Bombenanschlag im Hafen von Oakland

Die Vancouver auf Fahrt.

Am 3. November 1938 explodierte eine Bombe am Rumpf des „Nazi-Steamers“ Vancouver im Hafen von Oakland und lief auf Grund. Das Schiff war mit einer Stunde Verspätung ausgelaufen und verhinderte somit eine Katastrophe auf offener See. Der damalige deutsche Generalkonsul, Baron Manfred von Killinger, ein Vertrauter Adolf Hitlers, erklärte, dass hinter dem Anschlag nur Kommunisten stecken könnten. Beweise dafür legte er nicht vor. Die Hintermänner der Explosion wurden nie gefunden. Taucher untersuchten das Loch im Rumpf und erkannten gleich, dass der Stahl nach innen gedrückt worden war, damit war klar, es war zweifellos ein Anschlag. Vier der Seeleute wurden verletzt, der Maschinenraum stand unter Wasser. Und die Vancouver war fahruntüchtig. Aus Deutschland mussten Ersatzteile geliefert werden.

Die Vancouver war am 17. Februar 1939 wieder seetüchtig, doch geriet in die Wirren des Zweiten Weltkrieges. Am 31. August wurde dem Schiff mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges in Curacao die Ausfahrt verweigert. Im Mai 1940 beschlagnahmte die holländische Regierung die Vancouver und taufte sie in Curacao um. 1946 kam das Schiff schließlich zur Holland-Amerika-Linie und wurde in Duivendyk umbenannt. 13 Jahre später wurde das Schiff in Tokio abgewrackt.

Einer jedoch, der auf dem Versorgungsschiff für die Vancouver in Richtung San Francisco an Bord war, war Hans Bartsch. Ihn lernte ich vor fast 15 Jahren kennen, als ich an einem Sonntagmorgen in der „Peter Buhrmann Radioshow“ aushalf und das „Schlesier Lied“ spielte. Hans rief an und den Tränen nahe, dass er dieses Lied aus seiner alten Heimat noch einmal hören konnte. Ich erzählte ihm von meinem Vater, der in Glogau zur Schule ging. Hand lud mich zu sich ein und wir wurden trotz des Altersunterschieds enge Freunde. Hans erzählte gerne vom alten San Francisco, von den vielen deutschen Läden und Handwerkern, von den Festen in der „California Hall“ und auch von seiner eigenen Geschichte.

Auf dem Schiff, mit dem er nach San Francisco kam, geriet er mit einem Offizier aneinander. Der Satz, der Führer sollte das mit den Juden nicht machen, wurde Hans zum Verhängnis. Nach der Abfahrt aus der San Francisco Bay nahm ihn ein anderer Offizier zur Seite und erklärte, ihm drohe in Deutschland ein Gerichtsverfahren wegen Beleidigung Adolf Hitlers. Es sei besser, wenn er von Bord ginge. Und das tat Hans auch. Bei der Durchfahrt des Panama Kanals sprang er über Bord, blieb erst in Panama und ging dann nach Costa Rica, als mit dem Kriegsausbruch eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich war.

Mit dem japanischen Angriff auf den Marine Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii, änderte sich das Leben für ihn genauso wie Tausende Deutschen und Japaner in Mittel- und Südamerika. In einer Nacht- und Nebelaktion verhaftete das FBI mit Zustimmung der jeweiligen Regierungen viele der Staatsangehörigen der nun verfeindeten Nationen. Einer von ihnen war Hans Bartsch, der zuerst in ein Lager nach Pacifica, südlich von San Francisco, gebracht wurde. Dort schaffte er es, den Beamten glaubhaft klar zu machen, dass er eigentlich vor dem Zugriff der Nazis geflohen war. Hans wurde mit der Auflage freigelassen, dass er nach Kriegsende die USA verlassen würde.

Und genau so kam es. Nach der deutschen Kapitulation reiste er kurz nach Kanada, um dann erneut und legal in die USA einzuwandern. In San Francisco warteten sein Job als Mechaniker, seine Wohnung und seine Freunde auf ihn. Hans blieb Deutscher, bis zu seinem Tod 2008. Er war ein eigenwilliger Mann voller spannender, interessanter und witziger Geschichten, der bis zuletzt seinen schlesischen Kopf durchsetzen wollte.

