Der Tag, an dem man Danke sagt

Eigentlich ist Thanksgiving ein schöner Feiertag. Die Läden schliessen, es wird ruhig auf den Straßen, man sitzt zusammen, isst, trinkt, teilt, geht ein bisschen in sich, blickt zurück und sagt Danke. Danke für das, was einen im ergangenen Jahr bewegt hat, was man richtig gemacht, was man überstanden hat, Danke an die, die bei einem waren, die zu einem gestanden haben. Und Thanksgiving an sich wurde nie kommerzialisiert, auch wenn gleich am nächsten Tag der größte Shopping Tag des Jahres ansteht – der Black Friday.

Ich schreibe eigentlich, denn nichts ist mehr so, wie es einmal war. Im Weißen Haus sitzt ein Präsident, der es sogar schafft, diesen Tag zu politisieren. Seine Tweets und seine Videobotschaft an diesem Donnerstag belegen dies. Trump kann nicht einfach mal ruhig sein oder eine Nachricht in die Welt schicken, die alle Amerikaner betrifft. Er muss immer etwas sagen, was ihn miteinbezieht, was polarisiert. Die klassische Weltsicht eines Egozentrikers.

In diesem Jahr ist viel passiert, vor allem auch hinterm Trump’schen Horizont. Aber das wird kaum wahrgenommen. Die Hungerkrise in Somalia, Südsudan, Nordnigeria und Jemen. Die verstörenden Bilder aus diesen Ländern, die Hoffnungslosigkeit der Menschen, das schiere Elend. Krieg, Hunger, Not. Die gewaltigen Naturkatastrophen rund um den Globus, die Flüchtlingskrisen auf allen Kontinenten. Und das alles vor diesem politischen Schmierentheater in Washington, in dem die Gesellschaft tief gespalten wird, Diktatoren hofiert und Hilfsgelder gekürzt werden, die politische Weitsicht zu einer sehr beschränkten Kurzsichtigkeit verkommt. Eine Nabelschau, die nur noch peinlich berührt.

Thanksgiving ist und bleibt einfach mehr, das sollte man an diesem Tag in den USA nicht vergessen. In diesem Sinne, ein „schönes Erntedankfest“ 2017!

In vier Ländern hungern 20 Millionen Menschen

Nigeria, Südsudan, Somalia und Jemen. Vier Länder, die irgendwo da drüben hinter dem großen Teich liegen. Nicht viele Amerikaner waren bislang dort, schon gar nicht Präsident Donald Trump. In diesen vier Ländern gibt es nicht viel zu holen. Große Hotels, Trump Towers und Golfplätze sucht man vergeblich, wenn man denn überhaupt danach suchen möchte.

20 Millionen Menschen sind von Hungerkatastrophen in diesen vier Ländern betroffen. Nur in einem, in Somalia, sind vor allem Umwelteinflüsse der Grund. In der Region am Horn von Afrika regnete es schon lange nicht mehr. Das Vieh stirbt, die Felder verdorren, die Menschen ziehen aus ihren Dörfern in die Städte und in Flüchtlingscamps, um zu überleben, um Hilfe zu finden.

Die USA sind einer der wichtigsten Geldgeber für humanitäre Hilfsprojekte der Vereinten Nationen. Allein im letzten Jahr überwiesen die Amerikaner 6,4 Milliarden Dollar an die UN. Der Generaldirektor des Internationalen Roten Kreuzes, ICRC, Yves Daccord meint denn auch: „Niemand kann die USA in Bezug auf Finanzierung ersetzen“. Mit Blick auf die derzeitige Krise, einer Mischung aus Konflikten in Nigeria, Südsudan und Jemen, der Dürre in Somalia und einer gewaltigen Hungerkatastrophe kommen die Hilfsorganisationen und die UN an ihre Grenzen. In diesem Ausmaß und unter diesen erschwerten Bedingungen wurden sie noch nie gefordert.

Der Osten Somalilands ist von der anhaltenden Dürre betroffen.

