

Bruno Kramm: Was uns gerade auch reizt, gerade in solchen Ländern, wie den USA, ist, unsere Sichtweise auch ein bisschen so rüberbringen, die Menschen zu unterstützen, gerade auch von der Szene, die so ein bisschen aus der normalen, angepassten Gesellschaft, rausfallen. Die aber für eine Vielfalt stehen, die heute gar nicht mehr so erwünscht ist. Ein Stückchen weit ist es auch so, wenn du an die Geschichte denkst, wie, gerade in der dunkelsten Zeit Deutschlands, die USA gekommen ist, in Europa und in Deutschland eine Kultur von Vielfalt, von Demokratie verankert und neu aufgebaut hat, ist es für uns jetzt eben wichtig, auch ein Stück weit zu kommen und zu sagen, hey, es gibt immer noch diesen Funken von Hoffnung. Also, Hoffnung ist eine ganz, ganz wichtige Geschichte und gerade in der Szene, das eben zu verbreiten und zu zeigen, ja, wir müssen für diese Werte kämpfen jeden Tag. Vielfalt feiern ist eine Sache, die aber zu leben und anderen Menschen zu vermitteln, gerade in einer Zeit, die geprägt von Hass und Ausgrenzung ist, ist, finde ich, so wahnsinnig wichtig. Gerade das können Menschen in der Szene mit diesem visuellen Aspekt, der ja so nach außen trägt, sehr viel besser in der Gesellschaft auch verkörpern. Ich glaube, das ist auch so ein Aspekt, in dem wie wir sind, wie wir uns darstellen, wofür wir stehen, was unsere Inhalte musikalisch sind, dass wir versuchen können, da ein kleines Fünkchen zu sein. Weißt Du, ich sehe Hoffnung immer ein bisschen so…in Kalifornien ist es ja meistens so extrem heiß, dass fast alles anfängt von selbst zu brennen und da reicht oft ein kleiner Funke. Und wir sind auch nur ein ganz kleiner Funke, aber in der Hoffnung hier ein Feuer wieder zu entfachen für die Werte, die Amerika irgendwann einmal groß gemacht haben. Für Vielfalt zu stehen, für Toleranz zu stehen, für Offenheit zu stehen. Gerade in einem Land, das so sehr davon gelebt hat, dass es all die aufgenommen hat, die in anderen Teilen der Welt nicht leben konnten, aus welchen Gründen auch immer. Und gemeinsam hier eine Gesellschaft, die fundiert ist auf Toleranz und Mitgefühl und Miteinander aufzubauen und dafür eben zu werben, ihre eigenen Ideale eben wieder anzustacheln. Sie haben eben nunmal eine geile Constitution, in der das auch so drin steht. Ganz ehrlich, wenn wir in Russland auf Tournee gehen, wenn du in der Szene bist, da bist du ja erst recht so ein ausgrenzten Wesen, aber wie wichtig ist es für diese Werte zu stehen, diese Fahne hochzuhalten. Das ist eben nicht nur, ich feiere mich in meinem Outfit, sondern eben auch für was Inneres zu stehen, für die Toleranz, für die Vielfalt. Das ist ganz wichtig. Und ich glaube, diesen Wert brauchen wir heute umso mehr, als je zuvor in den letzten Jahrzehnten und dafür stehen wir als Das Ich.

NZ: Bruno, Du warst politisch aktiv bei den Grünen und auch bei der Piraten Partei. Siehst Du Dich auch als Künstler eher politisch und, ja, in der Verantwortung Dinge auf der Bühne und in Deiner Musik anzusprechen, anzugehen?