Der Abgesang des Undergrounds

1987 war ich zum ersten Mal in San Francisco und war begeistert. Seit 1992 habe ich vieles im Kunst-, Kultur- und Nachtleben am Golden Gate kennengelernt. Faszinierend war für mich als Nürnberger in der Weltstadt die vielen Clubs und Galerien, die Buchläden und Konzertorte, die so ganz anders waren, als das, was ich aus meiner Heimatstadt kannte. „Open Mic“ Abende mit Musikern, Schriftstellern, Künstlern, die immer anders endeten, als geplant. Konzerte und Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Muss Apartments weichen, der Elbo Room auf der Valencia Street.

Nun lebe ich schon lange in der San Francisco Bay Area und beobachte, wie mehr und mehr Clubs und Auftrittsorte dicht machen, verschwinden, vergessen werden. Angefangen hat es mit dem ersten dot.com Boom Ende der 90er Jahre und nun weht erneut ein eiskalter Wind durch die Kulturlandschaft der Region. Viele, der einst bedeutenden und wichtigen Bühnen sind nicht mehr. Vor kurzem machte Hemlock Tavern auf Polk Street dicht. Der Elbo Room wird zum Jahresanfang verschwinden. Und im Oktober 2019 der feine Musikclub Mezzanine zwischen Market und Mission Street. „Developers“ erleben derzeit den neuen Gold Rush am Golden Gate. Mit Apartment Buildings, Lofts und Bürogebäuden kann man viel, sehr viel Geld machen.

Kulturschaffende werden ab- und rausgedrängt. War Oakland lange Zeit eine Alternative für Musiker, Künstler und Kunstschaffende, so sind auch die Mietpreise „across the Bay“ nach oben geschnellt. Erst gestern las ich von einem Studioapartment für 2850 Dollar in Oakland. Wer kann sich das noch leisten?

San Francisco und die gesamte Region verlieren derzeit ein Stück von dem, was die Bay Area immer ausmachte. Kultur wird teuer, für die, die es anbieten und für die, die es genießen wollen. Wohin der Weg geht, wie gegengesteuert werden kann, das ist mehr als fraglich. Ein Problem sicherlich nicht nur für San Francisco und die Bay Area. Überall fehlt Wohnraum, überall machen Grundstücksbesitzer, Mieteigentümer und „Developer“ Gewinn, wenn sie neue, zahlkräftige Mieter ansprechen. Und ja, jetzt klinge ich wie der alte Mann, der den alten Zeiten nachhängt. So ist es aber nicht, ich wünschte mir einfach nur, dass kulturelle und künstlerische Freiräume geschützt werden, denn gerade das macht das Leben in Städten wie San Francisco und Oakland ja auch aus. Finde ich!

Dicke Luft in Kalifornien

Kein klarer Blick am Golden Gate.

Seit Tagen schon bin ich tagsüber nahezu alleine mit meinem Hund auf den Waldwegen unterwegs. Und wenn ich jemanden sehe, tragen sie Atemmasken, um sich vor dem Rauch zu schützen, der vom „Camp Fire“, mehr als 200 Kilometer entfernt, in die Bay Area weht. Der „Smoke“ ist giftig, es sind nicht nur Wälder abgebrannt, die ganze Kommune Paradise ist durch die Flammen dem Boden gleichgemacht worden. Man kann sich vorstellen, was dort alles verbrannt ist. Vom Auto bis zum Kühlschrank, von Farben bis zu Elektroartikeln. Und man will gar nicht daran denken, dass in dem gewaltigen Feuer Menschen und Tiere gestorben und verendet sind.

Kalifornien brennt erneut und schon wieder. Früher gab es hier eine Feuersaison zwischen September und Dezember. Die ist nun alljährlich und überall. Jeder, der hier mit Bäumen um sich herum lebt, etwas am Stadtrand oder in der Natur, kann davon betroffen sein. Die Anzahl der Feuer nimmt zu, die Intensität auch.

