Von Istanbul nach Niamey

Mamane Barka starb vor kurzem. Eine Mail von Sakina aus Niamey machte mich darauf aufmerksam: „This week Niger lost a big musician called Mamane Barka. So the musicians here were sad.“ Ein Land trauerte um einen der ganz großen Musiker, einem Meister der Biram. Bis dahin hatte ich von Mamane Barka noch nie gehört. Sakina schickte mir einige Links, ich hörte rein und bestellte umgehend die CD „Introducing Mamane Barka“.

Sakina, die ich über ihre Arbeit mit Studio Shap Shap kennengelernt hatte, erzählte von ihm, weil der Percussionist von Studio Shap Shap, Oumarou Adamou, mit Mamane Barka spielte und weltweit tourte. Auf dieser CD sind beide zu hören, zwei Meister ihres Instruments. Adamou konnte ich selbst im Garten von Sakina in Niamey erleben, ja, bewundern, wie er mit Händen und Füßen auf den Kalebassen trommelte, irrsinnige Töne aus seinen Instrumenten herausholte. Mamane Barka hingegen spielt die Biram, ein Instrument des Volkes der Boudouma aus dem Osten des Niger, direkt am Lake Chad gelegen. Für sie ist das Instrument heilig und geschützt durch den Geist des Sees, Kargila. Die Biram ist wie ein Boot gefertigt, ganz im Sinne der Kultur der Boudouma am Seeufer des austrocknenden Tschadsees.

Auf dieser Platte kann man vor allem traditionelle Boudouma Lieder hören, die sich um die Ahnen, das Leben als Nomaden, die Schönheit des Wassers und der Wüste, den Mut der Krieger drehen. Es sind nur zwei Instrumente zu hören, und dennoch wird eine große akkustische Welt erschlossen, die fremd und dennoch vertraut wirkt. Für mich, der schon mehrmals die Möglichkeit hatte in diese Region zu reisen, ist dieses Album ein perfekter Soundtrack einer beeindruckenden Landschaft. Musik ist hier die emotionale Sprache, die eine wunderbare Verbindung bietet.

Gaye Su Akyol wurde 1985 geboren, doch sie klingt wie eine Stimme aus längst vergangenen Tagen. Das macht für mich die Faszination dieser türkischen Sängerin aus . „Istikrarli Hayal Hakitattir„, ihr zweites Album, ist nun bei Glitterbeat erschienen, einem „Weltmusik Label“, das man einfach kennenlernen muss. Akyol verbindet in ihren Liedern musikalische Epochen, Genres, Sounds, Stimmungen. Es ist eine faszinierende Mischung zwischen dem, wie ich selbst Istanbul 1985 kennenlernte und wie ich es zuletzt 2017 erleben durfte.

Gaye Su Akyol spannt problemlos den Bogen zwischen damals und heute. Wandert durch die Zeiten, als wäre es ein Kinderspiel. Und dabei illustriert sie eine filigrane Distanz zum Publikum, die gleichzeitig anziehend ist. In ihren Liedern erwachen die 70er Jahre wieder mit einem Keyboard Sound, der frisch klingt. Sie klingt dann wieder, als ob sie in einem Schwarzweißfilm in einer französischen Bar auf einer kleinen Bühne steht, dicker Zigarettenqualm, ein paar Männer blicken fasziniert aus dem Schatten heraus auf diese Frau, die da auf Türkisch singt: „So all folks are beautiful yet are we ugly? / Were we given the sea and didn’t we swim? / No one ever has dried tears in our eyes“.

Eines von vielen Bildern, die mir als Hörer kommen. Orient, 1970er Jahre, Paris, kleine Bar…und doch ganz großes Kino, was Gaye Su Akyol hier auf „Istikrarli Hayal Hakitattir“ präsentiert. Eine wunderbare, mitreißende Platte, die ich jedem nur ans Herz legen kann, der offen für die weite musikalische Welt da draußen ist.

Amerikas Kriege und die Folgekosten

Mehr Milliarden Dollar und Euro für die Verteidigung. Die Militärhaushalte der 29 NATO Länder sollen drastisch nach oben geschraubt werden, das verlangt der amerikanische Präsident Donald Trump. Sein Ziel sei es, die Verteidigungshaushalte aller NATO Länder auf vier Prozent des BIP aufzustocken. Die USA, so Trump, würden schon jetzt weit über vier Prozent für das eigenen Militär aufbringen.

