Ein Mann im Schutzanzug

Zurück aus dem Tschad. Am letzten Tag hatte ich noch ein sehr interessantes und umfassendes Gespräch mit dem Leiter der UN Mission im Tschad. Der Schweizer Thomas Gurtner lebt seit über drei Jahren in N’Djamena und fasste für mich die Situation historisch und politisch zusammen. Die Region brennt, der Tschad ist das einzig einigermaßen stabile Land weit und breit. Der Westen sollte hinschauen, was dort passiert, meinte Gurtner, Europa ist nah. Die Konsequenzen eines gescheiteren Tschad wären immens.

Deutschland ist im Tschad aktiv. In den Flüchtlingslagern sieht man Schilder und Plakate, auf denen erwähnt wird, dass dieses oder jenes Projekt mit Geldern des Auswärtigen Amtes und des BMZ unterstützt wurde. Die Hilfsorganisation Care ist vor Ort ein verlässlicher Partner. Die deutschen Steuergelder kommen da an, wo sie helfen sollen. Und das wird geprüft. Für jeden ausgegebenen Euro gibt es einen Beleg. Der Papierberg ist immens, die Pressesprecherin von Care Deutschland schleppte am Ende der Reise einen zusätzlichen fast 30 Kilogramm schweren Koffer mit zurück nach Bonn. Gefüllt nur mit Papier. Abrechnungen, die ans Auswärtige Amt gehen und dort genauestens geprüft werden. Der Umfang der Hilfsangebote und Hilfsprojekte von Care im Tschad ist jedoch gefährdet. Es fehlen Gelder, um den aktuellen Stand auch nur halten zu können. Wie es weiter gehen soll, das ist derzeit noch offen.

Am Abend ging es dann mit Verspätung von N’Djamena zuerst nach Kona in Nigeria. Turkish Airlines mußte aufgrund der Ebola Krise in Westafrika seine Flugroute ändern. Normalerweise fliegt TK zuerst Kona an und dann in einem Spreizflug weiter nach N’Djamena, bevor es zurück nach Istanbul geht. Doch der Tschad gibt derzeit keine Landeerlaubnis für Flüge aus Westafrika, Nigeria eingeschlossen. Also fliegt TK andersrum, Istanbul – N’Djamena – Kona – Istanbul.

Ebola "Screening Form" auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Ebola „Screening Form“ auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Auf dem Flug von Kona an den Bosporus rannte dann zuerst mal eine Flugbegleiterin mit einer Tüte, auf der „Do not open, burn right away“ stand,  in den vorderen Bereich der Kabine. Mit etwas darin kam sie zurück. Anschließend dann die Durchsage „Is a doctor on board?“. Kein Arzt meldete sich. Das war die letzte Durchsage. Formulare, „Screening Forms“, wurden verteilt, auf denen man Kontaktinformationen und Gesundheitsprobleme vermerken sollte. Interessant die Telefonnummer 080EBOLAHELP für etwaige Rückfragen. Fortan liefen die Flugbegleiter nur noch mit Mundschutz und Latexhandschuhen durch das Flugzeug.

Nach der Landung in Istanbul ging ersteinmal gar nichts. Die Passagiere wurden lediglich aufgefordert sitzen zu bleiben und zu warten. Auf was, keine Ahnung, bis dann eben nach rund 45 Minuten zwei Personen in Schutzanzügen durchs Flugzeug marschierten.

Mundschutz für die Flugbegleiter, Schutzanzug für die Bodencrew.

Mundschutz für die Flugbegleiter von Turkish Airlines, Schutzanzug für die Bodencrew.

Sie schauten sich den „Patienten“ genauer an, nahmen die Temperatur von einigen anderen. Doch eine klare Ansage von Turkish Airlines fehlte. Wir warteten. Und warteten. Und warteten. Bei jedem Husterer eines Mitpassagiers schaute man sich um, wer denn da seine Bazillen und Viren verbreitete. Die Mundschutzfraktion und die Schutzanzugtragenden liefen mal hoch und mal runter. Irgendwie hatte keiner einen Plan. Dann hieß es, wir dürften aussteigen. Als ich am Ausgang die „Screening Form“ der Stewardess geben wollte, meinte sie nur, die wäre für mich. Auf meinen Einwand, dass ich ja wüßte, wie ich heiße und ob mir schlecht sei, lächelte sie nur. Auch schön. Also stiegen wir alle in den bereitstehenden Bus und fuhren Richtung Terminal.

