Coronaamerika

Ich mußte heute mal raus. Zuerst in die Bank, parkte mein Auto am Rande der Geschäftsstraße in Oakland-Montclair, um einfach mal in aller Ruhe zu sehen, was da gerade passiert oder eben auch nicht. Die meisten Läden sind geschlossen. Pete’s Coffee Store hat zwar offen, aber niemand darf in den Verkaufsraum. Ein Tisch an der Tür, dort kann man seine Bestellung aufgeben und nur mit Kreditkarte bezahlen. Die Bänke vor den Läden und Cafés sind verwaist, Schilder weisen darauf hin, dass niemand hier sitzen darf.

Nur wenige Restaurants sind geöffnet, und auch nur dann, wenn sie „Take out“ anbieten. Drogerien und Supermärkte haben auf. Und in der Bank, die ich besuchen mußte, wurde das Thermometer hochgefahren, wohl in der Absicht jegliche Viren zu bekämpfen. Auf dem Boden Abstandshalter, um dem Vordermann nicht zu nahe zu kommen, doch es sind kaum Leute in der Bank. Ich sitze schließlich der Managerin in ihrem Büro gegenüber, die im Vergleich zu ihren Mitarbeitern am Schalter hinter dickem Panzerglas weder Mundschutz noch Latexhandschuhe trägt und auch sonst keinerlei Distanzprobleme hat.

Nach gefühlt-geschwitzten 50 Minuten in der überheizten Bank fahre ich zu Trader Joe’s, der Aldi Tochter, eigentlich der Supermarkt meiner Wahl. Doch seit hier die Krisenzeiten ausgebrochen sind, vermeide ich ihn, denn vor dem Laden bildet sich jedesmal eine lange Schlange, sie lassen nur eine bestimmte Anzahl von Leuten hinein. Doch heute bin ich da, um für eine ältere Nachbarin einzukaufen, ich hatte ihr das schon vor einer Woche anbeboten, heute morgen hat sie mich beim Rundgang mit Käthe darauf angesprochen. Also Trader Joe’s…. Die Warteschlange zieht sich um den Laden herum, jeder hält fast zwei Meter Abstand zum Vordermann/frau. Die Frau vor mir blickt sich ständig mit panischem Gesichtsausdruck nach mir um, ob ich ihr auch ja nicht zu nahe komme. Am Eingang sprüht sie sich gleich mehrmals Desinfektionsmittel auf die Hand. Nach zehn Minuten bin ich schließlich drinnen. Die Regale sind voll, bis auf Toilettenpapier, Nudeln, Reis und Bohnen in Dosen. Anscheinend ist das nicht nur ein deutsches Problem.

Einige im Laden sind freundlich, lächeln, andere schauen einen grimmig an, als ob man ein wandelnder Virus sei. Die Mitarbeiter sind mehr als hilfreich, fragen nach, wenn man suchend umherblickt. Sie versuchen wohl die Kunden so schnell wie möglich wieder nach draußen zu bekommen, denn die Schlange vor der Tür wird nicht kürzer. Der Supermarkt liegt gleich neben der Bart Station „Rockridge“, die erhöht zwischen den Autobahnspuren des 24er liegt. Darunter der Parkplatz, der eigentlich immer überfüllt ist. Ich schätze, zwischen 600 und 800 Autos haben dort Platz, heute parkten gerade mal sieben Wagen dort. Skateboarder nutzen die Chance, um sich etwas auf der Freifläche auszutoben.

Das öffentliche Leben wird immer weiter eingeschränkt, Teile der Parks und Parkplätze werden geschlossen, um alles zu entzerren, noch offene Läden und Restaurants müssen schließen. Fast täglich erhalte ich Mails und Anrufe mit der Aufforderung daheim zu bleiben. Unterdessen fabuliert der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika von vollen Kirchen am Ostersonntag. Wissenschaftler, bekannterweise nicht gerade die Freunde von Donald Trump, schlagen darüber nur die Hände über den Kopf. Das ist der Alltag im heutigen Amerika.

