Trumps Polizeireförmchen

Mit einer Präsidentenverfügung versucht Donald Trump wieder Oberwasser in einer ihm entglittenen Debatte über Polizeigewalt im ganzen Land zu bekommen. Dafür will er Bundesmittel für eine bessere Schulung der Beamten und der Polizeieinheiten locker machen. Eine eigens einzurichtende Datenbank soll sicher stellen, dass sich gefeuerte Polizisten nicht in anderen Städten erneut bewerben können. Diese Reform, so Trump, sei historisch. Doch kein Wort davon, dass es in den Polizeireihen der USA einen systemischen Rassismus gibt. Ganz im Gegenteil, Trump sprach von wenigen Ausnahmen, stellte sich wie eh und je unterstützend vor die Polizei.

So sieht sich Präsident Trump am liebsten. Für eine präsidiale Anordnung beklatscht zu werden. Foto: Reuters.

Seine 27minütige Rede erinnerte in weiten Teilen an eine Wahlkampfrede, er griff erneut die Obama Administration und seinen voraussichtlichen Gegenkandidaten, den früheren Vize-Präsidenten Joe Biden, an, ohne in namentlich zu nennen.

Auch wandte er sich gegen finanzielle Kürzungen von Polizeieinheiten, dies führe nur zu Chaos. Trump erklärte, seine präsidiale Anordnung werde dazu führen, dass es fortan in den Polizeireihen der USA die „höchsten professionellen Standards der Welt“ gebe.

Die Demokraten kritisierten umgehend Trumps Rede. Die Sprecherin des Kongresses, Nancy Pelosi, erklärte, der Auftritt des Präsidenten im Rose Garden, sei nur ein Fototermin gewesen, das, was Trump verkündete sei in diesen Zeiten viel zu wenig. Joe Bidens Wahlkampfteam reagierte ebenfalls und warf dem Präsidenten vor, in den letzten dreieinhalb Jahren genau die Reformen der Obama Regierung wieder abgeschafft zu haben, die eine Militarisierung der Polizeireihen beenden sollten. Eine Sprecherin von amnesty international beschrieb Trumps Präsidentenverfügung als ein „Pflaster für eine Schußwunde“.

Missing in Action, Mister President

Donald Trump hatte sich das Wochenende sicher anders vorgestellt. Mit Vize-Präsident Mike Pence flog er nach Cape Canaveral, Florida, um dort direkt den Start der NASA/SpaceX Weltraummission zu beobachten. Ein historischer Tag für Amerika sollte es werden, schöne Bilder mit Trump und der Rakete und dann wurde daraus so gut wie gar nichts. Denn die 24/7 Nachrichtenkanäle berichteten nur darüber, dass Amerika brennt. Im Lauftext am unteren Ende des Bildschirms wurde auf den geglückten Start verwiesen.

Und diesmal war es nicht nur in den Metropolen New York City, Los Angeles, Seattle und San Francisco, diesmal brannte es und brennt noch immer im ganzen Land. Nach dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam in Minneapolis eskalierte überall die Lage. Und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist „Missing in Action“. Ein paar Tweets, ein paar Worte, aber damit gießt er nur noch mehr Öl auf den Flächenbrand.

Vier Tweets am Sonntag innerhalb einer Stunde machen das ganz deutlich. Trump hat keine Ahnung, keinen Plan, versteht nicht, was in den USA passiert. Er gratuliert der Nationalgarde für ihr hartes Durchgreifen in Minneapolis, er beschuldigt Demokraten die Lage eskalieren zu lassen, die Medien der falschen Berichterstattung und will fortan die Antifa als terroristische Organisation brandmarken. Damit zeigt er, dass er das grundlegende Problem in den USA nicht nachvollziehen kann.

Was derzeit in Amerika passiert, ist schon lange am Köcheln. George Floyd ist der nicht der erste Schwarze, der unbewaffnet und ohne eine Gefahr darzustellen durch Polizeigewalt stirbt. Die Liste der Namen ist lang. Statistisch betrachtet sterben in den USA zweimal mehr Afro-Amerikaner durch Polizeigewalt als Weiße. Das alleine zeigt schon das Problem auf. Donald Trump spricht von den „Bad Apples“, den Einzelfällen in den Polizeireihen, doch da ist mehr, was getan, verändert, verbessert werden müsste. Die Polizeigewalt gegen Schwarze dürfte eigentlich nur der Anfang für eine grundlegende Aufarbeitung des tief verwurzelten Rassismus in den USA sein.

