Fast 1000 Bürger von der Polizei erschossen

„Don’t Shoot“ als Antwort auf Polizeigewalt in den USA. Foto: Reuters.

Zum dritten Mal in Folge starben nahezu 1000 Menschen in den USA durch Polizeikugeln. 987 Opfer zählt die Washington Post, die seit drei Jahren diese düstere Statistik führt. 2016 waren es 963 und 2015 995. Damit angefangen hat die Zeitung nach dem Tod des unbewaffneten 18jährigen Michael Brown, der 2014 in St. Louis von einem Polizisten erschossen wurde. Die tödlichen Kugeln führten zur Gründung der „Black Lives Matter“ Bewegung, einer Kommission im Weißen Haus und zahlreichen Reformen bei Polizeieinheiten im ganzen Land.

Problematisch bleibt nach wie vor die Zahl der unbewaffneten Opfer. 2017 lag sie bei 68 (2016: 51; 2015: 94). Davon waren 19 Afro-Amerikaner (2016: 17; 2015: 36), mit 22 Prozent eine vergleichsweise hohe Zahl, denn Schwarze in den USA machen nur sechs Prozent der Bevölkerung aus. Experten sehen diesen Dreijahresvergleich nun als einen Fakt in der amerikanischen Gesellschaft und werten die Zahlen nicht als Trend, denn bei den Gesamtzahlen von nahezu 1000 Opfern durch Polizeikugeln gibt es keine großen Verschiebungen.

Problematisch erscheint vielen Beobachtern die hohe Zahl an geistig verwirrten oder kranken Opfern. 236 Personen, damit jede vierte Tötung, hatte mit einer mentalen Problematik zu tun. In 88 Prozent dieser Fälle waren Schusswaffen, Messer, Äxte, Macheten und andere Waffen im Spiel. Polizisten sahen sich bedroht und feuerten meist mehrere tödliche Schüsse ab. Ron Honberg von der „National Alliance on Mental Illness“ kritisiert das Vorgehen der Polizei und das Akzeptieren dieser Vorfälle durch die Gesellschaft: „Wir rufen den Notruf 911 für medizinische Notfälle und es kommen für jeden Fall speziell ausgebildete Fachleute, aber wenn es um einen kritischen Fall von Geisteskrankheit geht, wird die Polizei geschickt“.

 

Amerika hat gelernt mit all diesen Opferzahlen zu leben. Es sind Jahr für Jahr Schlagzeilen, die sich wiederholen, doch zu keinen grundlegenden Veränderungen führen. Auch die Zahl von Polizisten, die „on the job“ getötet wurden, bleibt mit 46 im Jahr 2017 (2016: 66) noch hoch.

 

944 verlorene, gestohlene, verlegte Waffen

Neunhundertundvierunvierzig! 944 Schußwaffen, die seit 2010 aus dem Besitz von Polizeieinheiten in Kalifornien verloren gingen, gestohlen oder verlegt wurden. Betroffen sind Cops auf den Straßen in Städten wie San Francisco, Oakland, San Mateo und anderen, aber auch Polizeieinheiten wie FBI, ICE, DEA, dazu National Park Rangers, BLM, Mitarbeiter vom Wald- und Feuerschutz. Und wir reden hier nicht nur von kleinkalibrigen Handfeuerwaffen, wie die Zeitungsgruppe „Bay Area News Group“ nach einer längeren Recherche herausfand: 600 halbautomatische Pistolen und Revolver, 251 Shotguns, 27 Sturmgewehre, 16 Jagdgewehre, 15 Scharfschützengewehre, 12 Granaten- und Tränengaswerfer, 1 Maschinengewehr, 22 nicht weiter definierte Knarren.

Immer mal wieder gelangen Polizeiwaffen in die falschen Hände. Foto: Reuters.

Immer mal wieder gelangen Polizeiwaffen in die falschen Hände, manche werden für Verbrechen genutzt. Foto: Reuters.