Eigentlich jeder ernstzunehmende Wissenschaftler erklärt, dass all das mit dem Klimawandel zusammenhängt. Es wird heißer, der Regen bleibt aus, das Unterholz trocknet mehr aus, die Winde nehmen an Stärke zu. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen raus aus den Städten ziehen, die viel zu teuer geworden sind und gleichzeitig die Feuerwehren die präventive und dann feuerbekämpfende Arbeit gar nicht mehr leisten können. Einen Masterplan, wie man all dem begegnen soll existiert nicht. Weder in Sacramento noch in Washington.

Kalifornien kommt in diesen Tagen an seine Grenzen. Allein im vergangenen Jahr gab es sechs massive Brände, die in der Häufigkeit und der Stärke zuvor nie beobachtet wurden. Jedesmal war es das größte Feuer,  um kurz danach schon übertroffen zu werden. Ich selbst lebe seit 20 Jahren in einer Feuerzone, daher weiß ich, dass die „Red Flag Alerts“, die höchste Warnstufe mehr und mehr ausgerufen wird. Was das bedeutet ist klar, man hat für sich die Frage geklärt, was im Falle eines Feuers schnell eingepackt werden muss und welche Fluchtwege es aus dem Canyon raus gibt. Und, der Hund muss mit! Klar, ist man an das Leben mit der Katastrophengefahr in Kalifornien gewöhnt, immerhin lebe ich nur einen guten Kilometer Luftlinie von der sehr aktiven Hayward Spalte entfernt. Jedesmal auf dem Weg zum Einkaufen fahre ich direkt auf der Spalte entlang.

Der Wahlirrsinn

Der Tisch ist reich gefüllt an Entscheidungen.

Am Dienstag wählt Amerika. Es wird nicht nur der Kongress neu bestimmt und damit darüber entschieden, ob Präsident Donald Trump in den kommenden zwei Jahren problemlos so weiter regieren kann, wie bislang. Es geht auch um Gouverneursposten, um die bundesstaatlichen Parlamente, Bürgermeister, Stadträte, Vertreter in öffentlichen Gremien, Richter, Sheriffs, Staatsanwälte und dann noch unzählige von Volksentscheiden auf der staatlichen, Bezirks- und Lokalebene.

Hier vor mir liegt ein 96 Seiten dickes Heft, in dem alle Kandidaten vorgestellt und alle „Proposals“ mit Pro und Contra dargelegt werden. Wer hier richtig wählen will, muss seine Hausaufgaben machen. Seit Monaten schon, werden wir mit Informationen zugedeckt und zugemüllt, auf denen stets lächelnde in der Sonne stehende Kandidatinnen und Kandidaten stehen oder mir Horrorszenarien vorgegaukelt werden. Der Briefkasten quillt tagtäglich über mit Flugblättern. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens fünf Anrufe zu bestimmten Entscheiden kommen und ich mehrere Anrufe auf meinen Anrufbeantworter finde. Im Fernsehen und Radio laufen Werbespots für Kandidaten und verschiedene „Ballot“-Themen. Der Wahlkampf ist ein regelmäßiges Multimillionendollargeschäft.

Es erfordert wirklich viel Zeit, um sich durch die Themen zu arbeiten, denn da geht es um ambulate Dialyse, Grundstückssteuern, Finanzierung von Kinderkrankenhäusern über weitere Schulden, Wasserprojekte, Wohnprojekte für Hilfsbedürftige, Arbeitszeiten für Krankenwagenfahrer, Tierschutz in der Landwirtschaft und auch die Frage, ob und wie die Sommerzeit hier am Pazifik gehandhabt werden soll. Ich frage mich, wer das wirklich macht. Und es geht bei meiner Stimmabgabe nicht nur um Sachthemen in Kalifornien, im Bezirk Alameda und in der Stadt Oakland, ich soll auch über Richter entscheiden, über Mitglieder der Schulaufsichtsbehörde, bei staatlichen Verkehrsbetrieben und so weiter und so fort. Ich kenne die Leute nicht, für was sie eintreten, ich weiss noch nicht einmal, was genau sie da machen oder machen sollten. Das ist der Irrsinn der amerikanischen Demokratie, dass hier über viel zu viel abgestimmt wird und man dabei viel zu leicht den Überblick verliert. Mein Wahlzettel sind vier beidseitig bedruckte Wahlzettel. Darauf muss ich Linien ziehen, also wählen sollte man auch noch im nüchternen Zustand.