Doch dazu braucht es Leute, die ihre Hand zum Dialog ausstrecken, die Führungsstärke beweisen, die einfach verstehen was in Amerika passiert. Ein gutes Beispiel ist der Polizeichef im kalifornischen Santa Cruz. Auch dort wurde protestiert, auch dort war die Polizei vor Ort, beobachtete, begleitete. Und dann kam diese Aktion, die der Footballspieler Colin Kaepernick ins Leben rief – „take a knee“, niederknien und an die Polizeigewalt im Land zu erinnern. Mit den Protestierenden kniete auch der Polizeichef nieder, er trug eine Maske in Zeiten der Pandemie, auch das ein Zeichen von Führungsstärke. Mit diesem Kniefall zeigte er, dass er das, was George Floyd in Minneapolis angetan wurde, aufs Schärfste verurteilt. Mit solchen symbolischen Gesten ist ein erster Schritt getan.

„They shot the wrong man“

Die Polizei in Hoover, Alabama, musste schon kurz nach den tödlichen Schüssen in einem Einkaufszentrum an Thanksgiving bekanntgeben, dass sie den falschen Mann erschossen haben. Der 21jährige Emantic Fitzgerald Bradford Jr. war nicht der Täter, der für eine Schießerei in der Mall verantwortlich war. Anfangs hieß es noch, die Lage in dem Einkaufszentrum sei unter Kontrolle, der Täter tödlich getroffen worden. Nur wenige Stunden später kam die Meldung, Bradford Jr. war es nicht.

Nach tödlichen Polizeischüssen. Foto: Reuters.

Der 21jährige ist der 858., der in diesem Jahr durch Polizeikugeln in den USA tödlich getroffen wurde. Und das sind weniger Tote als noch in den vergangenen Jahren. 2017 starben 987, 2016 963 und 2015 995 Menschen durch Kugeln der Polizei. Darunter auch viele Personen, die unbewaffnet waren, eine Spielzeugpistole trugen oder etwas bei sich hatten, was die Beamten als Waffe ausmachten. Emantic Fitzgerald Bradford Jr. war ein Afro-Amerikaner, so wie 191 andere Opfer in diesem Jahr. 369 waren Weiße, 123 Hispanics, 33 werden mit „other“ angegeben und von 141 Getöteten fehlen die Angaben zur „Race“.

Seit 2015 sammelt die Washington Post diese Art von Daten. Auslöser waren die tödlichen Schüsse 2014 auf Michael Brown in Ferguson, Missouri. Die Polizei, das belegen diese Zahlen, greift schnell, wohl zu schnell zur Schusswaffe, eskaliert so oftmals eine Situation. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Beamten in Situationen geschickt werden, in denen sie nicht wissen, was auf sie wartet. Viel zu oft stehen ihnen schwer bewaffnete Kriminelle gegenüber oder Verstörte und Kranke, die eigentlich keine Knarre haben sollten und dürften. Amerika hat ein Waffenproblem, das zeigen diese Zahlen erneut und eindrücklich.

Fast 1000 Bürger von der Polizei erschossen

„Don’t Shoot“ als Antwort auf Polizeigewalt in den USA. Foto: Reuters.

Zum dritten Mal in Folge starben nahezu 1000 Menschen in den USA durch Polizeikugeln. 987 Opfer zählt die Washington Post, die seit drei Jahren diese düstere Statistik führt. 2016 waren es 963 und 2015 995. Damit angefangen hat die Zeitung nach dem Tod des unbewaffneten 18jährigen Michael Brown, der 2014 in St. Louis von einem Polizisten erschossen wurde. Die tödlichen Kugeln führten zur Gründung der „Black Lives Matter“ Bewegung, einer Kommission im Weißen Haus und zahlreichen Reformen bei Polizeieinheiten im ganzen Land.