Doch dort durften wir nicht aussteigen. Warten und wieder keine Durchsage von Turkish Airlines. Die Fluggesellschaft lobt sich zwar an allen Ecken und Enden selbst, dass sie Europas beste Airline sei, die Werbeträger Kobe Bryant und Lionel Messi grinsen einem überall entgegen, aber im Kommunikationsbereich spielt sie derzeit noch in der anatolischen C-Klasse. Dann, nach weiteren 15 Minuten, durften wir schließlich den Bus verlassen, nachdem  (!) wir die „Screening Forms“ TK Airline Mitarbeitern ausgehändigt hatten. Mit etwas Gerenne durch den Atatürk Airport erreichte ich auch noch meinen Anschlußflug nach Deutschland.

Bislang hat sich auch noch niemand bei mir gemeldet, von daher hatte der vermeintliche Ebola Patient wohl nur eine lausige Grippe. Zurück im Alltag, ein kleiner Kulturschock, zurück zu den Alltagsthemen. Die Kongresswahlen in den USA stehen an, die Trockenheit in Kalifornien bleibt ein heißes Thema und überhaupt, alles was in Amerika passiert, scheint interessanter, wichtiger, weltbewegender zu sein, als das, was in einem Land wie dem Tschad vor sich geht. Das Geschäft mit den Nachrichten ist schon ein seltsames.

Leben mit Tieren

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Wieder zurück in N’Djamena. Eine lange Autofahrt vom Süden. Erst Holperpiste, dann Asphaltstrasse, dann Asphaltstrasse mit Schlaglöchern. Es zog und zog sich. Der Süden des Landes ist grün. Stundenlang fuhren wir an Reisfeldern vorbei, durch kleine Dörfer, durch ein paar größere Städte.

Rinder, Ziegen, Schafe weideten an der Straße, Schweine und Hühner streunten frei in Dörfern, abgemagerte Hunde liefen scheu und verängstigt durch die Gegend. Hier und da ein Esel und ein Pferd, meist angeleint oder die Hufen eng zusammengeschnürt, damit sie nicht weglaufen können. In den Dörfern und den Städten wurde am Straßenrand geschlachtet. Einige Tiere standen fast direkt daneben, wurden vom Schlachter abgetastet, nur ein paar Meter weiter war dann schon die Braterei.

Tiere sind hier Nutztiere. Sie werden auf Mopeds und Fahrrädern transportiert wie ein Sack Reis, Kopf nach unten, eng gebunden, damit sie sich nicht rühren können. Auf den Kleinbussen lagen sie oben auf dem Dach, um so zum und vom Markt transportiert zu werden. Es gibt hier keine Massentierhaltung, die Tiere laufen meist fast frei herum. Und doch ist es für einen westlichen Besucher nicht leicht, die Behandlung der Tiere mitanzusehen. Ich weiß, ich bin in einem Entwicklungsland. Hier herrschen andere Regeln, hier gibt es eine andere Kultur, auch eine andere Kultur des Miteinander zwischen Mensch und Tier. Und was maße ich mir überhaupt ein Urteil an, wenn allein in Deutschland jährlich 60 Millionen Schweine und 200 Millionen Hühner „verbraucht“ werden. Gehalten auf engstem Raum in engen Massentierhaltungsfabriken, abgesegnet und abgenickt vom Gesetzgeber in Berlin und Brüssel.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Hier ist alles offener. Hier sieht man das Tier, die Schlachtung, das Blut. Es ist da, vor einem, man blickt hin. Vielleicht ist diese Art des Umgangs sogar besser, zumindest ist das Schnitzel auf dem Teller dann nicht einfach nur ein Stück Fleisch, gekauft im Supermarkt, wie 500 Gramm Zucker. Zuvor sah man das Tier grasen, hörte es muhen, blöken, meckern, schreien, kriegte mit, wie es zerlegt wurde.

Ich halte mich also hier mit Urteilen bei der hiesigen Fleischproduktion und -verarbeitung zurück. Ich esse kein Fleisch, nichts was mich anschauen kann, schon seit fast 30 Jahren nicht mehr. Das macht mich nicht besser, das ist einfach so, meine Entscheidung, darüber brauche ich nicht zu diskutieren. Was mir aber wirklich aufstößt ist die Behandlung von Tieren. Wenn Hunde getreten, nach ihnen Steine geschmissen werden. Oder wenn Affen und Schildkröten, wie in dem Hotel, in dem ich hier untergebracht war, in einem kleinen, kahlen Käfig im Hof „gehalten“ werden. Artgerecht ist etwas anderes. Ich verstehe es nicht, werde es auch nie verstehen, wie man Tiere so behandeln kann. Bei all dem Leid, dem Elend, der Not, der Armut, der Ungerechtigkeit, die ich hier gesehen habe und sehe, das hätte es nicht auch noch gebraucht.

Hunger in der Hauptstadt

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N'Djamena.

Ein Gesundheitszentrum für unterernährte Kinder in N’Djamena.