 

 

Wehwehchen sind teuer

Ich bin bei Kaiser versichert. Das ist eine Krankenversicherung und ein „Provider“ in einem, also, sie haben eigene Ärzte, Spezialisten, Labors, Behandlungsmaßnahmen, Krankenhäuser. Kaiser war meine Wahl, weil sie einen sehr guten Ruf haben und gleichzeitig im Vergleich zu anderen Versicherungen auch noch bezahlbar sind. Wenn man denn nicht krank wird.

Mal kurz bei Kaiser Oakland in die Röhre.

Nun musste ich allerdings mal wieder zum Arzt, wegen zwei körperlichen Unpässlichkeiten. Den Arzt zu sehen kostet $20, im Labor danach gleich weitere $20. Das Röntgen des Knies ist dann schon $40. Den Facharzt sehen nochmal $40 und dann ein MRI für $150 Dollar. In einem gleich mal $270 weg. Na ja, so ist das in den USA mit einem nicht vorhandenden allgemeinen Krankenversicherungsschutz. Irgendwie herrscht da Wild West im System. „Obamacare“ hat nicht wirklich geholfen, auch, weil es von Anfang an gezielt von den Republikanern torpediert wurde und mit einem Donald Trump im Weißen Haus gezielt unterminiert wurde und wird. Wer in den USA keine Krankenversicherung hat, sollte viel beten, dass er gesund bleibt, denn wird er oder sie krank, wird es teuer. Und wenn man einen Versicherungsschutz hat, ist entweder der nicht gerade günstig oder man zahlt, wie in meinem Fall, gehörig drauf.

Zumindest waren die Besuche schmerzlos und das Warten in den Wartezimmern unterhaltsam. Nicht vergessen werde ich den etwa 45jährigen Mann, mit rasiertem Schädel, total hyper, der mit einem Becher und einer Thermoskanne ankam. Aber nicht so eine Thermoskanne zum Mitnehmen, nein, es war so eine aus der heimischen Kaffeemaschine. Und er kippte sich einen Kaffee nach dem anderen rein. Damit ging er sogar zur MRI Untersuchung und wurde dort gestoppt, die Kanne dürfe nicht mit in den Anhänger mit seinem 1,5 Tonnen Magneten, hieß es (ja, mein MRI wurde im Lastwagenanhänger im Ladebereich des Krankenhauses durchgeführt).

Wartezimmer haben so etwas wie WalMart. Man kennt ja die Fotos aus den sozialen Medien. Irgendwie sieht man da immer Leute, denen man tagsüber im normalen Leben so gar nicht über den Weg läuft. Und ich will mich hier nicht lustig machen über Menschen, die ihre Gründe haben, warum sie bei WalMart einkaufen oder eben in Wartezimmern warten. Ich sass einfach da und genoss das „Outing“, denn tagtäglich arbeite ich am Schreibtisch daheim, gehe mit meinem Hund im Wald spazieren, also viele Mitmenschen treffe ich in der Regel nicht. Von daher war die Wartezeit eine Zeit voller Erkenntnisse. Oakland ist eine sehr vielgesichtige, kreative, unterhaltsame und interessante Stadt voller Geschichten. Und die beginnen mit den Menschen, die hier leben.

