Es wird nicht langweilig

Diesmal Berkeley. Dort, wo vor 50 Jahren die „Free Speech Movement“ begann, versammelten sich Hunderte von Protestierenden, um erneut durch die kalifornische Kleinstadt zu ziehen. Samstagnacht war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei gekommen. Ladenfronten wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Polizeiwagen beschädigt. Schließlich feuerte die Polizei Tränengas ab, genau zu dem Zeitpunkt, als aus der Zellerbach Hall feingekleidete Konzertbesucher nach draussen kamen.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Was spät in der Nacht zum Sonntag endete, wurde am Abend fortgesetzt. Mehrere Hundert Demonstranten versammelten sich an der Universität, um wieder durch Berkeley zu marschieren. Man wolle sich von der Polizeitaktik und der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen, hieß es. Der große Teil der Protestierenden war gekommen, um friedlich gegen die jüngsten Entscheidungen von Grand Jurys zu demonstrieren. Zweimal waren unbewaffnete Schwarze durch den Einsatz weißer Polizisten umgekommen. In Ferguson wurde Michael Brown erschossen, in Staten Island, New York starb Eric Garner nachdem er in den Würgegriff genommen worden war.

Proteste entflammten im ganzen Land. Oakland, San Francisco und Berkeley wurden zu einem „Hotspot“. Friedliche Demonstrationen arteten in Provokation und Gewaltexzesse aus. Die Konfrontation mit der Polizei wurde von einem Teil der Teilnehmer gesucht, kleine lokale Läden beschmiert, beschädigt, geplündert. Die Reifen von parkenden Autos in Nachbarschaften wahllos aufgeschlitzt. Der Ansatz des zivilen Ungehorsams, eine Kommune lahmzulegen, wurde damit zunichte gemacht. Die Medien zeigten nur die Bilder der Gewalt, die brennenden Mülltonnen, die Reaktion der Polzei auf die Ausschreitungen. Vor laufenden Fernsehkameras wurden nur schreiende Protestierende gezeigt, gemäßigte und nachdenkliche Stimmen waren nicht zu erkennen.

Demonstrationen sind wichtig, sie zeigen, dass etwas in diesem Land nicht stimmt. Sie können die Diskussion unterstützen, die an anderer Stelle geführt werden muß. Doch der gewaltbereite und vermummte Block bei diesen Protesten schadet nur dieser Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz. Bei den Demonstrationen erklärten mir Teilnehmer, nur mit Gewalt sei in diesem Land etwas zu ändern, sprachen von Revolution und einer Massenbewegung. Wie bei „Occupy“ wird auch diese Protestwelle bald verebben. Und ändern wird sich am Ende auch nichts.

Feuer auf der Telegraph Avenue

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

Die zweite Nacht voller Proteste. Rund 3000 Demonstranten marschieren durch Oakland, fordern Gerechtigkeit für Michael Brown. Es sind zumeist junge Leute, die hier lauthals schreien „Shut it down for Michael Brown“. Das Ziel, Oakland lahm zu legen. An diesem Dienstagabend gelingt ihnen das auch weitgehend. Man solle weiträumig Downtown umfahren, heißt es im Verkehrsfunk.

Die Polizei hat aus der letzten Nacht gelernt und  umliegende Städte und erneut die Highway Patrol um Unterstützung gebeten. Mehrere Hundertschaften sind vor Ort, ein Polizeihubschrauber kreist über dem Marsch. Die meisten Teilnehmer sind friedlich, doch es gibt auch einen vermummten Block, die Parolen an Häuserwände, auf Ladenfronten, auf Bushhaltestellen sprayen. Je länger der Demonstrationszug andauert, um so aggressiver wird die Stimmung. Schließlich stürmen mehrere Hundert Demonstranten einen Böschung hinauf, die auf den Freeway 580 führt. Autos stoppen sofort, als sie die Menschen an der Seite sehen, die langsam auf die Fahrbahn drängen. Die Polizei ist schnell mit einem Großaufgebot vor Ort und drängt die Demonstranten zurück.

Unten werden bereits Feuer auf der Telegraph Avenue angezündet. Abfallcontainer liegen auf der Fahrbahn, daneben eine alte Matraze, sie brennen lichterloh. Ein Teilnehmer schmeisst mehrfach Steine und einen harten Plastikbehälter gegen die Fenster eines Drogeriemarktes, viele Geschäfte in Downtown Oakland sind an diesem Abend mit Brettern vernagelt. Die Situation kippt in diesem Moment.

