Wir werden alle alt

Feature:     
Zehn Jahre nach Nirvanas „Nevermind“

Anfang der 1990er Jahre war ich begeistert von dem Sound, der aus dem Nordwesten der USA nach Deutschland schwappte. Es klang so ganz anders, als die 80er „Hair Bands“ in ihren engen Röhrenhosen mit ihren teils schnulzigen Popballaden. Mudhhoney, Nirvana, TAD, Green River, Soundgarden, Pearl Jam, The Walkabouts, Alice in Chains, The Murder City Devils, Screaming Trees mischten mit einem dreckigen Sound eine Welt im Umbruch auf.

Viel neues entdeckte ich bei einem längeren Aufenthalt in San Francisco, damals spielten all diese Bands in den unzähligen kleinen Clubs der Stadt, oben auf der Haight Street, im Mission Distrikt oder South of Market. Zurück in Nürnberg machte ich meine ersten Radioschritte bei Radio Z. Und immer wieder griff ich zu den Platten, die auf SubPop Records aus Seattle erschienen. Das Label verkörperte den Sound, der als „Grunge“ bekannt wurde.

1988 wurde das Label offiziell von Bruce Pavitt und Jonathan Poneman gegründet, doch schon zuvor war Pavitt in der lokalen Musikszene aktiv und veröffentlichte das Fanzine „Subterranean Pop“. Immer wieder legte er diesem Kassetten von lokalen Bands bei und war auch DJ beim Sender KCMU, heute KEXP. Die Geschichte von SubPop ist eine Erfolgsgeschichte. Ein Independent Label, das es schaffte, viele große Acts aufzubauen, allen voran Nirvana, die mit ihrem „Bleach“ Album auch im Nürnberger „Trust“ vor zwei Dutzend Zuhörern spielten. Mit dem Folgealbum „Nevermind“ wurden Nirvana, Seattle und SubPop weltweit bekannt. Auf einmal blickten alle auf den verregneten Nordwesten der USA mit seinen Holzfällerhemdenbands.

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung von „Nevermind“ reiste ich 2004 nach Seattle, um über das was war und wie sich alles mit dem Erfolg des „Grunge“ veränderte zu berichten. Das Feature kann man oben hören. SubPop blieb nach dem zwischenzeitlich stürmischen Zeiten wie es angefangen hatte, konzentrierte sich auf lokale und regionale Bands, auf den Klang, der einfach so anders war und ist: rau, roh, mit Ecken und Kanten. In diesem Jahr nun feiert das Label sein 30jähriges Bestehen. Ich sitze hier, krame meine alten Platten raus, drehe die Musik auf, beschalle die Nachbarn, erinnere mich an viele geniale Konzerte in so manchen versifften Spelunken und denke mir mit einem Lächeln, „boah, ich bin alt geworden!“

YouTube Preview Image

Eine wundersame Reise

Mehr durch Zufall bin ich auf den Autoren Adam Johnson gestoßen. Irgendwie, irgendwo hörte ich ein Interview mit ihm, war von seiner ruhigen Art beeindruckt und googelte ihn. Für seinen 2012 erschienenen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ erhielt er 2013 den Pulitzer-Preis, das Buch schoss auf die New York Times Bestseller Liste.

Gestern traf ich ihn für ein Interview im Goethe-Institut in San Francisco. Das liegt zentral, für uns beide gut zu erreichen. Im Raum Hamburg sitzen wir uns schließlich gegenüber. Eigentlich wollten wir uns schon vor Wochen treffen, doch Adam wurde krank, die Stimme versagte. Und das ist natürlich für ein Radiointerview alles andere als ideal. Adam Johnson lebt in San Francisco, ist 48 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, ist Englischprofessor in Stanford. Er habe ein langweiliges, normales Leben, sagt er von sich selbst. In seinen Büchern jedoch erlebt er die große weite Welt.

42500Vor kurzem erschien bei Suhrkamp seine Short Story Sammlung „Nirvana„, im englischen Original „Fortune Smiles“. Sechs Geschichten, die eine wundersame Lesereise sind. An einem Samstagnachmittag machte ich mich auf die Reise und war begeistert von Adams Sprache, seiner Nähe zu den Geschichten, in die er mich mit hineinzog, seinen Bildern, die er entstehen läßt, seine Liebe zu den kleinen Details. Im Interview beschreibt er sich als jemanden, der gerne recherchiert, der neugierig ist, der beobachtet. Als Kind begleitete er über mehrere Jahre seinen Vater nachts in den Zoo, der dort Nachtwächter war. Er erlebte die wunderbare Tierwelt von einer ganz anderen, nicht öffentlichen Seite. Später als seine Eltern sich scheiden ließen, ging seine Mutter arbeiten, er war tagsüber viel alleine. Adam erzählt im Interview, er ist damals viel durch die Nachbarschaft gelaufen, habe in Mülltonnen nachgesehen, was die Menschen so wegschmeißen und versucht sich davon ein Bild über die Personen und Familien zu machen.