Problematisch bleibt nach wie vor die Zahl der unbewaffneten Opfer. 2017 lag sie bei 68 (2016: 51; 2015: 94). Davon waren 19 Afro-Amerikaner (2016: 17; 2015: 36), mit 22 Prozent eine vergleichsweise hohe Zahl, denn Schwarze in den USA machen nur sechs Prozent der Bevölkerung aus. Experten sehen diesen Dreijahresvergleich nun als einen Fakt in der amerikanischen Gesellschaft und werten die Zahlen nicht als Trend, denn bei den Gesamtzahlen von nahezu 1000 Opfern durch Polizeikugeln gibt es keine großen Verschiebungen.

Problematisch erscheint vielen Beobachtern die hohe Zahl an geistig verwirrten oder kranken Opfern. 236 Personen, damit jede vierte Tötung, hatte mit einer mentalen Problematik zu tun. In 88 Prozent dieser Fälle waren Schusswaffen, Messer, Äxte, Macheten und andere Waffen im Spiel. Polizisten sahen sich bedroht und feuerten meist mehrere tödliche Schüsse ab. Ron Honberg von der „National Alliance on Mental Illness“ kritisiert das Vorgehen der Polizei und das Akzeptieren dieser Vorfälle durch die Gesellschaft: „Wir rufen den Notruf 911 für medizinische Notfälle und es kommen für jeden Fall speziell ausgebildete Fachleute, aber wenn es um einen kritischen Fall von Geisteskrankheit geht, wird die Polizei geschickt“.

 

Amerika hat gelernt mit all diesen Opferzahlen zu leben. Es sind Jahr für Jahr Schlagzeilen, die sich wiederholen, doch zu keinen grundlegenden Veränderungen führen. Auch die Zahl von Polizisten, die „on the job“ getötet wurden, bleibt mit 46 im Jahr 2017 (2016: 66) noch hoch.

 

944 verlorene, gestohlene, verlegte Waffen

Neunhundertundvierunvierzig! 944 Schußwaffen, die seit 2010 aus dem Besitz von Polizeieinheiten in Kalifornien verloren gingen, gestohlen oder verlegt wurden. Betroffen sind Cops auf den Straßen in Städten wie San Francisco, Oakland, San Mateo und anderen, aber auch Polizeieinheiten wie FBI, ICE, DEA, dazu National Park Rangers, BLM, Mitarbeiter vom Wald- und Feuerschutz. Und wir reden hier nicht nur von kleinkalibrigen Handfeuerwaffen, wie die Zeitungsgruppe „Bay Area News Group“ nach einer längeren Recherche herausfand: 600 halbautomatische Pistolen und Revolver, 251 Shotguns, 27 Sturmgewehre, 16 Jagdgewehre, 15 Scharfschützengewehre, 12 Granaten- und Tränengaswerfer, 1 Maschinengewehr, 22 nicht weiter definierte Knarren.

Immer mal wieder gelangen Polizeiwaffen in die falschen Hände. Foto: Reuters.

Immer mal wieder gelangen Polizeiwaffen in die falschen Hände, manche werden für Verbrechen genutzt. Foto: Reuters.

Nur ein Bruchteil der Waffen wurde wieder gefunden, einige von ihnen tauchten auch wieder auf – in Schießereien. Das Problem wurde im vergangenen Jahr ganz offensichtlich, nachdem die 32jährige Kate Steinle auf einem Pier in San Francisco erschossen wurde. Ein illegaler Einwanderer, der zuvor mehrmals abgeschoben worden war, hatte mit einer geklauten Polizeiknarre die junge Frau getroffen. Nicht gezielt, er schoss damit einfach so durch die Gegend, wie er nach seiner Verhaftung erklärte. Die Waffe gehörte einem FBI-Agenten und war zuvor aus dessen geparktem Wagen geklaut worden.

Danach blickte man gezielt auf dieses Problem. Die Zeitungen der „Bay Area News Group“ begannen mit einer umfassenden Recherche, sammelten Daten von lokalen Polizeieinheiten, kalifornischen Einsatzkräften und Bundespolizisten, insgesamt wurden 240 Behörden in Kalifornien genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war überraschend und gleichzeitig alarmierend. 944 Schußwaffen waren verschwunden oder zeitweise nicht im Besitz der Beamten. Eigentlich müssten Waffenbesitzer ihre Knarren sichern, wegsperren, auch und vor allem in Einsatzfahrzeugen, was aber offensichtlich in vielen Fällen nicht geschieht. Doch Dienstwaffen gingen auch in Taxis, in Fitnessclubs verloren oder wurden auf dem Autodach und sogar in einer Toilette liegen gelassen.