Eindeutige Parole an eine Bushaltestelle gesprüht.

Eindeutige Parole an eine Bushaltestelle gesprüht.

Unter der Brücke parkt ein Auto, die Reifen werden einfach zerstochen. Das hier hat nichts mehr mit einer Demonstration für Gerechtigkeit für Michael Brown zu tun. Es geht nur noch um eine offene Konfrontation mit der verhassten Polizei, die immer wieder als „Schweine“ beschimpft und angepöbelt werden. Laute Feuerwerkskörper, Flaschen und Steine werden auf die Beamten geworfen. An der nächsten Kreuzung gerät ein Polizeiwagen in die Mitte einer gewaltbereiten Gruppe, die die Chance gleich nutzen und den Wagen umwerfen will.

Weitere Mülltonnen werden angezündet, direkt vor einer Kirche ist die gesamte Straße ein stinkendes und loderndes Flammenmeer. Schließlich geht die Polizei geballt vor, drängt die Demonstrierenden zurück. In einer geschlossenen Kette schiebt sie mehrere Hundert Protestierende vor sich her. Der Großteil der Demonstranten hat sich bereits verabschiedet. Die zweite Protestnacht zieht sich zur Stunde noch hin, sechs Stunden nach Beginn. Oakland bekommt mal wieder die Schlagzeilen, die es eigentlich nicht verdient.

Ferguson ist überall

Die Demonstranten in Ferguson verlangen, dass der weiße Polizist angeklagt wird.

Die Demonstranten in Ferguson verlangen, dass der weiße Polizist Darren Wilson für die tödlichen Schüsse auf Michael Brown angeklagt wird.

Noch ist nichts klar. Noch hat sich die „Grand Jury“ nicht geäußert, ob der weiße Polizist Darren Wilson für die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten, schwarzen 18jährigen Michael Brown angeklagt werden soll. Am Freitag verabschiedeten sich die Mitglieder der Jury erst einmal ins Wochenende. Am Montag werden sie wieder zusammen kommen, um dann entweder weiter zu beraten oder eine Entscheidung zu fällen.

Im ganzen Land bereiten sich die Kommunen und Polizeieinheiten auf das vor, was da kommen könnte. Im Falle einer Nicht-Anklage wird davon ausgegangen, dass es zu massiven Unruhen in Städten quer durch die USA kommen wird. Oakland ist einer der Hotspots, der im Zentrum stehen wird. Die Hafenstadt gleich gegenüber von San Francisco hat eine große „Afro-American Community“. Schon nach den tödlichen Schüssen auf Oscar Grant und der geringen Haftstrafe für den BART Polizisten Johannes Mehserle kam es hier zu gewalttätigen und tagelangen Protesten. Der Fall Grant wurde in dem vielbeachteten Spielfilm „Fruitvale Station“ aufgerollt.

Oakland ist im Herzen der liberalen Bay Area, ein Zentrum des politischen Aktionismus. Hier wurde die Black Panther Party gegründet, hier entstand die „Free Speech Movement“, hier gibt es unzählige von politischen Grassroots Bewegungen. In Oakland gab es eines der größten „Occupy“ Camps, mitten in der Stadt, direkt vor dem Rathaus. Und Tausende Occupy-Demonstranten legten tagelang den Hafen von Oakland lahm. Das ganze Ausmaß lag auch daran, dass seit Jahren die Polizeireihen in Oakland ausgedünnt wurden. Fast 40 Prozent weniger Beamte waren für eine Stadt dieser Größe im Einsatz. Reagiert wurde meist nur noch auf Schießereien, bei Einbrüchen kam zumeist überhaupt kein Streifenwagen mehr vorbei.

Aus den vergangenen Protesten hat man gelernt, so heißt es. Die Polizei ist vorbereitet, hat sich mit umliegenden Dienststellen in anderen Städten, dem Sheriff (Bezirk) und der Highway Patrol (Staat Kalifornien) auf eine gemeinsame Vorgehensweise geeinigt. Der öffentliche Nahverkehr wird bei Ausschreitungen sofort gestoppt, um keine weiteren, zum Teil gewaltbereiten Demonstranten nach Oakland zu lassen, Ein- und Ausfahrten der Freeways in Downtown werden blockiert werden. Alles Signale stehen auf Sturm. Gespannt wartet man auf die Nachricht auf Ferguson.

