Kongo – Hoffnung ohne Zukunft

Der Kongo, ein Land, das man nicht zu fassen bekommt. Riesig wie Europa, aber unwegbar, ohne Infrastruktur wie Straßen, funktionierende  Strom- und Wasserversorgung, geprägt von Korruption in allen Gesellschaftsschichten, regiert von einer Machtelite, die das an und für sich reiche Land erbarmungslos ausbeutet.

An der Grenze zum Kongo, auf der ruandischen Seite in Cyangugu, treffe ich noch auf Sigi und Gerti, zwei Nürnberger, die mit dem Motorrad unterwegs sind. Ein Jahr haben sie für die Reise aus Franken nach Südafrika eingeplant. Ums östliche Mittelmeer herum, über Ägypten, durch den Sudan, Uganda und nun Ruanda. Sie bleiben in Ruanda, der Kongo ist zu unsicher, und auch mit ihren Cross Bikes würden sie dort nicht weit kommen.

Die Grenzstadt der DRC, der Democratic Republic of Congo, ist Bukavu mit heute fast einer Million Einwohner. Kaum geteerte Straßen, meist gibt es nur zwischen 22 Uhr und 5 Uhr morgens fließend Wasser, der Strom kann auch mal mehr als einen Tag weg bleiben. Die Menschen hier leben vom Handel, von Dienstleistungen,  wie das Tragen von Materialien, Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel. Die Stadt, einst eine boomende Metropole in Süd-Kivu, ist gezeichnet von den Jahren. Vom andaunernden Krieg, von den Flüchtlingsströmen nach dem Genozid in Ruanda 1994 und der Vernachlässigung durch die weit entfernte Regierung in Kinshasa. Öffentliche Gelder kommen hier so gut wie nicht an. Das sieht man den Straßen, den Gebäuden, der gesamten Infrastruktur an.

Pfarrerin Reinhild Schneider aus Neustadt/Aisch lebt seit 15 Jahren im Kongo. Erst in Lumumbashi, der zweitgrößten Stadt des Kongos im Süden des Landes und dann in Bukavu. Durch ihre Augen das Land zu sehen ist ein Erlebnis, ein Abenteuer. Überall wohin wir kommen werden wir mit Gesängen und von lachenden Menschen empfangen. Und überall herrscht tiefe Armut. Im Waisenhaus in Bagira, in der Gemeinde Bizimana mit ihrem Seifenprojekt und auch in dem entfernt gelegenen Dorf Kilungutwe. Eine wunderschöne, ja traumhafte Landschaft, doch die Gegend ist noch immer von Unruhen geprägt. Auf den Bergen leben Hutu-Milizen aus Ruanda, die die Bevölkerung terrorisieren. Mit Vergewaltigungen, Brandschatzerei, Raub und Mord. Die Regierung in Kinshasa und auch die Truppen der Vereinten Nationen bringen die Situation nicht unter Kontrolle.

In Kilungutwe werden wir von der lutherischen Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf mit Gesängen empfangen. Gemeinsam mit ihnen laufen wir ins Dorf, zur Kirche, einem aus Baumstämmen und Strohdach gefertigten Unterschlupf. Gleich nebenan meckert eine Ziege. Und dort berichten nach dem Empfang und dem Gebet Frauen und Männer, Jugendliche, Lehrer und Schüler von dem Leben, dem Alltag, der Angst und ihrer Hoffnung. Sie tragen ihre Bitten vor, hoffen, dass man helfen kann. Es geht um Kleinigkeiten, kleine Beträge, die hier die Welt bedeuten. Und trotz der sehr schwierigen und nach wie vor unsicheren Situation, sind die Menschen voller Lebensfreude, was man als Besucher nur schwer zu verstehen vermag. Alleine die Tatsache, das wird immer wieder betont, dass man da ist, sich für sie und ihr Leben interessiert, zeigt ihnen, dass es Hoffnung gibt. Man sitzt da, hört die Beschreibungen der Gewalt, der Vergewaltigungen, des Alltags und ist tief betroffen und beschämt.

Nass in Kigali

Gestern Abend und in der Nacht hat es Bindfäden geregnet. Am Nachmittag war ich in der Stadt unterwegs als der Regen anfing. Wahnsinn, es schüttet dann aus Eimern. Die Strassen werden zu Bächen, braunes Wasser läuft die Hügel runter. Die Luft danach reiner, der rote Staub gebunden, tut richtig gut.

Als ich da so unter einem Wellblechdach stand, war fast neben mir ein Mann mit nur einem Auge. Kurz vorher sah ich eine Frau in einem Supermarkt, die eine lange Narbe auf der Stirn hatte. Hier fragt man sich gleich, ob das Zeugnisse des Genozids von 1994 sind. Die 100 Tage im Frühjahr ’94 sind noch immer so gegenwärtig. Man stolpert hier quasi über die Geschichte, entweder in Form von Erzählungen von Menschen, die Familienmitglieder oder Freunde verloren haben oder eben in solchen Situationen, wie unter diesem Wellblechdach.

Es ist ein seltsames Gefühl durch die vollen Strassen von Downtown Kigali zu spazieren. Man fragt sich, wer von den Passanten was und wie und überhaupt damals gemacht hat. Täter, Opfer, Unbeteiligter….Man weiss es nicht, man will es auch gar nicht wissen. Das Leben hier geht weiter, muss weiter gehen. Doch die ruandische Gesellschaft ist geprägt von Tod, Trauer, Schuld und Sühne. Ob sie genesen ist, das lässt sich nicht sagen, nicht feststellen. Man sagt hier, man ist auf dem richtigen Weg. Doch ich glaube, verwundern würde es niemanden, wenn es wieder krachen sollte.

Gestern Abend habe ich auch noch Linus getroffen, der aus Neustadt/Aisch ist. Er ist seit fast einem halben Jahr hier. Das Programm „kulturweit“ des Auswärtigen Amtes hat ihn nach Ruanda gebracht. Linus hat ein sehr interessantes und ausführliches Blog über seine Erfahrungen in Ruanda geschrieben: linus.in/ruanda. Es lohnt sich mehr als ein Blick.