Mr. President, you’re the best!

Ein Buch, ein Leitartikel und schon steht das Weiße Haus in Flammen. Diese Woche lief nicht gut für Donald Trump, bis auf den gestrigen Abend, da ließ sich der Präsident wieder einmal auf einer seiner Jubelveranstaltungen feiern. Tausende huldigten ihm, Trump genoss sichtlich das Bad in der Menschenmenge.

Donald Trump vergisst im Menschenbad die Probleme daheim. Foto: Reuters.

Vergessen waren für eine kurze Zeit die Sorgen, wer im Weißen Haus, in seiner Administration mit Pressevertretern spricht, wer der New York Times erklärte, es gebe eine geheime Widerstandsgruppe im „White House“, die gegen ihn und seine folgenreiche Politik arbeite. Nachdem die ersten Informationen über das Buch von Investigativreporter Bob Woodward bekannt wurden, antwortete Trump mit Vertrauensbekundungen seiner „Generäle“ Mattis und Kelly. Beiden wird in dem Buch nachgesagt, sie hätten deutliche Kritik am Präsidenten geäussert. Beide ließen in dieser Woche verlauten, das stimme nicht. Der angesehene Washington Post Journalist Woodward habe sich die Geschichte selbst zusammen gereimt. Alles Lüge, alles „Fake News“.

Nur einen Tag später veröffentlichte die New York Times einen Beitrag eines anonymen Autors, der angeblich im Weißen Haus arbeitet und das bestätigt, was Woodward in seinem Buch beschreibt – eine Gruppe von Insidern, die gegen Trump arbeitet oder ihn zumindest im Zaum halten will. Der Präsident tobte, sprach von Verrat und Gefährdung der nationalen Sicherheit. Vize-Präsident Mike Pence gab schriftlich eine Erklärung ab, dass er nicht der Autor der Zeilen sei und verlangte auch von anderen in der Administration solch eine Gelübde abzulegen.

Keiner will es also gewesen sein, keiner will mit Bob Woodward gesprochen haben. Und das passt ins Bild dieser Administration und des politischen Washingtons. Wer mit Trump zurecht kommen will, der muss ihm huldigen, ihn preisen, als großen und einzigartigen Präsidenten, der historische Taten leistet, Amerika wieder „great“ macht, Amerika wieder an erster Stelle stellt und den Ruf Amerikas in der Welt erhallen läßt. Selbst einst kritische Senatoren, wie Lindsey Graham, der Trump als „unfit“, also als ungeeignet einstufte, schwärmt und verteidigt nun den Präsidenten. Auch andere, wie Marco Rubio, Ted Cruz und Rand Paul loben Trump immer wieder über den Klee, und das, obwohl sie noch vor kurzem schärfste Kritiker des Kandidaten und Präsidenten Trump waren.

Es sieht danach aus, als ob sich so einige in Washington und im Weißen Haus selbst „ihre“ Strategie im Umgang mit Trump zurecht gelegt haben. Augen zu und durch, Trump loben, im Honig ums Maul schmieren und hoffen, dass es am Ende nicht so schlimm sein wird. Das ist naiv, das ist opportunistisch, das ist schlichtweg dumm, denn den Schaden, den die Trump Administration anrichtet, wird über Jahre hinaus zu spüren sein. National und international sind schon jetzt fatale Konsequenzen der Politik zu sehen und zu spüren, die nichts, aber auch rein gar nichts mit „Make America Great Again“ zu tun haben. Man kann nur hoffen, dass die Wählerinnen und Wähler sich an all jene erinnern, die Trumps Politik mit möglich und mit unterstützt haben.

