Radio zum Hinhören

Gestern war ich in Point Reyes Station. Das liegt rund 50 Minuten mit dem Auto nördlich von San Francisco. Eine kleine Gemeinde, dort in unmittelbarer Nähe ist auch der berühmte Erdbebenzaun, der noch vom 1906er Beben übrig ist.

Doch ich war in Point Reyes Station um KWMR zu besuchen, einen kleinen, aber höchst feinen „Community“ Sender. Dort wird am Wochenende nachts u.a. auch mein Radio Goethe Programm ausgestrahlt. Seit 15 Jahren ist KWMR on-air, ein „Community“ Sender, wie er sein sollte. Rund 80 Prozent der Programme sind selbstproduziert, fast alles ist live, was heutzutage eine Ausnahme geworden ist. Wenn man sich die Entwicklungen ansieht, wenn man solche Tagungen wie die Lokalrundfunktage in Nürnberg besucht, wenn man sich durch die diversen Radioforen klickt, dann wird einem schnell klar, Radio kommt heute aus der Konserve. Möglichst kurz, knapp und steril muß sein. Der Moderator hat vorgegebene „Breaks“, da darf er mit einem Lächeln in der Stimme sprechen. Und das Wetter wird ihnen heute von Obi oder Dominique Dessous präsentiert. Für Verpackungselemente wird viel Geld ausgegeben, Berater, nein, „Consultants“ verdienen gutes Geld mit Ratschlägen, die die Welt nicht braucht und die das Rad auch nicht neu erfinden.

Aber was rede ich, ich bin ein Fan von „Community Radio“. Handgemacht, direkt, Versprecher und Pannen erlaubt. Da muß eine Platte, eine Vinylplatte wohlgemerkt, einfach mal kratzen. Da darf der Moderator oder der DJ im Studio ruhig mal kleine Geschichten erzählen, da dürfen Live-Interviews getrost den Zeitrahmen sprengen, wenn sie interessant sind. Und man hört Dinge und Geschichten, Nachrichten und Informationen, die man so woanders nicht bekommt. „Community Radio“ ist ein Sprachrohr einer Gemeinde. So soll es sein und nicht anders.

KWMR ist so ein Sender. Klein und fein, alles etwas gedrängt im Studio und in den Büros, neben dem Schnittplatz gleich das Waschbecken der kleinen Küche. Aber die Programme sind durchdacht, mit viel Liebe und Einsatz zusammen gestellt. Auch in Deutschland gibt es solche Sender, die offenen Kanäle, oder wie in Nürnberg Radio Z und vor allem auch afk max. Radio muß nicht gegelt und geschönt sein. Es muß nicht immer Witzi-Spritzi-Heiterkeit sein, ein Moderator muß nicht versuchen mir als Hörer schon frühmorgens auf dem Schoß zu sitzen, er oder sie müssen nicht ständig Witze und „Comedy“ aufeinanderkloppen. Und vor allem, man kann auch durchaus mal was anderes spielen als die besten Hits „der 70er, 80er, 90er und von heute“. Nicht alles, was auf  „Community“ Stationen gesendet wird, ist gut und hörenswert, das ist klar. Aber es lohnt sich mal umzuschalten und hinzuhören. Garantiert sogar!