Was Trump allerdings nicht erwähnt und auch in den Medienberichten kaum auftaucht, die USA haben nicht nur eine der größten und teuersten Armeen, die Amerikaner sind auch in unzähligen Ländern aktiv, wo man sich fragen muss, was sie da eigentlich machen. Praktisch in jedem afrikanischen Land sind amerikanische Soldaten stationiert, größtenteils sind das streng geheime Aktionen und Programme. Doch in allen Ländern Afrikas, in denen ich schon unterwegs war, von Ruanda, Kongo, Tschad, Niger bis nach Somalia, überall habe ich amerikanische Militärangehörige getroffen. Hinzu kommen Länder mit US amerikanischer Militärpräsenz in denen die USA in der Vergangenheit größeren Schaden angerichtet oder für Unruhe gesorgt haben.

So marschierten die USA im März 2003 gegen den Willen einiger NATO Partner, darunter auch Deutschland, im Irak ein. Der damalige Präsident George W. Bush und seine Administration wollten der Weltgemeinschaft weismachen, dass Saddam Hussein Giftgas herstelle und lagere und der Einmarsch Teil des „War on Terror“ sei. Auch würden die Iraker die Amerikaner mit Freudenstürmen empfangen, denn sie brächten Freiheit, Demokratie und ein Ende der Tyrannei. Der Plan, dass die Iraker die Eroberung von Bagdad mit wehenden amerikanischen Fähnchen feiern würden, musste schließlich aufgegeben werden. Der Irak und die gesamte Region bis hinunter in den Jemen brennen seitdem lichterloh.

Kein Wunder also, dass die amerikanischen Militärausgaben weitaus höher sind als die von Deutschland und vielen anderen NATO Ländern. Wenn Donald Trump davon spricht, dass die höheren Ausgaben seines Landes im Vergleich zu anderen NATO Partnern ungerecht gegenüber dem amerikanischen Steuerzahler seien, dann sollte er vielleicht zuerst einmal den amerikanischen Steuerzahler darüber aufklären, warum amerikanische Soldaten in Ländern wie Niger, Zentralafrikanische Republik, Äthiopien, Somalia und etlichen anderen Ländern rund um den Globus präsent sind. Denn davon wissen nur wenigsten in den USA.

Meine Reisen in die „Shitholes“ dieser Welt

Donald Trump erklärte Länder wie Haiti, El Salvador und afrikanische Länder zu „Shitholes“. Damit trat er einen „Shitstorm“ los, um beim Thema zu bleiben. Die Aufregung am Donnerstag war groß. Trump reagierte am Freitagmorgen und tweetete wie immer eine Antwort. Klar, alles sei gelogen.

Er habe niemals schlecht über Haiti gesprochen, denn er habe ja eine „wunderbare Beziehung“ zu den Menschen dort. Kein Wort von El Salvador oder den afrikanischen „Dreckslöchern“, die von Trump ebenso benannt wurden. Anscheinend steht der Präsident zu seiner Meinung, obwohl er bislang weder die Länder noch die Menschen dort kennengelernt hat. Aber die Aussage ist nur eine von vielen rassistischen Äußerungen Donald Trumps. Überraschend kam sie nicht (mehr).

Das Haus wurde mir von der Dorfgemeinschaft in einer kleinen Gemeinde im südlichen Niger angeboten. Wir hatten trotz der ernüchternden Situation um uns herum viel Spaß an diesem Tag.