„Democracy dies in darkness“

Die renommierte Tageszeitung Washington Post hat unter ihrem Namen stehen: Democracy dies in darkness. Eine klare Ansage, die als Reaktion auf den Wahlsieg Donald Trumps kam.  Trump erklärte Medien, die ihn kritisierten und die nicht als Hofberichtstatter in der Trumpschen Welt fungieren wollen, zu „Fake News“. Was bedeutet, alles was Donald Trump sagt ist wahr, alles was Medienvertreter berichten ist unwahr. So die schwarz-weiß Logik des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nun wurden wieder die Pulitzer Preise vergeben, die angesehensten Auszeichnungen im amerikanischen Journalismus. Neben den großen Tageszeitungen, wie der Washington Post, der New York Times, des Wall Street Journals, sind gerade die vielen Auszeichnungen für lokale Zeitungen, wie die East Bay Times in Oakland, die Charleston Gazette Mail und auch die New York Daily News hervorzuheben. Denn die lokalen Tageszeitungen arbeiten mittlerweile unter erschwerten Bedingungen. In nur 15 Jahren sank die Mitarbeiterzahl zwischen 2001 und 2016 von 412,000 auf 174,000. Zahlreiche US Zeitungen machten im diesem Zeitraum ganz dicht. Es lohnte sich nicht mehr.

Die Pulitzer Preise machen immer wieder deutlich, wie wichtig eine breite, kritische und funktionierende Zeitungslandschaft ist. Ausgezeichnet werden eben nicht die Beiträge über die jüngste Pressekonferenz im Rathaus, der Neuzugang beim lokalen Profi-Team oder die Umfrage über „was halten sie vom vielen Regen?“ Nein, die Pulitzer Preise honorieren den kritischen Journalismus. Reporter werden geehrt fürs Hinsehen, Nachfragen, Recherchieren. Investigative Stories, die zeigen, welche Rolle Printmedien in unserer Gesellschaft einnehmen, einnehmen sollen, einnehmen müssen.

Was dabei und gerade in unserer Zeit hervor gehoben werden sollte, ist, dass kein Blog, dass keine Webseite, dass kein Social Media Star diese Arbeit übernehmen kann. Investigative Berichte brauchen Zeit, brauchen Geld, brauchen Reporter, die wissen, wie sie an eine Story herangehen, nicht aufgeben, sie auch unter erschwerten Bedingungen verfolgen. Und es braucht einen mutigen und weitsichtigen Herausgeber, der all das zu schätzen weiß. Der oder die es als Aufgabe von Medien sehen, in einer Demokratie eine mehr als wichtige Rolle zu übernehmen. Man muss nur in die Türkei blicken, um zu erkennen, was passieren kann, wenn die Meinungsvielfalt in den Medien aufgehoben, wenn die Presse quasi gleichgeschaltet wird. Democracy dies in darkness ist also nicht nur eine Standortbeschreibung für die Washington Post, es ist auch und vor allem eine Warnung an uns alle, wie leicht eine Demokratie gefährdet sein kann…hier, da und dort. Als passende Antwort auf Politiker wie Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan oder auch Vladimir Putin sollte man vielleicht überlegen, eine Tageszeitung, ein politisches Magazin, eine Wochenzeitung zu abonnieren. Es wäre zumindest ein Zeichen, das durchaus wahrgenommen wird, wie die Auflagensteigerungen der New York Times, der Washington Post, die steigenden Zuschauer- und Hörerzahlen von CNN, PBS und NPR seit der Amtsübernahme von Donald Trump belegen.

 

Die Welt hinter dem Tellerrand

„It’s what I do“ heißt das Buch der amerikanischen Fotojournalistin Lynsey Addario. Sie arbeitet für die New York Times, Time Magazine, National Geographic, wurde u.a. mit dem Pulitzer Prize und dem MacArthur Genius Grant ausgezeichnet. Addario ist in Kriegs-, Konflikt- und Krisengebieten unterwegs. Afghanistan, Irak, Pakistan, Sudan, Kongo, Libyen…wo es zu Gewalt, Krieg, Massenvergewaltigungen, Entführungen, Flüchtlingswellen kommt, da findet man die junge Frau.