Nur ein Bruchteil der Waffen wurde wieder gefunden, einige von ihnen tauchten auch wieder auf – in Schießereien. Das Problem wurde im vergangenen Jahr ganz offensichtlich, nachdem die 32jährige Kate Steinle auf einem Pier in San Francisco erschossen wurde. Ein illegaler Einwanderer, der zuvor mehrmals abgeschoben worden war, hatte mit einer geklauten Polizeiknarre die junge Frau getroffen. Nicht gezielt, er schoss damit einfach so durch die Gegend, wie er nach seiner Verhaftung erklärte. Die Waffe gehörte einem FBI-Agenten und war zuvor aus dessen geparktem Wagen geklaut worden.

Danach blickte man gezielt auf dieses Problem. Die Zeitungen der „Bay Area News Group“ begannen mit einer umfassenden Recherche, sammelten Daten von lokalen Polizeieinheiten, kalifornischen Einsatzkräften und Bundespolizisten, insgesamt wurden 240 Behörden in Kalifornien genauer unter die Lupe genommen. Das Ergebnis war überraschend und gleichzeitig alarmierend. 944 Schußwaffen waren verschwunden oder zeitweise nicht im Besitz der Beamten. Eigentlich müssten Waffenbesitzer ihre Knarren sichern, wegsperren, auch und vor allem in Einsatzfahrzeugen, was aber offensichtlich in vielen Fällen nicht geschieht. Doch Dienstwaffen gingen auch in Taxis, in Fitnessclubs verloren oder wurden auf dem Autodach und sogar in einer Toilette liegen gelassen.

Eines der Probleme ist, so die Zeitungsrecherche, dass es keine einheitliche Richtlinie gibt, wie Dienstwaffen gelagert und gesichert werden sollen. Das soll sich nun ändern. Politiker aus allen Lagern und auf allen Ebenen fordern nun den sicheren Umgang und eine allgemeingültige Sicherung von Einsatzwaffen. Der normale Menschenverstand scheint nicht zu funktionieren, von daher müssen nun neue Gesetze her. Mal sehen, was die Waffenlobbyisten der „National Rifle Association“ (NRA) dazu sagen wird?

 

Weniger tote Polizisten in den USA

Polizeieinheiten nehmen Abschied von einem ihrer Kollegen. Foto: Reuters.

Polizeieinheiten nehmen Abschied von einem ihrer Kollegen. Foto: Reuters.

Es gibt keinen „Krieg gegen Polizisten“ in den USA. Das ist das Ergebnis einer Datenauswertung, auch wenn diese Zahlen FOXNews und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten so gar nicht in den Kram passen werden. Denn sie haben gleich mehrmals Präsident Barack Obama vorgeworfen, sich nicht schützend vor Polizisten zu stellen. Chris Christie meinte im September, „Polizeibeamte werden gejagt“. Mike Huckabee meinte kurz darauf „der Krieg gegen die Polizei“, sei für einen „Anstieg der Kriminalität“ verantwortlich. Und Ted Cruz setzte sogar in seiner Rolle als Senator eine Anhörung an mit dem Titel „Krieg gegen die Polizei“. Ted Cruz beschuldigte die Obama Adminstration ein „Umfeld geschaffen zu haben, in dem die Männer und Frauen der Polizeieinheiten unter einem Dauerangriff leiden“. Die ganze brutale Rhetorik aus dem republikanischen Lager führte dazu, dass in einer Umfrage schließlich 58 Prozent der Befragten erklärten, in den USA gebe es einen „Krieg gegen die Polizei“.

Und nun die Zahlen, die eigentlich genau das Gegenteil belegen. Der „National Law Enforcement Officers Memorial Fund“ hat in seinem Jahresbericht bekannt gegeben, dass 2015 „nur“ 42 Polizisten erschossen wurden, 14 Prozent weniger als 2014. Insgesamt starben 124 Polizisten „in the line of duty“. Allein ein Drittel bei Verkehrsunfällen, 30 durch berufsbedingte Krankheiten und Folgen. Die Todesrate von Polizisten im Dienst 2015 ist die zweitniedrigste aller Zeiten. Natürlich ist eine Zahl von 42 erschossenen Beamten hoch, aber von einem „Krieg gegen die Polizei“, von einer „Jagd“ auf die Männer und Frauen in Uniform, kann da wohl nicht gesprochen werden. Die Republikaner, das wird hier mal wieder deutlich, arbeiten mit Angst und Schrecken in ihrem Wahlkampf. So sollte man nicht ins Weiße Haus einziehen dürfen.

