Die Kathedrale steht noch

Vor fast zwei Jahren hatte ich Besuch von guten Freunden aus Berlin. Ich wollte ihnen etwas zeigen, was hier vor der Tür zu finden ist, etwas ganz besonderes hier in diesem riesigen Ballungsraum. Redwoods, diese gewaltigen Bäume, die sich schnurgerade nach oben recken und alles unter ihnen klein erscheinen lassen. Es war ein mehr als anstrengender Spaziergang, vor allem bergauf am Ende. Aber ich glaube, der Augenblick am Fuße dieser Bäume hat alles entschädigt, zumindest sagten sie mir das. Am Abend spielten die beiden ein Konzert und ich schwöre, sie wirkten ganz und gar nicht ausgelaugt von dem beschwerlichen Ab- und Aufstieg.

Seitdem ich 1999 von San Francisco nach Oakland zog, bin ich eigentlich jeden Tag mit einem Hund im East Bay Regional Park unterwegs gewesen. Es gibt so viele wunderschöne Ort dort zu entdecken, viele mit einem unglaublichen Ausblick, doch mich zieht es immer wieder zurück an diesen Ort, der für mich wie eine Kathedrale wirkt. Oftmals bin ich dort alleine mit „man’s best friend“, wie auch heute, kein Mensch weit und breit zu sehen. Die schlechte, doch langsam bessere werdende Luft, hielt viele Spaziergänger in den letzten Tagen und Wochen fern. Am schönsten ist es dort, wenn der dicke Nebel sich über den Wald legt und alle Geräusche schluckt. Der Boden feucht und weich, die frische Luft. Die unglaubliche Ruhe in all dem Tumult, vergleichbar für mich mit der St. Klara Kirche in Nürnberg, die ich bei jedem Besuch in meiner Heimatstadt aufsuche.

Heute war ich mal wieder seit langem dort unten. Die Luftqualität war deutlich besser. Meine Käthe hat durchgeatmet und hat sich nicht bremsen lassen. Und diese Redwoods stehen noch immer da, unbeeindruckt von all dem, was um uns herum passiert, was uns aufregt, was uns wütend, verärgert, traurig macht. Das gibt in dem Augenblick eine ganz andere Perspektive. Sie zieht es weiter nach oben, dem Licht entgegen. Und diese Ruhe ist unglaublich erholsam. Entschleunigend. Die Redwoods in den Oakland Hills sind noch nicht so alt, zwischen 100 und 150 Jahren. Früher standen auch hier diese gewaltigen Bäume, die 500 und mehr Jahre auf den Wurzeln hatten. Es heißt, sie waren so hochgewachsen, dass sie Seefahrern auf dem Meer eine Hilfe waren, das Golden Gate nicht zu verpassen. Doch all diese Redwoods wurden seinerzeit abgeholzt für den Aufbau und dann den Wiederaufbau von San Francisco nach dem Erdbeben von 1906. Nur noch einer der ganz alten ist in den East Bay Hills übrig geblieben, an einem schwer zugänglichen Ort. Er wurde damals und wird heute wohl noch immer übersehen.

Atmen ist gesundheitsgefährdend

Kalifornien kommt nicht zur Ruhe. Nach wie vor brennt es an Dutzenden Orten, zum Teil sind es gewaltige Feuer, die noch wochenlang ausbrennen werden. Die Feuerwehreinsatzkräfte machen nur geringe Fortschritte. Auch in Oregon und Washington State brennt es und die Feuersaison im Westen der USA hat noch gar nicht richtig begonnen.

Die Luft in Oakland war heute „gesundheitsgefährdend“.