In ihrem Buch beschreibt sie ihre Reisen, ihre Jobs, immer auf der Suche nach dem richtigen Bild, das vielleicht am Ende, daheim, eine Diskussion auslösen könnte. Vielleicht. Oder auch nicht. Sie sieht die Opfer, ist ganz nah dran. Afghanische Dörfer, die von amerikanischen Bomben getroffen, US Soldaten, die schwer verwundet und getötet wurden. Irgendwo in einem abgelegenen Tal von Afghanistan.

Sie wurde mehrfach entführt, beschossen, schwer verletzt. Kollegen starben. Tage- und wochenlang keine Dusche, Soldatenessen aus der Tüte, Müsliriegel anstelle eines Mittagessens und immer auf der Jagd, gehetzt durch die Welt. Addario beschreibt sich, eine Fotojournalistin, die auf ihre Weise Teil der Kriege wird. Ihre Bilder bewegen und schockieren, machen nachdenklich. Und dennoch, bringen sie was? Sie ist Teil einer neuen Kriegsreportergeneration, die nach den Terroranschlägen des 11. Septembers in die Welt zog. Einfach los, dahin, wo es knallte.

Was das auch Buch lesenswert macht, sind ihre Eingeständnisse, Angst zu haben, sich selbst zu hinterfragen, ob sie das überhaupt machen kann und darf. Bilder von leidenden, verletzten, gedemütigten Menschen zu schießen. Und dann ist da immer wieder der Weg zurück. Nach Wochen im Korengal Valley im Nichts von Afghanistan taucht sie ein in die lebendige Metropole Istanbul. Ein Leben zwischen den Welten. Sie hat Affären, trifft dann den Mann ihres Lebens, heiratet und wird schwanger. Und sie reist weiter in Krisengebiete. Der Tod, das Elend, Gewalt und Schrecken sind wie eine Droge. Es ist schwer zu beschreiben und doch so verständlich. Die heute 42jährige Lynsey Addario hat mit „It’s what I do“ eine beeindruckende und lesenswerte Biographie geschrieben, erschienen bei „Penguin Press„.

Das gedruckte Wort ist Gold wert

Die Pulitzer Preis Gewinner 2014 wurden nun bekannt gegeben. Die Washington Post und der Guardian US, der Boston Globe, die Tampa Bay Times, die Gazette (Colorado Springs), Reuters, die Detroit Free Press, der Philadelphia Inquirer, der Oregonian, der Charlotte Observer, die New York Times und der Center for Public Integrity. Sie alle wurden mit dem wichtigsten Preis im Printjournalismus geehrt. Ganz verschiedene Themenbearbeitungen und Recherchen wurden ausgezeichnet. Zum Teil arbeiteten Journalisten mehrere Jahre an einem Thema, um diese besondere, ihre, Geschichte, diese News Story, zu veröffentlichen.

Nachrichten kosten viel Energie, Aufwand und auch Geld. Wer sich diese Liste von Gewinnern ansieht, der merkt, dass hier noch immer Zeitungen viel Geld investieren, um einem „Lead“, einer ersten Vermutung zu folgen. Gott sei Dank! Daraus entwickelt sich dann eine Geschichte, ein Artikel, ein wichtiger Teil einer lebendigen Demokratie. Wie die NSA Berichterstattung zeigt, ist das manchmal mit erheblichen Gefahren verbunden. Und doch, Journalisten berichten, Zeitungen, wie auch Radiostationen und Fernsehsender, veröffentlichen und senden, Politiker und Behörden müssen reagieren.

Nachrichten sind kostenlos, sie passieren einfach. Doch die Berichterstattung darüber kann nicht kostenfrei sein. Eine Webseite mit den News im Schnelldurchlauf, ein Blogger, der lediglich Ereignisse subjektiv kommentiert, youtube, twitter und facebook können das nicht leisten, was Journalisten in monatelanger Kleinstarbeit, wie in einem Puzzlespiel zusammensetzen. Wer glaubt, Zeitungen haben sich überlebt, der verkennt die Macht des gedruckten Wortes.