Nahezu 1000 Tote durch Polizeikugeln

Ein Routineeinsatz für die Polizei in Chicago. Ein junger Mann dreht durch, bedroht den Vater, eine Nachbarin. Die Polizei wird gerufen. Am Ende liegen der 19jährige und eine 55jährige Mutter von vier Kindern tot auf dem Boden. Tödlich getroffen von Polizeikugeln. Die beiden Opfer sind Afro-Amerikaner. Ein Bild, das sich immer und immer wieder in den USA zu wiederholen scheint.

Polizeiabsperrung nach einem Einsatz. Foto: Reuters.

Polizeiabsperrung nach einem Einsatz. Foto: Reuters.

Die Washington Post hat nun eine umfassende und schockierende Statistik veröffentlicht. Fast 1000 Menschen starben 2015 durch Polizeikugeln in den USA. Davon führten 564 Opfer eine Schußwaffe mit sich, 281 hatten eine andere Waffe bei sich, 90 Personen waren unbewaffnet. In vier Prozent aller Fälle handelte es sich um einen unbewaffneten Afro-Amerikaner. Die Zahl klingt niedrig, doch man muß da genauer hinsehen. Obwohl Afro-Amerikaner nur sechs Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind 40 Prozent der unbewaffneten Opfer Schwarze gewesen.

Der Großteil der durch die Polizei tödlich Getroffenen sind Weiße. Allerdings, so die Washington Post, spiele die Hautfarbe noch immer eine große Rolle, denn 3 von 5 Opfern, die im Nachhinein nicht als Bedrohung gesehen werden konnten, waren entweder Schwarze oder Hispanics. Die Post hat Berichte und Videos von Uniformkameras und Streifenwagen ausgewertet. Zum ersten Mal überhaupt ist das passiert, bislang hat keine Regierungsstelle im ganzen Land solch eine Datenarbeit vorgenommen.

Die Probleme sind offensichtlich. Polizeieinheiten sehen die Videos der Körperkameras als wichtige Hilfe, um bei den Ermittlungen belegen zu können, dass sie nicht einfach so geschossen haben. Auch wenn sich nachher Juristen wochenlang die Bilder ansehen, um dann festzustellen, dass der Polizist in dieser oder jener Sekunde im Einsatz falsch reagiert hat. Bürgerrechtsgruppen sehen die Kameras als wichtiges Instrument in der Kontrolle der Polizeieinheiten. Und klar, es gibt unter den Hundertausenden von Polizisten auch rassistische, sadistische, verbrecherische Beamten, die man vielleicht mit solchen Bildern stoppen kann.

Die Zeitung belegt in ihrer Analyse, dass Unbewaffnete vor allem erschossen werden, wenn sie weglaufen, schnelle Handbewegungen machen oder nicht sofort den Anweisungen der Beamten folgen. Fehlt da die Schulung, das Training, die Ausbildung? Oder liegt das Problem von nahezu 1000 Toten durch Polizeikugeln in nur einem Jahr darin, dass zu viele Waffen im Umlauf sind, dass die Polizisten nie wissen, auf welche Waffen sie im nächsten Einsatz stoßen werden, dass die Gewaltbereitschaft in den USA um ein deutliches höher ist, als in anderen Ländern?

Und doch, es steht außer Frage und das wird in der Analyse der Washington Post auch deutlich, dass es in den USA noch immer Rassismus gibt. Dass manchmal die Hautfarbe darüber entscheidet, wie eine Polizeikontrolle endet. Auch das ist Alltag in den USA im Jahr 2015.

Wir sind in der Endlosschleife

Gestern Abend fand in Oakland eine Veranstaltung zum Thema „21st Century Policing“ statt. Also, es ging darum, wie die Polizei heute und morgen arbeitet und arbeiten soll. „Community Policing“, die Beziehungen zu den Bürgern stand dabei im Mittelpunkt. Nach Ferguson, Baltimore und auch den Ereignissen der letzten Jahre in Oakland, ist das Verhältnis zwischen vielen Nachbarschaften und den Polizeieinheiten gestört. Von Vertrauen ist keine Spur mehr zu finden.