Erschreckend war auch die Reaktion der Trump-Basis, die die durchaus rassistischen und beleidigenden Worte ihres Führers relativierten. So spreche man eben in der Kneipe, so sehen „Amerikaner“ diese unterentwickelten Orte, Trump verstehe einfach seine Wähler und drücke das aus, was sie denken. So, die einhellige Meinung auf FOXNews. Nun, ich bin auch Amerikaner, selbst Immigrant, wenn auch nicht aus einem „Shithole Country“, doch ich kenne einige der Länder, die unter den Trumpschen Hammer kamen: Niger, Somalia, die Demokratische Republik Kongo, den Tschad. Der Grund, warum Menschen fliehen, zu Flüchtlingen werden, ihre Heimat verlassen, ist sicherlich nicht der, dass sie meinen in den USA ein Lotterleben führen zu können. Oftmals hängt der Grund für die Flucht oder die Eskalation der Situation vor Ort auch mit der amerikanischen Außenpolitik zusammen. Wenn man, wie Trump, die Diplomatie nun fast nur noch auf Militäreinsätze und militärische Drohgebärden beschränkt, offene Stellen in den Botschaften nicht besetzt, wichtige Entwicklungshilfegelder kürzt oder ganz streicht, der braucht sich nicht zu wundern, wenn Menschen sich auf den Weg machen. Niemand wird geboren um ein Flüchtling zu werden.

Der fehlerlose Trump

Donald Trump dreht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Sogar den Tod von vier US Soldaten im Niger will Trump für sich nutzen. Erst reagiert er gar nicht darauf, kein Ton an die Öffentlichkeit und schon gar nicht an die Angehörigen, wartet 12 Tage ab, um dann auf die Frage eines Reporters zu antworten, dass er das sowieso viel besser mache als Barack Obama und all seine Vorgänger. Er schreibe Briefe an die Hinterbliebenen, manchmal rufe er auch an, aber er mache viel mehr und alles viel besser als alle Präsidenten vor ihm. Ist klar! weiter lesen

Die Zukunft des Journalismus

Auf die Medien und die Journalisten wird ja in diesen Wochen und Monaten gerne eingeprügelt. Nicht nur Donald Trump hat seine Sündenböcke gefunden, die er unter dem Jubel seiner Anhänger beschimpft, verunglimpft und verbal bespuckt, auch die seltsame deutsche Bürgerbewegung Pegida und die sogenannte „Alternative für Deutschland“ sprechen gerne von der „Lügenpresse“.

Heute war ich auf Einladung einer alten Kollegin von KUSF, die für den Nachfolgesender „San Francisco Community Radio“ Medienarbeit an Schulen unterrichtet, am „Lycée Français de San Francisco„. Ihn ihrer Klasse waren zehn junge Schüler, die mich interviewten, Fragen stellten zu meiner Arbeit, meinem Werdegang und wie das so ist, Journalist zu sein. Sie hatten zuvor mit Farinaz Agharabi Fragen vorbereitet und die reichten von in welchen Ländern ich schon war, wie lange ich schon als Journalist arbeite, wie es dazu überhaupt kam als Journalist zu arbeiten, bis hin ob es auch mal gefährlich werde. Eine Frage jedoch ließ mich selbst nachdenken: ob ich gerne Journalist bin?

Ja, bin ich. Ich glaube, es ist der richtige Beruf für mich. Und das sagte ich ihnen auch. Ich bin neugierig und meistens bekommt man als Journalist auf seine Fragen Antworten. Ich reise viel und an Orte, die keine Urlaubsziele sind. Treffe Menschen, die ich wohl nie treffen würde, wenn ich nicht Journalist wäre. Viele von ihnen erzählen mir aus ihrem Leben. Oftmals sind es schlimme Erlebnisse, Erfahrungen und Umstände, von denen mir berichtet wird. Und doch sind da auch viele schöne Augenblicke, die ich nicht missen möchte. Im umkämpften Osten des Kongos gab es einmal einen Besuch in einem entlegenen Dorf, das immer wieder von Milizen angegriffen wurde. Das Dorf wurde geplündert, Frauen vergewaltigt, Männer brutalst zusammen geschlagen, erniedrigt, auch getötet. Als wir damals in dieses Dorf fuhren, wartete die evangelische Gemeinde rund eineinhalb Kilometer vor dem Dorf an der Straße, um uns zu empfangen. Wir stiegen aus und gingen gemeinsam mit ihnen, tanzend und singend, zu der kleinen Kirche aus Holzstöcken und Stroh. Und dort berichteten sie von den Schrecken ihres Alltags. Sie wußten, dass ich „nur“ ein Journalist bin, und doch war da jemand, der einfach mal zuhörte, Interesse zeigte.

Irgendwo in Ruanda liegt ein Fußballplatz.

In Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, spielte ich mit jungen Männern Fußball. Draußen standen unsere „Bewacher“ mit ihren Maschinengewehren und ich zog mir die kurze Hose an, schnürte die Turnschuhe und wartete auf meinen Einsatz. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und die jungen Kerle kurvten um diesen alten Sack aus Nürnberg problemlos herum, doch es war ein Erlebnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Normalität in einem geplagten Alltag. Fußball war auch in Ruanda so ein Erlebnis für mich. Irgendwo auf dem Weg zwischen Kigali und Gisenyi fuhren wir an einem Feld vorbei, auf dem ein gutes Dutzend Kinder in Fetzen bekleidet und barfuss Fußball spielte. Ihr Ball war nicht aus Leder, sondern aus Bananenblättern. Hart und dennoch rund. Damit spielten sie. Anfangs waren sie überrascht, als ich mitspielen wollte, doch dann lachten sie und spielten einfach weiter mit mir.

Und dann war da der Niger. In irgendeinem Dorf im Süden des Landes. Ich war mit CARE unterwegs, wir sprachen über die Auswirkungen des „Global Warming“ – Dürre und Hunger. Und dann saßen wir mit einer Frau und ihrem Sohn in ihrer Hütte. Einfach und kahl und lachten. Oder im Tschad, in einem Flüchtlingslager für Menschen aus der Zentralafrikanischen Republik, die viel, die sehr viel Schlimmes auf der Flucht erlebt hatten. Es war erst 10 Uhr morgens, doch schon sehr heiß und drückend. Ein Termin führte uns zu einem Brunnen, der von CARE gebohrt wurde. Auch dort wartete schon eine Gruppe von Frauen, Männern und Jugendlichen auf uns. Sie zeigten uns den Brunnen, wie er funktioniert und instand gehalten wird. Doch dann wurden Lieder gesungen, es wurde ausgelassen getanzt, die Besucher so willkommen geheißen.

Viele solcher kleinen, doch für mich großen Momente, machen den Job als Journalist aus. Und sie sind zahlreich. Die Menschen, mit denen ich spreche, die Orte, die ich sehe, die vielen Freundschaften, die ich über die Jahre schließen konnte. Die reichen von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts und Hilfsorganisationen bis hin zu Musikern und sogar einer Bundestagsabgeordneten. Journalist sein bedeutet hinzusehen und hinzuhören. Und es war schön, dieses Interesse heute im „Lycée Français de San Francisco“ zu sehen. Mädchen und Jungen, die Fragen hatten, die Antworten verlangten, die neugierig waren. Der Journalismus hat eine Zukunft, wenn man junge Menschen an die Tiefe und auch an die Schönheit dieses Berufes heranführt.

 

 

Ich schalt‘ mein Radio an

Heute am 13. Februar ist der Welttag des Radios. Und der sollte beachtet werden, denn Radio ist nicht nur 30 Jahre Lokalfunk in Nürnberg, ist nicht nur die abstrakte Diskussion über Digitalisierung und trimediale Berichterstattung. Radio lebt und ist wichtiger denn je.

Hier gehts zu Radio NIYYA-FM.

Afrika ist der Kontinent des Radios. Das hat viele Gründe, einer der wohl wichtigsten ist, dass die Kosten in der Technologie und Produktion, aber auch die Kosten des Empfangs deutlich unter denen des Fernsehens und der Printmedien liegen. Hinzu kommt, dass die Verbreitung von Radiosendungen um ein vielfaches einfacher ist, als die Fernsehübertragung. Radiogeräte und seit ein paar Jahren “smart phones” mit der Möglichkeit Radioprogramme zu empfangen sind weit verbreitet. Was darüberhinaus in afrikanischen Ländern ausschlaggebend für die Beliebtheit des Radios ist, ein großer Teil der Bevölkerungen in zahlreichen Staaten kann weder lesen noch schreiben. Sie beziehen ihre Informationen und Nachrichten vor allem über den Hörfunk.