Der Weltuntergang ist nah

Heute früh bin ich mit dem Hund um den Block gegangen. So ruhig war es hier noch nie. Keine Menschenseele auf der Straße, niemand war auf dem Weg zur Arbeit oder in die Schule. Kein Auto fuhr, alles war ruhig, seltsam ruhig. So still ist es noch nicht einmal an Thanksgiving oder Weihnachten. Denn auch aus der Ferne war kein Straßenlärm zu hören.

Seit Mitternacht sind in den Bezirken rund um San Francisco, von Santa Cruz im Süden bis Hopland im Norden Ausgangssperren verhängt worden. „Häusliche Isolation“ nennt sich das, betroffen davon sind rund sechseinhalb Millionen Menschen. Nur wenige Geschäfte dürfen noch auf haben, alles andere ist geschlossen. Das öffentliche Leben kommt in der Bay Area zum Stillstand.

Zumindest eine hat Spaß in diesen Tagen.

Unterdessen steigen im ganzen Land die Waffenverkäufe. Vor Gun Stores in Idaho, Montana, Kentucky, Arkansas und anderen Bundesstaaten haben sich lange Schlange gebildet. Gekauft wird alles was Wumm machen kann, dazu Unmengen an Munition. Das schwerbewaffnete Amerika bereitet sich auf den Endzeitkrieg vor. In einem Wahljahr steigen grundsätzlch die Waffenverkäufe, denn immer ist das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz auch ein Wahlkampfthema. Republikaner, allen voran Donald Trump, mobilisieren ihre Basis damit, dass sie erklären, die Demokraten wollten das „2nd Amendment“ abschaffen und alle Knarren konfiszieren lassen. Das ist natürlich Blödsinn, aber es führt dennoch zu einem „Run“ auf die „Guns“.

Doch dieses Wahljahr trifft auch noch auf eine globale Krise. Im Januar wurden deshalb rund 350.000 Waffen mehr verkauft als im Wahljahr 2016. Unzählige Amerikaner sind auf den „drohenden“ Bürgerkrieg und die Aussetzung aller Grundrechte vorbereitet, nach dem Motto, wer an mein Klopapier oder meine Nudeln will, „only over my dead body“. Die Knarren sind geladen.

Die Verschwörungstheorien blühen derzeit auf. Die einen sehen hinter dem Corona Virus den Versuch der „geheimen Weltregierung“ die Bevölkerungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Die anderen machen einen Geheimplan von Donald Trump aus, der nun „Martial Law“, also das Kriegsrecht ausrufen wird, um so seine Abwahl zu verhindern und auf einen Kurs mit seinen diktatorischen Kumpels in aller Welt einschwenken will. Bei all dem bin ich nur noch sprachlos. Ich sitze hier in meinem alltäglichen „Home Office“, schreibe und produziere und genieße auch weiterhin die Waldspaziergänge mit meiner Käthe. Da sehe ich keinen, da treffe ich keinen, da treibt sich kein Virus herum.

Kampf dem Virus

Schlangen vor den Supermärkten, leere Regale in den Läden, Home Office, die Parkplätze an der BART Station sind wie leergefegt, über die Bay Bridge kann man derzeit ungebremst fahren, alles frei. Von der Brücke kann man auch das Kreuzfahrtschiff „Grand Princess“ sehen, das in der San Francisco Bay geankert hat, auf dem noch immer Hunderte von Mitarbeitern sind und dort unter Quarantäne stehen. Und nun auch ein vom „Health Officer“ angeordneter „Hausarrest“. Na ja, nicht ganz, aber mal soll zu Hause bleiben, wenn man nicht unbedingt raus muss. Unbedingt bedeutet, Einkaufen im Supermarkt, zum Arzt gehen oder mit dem Hund raus, das ist erlaubt. Alles andere wird gestrichen.

Von überall sichtbar, die geankerte „Grand Princess“ in der San Francisco Bay. Foto: AFP.