Doch die öffentliche Veranstaltung am gestrigen Abend, zu der Bürgermeisterin Libby Schaaf geladen hatte, war ganz anders, als man sie aus einer deutschen Perspektive erwarten würde. Es wurde vor allem über das Auftreten der Polizei, über Respekt, über die Militarisierung der „Police Forces“ im ganzen Land gesprochen und Fragen beantwortet. Auf der Bühne sassen Ron Davis, der Leiter der Task Force für Präsident Obama in Fragen der Polizeiarbeit. Neben ihm der Präsident des Oakland Police Departments, Sean Whent, und der Bürgerrechtsanwalt John Burris.

Die Fragen aus dem Publikum waren alle etwas einseitig, Polizei kritisch, um es mal vorsichtig auszudrücken. Klar, in den Polizeireihen gibt es „crazy Cops“, die ihre Macht in Uniform ausnützen. Auch hier in Oakland. Doch die andere Seite der Medaille wurde bei allem gar nicht beleuchtet. Die offene Ablehung und der Hass gegen die Beamten, die täglich schwierige Situation einer unterbesetzten Polizeidirektion. Ganz zu schweigen von bewaffneten Gangs und Einzeltätern, die ihre Knarren ohne mit der Wimper zu zucken auch geben Polizisten wenden. Kein „policeman“ in den USA weiß bei einem Notruf und einem Einsatz, was auf ihn wartet. Die Knarren sitzen locker, hier und da. Wo da der Anfang der Gewaltspirale liegt, gleicht der Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei?

Eine Diskussion wie die gestrige in Oakland würde es in Deutschland nie geben. Denn kein Wort wurde dazu gesagt, dass Amerika ein schwerbewaffnetes Land ist. Die Gewaltprobleme in den Städten, die hohen Mordraten, die täglichen Schießereien in den USA, sie hängen eng mit den rund 350 Millionen Schußwaffen im Umlauf zusammen. Ja, die „homicide rate“  ist in den letzten Jahren gefallen, auch hier in Oakland. Anfang September lag die Mordrate in meiner neuen Heimatstadt bei nur noch 56, ein Erfolg (!). In einer Stadt mit noch nicht einmal 400.000 Einwohnern. Zum Vergleich die Zahl in Deutschland, 2014 wurden im gesamten Bundesgebiet 298 Menschen umgebracht.

Die Diskussion in den USA über Gewalt, ja, auch Polizeigewalt, läuft fehl. Wer die eigentlichen Gründe nicht anspricht, nicht ansprechen kann, weil in der Verfassung ein angebliches Grundrecht auf Waffenbesitz existiert und damit quasi der Persilschein zum Rumballern ausgestellt wird, der wird das Problem nicht lösen können. Amerika ist eine Gesellschaft, die gelernt hat, mit der Gewalt zu leben. Leider.

Der andere (weggelassene) Teil der Geschichte

Spiegel Online schreibt: „Ein Video der US-Bloggerin Chaédria LaBouvier befeuert die Debatte über Polizeigewalt in den USA. Die Aufnahmen zeigen einen Einsatz gegen einen behinderten Schwarzen in San Francisco Anfang August.“ Gezeigt werden elf Minuten eines Videos, in dem man mehrere Polizisten in San Francisco sieht, die einen Schwarzen am Boden festhalten. Er ist in Handschellen und hat eine Beinprothese. Alles sieht nach einem neuen Fall von Polizeigewalt aus. Elf Minuten brutaler Polizeieinsatz. Ein Schwarzer das Opfer, weiße Cops, die auf ihm sind.

Doch die Geschichte stimmt nicht ganz so. Die Bloggerin hat lediglich eine editierte Version des Videos ins Internet gestellt. Die ganze Vorgeschichte, was zum Einsatz der Polizei führte, ist nicht zu sehen. Die Beamten wurden im Tenderloin Distrikt der Stadt, dem problematischsten am Rande von Downtown SF, gerufen, weil ein Mann mit einem Stock wild gestikulierend in der Straße um sich schrie. Als die Polizisten ankamen, merkten sie schnell, dass sie es hier mit einem geistig Verwirrten zu tun haben. Sie forderten ihn auf, den Stock fallen zu lassen, doch der Mann weigerte sich. Er lief auf die Hauptstraße und schrie, es sei ihm egal, ob er überfahren werde. An diesem Punkt sahen sich die Beamten gezwungen einzuschreiten. Ein Sprecher der SFPD erklärte, der Mann habe sich und andere in Gefahr gebracht.

