Mehr Waffen braucht das Land

Amerika hat ein Waffenproblem. Daran wird sich nichts ändern, das weiß man einfach, das sieht man an den Reaktionen nach jedem Amoklauf, nach veröffentlichten Statistiken über Mordraten, Selbstmorden und Unfällen mit Schußwaffen. Es ist einfach so, wie es ist. Die Deutschen haben ihr ungebremstes Fahrvergnügen, die Amerikaner ihr vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz. weiter lesen

Eine überflüssige Debatte über „Gun Control“

„Crime Scene Las Vegas“. Foto: Reuters.

Machen wir uns nichts vor, der Zug hat schon lange den Bahnhof verlassen. Die Amerikaner sollten einfach erkennen, dass der Wilde Westen mit seinen Revolverhelden ein Teil dieser Gesellschaft war, ist und bleiben wird. Der Aufschrei nach dem wahllosen Abschießen von Konzertbesuchern am Strip von Las Vegas ist eigentlich mehr als heuchlerisch. Was bringen die Trauerworte, die Mitleidsbekundungen und die Danksagungen an Rettungskräfte und Polizei, wenn schon jetzt feststeht, dass die Frage nicht ist, ob es wieder passieren wird, sondern wann es wieder passieren wird? weiter lesen

OJ ist zurück im Rampenlicht

OJ Simpson nach Jahren im Gefängnis. Foto: Reuters.

Als 1994 in Ruanda Hunderttausende mit Macheten, Knüppeln und Speeren abgeschlachtet wurden, blickte die Welt ganz woanders hin. In Los Angeles waren Nicole Brown Simpson und Ron Goldman ermordet worden, als Verdächtiger wurde der geschiedene Ehemann, der frühere Football Star OJ Simpson ausgemacht. Ein Medienzirkus ohnegleichen begann, der sich hinzog. Simpson wurde der Prozess gemacht, im Oktober 1995 fiel das Urteil der 12 Geschworenen: „not guilty“.

Doch damit waren Simpsons Probleme nicht vorbei. Er wurde in einem Zivilprozess von den Hinterbliebenen von Brown Simpson und Goldman verklagt. Im Februar 1997 sprach eine Jury den Familien 33,5 Millionen Dollar Schadensersatz zu. OJ Simpson war damit finanziell ruiniert. Alles was er hatte, alles was er fortan verdiente wurde eingezogen. Der einstige Superstar der NFL zog nach Florida, um zumindest ein paar Dollar zu retten. Simpson verdiente sein Geld mit Memorabilia und Autogrammstunden, doch die Goldman Familie klagte weiter gegen ihn.

Der Lovelock Correction Center.

Dann kam der September 2007. OJ Simpson stürmte mit ein paar Komplizen in ein Hotelzimmer in ein Hotel in Las Vegas, um, wie er sagte, einige Gegenstände zu holen, die ihm gehörten. Doch ein Gericht sah das anders und verurteilte Simpson wegen bewaffnetem Überfall und Kidnapping zu einer Haftstrafe zwischen 9 und 33 Jahren. Er sitzt derzeit im Lovelock Correction Center in Nevada seine Jahre ab. Nun steht zum ersten Mal eine Anhörung an, in der entschieden werden soll, ob OJ frühzeitig und auf Bewährung aus der Haft entlassen werden kann. Aufgrund des großen Interesses werden Fernsehkameras am kommenden Donnerstag ab 10 Uhr morgens live aus dem Gefängnis übertragen. Unter den Sendern, die OJ Simpson vor dem Ausschuss zeigen wollen, ist auch der Sportsender ESPN. Ob der 70jährige frei kommen wird ist noch unklar. Wenn, dann würden sich für ihn erst im Oktober 2017 die Gefängnistore öffnen.

Fake News Nation

Donald Trumps Lieblingsbeschäftigung scheinen Schimpftiraden auf die Medien und ihre Vertreter zu sein. „Unehrlich“, „Lügner“, „Fake News“, das sind noch die harmlosesten Worte, die er findet. Seine Anhänger und Hofberichterstatter jubeln begeistert. Was für Trump „Fake News“ sind, das bestimmt er selbst. Kritische Berichte, Nachfragen von Journalisten, umfangreiche Recherchen im Umfeld von King Donald werden als „Lügen“ und „Falschnachrichten“ abgetan. Die Medien, so Trump, seien die Gegner des amerikanischen Volkes. Damit unterminiert er wohl ganz bewußt die amerikanische Demokratie.

