Als mich Leni Riefenstahl anspuckte

Die Bühne gibt es eigentlich nicht. Ein paar Stuhlreihen links und rechts und dazwischen wird gespielt. Als Zuschauer sitzt man mittendrin, muss auch mal die Beine einziehen, wenn die Schauspielerinnen Stacy Ross und Martha Brigham an einem vorbeilaufen, Beleuchtungslampen durch die Gegend schieben. Und eben auch direkt vor einem sprechen. Theater zum Anfassen.

Stacy Ross in der Rolle der Leni Riefenstahl.

Der Zuschauer wird Teil dieser Produktion, wird Teil der Geschichte. Denn das Publikum ist gefragt, über Schuld, Nichtschuld, Teilschuld, Unschuld der wohl bekanntesten deutschen Filmemacherin zu urteilen. Alles dreht sich um ihre berühmt-berüchtigten Meisterwerke „Triumph des Willens“ und „Olympia“. Ist es „nur“ Kunst oder waren diese Filme aktive Unterstützung des nationalsozialistischen Weltbilds und damit ein wichtiger Teil des brutalen Unrechtsregimes?

Auf zwei Leinwänden werden Ausschnitte eingespielt. Szenen aus der Altstadt Nürnbergs in dem kleinen Aurora Theater in Downtown Berkeley. Adolf Hitler im offenen Wagen, Nürnberginnen und Nürnberger, die dem Führer begeistert zujubeln. Es ist etwas surreal und doch auch so aktuell. Denn in den USA findet in diesen Tagen, Wochen und Monaten, eigentlich schon seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001, eine Diskussion statt, in der die Rolle der Kunst und Kultur in einer modernen Gesellschaft hinterfragt wird. Einer Gesellschaft, die von Terroristen angegriffen wird, in der von manchen Patriotismus, Familienwerte und Moral eingefordert werden. Welche Verantwortung hat die Kunst?

Leni Riefenstahl (Stacy Ross) sagt auf der Bühne, ihre Arbeit werde heute überall kopiert, die Bilder des letzten US Wahlkampfes fallen einem gleich ein. Wo sei also ihre Schuld, wenn sie nur hinter der Kamera stand, am Schneidetisch viele Stunden Aufnahmen kommentarlos zusammen schnitt? Sie habe sich nie positioniert, war nie politisch aktiv. Auf die Frage aus ihrem Nachkriegsverhör, ob sie eine Liebes- und sexuelle Beziehung zu Hitler und Goebbels hatte, antwortet Leni entrüstet. Hier wird sie zum Opfer, denn diese sexistische Frage impliziert, dass sie als Frau niemals diesen Zugang zum Führer gehabt hätte, wenn sie nicht willig gewesen wäre.

„Leni“ von Sarah Greenman ist ein beeindruckendes Theaterstück, voller offener Fragen und wenigen Antworten. Es beschreibt eine Frau, eine Künstlerin, deren Namen wir alle kennen, doch die wir alle kaum kennen. „Leni“ wäre ein Schauspiel für Nürnberg, vielleicht sogar eines, das im Dokumentationszentrum am Dutzendteich aufgeführt werden sollte, dort, wo Leni Riefenstahl ihren „Triumph des Willens“, Fluch und Segen der Künstlerin, einst drehte.

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Die Nürnberger San Quentin Connection

Die Welt ist kleiner geworden. Samstagmorgen kalifornischer Zeit und ich höre auf der Autofahrt nach San Quentin der Live–Übertragung der Fußballbundesliga auf B5 Aktuell zu. Vorbei an Downtown Oakland, Blick auf San Francisco und die Golden Gate Bridge, über die Richmond-San Rafael Bridge und schon bin ich auf dem Parkplatz des legendären und ältesten Gefängnisses von Kalifornien. Auf der anderen Seite der Bay liegen Tiburon und Belvedere, eine sündhaft teure Gegend in der Region. Hier lebten Steffi Graf und Andre Agassi, bis sie ihr Anwesen für etwas über 20 Millionen Dollar verkauften und nach Las Vegas zogen. Dort lebte auch Robin Williams bis zu seinem Freitod.