Was dann geschah, sieht man auf dem Video. Mehrere Polizisten versuchen den Mann am Boden zu fesseln und zu beruhigen. Doch der weigert und windet sich, will einen Beamten beißen. 5 Cops sind auf ihm. Sie schlagen ihn nicht, ziehen auch keine Waffe, wollen ihn nur fesseln und beruhigen. Natürlich ist das ein treffendes Bild. Drei weiße Polizisten, ein Asiate, ein Schwarzer auf einem Afro-Amerikaner mit Beinprothese, dem bei dem Gerangel auch noch die Hose runtergerutscht ist (er trägt keinen Gürtel).

Hunderttausende sahen das Video auf youtube und anderen Plattformen. Ein Aufschrei ging durchs Land, wiedereinmal sein ein Afro-Amerikaner brutal von weißen Polizisten berhandelt worden. Der russische Auslandssender „RT“ griff dieses Video sofort auf und berichtete von der Polizeigewalt in den USA.

Doch das alles ist etwas einseitig berichtet. Die Vorgeschichte fehlt, wer die Tenderloin kennt, weiß, dass diese Einsätze der Polizei zum Alltag gehören. Hier trifft man ständig Verwirrte, mit sich selbst Sprechende und „Crazies“, die sich und andere gefährden. Viele von ihnen leben auf der Straße, verweigern jede Form der Hilfe, und sei es nur eine medikamentöse Behandlung. Ihr gutes Recht in Amerika, bis eben die Polizei eingreifen muß.

Man kann nun darüber streiten, ob fünf Polizisten notwendig sind, um einen behinderten, sich wehrenden Mann am Boden zu fesseln. Nein, es ist kein schönes Bild, was man da sieht. Doch auf dem Video sieht man auch deutlich, dass keiner von ihnen brutal vorgeht. Der Mann wurde auch nicht verhaftet und zur Polizei gebracht, er wurde vielmehr von einer herbeigerufenen Ambulanz ins Krankenhaus transportiert. Die SFPD kündigte umgehend auch eine Untersuchung durch eine zivile Aufsichtsbehörde an.

Es geht mir hier nicht darum diesen Vorfall und diese Vorkommnisse schön zu reden. Ganz im Gegenteil. Amerika hat ein Problem, Schwarze werden zu oft Opfer von Polizeigewalt. Doch dieser Fall ist anders. Hier zeigt sich vielmehr ein tieferes Übel in den USA, dass viel zu viele Menschen durchs Raster fallen, auf der Straße leben, obdachlos sind, ihnen die Unterstützung der Gesellschaft fehlt. So entstand dieses Video, doch das fehlt in der geschnittenen Version von Chaédria LaBouvier.

YouTube Preview Image

Es ist gefährlich schwarz zu sein

Vor einem Jahr wurde in Ferguson, Missouri, Michael Brown erschossen. Von einem Polizisten, der ihn kontrollieren wollte. Was sich genau ereignete und was zu den tödlichen Schüssen führte, ist nicht bekannt. Nur, dass Michael Brown unbewaffnet war und Afro-Amerikaner ist. Der Vorfall hallte durchs ganze Land, überall kam es zu Protesten, von Philadelphia bis nach Oakland. Der Aufschrei war groß, etwas müsse sich ändern, meinte sogar Präsident Barack Obama, der sich einschaltete. Doch mal ehrlich, ein Jahr danach muß man sagen, nichts hat sich verbessert.

Foto: AFP

Foto: AFP

Bis zum heutigen Tag wurden in den USA 585 Menschen von Polizeikugeln tödlich getroffen. 585 in diesem Jahr. Viele Schüsse waren berechtigt, Täter griffen Polizisten an, bedrohten sie mit Schußwaffen und Messern. Beamte verteidigten sich oder andere. Doch von diesen 585 waren 24 unbewaffnete Afro-Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit für einen Schwarzen in den USA von einer Polizeikugel tödlich getroffen zu werden ist siebenmal höher als für einen Weißen. Wohlgemerkt ein Schwarzer, der keine Waffen jeglicher Art bei sich führt.