Trump selbst ist der König der „Fake News“, wie ich in einem älteren Blogbeitrag schon dargelegt habe. Er nimmt es nie so genau mit der Wahrheit, verdreht Zahlen und Tatsachen, baute seinen Wahlkampf auf Angst auf und so regiert er auch im Weißen Haus. Und doch, Trump ist nicht der Begründer der „Fake News“, auch wenn er es wahrscheinlich gerne wäre, „the greatest Fake News“ Verbreiter.

Hier wurden schon viele Verschwörungstheorien geboren – die geheime Militärbasis Area 51 in Nevada. Foto: Reuters.

Amerika ist vielmehr eine Nation, die auf Falschmeldungen und fragwürdigen Nachrichten aufgebaut ist. Big Foot, Aliens, UFOs, Geisterjäger, dieses Land ist voller Falschmeldungen. Eine der erfolgreichsten und seit 1984 ausgestrahlten allabendlichen Radiosendungen in den USA ist „Coast to Coast AM“, eine Spätnachttalksendung, in der es nur über diese Art der Nachrichten und Ereignisse geht. Verschwörungstheorien und UFO-Sichtungen werden genauso ausführlichst diskutiert, wie die jüngsten Meldungen von der anderen Seite des Jordan. Pro Woche erreicht „Coast to Coast AM“ auf über 600 Stationen fast drei Millionen Hörer.

Ich selbst war vor ein paar Jahren auf einem UFO Kongress. Dort führte ich Interviews mit UFO-Wissenschaftlern, -Historikern, -Experten und selbsternannten investigativen Reportern. Eine Frau beschrieb mir mit ernster Stimme, wie sie schon viermal von Außerirdischen nachts abgeholt worden war, um sich auf dem Mars Untersuchungen unterziehen zu lassen. Sie war allerdings rechtzeitig zum Aufstehen wieder in ihrem Bett. Für das gleiche Feature reiste ich auch nach Rachel, Nevada, der Ansiedlung, die am nähesten zur Area 51 liegt. Auch dort traf ich Menschen (oder Außerirdische), die mir die harten Fakten erzählten und jeglichen Zweifel an dem, was sie gesehen, gehört und erlebt haben als „Fake News“ abtaten.

Doch das sind die offensichtlichen „Fake News“, die es in diesem Land zuhauf gibt. Anders ist es da schon, wenn man durch die USA fährt, das Radio anschaltet und Talk Radio hört. Was ist da noch richtig und wahr, was halbwahr und offensichtlich falsch? Kurz hinter Reno kann man meist nur noch Mittelwellensender empfangen. Weiter auf dem Highway ins Heartland ändert sich auch das Programm. UKW ist ein einziges Rauschen, AM Radio ist die einzige Möglichkeit. Drei Stunden „Farm-Talk“ gefolgt von drei Stunden „Gun-Talk“ und dann drei Stunden Rush Limbaugh, der König des Talk-Radios. Er und andere, wie Michael Savage, Sean Hannity, Mark Levin verdrehen da schon mal die Tatsachen, sehen Ereignisse aus ihrer amerikanisch-patriotisch-nationalistischen Sicht der Dinge. Es wird ein Schwarz-Weiß Bild von diesem Land gezeichnet, hier die Guten Amerikaner, dort die sozialistisch-kommunistisch-irregeleiteten Demokraten. So was bringt Hörer, Einschaltquoten, Werbeeinnahmen. „Fake News“ ist daher keine Neuerscheinung in den USA, sie sind heute nur weit verbreiteter und werden von ganz oben, vom „Fake News Commander in Chief“ verbreitet.

Ein ungewöhnlicher Ort der Trauer

Im Nordosten von Nevada, rund 120 Kilometer von Reno entfernt liegt Gerlach, eine 200 Seelengemeinde. Von dort sind es nochmal 15 Kilometer, dann fährt man vom Highway rechts ab auf die “Playa”, wie das riesige ausgetrocknete Seebett genannt wird. Hier findet alljährlich das Burning Man Festival statt. In diesem Jahr zum 30mal. “Welcome Home – this is Burning Man”