Dieses Hinschauen, diese Neugier, die Dinge und das Leben an sich von einer ganz anderen Seite betrachten zu wollen, machen Adam Johnsons Erzählungen aus. Es geht um Grenzen und Grenzerfahrungen. Nicht direkt und plakativ, sondern ganz leicht und auch mal hintenrum, wie in der Geschichte „Mein Freund George Orwell und ich“, die sich um einen ehemaligen Leiter eines Stasi-Gefängnisses in Berlin dreht. Ich werde beim Lesen gerne mitgenommen, möchte danach in meinem Sessel sitzen, zufrieden sein und doch auch nachdenklich über das, was ich da gerade „erlebt“ habe. Adam Johnson schafft das auf eine sehr nahegehende und für mich perfekte Weise.

Seattle und Nirvana

Aus aktuellem Anlass….es sind zwar zehn Jahre seitdem vergangen, aber das Feature über Nirvana’s „Nevermind“ Album ist zeitlos. Hier kommen Wegbegleiter und Beobachter von damals zu Wort, die Bands wie Nirvana, Mudhoney, Pearl Jam, Soundgarden und andere begleitet haben. Also aufdrehen und zuhören:

Seattle und Nirvana     

Collegeradio ist ein Kraftwerk

KraftwerkIch habe hier ja schon viel über Collegeradio in den USA geschwärmt. Die Uniradios sind viel mehr als nur Studentenradio. Sie übernehmen oftmals die Aufgabe des „Community“ Radios, geben Minderheiten und anderen Themen ein Forum. Und sie sind Trendsetter. Viele Bands, die heute legendär sind, wie Nirvana, R.E.M., Metallica uva. haben auf Collegeradio begonnnen.

Ein DJ von KUSF hat mir nun eine Audiofile zugeschickt, die das erneut untermauert. Ende der 70er Jahre interviewte WKSU, der Sender von Kent State University, Ralf Hütter von Kraftwerk. Die Macher von Collegeradio erkannten schon früh, dass Kraftwerk bahnbrechende musikalische Ideen haben. Und die Band hat mit der Kurzversion von „Autobahn“ einen genialen Schachzug gemacht, denn damit war es möglich diesen Song in der normalen Rotation von Radiostationen unterzubringen. Da die Mitglieder der Düsseldorfer Formation sehr selten Rede und Antwort standen und stehen hier das WKSU Interview zum Nachhören.

Kraftwerk auf WKSU     

Radio tut gut

KUSFWenn man von Metallica, Tom Waits, Nirvana oder R.E.M. spricht, muss man auch College Radio erwähnen. Denn ohne die Uniradios in den USA wären all diese Bands und Musiker niemals bekannt geworden. Eine der bekanntesten und auch wichtigsten Collegestationen in Nordamerika ist KUSF in San Francisco, der Sender, auf dem ich vor 13 Jahren mit Radio Goethe angefangen habe. KUSF ist die Alternative im Grossraum San Francisco. Die zahlreichen Gold Records im Büro der kleinen Station belegen das, Bands haben so dem Sender ihren Dank ausgesprochen, nachdem sie gross rausgekommen sind. Wer weg will vom Kommerzfunk und Einheitsbrei streng formatierter Sender schaltet in San Francisco die 90,3 UKW ein. Hier hört man alles, was es woanders nicht gibt und man entdeckt die ganze Bandbreite des musikalischen Angebots. Manchmal ist das stressig und nervig, aber Musik ist ohne Grenzen und so ist KUSF. Das ganze nennt sich Freeform Radio.

Auf einer Photowand sieht man sie alle im Studio C sitzen, bevor sie die Charts eroberten. Kurt Cobain und PJ Harvey, Nick Cave und die Melvins. Collegeradio in den USA ist anders als das Uniradio in Deutschland. Zumeist hat man starke UKW-Frequenzen, wie beim Beispiel KUSF eine potentielle Hörerreichweite von 1,5 Millionen Hörern. Und viele der Universitätsstationen haben die Aufgabe des Community Radios übernommen und binden die verschiedensten Gruppen mit ein. Bei KUSF sind es etliche Fremdsprachenprogramme, dazu Kulturprogramme und Spezialsendungen. Und das beste an allem ist, KUSF ist schon lange keine Lokalstation mehr nur für San Francisco. Per Mausklick schalten sich Hörer von überallher zu. Wie wäre es also mit einer transkontinentalen Radiobrücke zwischen Nürnberg und der Bay Area? Kommentare und Hörerwünsche zum Programm sind immer willkommen. Und wem der Sound nicht gleich gefällt, keine Sorge, einfach dranbleiben. Freeform Radio heisst auch, dass mehrere Genres und Sounds in einer Stunde gespielt werden.

Seattle und Nirvana (Ein Audio Feature)

Auf der Suche nach einem Interview stiess ich in meinem Audio-Archiv auf ein altes Feature, das ich mal produziert hatte: „10 Jahre nach Nirvanas Nevermind“. Auf den ipod geladen, ging ich damit zum Laufen und hörte mir das ganze nochmal an…Es ist eine Soundcollage ohne Sprechertext, also brauchte ich mir nicht selber zuhören – Gott sei Dank!!! Aber da ich damals einige sehr interessante Gesprächspartner vors Mikro bekam, dachte ich mir, das könnte auch einige Leser/Hörer im NZ-Blog interessieren.

Nirvanas Nevermind