Wenn man in afrikanischen Ländern unterwegs  ist, sieht man überall die Schilder der „U.S. Agency for International Development (USAID)“. Die USA helfen in vielen Regionen bei der Entwicklung und beim Aufbau. Bislang wurde im Namen des amerikanischen Volkes weltweit geholfen. Doch auf die aktuelle Notfallsituation weiß man keine Antwort. Und das hat seinen Grund.

Genau in dieser Zeit der Krise fordert der neue amerikanische Präsident eine Kürzung der internationalen Ausgaben. Donald Trump will den Haushalt des Militärs um 57 Milliarden Dollar erhöhen, eine etwa 15 Milliarden Dollar teure Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen lassen und eine umfassende Steuerreform durchsetzen, die vor allem sehr gut Verdienende und Unternehmen entlasten soll. Und dafür will Trump quer durch die Bank bei anderen Ministerien einsparen. Im Gespräch sind auch 37 Prozent der Entwicklungshilfeausgaben zu kürzen. Ein fataler Schritt, der drastische Folgen haben wird, wie man jetzt schon sehen kann. „Wir haben derzeit keine Gelder zur Verfügung“, erklärte ein USAID Sprecher auf die Frage der Washington Post, wie die USA auf die derzeitigen Krisen in Nigeria, Südsudan, Somalia und Jemen reagieren werden.

Donald Trump setzt genau dieses „America First“ um, das er im Wahlkampf propagiert hat. Und das ohne Rücksicht auf Verluste. Denn mit der Kürzung von wichtigen Entwicklungshilfegeldern und der finanziellen Unterstützung für UN Notfallprogramme, geht der neue Mann im Weißen Haus über Leichen. Nun liegt es am Kongress mit seiner republikanischen Mehrheit den Einschnitten bei der „Foreign Aid“ nicht zuzustimmen, denn es geht wirklich um Leben  und Tod. Auch wenn man damit in den Wahlkreisen nicht punkten kann. Viele Amerikaner glauben nämlich, dass 25 Prozent der amerikanischen Steuereinnahmen in die Entwicklungshilfe fließen. Doch es ist gerade einmal ein Prozent der öffentlichen Gelder, die die USA für die „Developing Aid“ bereit stellen. Deutschland liegt sogar noch unter dieser Marke.

 

AMERICA FIRST….who cares about Africa

Südsudan, Nigeria, Jemen und Somalia. Vier Länder, in denen eine gewaltige Hungerkatastrophe droht. Betroffen wären etwa 20 Millionen Menschen. In drei der Länder sind für den Hunger vor allem Krieg und Terror verantwortlich. Am Horn von Afrika, in Somalia, hier vor allem in der unabhängigen Republik Somaliland und der semi-unabhängigen Republik Puntland, regnete es schon seit zwei Jahren nicht mehr. Die Felder verdorren, Ziegen und selbst Kamele verenden elendlich. Sie finden kaum noch Nahrung und kein Wasser mehr.

„America First“. Während die Welt gebannt nach Washington blickt und jedes Tweet von Präsident Donald Trump ausführlich debattiert, sterben in den drei afrikanischen Ländern und Jemen die Menschen. Der neue Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, hat für diese Länder ganz offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Es müsse umgehend gehandelt werden, so Guterres. Bis Ende März brauche die UN für Hilfsprogramme 5,6 Milliarden Dollar. Bislang stehen gerade mal zwei Prozent davon zur Verfügung. Der Leiter des „World Food Programs“, Arif Husain, erklärte: „Wenn man eine Hungersnot ausruft, dann sind schon schlimme Dinge passiert. Menschen sind schon gestorben.“

Bilder, die wir sehen sollten: Foto: Reuters.

Ein „Famine“, eine Hungersnot, wird nicht einfach so erklärt. Drei Fakten müssen zusammen kommen: wenn einer von fünf Haushalten in einer spezifischen Region unter extremer Nahrungsknappheit leidet. Wenn mehr als 30 Prozent der Bevölkerung unter akuter Unterernährung leiden. Wenn mindestens zwei Menschen von 10.000 pro Tag an den Folgen von Unterernährung sterben.