In diesem Jahr hat es rund 70.000 Menschen in die Wüste gezogen. Es ist heiß, es ist staubig, der Wind wirbelt den feinen Sand immer wieder auf, die sogenannten “White Outs” sind dann so intensiv, dass man bei ausgestrecktem Arm die eigene Hand nicht mehr sieht. Doch all das schreckt die “Burner” nicht ab, ganz im Gegenteil, Jahr für Jahr kommen die meisten wieder zurück, um hier zu feiern, unglaublich kreative Kunstprojekte zu erleben, ihre Batterien aufzuladen, eine Stadt für eine Woche aus dem Nichts entstehen zu lassen. Lange Zeit fehlte jedoch etwas, wie sich der Künstler David Best erinnert: „Wir haben hier eine Stadt entwickelt, wir hatten die Infrastruktur mit einer Polizeistation, einem Krankenhaus, Cafes, Toiletten, aber wir hatten keinen Tempel. Es war ein Ort des Feierns, aber es gab keinen Ort der Trauer. Und mit dem Bau des Tempels haben wir diese Lücke gefüllt.“

Im Jahr 2000 war David Best zum ersten Mal mit einem Tempel bei Burning Man. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall eines seiner Mitstreiter, entschied sich seine Gruppe in der Wüste bei Burning Man einen Gedenkort zu schaffen. Die Resonanz war so positiv, dass die Burning Man Organisatoren Best baten, im kommenden Jahr erneut einen Tempel zu bauen, weit draußen auf der riesigen Playa. „Ich baue ein Gebäude. Es ist leer, ich mache es zu einem schönen Gebäude und dann kommen sie und bringen das dorthin, an was sie glauben. Den Verlust ihres Hundes, den Verlust ihrer Tochter nach einem Autounfall, den Verlust eines Freundes, der Selbstmord begangen hat, eine gestorbene Mutter oder Vater. Einige glauben an ein Leben danach, andere nicht. Sie nutzen den Ort alle anders und ganz für sich.“

An einem Nachmittag vor dem Tempel. Zahlreiche „Black Rock Rangers“ und Vertreter von eingesetzten Polizeieinheiten beim Burning Man Festival stehen still in einem Kreis, hören zu, wie Ranger Paragon die Namen von getöteten Polizisten im ganzen Land vorliest: “Died in the line of the duty”. Eine Zeremonie, die man so hier auf dem Festival nicht erwartet hätte. Einige weinen, darunter auch Ranger Paragon, ein großer, kräftiger Kerl. Er wollte diese Gedenkveranstaltung organisieren, nachdem ein enger Freund von ihm getötet wurde. Der Burning Man Ranger schrieb 130 Polizeipräsidenten im ganzen Land an, die ihm Bilder und Infos von ermordeten Polizisten schickten. „Das Wunderbare an Burning Man ist, besonders am Tempel, dass es nicht darum geht, welche Reaktion man bekommt. Jedes Leben ist individuell, die Gefühle jedes einzelnen sind unabhängig von anderen. Jeder zieht also etwas anderes aus dieser Gedenkveranstaltung. Einige sind verärgert, andere traurig, andere fröhlich, einige bauen Brücken, um bessere Menschen zu werden. Es ist für jeden anders. Ich habe keinen Hintergedanken, ich wollte nur die ehren, die gestorben sind.“

IMG_2122Der Tempel beim Burning Man Festival ist ein spiritueller Ort. In diesem Jahr erinnert er sehr an ein nepalesisches Bauwerk. Überall stehen Namen von Verstorbenen, hängen Fotos – kleine, große – alte und junge Menchen darauf, Haustiere. Es ist ein sehr beklemmendes und sehr nahegehendes Gefühl all diese Blicke von Verstorbenen zu sehen, die kurzen und auch langen Botschaften der Hinterbliebenen zu lesen. Menschen laufen still an den Bildern vorbei, einige beten, meditieren, gehen hier in sich, wie es Ranger Paragon beschreibt: „Für mich ist der Tempel ein heiliger Ort in meinem Zuhause. Mein Zuhause ist die Burning Man Gemeinschaft. Hierher komme ich zum Reflektieren, zum Loslassen…und hierher habe ich auch die Asche meiner Mutter mitgebracht. Es ist ein Ort, an dem man mit sich ins Reine kommt, seinen Verstorbenen nahe ist, die Dinge beim Namen nennt, die man in seinem Leben ändern will. Es ist für jeden etwas anderes. Für mich ist es ein heiliger Ort.“