Bruno Kramm: Weißt Du, ich bin eh der Meinung, Musik ist per se politisch, auch im Sinne von Adorno. Und wenn Musik nicht politisch sein will, wie eine Helene Fischer, dann ist sie ja auch politisch, weil sie letztendlich einen Status Quo zementiert und damit politisch einen ganz wichtigen Aspekt des Mainstreams wahrnimmt. Also insofern ist Kultur, Musik per se immer politisch. Musik und Kultur ist so eigentlich das einzig gute, was friedlich eine Revolution bringen und gestalterisch eine Gesellschaft verändern kann. Denn sie trägt die Inhalte und kann über diese Metaebene der Musik der Emotion viel mehr erreichen. Für mich war das so, dass ich in den Jahren, in denen ich Politik gemacht habe eigentlich erst recht wieder kapiert habe, warum ich eigentlich immer Underground Musik gemacht habe. Weil, wir kamen nun mal aus dieser New Wave Punk Szene, die durch und durch politisch war, die emanzipatorisch war. Deswegen bin ich dann auch bei emanzipatorischen Parteien gelandet, aber ich habe dann auch festgestellt beim Politik machen, dass ich doch immer sehr emotional geredet habe und gemerkt, das kommt wahrscheinlich von meinem musikalischen Background. Um dann irgendwann über die Jahre festzustellen, was die Glaubwürdigkeit betrifft kannst du als Musiker politisch viel mehr erreichen, als als Politiker, der eben per se immer mit der Glaubwürdigkeit zu kämpfen hat. Und ich muss auch sagen, egal wie idealistisch du an die Politik herangehst, irgendwann wirst du immer in diese Systematik, in dieses seltsame Kompromisse und Deals schließen reingezogen. Das habe ich sogar in meinen fünf Jahren gemerkt, um dann irgendwann festzustellen, würdest du es länger machen, würdest du auch so ein Politiker werden, der alle möglichen Kompromisse eingeht und irgendwann plötzlich nicht mehr merkt, dass er sich selbst verloren hat. Und deswegen war für mich dieser Sprung zurück in die Musik und auch festzustellen, wir sind politisch in dem was wir tun, ein ganz wichtiger und dadurch ein ganzheitlicher, wo du auch noch merkst im Rückblick, alles ist ein Weg irgendwie für dich selber.

Der Funken zum großen Feuer

Vor mehr als 30 Jahren wurde Das Ich im oberfränkischen Bayreuth gegründet. Aus der Wagnerstadt zog das Duo hinaus in die Welt, um mit ihrem eigenwilligen Sound, ihrer schockierenden Bühnenpräsenz und ihren deutschen Texten zu ganz besonderen Kulturbotschaftern zu werden. „Das Ich besucht AmerikA“ heißt die aktuelle Tour, die Bruno Kramm und Stefan Ackermann durch 16 amerikanische Städte führt.

Man sei schon etwas geschockt gewesen, als man im Süden der USA die „Trump 2020“ Aufkleber auf den Pickups sah, meint Bruno Kramm im Gespräch. Viele seiner Musikerkollegen in Deutschland meiden mittlerweile die USA, sie wollen vielmehr abwarten, bis Donald Trump aus dem Amt ist. Doch davon hält Kramm gar nichts. Musik sei politisch, er finde es wichtig auch hier deutlich Stellung zu beziehen, an die Grundwerte Amerikas zu appelieren. Auf der Bühne findet der 51jährige durchaus deutliche Worte für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ohne ihn beim Namen zu nennen: „Send him to space, he is a f…. illegal earthling“. Im Gespräch mit ihm und Stefan Ackermann klingt das ganz anders. Er sieht Das Ich als kleinen Funken, der vielleicht mithelfen könnte, den dringend notwendigen Flächenbrand in den USA zu entfachen.

Das Ich meldet sich mit dieser USA Tour brachial zurück. Neun Jahre lang herrschte nahezu Funkstille. Das lag an einer schweren Erkrankung von Sänger Stefan Ackermann und das lag auch an den politischen Ambitionen von Bruno Kramm, der von Bündnis90/Die Grünen zur Piratenpartei wechselte und sich in Berlin in die Landespolitik einmischte. Schließlich klagte er noch erfolgreich gegen die GEMA.

Doch nun steht wieder die Musik im Vordergrund. Erst die Tour, an einer neuen Platte wird gearbeitet, ganz im Sinne von „America First“ präsentierte Das Ich schon neue Songs in den Live-Konzerten. In der gutbesuchten DNA-Lounge auf der 11. Street in San Francisco kamen die alten und neuen Songs gut an. Auf der Bühne tobten die drei Gestalten (der Dritte im Live-Bund ist Damian Hrunka) wie Berserker. Bruno Kramm der Alptraum-Priester, Stefan Ackermann mit roter Haut wie ein Derwisch, Damian Hrunka als Schlächter im Vorhof zur Hölle. Es war ein schräg-schrill-schönes Konzert, mitreißend, lautstark, eine ganz besondere Dröhnung. Das Ich als Kultur- und Sprachbotschafter Deutschlands, nicht ganz offiziell, aber dafür umso einprägender. Wie sagte der eine am Ende dees Konzerts neben mir: „Those Germans, they’re crazy, but we need them“.