Die Pandemie ist nun auch direkt vor meiner Haustür angekommen. Mein Fitnessclub reagierte spät und dann schrittweise. Erst wurden die Klassen gestrichen, dann die „Social Events“ und schließlich wurden die Türen mit der heute weit verbreiteten Anordung ganz geschlossen. Übers Handy kommt ein „Alert“, laut piept es mehrmals, man soll in den eigenen vier Wänden bleiben. Mein Lieblingsweingut meldet sich per Mail, man komme den Anordungen in Sonoma County nach. Der „Tasting Room“ bleibt vorerst geschlossen. Restaurants, Cafes, Bars machen dicht, wenn sie nicht notwendig sind und Speisen zum Mitnehmen anbieten können. Die Lichter gehen fast überall auf „Main Street“ aus.

Wie es nun weitergeht, das weiß keiner so genau. Präsident Donald Trump scheint so langsam die Kurve gekratzt zu haben und erkennt die große Herausforderung. Sprach er anfangs noch von einem „Media-Hype“, von einer politischen Angstmacherei der Demokraten hat er nun den nationalen Notstand ausgerufen, erklärt vor Pressevertretern auf einer Skala von 1-10 habe er die 10 in Sachen Corona-Bekämpfung verdient. Und auch Trumps Haussender, FoxNews, hat mittlerweile den Ton geändert. Sprachen sie lange Zeit nur von einer Panikmache, einem erneuten Versuch, diesem Präsidenten zu schaden, wird nun ganz offen von einer Krise berichtet. Natürlich in Trumpschen Farben, denn dieser Präsident habe alles unter Kontrolle und sei der richtige Mann zur richtigen Zeit, so Sean Hannity, der erfolgreichste Moderator des Senders.

Nun also wird zu dramatischen Mitteln gegriffen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Zu spät käme es, sagen Gesundheitsexperten. Trump hätte schon längst reagieren müssen, hätte schon längst auf die Gouverneure in den verschiedenen früh betroffenen Bundesstaaten hören sollen. Doch Trump hört nicht zu, wenn es  um sein Image geht. Wie es heißt, kann die Krise Monate dauern, das liegt auch daran, dass das Ausmaß der Ansteckungen noch gar nicht bekannt ist. Viel Zeit wurde verschwendet, gerade von Seiten des Weißen Hauses und dieses Präsidenten, der nicht wahrhaben wollte, was da passiert. Er glaubte wirklich, er könnte die Krise aussitzen. Nun tritt der bittere Alltag ein und FoxNews erklärte am Nachmittag, eine „recession is highly likely“.

„It’s the end of the world“

Gestern im Trader Joe’s. Eigentlich wollte ich nur ein paar Dinge besorgen, aber die Regale waren leer. Zuletzt habe ich sowas in Russland Anfang der 90er Jahre gesehen. Im Tierhandel wollte ich für Käthe Hundefutter kaufen, doch auch da war das Angebot mehr als spärlich. Ich sehe schon, Käthe muss demnächst auf die Jagd gehen, mal sehen, was die Nachbarn dazu sagen werden.

Die Corona Krise scheint auf den Magen zu schlagen.

Heute morgen dann ein ähnliches Bild, ein anderer Trader Joe’s vor dem sich im Regen eine lange Schlange gebildet hatte. Und das um 8 Uhr morgens.Ich fuhr gleich weiter zu Lucky’s. Dort konnte man zumindest in den Laden hinein gehen ohne im Regen zu stehen. Aber das Angebot war auch hier mehr als gering. Lange Regalreihen leer. Ich frage mich sowieso, warum nun alle Klopapier horten.

Und nicht nur das, die Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Einige rannten mit Mundschutz, Einweglatexhandschuhen und Feuchttüchern in der Hand durch die Reihen und sahen einen an, als ob man sie gleich umbringen wollte. Kein Lächeln, kein Sinn für Humor am Samstagmorgen. Als ich vor einem leeren Regal stand und so vor mich hin sagte, der dritte Weltkrieg sei ausgebrochen, meinte eine Frau zu mir, die Lage sei sehr ernst und darüber sollte man keine Witze machen.