Manchmal spielt jemand leise auf einem Instrument, aber der Tempel ist vor allem ein Ort der Stille. Der Wind peitscht immer mal wieder den Sand um das Gebäude. Nachts hört man die donnernden Bässe der Clubs im Camp und der fahrenden “Art Cars”…doch auch das verändert hier nichts. Das Gebäude nimmt, so seltsam das auch klingen mag, einen ganz auf, man wird selbst als Besucher ganz still. Einige weinen, trauern um Verstorbene. Fremde legen ihnen eine Hand auf die Schulter, umarmen sie. Einfach so, für einen langen, innigen Moment. Genau das wollte der Künstler und Erbauer des Tempels, David Best, auch erreichen: „Wir sehnen uns so sehr danach, gemeinsam zu trauern. Hier, in diesem Tempel, lesen 40.000 Menschen den Brief einer jungen Frau, die vergewaltigt wurde. Sie sehen das und schließen ihre Arme darum. Das Bild eines kleinen Babies….Leute kommen auf mich zu und sagen, “mir ist nichts passiert, mein Leben ist wunderbar”. Und ich sage ihnen, dann gehe auf jemanden zu und teile das mit jemanden, dessen Leben eine Tragödie ist.

David Best baut nicht nur Tempel bei Burning Man. Er ist international tätig, hat schon in Irland gebaut, wird nach Burning Man nach Paris gehen, um dort einen Tempel zu errichten. Burning Man ist für ihn dennoch immer eine Herausforderung. Er sagt, der Tempel muß so gestaltet werden, dass jeder der ihn besucht, sich darin aufgehoben fühlt. Dazu kommt, dass er im finanziellen Rahmen bleiben muß, dieses Jahr kostete er etwas über 100.000 Dollar und, dass der Tempel innerhalb von zwei Wochen unter zum Teil widrigen Bedingungen errichtet werden kann. „Was ich zu Architekten und jungen, vergewaltigten Frauen gleichermaßen sage. das Gebäude an sich muß feinfühlig genug sein, damit eine Person, die Gewalt erlebt hat, hineingehen kann. Und es muß stark genug sein, diese Verletzung zu nehmen.“

Am Ende der Woche wird der Tempel verbrannt, mit allem, was in den Tagen zuvor dorthin gebracht und dort aufgeschrieben wurde. „Das ist ganz wichtig“, meint David Best. „Das Feuer läßt uns Vergessen, läßt uns Vergeben, läßt uns Sichern. Mit dem Feuer, wird alles wie in einen Safe gegeben.“

Welcome home from home

      Das Burning Man Festival 2016

Da bin ich wieder in der wirklichen Welt. Mehr als ein halber Tag Putzen und Entstauben liegen hinter mir, der Playa-Dust ist wirklich überall, in jeder Ritze. Der Wagen musste gründlichst gereinigt werden, denn der Staub erzeugt ein chemische Reaktion, wenn man ihn den läßt.

Es waren intensive Tage beim Burning Man. Schräges und Schrilles sieht man dort, grandiose, beeindruckende Kunstprojekte und auch Dinge und Objekte nach dem Motto was-will-mir-der-Künstler-damit-sagen. Aber alles ist gut auf der Playa. Was das Schöne bei Burning Man ist, man redet mit so vielen Leuten, mit denen man sonst nie in ein Gespräch verwickelt werden würde. Da war Scott aus Dallas, der auf der Anreise einen heftigen Streit mit Jimmy hatte, den er seit 30 Jahren kannte. Jimmy setzte Scott einfach aus, direkt neben meinem Camper. Als ich vom Medienzentrum zurück kam, lag da ein Haufen Zeugs im Wüstensand und Scott meinte, er sei hier zum ersten Mal und was er nun machen solle. Am Ende war alles gut, wir hatten viel Spaß miteinander.

Da war Katja aus Moskau, die mich eines Nachts im „Center Camp“ ansprach, ob es hier irgendwo eine WiFi-Verbindung gebe. Ich meinte, keine Ahnung. Sie zeigte mir auf ihrem Telefon ein Bild ihrer Tochter und sagte, sie müsse unbedingt ihre Kleine anrufen, sie vermisse sie so sehr. Ich bot ihr an, mit Skype daheim anzurufen, doch Katja meinte, Skype sei in Russland nicht erlaubt. What’s App funktionierte nicht, also sagte ich ihr, sie solle einfach anrufen. „Ehrlich? Es ist teuer.“ „Well, don’t talk for half an hour“, meinte ich lächelnd. Sie rief an, hörte ihre Tochter, war „happy“, legte auf, weinte, umarmte mich. Mit einem zufriedenen Lächeln ging sie in die Nacht hinaus.