Täglich werden Dutzende von Pressekonferenzen der verschiedenen Feuerwehrleitstellen im ganzen Bundesstaat übertragen. 2018 war das bislang verheerendste Feuerjahr in der aufgezeichnten Geschichte von Kalifornien. Vor zwei Jahren verbrannte im Golden State eine Fläche rund dreimal so groß wie Luxemburg. Doch diese Marke wurde in diesem Jahr bereits am „Labor Day“, dem ersten Montag im September deutlich überschritten. Schon viermal brannte hier 2020 die Grundfläche von Luxemburg ab. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom spricht denn auch von einer historischen Marke: “Historisch ist ein Begriff, den wir hier in Kalifornien anscheinend sehr oft benutzen, aber diese Zahlen bestätigen genau das, es ist historisch, das ist die größte Feuer Saison bezüglich der betroffenen Fläche, die je registriert wurde.”

Die Statistiken zeigen auch auf, dass die Brandgefahr in Kalifornien immer weiter steigt. Die Top Five der gewaltigsten Feuerjahre seit Anfang des 20. Jahrhunderts liegen in den letzten 13 Jahren: 2007, 2008, 2017, 2018 und nun 2020. An 29 Stellen in Bundesstaat brennt es noch immer. Mehr als 20 Tausend Feuerwehrleute sind im Einsatz. Was ihnen derzeit hilft, ist das Wetter, es wird kühler, die starken Winde lassen etwas nach, gerade im Küstenbereich zieht Nebel auf. Doch genau das ist das Problem in Ballungsräumen wie der San Francisco Bay Area, die bekannt für ihre Nebeldecke gerade im Sommer ist. Die Bilder gingen am Mittwoch um die Welt: Der Tag an dem die Sonne nicht aufging. Dicker Rauch von den umliegenden Feuern und sogar von Waldbränden aus Oregon sammelte sich unter der Nebeldecke und konnte nicht abziehen. Ein orangenes Dauerdämmerlicht war den ganzen Tag zu sehen, als ob man sich auf dem Mars aufhält. Die Autos waren mit einer Ascheschicht bedeckt. Experten warnten vor der schlechten Luftqualität und riefen dazu auf, sich möglichst nicht draußen aufzuhalten. Fast jeder, den man sprach, beschrieb die Situation als “apokalyptisch”, “verrückt”, “surreal”, wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwacht.

Auch am Donnerstag wurde es nicht besser. Einige der Brände, gerade die in der näheren Umgebung der San Francisco Bay wurden fast vollständig unter Kontrolle gebracht, doch dafür sank die Luftqualität weiter. Als “gesundheitlich gefährdend” wurde sie eingestuft, wer länger draußen sein mußte, merkte schnell ein Kratzen im Hals, brennende Augen, Probleme beim tiefen Einatmen.

Ein Ende der Feuergefahr ist noch lange nicht in Sicht, denn die eigentliche “Fire Season”, die Feuersaison in Kalifornien steht im Frühherbst noch bevor. Dann ziehen vom Landesinneren die „Santa Ana Winds“, starke, sich ständig drehende und warme Winde über den Bundesstaat, schon der kleinste Funke kann dann zu einer Katastrophe führen…einer weiteren im Golden State. Unterdessen breiten sich riesige Waldbrände in Oregon und Washington aus. Im nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien mussten 500.000 evakuiert werden. Oregon hat nur 4,2 Millionen Einwohner.

Die Sonne so rot

Es will einfach nicht hell werden.

Es ist elf Uhr morgens und draußen ist es dämmerig. Ich sitze in meinem Büro und muß das Licht anmachen, um überhaupt etwas sehen zu können. Es ist im Freien nicht richtig dunkel, eher ein orangenes, apokalyptisches Licht. Endzeitstimmung. Die Außenbeleuchtungen an den Häusern in der Nachbarschaft, die über Sensoren angehen, brennen noch. Die Technik wird getäuscht, genauso wie die Natur, die Grillen zirpen sich einen, so als der Abend angebrochen ist. Es wirkt alles noch düster. Auf mein Auto hat sich ein Aschefilm gelegt.