Soviel dazu. Es gab noch Milch, Eier und Kartoffeln. Na immerhin. Aber die Situation wird nicht besser, gerade sagte Donald Trump in einer Pressekonferenz, dass er durchaus verstehe, dass die Leute alles aufkaufen. Es wäre wohl gut, wenn man mal für zwei Wochen ganz weg ist. Das beruhigt die Lage sicherlich, Trump hat die Situation alles andere als unter Kontrolle. Er bejubelt den Anstieg des Dow Jones Indexes und verkennt, dass er und seine Administration zu lange diese Krise nicht ernst genommen haben. Aber das ist ein anderes Thema.

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Oakland in den News

Seit 21 Jahren lebe ich in Oakland, eine Stadt, die mir ans Herz gewachsen ist. Auch, wenn Oakland immer im Schatten der strahlenden „City by the Bay“ San Francisco steht. Und doch Oakland ist voller Geschichte und Geschichten. Das versuche ich immer wieder auch in diesem Blog darzulegen. Oak-Town, wie man hier auch die Stadt nennt, wird aber meistens von außen mit schlechten News in Verbindung gebracht.

Die „Grand Princess“ nimmt Kurs auf Oakland. Foto: AFP.

Als ich ich 1999 hierher kam, lag die Mordrate bei über 160 Opfern pro Jahr, die Ganggewalt, die Schießereien gerieten außer Kontrolle. Dazu kam, dass die Stadt die drängenden Probleme nicht unter Kontrolle bringen konnte. Aber Oakland war und ist auch immer eine Künstler- und Subkultur Stadt gewesen, hier wurden viele der gewaltigen Burnin-Man Kunstwerke erstellt, denn hier gab es in der einstigen Arbeiterstadt viel Platz in alten Produktionsstätten. Oakland ist eine Musikstadt, Jazz, Hip Hop, Punk und Noise ließen international aufhorchen. Über all die Jahre, seidem ich das Geschehen hier aus der Nähe beobachten kann, hat sich viel getan. Oakland boomt und hat mit Libby Schaaf eine Bürgermeisterin, die sich schon mehrmals öffentlich mit Präsident Donald Trump gefetzt hat, die Warriors haben Basketballgeschichte geschrieben, die Restaurant- und Kneipenszene ist aufgeblüht. Das alles vor dem Hintergrund der folgenschweren Gentrifizierung in der Stadt.

Und nun ist Oakland mal wieder in den internationalen News. Die „Grand Princess“, das Kreuzfahrtschiff mit 3500 Passagieren an Bord, das seit zwei Wochen vor der Küste des Golden Gates auf eine Hafeneinfahrt wartet, wird am Montag im zweitgrößten Hafen an der Westküste, in Oakland, andocken. Eigentlich sollte die „Grand Princess“ in San Francisco Anker werfen, doch da steht nur ein Pier zur Verfügung, das fast direkt an Downtown angrenzt. Eine weiträumige Isolation ist dort nicht möglich. In Oakland steht der Container- und „Deep Sea“ Hafen zur Verfügung, der für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Von hier sollen die 3500 Menschen an Bord aufgeteilt werden. Die 21 Erkrankten werden umgehend in spezielle Einrichtungen gebracht, die 1000 kalifornischen Passagiere in Kalifornien beobachtet, die anderen weiter in ihre Heimatbundesstaaten transportiert. Und alles unter Ausschluß der Öffentlichkeit, denn der Hafen in Oakland ist absolutes Sperrgebiet.

Morgen also werden die Bilder aus Oakland um die Welt gehen, ein Kreuzfahrtschiff im Hafen, im Hintergrund die Bay Bridge und San Francisco. Ich kann nur hoffen, dass man danach Oakland nicht als Virenschleuder betrachtet. Ich lebe etwa zehn Kilometer Luftlinie vom Hafen entfernt, mal sehen, ob ich morgen von hier oben das Schiff sehen kann.

Coronajagd in Chinatown

Chinatown in San Francisco und Chinatown in Oakland sind eigentlich sehr lebendige und vielbesuchte Stadtteile. Gerade das Chinatown in San Francisco, das älteste Chinesenviertel in den USA, ist beliebter Anlaufpunkt für die unzähligen Touristen die alljährlich in die „City by the Bay“ strömen. Doch das hat sich nun geändert.