Vor kurzem habe ich das Buch „Tschad – Land ohne Hoffnung“ gelesen, die Erzählung eines Missionarsehepaars. Land ohne Hoffnung, eine Frage, die eigentlich schon die Antwort birgt. Das Ehepaar kam in den 50er Jahren in den Tschad und blieb fast 30 Jahre. Am Ende zweifelten sie an ihrem Lebenswerk.

Ich bin erst ein paar Tage in N’Djamena, doch Gespräch nach Gespräch wird deutlich, die Lage hier ist dramatisch. Der Tschad liegt in einer Region, die schon bald explodieren könnte. Lager für Flüchtlinge im Süden, Osten und Westen des Landes, dazu die vielen „Rückkehrer“, ehemalige Tschadbürger, die aus der Zentralafrikanischen Republik geflohen sind, stellen den Tschad vor eine riesige logistische, soziale und finanzielle Probe. Hinzu kommen die „normalen“ Probleme, wie die Ausbreitung der Wüste, die Versteppung einst fruchtbaren Bodens. Das Militär ist aufgerüstet, rund 23 Prozent des Staatshaushalts gehen in die Rüstung. Weite Teile der Grenzen zu den Nachbarländern sind abgeriegelt.

Heute besuchte ich eine Gesundheitsklinik, in der unterernährte Kinder behandelt und betreut werden. Für viele kommt die Behandlung zu spät, ausgemergelt, nur noch Knochen und Haut, sie sterben in der Hauptstadt an Unterernährung. Die Mitarbeiter bemühen sich um jedes Kind, die schlimmsten Fälle werden gleich auf die Intensivstation gebracht, die alles andere wie eine Intensivstation in deutschen Kliniken aussieht. Ganz schlicht und einfach, ohne viele Maschinen. Die Zahlen sind höher, als sie von der Regierung und selbst Hilfsorganisationen geschätzt wurden. Eine Mischung aus hohen Lebensmittelpreisen, fehlender Hygiene und mangelnder Kenntnis führen zu einer katastrophalen Lage in N’Djamena und im Rest des Landes. Und die Aussichten auf Besserung sind nicht gegeben. Ganz im Gegenteil, die Regierung würde dieses Problem gerne unterdrücken. Verhungernde Kinder in den Straßen sind kein gutes Selbstbildnis.

Der Tschad ist ein Land in der Dauerkrise. Ein Land, dass von der internationalen Gemeinschaft vergessen wurde. Nur 19 Prozent der benötigten finanziellen Mittel kommen an. Eigentlich brennt es an allen Ecken. Terrorgefahr an den Grenzen, Umweltzerstörung, Ausbreitung der Wüste, Armut, Elend, Not. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Land ohne Hoffnung? Land ohne Hoffnung!

4169 Kilometer südlich

Nürnberg – Istanbul – N’Djamena. Und schon ist man im Tschad. Eigentlich sollte es mit AirFrance über Paris gehen, doch irgendeine Gewerkschaft der französischen Luftlinie streikt. Am Flughafen in N’Djamena mußte ich mir erst einmal die Hände desinfizieren, dann leuchtete mir ein Mann mit Mundschutz, weißer Schürze und Einweghandschuhen eine blaue Lampe auf die Stirn, dann ging es zur Passkontrolle. Auch am Schalter Beamte mit Mundschutz und Handschuhen, die Angst vor Ebola geht um. Im Raum wirbelten Mücken um die Neonröhren. Reisepass und Visum in Ordnung, Koffer war auch da, paßt. Draußen wartete schon der Fahrer der Hilfsorganisation CARE auf uns, ja, die mit den CARE Paketen.

Nun bin ich im Tschad, ein Land, das mir so unbekannt ist. Vor der Reise hierher hatte ich alles gelesen, was ich über den Tschad und Chad in die Hände kriegen konnte. Sogar das Buch eines deutschen Missionarsehepaars „Tschad. Land ohne Hoffnung?“ las ich durch, um etwas mehr von Land und Leuten zu erfahren. 30 Jahre waren die beiden hier und erlebten den Umbruch von der französischen Kolonie zum unabhängigen Staat, der in den 70er Jahren im Bürgerkrieg versank. Doch viel mehr fand ich nicht auf der Suche und zur Vorbereitung für diese Reise.

Ein paar Tage in der Hauptstadt N’Djamena stehen an, bevor es weiter in den Süden des Landes geht. Dort arbeitet CARE in Flüchtlingslagern, Flüchtlinge aus der Zentralafrikanichen Republik, Flüchtlinge einer vergessenen Krise im Herzen Afrikas. Ich werde über diese Eindrücke berichten, über Menschen, die ich treffen, über das, was ich erleben werde.