Freier und Zuhälter an den Pranger

Mit großem Interesse habe ich kürzlich in der Nürnberger Zeitung vom Besuch der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig bei der Prostituiertenselbsthilfeeinrichtung Kassandra gelesen. Eine Ministerin vor Ort, die das Gespräch sucht. In den USA, und sogar in der liberalen San Francisco Bay Area, wäre so etwas ganz undenkbar. Hier geht man andere Wege, die klar machen, Prostitution ist nicht erwünscht.

Verhaftete Freier in Richmond, Kalifornien.

Verhaftete Freier in Richmond, Kalifornien.

Im Juni schon stellte die Polizeibehörde in Oakland eine Webseite online, auf der fortan verhaftete Freier und Zuhälter öffentlich mit Bild und Daten präsentiert werden. Richmond, nur ein paar Meilen nördlich von Oakland, zieht nun nach. In einer Polizeiaktion vor ein paar Tagen wurden 11 Männern die Handschellen angelegt, als sie in einer Undercover Operation Sex von als Prostituierte „verkleidete“ Polizeibeamtinnen verlangten. Nach dem Klicken der Fesseln wurden Fotos gemacht, die umgehend auf der facebook Seite der Richmond PD veröffentlicht wurden.

Das ist die neue Strategie der örtlichen Behörden in Abstimmung mit den Polizeieinheiten. Man will abschrecken, die illegale Prostitution unter Kontrolle bringen. Einige Straßenzüge in Oakland sind mittlerweile weit über die Stadtgrenzen hinaus als „besondere“ Meile bekannt. Zuhälter karren zum Teil minderjährige Prostituierte von Las Vegas und aus dem mexikanischen Tijuana hierher, um sie anschaffen zu lassen. Die Freier kommen aus der gesamten Bay Area, einem Einzugsbereich von nahezu sechs Millionen Menschen. Hilfen für die betroffenen Frauen gibt es kaum, von einer Organisierung, wie es in Nürnberg Kassandra macht, kann hier keine Rede sein. Also, wird mit drastischen Mitteln drauf gehauen, um dieses „gesellschaftliche Übel“ zu beenden. Wenn man schon nicht den Menschenhandel stoppen kann, dann soll der Online Pranger dabei helfen, die Freier fern zu halten.

Doch die öffentliche Zurschaustellung von Männern, die für Sex zahlen wollen, kommt nicht überall gut an. In vielen Foren wird über diese drastische Maßnahme heftigst diskutiert. Ein Argument wird dabei immer wieder angeführt, es sei verfassungswidrig jemanden zu bestrafen, bevor er verurteilt wurde. Denn klar ist, zumindest die Undercover Aktionen der Polizistinnen haben nicht zu Sexaktivitäten geführt. Ein Verhafteter in Richmond meinte, er habe nur mit den Frauen gesprochen, dabei ging es zwar auch um Sex, doch nichts sei passiert. Bei der Verhaftung war der Hosenstall des Mannes geschlossen. Sein Bild erschien dennoch auf der facebook Seite der Richmond PD. Nun sind die Gerichte gefragt, ob diese Art der mittelalterlichen Abschreckung überhaupt rechtens sind. Ganz zu schweigen davon, dass diese Aktionen den betroffenen Frauen rein gar nicht helfen, sie eher noch weiter an den Rand der Gesellschaft bringen.

9/11 Schwindel der Sonderklasse

Sie wurden „New York’s Finest“ und „New York’s Bravest“ genannt. Sie rannten in die brennenden Türme, als Amerika von einer Handvoll Terroristen angegriffen wurde. Doch so fein und so mutig waren einige von ihnen dann wohl doch nicht. Am Dienstag wurden Dutzende von ehemaligen Polizisten und Feuerwehrleuten, deren Anwälte und Ärzte aus New York verhaftet. Man wirft ihnen massiven Versicherungsbetrug vor, der den Steuerzahlern Hunderte von Millionen Dollar gekostet haben soll.

Am Terrortag, dem 11. September 2001, starben 343 Feuerwehrleute und 23 Polizisten in den Trümmern des World Trade Centers. Unzählige der Einsatzkräfte ließen sich danach pensionieren. Stress, Alpträume, gesundheitliche Probleme wurden angeführt. Für den Großteil der Betroffenen traf das sicherlich auch zu. Doch einige der Frührentner erschwindelten sich anscheinend lukrative Abfindungen, Entschädigungen, Pensionen. Sie arbeiteten einfach danach an anderer Stelle weiter, obwohl das unter den Rahmenbedingungen nicht erlaubt war. Auch behielten etliche der Polizisten ihre Knarren, ebenfalls ein Verstoß gegen Richtlinien. Zwei Jahre lang untersuchte unter höchster Geheimhaltung eine Spezialabteilung der New Yorker Staatsanwaltschaft mit Unterstützung des „Internal Affairs Bureau“ der New Yorker Polizei etliche Fälle von Frühpensionisten nach den Terroranschlägen von 9/11. Am Dienstag schlugen sie dann zu, verhafteten Dutzende von ehemaligen Beamten. Ein Skandal der besonderen Schwere, denn hier werden die amerikanischen „Helden“ des 11. Septembers direkt angeklagt.