Der ewige Blick aufs Golden Gate

San Francisco Reisende machen nur selten den Schritt über die Bay nach Oakland. Doch die Stadt in der East Bay hat viel zu bieten. Neben einer lebendigen und lebhaften Kunst- und Kulturszene, hervorragenden Restaurants und Bars ist da auch immer der einzigartige Blick über die Bay aufs Golden Gate. Einer der Orte, den man unbedingt besuchen sollte, ist der „Mountain View Cemetery“ am Rande der Oakland Hills. Der 1863 eröffnete Friedhof ist einzigartig, wunderschön, ein friedlicher Ort in einer Metropolengegend. Und ein Spaziergang über den Friedhof ist ein Spaziergang durch die Geschichte der Region, denn hier liegen die Gründungsväter von San Francisco und Oakland. Politiker, Industrielle, Künstler und viele der Immigranten, die am Golden Gate ihr Glück suchten und mithalfen die Region aufzubauen. Der weitläufige und noch immer genutzte Friedhof ist zu einem Park geworden, in dem Jogger ihre Runden drehen, Hundebesitzer ihre Vierbeiner ausführen und viele die gewaltigen Gruften an der „Millionaires‘ Row“ mit ihrem unglaublichen Ausblick auf die Bay zu einer Pause, einem Picknick, einem Joint nutzen.

Sonntagmorgen in San Quentin

7:45 Uhr am Sonntagmorgen. Über der San Francisco Bay strahlt die Sonne. Überpünktlich reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir mehrere Frauen, die „loved ones“ im Staatsgefängnis von San Quentin besuchen wollen. Darunter auch eine Engländerin, die viermal im Jahr nach Kalifornien reist, um ihren Mann zu sehen. Das ist keine Ausnahme, der Zellennachbar von Reno ist mit einer Frau aus Nürnberg verheiratet. Sie hatten sich per Brieffreundschaft kennengelernt. Nun ruft er zweimal am Tag vom Golden Gate in Franken an, sie besucht ihn mehrmals im Jahr.

„San Quentin, you’ve been living hell to me“ (Johnny Cash).

Als ich endlich zur Kontrolle dran bin, meint der Officer, meine Hose sei grün, das sei nicht erlaubt. Ich versuche ihm klar zu machen, dass meine Hose grau ist und ich sie schon mehrmals in San Quentin an hatte. Hier herrscht eine strenge Kleiderordnung. Keine blauen Jeans, kein Orange, kein Grün. Alles Farben, die von Häftlingen oder Wärtern getragen werden. Im Falle eines Falles will man so schnell Besucher von den „Inmates“ unterscheiden können. Der Fall der Fälle ist nicht ganz klar, aber Regel ist Regel. Schließlich lässt man mich mit meiner grauen Hose durch, mit dem Versprechen diese beim nächsten Besuch nicht mehr zu tragen. Langsam habe ich ein Problem in meinem Schrank, es sieht so aus, als ob ich mir eine offizielle Anstaltshose besorgen muss.

Der Weg vom Eingang zum „East Block“, in dem die zum Tode Verurteilten einsitzen ist immer wieder faszinierend. Gerade an einem frühen Morgen. Entlang der Bay, mit Blick auf Tiburon und Angel Island, dahinter die Skylines von San Francisco und Oakland. Nach der zweiten Sicherheitskontrolle bin ich endlich mit 45 Minuten Verspätung im Besucherraum. Schnell ein paar Dosen Cola, ein paar Burger und Popcorn aus den Automaten gezogen, in der Mikrowelle warm gemacht und dann werde ich mit Reno in einem ein Meter mal zwei Meter grossen/kleinen Stahlkäfig eingesperrt. Eine kurze Umarmung und dann reden wir.

Er erzählt etwas von seinem Fall, von seiner Gesundheit, davon, dass am Freitag im Außenbereich des Todestraktes ein anderer Häftling erstochen wurde und noch im Hof starb. Ein Warnschuss sei abgegeben worden, doch das half wohl nichts. Ein Streit führte zu den tödlichen Stichen, wie das „Shank“ auf den Hof kam sei noch unklar. Alltag in San Quentin.

Nach zwei Stunden ist der Besuch zu Ende. Der 73jährige wird mit Handschellen abgeführt, erst dann wird die Käftigtür auf meiner Seite geöffnet. Bevor er geht sagt Reno noch, dass er Ende Oktober ein Jubiläum habe. Seit 40 Jahren sei er nun hinter Gittern. Ein Grund zum Feiern gibt es da wohl nicht. Doch, trink einen auf mich, meint er und lacht. Bis zum nächsten Mal.