Ein Jahr nach den Vorfällen in Ferguson hat sich in der Statistik bislang nichts geändert. Lokale Politiker und Polizeieinheiten wollen etwas tun, stellen „Community Outreach“, die Präsenz in den Nachbarschaften in den Vordergrund, doch bislang hat das zu keinem erkennbaren Erfolg geführt. Sprich, weiterhin sterben nach unverfänglichen Situationen Afro-Amerikaner durch Polizeikugeln.

Die Frage ist warum? Einfach zu sagen, die Polizeieinheiten in den USA seien rassistisch, geht am eigentlichen Problem vorbei. Vielmehr gibt es in Amerika ein Ungleichgewicht, das in fast allen gesellschaftlichen und sozialen Ebenen zu finden ist. Das Schlimme ist bei allem, dass es keine Versuche und Ansätze gibt, all das anzugehen und zu lösen.

Die Fronten werden härter

Ich frage mich zur Zeit öfters, wohin diese Entwicklung noch gehen wird. Ferguson und nun Baltimore, davor viele andere Orte in den USA, an denen unbewaffnete Afro-Amerikaner nach Polizeieinsätzen starben. Sind die USA wirklich so rassistisch, dass Schwarze hier zum Abschuß durch weiße Polizisten freigegeben worden sind? Narrenfreiheit für die Polizeieinheiten, die tun und lassen können, was sie wollen? Hat sich nichts seit der Bürgerrechtsbewegung vor 50 Jahren geändert?

Mit der App der ACLU gegen Polizeigewalt.

Mit der App der ACLU gegen Polizeigewalt.

Amerika hat ein ziemlich großes Problem. Ein Gewaltproblem. Die Kugeln weißer Polizisten sind der eine Teil. Ein anderer die Reaktion schwarzer Jugendlicher, wie in Ferguson und nun Baltimore. Das Zerschlagen und Zertrümmern von Läden in der eigenen Nachbarschaft. Bei den Protesten in Oakland im vergangenen November, nach dem Tod von Michael Brown, konnte ich selber mitansehen, wie sinnlos diese Gewalt war. Wahllos wurden unter dem Jubel Umherstehender Autoreifen von parkenden Wagen zerstochen. Keine Polizeiwagen wohlgemerkt, Autos, die in Nachbarschaften zur falschen Zeit am falschen Ort geparkt worden waren. Kein Mercedes, sondern ein alter Nissan. Häuserwände und Fensterfronten von kleinen Friseursalons, Cornerstores, Galerien wurden besprüht und zum Teil zerstört, Läden geplündert. Und als 46jähriger Reporter vor Ort, der ein Aufnahmegerät in der inneren Jackentasche hatte, kam ich selbst in eine brenzlige Situation, denn eine Gruppe vermummter junger Leute hielt mich für einen Zivilpolizisten und umkreiste mich drohend. Was das alles mit einem berechtigten Protest gegen Polizeigewalt und schnell schießende Beamten zu tun hat, muß mir einer Mal in aller Ruhe erklären. Ich verstehe es nicht.

Die Bilder aus Baltimore ähneln dem, was ich hier in Oakland erlebt habe. Und sie werden sich wieder und wieder wiederholen. Denn die Gräben werden tiefer, das Gewaltproblem in den USA steigt nur weiter an. Die Fronten sind nicht einfach so festzumachen. Es ist nicht so, dass hier die Polizei steht, dort die unbewaffneten Afro-Amerikaner. Wenn es so wäre, wäre es einfach zu erklären und auch zu lösen. Es scheint, Gewalt ist eine der Grundfesten der amerikanischen Gesellschaft. Wie sonst läßt es sich erklären, dass in diesem Jahr schon 27 Morde in Oakland passiert sind. Die Opfer vor allem Afro-Amerikaner. Die Täter ebenfalls. Kein Aufschrei, keine Proteste, Alltag eben.

