Welt Nacktradler Tag

Oh ja, heute ist ein Feiertag. Der Welt Nacktradler Tag. Da muss man doch gleich an das Poster denken, das Queen in ihr Album „Jazz“ steckten, „I want to ride my bicycle“. Egal ob es heute im Frankenland regnet und nur 12 Grad angesagt sind, runter mit den Klamotten und rauf auf den Sattel. Heute wird mal nackt in die Pedale getreten. Einmal rund um die Altstadt ist angesagt. Das ist dann ein deutliches Zeichen für die Freikörperkultur, gegen Unterdrückung und Benachteiligung von Menschen, die einfach nur so sein wollen, wie sie auf die Welt kamen.

So zumindest sehen es die Nackten in San Francisco. Dieser Samstag ist für sie ein Testtag, nachdem der Stadtrat vor kurzem endgültig ein Verbot des Nacktseins auf öffentlichen Straßen verboten hat. Zumindest die Genitalien müssen fortan in der „City by the Bay“ verhüllt sein. Aber die Nackten von San Francisco wären nicht die Nackten von San Francisco, wenn sie sich das einfach gefallen ließen. Heute wollen sie testen, was möglich ist und in großer Anzahl durch Downtown radeln. Man kann gespannt sein, ob die Polizei mit Decken zum Verhüllen anrückt. Zumindest ist hier Sonnenschein bei 18 Grad angesagt. Das animiert wohl mehr zum nackigen Radeln, als in der Noris.

Zieht Euch warm an

Stichtag 1. Februar. Nein, keine neuen Steuern für die Bürger, keine neue Fahrpreiserhöhungen und auch keine neuen Abfallgebühren. Ab heute darf man in San Francisco nicht mehr nackt durch die Gegend laufen. Ja, Schluß mit den nackten Tatsachen auf den Straßen der nordkalifornischen Metropole. Doch das auch nur halb, es geht eigentlich nur um die Geschlechtsteile, die ab heute nicht mehr unbedeckt an der frischen Luft gezeigt werden dürfen.

Das Problem mit den Nudisten in der „City by the Bay“ ist in der jüngsten Zeit etwas außer Kontrolle geraten, wir berichteten in einem früheren Blogeintrag darüber. Supervisor Scott Wiener hatte genug von den Klagen aus seinem Distrikt, wo vor allem in die Jahre gekommene Männer an einer vielbefahrenen und vielbesuchten Straßenecke, Market und Castro, nackig auf Stühlen und Bänken saßen. Und sie saßen nicht nur da, nein, nach dem stundenlangen Sonnen- oder Nebelbad latschten sie im Adamskostüm durch die Nachbarschaft nach Hause. Bislang sagte niemand etwas, wenn mal einer nackt spazieren ging oder nackt an der monatlichen Fahrraddemo „Critical Mass“ teilnahm. All das war geduldet, San Francisco eben.

Familien mit Kleinkindern und etliche der sonst so liberalen San Francisco Bewohner waren allerdings entsetzt, denn die Freikörperkultur hatte sich rumgesprochen. Nicht nur Nudisten von außerhalb kamen in ihre Nachbarschaft, auch Touristen mit Kameras machten sich auf die Suche nach den „Naggerten“ im Castro Distrikt. Scott Wiener hatte also genug, brachte den Gesetzentwurf im Rathaus ein, dass man fortan nicht mehr einfach so die kühle Luft im Schritt genießen darf. Es folgte ein Aufschrei sondergleichen, Wiener wurde als hochverklemmt und als Faschist beschimpft. Doch er setzte sich durch, Stichtag 1. Februar. Die Nudisten protestierten und klagten, bislang ohne Erfolg. Ein Richter machte allerdings deutlich, wenn die Freunde der Freikörperkultur ihre Nacktheit als Meinungsfreiheit sehen und die Stadt nun diese einschränken will, dann könnten sie nach den ersten Verhaftungen wieder vor Gericht erscheinen, dann müßte neu verhandelt werden. Und genau das planen die Nudisten schon heute am 1. Februar. Sie wollen nackt, wie Gott sie schuf, verhaftet werden, um erneut ihren Tag vor Gericht zu bekommen.

Das alles wird wohl ein weiteres Kapitel im Buch: „Only in San Francisco“.