Und die USA unter Präsident Trump äußert sich bislang dazu nicht. Amerika ist der größte Geldgeber der Vereinten Nationen, doch Trump machte im Wahlkampf mehrmals deutlich, dass sich das ändern werde, wenn er ersteinmal im Weißen Haus sitzt. Bei der Übergabe im Außenministerium erklärten denn auch die Trump-Leute, dass nun ein neuer Wind auf der internationalen Bühne wehen wird. Fragen zu Afrika kamen, doch es waren Fragen wie, was bestimmte Einsätze, wie die Anti-Terror Aktionen gegen die Al-Shabaab Milizen in Somalia und die Jagd auf Joseph Kony in Uganda und Kongo mit den USA zu tun hätten. Alle amerikanischen Ausgaben, darunter auch die Finanzierung wichtiger Hilfsprojekte in Afrika, werden ab sofort auf den Prüfstand gestellt. „America First“. Was auch von den Leuten im „State Department“ gefragt wurde, gibt den Ton der Trump-Regierung weltweit vor: „Wie konkurrieren U.S. Unternehmen mit anderen Nationen in Afrika? Verlieren wir gegen die Chinesen?“

Es geht um Business, um Gewinne, um Absatzmärkte. Gelder für Hilfs- und Notprogramme bringen keinem Amerikaner etwas. Wichtig sind Jobs im eigenen Land, damit gewinnt man Wahlen. Verhungernde Menschen in Ländern, die sowieso kein Amerikaner besucht, interessieren da wenig. Sogar Gesundheitskrisen, wie der Ebola Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia, werden unter Trump neu bewertet. Nicht die Frage wurde gestellt, was vor Ort zu tun sei, um so eine Katastrophe mit 10.000 Toten in Zukunft zu verhindern, sondern: „Wie können wir verhindern, dass der nächste Ebolaausbruch nicht die U.S. trifft? „America First“…doch das ist nicht mein Amerika!

 

 

 

 

Nach dem Biafrakrieg kam der Rock

Wenn man von der afrikanischen Musik spricht, dann denken die meisten wohl an traditionelle Sounds, an Weltmusik. Heutzutage strahlen die Radiostationen in vielen Metropolen auf dem afrikanischen Kontinent mehr folklorische Klänge oder Hip Hop aus. Umso erstaunter war ich, als ich am „Record Store Day“ auf eine Box bei Amoeba Records in Berkeley stieß, in der die Rockmusik Nigerias vorgestellt wird.

Die nigerianische Rockmusik der 70er Jahre wird auf "Wake up you!" vorgestellt.

Die nigerianische Rockmusik der 70er Jahre wird in der CD und LP Box „Wake up you!“ vorgestellt.

Aktion heißt eine dieser Bands. Und sie kommt nicht aus England, den USA oder aus Deutschland. “Groove the Funk” wurde vielmehr 1975 in den EMI Studios in Lagos, Nigeria aufgenommen. Aktion ist Teil einer neuen CD und LP Box, die nun auf “Now Again Records” erschienen ist. “Wake Up You!” beschreibt eine lebendige, energiegeladene und hochkreative nigerianische Rockmusikszene am Anfang der 70er Jahre. Zu einer Zeit, in der sich das Land nach einem dreijährigen Bürgerkrieg, dem sogenannten Biafra-Krieg, langsam wieder erholte.