In Kalifornien brennt es weiter, im Norden, in Napa, im Central Valley, in der Nähe von Santa Cruz und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Eigentlich geht es um diese Zeit erst so richtig los. Die Santa Ana Winde stehen an, starke, warme Winde, die im Landesinneren entstehen und wie ein Fön wirken. Eine späte Hitzewelle ist noch für Ende September, Anfang Oktober zu erwarten. Ich erinnere mich noch daran, dass ich nur im Herbst am Ocean Beach von San Francisco im Meer baden ging, da es dann unerträglich heiß wurde, die kühle, von Alaska kommende Strömung war da eine wunderbare Abkühlung. Da kommt noch was auf uns zu. Vor 25 Jahren gab es diese „Fire Season“ im Herbst, mittlerweile ist dauerhauft Feuer-Saison.

Es regnet Asche.

Corona, Wahlkampf, Hitze, Feuer. Nun noch diese gewaltige Rauchglocke, die das Draußensein ungesund werden läßt. Aber sagen sie das mal einem Schäferhund-Huskie, der einfach immer raus will. Gestern ging ich mit Käthe in den nahegelegenen Wald, ich war einer der wenigen Bekloppten, die in der Hitze und in dem Qualm unterwegs waren. Am Ende eines gut einstündigen Spaziergangs waren wir beide fix und fertig. Sie hechelte nach Wasser, mir kratzte es im Hals. Und heute morgen ist es noch schlimmer. Dieses organgene Licht verschwindet nicht, dicke Schichten Rauch lassen die Sonnenstrahlen nicht durch. Es wird einfach nicht hell. Der Ascheregen nimmt kein Ende. Ich hoffe nur, das ist kein Sinnbild für das, was noch auf die USA zukommen wird…Doomsday!

 

Verrückte Zeiten

Ausgerechnet Donald Trump wirft Joe Biden und Kamala Harris vor, gegen die Wissenschaft zu sein. Das muß man sich mal geben, nur weil Kamala Harris in einem Interview erklärte, sie werde sicherlich nicht Donald Trump trauen, wenn dieser sage, ein Impfstoff gegen Covid-19 sei sicher. Sie, das betonte sie, halte sich an die „Public Health“ Experten und Wissenschaftler, bevor sie sich impfen lassen würde. Soviel dazu und ich stimme ihr zu. Trump politisiert die Suche nach einem Impfstoff und will genau damit im Wahlkampf punkten.

Es sind schon verrückte Zeiten. Wenn man den Fernseher anschaltet und auf die Nachrichtenkanäle geht, die mehr und mehr werden, dann dreht sich alles um den Wahlkampf. Und es ist interessant, aber auch ermüdend, wie die verschiedenen Sender die Fakten drehen und verdrehen, analysieren und auslegen. Da stehen noch ein paar hitzige und heftige Wochen bis zum Wahltag bevor. Gespannt bin ich auf die Fernsehduelle von Trump/Biden und Pence/Harris.

Während ich das hier schreibe schwitze ich. Ich sitze nur da, kurze Hose, ein Shirt, ein Glas Wasser neben mir und schreibe und schwitze. Wer mich kennt, weiß, der Arndt schwitzt viel. Aber das hier ist nicht mehr normal. Es sind 40 Grad vor der Tür. Ein kleines Lüftchen weht, aber das hilft nichts, denn die Fenster müssen aufgrund der dicken Rauchglocke geschlossen bleiben, die riesigen Waldbrände in Nordkalifornien machen das Atmen schwer.

Man ist den ganzen Tag geschlaucht, dazu Kopfschmerzen und Augenbrennen, weil ich ja doch mal mit dem Hund vor die Tür muß. Und dann letzte Nacht diese Vollpfosten, die in der Gegend rumballerten. Keine Ahnung, was das war, aber es hallte durch den Canyon, irgendwelche Schwachmaten drückten um 2 Uhr morgens auf den Abzug. Gleich mehrmals. Bang, Bang, Bang. Als ich kurz darauf wieder eingeschlafen war, begannen die Kojoten zu heulen. Ein ganzes Rudel hatte wohl einen nächtlichen Festschmaus. Sie hörten gar nicht mehr mit der Heulerei auf, was wiederum einige Hunde in der Nachbarschaft auf den Plan rief, lautstark zurück zu bellen. Man will doch einfach nur schlafen…

Die Musik macht es

Denk ich an die USA in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. So in etwa könnte man die derzeitige Stimmung in diesem Land auf den Punkt bringen. Die Corona Krise, der systemische Rassismus, ein brutaler Wahlkampf und dazu noch ein selbstverliebter Präsident der Tag für Tag ganz bewußt mit dem Feuer spielt und die Probleme im Land durch Worte und Taten nur noch größer werden läßt.