10 Sekunden bis zum Tod

Zwischen dem Zeitpunkt, an dem Polizisten des Sheriff Departments in Santa Rosa den 13jährigen Andy Lopez Cruz mit einer Waffe in der Hand sahen und den tödlichen Schüssen vergingen gerade mal 10 Sekunden. 16 weitere Sekunden bis die Beamten über Funk nach einer Ambulanz riefen. Das sind die ersten Ergebnisse einer Untersuchung. Sieben Kugeln trafen den Jungen, zwei davon waren tödlich.

Die Beamten gaben in einer ersten Vernehmung an, sie hätten den Verdächtigen mit einem Sturmgewehr gesichtet, ihn mehrfach aufgefordert die Waffe fallen zu lassen. Dann hätte sich die Person umgedreht und die Polizisten sahen sich bedroht und feuerten. Das alles in zehn Sekunden. Auch gaben sie an, nicht erkannt zu haben, dass der Verdächtige ein 13jähriger Junge und kein Mann war. Andy Lopez Cruz trug zur Tatzeit einen Kapuzenpulli. Wieder mal macht ein Kapuzenpulli Schlagzeilen in den USA. Man sollte die Dinger nicht mehr tragen, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man sich dann eine tödliche Kugel einfängt.

Erst als der Junge mit dem Spielzeuggewehr durchlöchert war, stellten die Polizisten fest, dass es sich bei der „Waffe“ um eine Spielzeugknarre handelte. Andy Lopez Cruz war auf dem Weg zu einem Freund.

In Santa Rosa und dem Sonoma County ist man schockiert. Schon im Jahr 2000 forderte die „U.S. Civil Rights Commission“ Sonoma County auf, zivile Untersuchungsausschüsse einzurichten, die Polizeigewalt untersuchten. Die Kommission reagierte nach acht (!) Fällen mit tödlichem Schußwaffengebrauch durch Polizisten in weniger als drei Jahren. Doch nichts geschah.

Amerika ist ein kaputtes System

Wenn man hier drüben lebt und arbeitet, Steuern zahlt und Teil ist dieser Gesellschaft, dann fragt man sich – zumindest als ein „Zugereister“ – wie man hier noch immer vom „American Dream“ reden kann. Denn bei diesem Traum geht es ja nicht nur um den persönlichen Aufstieg im amerikanischen Arbeitsalltag. Der „American Dream“ steht auch für die Vormachtstellung der USA, für ein Land, das die hehren Ziele der Demokratie, der Sicherheit, der Gleichberechtigung, der Chancengleichheit vertritt.

Doch davon sind Amerika und die Amerikaner weit abgerückt. Das amerikanische System ist gescheitert und ich frage mich, ob man es überhaupt noch reparieren kann. Auf der anderen Seite des Landes fetzt man sich in Washington DC. Man sagt, das ist streitbare Demokratie. Doch was es wirklich ist, es ist eine Auflösung genau dieser Demokratie. Zwei Parteien reiben sich auf, es geht um parteipolitische Strategien, Ziele, Vorstellungen, um das Ausbremsen des unliebsamen politischen Gegners. Dabei vergessen wird das Wohl des Landes. Es bräuchte Reformen, die dringend kommen müßten, doch nicht durchgesetzt werden. Und das seit Jahren. Amerika blockiert sich selbst durch ein System, das von Grund auf korrigiert werden müßte. Das Vertrauen der Bürger in die Politik ist verloren gegangen.

Gerade lese ich über die Oakmore Nachbarschaft in Oakland. Dort lebt eigentlich auch die Bürgermeisterin der Stadt, Jean Quan. Doch ihre Nachbarn sind alles andere als zufrieden mit der Politikerin, die schon lange die klare Sicht auf die Dinge verloren hat. Quan ist gescheitert. Wenn sie ehrlich zu sich wäre, dann müßte sie zurücktreten, denn die Stadt ist seit ihrer Wahl 2010 in die totale Schieflage geraten. Quan lächelt, sie ist sicherlich eine intelligente Frau, doch unfähig ein Stadt wie Oakland zu führen. Die Mord- und Kriminalitätsrate steigt unaufhörlich, Unternehmen wandern ab, die Polizeireihen haben rund 250 Lücken. Die Stadt wirkt immer mehr, wie unregierbar. Und daran ist auch die Bürgermeisterin mit schuld.