Eines der Probleme ist, so die Zeitungsrecherche, dass es keine einheitliche Richtlinie gibt, wie Dienstwaffen gelagert und gesichert werden sollen. Das soll sich nun ändern. Politiker aus allen Lagern und auf allen Ebenen fordern nun den sicheren Umgang und eine allgemeingültige Sicherung von Einsatzwaffen. Der normale Menschenverstand scheint nicht zu funktionieren, von daher müssen nun neue Gesetze her. Mal sehen, was die Waffenlobbyisten der „National Rifle Association“ (NRA) dazu sagen wird?

 

Weniger tote Polizisten in den USA

Polizeieinheiten nehmen Abschied von einem ihrer Kollegen. Foto: Reuters.

Polizeieinheiten nehmen Abschied von einem ihrer Kollegen. Foto: Reuters.

Es gibt keinen „Krieg gegen Polizisten“ in den USA. Das ist das Ergebnis einer Datenauswertung, auch wenn diese Zahlen FOXNews und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten so gar nicht in den Kram passen werden. Denn sie haben gleich mehrmals Präsident Barack Obama vorgeworfen, sich nicht schützend vor Polizisten zu stellen. Chris Christie meinte im September, „Polizeibeamte werden gejagt“. Mike Huckabee meinte kurz darauf „der Krieg gegen die Polizei“, sei für einen „Anstieg der Kriminalität“ verantwortlich. Und Ted Cruz setzte sogar in seiner Rolle als Senator eine Anhörung an mit dem Titel „Krieg gegen die Polizei“. Ted Cruz beschuldigte die Obama Adminstration ein „Umfeld geschaffen zu haben, in dem die Männer und Frauen der Polizeieinheiten unter einem Dauerangriff leiden“. Die ganze brutale Rhetorik aus dem republikanischen Lager führte dazu, dass in einer Umfrage schließlich 58 Prozent der Befragten erklärten, in den USA gebe es einen „Krieg gegen die Polizei“.

Und nun die Zahlen, die eigentlich genau das Gegenteil belegen. Der „National Law Enforcement Officers Memorial Fund“ hat in seinem Jahresbericht bekannt gegeben, dass 2015 „nur“ 42 Polizisten erschossen wurden, 14 Prozent weniger als 2014. Insgesamt starben 124 Polizisten „in the line of duty“. Allein ein Drittel bei Verkehrsunfällen, 30 durch berufsbedingte Krankheiten und Folgen. Die Todesrate von Polizisten im Dienst 2015 ist die zweitniedrigste aller Zeiten. Natürlich ist eine Zahl von 42 erschossenen Beamten hoch, aber von einem „Krieg gegen die Polizei“, von einer „Jagd“ auf die Männer und Frauen in Uniform, kann da wohl nicht gesprochen werden. Die Republikaner, das wird hier mal wieder deutlich, arbeiten mit Angst und Schrecken in ihrem Wahlkampf. So sollte man nicht ins Weiße Haus einziehen dürfen.

Nahezu 1000 Tote durch Polizeikugeln

Ein Routineeinsatz für die Polizei in Chicago. Ein junger Mann dreht durch, bedroht den Vater, eine Nachbarin. Die Polizei wird gerufen. Am Ende liegen der 19jährige und eine 55jährige Mutter von vier Kindern tot auf dem Boden. Tödlich getroffen von Polizeikugeln. Die beiden Opfer sind Afro-Amerikaner. Ein Bild, das sich immer und immer wieder in den USA zu wiederholen scheint.

Polizeiabsperrung nach einem Einsatz. Foto: Reuters.

Polizeiabsperrung nach einem Einsatz. Foto: Reuters.