Während in Nordamerika und Europa seit Jahren vom Ende des Hörfunks gesprochen wird, boomt der Radiomarkt in Afrika. Seit den 90er Jahren kamen neben den Staatsrundfunkanstalten immer mehr Privatsender und auch Community Stationen hinzu. Darüberhinaus strahlen nach wie vor internationale Anbieter, wie die BBC, die Deutsche Welle oder auch Radio France International ihre Rundfunkprogramme in verschiedenen Sprachen aus. Radio ist zu einem “vertrauten und weit verbreiteten Medium in den Industrienationen geworden und zur gleichen Zeit hat es die entlegensten Regionen in den ärmsten Ländern der Welt erreicht.” (DFID – Department for International Development, UK)

Der Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt, auf dem “Human Development Index” der Vereinten Nationen nimmt das Land regelmäßig den letzten Platz ein, die Fertilitätsrate von 6,89 (2014) ist die höchste weltweit, 74 % der Männer und 90 % der Frauen sind Analphabeten, die Kinderarbeit ist weit verbreitet. Die Probleme im Land bedingt durch den Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Desertifikation und die Terrorgefahr von außen wachsen stetig an.

Eierkartons an der Wand helfen gegen den Hall im Sendestudio.

Auf meiner jüngsten Reise in den Niger konnte ich auch wieder einen Sender im südlichen Teil des Landes besuchen. Community Stationen, offene Kanäle, Bürgerfunk und College Sender liegen mir seit jeher sehr am Herzen. Meine eigene Radiosendung “Radio Goethe” wird seit über 20 Jahren auf Dutzenden solcher Sender in sechs Ländern ausgestrahlt. Mein beruflicher Werdegang als Hörfunkjournalist begann beim nichtkommerziellen Sender “Radio Z” in Nürnberg.

NIYYA FM in Tchadoua ist eine Community Station, wie es sie viele im Niger gibt. Doch hier werden neben Musik, Nachrichten und Unterhaltungssendungen auch Gesundheitsprogramme ausgestrahlt. Das sind mal “Public Service Announcements” (PSA), kurze 1-2 minütige Spots zu verschiedensten Gesundheitsthemen, das sind Talk-Sendungen mit Fachleuten und Höreranrufen, das sind Beiträge und „Soap Operas“, in denen wichtige Themen aufgegriffen werden. Und die reichen von der Familienplanung über hygienische Standards im Haushalt bis hin zu Ernährungstipps und Behandlungsmethoden bei Erkrankungen. Der interessante Aspekt war und ist dabei, dass nicht eine NGO auf die Idee für diese Programminhalte gekommen ist, sondern vielmehr die Frauen im Sendegebiet an die Station herangetreten sind und darum gebeten haben.

Den Frauen ging es darum, wichtige Informationen für ihr alltägliches Leben zu erhalten, um diese umsetzen zu können. Unterstützt werden die Sender und die Programme von mehreren internationalen NGOs, wie CARE, in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfsorganisationen. Im Niger gibt es zahlreiche Community Stationen, die ähnliche Programme wie NIYYA ausstrahlen und die belegen, wie wichtig nach wie vor Radio ist. An diese Sender sollte man heute am Welttag des Radios denken. An jene Stationen, die mit wenig Mitteln sehr viel erreichen. Radio ist ein einfacher und direkter Weg Nachrichten und Informationen zu verbreiten.

Musik zum Entdecken

In Oakland regnet es, sogar mein Hund will nicht vor die Tür. Ich schreibe an einem Artikel über die Todesstrafe und so ganz nebenbei höre ich Musik der etwas anderen Art. Touch ist eine audio-visuelle Gemeinschaftsprojekt mit Sitz in London und Los Angeles. Das was auf dem touch Label erscheint sind klangvolle Soundlandschaften, denen man sich öffnen muß….wenn man denn will. Denn was hier zu hören ist, sind keine eingängigen Melodien, keine tiefgehende Texte, kein tanzbaren Songs.

Kennt jemand Bethan Kellough, Heitor Alvelos, Thomas Ankersmit, Yann Novak oder Carl Michael von Hausswolff? Alles Musiker und Klangkünstler, die auf touch ihre Arbeiten veröffentlichen. Nicht in großen Stückzahlen, wir reden hier von wenigen Hundert CDs oder LPs oder EPs oder WAV Files, die interessierte Hörerinnen und Hörer erwerben.

