Das amerikanische Jahr

Eigentlich ist jedes Jahr ein amerikanisches Jahr. Zumindest, wenn man sich die Nachrichtenlage ansieht. Als Korrespondent in Amerika kann man über alles berichten, alles ist berichtenswert, alles ist wichtig und interessant für Leser und Hörer. In diesem Jahr stand der Wahlkampf im Vordergrund. Erst die Vorwahlen der Republikaner, dann das Aufeinandertreffen von Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney.

Daneben berichtete ich über Gangs in Los Angeles, den Drogenkrieg gleich an der Grenze zu Nordmexiko, über Fahrraddemonstrationen und Nackte in San Francisco, über die Todesstrafe in Kalifornien und natürlich den Monstersturm Sandy. Und, und, und…..Das Interesse an dem, was in den USA passiert ist riesig. Und auch, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene, frage ich mich oft, woher dieses Interesse an all dem kommt, was in Amerika vor sich geht, passiert, wichtig und unwichtig ist. Gerade wenn man einmal auf andere Regionen in der Welt blickt.

Nehmen wir doch mal den Ostkongo. Seit 1998 sind dort geschätzte 5,4 Millionen Menschen umgebracht worden, der tödlichste Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Hunderttausende sind auf der Flucht, von einem Lager in das nächste. Es gibt Massenvergewaltigungen, Kinder werden als Soldaten rekrutiert, die Menschen hungern in einem Land, das eigentlich eines der reichsten Länder der Welt sein könnte. Und was passiert? Nichts. Selbst Korrespondenten, die vor Ort sind, ihr eigenes Leben riskieren, erklären, es gibt kein Interesse an diesem Krieg gegen die kongolesische Bevölkerung. Die Vereinten Nationen sind seit Jahrzehnten mit Truppen vor Ort, doch viel geschieht nicht, ausser, dass pro Monat rund eine Milliarde Dollar an Geldern verbraten werden.

Heute lese ich vom Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik. Auch dort sind Rebellengruppen aktiv. Die Hauptstadt Bangui wird wohl demnächst in einem blutigen Kampf in die Hände der Aufständischen fallen. Die Zivilbevölkerung leidet, die UN ruft dazu auf, die Zivilisten zu verschonen. Das ist alles. Die USA und Frankreich haben sich bereits zurück gezogen. Was in diesem Teil Afrikas passiert, soll, wie mir jüngst eine Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen erklärte, noch schlimmer sein, als das was im Osten der Demokratischen Republik Kongo abgeht. Sie meinte, nach Goma und in die Kivu-Region der DRC würden immer mal wieder Journalisten mitreisen. Doch was in der Zentralafrikanischen Republik passiert, wird völlig vergessen, übersehen, ignoriert.

Am Jahresende frage ich mich, was macht eine Nachricht aus, was macht sie lesenwert, wann hört man hin? Wie kann es sein, dass die westliche Welt – durchaus zurecht – trauert, wenn in einem Amoklauf in Newtown 20 Schulkinder ermordet werden, doch gleichzeitig das Leid, das Elend, das Morden im Herzen Afrikas und in anderen Teilen der Welt vergessen wird? Was interessiert die Deutschen daran, ob Barack Obama in der ersten Fernsehdebatte unkonzentriert wirkt? Warum blicken sie weg, wenn Zehntausende auf der Flucht sind, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne ein Ende in Sicht?

Nachrichten sind mein Geschäft, doch ich verstehe die Zusammenhänge nicht.

„News“ der anderen Art

Auch das sind Nachrichten und Amerika steckt voller solcher Meldungen:

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ein Mann in Maine nahm in einem Hospital an einer Fortbildung zum Thema Herzgesundheit teil, als er sich über Brustschmerzen beschwerte. Der anwesende Herzspezialist forderte seine Krankenschwester auf, den Mann doch in die Notaufnahme zu begleiten, doch kaum stand der auf, brach er zusammen. Sofort wurden das vortragende Team aktiv, nutzte sogleich die mitgebrachten Apparaturen an diesem unfreiwilligen Patienten bis das eigentliche und herbeigerufene Notaufnahmeteam erschien. Der Mann ist dank der schnellen Reaktion in gutem Zustand.

Attacke im Tiefflug. Fahrradfahrer in Pendleton, im Osten des Bundesstaates Oregon, werden derzeit von einem Falken angegriffen. Immer wieder stürzt sich der Vogel aus dem Himmel auf die vorbeifahrenden Radler und pickt ihnen auf dem Helm. Der Grund dafür ist, dass der beliebte Fahrradweg ganz in der Nähe des Nestes ist, in dem ein paar Jungvögel des Falken hocken. Einer der Radler gab an, dass der Vogel wie ein herabstürzender Kampfflieger angeschossen kam und seinen Helm angriff.

Der freundliche Einbrecher von nebenan. Ein Einbrecher in Vineland, New Jersey, knackte die Haustür eines Hauses und bemerkte dann seinen Fehler. Als die dort wohnende Frau ins Zimmer kam, entschuldigte sich der Einbrecher höflich und erklärte, es tue ihm leid, er wollte eigentlich im Nachbarhaus einbrechen. Auch bot er an, das demolierte Fliegengitter wieder zu reparieren. Die Hausherrin meinte daraufhin, das sei sehr nett, aber es wäre wohl besser, wenn der Dieb lieber ginge. Die herbeigerufene Polizei konnte bislang niemanden dingfest machen.