Da war „Wipe out“, der gleich bei mir campte und schon morgens um 10 vier Budweiser weggedrückt hatte. An einem Abend fuhr er mit auf die Playa, doch das war nicht so einfach, denn „Wipe out“ meinte, er könne gut auf einem Rad fahren. Auf einer Strecke von drei Kilometern überschlug es ihn viermal, einmal drückte er voll die Vorderbremse und flog in hohem Bogen über den Lenker. „Alles ok, ich glaub‘, ich hab mir nur den einen Zahn angebrochen“, sagte er ganz ruhig. Als ich anhielt, um mir was anzusehen, war er auf einmal weg. Am nächsten Tag war er erst abends zu sehen, er sei noch etwas mitgenommen von der letzten Nacht, am Morgen sei er neben einem Camper aufgewacht. Kein Wunder, es blieb anscheinend nicht bei den vier Überschlägen.

IMG_2191Da war Jim, ein netter Alt-Hippie aus Carson City. Er erzählte viel über Nevada, die Landschaft, was es hier alles zu sehen gibt und wie sehr das Burning Man-Festival diesen Teil Nevadas verändert habe. Früher sei hier nichts los gewesen, nun kämen das ganze Jahr über Touristen, die sich die Black-Rock-Wüste und -Berge auch außerhalb des Festivals ansehen wollten. Für die kleinen Gemeinden im Umkreis sei das sehr gut, doch für viele Aussteiger, die hier ihre Ruhe finden wollten, sei es zu einem Fluch geworden.

Und dann war da David Best, der Künstler, der alljährlich den Tempel errichtet. Er, völlig verstaubt, erzählte vom Loslassen, von der Kraft des Lösens, der mitfühlenden Gemeinde. Ein sehr schönes und auch nachdenklich machendes Gespräch mit einem Ausnahmekünstler.

Ein paar Tage Burning Man sind eine Reise in ein ganz anderes Sein. Der Kampf mit der harten Umwelt, das Erleben und Erfahren von Kunst und Community, das Eintauchen in ein ganz anderes Leben…und so seltsam es auch klingen mag, es ist ein Loslassen von vielem, was einen, was auch mich im täglichen Leben zurückhält. Burning Man ist eine einzigartige und einmalige Reise.

In sich gehen im Sandsturm

Der Tempel ist das spirituelle Zentrum von „Burning Man“. Ein Ort, der einen berührt. Viele „Burner“ bringen Fotos und Erinnerungsstücke von Verstorbenen – Menschen und Tieren. Viele schreiben Erinnerungen auf, erzählen kleine, manchmal auch lange Geschichten. Andere schreiben nur Namen auf das Holz des Tempels.

Man sieht Menschen weinen, offen trauern. Fremde gehen auf sie zu, umarmen sie, halten sie. Manchmal ganz ohne ein Wort stehen sie umschlungen da. Für Sekunden, für Minuten, dann trennen sich ihre Wege wieder. Viele meditieren, beten. Religionszugehörigkeit spielt hier keine Rolle. Man lebt und erlebt Miteinander. Der Tempel ist ein Ort bei diesem Festival, der so ganz anders ist und gleichzeitig so persönlich.

Seit dem Jahr 2000 erbaut David Best Jahr für Jahr den Tempel. Ein Kunstwerk für sich, das am Ende verbrannt wird, mit allem, was dorthin gebracht wurde. Es sei eine Art Befreiung, ein Loslassen, meinte David zu mir. Er sei nicht religiös, er helfe nur an einem Ort wie diesem mit Trauer umzugehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Atmosphäre ist einzigartig und sehr schwer zu beschreiben, gerade auch, weil man hier mit so vielen Bildern von Verstorbenen umgeben ist. Allein das wirkt tief. Der Tempel an sich ist ein Grund hierher auf die Playa zu kommen. Selten fühlt man sich so sehr mit seinen eigenen  Erinnerungen, Gefühlen und Erfahrungen konfrontiert. Und das ist tief bewegend.

Nürnbergs Sohn auf der Playa

Nö, ich rede nicht von mir. Vielmehr habe ich hier Nürnbergs berühmtesten Sohn, Albrecht Dürer, getroffen, zumindest in einer Open-Air Kunstgalerie auf der Playa. Ein Künstler hat hier bekannte Gemälde kopiert und sich selbst reingemalt. Darunter auch das Selbstportrait von Albrecht Dürer. 

Nicht weit davon entfernt steht ein etwa fünf Meter großer Bär. Das besondere an Meister Petz ist sein „Fell“. Erst, wenn man ganz nahe davor steht, sieht man, dass das „Fell“ aus 160.000 Cent Stücken ist. Cents aus den USA, Kanada und den Euro-Ländern.