Amerika zwischen den Küsten

In Oakland und der Bay Area zu leben heißt, man lebt auf einer politischen Insel. Donald Trump erreichte bei den Wahlen 2016 in den meisten Distrikten meiner Wahlheimat einstellige Ergebnisse und lag oftmals noch hinter der Kandidatin der Grünen Partei, Jill Stein. Wer mutig ist und auffallen will in Oakland, Berkeley oder San Francisco läuft mit einer „MAGA“ Mütze durch die Straße. In meiner Nachbarschaft hat ein älterer Herr einen NRA-Aufkleber auf seinem Auto, schon allein das ist Gesprächsstoff unter Nachbarn.

Wellenlos mit Johnny Cash über den See.

Doch San Francisco/Oakland und selbst Kalifornien sind nicht die USA. Wer Amerika verstehen will, muss von den Küsten weg fahren, rein ins Land, dorthin, wo über Jahrzehnte das Mittelwellenradio mit Sendungen von Rush Limbaugh, Farm Talk oder Gun Talk die Tagesgespräche bestimmte. Auf einer jüngst in der New York Times veröffentlichten Landkarte mit den genauen Wahlergebnissen der Präsidentenwahl von 2016 kann man sehen, dass das Land weitgehendst rot ist, also republikanisch. Demokratische Blautöne gibt es vor allem in den Küstenmetropolen und in Universitätsstädten wie Butte, Montana, Madison, Wisconsin, oder auch hier oben in Houghton, Michigan. Und damit will ich nicht sagen, dass unstudierte Amerikaner vor allem Donald Trump gewählt haben. Vielmehr, dass Universitätsstädte vielleicht auch mehr für ein kritisches Denken und Weltoffenheit stehen.

Gestern Abend beim Kayaken über den kleinen See, an dem ich gerade bin, dachte ich genau darüber nach. Johnny Cash spielte ein paar Songs, der perfekte Soundtrack für diesen Versuch des Amerikaverstehens. Und hier in der Einöde, der Wildnis, der Abgeschiedenheit ist Washington, der Handelskrieg, Iran und Nordkorea, „Pussy Grabbin'“ und selbst die Mauer an der mexikanischen Grenze ganz weit, weit weg. Hier gibt es andere Probleme, die nicht von Washington und nicht von Präsident Trump gelöst werden können, auch wenn hier vereinzelt Schilder am Rand des Highways stehen „Support the UP – Logging & Mining“. Die regionale Wirtschaft wird man durch mehr Baumfällen und Bergbau nicht ankurbeln können. Wie die San Francisco Bay Area eine politische Insel fernab von Amerika ist, ist auch diese Region eine Insel im amerikanischen Kosmos. Weit weg von der Scheinrealität, die uns über CNN, FOXNews und andere vorgegaukelt wird.

Beim Versuch dieses riesige Land auf dem kleinen See zu verstehen wurde mir einfach klar, dass Amerika nicht zu verstehen ist. Es gibt nämlich nicht nur dieses eine Amerika. Es ist ein Land der Immigranten, die oftmals ihre Herkunft, die Sprache und die Kultur ihrer Eltern pflegen. Es ist ein Land der verschiedenen Interessen, die hier problemlos ausgelebt werden können. Es ist ein Land der vielen kleinen Inseln in einem stürmischen Meer. Nichts und niemand wird die Staaten von Amerika vereinen können. Was das Ziel vielleicht sein könnte ist, dass die gesellschaftlichen Gräben in diesem Land nicht tiefer werden. Und das allein wäre schon ein riesiger Erfolg.

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Fernab der alten Heimat

Ich bin an einem neuen Thema dran, das ich schon lange mal angehen wollte. Eine große Sendung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und die Bay Area. Über die Jahre habe ich immer mal wieder verschiedene geschichtliche Themen aufgegriffen, das reichte von den deutschsprachigen Hörfunksendungen über die deutsche evangelische Gemeinde bis hin zum Arbeiterbildungsverein in San Francisco, dem einzigen in den USA.

Und nun wird aus all diesen Interviews, gesammelten Dokumenten und Informationen eine große Radiosendung. Dafür war ich gestern im deutschen Altenheim in Oakland, einer Einrichtung, die 1890 gegründet wurde. Unter den Gründungsvätern waren viele einflussreiche deutsche Einwanderer, wie Adolph Sutro, Mortimer Fleischacker, Fritz Rosenbaum.