Milchiger Angriff. Und dann ist da noch die Frau in Delaware, Ohio, die nun eine Anzeige am Hals hat. Nach einem Streit mit ihrem Mann, schloss sich die angetrunkene Frau in den Familienwagen ein. Der Gatte rief die Polizei, die auch kam und die Frau dazu aufforderte, das Auto zu verlassen. Doch die weigerte sich und schrie nur die Beamten an. Die Sheriff Deputies öffneten schließlich gewaltsam die Tür. Der Frau gefiel das jedoch gar nicht, entblösste ihre Brust und begann die Polizisten mit Brustmilch zu bespritzen. Nun hat sie die Anklage wegen „ungehöriges Verhalten“ zugestellt bekommen.

Die verrückten Amerikaner

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, es waren interessante, spannende und nie langweilige 12 Monate. Amerika ist voller Geschichten. Von der politischen Zentrale in Washington DC bis zur „left coast“, der von vielen Republikanern abfällig genannten und eher politisch links tendierenden Pazifikküste. In Amerika gehen einem Journalisten nie die Geschichten aus, das steht fest. Alleine der Blick in die heutige Zeitung zeigt, was sich so alles tut fernab der Tagesthemen Stories.

Da ist der Mann in Warren, Michigan, der überfallen und mit einem Messer verwundet wird. Er ruft mit seinem Handy die Polizei an und erklärt, er werde im nahegelegenen Diner auf die Beamten warten, denn „es ist zu kalt hier draussen“. Der 52jährige geht also ins Cafe, bestellt in aller Ruhe einen Kaffee und setzt sich hin. Die Bedienung will erst ihren Augen nicht trauen, doch in der Brust des Mannes steckt noch die Klinge des Messers mit dem er angegriffen wurde. „Ist kalt heute“, meint er nur.

Oder da ist der 37jährige aus Oldsmar in Florida. Er rief den Notruf 911 an und erklärte er sei überfallen und zusammen geschlagen worden. Als die Polizisten kamen stellte sich raus, dass die Geschichte vollends erfunden war, der Mann hoffte lediglich mit dem Streifenwagen in eine andere Bar gefahren zu werden. Doch die Polizisten verstanden keinen Spass. Nun hat er eine Anzeige wegen Missbrauchs des Notrufs am Hals.

Auch schön ist die Nachricht aus Lancaster, Pennsylvania, wo ein Sheriff einen 22jährigen Amish Mann verhaftete. Der steuerte betrunken seine Kutsche. Fragt sich nur, ob ihm nun der Führerschein abgenommen wird. Aber richtig Ärger wird er wohl mit den Älteren seiner Gemeinschaft bekommen, denn Alkoholkonsum ist bei den Amish verpönt.

San FranciscoIst es ein Zeichen Gottes? In Sterling, Connecticut, wurde ein Kalb mit einem weissen kreuzförmigen Mal auf der Stirn geboren. Der Farmer schrie sofort „Holy Cow“. Nicht ganz so heilig geht es derzeit in Nevada zu, wo die Bundesregierung damit begonnen hat, Wildpferde einzufangen und sie zu zum Teil zu zähmen oder in den Mittleren Westen zu schaffen. Die Wildpferde, so die Begründung, würden zu viel Gras fressen und kaum was für die Kühe übrig lassen, die auf dem staatlichen Weideland zugelassen sind. Da sehen wohl ein paar Bürokraten zuviel Money, Money, Money, denn Farmer müssen dafür zahlen, dass ihr Vieh auf öffentlichen Flächen grasen darf. Die Wildpferde hingegen breiten sich kostenlos aus, und das in rasantem Tempo. Ach ja, da ist dann noch die Story von Jesus Christus, DIE als Geschworene in einem Prozess in Birmingham, Alabama, entlassen wurde. Ja, Sie lesen richtig….Dorothy Lola Killingworth hatte vor einiger Zeit ganz legal ihren Namen auf „Jesus Christus“ ändern lassen. Doch im Gerichtssaal war sie alles andere als die Ruhe selbst. Sie fiel durch Störmanöver auf und wurde schliesslich aus dem Geschworenenpool entlassen. Auch mal eine Nachricht.

Sie sehen, Amerika ist voller „Stories“. Langweilig wird es hier nie. Aber eigentlich gibt es solche und viele andere Geschichten überall, man muss nur hinhören und hinsehen. Auf ein schönes, ereignisreiches und interessantes 2010. Prost Neujahr!

„Evil Dick“ kann’s nicht lassen

Viele in den USA sehen ihn als eine Ausgeburt des Teufels an. In Cartoons und in Comedy Sendungen wird Dick Cheney immer wieder als Darth Vader dargestellt, der acht Jahre lang die Strippen in der Hand hatte und den USA ein Weltbild aus Gut und Böse vorgaukelte. Cheney schuf als Vize-Präsident ein Imperium der Macht. George W. Bush, so die Meinung vieler, stand unter dem Einfluss von Cheney, der ihn in den Krieg gegen den Irak führte, Geheimgefängnisse aufbauen liess, das Lager auf Kuba ausbaute und im Innern drastische Einschnitte bei den Bürgerrechten vorantrieb.

Und Dick Cheney, anders als frühere Präsidenten und Vize-Präsidenten, kann sich mit dem Verlust der Macht nicht abfinden. Über das konservative Nachrichtennetwork FOXNews donnert und poltert er weiter gegen die, seiner Meinung nach, verweichlichte Politik von Präsident Barack Obama. Zuletzt heute morgen in der Frühsendung. Ein weiteres Zeugnis eines humorlosen Mannes, der eigene Fehler nie eingestehen würde und am liebsten weiterhin die Richtung vorgeben würde.

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