Die Zeitungsindustrie steckt hier und auf der anderen Seite des Atlantiks in einer tiefen Krise. Redaktionen werden zusammen gelegt, Reformen durchgeführt, Einsparungen radikal durchgesetzt. Manchmal gleicht das einem Kahlschlag, der nur noch ein Gerippe von dem übrig läßt, was eine Zeitung eigentlich ausmacht – zu berichten, was passiert. Zu analysieren, was passiert. Zu kommentieren, was passiert. Und eben auch, die Möglichkeit schaffen, investigativ Themen, Ereignisse, Personen zu betrachten. Dafür stehen Zeitungen und genau das wird jedes Jahr mit den Pulitzer Preisen in den USA ausgezeichnet. Leser, Hörer, Zuschauer sollten sich also entscheiden, ob ihnen auch in Zukunft eine lebendige, kritische, unabhängige Medienlandschaft eine paar Euro und Dollar wert ist. Irgendwie lässt sich alles ganz einfach mit den Worten von Joseph Pulitzer sagen:
“Our Republic and its press will rise or fall together.”

YouTube Preview Image

Keinen interessiert’s in den USA

Da wählen die Deutschen und keinen Amerikaner interessiert es. So kann man in etwa den Bundestagswahlkampf aus Sicht der USA beschreiben. Hin und wieder mal ein Artikel in der New York Times, einer in der Washington Post, die dann auch von anderen Tageszeitungen übernommen wird. Der Großteil der US Zeitungen unterhält ja keine eigenen Korrespondentenbüros mehr in Übersee. Das war es dann aber auch schon. An Amerika geht der Zweikampf Merkel – Steinbrück unbeachtet vorbei. Und wenn dann doch mal berichtet wird, dann geht es eher um die Möglichkeit, dass Angela Merkel Stimmen an die „Anti-Euro Partei“ AfD verlieren könnte.

Die Bundeskanzlerin ist bekannt in den USA. „Merkel good“ hört man da immer mal wieder. Merkel wird mit Europa gleich gesetzt, ihr Name ist alles, was man über Deutschland und die deutsche Politik weiß. Das Parteiensystem, die politische Vielseitigkeit, die Wahlmöglichkeit an sich ist den Amerikanern unbekannt. Eine breite Berichterstattung, wie sie in Deutschland über jeden amerikanischen Wahlkampf bis zum Abwinken passiert, ist in den USA undenkbar. Viel zu kompliziert, viel zu wenige Schlagzeilen, viel zu kurz, viel zu unglamourös. Deutschland bleibt im weiten Amerika das Land der Bayern und des Oktoberfests. Politik zwischen Euro und Energiewende paßt da nicht ins Bild. Prost!

Nürnberg in der New York Times

Auch das gibt es noch, mal ein positiver Artikel über Nürnberg in der New York Times. Ein Reporter berichtet unter dem Titel „Linking Past and Present in Nuremberg“ im heutigen Reiseteil der Zeitung über die oftmals übersehene nordbayerische Stadt. Und dabei erklärt er sogar, dass man hier lieber von Franken als von Bayern spricht. Natürlich dreht sich alles um 3 im Weggla, Lebkuchen, Bier, Altstadt und Nazi-Geschichte, Altstadthofbrauerei, Bratwurstküche, Schäufelewärtschaft, Dürer, Spielzeugmuseum, Dokumentationszentrum – aber dennoch, als Leser wird man zu einem Besuch aufgefordert und eingeladen. Beim Lesen geht man richtig mit dem Reporter durch die Noris.

Die Bilanz des New York Times Journalistenausflugs, Nürnberg ist absolut eine Reise wert, zumindest eine einstündige Bahnfahrt von der Landeshauptstadt München. Finde ich ja auch immer wieder…

P.S. Das Bild wurde von einem Häftling im Todestrakt des kalifornischen Staatsgefängnisses von San Quentin gemalt.