Die Geschichte der Deutschen in der San Francisco Bay Area geht bis auf die Anfangstage zurück. Während der Goldgräberzeit kamen Einwanderer wie Levi Strauss, die hier eine neue Heimat und Reichtum fanden. Interessant für mich sind vor allem die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, als in San Francisco das deutsche Haus gebaut wurde, die vielen deutschen Vereine blühten, es Versuche gab politischen Einfluss zu erlangen und es mit dem Erstarken des Nationalsozialismus in Deutschland auch hier an der amerikanischen Westküste eine Spaltung der deutschen Gemeinde gab.

Eine solche Sendung ist wie ein Puzzle, die vielen Einzelteile setzen sich am Ende zu einem Gesamtbild zusammen, wenn möglich zu einem klangvollen Hörbild. Es ist eine Spurensuche, bei der man immer wieder überrascht wird. So auch gestern im Altenheim, dort fand ich alte Programmhefte aus den 1930er Jahren, darunter eines für eine Aufführung des „Pacific Sängerbundes“ vom 20. September 1936. Diese Hefte belegen die bedeutende Rolle der deutschen Immigranten am Golden Gate. Und diese Geschichte sollte erzählt werden.

Wer wählt da eigentlich?

Ich weiß, eigentlich sollte ich froh, glücklich und dankbar darüber sein, in den Vereinigten Staaten von Amerika leben zu dürfen, in „God’s Country“, dem auserwählten Land, dem Garten Eden auf Erden. Immer wieder schallt mir das von FOXNews entgegen, dass das hier „the best place on earth“, „the best country in the world“ sei. Allen voran hämmert es mir Präsident Trump in Tweets und Reden ein, dass kein Land, aber auch wirklich überhaupt kein anderes Land mit den USA mithalten kann…god bless America.

Und doch, in Sachen Demokratie könnten die USA etwas von anderen Ländern lernen. Am Dienstag waren in einigen Bundessstaaten Vorwahlen, darunter auch Kalifornien. Zum ersten Mal ging ich in ein Wahllokal, bislang hatte ich per Briefwahl abgestimmt. Im Wahllokal holte ich meinen Ausweis raus und wollte ihn vorlegen, doch mir wurde gesagt, den brauche man nicht. Auf der Liste wurde mein Name gefunden („Is that German?“), mir wurden die Wahlunterlagen ausgehändigt und dann durfte ich ins nächste Zimmer zur Linienziehung zwischen zwei Punkten.

Aber ich dachte mir gleich, irgendwas ist hier falsch, wenn ich mich als Wähler noch nicht mal ausweisen muss. Ich weiss, in diesem Land gibt es eine heftige Debatte darum, ob das Wahlgesetz dahingehend verändert werden soll. Demokraten sagen nein, Republikaner wollen es. Wählen darf sowieso nur der- oder diejenige, die sich zuvor in Wählerlisten eingetragen hat. Ein automatisches Wahlrecht gibt es nicht. Demokraten und Republikaner haben nicht die Wahl als solche vor Augen, vielmehr wollen die Demokraten niemanden ausgrenzen, die Republikaner hingegen wollen mit ihrer Forderung Wähler ausgrenzen. Eine „ID“, einen Ausweis, hätten, so die Demokraten, gerade viele Menschen aus ärmeren Schichten nicht, sie sollten dennoch an der Wahl teilnehmen können. Die Republikaner, die immer wieder von Wahlbetrug sprechen, der nicht belegt werden kann, fordern das Ausweisen im Wahllokal, gerade um traditionelle demokratische Wählerschichten außen vor zu lassen. Und ich frage mich, warum ich beim Besuch einer Bar einen Ausweis vorlegen muss, damit mir jemand glaubt, dass ich 21 Jahre alt bin, aber bei einer Grundfeste der Demokratie wird einfach darauf vertraut, dass ich der bin, der ich angebe zu sein. Irrsinn!