Wer in den USA Polizist werden will muß sich einigen Tests unterziehen, gesundheitliche, psychologische, sportliche. Dazu kommen „Background Checks“, wer wegen Kiffen, zu schnellem Fahren oder anderen Kleinstdelikten auffällig geworden war, fällt durch. Und dann werden die angehenden Beamten in Kursen, die von 12 Wochen (!) bis zu einem Jahr (!) dauern können geschult. Das ist dann die Ausbildung für innerstädtische Kriegszonen, wo Kriminelle mit Maschinengewehren auf sie warten.

Und nein, das ist keine Entschuldigung für Polizisten, die Unbewaffnete in den Rücken schießen. Es ist nur ein Beispiel dafür, dass die USA ein Problem haben, das komplexer ist, als es auf dem ersten Blick erscheint. Klar gibt es hier Rassismus, aber das erklärt nicht alles. Der Wille auf breiter Flur etwas zu ändern ist nicht in Sicht.

Nun wird darüber diskutiert Polizisten mit sogenannten Uniformkameras auszurüsten, damit anschließend die Abläufe, die zu einer Verhaftung oder einem Zwischenfall führten, nachvollziehbar sind. Die „American Civil Liberties Union“ (ACLU), die wohl bedeutendste Bürgerrechtsbewegung in den USA hat nun reagiert und eine App für Smartphones online gestellt. Das ganze wurde nach den Unruhen in Ferguson entwickelt. Nun ziehen weitere lokale und regionale Untergruppen nach. Kostenlos kann man die App herunterladen. Damit soll jedem Bürger die Möglichkeit gegeben werden, Polizeiübergriffe und Polizeigewalt zu filmen und den Sound aufzunehmen. Wenn man die Stoptaste drückt, wird das Filmchen automatisch auf den Server der regionalen ACLU Gruppe geladen. Wie es von Seiten der ACLU heißt, wird das Video so vor Zugriffen der Polizei geschützt, auch wenn diese das Telefon beschlagnahmen oder zerstören sollte.

Es ist eine klare Kampfansage in einem nicht enden wollenden Krieg an der Heimatfront. Der einzige Ausweg aus allem ist klar. Die USA müssten nur einmal all das Geld daheim ausgeben, für Bildung, Schulung, Fortbildung, Infrastrukturmaßnahmen, und ja, auch die alltägliche Sicherheit, was seit dem 11. September 2001 international für den „War on Terror“ verpulvert wurde… Amerika wäre ein anderes Land.

Amerika im Krieg

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Die Polizeimarken getöteter Polizisten in den USA.

Es war kein gutes Jahr für die amerikanischen Polizeieinheiten. Ferguson, New York, Oakland, überall im Land gab es massive Zwischenfälle, die zeigten, in den Polizeireihen stimmt etwas nicht. Einige wenige machtbesessene und rassistische Cops, falsche Ausbildung, Überbelastung, fehlende Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Bürgern, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, um das Klima in den Städten und Gemeinden zu verbessern. Amerika hat ein Problem im Inneren. Länder wie Nordkorea, China und Iran zeigen mit Häme und ausgestreckten Fingern auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung scheinbar noch keine Gleichberechtigung kennt.

Und doch, da sind auch zwei Zahlen, die aufhorchen lassen, die verdeutlichen, dass all das nicht einfach nur ein Problem Polizei gegen Bürger ist. 126 Polizisten starben 2014 im Einsatz. 50 (!) davon wurden erschossen. Kaltblütig, eben weil sie Polizisten waren. Das ist eine Zahl, die viel aussagt über ein Land, in dem ein hohes Maß an Gewalt akzeptiert, toleriert, ja sogar unterstützt wird. Nach dem Amoklauf in der Sandy Hook Grundschule glaubten viele, jetzt würde sich was ändern, jetzt wäre Amerika bereit strengere Waffengesetze zu verabschieden, den Zugang zu Schußwaffen stärker zu reglementieren. Nichts geschah, nichts wird geschehen.