Und da ich nicht schlafen kann, sitze ich hier zu dieser späten Nachtstunde in einem Sendestudio in San Jose, das ist die größte Stadt in der San Francisco Bay Area, eine gute halbe Stunde von Oakland entfernt. Einmal im Monat, jeden ersten Freitag, lege ich hier von Mitternacht mit 3 Uhr morgens einen etwas anderen Musikmix auf, viel elektronische und experimentelle Musik, Musik, die man sonst nie so im Radio hört. Doch KKUP ist ein Community Sender, der mit einer starken UKW-Frequenz die weitere Region gut abdeckt und Programmmachern wie mir die Möglichkeit bietet, ganz anderes zu spielen. Das ist gewollt. Denn nicht jeder hört die Charts rauf und runter.

Aber ich merke gerade, während ich hier sitze und die Anna von Hausswolff von ihrer jüngsten Veröffentlichung auf Kassette (!) läuft, dass das hier ein richtig schönes Stück Freiheit ist. Fernab von all dem täglichen Wahnsinn, den ich so seit einiger Zeit als Korrespondent behandele. Musik hat wirklich eine heilende Wirkung. Auch heute morgen fiel mir das wieder auf, als ich mit David Harrington vom Kronos Quartett sprach. Sie bringen eine Platte mit Pete Seeger Songs heraus, ganz starke, ganz wichtige Songs für diese Zeit. Und Harrington schwärmte von den Liedern des großen Folk Sängers.

Doch zurück zu meiner Sendung hier. Musik, die so ganz anders ist, in einem Radio-Freiraum, der in der amerikanischen Hörfunklandschaft keine Ausnahme ist. Solche Stationen gibt es überall, noch, doch sie sind gefährdet. Und das wäre ein riesiger Verlust für die Medien in den USA, denn auf solchen Stationen kann man nicht nur ausgefallene Musik aus aller Herren Länder und aller Genres hören. Diese Sender bringen vielmehr die vielen Gesichter, Sprachen, Kulturen, Menschen einer „Community“ zusammen. Auch andere Meinungen. Das eben on-air, die Welt ganz nah zum Hören. Und mit der Möglichkeit des online Streamings wird Lokalfunk grenzenlos. Da sitze ich hier in San Jose in einem Sendestudio, schlage mir die Nacht um die Ohren und bekomme Rückmeldungen von Hörern die entweder nicht schlafen können oder ihren Freitagmorgen neugierig auf das sind, was ich hier so spiele. Danke. Genau das, brauche ich zur Zeit.

„I can’t stress enough the importance of being prepared to leave“

Keine guten Aussichten, eine dicke Rauchglocke hängt über allem.

Wenn man solche Worte von der Einsatzleiterin Shana Jones von CAL Fire hört, dann wird es ernst. „If that tingling on the back of your neck says ‚I need to leave,‘ then please do so. Do not wait to be ordered to do so.“ Wenn man das Kribbeln im Nacken spürt, man sollte lieber los, dann solle man das tun. Nicht erst warten, bis offiziell zur Evakuierung aufgerufen wird. Wenn die Einsatzkräfte zum Verlassen des Hauses von Tür zu Tür gehen oder über Lautsprecher dazu auffordern, dann muß alles schnell gehen. Fünf, maximal zehn Minuten bleiben dann. Diese Brände sind schnell, die Flammen fressen sich innerhalb einer Sekunde ein Fußballfeld voran.

Kein Zugang zu den Parks aufgrund der hohen Feuergefahr.