Die Washington Post hat nun eine umfassende und schockierende Statistik veröffentlicht. Fast 1000 Menschen starben 2015 durch Polizeikugeln in den USA. Davon führten 564 Opfer eine Schußwaffe mit sich, 281 hatten eine andere Waffe bei sich, 90 Personen waren unbewaffnet. In vier Prozent aller Fälle handelte es sich um einen unbewaffneten Afro-Amerikaner. Die Zahl klingt niedrig, doch man muß da genauer hinsehen. Obwohl Afro-Amerikaner nur sechs Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind 40 Prozent der unbewaffneten Opfer Schwarze gewesen.

Der Großteil der durch die Polizei tödlich Getroffenen sind Weiße. Allerdings, so die Washington Post, spiele die Hautfarbe noch immer eine große Rolle, denn 3 von 5 Opfern, die im Nachhinein nicht als Bedrohung gesehen werden konnten, waren entweder Schwarze oder Hispanics. Die Post hat Berichte und Videos von Uniformkameras und Streifenwagen ausgewertet. Zum ersten Mal überhaupt ist das passiert, bislang hat keine Regierungsstelle im ganzen Land solch eine Datenarbeit vorgenommen.

Die Probleme sind offensichtlich. Polizeieinheiten sehen die Videos der Körperkameras als wichtige Hilfe, um bei den Ermittlungen belegen zu können, dass sie nicht einfach so geschossen haben. Auch wenn sich nachher Juristen wochenlang die Bilder ansehen, um dann festzustellen, dass der Polizist in dieser oder jener Sekunde im Einsatz falsch reagiert hat. Bürgerrechtsgruppen sehen die Kameras als wichtiges Instrument in der Kontrolle der Polizeieinheiten. Und klar, es gibt unter den Hundertausenden von Polizisten auch rassistische, sadistische, verbrecherische Beamten, die man vielleicht mit solchen Bildern stoppen kann.

Die Zeitung belegt in ihrer Analyse, dass Unbewaffnete vor allem erschossen werden, wenn sie weglaufen, schnelle Handbewegungen machen oder nicht sofort den Anweisungen der Beamten folgen. Fehlt da die Schulung, das Training, die Ausbildung? Oder liegt das Problem von nahezu 1000 Toten durch Polizeikugeln in nur einem Jahr darin, dass zu viele Waffen im Umlauf sind, dass die Polizisten nie wissen, auf welche Waffen sie im nächsten Einsatz stoßen werden, dass die Gewaltbereitschaft in den USA um ein deutliches höher ist, als in anderen Ländern?

Und doch, es steht außer Frage und das wird in der Analyse der Washington Post auch deutlich, dass es in den USA noch immer Rassismus gibt. Dass manchmal die Hautfarbe darüber entscheidet, wie eine Polizeikontrolle endet. Auch das ist Alltag in den USA im Jahr 2015.

Wir sind in der Endlosschleife

Gestern Abend fand in Oakland eine Veranstaltung zum Thema „21st Century Policing“ statt. Also, es ging darum, wie die Polizei heute und morgen arbeitet und arbeiten soll. „Community Policing“, die Beziehungen zu den Bürgern stand dabei im Mittelpunkt. Nach Ferguson, Baltimore und auch den Ereignissen der letzten Jahre in Oakland, ist das Verhältnis zwischen vielen Nachbarschaften und den Polizeieinheiten gestört. Von Vertrauen ist keine Spur mehr zu finden.

Doch die öffentliche Veranstaltung am gestrigen Abend, zu der Bürgermeisterin Libby Schaaf geladen hatte, war ganz anders, als man sie aus einer deutschen Perspektive erwarten würde. Es wurde vor allem über das Auftreten der Polizei, über Respekt, über die Militarisierung der „Police Forces“ im ganzen Land gesprochen und Fragen beantwortet. Auf der Bühne sassen Ron Davis, der Leiter der Task Force für Präsident Obama in Fragen der Polizeiarbeit. Neben ihm der Präsident des Oakland Police Departments, Sean Whent, und der Bürgerrechtsanwalt John Burris.