Gerade läuft das Album „Aven“ von Bethan Kellough. Es ist schwer zu beschreiben, was da gerade passiert. Es sind tragende Töne, mal laut, mal leise, die einen umspielen, live aufgenommen in Los Angeles. Ich bedauere, nicht bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. Es ist Hinhörmusik, nichts für nebenbei.

Da ist Heitor Alvelos, ein Klangkünstler, der jahrzehntelang Field Recordings sammelte und diese in seine Aufnahmen einfließen läßt. Manches klingt so wie der Wind in einer verlassenen Industrieanlage. Und nun fragt sich vielleicht der eine oder die andere, warum man sich sowas anhört? Warum nicht, ist meine Antwort. Musik ist mehr als nur das, was man im Dudelfunk, den Charts und Tanzschuppen zu hören bekommt. Das, was touch hier offenbart, ist die Verschiebung der „normalen“ Musikgrenzen. Hinhören, Zuhören, sich leiten lassen in ganz andere Klangdimensionen, wie wir sie kennen. Man muss sich darauf einlassen, bereit sein, sich fordern zu lassen.

Ein spitzer, schriller Ton drillt sich in meinen Kopf. Sechs Minuten lang, die lang und länger werden. Thomas Ankersmits „Stimulus 2489Hz-3295Hz“, ein irres Teil. Musik? Ich weiß es nicht, als es zu Ende ist hallt es in meinen Ohren weiter.

hararCarl Michael von Hausswolff vertont eine Reise nach Äthiopien. Field Recordings in einem Klangbad, das eigentlich aus einem einzigen Ton besteht. Es ist wie das Wohlfühlen in einem heißen Bad. Man rutscht tiefer in die Wanne, das warme Wasser umspielt den ganzen Körper. Hier ist es diese Musik, die einen ganz erfasst. Beeindruckend, was da passiert.

Ich bin mir sicher, nicht viele Menschen sehen und hören all das wie ich. Nicht, dass ich da das geschulte Ohr oder die musikalische Bildung genossen oder den intellektuellen Ansatz zur Klangkunst gefunden habe. Ganz im Gegenteil, ich tue mir sehr schwer, das in Worte zu fassen, was ich da höre. Diese Musik spricht mich vielmehr emotional an, auch wenn da nur ein Ton ist, der sich leicht verändert. Was ich jedoch in all den Jahren Plattensammeln und Radio Goethe produzieren und um die Welt reisen gelernt habe, ist, das Musik ein offenes Ohr verlangt. Wassertrommeln in Kamerun, ein Percussionist im Niger, der aus Kallebassen unglaubliche Töne herausholt, ein somalischer Musiker, der in Hargeisa nur mit seiner Stimme und einem traditionellen Saiteninstrument mich inne halten ließ. Und eben hier, die Tiefen, die Weiten, die Schwere, die seltsame Welt der Klangkunst. Musik verlangt das Hinhören ohne Grenzen im Kopf. Nicht mehr und nicht weniger. Ein etwas anderer Soundtrack für einen verregneten Samstagnachmittag.

Mit CARE nach Afrika

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

Besuch bei einer Kleinspargruppe im Niger. Foto: J. Mitscherlich.

In der Vorweihnachtszeit wird viel gespendet. Es ist nicht einfach, die richtige Organisation zu finden, der man vertraut, bei der man weiß, die Spende – ob groß, ob klein – kommt auch an. Schon mehrmals war ich mit der Organisation CARE Deutschland in Afrika unterwegs. Es ging in den Kongo, in den Tschad, nach Somaliland und Puntland und schließlich vor kurzem in den Niger. Vor Ort konnte ich mich über die Arbeit von CARE informieren, selbst sehen, wie das gespendete Geld eingesetzt wird, wie die finanziellen Mittel in den verschiedensten Projekten ankommen, genutzt werden.

Das reicht von der Flüchtlings- und Nothilfe im Osten des Kongos und im Süden des Tschad, über Bildungs- und Fördermaßnahmen in Somaliland und Puntland, der Unterstützung von lokalen Organisationen im Kampf gegen die Genitalverstümmelung am Horn von Afrika bis hin zu landwirtschaftlichen Projekten im vom Klimawandel betroffenen Niger und Gesundheitssendungen im dortigen Radio. Und das war und ist nicht alles, CARE ist breit aufgestellt in derzeit 90 Ländern.