Freunde von mir meinten, sie packen gleich mal ein paar Koffer, damit sie bereit sind, falls es dazu kommt. Als ich das hörte, schaute ich mich hier um. Was muß mit, Unterlagen, Dokumente, Fotos….problematisch könnte es mit der Platten- und CD Sammlung werden. Was ist mit meinen Büchern? Ich glaube, ich werde gleich mal einiges zusammensuchen, rauslegen, den Wagen checken, gestern habe ich noch vollgetankt. Ich lebe in den Oakland Hills, fast direkt am East Bay Regional Park, dem größsten regionalen Parkverbund in den USA. Hier bin ich eigentlich jeden Tag mit meiner Käthe unterwegs. Seit Dienstag nicht mehr, der Park ist aufgrund der Feuergefahr gesperrt.

Im Laufe des Tages werden heftige Winde erwartet, die „dry lightning“ mit sich bringen sollen. Also, trockene Gewitter, die natürlich auf dem ausgedorrten Waldboden zu weiteren Bränden führen können. An über 600 Stellen brennt es bereits in Kalifornien, die Kapazitäten der Einsatzkräfte sind ausgelastet. Am Wochenende kamen nun „Fire Crews“ aus den Bundesstaaten Oregon und Washington im Golden State an. Gouverneur Gavin Newsom bat sogar bei Feuerbrigaden in Kanada und Australien um Unterstützung. Und das inmitten einer Pandemie. Evakuierte meiden derzeit die Sammelunterkünfte, viele von ihnen schlafen lieber in ihren Autos. Ich weiß, all das hätte verhindert werden können, wenn wir hier in Kalifornien nur mehr auf den „very stable genius“ gehört und endlich die Wälder besser geharkt hätten. Gleich morgen schultere ich mir Schaufel und Harke…passend zum republikanischen Wahlkonvent!

Test #2

Morgen geht mein Flieger nach Deutschland, am Mittwoch lande ich dann in München. Als Vorgabe gilt, ich muß bei meiner Einreise einen Covid-19 Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Deshalb ließ ich mir heute nocheinmal einen Abstrich nehmen, der war aber deutlich unangenehmer als der erste in der vergangenen Woche.

Einmal schnell einen Abstrich in der Garage.

Diesmal hatte ich bei meiner Versicherung und meinem Provider „Kaiser“ einen Testtermin in Oakland ausgemacht. In einer der Parkgaragen am Broadway fand es diesmal statt. Der „Security Guard“ an der Einfahrt kommunizierte per Schild, Ausweis und Versicherungskarte sollten sichtbar vor die Windschutzscheibe gelegt werden, das Fenster geschlossen bleiben. Vor mir etwa acht Autos. Eine Mitarbeiterin von Kaiser lief dann zu meinem Wagen und hakte meinen Namen auf einer Liste ab, danach kam sie, befestigte „mein“ Testkit am Scheibenwischer.

Nach etwa zehn Minuten war ich dran, erneut wurde mein Name auf der Versicherungskarte mit meinem Ausweis durch die Scheibe abgeglichen, dann durfte ich das Fahrerfenster öffnen. Eine Ärztin begrüßte mich und erklärte, was sie machen wird. Erst einen Abstrich aus meinem Rachen, dann jeweils einen Abstrich aus meinen Nasenlöchern. Und dann meinte sie noch: „Please don’t touch me, if it’s too much, just take a break“.

Der Wattestab wurde mir tief in den Mund geschoben, der Rachenabstrich war grenzwertig, ich begann zu würgen. Danach schob sie mir das Stäbchen tief ins linke Nasenloch, zehn Sekunden später ins rechte. „Thank you and goodbye“. Das wars, unangenehm, aber eben notwendig. Kaiser war professionell und effizient, alles genau geplant. Nun hoffe ich darauf, dass auch dieser Test negativ ist und ich keine böse Überraschung nach dem Landen in München erlebe. Wenn morgen dann noch der Flieger wie geplant abhebt, dann ist klar, Nürnberg ich komme.