Covid-19, das Corona Virus, tauchte zuerst in Wuhan, China auf. Tausende von Meilen entfernt. Doch alleine, dass es in China ist, führt dazu, dass viele nun meinen, sie müssten Chinatown meiden. Denn irgendwie hängen die Chinesen wohl mit dem Virus zusammen, so die Überzeugung vieler. Die Straßen sind leer, viele Geschäfte geschlossen, die, die offen haben, darunter auch viele Restaurants und Cafes, sind gähnend leer. Von Touristen kaum etwas zu sehen. Für die vielen kleinen Läden zwischen dem „Chinese Gate“ an der Ecke Bush/Grant und der Columbus Street sind schwierige Zeiten angebrochen. Und wer unterwegs ist trägt Mundschutz. Nicht anders ist es in Oakland, gleich auf der anderen Seite der Bay. Chinatown ist in diesen Tagen verwaist. Und nicht nur das, die Nachrichten nehmen zu, dass asiatisch aussehende Menschen Opfer von Hetze, Hass und Gewalttaten werden.

Quarantäne am Golden Gate. Foto: Reuters.

Vor der Küste liegt ein Kreuzfahrschiff und darf nicht ankern, denn die Corona-Gefahr reist mit an Bord. Auf der vorhergehenden Cruise nach Mexiko war ein Mann, der mit Symptomen die „Grand Princess“ verließ und mittlerweile verstorben ist. Die jetzige Cruise ging nach Hawaii, unklar ist, ob es unter den Passagieren zu Ansteckungen kam. Bis Klarheit herrscht, darf das Schiff nicht in den Hafen einfahren. Und die Corona Panik hat auch einen deutschen Club in der Bay Area erreicht. Zwanzig Mitglieder von ihnen waren auf der Schifffahrt nach Mexiko. Sie alle wurden anschließend benachrichtigt und mussten in ihren eigenen vier Wänden in Quarantäne bleiben, dazu kamen weitere Menschen, mit denen sie nach dem Verlassen des Schiffes in Kontakt kamen.

Auch wenn Präsident Donald Trump die Gefahr und die Auswirkungen des Corona Viruses herunterspielt, in diesen Tagen herrscht nirgendwo mehr Normalität. Nicht nur in Chinatown, auch hier in meinem lokalen Supermarkt wird man mehr als schief angeschaut, wenn man mal husten muss. Gegrüßt wird nicht mehr per Handschlag sondern nur noch per Ellbogenkick. Die langfristigen Folgen sind noch nicht absehbar, die Panik vor einer Ansteckung an sich hat schon genug Angst, Schrecken und finanzielle Sorgen ausgelöst.

Auf den Spuren von Jack London

4,4 Millionen Dollar kostet das Anwesen, in dem Jack London im Sommer 1903 sein Buch „The Sea Wolf“ geschrieben hat. Das Haus in Glen Ellen in Sonoma County gehörte einst seiner Agentin, Netta Eames. Die war nicht nur eine frühe Förderin des Schriftstellers, sondern stellte ihm auch ihre Nichte, Charmain Kittredge, vor, die London später heiratete.

Sowieso sind die Spuren von Jack London in der San Francisco Bay Area reich. Auch in Oakland, kann man auf die Suche gehen und findet schnell wichtige Orte. Ein deutscher Immigrant hat sogar die Weichen für den Erfolg des Schriftstellers – zumindest – mitgestellt. Es muss um 1893 gewesen sein, der junge Jack London vertrieb sich nach der Schule die Zeit in Johann “Johnny” Heinolds “First and last chance” Bar direkt im Hafenbereich von Oakland. An einem Tisch machte er seine Hausaufgaben und hörte den Geschichten der Seemänner zu. Die Abenteuerlust packte den damals 17jährigen.

Die Gefahren und der Mut von Männern durchzieht Londons Werk. Und Jack London, so ist es überliefert, erzählte Johnny Heinold davon, dass er überlege an der University of California zu studieren und Schriftsteller zu werden. Heinold war begeistert und lieh dem Jungen das Geld für das Studium.