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Auf den Reisen mit CARE lernte ich viel. Zu den Themen, über die Menschen, die Länder, die Kulturen. Aber auch über mich selbst. Vieles war nahegehend, was ich gesehen, was ich gehört habe. Oftmals war es eine Erdung für das eigene Leben. Was mich immer wieder beeindruckt hat, sind die vielen Projekte von CARE, wie sie angenommen und umgesetzt werden. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht einfach so dahingesagt, die Hilfsorganisation hat selbst viel in den 70 Jahren ihrer Existenz dazu gelernt. Wurden am Anfang, 1946, Lebensmittelpakete aus Amerika in das zerstörte Europa geschickt, um so das Leid und die Not etwas zu lindern, merkte man schnell, dass da mehr gebraucht wird. Schon kurz nach den ersten Lebensmittelpaketen, verschickte man auch Saatgut-, Werkzeug-, Arzneimittel-Pakete – Hilfe zur Selbsthilfe.

Und heute ist dieser Ansatz in allen Bereichen der CARE Arbeit zu finden. Neben der Nothilfe geht es auch immer darum, den Menschen eine Perspektive zu bieten, die sie mit etwas Unterstützung selbst erreichen können. In den kommenden Tagen berichte ich in einer dreiteiligen Serie in der Printausgabe der Nürnberger Zeitung über CARE, der Fokus liegt dabei auf meiner jüngsten Reise in den Süden des Niger.

Unterstützen kann man die Hilfsorganisation direkt mit einer Spende:
CARE Deutschland-Luxemburg e.V.
Sparkasse KölnBonn
IBAN: DE93 3705 0198 0000 0440 40
BIC: COLSDE33
Stichwort: Afrika Nothilfe
www.care.de/spenden

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„Back to Reality“

nigerDa bin ich wieder in meinem richtigen Leben. Die Tage im Niger waren schnell rum, dieser Blick in eine ganz andere Welt, ein anderes Leben, eine andere Kultur. Klimawandel, Unterernährung, Desertifikation, Terrogefahr. Alles ist wieder soweit weg, obwohl es für die Menschen dort der Alltag ist. Und doch, so eine Reise erdet mich immer aufs Neue. Es ist seltsam, ich sehe wieder vieles in meinem „normalen“ Leben mit anderen Augen.

Der US Wahlkampf dauert an und hat mal wieder eine neue Richtung eingeschlagen. In den Umfragen liegen Trump und Clinton nun fast gleich auf, doch wer schaut eigentlich noch auf diese Umfragen? In Europa ist nun der Vertrag zwischen der EU und Kanada unterschrieben worden. In Italien bebt die Erde. Der Krieg in Syrien geht weiter.

Ich überlege, wie ich das, was ich im Niger erlebt und gesehen habe in Artikel und Radiobeiträge verarbeiten kann. Und vor allem, wie ich dafür Interesse schaffen kann. Der Niger und seine Probleme sind weit weg. Ein Land von vielen in Afrika. Armut, Elend, Hunger, Terror, Krisen. Nichts Neues also und doch ist es wichtig, zumindest empfinde ich es so, dass man den Blick über den Tellerrand hinaus wagt. Was mir auf dieser Reise immer wieder deutlich gemacht wurde, ist, die Krise im Niger ist zu bewältigen. Der Hunger, die Unterernährung, die Anpassung an die verschärften klimatischen Bedingungen und selbst die Terrorgefahr im Land, all das sind Probleme, die gemeistert werden können. Die Menschen dort wollen nicht weg aus ihren Dörfern und Städten, ihrem Land. Sie wollen bleiben in ihrer Heimat und stellen sich den Herausforderungen. Der Niger ist zwar Durchgangsland für viele Flüchtlinge in Richtung Europa, doch kaum eine Nigrerin und ein Nigrer schließen sich dem langen Treck nach Norden an.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eine nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder.

Es wird gelacht bei der Zubereitung eines nahrhaften Hirsebreis für unterernährte Kleinkinder. Zutaten sind Hirse, Wasser, Milch und Erdnussöl.