„Drive, she said“

Es war im Nürnberger Dröhnland, 1986, da hörte ich zum ersten Mal Stan Ridgways „Salesman“. Sowieso hörte ich in der legendären Disco in der Humboldtstraße vieles, was mich prägte und was mich bis heute begleitet. Aber Ridgway ist eine besondere Geschichte. Seine erste Soloplatte „The Big Heat“ nach seiner Zeit mit „Wall of Voodoo“ kaufte ich mir glaube ich gleich am nächsten Tag. Und die ist noch immer eine meiner Lieblingsscheiben.

Im November 1986 fuhr ich dann mit einer Freundin im Renault 12 meiner Eltern nach München. Ridgway spielte in der Alabamahalle. Ein nicht zu vergessenes Konzert. Draußen war es arschkalt, wir standen in der Schlange, bis die Türen endlich geöffnet wurden. Ich glaube, viel war nicht los, doch Stan Ridgway beeindruckte das nicht, er schien Spaß zu haben, immer wieder wedelte er mit dem Mikrofonkabel durch die Gegend, so, als ob er ein Cowboy beim Einfangen eines Rindes war. Gerade höre ich eine alte Aufnahme von genau dieser „The Big Heat“ Tour, die ein paar Tage später in Wien entstanden ist. Good times…!

Stan Ridgway und seine Musik begleiteten mich in den folgenden Jahren. Jede neue Platte legte ich mir zu. Nach meinem Umzug nach San Francisco sah ich ihn mehrmals live, bei Slim’s, im Cafe Du Nord und noch einem Club, dessen Namen mir gerade nicht einfällt, den es aber schon lange nicht mehr gibt, interviewte ihn vor einem der Konzerte für ein deutsches Musikmagazin. Und dann hatte ich die Idee, ein Spotlight auf KUSF über Stan Ridgway zu produzieren, eine, dieser großartigen Zweistundensendungen am Sonntagnachmittag auf dem einstigen legendären Collegesender der „University of San Francisco“. Ich schrieb Stan Ridgway an, ob ich ihn für diese Show interviewen könne und er schrieb zurück, freute sich über mein Interesse und lud mich für ein Treffen nach Venice ein.

Ein paar Wochen später stand ich da an einer Ecke nur einen Block vom Strand in Venice Beach entfernt. Ein blauer Minivan hielt neben mir, das Seitenfenster ging runter, „Are you Arndt?“. „Yes, I am“. Stan Ridgway saß am Steuer, wir unterhielten uns, während er durch die Gegend fuhr und mir die Nachbarschaft zeigte, dies und das erklärte. Schließlich hielt er an einem Diner, wir hatten erstmal Lunch. Danach meinte er, wir könnten doch das Interview im Auto machen. Stan Ridgway ist ein Geschichtenerzähler, das hat mich schon immer an ihm beeindruckt. Seine Liedtexte sind Kurzgeschichten, die das amerikanische Leben beschreiben. Gut beobachtet, manchmal seltsam, aber immer ein Grund zum Nachdenken. Sein „Camouflage“ oder sein „Drive, she said“, aber auch das „Mexican Radio“ aus den Wall of Voodoo Zeiten, tolle Stories.

Das Spotlight wurde gesendet und ich blieb mit Stan Ridgway lose in Kontakt, denn kurz darauf begann ich mit der Produktion des Country, Folk und Americana Inflight Programmes für eine große deutsche Airline. Ich hatte die Freiheit, meine Playlist selbst zu bestimmen und mußte mich nicht nach den Charts richten. Das bot mir die Möglichkeit das weite Feld des Country und Folk Sounds zu erkunden. Und da kam ich wieder auf Stan Ridgway, diesen großartigen amerikanischen Songschreiber, Sänger, Musiker, der offen für Einflüsse ist und durchaus auch immer wieder in seinen Songs durch den Reichtum des wahren amerikanischen Sounds stapfte. Stan Ridgway war also immer mal wieder auf 30,0000 Fuß zu hören. Er fand das gut. Ich auch. Nach zehn Jahren war für mich Schluß mit der Sendung. Seitdem lege ich immer mal wieder eine Platte von ihm auf. Gestern Abend ganz laut „The Big Heat“, für mich sein Meisterwerk. Und da kamen eben all die Erinnerungen hoch, Dröhnland und Alabama Halle, KUSF, Venice und über den Wolken. Musik ist einfach wunderbar.