San Quentin hat eine Traumlage mit Blick auf die Bay, der Nebel, der durch das Golden Gate strömt, lässt das Staatsgefängnis oftmals links liegen. Das sehe ich auch wieder, als ich an diesem Morgen mit Reno in einem kleinen Stahlkäfig eingesperrt werde. Er ist braungebrannt vom vielen Scrabble Spiel auf dem Hof des „East-Blocks“, der Death Row in San Quentin. In aller Ruhe schmiert er sich Ketchup und Mayonnaise auf das Sandwich und den Burger aus den Automaten, die ich noch in der Mikrowelle aufgewärmt habe, dazu zwei Dosen Coca Cola, Popkorn und ein Milky Way, denn das gab es diesmal mit dunkler Schokolade.

Die Zellen im East-Block von San Quentin. Foto: Reuters.

Ein Besuch wie so viele zuvor. Im Käfig gegenüber ein Mitglied der Aryan Nation. Glatzkopf, langer weißer Bart, ein eindeutiges Tattoo am Hals. Der Mittfünfziger beobachtet uns mit ernstem Blick. Er wartet und wartet und wartet. Nach 50 Minuten wird er wieder mit Handschellen und Kette um den Bauch in seine Zelle zurück gebracht, sein angekündigter Besucher kam nicht. In den weiteren Käfigen Gefangene und Frauen, die sie besuchen. Sowieso fällt man hier als männlicher Besucher auf. Es gibt wohl eine Faszination von Frauen für Häftlinge mit einer aussichtslosen Haftstrafe. Und die hier ist noch härter als lebenslang, denn im normalen Strafvollzug kann man „private“ Besuche mit der Frau oder Freundin bekommen. Auf Death Row ist gerade mal ein Begrüßungs- und Abschiedskuss erlaubt. Während des Besuches müssen die Hände sichtbar, also auf der Tischplatte sein. Und doch all diese Einschränkungen und Aussichten schrecken Frauen nicht ab, ernsthafte Beziehungen mit Todeskandidaten einzugehen. Eine davon lebt sogar in Nürnberg. Sie hat einen „Death Row Inmate“ in San Quentin geheiratet. Nach einer Brieffreundschaft ging man den Bund der Ehe ein. Nun ist es eine Fernbeziehung zwischen Nürnberg und San Quentin. Ein paar Besuche im Jahr, Briefe und fast tägliche Telefonanrufe um die halbe Welt.

Ich sitze mit Reno fast zwei Stunden an diesem Tisch, draußen fliegen die Möwen vorbei, die Fenster sind mit einem Stahlgitter ausbruchssicher gemacht. Wir reden über alles mögliche, klar, auch der neue Präsident ist ein Gesprächsthema. „Ich schalte immer gleich weg, wenn er im Fernsehen kommt“, meint Reno. In seiner 1,20 x 2,60 Meter kleinen Zelle schaut er lieber Motorrennsport und träumt von alten Zeiten, als er in den 60er und frühen 70er Jahren auf seiner Harley durch die Gegend tuckerte. Lang ist es her. 1978 wurde er verhaftet, 1980 zum Tode verurteilt. Seitdem ist viel Wasser durchs Golden Gate rein und wieder raus geflossen. Ebbe und Flut kommen und gehen, in San Quentin ist ein Tag wie der andere. Der fast 72jährige ist schon über die Hälfte seines Lebens hinter Gittern. Im Hochsicherheitstrakt der „Death Row“ mit strengen Regeln und Abläufen sind Besuche mehr als willkommene Abwechslungen. Sie sind, trotz der offensichtlichen Umstände, ein stückweit normales Leben. Eine Umarmung, relativ schmackhaftes Essen von draußen, Lachen, Geschichten von der Außenwelt. Nicht viele der etwa 750 Todeskandidaten haben diese Möglichkeit. Die meisten von ihnen sind mit ihrer aussichtslosen Verurteilung und über die Jahre vergessen worden.

