Nass in Kigali

Gestern Abend und in der Nacht hat es Bindfäden geregnet. Am Nachmittag war ich in der Stadt unterwegs als der Regen anfing. Wahnsinn, es schüttet dann aus Eimern. Die Strassen werden zu Bächen, braunes Wasser läuft die Hügel runter. Die Luft danach reiner, der rote Staub gebunden, tut richtig gut.

Als ich da so unter einem Wellblechdach stand, war fast neben mir ein Mann mit nur einem Auge. Kurz vorher sah ich eine Frau in einem Supermarkt, die eine lange Narbe auf der Stirn hatte. Hier fragt man sich gleich, ob das Zeugnisse des Genozids von 1994 sind. Die 100 Tage im Frühjahr ’94 sind noch immer so gegenwärtig. Man stolpert hier quasi über die Geschichte, entweder in Form von Erzählungen von Menschen, die Familienmitglieder oder Freunde verloren haben oder eben in solchen Situationen, wie unter diesem Wellblechdach.

Es ist ein seltsames Gefühl durch die vollen Strassen von Downtown Kigali zu spazieren. Man fragt sich, wer von den Passanten was und wie und überhaupt damals gemacht hat. Täter, Opfer, Unbeteiligter….Man weiss es nicht, man will es auch gar nicht wissen. Das Leben hier geht weiter, muss weiter gehen. Doch die ruandische Gesellschaft ist geprägt von Tod, Trauer, Schuld und Sühne. Ob sie genesen ist, das lässt sich nicht sagen, nicht feststellen. Man sagt hier, man ist auf dem richtigen Weg. Doch ich glaube, verwundern würde es niemanden, wenn es wieder krachen sollte.

Gestern Abend habe ich auch noch Linus getroffen, der aus Neustadt/Aisch ist. Er ist seit fast einem halben Jahr hier. Das Programm „kulturweit“ des Auswärtigen Amtes hat ihn nach Ruanda gebracht. Linus hat ein sehr interessantes und ausführliches Blog über seine Erfahrungen in Ruanda geschrieben: linus.in/ruanda. Es lohnt sich mehr als ein Blick.

Amerika hat täglich seinen Krieg

San Francisco: 98. Oakland: 123. San Jose: 32. Richmond: 28, Antioch 9….Die Zahlen stehen für die ermordeten Menschen im Jahr 2008. Die Kommunen in der San Francisco Bay Area verzeichneten im vergangenen Jahr, wie überall im Land, einen leichten Rückgang bei den Mordopfern.

Aber ohne Zweifel sind sie noch viel zu hoch. Als ich meinen Eltern davon erzählte, dass ich nach Afghanistan reisen werde, schlugen sie nur die Hände über dem Kopf zusammen. „Von wem hat der Junge das nur?“, fragte meine Mutter. „Musst Du da wirklich hin“, meinte mein Vater. Das Argument, dass das ja gar nicht so gefährlich sei, gerade weil ich mit der Bundeswehr unterwegs sei, liessen sie nicht zählen. Dummerweise gab es gerade an dem Tag, als ich davon berichtete, einen weiteren Anschlag im Norden Afghanistans. Also erklärte ich, dass in Oakland bereits 1200 Menschen ermordet wurden, seitdem ich im Herbst 1999 hierher gezogen war. Und verglichen mit Afghanistan ist es statistisch betrachtet wohl wahrscheinlicher hier Opfer einer Gewalttat zu werden, als in Mazer-e Sharif oder Kunduz. Die Antwort meiner Eltern auf diese, meiner Meinung nach, hervorragende Argumentation kann man sich wohl denken. Meine Mutter erklärte nur, ich hätte überhaupt nicht nach Amerika gehen und lieber in Nürnberg „was“ (einen Job) finden sollen. Ich denke mal, Müttern kann man nicht mit Statistiken kommen.

Aber zurück zum Thema. Amerika hat einen Krieg auf den eigenen Strassen mit jährlich tausenden von Opfern. Seitdem ich in Oakland lebe wird jedes Jahr darüber gesprochen, wie man das Problem in den Griff kriegen kann. Es gibt Absichtserklärungen und Pläne, Gewalpräventionsprogramme und schöne Worte. Getan wird letztendlich recht wenig. Es sterben nicht nur rivalisierende Bandenmitglieder, sondern immer öfters auch unbeteiligte Passanten, die zwischen die Feuerlinien geraten. Der Ruf nach mehr Polizei ist da, die lokalen Steuern steigen kontinuierlich, um das alles zu finanzieren, aber die Ergebnisse lassen auf sich warten. Das Problem ist, dass es zu viele Knarren auf der Strasse gibt. In einigen Stadtteilen Oaklands (und sicherlich auch in anderen Städten) ist es so, dass es für Kinder einfacher ist, an der nächsten Strassenecke für ein paar Dollar eine Knarre zu kaufen, als Bleistifte oder Hefte für die Schule. Geredet wird hier viel über Ursachen und Lösungsvorschläge. Doch es wird sich nichts ändern, die Gewalt auf den amerikanischen Strassen wird bleiben. Das ist nicht pessimistisch, das ist vielmehr eine realistische Einschätzung. Man lernt einfach damit zu leben.