Die Fragen aus dem Publikum waren alle etwas einseitig, Polizei kritisch, um es mal vorsichtig auszudrücken. Klar, in den Polizeireihen gibt es „crazy Cops“, die ihre Macht in Uniform ausnützen. Auch hier in Oakland. Doch die andere Seite der Medaille wurde bei allem gar nicht beleuchtet. Die offene Ablehung und der Hass gegen die Beamten, die täglich schwierige Situation einer unterbesetzten Polizeidirektion. Ganz zu schweigen von bewaffneten Gangs und Einzeltätern, die ihre Knarren ohne mit der Wimper zu zucken auch geben Polizisten wenden. Kein „policeman“ in den USA weiß bei einem Notruf und einem Einsatz, was auf ihn wartet. Die Knarren sitzen locker, hier und da. Wo da der Anfang der Gewaltspirale liegt, gleicht der Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei?

Eine Diskussion wie die gestrige in Oakland würde es in Deutschland nie geben. Denn kein Wort wurde dazu gesagt, dass Amerika ein schwerbewaffnetes Land ist. Die Gewaltprobleme in den Städten, die hohen Mordraten, die täglichen Schießereien in den USA, sie hängen eng mit den rund 350 Millionen Schußwaffen im Umlauf zusammen. Ja, die „homicide rate“  ist in den letzten Jahren gefallen, auch hier in Oakland. Anfang September lag die Mordrate in meiner neuen Heimatstadt bei nur noch 56, ein Erfolg (!). In einer Stadt mit noch nicht einmal 400.000 Einwohnern. Zum Vergleich die Zahl in Deutschland, 2014 wurden im gesamten Bundesgebiet 298 Menschen umgebracht.

Die Diskussion in den USA über Gewalt, ja, auch Polizeigewalt, läuft fehl. Wer die eigentlichen Gründe nicht anspricht, nicht ansprechen kann, weil in der Verfassung ein angebliches Grundrecht auf Waffenbesitz existiert und damit quasi der Persilschein zum Rumballern ausgestellt wird, der wird das Problem nicht lösen können. Amerika ist eine Gesellschaft, die gelernt hat, mit der Gewalt zu leben. Leider.

Der andere (weggelassene) Teil der Geschichte

Spiegel Online schreibt: „Ein Video der US-Bloggerin Chaédria LaBouvier befeuert die Debatte über Polizeigewalt in den USA. Die Aufnahmen zeigen einen Einsatz gegen einen behinderten Schwarzen in San Francisco Anfang August.“ Gezeigt werden elf Minuten eines Videos, in dem man mehrere Polizisten in San Francisco sieht, die einen Schwarzen am Boden festhalten. Er ist in Handschellen und hat eine Beinprothese. Alles sieht nach einem neuen Fall von Polizeigewalt aus. Elf Minuten brutaler Polizeieinsatz. Ein Schwarzer das Opfer, weiße Cops, die auf ihm sind.

Doch die Geschichte stimmt nicht ganz so. Die Bloggerin hat lediglich eine editierte Version des Videos ins Internet gestellt. Die ganze Vorgeschichte, was zum Einsatz der Polizei führte, ist nicht zu sehen. Die Beamten wurden im Tenderloin Distrikt der Stadt, dem problematischsten am Rande von Downtown SF, gerufen, weil ein Mann mit einem Stock wild gestikulierend in der Straße um sich schrie. Als die Polizisten ankamen, merkten sie schnell, dass sie es hier mit einem geistig Verwirrten zu tun haben. Sie forderten ihn auf, den Stock fallen zu lassen, doch der Mann weigerte sich. Er lief auf die Hauptstraße und schrie, es sei ihm egal, ob er überfahren werde. An diesem Punkt sahen sich die Beamten gezwungen einzuschreiten. Ein Sprecher der SFPD erklärte, der Mann habe sich und andere in Gefahr gebracht.

Was dann geschah, sieht man auf dem Video. Mehrere Polizisten versuchen den Mann am Boden zu fesseln und zu beruhigen. Doch der weigert und windet sich, will einen Beamten beißen. 5 Cops sind auf ihm. Sie schlagen ihn nicht, ziehen auch keine Waffe, wollen ihn nur fesseln und beruhigen. Natürlich ist das ein treffendes Bild. Drei weiße Polizisten, ein Asiate, ein Schwarzer auf einem Afro-Amerikaner mit Beinprothese, dem bei dem Gerangel auch noch die Hose runtergerutscht ist (er trägt keinen Gürtel).