Auf dem Weg nach draußen und zurück zum Parkplatz treffe ich den Pressesprecher von San Quentin. Mit ihm war ich mehrere Male im Gefängnis unterwegs, verbrachte viele Stunden mit ihm. „Hey, how you’re doing? Good to see you.“ „Doing well, how yourself?“ Ein bißchen Smalltalk am Rande der Bay. Ein neues, größeres Thema schwirrt mir durch den Kopf, Arbeitstitel: 24 Stunden auf Death Row. Die Genehmigung könne er mir nicht erteilen. Das müsse ganz oben im kalifornischen Justizministerium entschieden werden und das würde dauern. Zeit, das habe ich über die Jahre gelernt, ist nicht das Problem, wenn man sich mit der Todesstrafe und der Death Row in San Quentin beschäftigt.

An Lebkoung am Golden Gate

lebkoungIch gebe zu, ich musste jetzt kurz suchen, wie man Lebkuchen auf Fränkisch schreibt: Lebkoung. Ich bin zwar in Würzburg geboren und in Nürnberg aufgewachsen, aber das Fränkische ging irgendwie an mir vorbei. Deshalb musste ich nun mal nachlesen, wie man das leckere Weihnachtsgebäck aus Franken im Dialekt schreibt.

Ja, auch hier am Pazifik findet man echte Nürnberger Lebkuchen. Ich war heute bei Trader Joe’s, der 100prozentigen Tochter von Aldi, und die hatten wieder eine ganze Palette geliefert bekommen. Es sind zwar nicht die feinen, saftigen Elisenlebkuchen, aber hier drüben, neun Zeitzonen hinter Nürnberg auf der anderen Seite der Weltkugel, darf man nicht wählerisch sein. Da muß eben diese eher staubig-trockene Variante schmecken.

Geht alles, und ja, als Nürnberger im selbstgewählten Exil, freue ich mich jedes Jahr darauf, wenn ich Ende November hier im Laden echte Nürnberger Lebkuchen finde. An der Kasse wurde ich wieder mal gefragt, ob ich die schon mal hatte. „Yes, I had them before. They’re from my hometown.“ Und der volltätowierte Bartträger meinte dann ganz begeistert: „Really! I gotta try them myself“, so, als ob ich ein bekannter fränkische Konditormeister sei. Ich habe es mir dann doch verdrückt ihm zu sagen, die Dinger heißen im Original „Lebkoung“. Ich glaube, das hätte ihn dann „weihnachtstechnisch“ etwas überfordert.

Nürnberg, die verfluchte Stadt

curse1Es war ein Bestseller auf der New York Times Buchliste, der Atlas der verfluchten Orte. Im Original heißt das Buch von Olivier Le Carrer „Atlas of cursed places – A travel guide to dangerous and frightful destinations“. Gut aufgemacht, mit Karten und vielen Details angereichert…und auch einem Kapitel über meine Heimatstadt Nürnberg.

Das Kapitel über „Nuremberg“ wurde mit der Unterzeile „Das finstere Echo der marschierenden Stiefel“ versehen. Ja, es geht in diesem Teil des seltsamen Weltatlas‘ um das Reichsparteitagsgelände. Eigentlich ist der Text gar nicht so schlimm oder reißerisch, wie man alleine durch die Aufnahme in diesem Buch annehmen könnte. Doch als Leser, der Nürnberg in und auswendig kennt, fragt man sich, warum ausgerechnet die Frankenmetropole und dann auch noch das nicht vollendete und zerbröselnde Reichsparteitagsgelände in diesem Buch auftaucht. curse2Wenn es darum geht, einen Ort vorzustellen, der das Grauen des Dritten Reiches darstellt, um verfluchte Orte in Deutschland und dem damaligen Deutschen Reich, wären andere Schauplätze des Nazi-Horrors wohl treffender gewesen: Auschwitz, Dachau, Buchenwald. In diesen Lagern fühlte ich selbst die historische Last, die da auf uns Deutschen lastet. Genauso erging es mir in Ruanda, als ich in einer kleinen Kirche in Ntarama war, in der 1994 Tausende von Menschen brutalst abgeschlachtet wurden. Die Kirche hatte keine Fensterscheiben, doch auch hier lag eine drückende Last auf einem. Man konnte in dem Raum nicht durchatmen. Das sind verfluchte Orte!