50 erschossene Polizisten im Jahr 2014 sind das Ergebnis einer stupiden Diskussion darüber, ob die Gründungsväter der amerikanischen Verfassung wirklich meinten, dass jeder Amerikaner ein Grundrecht auf Waffenbesitz hat. Was 1788 auf Papier ratifiziert wurde sah sicherlich nicht vor, dass mein Nachbar eine Wumme wie das Mitglied eines Spezialkommandos in Afghanistan im Schrank haben darf. Oder, dass es Stadtteile in den USA gibt, in denen herbeigerufene Polizisten schlichtweg „out powered“ sind, heißt, ihre Knarren sind nichts gegen die Maschinenpistolen und -gewehre in den Händen von skrupellosen Kriminellen.

Jedes Jahr sterben in den USA weit über 30.000 Menschen durch Schußwunden. Die Hälfte davon sind Morde, die andere Hälfte Selbstmorde. 50 erschossene Polizisten sind auf diesem Leichenberg nur eine geringe Zahl. Eine kleine Meldung in den Nachrichten. Doch man sollte diese Zahl vielleicht anders betrachten. Zwischen 2002 und 2014 sind beim Militäreinsatz in Afghanistan 54 deutsche Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen. In einem Kriegsgebiet mit Selbstmordattentätern, Sprengsätzen, Raketenangriffen, Hinterhälten. Man erwartet in einem Kampfeinsatz der Bundeswehr, dass Soldaten sterben werden. 54 Bundeswehrangehörige in 12 Jahren ist eine traurige Bilanz. 50 erschossene Polizisten in einem Jahr ist Krieg im eigenen Land. Wer das nicht sehen will betreibt Augenwischerei.

Es wird nicht langweilig

Diesmal Berkeley. Dort, wo vor 50 Jahren die „Free Speech Movement“ begann, versammelten sich Hunderte von Protestierenden, um erneut durch die kalifornische Kleinstadt zu ziehen. Samstagnacht war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei gekommen. Ladenfronten wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Polizeiwagen beschädigt. Schließlich feuerte die Polizei Tränengas ab, genau zu dem Zeitpunkt, als aus der Zellerbach Hall feingekleidete Konzertbesucher nach draussen kamen.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Was spät in der Nacht zum Sonntag endete, wurde am Abend fortgesetzt. Mehrere Hundert Demonstranten versammelten sich an der Universität, um wieder durch Berkeley zu marschieren. Man wolle sich von der Polizeitaktik und der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen, hieß es. Der große Teil der Protestierenden war gekommen, um friedlich gegen die jüngsten Entscheidungen von Grand Jurys zu demonstrieren. Zweimal waren unbewaffnete Schwarze durch den Einsatz weißer Polizisten umgekommen. In Ferguson wurde Michael Brown erschossen, in Staten Island, New York starb Eric Garner nachdem er in den Würgegriff genommen worden war.

Proteste entflammten im ganzen Land. Oakland, San Francisco und Berkeley wurden zu einem „Hotspot“. Friedliche Demonstrationen arteten in Provokation und Gewaltexzesse aus. Die Konfrontation mit der Polizei wurde von einem Teil der Teilnehmer gesucht, kleine lokale Läden beschmiert, beschädigt, geplündert. Die Reifen von parkenden Autos in Nachbarschaften wahllos aufgeschlitzt. Der Ansatz des zivilen Ungehorsams, eine Kommune lahmzulegen, wurde damit zunichte gemacht. Die Medien zeigten nur die Bilder der Gewalt, die brennenden Mülltonnen, die Reaktion der Polzei auf die Ausschreitungen. Vor laufenden Fernsehkameras wurden nur schreiende Protestierende gezeigt, gemäßigte und nachdenkliche Stimmen waren nicht zu erkennen.

Demonstrationen sind wichtig, sie zeigen, dass etwas in diesem Land nicht stimmt. Sie können die Diskussion unterstützen, die an anderer Stelle geführt werden muß. Doch der gewaltbereite und vermummte Block bei diesen Protesten schadet nur dieser Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz. Bei den Demonstrationen erklärten mir Teilnehmer, nur mit Gewalt sei in diesem Land etwas zu ändern, sprachen von Revolution und einer Massenbewegung. Wie bei „Occupy“ wird auch diese Protestwelle bald verebben. Und ändern wird sich am Ende auch nichts.