Es gibt in diesem Burning Man-Jahr einige fantastische Kunstobjekte auf der Playa, allerdings hindern die Sandstürme etwas beim Geniessen und Erleben der „Art“. Auch heute wieder gab es zahlreiche „White outs“, mit Windgeschwindigkeit bis zu 70 km/h. Man sieht dann keine fünf Meter weit und wird vollkommen eingestaubt. Nun eine Pause, ich lass den Wind etwas ausblasen, bevor ich mich wieder aufs Fahrrad setze.

„White out“ in der Wüste

Da bin ich nun bei Burning Man, es ist heiß, sehr windig und damit sehr staubig. „White outs“ heißen diese Sandstürme hier, man sieht keine fünf Meter weit. Und danach, sprich noch immer, ist man von Kopf bis Fuß mit feinem, weißen Staub eingestäubt. Meine Haare, Augenbrauen und Wimpern sind weiß.

Ich war heute schon etwas mit dem Fahrrad unterwegs, einige Kunstprojekte angesehen, einige Interviews geführt, doch die äußerlichen Bedingungen haben vieles behindert. Am frühen Abend habe ich noch eine kanadische Studentin sicher zu ihrem Camp gebracht, sie hatte „ziemlich zu viel“ den Alkoholpegel gehoben, schlürfte da planlos durch die Gegend, eine Salatschüssel auf dem Kopf haltend. Wie war das mit einer guten Tat am Tag?

Jetzt ist es Nacht auf der Playa in Black Rock City und ich werde nochmal losziehen. Feuer- und Lightshows, dazu hämmernde Beats… Mal sehen, was diese Einwochenstadt heute noch zu bieten hat.

Ich wink auch mal

Alles nur für eine Woche. Die utopische Gemeinschaft von Burning Man. Foto; Reuters.

Alles nur für eine Woche. Die utopische Gemeinschaft von Burning Man. Foto: Reuters.

Die Tore sind geöffnet, in der Black Rock Desert von Nevada beginnt das Burning Man Festival. Black Rock City wird in dieser Woche, nach Las Vegas und Reno, zur drittgrößten Stadt des Bundesstaates. Seit Wochen schon bereitet ein Heer aus Freiwilligen alles vor, Künstler bauen zum Teil ihre gewaltigen Projekte auf, Themen-Camps werden hergerichtet.

Es ist ein „one of a kind“-Festival, da draußen in der Wüste, ein ausgetrocknetes Seebett, Staub, Hitze, immer mal wieder Sandstürme, die jeden und alles mit einer feinen, weißen Staubschicht einnebeln. Den Sand hat man nach ein paar Tagen überall. Es ist nicht die einladendste Landschaft und Atmosphäre und dennoch zieht es jedes Jahr Zehntausende auf die Playa. Burning Man ist einzigartig. Kein Kommerz, keine Streitereien, keine Gewalt. Man grüßt sich, teilt, ist freundlich miteinander. Und an irgendeinem Punkt fragt man sich als Teilnehmer, warum dieser „Spirit“ nicht eigentlich auch da draußen, jenseits des Zaunes im Rest der „You-Ess-Eyy“ gelebt werden kann.

Es geht nicht darum, wild und bunt, schrill und schräg durch den Alltag zu gehen. Vielmehr darum anders sein zu können, gesehen und akzeptiert zu werden, mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt in Einklang zu leben. Ich laufe hier in Oakland mit meinem Hund täglich durch den Wald. Müll sieht man immer, irgendein Depp hat wieder einfach was fallen lassen, weggeworfen. Das sieht man nicht bei Burning Man, keine Müllhalden, keine leeren Flaschen und Dosen…und wenn doch, hebt ein anderer es auf und entsorgt es, wie es sich gehört, einfach so, ohne Kommentar. Allein diese Haltung, dieser „Community“-Gedanke macht Burning Man zu einem Erlebnis.

Ich freue mich auf die Zeit da draußen auf der Playa. Hitze, Staub und viel Schweiß. Mit dem Fahrrad werde ich unterwegs sein, die Kunstprojekte sehen, die Menschen beobachten, laute elektronische Musik hören und die Stille der Wüste genießen. Burning Man, welcome home. Hier unten gibt es die Live-Übertragung von der Playa auf youtube. Ich kann nur empfehlen, immer mal wieder den „Live-Feed“ anzusehen….und ja, ich werde mal winken. Sagen wir Freitag 19 Uhr deutscher Zeit. Ein Gruß vom Burning Man nach Nürnberg und darüberhinaus!

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