Nürnberg taucht also mal wieder in altbekannter Art und Weise in einem Buch in den USA auf. Wobei der letzte Absatz des Kapitels über „Nuremberg“ durchaus auch den Wandel der Stadt zeigt. Darin heißt es, dass heute in den einstigen SS Baracken, unweit des Geländes am Dutzendteich, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge untergebracht ist: „…demonstrating that one should never lose faith in mankind, even in the most cursed of places“.

Von einem der auszog, das Leben zu beschreiben

“Das Schicksal, das ist ja auch eine Hure und gezahlt hat der Reinhard schon im Voraus”.
Der Schlußsatz der Hurenballade, die Titelgeschichte der 13 Stories des Münchner Autors Roland Krause, die nun im Balaena Verlag erschienen sind. Krause lebte und studierte lange Jahre in Nürnberg, schreibt neben seinem Job als Sozialarbeiter Romane und Kurzgeschichten. Und vielleicht ist dieser Beruf an den Brandstellen der Gesellschaft auch der Grund dafür, dass der Autor ein begnadeter Hinseher und Hinhörer ist.

Seine beschriebenen Lebensgeschichten hinterlassen immer einen faden Geschmack. Man wünscht sich als Leser manchmal einen anderen Ausgang, doch weiß genau, so spielt das Leben, das eben kein Ponyhof ist. Roland Krause blickt nicht in die Villengegenden, schaut nicht auf die Schickeria. Vielmehr könnte der eine oder die andere seiner Darsteller der Nachbar von oben, die Frau aus dem Nebenhaus sein. Jemand, dessen Gesicht man kennt, an dem man tagtäglich vorbei läuft, vielleicht mal grüßt und dann sagt “da schau her”, wenn man die Todesanzeige in der Zeitung liest.

Roland Krause hat zuvor drei Krimis um den Münchner Hauptkommissar Josef Sandner für den Piper Verlag geschrieben. Schon da fielen mir seine scharf formulierten Umschreibungen der Handelnden auf. Auf diese Blickweise der Mitmenschen baut er auch seine Kurzgeschichten auf. Auf den wenigen Seiten einer Story lässt er einen Alltag entstehen, in dem “Menschen” leben. Es sind keine Kunstgestalten, keine Superhelden, keine geschniegelten und gestriegelten Zeitgenossen, keine “In-People”. Krause ist der stille Beobachter in einer Großstadt, in der das Leben nicht perfekt ist, auch wenn wir das gerne so hätten. Menschen um uns herum leben und leiden, trinken und weinen. Sind depressiv, traurig, einsam. All das beschreibt Roland Krause in seinen Geschichten. Stellenweise süffisant, mit Humor, der durchaus auch manchmal schmerzt. Ja, auch das ist das Leben, man labt sich an dem Schicksal der anderen.

Und da ist doch auch immer ein kleiner Lichtstrahl, der durch den dunklen Vorhang des mürbe machenden Alltags kommt. Ein bißchen körperliche Wärme, Hilfe für Hilfesuchende, Mitgefühl, Empathie, Nachbarschaftssinn, Freunde, die man nicht glaubte zu haben, Hoffnung am scheinbaren Ende eines Lebens.

In den 13 Stories der “Hurenballade” bekommt der Leser einen Eindruck auf das Leben zwischen Hochglanzmagazinen und “Reality TV”. Die Handlungen spielen in München, doch es könnte jede andere deutsche Stadt sein. Die Sprache die Krause wählt ist überlegt und treffend, mal knapp, dann wieder fulminant in der Wortwahl. Immer wieder durchmischt er seine Sprache mit Dialekt, doch das gibt seinen Beobachtungen eine besondere Art der Nähe. Auch als Nicht-Bayer versteht man die Worte.