Die Probleme sind zu bewältigen, das ist das Fazit dieser Reise in den Niger. Das kann ich für die Situation in meiner Wahlheimat USA nicht sagen. Mit dem Wahltag am 8. November wird kein Ende des Politklamauks erreicht, dann geht es erst richtig los. Ich will mir das Land unter einem Präsidenten Donald Trump gar nicht vorstellen. Mit Hillary Clinton im Weißen Haus werden die Gräben in den USA nur noch tiefer werden. Schon jetzt kündigen die Republikaner im Kongress an, die Demokratin mit Untersuchungsausschüssen zu überhäufen. Dazu kommt noch die große Frage, was Donald Trump selbst und seine Millionen Unterstützer im Falle einer Niederlage machen werden. Es ist schon seltsam, wenn man im ärmsten Land der Welt mehr Hoffnung und Zuversicht finden kann, als in der führenden Nation der Welt.

Musik ist wahrlich eine verbindende Sprache

Mal ehrlich, wer kennt eine Band, einen Musiker, eine Musikerin aus dem Niger? Ich muß ganz ehrlich sagen, ich kenne auch nur deshalb Fatou Seidi Ghali & Alamnou Akrouni, weil ich vor meiner Reise in den Niger nach Musik aus diesem mir unbekannten Land suchte. Viel gab es nicht zu entdecken, zumindest schien es mir so.

Am letzten Tag meiner Reise in den Niger hatte ich noch ein Hintergrundgespräch in der deutschen Botschaft, danach ein Interview mit dem Länderdirektor von CARE und dem Mann von CARE, der den Dialog zwischen Muslimen und Christen im Niger initiierte. Und dann stand zum Abschluß noch ein Besuch bei der Band Studio Shap Shap an. Eine Freundin meiner CARE-Mitreisenden war mit der Gruppe befreundet und meinte am ersten Abend in Niamey, wir sollten sie uns ansehen. Und zum Glück klappte es.

shap1Jeden Freitag spielt und probt die Band im Garten von Sakina zusammen, einer kleinen, ausdrucksstarken Frau voller Energie. Sie lebt seit 13 Jahren im Niger und hat für dieses Projekt eine Reihe von unglaublich guten Musikern um sich geschart. Unter einem selbstgebauten, traditionellen Holzpavillon ist der „Proberaum“. Teppiche, ein paar Stühle, die Instrumente, Lautsprecher darum herum aufgestellt. Kurz nach unserem Eintreffen begann die Magie, anders kann ich es nicht beschreiben. Instrumente, die ich noch nie zuvor gesehen habe im Einklang mit Field-Recordings von Sakina, die sie per Laptop einspielte. Dazu ein Percussionist, der seinen Fuß auf der Trommel ablegt, ihn bewegt und so Töne aus dem Instrument zaubert, die unglaublich sind. Ein Beat, dazu eine Bassgitarre, ein Klavier und dann noch eine Harfe aus Ziegenleder, selbst hergestellt vom Musiker aus dem Tschad.

shap2shap3shap4Und all das findet hier in diesem Garten zusammen. Hin und wieder hört man Alltagslärm im Hintergrund, ein Auto fährt vorbei, ein Kind schreit, jemand hämmert auf irgendwas herum. Aber selbst das stört nicht, irgendwie geht es auf in diese wunderbare Klangwelt, die hier vor meinen Augen und Ohren entsteht. Diese Mischung aus traditionellen Musikansätzen, an Field-Recordings, an Spoken-Word, diese Offenheit an Einflüssen und Musikstilen, es ist ein wahrer Hörgenuss. Und auch die vielen Sprachen der Musiker werden Teil dieser weiten Soundwelt. Unverständlich und doch so wunderbar passend. Sprache als Klangbereicherung.

Studio Shap Shap haben vor ein paar Monaten genau hier in diesem Garten mit der Unterstützung eines französischen Aufnahmetechnikers eine CD aufgenommen, die nun erscheinen wird. Zu hören UND zu erwerben ist sie schon auf der Bandcamp Seite von „Studio Shap Shap„. Ich kann sie nur empfehlen. Habe ich schon gesagt, dass dies ein wunderbarer Ausklang meiner Nigerreise war!?