Nun haben sich ihre Nachbarn zusammen getan und privat einen Sicherheitsservice für einige Straßen angeheuert. Zuvor hatten sie ein Nachbarschaftstreffen mit der Polizeiführung. Dabei wurden ihnen klar gemacht, dass sie eigentlich auf sich alleine gestellt sind. Die Polizei werde bei Einbrüchen oder kriminellen Handlungen in der Gegend nicht mehr erscheinen. Falls etwas passiere, sollte man online über eine Webseite den Vorfall melden. Das wars.

Oakland ist weit weg von Nürnberg, was hier lokal passiert, ist wahrscheinlich von geringem Interesse für einen Leser oder eine Leserin in Franken. Und doch, der Fall drückt aus, was sich zur Zeit hier in den USA abspielt. Das Vertrauen in den Staat und die Autoritäten ist gesunken. Amerika schafft sich in diesen Tagen immer mehr ab.

Drohnen fürs Haushaltsloch

Oakland gleicht einer Kriegszone. In diesem Jahr wurden bereits 102 Menschen umgebracht. Die Bürgermeisterin Jean Quan bekommt das Problem nicht unter Kontrolle und schwafelt von einem 100 Block Plan, den keiner versteht und der auch nicht offengelegt wird. Die politische Führung in der Stadt ist unfähig oder unwillig, hinzu kommt, dass nach Budgetkürzungen und Haushaltsumschichtungen nur noch ein Skelett der lokalen Polizeibehörde übrig geblieben ist. Nur noch etwas über 600 Mitarbeiter sind auf der Gehaltsliste zu finden, fast doppelt so viele wären vonnöten in einer Großstadt wie Oakland mit solch einer Kriminalitätsrate. Und diese Zahl von 600+ sind nicht alleine Streifenpolizisten, damit ist jeder aufgeführt, der fuer die OPD arbeitet, also von der Sekretärin bis zum Pförtner. Kein Wunder also, dass bei „einfachen“ Einbrüchen keine Polizei mehr kommt. Man wird mittlerweile aufgefordert, online eine Anzeige zu stellen, aufzulisten, was gestohlen wurde, damit man dann ganz einfach einen Beleg für die eigene Versicherung ausdrucken kann.

Die Mordrate steigt weiter, im Rathaus sitzt eine unfähige Bürgermeisterin, die keinerlei Basis mit dem Stadtrat findet, um die eigentlichen Probleme in Oakland anzugehen. Die Situation wird schlimmer, das Haushaltsloch größer, das Budget für die Polizei und andere städtische Einrichtungen kleiner. Nun setzt der Sheriff von Alamada County, dem Bezirk, in dem auch Oakland liegt, auf eine ganz neue Strategie. Anstelle von teuren Hubschraubereinsätzen über der Stadt und der Region sollen kriegserprobte Drohnen zum Einsatz kommen Die Anschaffungskosten liegen zwar bei 50.000 – 100.000 Dollar, doch langfristig könnten damit die Kosten für die Überwachung von oben gedrosselt werden. Sheriff Greg Ahern hat sich eine gerade mal zwei Kilogramm schwere und etwas über einen Meter breite Drohne ausgesucht, die fortan die Dinge aus der Luft betrachten soll. Die Hersteller der Drohnen bieten sogar an, diese auf besonderen Wunsch der Polizeibehörden zu bewaffnen. Möglich wäre durchaus, dass Gummigeschosse von oben abgefeuert werden könnten.

Feuerwehren und Umweltschutzorganisationen im Land nutzen bereits Drohnen für ihre Arbeit. Polizeidienststellen dagegen noch kaum, doch das soll sich nun ändern. Klar ist jedoch auch, so einfach wird es mit einer Einführung der Drohnen über amerikanischen Großstädten nicht werden, denn schon jetzt klagen Bürgerrechtsanwälte gegen solch eine Nutzung und möglicher Verletzung der Privatsphäre von Bürgern. Sie glauben nämlich nicht, dass die Drohnen nur gegen hartgesottene Kriminelle eingesetzt werden sollen.