Wenn man an die bayerische Landeshauptstadt denkt, kommt einem der FC Bayern, das Oktoberfest, die CSU und die Kulturmetropole München in den Sinn. Genau vor diesem Hintergrund, doch ohne ihn anzusprechen, läßt Roland Krause seine Handelnden leben. Er zeichnet ein ganz anderes Bild, eines, das wir die Normalsterblichen, die 99 Prozent, alle kennen. Und er als Sozialarbeiter an den Wunden und Narben der Gesellschaft erst recht. Doch hier schreibt niemand mit erhobenem Finger, kein selbsternannter Besserwisser mit mahnenden Worten und schon gar nicht ein Weltverbesserer mit politischen Lösungsvorschlägen.

All das ist dem Autoren fremd. Krause ist vielmehr derjenige, der in der Eckkneipe an seinem Bier nippt und still den Gesprächen der Umstehenden zuhört, der im Café sitzt und sich Notizen macht. Er läßt das Leben sacken. Er sieht die Leute um sich herum. Nicht nur die junge, gutaussehende Frau, die auf ihren High Heels in der Innenstadt vorbei stöckelt oder den erfolgreichen, gegelten Geschäftsmann an der Ampel, der in seinem neuen Porsche ins iPhone brüllt. Das ist München, das ist eine Metropole, wie wir sie oftmals wahrnehmen. Glanz, Glitter, Gloria. Doch das ist nicht das Leben, wie es uns Roland Krause beschreibt, wie wir es kennen. Er zeigt uns den Alltag, blickt hinter die Türen des Nachbarn im Hochhaus, in der Sozialbausiedlung, er erzählt die Geschichten der Menschen in der Stehkneipe, an der wir morgens und abends vorbeilaufen. Ohne zu werten, öffnet Krause nur die Tür für uns, damit wir, der Leser, einen Blick hineinwerfen können.
“Hurenballade” ist eine beeindruckende Sammlung von 13 lebensnahen Kurzgeschichten, die einen am Schluß berühren. Doch genau das sollen Short Stories auch erreichen.

Roland Krauses Buch “Hurenballade” ist im Balaena Verlag für 17,90 Euro erschienen. Den Autoren findt man online unter “ KrimiKrause „.

Von Bieramt zu Bieramt

In Nürnberg ist für mich ein Besuch im Bieramt, dem Wanderer am Tiergärtnertorplatz, zur Pflicht geworden. Gerade im Sommer ist dieses Heimkommen etwas ganz besonderes. Das gute fränkische Bier, gute Freunde und die einmalige Atmosphäre machen es für mich aus. So etwas gibt es einfach nicht in Amerika.

Nun habe ich in Oakland eine Bar gefunden, die zumindest in Sachen Bier „fast“ mithalten kann. Die „Beer Revolution“ an der Ecke Broadway und 3rd Street. Angeboten werden „Craft Beers“, 50 an der Zahl „on tap“, also aus dem Zapfhahn. Auch wenn das Pils schnell, viel zu schnell für meinen Geschmack ins Glas fließt, ein Besuch in dieser Bar lohnt sich. Man kann sich hier durch die Micro-Brewer Szene Nordkaliforniens trinken. Und diese Kleinbrauereien haben es in sich, können durchaus mithalten und definieren das amerikanische Bier ganz neu. Wer hier nach einem Bud, Miller oder Coors fragt, sollte lieber schnell zur Tür rennen. Hier versteht man in Sachen Bier keinen Spaß, Witzbiere, wie die gerade erwähnten, sind in der „Beer Revolution“ verpönt.