Let’s get naked

Da stand ich im Regen vor dem Rathaus und wartete auf die Nackten. Und die kamen nicht. Für 12 Uhr war der Protest für die freie Körperkultur in San Francisco angesetzt, doch die Schönwetternackten blieben weg. Kurzerhand hatten sie ihre Demo in den „Center for Sex and Culture“ drei Straßenblöcke weiter verlegt. Also latschte ich duch den Regen dorthin. Schon am Morgen hatte ich Supvervisor Scott Wiener interviewt, der hinter der neuen Kleiderordnung in San Francisco steht. Splitterfasernacktsein sei „nur noch“ bei Strassenfesten oder besonderen Events erlaubt. Wiener unterstrich, dass man auch weiterhin bei dem Folsom Street Fair nackt sein darf. „Dafür kommen viele Touristen, auch aus Deutschland extra nach San Francisco“. Aber er wolle nicht mehr, dass nackte alte Männer an Straßenecken stehen und sich Familien in seinem Distrikt darüber beschwerten. Darüberhinaus, so betonte Wiener, gehe es nur darum, dass man die Genitalien bedecke. Frauen könnten ja ihre Brüste zeigen, Männer ihren nackten Hintern, aber bitte nicht das volle Adam- und Evakostüm. Dafür wurde er mehrfach als Faschist von den FKK Jüngern beschimpt, die ihm vorwerfen, die historische Freizügigkeit in San Francisco zu beschneiden.

Der „Center for Sex and Culture“ ist ein Flachbau auf der Mission Street. Unscheinbar, fällt nicht auf. Dort kam mir schon Gypsy Taub entgegen, die Aktivistin, die mich am Tag zuvor zur Veranstaltung einlud. Noch hatte sie ihre Klamotten an, umarmte mich, auch wenn ich sie heute zum ersten mal sah. Das ist San Francisco, Peace, Love and Happiness. Innen erklärte mir dann ein älterer Herr, dass der Center sich für alle sexuellen Themen einsetze. Hier fänden regelmäßig Vortragsabende, Treffen von bestimmten Sexanhängern und eben auch Sexparties statt. Während so langsam immer mehr bekleidete FKK Anhänger kamen, ging ich mit Gypsy in ein Hinterzimmer in dem allerlei Erotikmöbel rumstanden und interviewte dort die ehemalige Erotiktänzerin. Nackt sein sei ein Grundrecht, das über Artikel 1 der US Verfassung garantiert sei, betonte sie. Und kein Supervsior könne das einschränken. Gypsy Taub verglich ihren Kampf um die nackte Haut mit dem der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Angefangen habe ihr Einsatz um die Freikörperkultur nach dem 11. September 2001, als sie an der Aufklärung der Terrorangriffe mitarbeitete. Aber niemand wollte ihr zuhören, was wirklich geschah. Deshalb zog sie sich einfach aus und moderierte so vor laufender Kamera und dann hörte man ihr zu.

Wieder im Vorraum meinte Gypsy, „let’s get all naked and start this party“. Und ja, alle zogen sich aus. Und nein, ich zog mich nicht aus. Man unterhielt sich, tauschte sich aus, gratulierte mir dazu Deutscher zu sein, denn „die Deutschen sind viel FKK freundlicher“. Mein Einwand, dass ich noch keinen Nackten in der Breiten Gasse gesehen habe, verhallte im Raum. Hinsetzen wollte ich mich auch nicht unbedingt, denn sonst wäre ich auf Augenhöhe mit diversen kleinen und größeren Geschlechtsteilen gewesen. So ein direkter und freier Blick muss ja auch nicht sein.

Schließlich standen alle Nackten auf der Bühne und hielten Reden. Dabei wurde gefilmt, um alles später auf die Webseite der Initiative mynakedtruth.tv zu stellen. Auch die Kamerafrau stand so wie Gott sie schuf – nur mit Stiefeln – im Raum. Ein lokaler Reporter kam, der über den Kampf der Nudisten berichten will, von den Bürgern und Bürgerinnen San Franciscos war allerdings an diesem Tag nicht viel zu sehen. Draußen regnete es noch immer, also wurde es nichts mit der Spontandemo durch den Stadtteil. Noch darf man ja hüllenlos durch San Francisco spazieren. Stattdessen gab es eine Tanzveranstaltung… ich bin dann mal gegangen.