Und dann die Wahl selbst. Hier in Kalifornien laufen die Vorwahlen so ab, dass die zwei Kandidaten mit den meisten Stimmen bei der Wahl im November gegeneinander antreten. Was gut gemeint ist, ist leider schlecht durchdacht. Denn was dabei passieren kann ist, dass in einem demokratischen Wahlkreis, am Ende zwei Republikaner gegeneinander antreten. Und das geht so: Republikaner 1 erhält 20 Prozent der Stimmen, Republikaner 2 18 Prozent der Stimmen. Dazu kommen noch acht Demokraten auf dem Wahlzettel, die beim Votum alle weniger als 18 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können. Das würde dazu führen, dass sich am Ende in einem traditionell demokratischen Wahlkreis die Mehrheit der Wähler zwischen zwei Republikanern entscheiden muss, denn kein Demokrat hätte es auf den Stimmzettel im November geschafft. Das ist zum Glück am Dienstag nicht passiert, doch die Gefahr bestand und besteht bei jeder weiteren Wahl.

Auch das in vielen Kommunen durchgeführte „Rank Choice Voting“ ist ein gespielter Witz. Denn dort gewinnt nun oftmals der Kandidat mit weniger Erststimmen als ein anderer. Die Wähler sind nämlich dazu aufgefordert auch noch darüber abzustimmen, wen sie als zweiten oder dritten möglichen Kandidaten möchten. So geschehen in San Francisco am Dienstagabend im Bürgermeisterrennen. Am Wahlabend strahlte London Breed, die nahezu zehn Prozentpunkte vor dem zweiten im Rennen, Mark Leno, lag. Am Mittwochmorgen dann ein ganz anderes Bild. Leno hatte über die Zweit- und Drittwahl der Wähler die Führung übernommen und lag mit 255 Stimmen vor Breed. Eingeführt wurde das „Rank Choice Voting“, um eine Stichwahl zu verhindern, die allerdings macht mehr Sinn, als so ein undurchsichtiges Stimmengeschiebe.

Und zuallerletzt kritisiere ich hier das, für was man alles abstimmen muss. Nachrichten sind mein Geschäft, ich lese tagtäglich etliche Zeitungen, versuche informiert zu sein, über das was hier in meinem direkten Umfeld, national und international passiert. Doch dann kommt das Heft vor dem Wahltag in meinen Briefkasten geflattert und ich frage mich, was das soll. Da soll ich über bürokratische Positionen in der Stadt- und Bezirksverwaltung und der Regierung in Sacramento abstimmen, von denen ich überhaupt nicht gewußt habe, dass es sie gibt. Dann soll ich noch über Staatsanwälte, Richter, Sheriffs bestimmen, so, als ob ich im Wilden Westen lebe. Dazu kommen „Ballots“, Abstimmungen, über komplizierte politische Sachfragen, die keiner beantworten kann, der sich nicht mit viel Zeit damit auseinandersetzt. Es wird damit eine direkte Demokratie vorgetäuscht, die Wählerzahlen belegen jedoch, dass der Großteil der Amerikaner, nein, der in die Wahllisten eingetragenen Wählerinnen und Wähler, kein Interesse an dieser Form der Demokratie hat. Vielleicht ist da sogar die Überforderung des mündigen Bürgers zu sehen.

Nun geht es also auf November zu, auf den Wahltag für die wichtigen „Midterm Elections“. Und die Wahlen zum Abgeordnetenhaus sind sowas von undemokratisch. Alle zwei Jahre wird das amerikanische Parlament gewählt, die Abgeordneten sind im Dauerwahlkampf, die Minderheiten in einem Distrikt, und das können 49,9 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sein, werden nicht repräsentiert, denn „the winner takes all“. Was in Deutschland über die Listen ausgeglichen wird, passiert hier nicht. Kalifornien wird im November auch ins nationale Blickfeld rücken, denn hier hat es ein von Donald Trump unterstützter Republikaner in die Endausscheidung um den Gouverneursposten geschafft. Viel Geld und viel böses Blut wird fließen. Doch danach bekomme ich wieder meinen kleinen Aufkleber „I voted“ und darf stolz sein, an dieser Wahlshow teilgenommen zu haben.