Zusammengestellt hat diese Sammlung der in Boston lebende DJ, Produzent und Musikhistoriker Uchenna Ikonne. Geboren in den USA wuchs er in den 80er Jahren in Nigeria auf: „Ich habe an einem Film gearbeitet, der in Nigeria in den 70er Jahren spielt. Dafür suchte ich nach Musik und kam mehr und mehr auf diese Rockmusik, von der ich begeistert war. Die meisten kannten sie gar nicht. Weder Leute außerhalb von Nigeria, noch in Nigeria selbst. Sie erinnerten sich nicht an diese Musik. Also dachte ich mir, es wäre interessant, das ganze wieder auszukramen.“

Die Musik Nigerias zu dieser Zeit vereinte die vielen Einflüsse des Westens. Rock, Funk, Soul, auch etwas Country und Folk. Und das vor dem Hintergrund der noch jungen Unabhängigkeit des Staates Nigeria, wie Ikonne erklärt: „Die Kulturnationalisten dachten, es wäre nicht sehr produktiv, wenn man nur die Musik nachahmen würde, die aus Amerika und England kommt. Aber, was nach dem Krieg, Anfang der 70er Jahre passierte, war, dass die Leute einen Weg fanden, um Rock mit lokalen Einflüssen zu bereichern. Das machte das ganze viel eigenständiger, als nur eine reine Kopie der ausländischen Musik.“

Teil 2 der umfangreichen nigerianischen Rockbox erscheint in wenigen Tagen.

Teil 2 der umfangreichen nigerianischen Rockbox erscheint in wenigen Tagen. Wieder als CD, LP oder als Download.

Nigeria war zu dieser Zeit auf dem Radarschirm der großen westlichen Plattenfirmen. Decca, Polydor und vor allem EMI investierten in den boomenden Musikmarkt Nigerias: „EMI war wirklich eine bedeutende Plattenfirma, die die Identität der nigerianischen Rockmusik mitformte. Denn als viele der Rock- und Pop-Bands in Nigeria nur das kopierten, was aus dem Ausland kam, drängten die EMI Produzenten ihre Künstler dazu, die Musik mit einheimischen Sounds zu verbinden. Rock und Funk angereichert mit lokalen, afrikanischen Elementen. EMI war dafür bekannt. Sie hatten diesen erkennbaren Sound, wenn es um Afro-Rock ging.“

Uchenna Ikonne sieht den brutalen Biafrakrieg im Land als einen Scheidepunkt für die Rockmusik Nigerias. „Der Bürgerkrieg hat die Entwicklung der Rockmusik in Nigeria aus mehreren Gründen beschleunigt. Zuvor war die populärste Musik, was man hier “Highlife” nannte. “Highlife” war keine ethnische Musik, sie war auch nicht an irgendeine ethnische Gruppe in Nigeria gebunden. Es war vielmehr Musik, die jeder mochte. Aber während des Krieges, mit den Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen, wurde “Highlife” kaum noch beachtet. Und da wuchs eine jüngere Generation heran, die lieber Soul und Rock hörte. Von daher hat der Krieg die Popularität der Rockmusik wohl beschleunigt.“

Und Rock war in diesen Nachkriegsjahren genau das richtige für eine Jugend, die sich ganz neu ausrichten mußte, meint Uchenna Ikonne: „Nach den Jahren der Gewalt wollten die Leute Musik hören, die schwerer war, mehr disharmonisch, die kraftvoll war, als das weiche “Highlife” und auch der weiche Soul, all das, was man vorher gehört hatte. Der Krieg hatte also einen großen Einfluß auf die Leute, sich der Rockmusik zu öffnen.“

Heute findet man in Nigeria kaum noch Spuren dieser nigerianischen Rockgeschichte. Auch deshalb sieht Uchenna Ikonne die Notwendigkeit für diesen historischen Rückblick. Teil eins von “Wake Up You!” ist nun als LP und CD mit einem umfangreichen Begleitbuch auf dem amerikanischen Label erschienen. Ende Mai folgt der zweite Teil.

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Das Bild vor Augen

Syrien, Irak, Libyen, Nigeria, Zentralafrikanische Republik, Demokratische Republik Kongo, Afghanistan und da ist auch noch die Ukraine. Ein paar der Kriegsschauplätze, die mir auf Anhieb einfallen. Der Blick in Deutschland und auch in den USA geht vor allen nach Osten in die Ukraine, denn dieser Konflikt könnte eskalieren und noch dramatische Folgen für Europa haben.

"Nukemap" wurde von Alex Wellerstein entwickelt.

