Der Kampf um den klaren Sound

Neil Young ist einer der ganz großen im Musikgeschäft. Und das schon seit Jahrzehnten. Dabei hat er sich nie darum geschert, was andere tun und lassen oder von ihm halten. Er zieht sein Ding durch. Kurz vor Weihnachten war es endlich so weit. Neil Young ging nach einer jahrelangen Entwicklungszeit mit seiner eigenen App an den Start. Für ihn kam damit endlich alles zusammen, der direkte Kontakt zu seinen Fans und die Einbindung seines selbst entwickelten Audioplayers „Pono“, mit dem Neil Young für eine bessere Sound- und Hörqualität kämpft.

Die App der “Neil Young Archives” ist mehr als nur der Versuch eines Musikers, seine Fans bei der Stange zu halten. Young habe ein Ziel, mit dem was er da macht, glaubt Derek Hirsch, langjähriger Fan und selbst hauptberuflicher Toningenieur. Neil versucht die Leute weiterzubilden, darin, dass es einen Unterschied zwischen einer hohen Auflösung und einer mp3 File gibt. Aber die Leute interessiert das nicht, denn viele nehmen Musik wie eine Art Audiotapete wahr.“

Im eingebauten App-Player kann man zwischen 320er mp3 Files, CD-Qualität und Studio-Master High Resolution wählen. Über die Stereoanlage daheim, ist das durchaus ein interessantes Angebot. Das Problem mit der App sei allerdings, so der 52jährige Toningenieur und Musiker, dass viele Nutzer Neil Youngs umfangreiches Musikarchiv meist über billige Kopfhörer hören. Und dennoch, Derek Hirsch ist begeistert von dieser App, denn sie ist ein Projekt im Wandel. Ich glaube, es ist für Leute, die Neil Young lieben, denn da ist zum Beispiel ein etwas klobiges Album von Mynah Birds, das war Neil Youngs Band in Kanada, da spielte er mit Rick James am Bass. Der Rick James mit “Super Freak”…Man hat also auch Zugriff auf solche alten Aufnahmen.“

Neil Young betonte bei der Vorstellung der App, dass es ein Lebenswerk in Arbeit sei. 50 + Alben sind bereits verfügbar, weitere werden folgen, dazu kommen unzählige von Konzertmitschnitten, eigene Zeitungsartikel und Infos und ein spezieller Kartenvorverkauf für Neil Young Archives Nutzer. Und Neil Young mischt selbst mit, will sich hier direkt mit seinen Fans austauschen.

Diese App ist sicherlich kein Vorbild für die meisten Künstler. Lediglich für Bands wie Pearl Jam, die u.a. auch ihre Konzerte mitschneiden und als offizielle Bootlegs ihren Fans anbieten, um so eine bessere Soundqualität zu garantieren, könnte solch ein integrierter Audioplayer interessant sein. Neil Young ist also mit seiner App auf einer Mission, er will seine Musik klar und deutlich und nicht komprimiert präsentieren. Und eben, unabhängig von den großen Playern wie Apple, Spotify oder Amazon – direkt aus den Händen eines alten Hippies. Und wie sagte er, bei der Vorstellung: “You think that Apple would be able to do it or somebody else would be able to do it. But it turns out an old Hippie did it…”

Gestern ist heute ist morgen

Gerade höre ich ein Album mit dem Titel „Prison Songs – Historical Recordings from Parchman Farm 1947-48„. Aufgenommen von Alan Lomax, dem legendären und dem wohl bedeutendsten Musiksammler überhaupt. Musik ist zeitlos. Was Lomax hier auf Band festgehalten hat, sind Lieder von schwarzen Gefängnisinsassen, die während ihrer harten Arbeit die Lieder sangen, die all das Leid, die Not, das Elend und die Situation ausdrückten, in der sie sich befanden. Ein beeindruckendes Album.

Immer wieder stolpere ich hier drüben über fantastische historische Aufnahmen. Etliche Labels haben sich der Musik von gestern verschrieben. Es ist nicht nur eine Faszination für den Klang, für das Unkommerzielle in diesen Liedern. Mono, Kratzen, etwas dumpf, das alles macht nichts aus. Es ist vor allem der Erhalt wichtiger musikalischer und kultureller Wurzeln, der mich beim Hören dieser Musik fasziniert. Das treibt mich eigentlich in jedem Land in Plattenläden, immer auf der Suche nach „Recordings“ von früher. Leider findet man Deutschland kaum Aufnahmen alter Volksmusik und überlieferter Lieder, die ohne große kommerzielle Absichten aufgezeichnet wurden. Einzig Trikont Records in München fällt mir ein, die immer mal wieder den Blick zurück werfen und dem, was sie da in Archiven und auf längst verstaubten Regalen finden, ein Ohr schenken.

Ganz anders in den USA. Ein Label sticht für mich dabei heraus: „Dust to Digital„. Ein kleines Indie-Label, das aus dem Keller von Lance Ledbetters Haus in Atlanta heraus betrieben wird und bereits einen Grammy gewonnen hat. Die Aufnahmen sind mit viel Liebe zusammen getragen, zum Teil restauriert, aber nie so verändert, dass sie neu und frisch klingen. Am Schluß spürt man die Liebe zum Detail. Die Grammy nominierte Holzbox „Goodbye Babylon“ ist ein Musterbeispiel für das Label, eine einmalige Sammlung von Gospelmusik zwischen 1902 und 1960. Keiner wußte am Anfang, wie diese Box angenommen werden würde, doch als Lance Ledbetter in einem Radiointerview hörte, wie Neil Young über diese Veröffentlichung sprach und erwähnte, dass er sie von seinem Freund Bob Dylan zugeschickt bekam, da wußte er, dass er mit seinem Konzept für „Dust to Digital“ auf dem richtigen Weg war.

Hier eine Dokumentation in zwei Teilen von der lokalen PBS Station in Atlanta:

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