YouTube Preview Image

Up the nose around the corner

In der Warteschlange am International Boulevard in Oakland.

Jetzt habe ich auch einen Test machen lassen. Nicht deshalb, weil die Covid-19 Zahlen in Kalifornien steigen, ich in einer gefährdeten Gruppe bin oder viel mit Leuten direkt zu tun habe, sondern weil ich in der kommenden Woche nach Deutschland fliege. Am Montag werde ich mich noch einmal testen lassen, denn bei der Einreise muß ich das Ergebnis eines Abstriches vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Doch den Befund bekomme ich wohl erst, wenn ich schon im Flieger sitze.

Von daher fuhr ich heute erneut zur Roots Clinic auf dem International Boulevard. Letzte Woche war ich schon einmal dort, doch der Andrang war so groß, dass sich bereits eine Stunde vor Schluß niemand mehr in die Warteschlange einreihen durfte. Heute morgen dann war ich 45 Minuten vor der Öffnung der Klinik vor Ort. Die Schlange vor mir war bereits rund 100 Meter lang, als ich mich einreihte. Als die Klinik um 9:30 ihr Tor aufmachte, war die Schlange hinter mir noch einmal um 100 Meter angewachsen und schlängelte sich um den nächste Block.

Die Atmosphäre war entspannt, einige Wartende unterhielten sich, die meisten schauten auf ihr Smartphone, tippten, telefonierten. Nach einer weiteren Stunde kam ich endlich dran, alles wurde mit Abstand durchgeführt, auch das Registrieren. Dann kurz den Teststab tief in die Nase gedrückt, Tränen flossen und schon war es vorbei.

Die Roots Clinic liegt in East Oakland, in einem Bereich, der eigentlich ein Problemgebiet ist. Viele der Häuser haben ihre Fenster vergittert, ausgeschlachtete, ausgebrannte und aufgebrochene Autos stehen zuhauf herum. Auf der Fahrt zur Klinik mußte ich an einer Baustelle einen Umweg fahren und kam an einem Haus vorbei, vor dem Kerzen, Teddybären, Luftballons, das Bild eines etwa 12jährigen standen, der vor kurzem als Unbeteiligter in eine Schießerei geriet. Auch das ist Alltag hier.

Gegenüber der Klinik ein Bestattungsinstitut, ein Tätowierladen, ein Corner Store, ein verriegelter Barber Shop. Hier hat man sich ganz bewußt für eine „Walk-in“ Möglichkeit entschieden, denn viele in der Gegend haben keinen eigenen Wagen, konnten sich somit an den „Drive trough“ Stationen der Stadt Oakland und dem Bezirk Alameda nicht testen lassen. Schnell reagierte die Roots Clinic, die langen Schlangen zeigen, dass der Bedarf da ist. Die Rate der positiven Testergebnisse liegt hier fast dreimal so hoch wie im gesamten Bezirk. East-Oakland ist schwer von der Covid-19 Krise getroffen und betroffen. Auch diese Form des langjährigen Rassismus in den USA wird derzeit breit diskutiert.