„Nukemap“ wurde von Alex Wellerstein entwickelt. Hier kann man sehen, welche Auswirkungen ein Einschlag über der Nürnberger Altstadt hätte.

Daran mußte ich denken, als ich die Webseite „Nukemap“ fand. Eine Webseite, die von Alex Wellerstein eingerichtet wurde. Wellerstein ist Wissenschaftshistoriker mit dem Schwerpunkt Nuklearwaffen und -geheimhaltung. Er ist Assistenz-Professor am „Stevens Institute of Technology“ in Hoboken, New Jersey. Seine Dissertation schrieb er zum Thema “Knowledge and the Bomb: Nuclear Secrecy in the United States, 1939-2008.” Sein Blog ist ein umfassendes Archiv zum Bereich der Nuklearwaffen. Informationen über Technik, Hintergründe und die Geheimhaltung der militärischen Nuklearnutzung.

So ganz nebenbei hat er „Nukemap“ entwickelt, eine Seite, auf der man eine beliebige Adresse angeben und dazu eine passende Bombe aussuchen kann. Verschiedene Herkunftsländer sind angegeben, von den USA über Russland, Nordkorea, Pakistan, China. Dazu noch die Kilotonnenstärke.

Zuerst dachte ich an ein zynisches Spielchen, doch das ist es nicht. Die Karte zeigt nur den explosiven Radius. Man kann, man muß sich selbst vorstellen, was passieren würde wenn… Wellenstein will nicht schocken, sondern eher mit seinen Einschlagkarten aufklären. Der kalte Krieg ist zwar vorbei, aber die Gefahr einer kriegerischen Eskalation nicht gebannt.

Ein Mann im Schutzanzug

Zurück aus dem Tschad. Am letzten Tag hatte ich noch ein sehr interessantes und umfassendes Gespräch mit dem Leiter der UN Mission im Tschad. Der Schweizer Thomas Gurtner lebt seit über drei Jahren in N’Djamena und fasste für mich die Situation historisch und politisch zusammen. Die Region brennt, der Tschad ist das einzig einigermaßen stabile Land weit und breit. Der Westen sollte hinschauen, was dort passiert, meinte Gurtner, Europa ist nah. Die Konsequenzen eines gescheiteren Tschad wären immens.

Deutschland ist im Tschad aktiv. In den Flüchtlingslagern sieht man Schilder und Plakate, auf denen erwähnt wird, dass dieses oder jenes Projekt mit Geldern des Auswärtigen Amtes und des BMZ unterstützt wurde. Die Hilfsorganisation Care ist vor Ort ein verlässlicher Partner. Die deutschen Steuergelder kommen da an, wo sie helfen sollen. Und das wird geprüft. Für jeden ausgegebenen Euro gibt es einen Beleg. Der Papierberg ist immens, die Pressesprecherin von Care Deutschland schleppte am Ende der Reise einen zusätzlichen fast 30 Kilogramm schweren Koffer mit zurück nach Bonn. Gefüllt nur mit Papier. Abrechnungen, die ans Auswärtige Amt gehen und dort genauestens geprüft werden. Der Umfang der Hilfsangebote und Hilfsprojekte von Care im Tschad ist jedoch gefährdet. Es fehlen Gelder, um den aktuellen Stand auch nur halten zu können. Wie es weiter gehen soll, das ist derzeit noch offen.

Am Abend ging es dann mit Verspätung von N’Djamena zuerst nach Kona in Nigeria. Turkish Airlines mußte aufgrund der Ebola Krise in Westafrika seine Flugroute ändern. Normalerweise fliegt TK zuerst Kona an und dann in einem Spreizflug weiter nach N’Djamena, bevor es zurück nach Istanbul geht. Doch der Tschad gibt derzeit keine Landeerlaubnis für Flüge aus Westafrika, Nigeria eingeschlossen. Also fliegt TK andersrum, Istanbul – N’Djamena – Kona – Istanbul.

Ebola "Screening Form" auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Ebola „Screening Form“ auf dem Flug von Nigeria nach Istanbul.