Hunderttausende sahen das Video auf youtube und anderen Plattformen. Ein Aufschrei ging durchs Land, wiedereinmal sein ein Afro-Amerikaner brutal von weißen Polizisten berhandelt worden. Der russische Auslandssender „RT“ griff dieses Video sofort auf und berichtete von der Polizeigewalt in den USA.

Doch das alles ist etwas einseitig berichtet. Die Vorgeschichte fehlt, wer die Tenderloin kennt, weiß, dass diese Einsätze der Polizei zum Alltag gehören. Hier trifft man ständig Verwirrte, mit sich selbst Sprechende und „Crazies“, die sich und andere gefährden. Viele von ihnen leben auf der Straße, verweigern jede Form der Hilfe, und sei es nur eine medikamentöse Behandlung. Ihr gutes Recht in Amerika, bis eben die Polizei eingreifen muß.

Man kann nun darüber streiten, ob fünf Polizisten notwendig sind, um einen behinderten, sich wehrenden Mann am Boden zu fesseln. Nein, es ist kein schönes Bild, was man da sieht. Doch auf dem Video sieht man auch deutlich, dass keiner von ihnen brutal vorgeht. Der Mann wurde auch nicht verhaftet und zur Polizei gebracht, er wurde vielmehr von einer herbeigerufenen Ambulanz ins Krankenhaus transportiert. Die SFPD kündigte umgehend auch eine Untersuchung durch eine zivile Aufsichtsbehörde an.

Es geht mir hier nicht darum diesen Vorfall und diese Vorkommnisse schön zu reden. Ganz im Gegenteil. Amerika hat ein Problem, Schwarze werden zu oft Opfer von Polizeigewalt. Doch dieser Fall ist anders. Hier zeigt sich vielmehr ein tieferes Übel in den USA, dass viel zu viele Menschen durchs Raster fallen, auf der Straße leben, obdachlos sind, ihnen die Unterstützung der Gesellschaft fehlt. So entstand dieses Video, doch das fehlt in der geschnittenen Version von Chaédria LaBouvier.

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Es ist gefährlich schwarz zu sein

Vor einem Jahr wurde in Ferguson, Missouri, Michael Brown erschossen. Von einem Polizisten, der ihn kontrollieren wollte. Was sich genau ereignete und was zu den tödlichen Schüssen führte, ist nicht bekannt. Nur, dass Michael Brown unbewaffnet war und Afro-Amerikaner ist. Der Vorfall hallte durchs ganze Land, überall kam es zu Protesten, von Philadelphia bis nach Oakland. Der Aufschrei war groß, etwas müsse sich ändern, meinte sogar Präsident Barack Obama, der sich einschaltete. Doch mal ehrlich, ein Jahr danach muß man sagen, nichts hat sich verbessert.

Foto: AFP

Foto: AFP

Bis zum heutigen Tag wurden in den USA 585 Menschen von Polizeikugeln tödlich getroffen. 585 in diesem Jahr. Viele Schüsse waren berechtigt, Täter griffen Polizisten an, bedrohten sie mit Schußwaffen und Messern. Beamte verteidigten sich oder andere. Doch von diesen 585 waren 24 unbewaffnete Afro-Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schwarzen in den USA von einer Polizeikugel tödlich getroffen zu werden ist siebenmal höher als für einen Weißen. Wohlgemerkt ein Schwarzer, der keine Waffen jeglicher Art bei sich führt.

Ein Jahr nach den Vorfällen in Ferguson hat sich in der Statistik bislang nichts geändert. Lokale Politiker und Polizeieinheiten wollen etwas tun, stellen „Community Outreach“, die Präsenz in den Nachbarschaften in den Vordergrund, doch bislang hat das zu keinem erkennbaren Erfolg geführt. Sprich, weiterhin sterben nach unverfänglichen Situationen Afro-Amerikaner durch Polizeikugeln.

Die Frage ist warum? Einfach zu sagen, die Polizeieinheiten in den USA seien rassistisch, geht am eigentlichen Problem vorbei. Vielmehr gibt es in Amerika ein Ungleichgewicht, das in fast allen gesellschaftlichen und sozialen Ebenen zu finden ist. Das Schlimme ist bei allem, dass es keine Versuche und Ansätze gibt, all das anzugehen und zu lösen.