Als ich da so in der Schlange stand, war ich einer der wenigen Weißen. Amerika ist bunt, gerade hier in der San Francisco Bay Area und erst recht in Oakland, einer vor allem „black and brown community“. Die tiefen Spuren, Narben und Wunden, die der Rassismus in der us-amerikanischen Gesellschaft hinterlassen hat, sind in diesen hier und in diesen Wochen mehr als offensichtlich. Tiefgreifende Veränderungen müssen her, nicht nur in Fragen der Polizeigewalt, nicht nur in der Aufarbeitung darüber, warum gerade so viele Afro-Amerikaner und Latinos von Covid-19 betroffen sind. Wenn man da an Donald Trump und sein „Make America Great Again“ denkt, dann fragt man sich von welchem Amerika, von welcher Zeit er dabei spricht. Denn ein gerechtes und faires Amerika für alle, hat es bislang noch nicht in der Geschichte dieses Landes gegeben. Auf die Vereinigten Staaten kommen wohl noch schwierige und schmerzvolle Wochen in dieser heißen Wahlkampfphase und darüberhinaus zu.

 

Corona bremst den Kulturaustausch

Die San Francisco Bay Area ist so eine Region, in der man, wenn man denn sucht, viele deutsche Spuren finden kann. San Francisco und auch Oakland wurden von deutschen Einwanderern mitaufgebaut. In der Geschichte am Golden Gate hinterließen die „Germans“ einen tiefen Eindruck.

Ich erinnere mich noch gut an die Schilderungen eines alten Freundes, der bereits 1942 nach San Francisco kam. Er hatte eine aufregende Flucht hinter sich, war vom FBI nach dem japanischen Angriff auf die Militärbasis Pearl Harbor in Costa Rica aufgegriffen und wie viele Tausend weitere Deutsche und Japaner aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht worden. Hier sollte er in ein Internierungslager kommen, konnte aber nachweisen, dass er aus Nazi-Deutschland schon 1938 geflohen war…das ist eine Geschichte für sich, die hier in Oakland beginnt.

Doch zurück zu diesem alten Freund, mit dem ich oft durch San Francisco fuhr. Er deutete immer wieder auf Häuser und Straßenecken, da sei ein deutscher Metzger gewesen, dort ein Tischler, da ein Bäcker, dort ein Automechaniker. Mit Hans die Straßen von San Francisco zu befahren, war eine historische Rundfahrt der besonderen Art. Er erzählte von den vielen Festen, die gefeiert wurden, von den Empfängen in der „California Hall“ auf Polk Street.

Davon ist nicht viel übrig geblieben, das alte „deutsche“ San Francisco ist längst verblasst. Dennoch waren die Deutschen nie weg, neue Immigranten kamen und bauten hier das auf, was sie machen wollten, lebten ihren „American Dream“. Etliche deutsche Restaurants kann man finden, noch. Denn die „Suppenküche“ in Hayes Valley ist in Schwierigkeiten, deutsche Gemütlichkeit, Bierhallenatmosphäre und das lange Sitzen an Tischen ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Das „Walzwerk“, ein ostdeutsches Themenrestaurant, macht zum Ende der Woche ganz dicht. Schon zuvor fiel ihr „Schmidt’s“ den hohen Mietpreisen in der „City by the Bay“ zum Opfer.

Das „Walzwerk“ hat es schon auf seiner Webseite stehen: „We are closed“

Auch Feste der noch verbliebenen Kulturvereine werden derzeit ersatzlos gestrichen. Wie soll man auch ein Maifest im Herbst feiern. Und die Aussichten sind nicht gut, denn oftmals waren diese Feste auch „Fundraiser“ für die Clubs. Das Goethe-Institut, die offizielle deutsche Kulturaußenstelle in der Region, ist seit Monaten geschlossen. Die Ausfälle an Gebühren und Eintrittsgeldern werden deutlich bei allen zukünftigen Planungen zu spüren sein.

Den Deutschen geht es sicherlich nicht anders als anderen ethnischen Gruppen in San Francisco oder in den USA. Doch an diesen mehr als wichtigen Part in der amerikanischen Gesellschaft wird kaum gedacht. Das Land der Immigranten vergisst gerade in diesen harten Zeiten die oftmals gefeierte und geschätzte Vielseitigkeit des amerikanischen Lebens. Was nach dieser Pandemie von all dem Kulturleben der „Minderheiten“ noch übrig bleiben wird, ist nicht absehbar. Man kann nur hoffen, dass es nicht einen totalen Kahlschlag geben wird.