Auf dem Flug von Kona an den Bosporus rannte dann zuerst mal eine Flugbegleiterin mit einer Tüte, auf der „Do not open, burn right away“ stand,  in den vorderen Bereich der Kabine. Mit etwas darin kam sie zurück. Anschließend dann die Durchsage „Is a doctor on board?“. Kein Arzt meldete sich. Das war die letzte Durchsage. Formulare, „Screening Forms“, wurden verteilt, auf denen man Kontaktinformationen und Gesundheitsprobleme vermerken sollte. Interessant die Telefonnummer 080EBOLAHELP für etwaige Rückfragen. Fortan liefen die Flugbegleiter nur noch mit Mundschutz und Latexhandschuhen durch das Flugzeug.

Nach der Landung in Istanbul ging ersteinmal gar nichts. Die Passagiere wurden lediglich aufgefordert sitzen zu bleiben und zu warten. Auf was, keine Ahnung, bis dann eben nach rund 45 Minuten zwei Personen in Schutzanzügen durchs Flugzeug marschierten.

Mundschutz für die Flugbegleiter, Schutzanzug für die Bodencrew.

Mundschutz für die Flugbegleiter von Turkish Airlines, Schutzanzug für die Bodencrew.

Sie schauten sich den „Patienten“ genauer an, nahmen die Temperatur von einigen anderen. Doch eine klare Ansage von Turkish Airlines fehlte. Wir warteten. Und warteten. Und warteten. Bei jedem Husterer eines Mitpassagiers schaute man sich um, wer denn da seine Bazillen und Viren verbreitete. Die Mundschutzfraktion und die Schutzanzugtragenden liefen mal hoch und mal runter. Irgendwie hatte keiner einen Plan. Dann hieß es, wir dürften aussteigen. Als ich am Ausgang die „Screening Form“ der Stewardess geben wollte, meinte sie nur, die wäre für mich. Auf meinen Einwand, dass ich ja wüßte, wie ich heiße und ob mir schlecht sei, lächelte sie nur. Auch schön. Also stiegen wir alle in den bereitstehenden Bus und fuhren Richtung Terminal.

Doch dort durften wir nicht aussteigen. Warten und wieder keine Durchsage von Turkish Airlines. Die Fluggesellschaft lobt sich zwar an allen Ecken und Enden selbst, dass sie Europas beste Airline sei, die Werbeträger Kobe Bryant und Lionel Messi grinsen einem überall entgegen, aber im Kommunikationsbereich spielt sie derzeit noch in der anatolischen C-Klasse. Dann, nach weiteren 15 Minuten, durften wir schließlich den Bus verlassen, nachdem  (!) wir die „Screening Forms“ TK Airline Mitarbeitern ausgehändigt hatten. Mit etwas Gerenne durch den Atatürk Airport erreichte ich auch noch meinen Anschlußflug nach Deutschland.

Bislang hat sich auch noch niemand bei mir gemeldet, von daher hatte der vermeintliche Ebola Patient wohl nur eine lausige Grippe. Zurück im Alltag, ein kleiner Kulturschock, zurück zu den Alltagsthemen. Die Kongresswahlen in den USA stehen an, die Trockenheit in Kalifornien bleibt ein heißes Thema und überhaupt, alles was in Amerika passiert, scheint interessanter, wichtiger, weltbewegender zu sein, als das, was in einem Land wie dem Tschad vor sich geht. Das Geschäft mit den Nachrichten ist schon ein seltsames.

Kalifornien steht im Saft neben dieser Trockenheit

Kalifornien trocknet aus. Die Reservoirs, Flüsse und Seen sind auf dem niedrigsten Pegelstand seit Jahren. Im Winter schneite es nicht, Regen will auch nicht fallen. Der kalifornische Gouverneur Jerry Brown spricht von einer Notlage und will das Wasser rationieren. Darüber habe ich schon mehrmals berichtet. Kalifornische und amerikanische Themen kommen an, die Leserinnen, Leser, Hörerinnen und Hörer werden gerne darüber informiert, was sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten so tut.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Die Dürre hier ist anders als in Kalifornien.