Die transatlantische Federzeichnung

Alexander Hacke sass im vergangenen Dezember in meiner Küche hier in Oakland und erzählte mir von seiner Zusammenarbeit mit David Eugene Edwards. Ich war von dieser Aussicht mehr als begeistert, denn Alexander Hacke ist nicht nur ein wichtiger Teil der Einstürzenden Neubauten, er hat darüberhinaus über die Jahrzehnte unglaubliche Klangkreationen als Solokünstler und gemeinsam mit seiner Frau Danielle de Picciotto entstehen lassen. Dazu hat er zahlreiche andere Bands und Musiker produziert und beeinflusst. Ich war gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen auf diese deutsch-amerikanische Kollaboration.

Nun liegt das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Musikerpartnerschaft mit David Eugene Edwards vor, einem Musiker, dem ich ebenfalls schon sehr lange musikalisch folge. Seine Americana-Veröffentlichungen mit 16 Horsepower, danach Wovenhand und mehrere Nebenprojekte ließen mich jedesmal aufhorchen. In den zehn Jahren, in denen ich die Country/Folk/Americana Sendung auf der Lufthansa produzieren und moderieren durfte, war David zig mal mit seiner Musik in meiner Playlist vertreten. Seine mystisch, philosophisch-religiösen Texte bereiteten meinem Redakteur in Berlin immer wieder Kopfschmerzen, denn er musste alles vor Abnahme durchhören, ob sich da nicht irgendeine geheime Botschaft versteckte, die einen Fluggast über den Wolken zum Ausrasten bringen könnte. 16 Horsepowers „American Wheeze“ ist noch immer für mich einer meiner Lieblingssongs.

Und nun kommen Alexander und David für „Risha“ (Arabisch für Feder) zusammen und es ist alles andere als ein federleichtes Unterfangen. Hier treffen musikalische Welten und Biographien aufeinander, die sich dennoch auf wundersame Weise vereinen. Hier die geschwungene Klangwelt zwischen Industrial und Ambient von Hacke, die auf diesen tiefdüsteren, teils kratzigen Gothic-Americana Sound von Edwards trifft. Und dazu jene Texte, für die der Mann aus Colorado bekannt ist. Seine besondere Mikrofonarbeit ergänzt sich perfekt mit dem Droneteppich des Berliner Tonkünstlers.

Die Zusammenarbeit erfolgte, so erzählte es mir Alexander Hacke, nicht einfach so an einem Ort, in einem Studio, zu einem Zeitpunkt. Seit langem sind die beiden befreundet und tauschten sich immer wieder aus. So auch diesmal, Files wurden hin und her geschickt. Alexander, der mit seiner privaten und künstlerischen Lebenspartnerin Danielle de Picciotto die Welt bereist – beide verstehen sich als „Gypsies“ – arbeitete von unterwegs. Bei David Eugene Edwards, der in Colorado lebt, aber in Europa mehr erfolgreich ist, war es nicht viel anders. „Risha“ ist ein Album unterwegs, „on the road“ geworden, irgendwie hört man das auch. Offen für Eindrücke, Erfahrungen, Einflüsse. Es ist diese Bewegung, dieser Fluss, dieses niemals Ankommen, der Weg ist das Ziel, was hier durchschlägt. In den zehn Songs überschreiten die beiden Musiker problemlos unzählige Genres, lassen sich nicht einengen, bieten den Hörern vielmehr eine grenzenlos-klangvolle Weltsicht.

„Risha“ ist genau das, was ich im Dezember in meiner Küche erhofft hatte. Eine wunderbare Zusammenarbeit und Ergänzung von zwei von mir sehr geschätzten Musikern, die mich immer wieder überraschen und tief berühren. „Risha“ ist auf Glitterhouse Records als Vinyl, CD und Download erschienen.

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