Abgeordnete

Zur Zeit bin ich in Ojai, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Santa Barbara. Am Montag hatte ich die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag aus Los Angeles abgeholt, die hier mit weiteren Mitgliedern des Bundestages Bewerber für das Parlamentarische Patenschaftsprogramm (PPP) des Bundestages augewählt hat. Stationen waren Washington DC, San Antonio und eben Los Angeles.

Ihre offizielle Reise ging am Montagnachmittag zu Ende, doch damit nicht ihre Aufgabe als Abgeordnete. Denn Dagmar Freitag und ich arbeiten seit einiger Zeit an einer Schulpartnerschaft zwischen Hemer, einer Stadt in ihrem Wahldistrikt, und Ojai. Schon mehrmals waren wir nun gemeinsam vor Ort, um etwas möglich zu machen, was gar nicht mehr so alltäglich ist. Gerade in Kalifornien blickt man kaum noch nach Europa, geschweige denn nach Deutschland. Hier geht der Blick nach Asien und nach Mittel- und Südamerika. Immer mehr Deutschklassen an High Schools und an Colleges werden eingestampft, abgeschafft, schlafen einfach ein. Und das nicht unbedingt aus dem Grund, weil es kein Interesse mehr an der deutschen Sprache gibt. Vielmehr geht es oftmals um Haushaltsprobleme und notwendige Kürzungen. Da fallen solche „Randangebote“, wie Deutsch, schnell hinten runter.

Kalifornien steckt derzeit in einer tiefen Haushaltskrise. An allen Ecken und Enden muss gespart werden. Und im Bildungsbereich schlägt Gouverneur Arnold Schwarzenegger ganz brutal zu. Der Rotstift wird ohne Rücksicht angesetzt. Die Schulleiter müssen Haushaltslöcher stopfen und Angebote streichen, da bleibt kein Platz für neue Programme.

Umso schwieriger ist es, in diesen Tagen neue Projekte anzugehen und zu initiieren. Doch der Schüleraustausch zwischen Deutschland und den USA, zwischen Hemer und Ojai ist ein Projekt, das Zukunft hat. Für September steht der erste direkte Austausch an. 20 Schüler vom Friedrich-Leopold-Woeste Gymnasium werden nach Kalifornien reisen, um hier zwei Wochen lang Gleichaltrige an der Nordhoff High School zu treffen. Sie werden in Familien untergebracht und einen ersten Eindruck vom amerikanischen Leben bekommen.

Im Internetzeitalter sind solche Austauschprojekte wichtiger denn je. Sie sind real nicht virtuell. Man erlebt den anderen, die andere Kultur, Sprache, Lebensraum. Es ist ein Versuch, kulturelle und auch sprachliche Brücken zu schlagen. Das mittelfristige Ziel ist es, Deutschunterricht in Ojai zu etablieren.

Warum ich das alles schreibe? Zum einen finde ich es wichtig, dass man aufeinander zu geht und solche Austauschprogramme fördert. Zum anderen liegt mir viel daran auch einmal zu zeigen, dass Bundestagsabgeordnete nicht die Schelte verdienen, die sie in der deutschen Öffentlichkeit bekommen. Dagmar Freitag ist hier auf eigene Kosten, auch weil sie an diesen Austausch glaubt, daran, dass dieser direkte Kontakt zwischen Hemer und Ojai das Leben für die beteiligten Jugendlichen und Gemeinden bereichert. Und sie macht das nicht zum ersten mal, sie unterstützt durch ihre Arbeit im Parlament und im Wahlkreis viele verschiedene Projekte. So hatten wir vor ein paar Jahren eine Ausstellung über „Bilder aus dem Todestrakt“ in Iserlohn organisiert, bei der ich über meine Bekanntschaft mit dem zum Tode verurteilten Häftling Reno sprach und seine Bilder zeigte. Auch damals waren Schüler beteiligt, die für die Ausstellung die Zelle von Reno nachbauten, um den Besuchern eine Vorstellung von 30 Jahren 1,60 x 2,20 Metern zu geben.

Und nun muss ich mich beeilen, gleich geht es nach Los Angeles, um Dagmar Freitag zum Flugzeug zu bringen. Nachdem was ich gesehen habe, sehe und durch sie mitbekomme, kann ich nur sagen, dass ich ganz froh bin nicht auf dem Präsentierteller zu sein und dabei auch noch ständig von allen Seiten angefeindet, beschimpft und kritisiert zu werden. Nein, nein, ich will hier keine rührselige Geschichte über arme MdBs schreiben, nur dazu auffordern, sich die Arbeit von Politikern mal genauer anzusehen…oftmals lohnt sich solch ein Blick.