Gangland Los Angeles (1)

Polizeifahrt in South Central LA     

Los Angeles ist mit 40.000 Gang Mitgliedern „Gang Capital of the world“. Zumindest darauf bildet sich in LA niemand etwas ein, aber Tatsache ist, man hat sich damit abgefunden. Lange Zeit dachte man, man könnte hart durchgreifen, Polizeipräsenz zeigen und die bösen Buben von der Straße weg verhaften und hinter Gitter stecken. Doch das klappte nicht so richtig. Die Gewalt- und Kriminalitätsrate blieben unverändert hoch.

Nun versucht man ganz neue Wege zu gehen, mit Intervention und Prävention…und vor allem dem Eingeständnis, dass man dem Gangproblem nicht Herr werden kann. Gangs gehören zu Los Angeles wie das Hollywood Zeichen hoch droben am Berg. Es geht jetzt vielmehr darum, die Dinge in einem überschaubaren und kontrollierbaren Rahmen zu halten.

Hier der erste Audiobeitrag in einer Serie über die Gangs in Los Angeles.

South Central LA – 20 Jahre danach

An diesem Sonntag jähren sich zum 20. mal die „Riots“, die Ausschreitungen in South Central Los Angeles. Am 29. April 1992 brannte der Stadtteil. Nachdem vier weiße Polizisten von einer Jury frei gesprochen wurden, die für das brutale Vorgehen gegen den Afro-Amerikaner Rodney King vor Gericht standen, wurde geplündert, gebrandschatzt, South Central ging in Flammen auf. Die schockierenden Bilder, wie ein Mob aus schwarzen Jugendlichen einen weißen LKW Fahrer aus seinem Laster zieht und ihn zusammenschlägt, wie Läden in der eigenen Nachbarschaft geplündert  und anschließend angesteckt wurden gingen damals um die Welt.

Am Freitagabend war South Central Los Angeles ruhig. Fast. Im 77. Revier der Stadt, in dem die Ausschreitungen vor 20 Jahren begannen, gehört Gewalt und Kriminalität einfach dazu. Ich bin mit Sergeant Rodriguez unterwegs, der mir vorab die Gangaktivitäten im Bezirk beschreibt. Hier die „40 Riders“, dort die „60 Riders“, die „Crips“, die „Bloods“, die „Hoovers“. Der ganze Stadtteil ist aufgeteilt, so, dass Schulkinder am Morgen Angst haben in die Schule zu gehen, denn sie müssen durch fremdes Ganggebiet, ein, zwei Blocks weiter.

Und doch meint Sergeant Rodriguez vieles hat sich verändert seit 1992. Damals ging die Polizei hart vor. Die Mordrate lag alleine in diesem Revierbezirk bei nahezu 200. In der ganzen Stadt bei fast 2000. Heute ist die Mordrate in gesamt LA auf unter 300 gesunken. Auch die Polizeitaktik habe sich verändert, meint der Beamte. Früher machte man sein Ding, heute versucht man viel mehr mit der „Community“ zu arbeiten. Respekt und Vertrauen stehe im Vordergrund. Ehemalige Gang Mitglieder werden nach Schießereien für Interventionen gerufen. Die Polizeiarbeit läuft hier anders und erfolgreicher als noch vor wenigen Jahren. Die Statistiken belegen das.

Sgt. Rodriguez fährt durch die Straßen, erklärt, wer hier und dort das sagen hat. Dann ein Notruf, ein bewaffneter Raubüberfall. Noch im Tageslicht wurde direkt vor einem Cornerstore ein Mann überfallen. Zwei junge Schwarze zogen eine Knarre, hielten sie ihm an den Kopf und verlangten Geld. Einfach so, schnell und einfach, es ist Freitagabend in South Central LA. Das ist nach wie vor Normalität in der Gegend, auch wenn sich vieles zum Positiven hin verändert hat.

Zwei Hubschrauber kreisen ständig über dem Bezirk, sind sofort über dem Einsatzort, wenn die Polizei im Einsatz ist. An diesem Abend kommen noch mehrere Polizeirufe über Funk. Mit Sirene und durchgetretenem Gaspedal rasen wir durch den Stadtteil. Jugendliche Gangmitglieder werden kontrolliert. Es liege was in der Luft, heißt es. Doch es bleibt ruhig in den nächsten Stunden. South Central LA bleibt ein Problemviertel. Die Polizei tut, was sie kann. Die Lösungen für die sozialen Probleme im Stadtteil müssen allerdings woanders gefunden werden.