An der Wand hing dann auch ein Sack aus Bamberg, in dem „Organic Malt“ geliefert wurde. Die Brücke Bay Area-Franken existiert also sogar in Sachen Bier. Für Reisende, die es in die San Francisco Bay Area zieht, sollte Oakland auf dem Programm stehen. „Beer Revolution“ ist am Rande des Jack London Squares, gut erreichbar von San Francisco mit der Fähre. Meine neue Heimatstadt hat durchaus was zu bieten…sogar sehr gutes Bier.

 

Im Sonderzug nach Karl-Marx-Stadt

Heute lag dieser Brief im Kasten. Ein grauer Umschlag, keine Adresse darauf. Aufgerissen und da stand „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“. Alles klar, da hatte ich vor ein paar Monaten hingeschrieben, einen Antrag eingereicht, hier in San Francisco beim Generalkonsulat abstempeln lassen, um nachzuweisen, dass ich auch wirklich der bin, der den Antrag stellt.

Eigentlich wollte ich das schon lange gemacht haben. Damals schon, als mir mein Freund aus dem sächsischen Freiberg erzählte, dass er in seinen Unterlagen Kopien der vielen Briefe fand, die wir damals hin und her über die innerdeutsche Grenze geschickt hatten. Ich fragte mich, was da wohl noch so aufgelistet war und ob da mehr über mich steht? Denn in den letzten Jahren vor dem Mauerfall war ich regelmäßig im Amtsbezirk Karl-Marx-Stadt unterwegs. Das waren keine subversiven Treffen, das war ein Teilnehmen an der Arbeit kirchlicher Umweltgruppen. Ich war fasziniert von dem, was ich da erleben konnte und durfte. Die ersten überregionalen Treffen, die Diskussionen, die Ideen, die Ziele, die Träume von einer anderen, einer „besseren“ DDR. Alles harmlos im Nachhinein.

Und nun dieser Brief, der nichts besonderes ist. Auch das, was da in den Akten zu finden sein wird, ist nichts besonderes. Was mich mehr interessiert ist, ob ich rauslesen kann, wer da was gesagt hat. Vor allem, ob da ein Jemand in Nürnberg etwas zu gesprächig war. Wundern würde es mich nicht, bei allem, was ich über die Arbeit und die Kontakte der Stasi gelesen habe.

 

Die blauen Kraniche sind müde

Fluggastinformation am Lufthansa Schalter in San Francisco.

Fluggastinformation am Lufthansa Schalter in San Francisco.

Wow, ich darf fliegen, zumindest einen Teil der Strecke. Der Flieger von San Francisco nach Frankfurt erhebt sich heute in die Lüfte, doch morgen muß ich von Frankfurt nach Nürnberg anders weiterkommen. Aber ich sollte ja dankbar sein, dass ich überhaupt über den großen Teich komme. Andere hängen fest. Doch es ist nicht das erste mal, dass ich vom Streik deutscher Piloten betroffen bin. Diesmal zumindest kann ich es gelassener angehen. Keine Termine warten, auch ein Weiterflug in andere Regionen steht nicht an.

Allerdings ist die Informationspolitik der Lufthansa eine Katastrophe. Die Webseite funktionierte am Morgen ewig nicht, wegen „Wartungsarbeiten“ sollte man später wiederkommen. Entweder dummes „Timing“ oder aber ihnen fiel nichts anderes ein, was man den genervten Passagieren mitteilen sollte. Auch der Versuch telefonisch mit der LH Vertretung in den USA in Kontakt zu treten scheiterte. „All lines are busy, please call back later“.

Na denn, nun warte ich mal, was da noch passiert, hoffe, ich erwische morgen gleich einen Zug in Frankfurt und komme irgendwann im Frankenland an. Schöne Aussichten.

„Bang, you’re dead“

Als ich noch klein war und in St. Leonhard wohnte, spielten mein damaliger bester Freund und ich öfters auch mal Cowboys und Indianer. Bei ihm hinterm Haus auf der großen Wiese oder in irgendwelchen Gebüschen machte es ständig „Bcht“, „Bcht“, so klangen unsere imaginären Gewehre aus Stöcken. Bumm, Du bist tot.