Nun sitze ich im Tschad, einem sehr armen Land. Ein Großteil ist Wüste, die sich immer weiter Richtung Süden ausbreitet. Da ist der Tschadsee, vier Länder drumherum. Niger, Nigeria, Kamerun und Tschad. In den letzten 30 Jahren verlor der See nahezu 90 Prozent seiner Wasseroberfläche. In der Geschichte gab es zwar immer mal wieder Trockenperioden und auch der Tschadsee versickerte. Doch dieses mal ist es anders. Das Wasser fehlt, der Tschad ist trocken, Ernten und damit die Versorgung der Bevölkerung gefährdet. Eine Dürre macht sich breit. Hier ist die Trockenheit eine Gratwanderung, ob man gerade noch so an einer größeren humanitären Krise vorbeischlittert oder Zeit gewinnt. Mehr als Zweidrittel der Bevölkerung verwenden 80 Prozent ihres Einkommens auf die Grundversorgung. Preisanstiege für Grundnahrungsmittel können da nicht aufgefangen werden.

Der Tschad leidet unter einer Dürre. Anders als in Kalifornien ist das hier jedoch lebensbedrohlich. Kinder leiden aufgrund der Ernteausfälle an Mangelerscheinungen, internationale Hilfsorganisationen versorgen Hunderttausende mit Nahrungsmitteln. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Es wird höchstens noch schlimmer. Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Hier Kalifornien, dort der Tschad. Und dabei ist der Tschad ganz weit weg. Die Krisen, das Elend und die Not in Afrika sind kaum noch Themen. Man weiß ja schon davon, hat die Bilder schon oft genug gesehen. Bitte umblättern, bitte umschalten.

Eine Stadt in Afrika

Straßenbild in N'Djamena, Tschad.

Straßenbild in N’Djamena, Tschad.

Schön ist sie nicht, die Hauptstadt der Republik Tschad. Zumindest habe ich die schönen Seiten noch nicht gesehen, auch wenn es auf Wikipedia heißt, man sollte sich die „Altstadt“ ansehen. Also, die hier ist nicht zu vergleichen mit der in Nürnberg.

N’Djamena hieß bis 1973 Fort-Lamy, dann wurde die Stadt umbenannt. Die Spuren der Kolonialzeit sollten ausgemerzt werden. Viel ist von der französischen Herrschaft nicht übrig geblieben, man muss schon danach suchen. Heute morgen war ich zur Sicherheitsbesprechung im Büro von CARE. Der Compound der Hilfsorganisation liegt nicht weit vom Hotel entfernt. Ein paar Straßen weiter, zwei Kreisverkehre, dann ist man auch schon da.

Der Tschad ist Krisengebiet. Man muß nur auf die Landkarte blicken und weiß, hier könnte es schon bald drunter und drüber gehen. Im Norden Libyen, im Osten der Sudan, im Süden die Zentralafrikanische Republik, im Osten Kamerun, Nigeria und Niger. Eine Krise neben der anderen wickelt sich um das Land herum. Weite Teile der Grenze wurden von der tschadischen Regierung abgeriegelt, aus Angst vor Übergriffen. Libyen im Norden, Boko Haram im Westen, radikale Milizen im Süden. Dazu noch der Alptraum Ebola, der bereits hinter der Grenze zu Nigeria lauert. Zur Sicherung verwendet und verschwendet die tschadische Regierung riesige Beträge fürs Militär, Geld das woanders fehlt. Im Süden, Osten und Westen gibt es riesige Flüchtlingslager, Hilfen, Unterstützung und Programme aus N’Djamena gibt es nicht. Denn dafür sind ja die internationalen Hilfsorganisationen vor Ort.

Noch zwei Tage sind wir hier, dann geht es in den Süden des Landes, an die Grenze zur Zentralafrikanischen Republik. Flüchtlingslager, Elend, Not, eine vergessene Krise bei all den Krisen weltweit. War da was in Afrika?