Jack London kam auch als namhafter Schriftsteller immer wieder zurück in seinen “First and last chance” Saloon. In seinem Roman “John Barleycorn” wird die Bar ganze 17mal erwähnt. Hier lernte er den Seemann Alexander McLean kennen, den er als Vorbild für seinen “Wolf Larsen” in “Der Seewolf” nahm. Und mit Johann Heinolds Hilfe wurden an dem kleinen Tisch in der Bar die Verträge für drei weitere Jack London Romane unterzeichnet. Noch heute ist die Bar und auch derselbe Tisch an dem der Schüler seine Hausaufgaben machte und der Schriftsteller seine Notizen schrieb an der gleichen Stelle zu finden, am “Jack London Square” in Oakland.

Das ist nur eine kleine Anekdote am Rand in der Geschichte Jack Londons und der deutschen Immigranten am Golden Gate. Als ich von dem Hausverkauf in Glen Ellen erfuhr, mußte ich allerdings daran denken, denn der Saloon ist ein interessanter Ort. Eine alte Kneipe, die zum Teil im Laufe der Jahre abgesunken ist und zwischen all den Neubauten am Jack London Square mehr als auffällt. Wer also San Francisco besucht, sollte mit der Fähre vom Ferry Building am Ende der Market Street zum Jack London Square nach Oakland fahren, ein kleiner Spaziergang entlang des Wassers, um im Außenbereich des „First and last chance“ Saloons ein Bier zu trinken. Ich empfehle ein KSA, ein Kölsch, lokal gebraut von der Fort Point Brewery, eine Brauerei, die sehr stark vom deutschen Brauwesen beeinflusst wird.

Halleluja in der Muckibude

An der Ecke Broadway und 25te Straße in Downtown Oakland steht ein Flachbau. Eigentlich nicht weiter auffallend, wären da nicht ein paar riesige Letter: God’s Gym und zwischen den beiden Wörtern das Bild eines sehr muskulösen Jesus, der vor einem Kreuz und gesprengten Ketten steht. “We care”, “Wir kümmmern uns” lautet eine Leuchtschrift im Fenster.

Seit 30 Jahren unterhält Gary Shields hier seinen Fitnessclub der etwas anderen Art: 
“Ich habe 1987 zu Gott gefunden“, erzählt er. Damals habe er schon viel Gewichtheben und Bodybuilding betrieben, vorher zehn Jahre lang geboxt. „Ich nannte den Kraftraum am Anfang “Iron Pit Gym”, denn das war es für mich. Ein “Iron Pit” ist der Gewichthebebereich auf einem Gefängnishof.“

Seine Kraftbrüder waren damals vor allem ehemalige Strafgefangene, die sich in diesem “iron pit” wohl fühlten. Doch dann kam Ende der 90er Jahre jener Tag, an dem sich alles für Shields änderte: „Eines Tages fuhr ich hierher und dachte mir, das war’s. Ich griff mir schwarze Farbe und malte einfach über den Namen. Zwei Monate lang stand da nichts. Und ich betete zu Gott, er solle mir sagen, wie ich das hier nennen soll. Und er antwortete mir “God’s Gym”.“

Hier wird weder “Eye of the tiger” von Survivor gespielt, noch hört man tagsüber Gospel Music, Gary Shields meint, die Trainierenden sollen schließlich seine Anweisungen hören. Hier dreht sich alles ums Pumpen. Kraftmaschinen, Freihanteln, Gewichte, Fitnessräder und Laufbänder, alles steht eng nebeneinander. Der 57jährige Gary Shields – oder Big G, oder Brother Gary, wie er auch genannt wird – macht keinen Hehl daraus, dass in diesen verschwitzten vier Wänden Gott Zuhause ist: „Wenn hier jemand reinkommt und mich fragt, warum das hier “God’s Gym” heißt, dann antworte ich nur zu gerne: er ist der Schlüssel zum Erfolg in meinem Leben. Wie würdest Du es nennen? Joe’s Muckibude?“