"Bang, Bang, Du bist tot"

„Bang, Bang, Du bist tot“

Irgendwann trennten sich unsere Wege, aber er hat sich ganz gut entwickelt, ist Familienvater und großer Clubfan. Mich hat es an die amerikanische Westküste gezogen mit einem Drang zu Krisen- und Konfliktregionen. Also, das Rumgeballere hat uns beiden wenig geschadet.

Daran mußte ich denken, als ich die Nachricht vom sechsjährigen Elijah Thurston aus Colorodo Springs, Colorado, las. Der Junge spielte mit seinem Freund eben genau so ein Spielchen. Es kann Cowboy und Indianer gewesen sein, wobei das ja politisch nicht korrekt in den USA ist. Wahrscheinlicher spielten sie Polizist und Gangster. Elijah zeigte mit den Fingern auf seinen Freund und sagte „“Bang, you’re dead.” Das war alles, doch das reichte, um ihn zur Strafe einen Tag lang zu beurlauben. Der Sechsjährige mußte daheim bleiben, da es in der „Stratton Meadows Elementary  School“ eine sogenannte „zero-tolerance policy“ gibt, also eine Nulltoleranz Regel in Bezug auf das Spielen und den Umgang mit Waffen.

Aber es war keine Waffe, es war die Hand des Kleinen, die hier das ganze Tohuwabohu auslöste. Der Vater wendete sich an die Medien, die berichteten über den Fall und sprachen auch mit der Schulaufsicht. Und die, in aller Ernsthaftigkeit, blieben bei ihrer Entscheidung und meinten, Elijah sei „gerecht bestraft“ worden für „Drohungen gegen einen Mitschüler“. Auch erklärten sie, man habe mit dem Jungen gesprochen, ihm den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fantasie erklärt.

Zwei Finger, Bang, Schulverweis….ich glaub‘ es hackt! Bei allem Verständnis für eine Nulltoleranz Regel in amerikanischen Schulen. Gerade vor dem Hintergrund von 350 Millionen Waffen im Umlauf, rund 32.000 Toten durch Schußwunden und nahezu einer Million Schießereien pro Jahr im Land. Aber hier hat man erneut einer sinnvollen Debatte über den Umgang mit Waffen einen Bärendienst erwiesen.

Ach ja, von dem oben beschriebenen kriminellen Treiben meines Freundes und mir gibt es auch noch einen alten Super-8 Film, auf dem wir mehrmals tot zu Boden sinken, um dann gleich wieder aufzustehen und weiter zu „kämpfen“ und zu „schießen“. Geheim gefilmt vom Vater meines Freundes. Ich glaube, dieser bedenkliche Streifen sollte in einer überpolitisch korrekten Welt besser zerstört werden. Denn was würden seine Kinder denken, wenn sie ihren Vater so in Action sehen.

Tief in einer Plattenkiste

Der Soundtrack "Judgment at Nuremberg".

Der Soundtrack „Judgment at Nuremberg“.

Gestern lief ich bei einem „Estate Sale“ vorbei, das Inventar und alles, was so dazu gehört wurde aufgelöst. Teils schreckliche Bilder neben dunkelholzigen Möbeln, allerlei Krimskrams, Geschirr, Vasen, Tischdeckchen. Und dann auch ein Regal mit Büchern und davor eine Kiste mit Platten. Und ich wurde fündig. Eine drei LPs umfassende Box von Kurt Weills „Rise and Fall of the City of Mahagony“, eingesungen vom „North German Radio Chorus“ mit Lotte Lenya.

Und dann stand da auch der Soundtrack mit dramatischen Höhepunkten von „Judgment at Nuremberg“, jener Film der 1961 in Nürnbergs mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Marlene Dietrich, Maximillian Schell, Judy Garland und Montgomery Clift gedreht wurde. Eine Platte, an der ich einfach nicht für gerade mal einen Dollar vorbeigehen konnte. Den Film habe ich schon mehrmals gesehen und war immer wieder davon tief beeindruckt. Genauso wie vom Soundtrack und den Originalausschnitten.