Gary Shields ist hochgewachsen, breite Schultern, dicke Oberarme, ein paar Tätowierungen sind zu sehen. Er erzählt gerne und viel, lacht dabei, aber ihm laufen bei seinen Erzählungen auch mal die Tränen herunter, vor allem dann, wenn er über seine persönliche Beziehung zu Gott spricht. Shields erzählt, dass er um Mitternacht alleine mit dem Training anfängt, dabei Gospelmusik oder die Bibel als Audiobook anhört, danach frühstückt, um schließlich den Kraftraum für seine Kunden vorzubereiten. Es gibt keine Laufkundschaft, wie bei den Fitnessketten, er legt Wert auf das persönliche Training. Und immer wieder liest er zwischendrin in der Bibel: „Das führte auch dazu, dass Leute kamen und mich danach fragten, was ich da lese. Das führte zu einem Bibelstudium mit anderen. Ich wurde dafür nicht ausgebildet, aber ich rede von der Güte Gottes und was das in der heiligen Schrift bedeutet und wie sich das auf mein Leben auswirkt, wie ich danach lebe. Und das führte zur Straßen-Missionierung, dazu, dass ich erst Assistenzpastor und innerhalb von zwei Jahren Pastor wurde. Fühlst Du, was ich sage?“

Shields hat eine Mission, den Gospel, das Wort Gottes zu verbreiten. Und doch, er zwingt es niemandem auf, der zu ihm kommt, dafür ist er dann doch zu sehr auch Geschäftsmann. „Man, jeder kommt zu “God’s Gym”. Atheisten, Gläubige, Muslime. Sie kommen nicht unbedingt hierher, weil das hier “God’s Gym” ist. Sie kommen, weil wir uns um sie kümmern. So steht es auch im Fenster. “We care”. Ich kenne die Namen von all den 200 Menschen, die regelmäßig hier trainieren.“

Er sei ehrlich zu jedem, der zum ihm kommt, betont er. Einen Schwarzenegger, könne er nicht aus jedem machen, erklärt er mit einem Lachen. Und doch, Bodybuilding, Fitness- und Krafttraining hat für ihn viel mit Gott zu tun. “Pumping irons” sei durchaus in Gottes Sinne, meint er und spannt die dicken Muskeln für ein Foto an.

Da waren es nur noch 15

Da war die Stimmung im Kamala Harris Lager noch gut.

Nun also doch. Vor ein paar Wochen hatte ich schon geschrieben „Kamala Harris solte aufgeben“, anscheinend hat es mit der Übersetzung etwas gedauert. Nun hat die US Senatorin von Kalifornien aufgegeben. Sie ist die dritte PräsidentschaftskandidatIn, die in den letzten Tagen aus dem Rennen um die Kandidatur ihrer Partei ausgestiegen ist. Zuvor schon hatten Montanas Gouverneur Steve Bullock und der frühere Kongressabgeordnete Joe Sestak die Reissleinen gezogen.

Kamala Harris war mit viel Aufmerksamkeit gestartet. Vor 22.000 Anhängern verkündete sie im Januar in Oakland, dass sie Präsidentin werden will. Es war ein Auftakt nach Maß. Dutzende von Medienvertretern, Live-Fernsehberichte und eine mitreißende Kandidatin ließen hoffen. Doch in den Wochen darauf verkündeten mehr und mehr Kandidaten und Kandidatinnen ihre Absicht Donald Trump aus dem Weißen Haus zu werfen. Kamala Harris ging mit ihrer Message und ihrem Charisma im weiten Anwärterfeld schlichtweg unter. In all den Monaten konnte sie nicht zum Spitzentrio aufschließen, weder auf nationaler Ebene noch in einigen der frühen Vorwahlstaaten.

Nun ist sie draußen, in einer Erklärung hieß es, sie habe nicht genug Geld in ihrer Wahlkampfkasse, um weiter zu machen. Das ist mehr als schade, denn Harris, eine Vertraute von Barack Obama, hätte die Reihen der Demokraten einen können. Unter anderen Umständen wäre sie die richtige Kandidatin gewesen, aber die Demokraten schwächen sich gerade selbst mit einer Armee von Überegos, die alle glauben, Donald Trump besiegen und das Land wieder zusammenführen zu können. 15 Frauen und Männer der Demokraten sind es nun noch immer, die ins Oval Office wollen. Man kann nun gespannt darauf sein, was Harris mit ihrer neuen Rolle anfangen wird. Zumindest wird sie im US Senat wieder als lautstarke Kritikerin dieses Präsidenten in Erscheinung treten.

Kamala Harris sollte aufgeben

Oakland feierte noch im Januar Kamala Harris. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Im Januar stand ich mit Dutzenden von Reportern und etwa 15.000 begeisterten Wählerinnen und Wählern vor dem Rathaus in Oakland. Die Polizei hatte den Innenstadtbereich weitgegehend abgesperrt. Lange Schlangen von Menschen wurden an den Kontrollpunkten kontrolliert. News Helikopter drehten ihre Kreise über der Menge. Überall wehten amerikanische Fahnen. Die kalifornische Senatorin Kamala Harris wurde schon lange vorher, auch von mir, als mögliche Präsidentschaftskandidatin gehandelt.

Und an diesem sonnigen Sonntag machte Harris die Dinge klar. Erst sang ein Gospel Chor eine mitreissende Variante der Nationalhymne, dann kündigte Oaklands Bürgermeisterin Libby Schaaf Oaklands „Native“ und „neue und erste Präsidentin der Vereinigten Staaten“ an. Harris Auftritt und Eintritt in das Rennen um das Weiße Haus wurde vielbeachtet und gefeiert. In den Umfragen stand sie auf einmal hinter Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Joe Biden, der damals seine Kandidatur noch nicht verkündet hatte, doch schon mit einem Bein im Rennen stand. Harris galt als Hoffnungsfigur.

Ein Dreivierteljahr später ist von dieser Welle der Begeisterung nicht mehr viel zu spüren. Kamala Harris sackte in den Umfragen immer weiter ab und ist nun nur noch eine von vielen in diesem Wettkampf der Demokraten. Eine ernstzunehmende Chance doch noch die Krönung ihrer Partei zu erhalten, hat sie nicht mehr. In den Bundesstaaten, die früh wählen und damit richtungsweisend sind, Iowa und New Hampshire, liegt sie mit drei bzw. einem Prozent weit abgeschlagen. US weit sehen die Meinungsforscher sie bei hoffnungslosen 5,3 Prozent.

Sie ist nur eine von etlichen Kandidatinnen und Kandidaten, die eigentlich jetzt aus dem Rennen ausscheiden sollten, denn es geht in dieser Wahl nicht um Köpfe, nicht um politische Differenzen und Ideen in der Partei der Demokraten, es geht einzig und allein darum gegen Donald Trump zu gewinnen. Ein endloser und teurer Vorwahlkampf der Demokraten bringt da gar nichts, denn klar ist auch, je näher wir den Wahltagen kommen, wird die Stimmung aufgeheizter und der Ton schärfer. Gewinner bei diesem täglichen verbalen Aufeinanderprügeln wird einzig und allein Donald Trump sein, dem es nur recht wäre, dass sich die Demokraten gegenseitig verwunden. Von daher, macht Schluß mit diesen unsinnigen Vorwahlkämpfen und konzentriert Euch auf das, was wichtig ist. Auf das, was für jeden Demokraten, egal ob mit Parteizugehörigkeit oder ohne, das einzige Ziel sein sollte – die Abwahl des gefährlichsten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten. Denn Donald Trump hat in nur wenigen Jahren diese Demokratie aus den Angeln gehoben, die Grundfesten der Gesellschaft und der Demokratie unterminiert. Schlimmer noch, er hat die Spaltung der Nation mit Vollkraft vorangetrieben, eine alternative Realität erschaffen, in der man nun von einem Trump-Kult sprechen kann. Vier weitere Jahre unter Trump können sich die Vereinigten Staaten von Amerika nicht leisten. Und auch der Rest der Welt könnte endlich wieder aufatmen.