Es tut sich was in Amerika

In Oakland wird weiter protestiert. Foto: Reuters.

Tausende marschieren in den USA. Tag für Tag. Die Gewerkschaft der „International Longshore and Warehouse“ Arbeiter machte alle Häfen an der Westküste dicht. Unternehmen solidarisieren sich, überdenken ihre eigene Firmengeschichte, ändern Namen von Produkten. Denkmäler von Generälen der Südstaaten, von ehemaligen Sklavenhaltern, von Christoph Columbus und anderen werden gestürzt. An Brücken, Straßenecken, auf vorbeifahrenden Autos, in Küchenfenstern, überall kann man „Black Lives Matter“ lesen. Amerika erlebt eine breite Front, die ein Umdenken und eine tiefe Reform des gesellschaftlichen Lebens fordert.

Während Donald Trump nach Tulsa, Oklahoma, reist, um dort erneut eine Massenveranstaltung abzuhalten, sichtlich sein Bad in der ihm mehr als wohlwollenden Menge genießen wird, sind die USA im Umbruch. Egal wen man in diesen Tagen spricht, keiner hat bislang solch eine breite Koalition gegen den tief verwurzelten Rassismus in den USA gesehen und erlebt.

Als ich vor ein paar Jahren an einem Feature über das „Redlining“ in den USA arbeitete, wußte kaum jemand, mit dem ich sprach, damit etwas anzufangen. „Redlining“, was ist das? Doch dieses „Redlining“ hat Amerika im 20. Jahrhundert geprägt, die weißen Vorstädte, wie die innerstädtischen afro-amerikanischen Problem- und Elendsviertel. „Redlining“ war eine imaginäre Stacheldraht­ziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden. Die Regierung in Washington hatte 1934 durch den sogenannten National Housing Act Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die „besten“ Gebiete: rein weisse Nachbarschaften, erstrebens­wert für die Mittel­klasse. Schon eine einzige nicht weisse Familie in der Gegend drückte den Grad auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf „immer noch begehrens­wert“. C-Nachbarschaften, in gelber Farbe, wurden als „eindeutig im Niedergang“ bezeichnet. D, in Rot, als „gefährlich“.
Praktisch jede amerikanische Stadt hatte solche eine Klassifizierung. Ganz offiziell festgehalten wurde sie auf Karten, die von der Home Owners’ Loan Corporation erstellt wurden, einer im New Deal geschaffenen staatlichen Agentur zur finanziellen Unterstützung von Hauseigentümern.

Die Zoneneinteilung hatte drastische Folgen, die bis heute nachhallen. Nicht nur, dass eine A-Strasse „weiss“ sein sollte, also ausschliesslich von Weissen bewohnt – die Stadt­teile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt. Afro­amerikaner erhielten für den Häuser­kauf in A- oder B-Gegenden keine staatlich geförderten Hypotheken und konnten für Häuser keine Versicherungen abschliessen. Sie wurden somit in C- oder D-Stadt­teile gedrängt: Gebiete, mit gelber oder roter Linie umrahmt, in denen weniger städtebauliche Investitionen getätigt wurden und wo sich kaum Geschäfte ansiedelten.

Bis in die 1970er-Jahre blieb diese Form der geografischen Diskriminierung gängige Praxis. „Redlining“ beförderte über Jahr­zehnte die Ghettoisierung in den amerikanischen Gross­städten und traf vor allem die Afro­amerikanerinnen. Viele Weisse zogen nach dem Zweiten Weltkrieg und mithilfe der GI Bill, einer Förder­massnahme für rück­kehrende Soldaten, weg von den Zentren in die Vorstädte. Kein Wunder, dass die GI Bill auch nur für weisse Armeeangehörige galt. Damit wurde die Rassen­trennung noch einmal zementiert.

„Redlining“ ist heute kein Begriff mehr, mit dem kaum jemand was anfangen kann. Ganz offen wird deshalb auch in den afro-amerikanischen Communities im ganzen Land ein «New Black Deal» eingefordert. Auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apartheid-Regimes in Süd Afrika eingerichtet wurde, wird verlangt, um die tiefen Spuren, Narben und Wunden in der amerikanischen Gesellschaft aufzuarbeiten. Nach dem Erkennen des strukturellen Rassismus müssen dann tiefe Veränderungen kommen. Und das alles kommt in einem Wahljahr, in dem der Präsident noch immer davon redet „Make America Great Again“. Auf Amerika warten noch schwierige und schmerzvolle Wochen.

Mal wieder raus

Es ist in diesen Wochen nicht leicht, direkte Interviews zu führen. „Social Distancing“, Abstand halten, gilt auch für Journalisten. Eigentlich alle Gesprächspartner wollen lieber per Telefon, über What’s App Audio oder Skype reden. Das ist für mich eine große Umstellung, denn gerade das vor Ort sein, zu sehen, was passiert, das Umfeld des Interviewten kennenzulernen, an Orte zu kommen, die man sonst nie sehen würde, mit Menschen zu sprechen, die man sonst nie sprechen würde, das macht für mich meine Arbeit aus.

Doch diese Woche wurde ich seit langem mal wieder eingeladen, in eine Nachbarschaftsklinik nach East-Oakland zu kommen. Der „Roots Community Health Center“ ist eine private Initiative, die in einem der von Covid-19 stark betroffenen „black and brown“ Stadtvierteln zu finden ist. Das ganz bewußt, denn hier sind die Gesundheitsprobleme massiv, Corona hat hier besonders zugeschlagen. Die Ärztin Noha Aboelata hat 2008 diese Klinik gegründet, sie traf ich auf dem gesperrten Parkplatz, der in diesen Tagen für eine „Walk-In“ Corona Teststelle genutzt wird. Viele in diesem Stadtteil haben kein Auto, für sie kamen die von der Stadt Oakland eingerichteten „Drive-In test sites“ nicht in Frage.

Deshalb hat der Roots Center darauf gedrängt, am Internatinal Boulevard, im Herzen von East-Oakland, eine Teststelle aufzumachen, zu der man zu Fuß kommen kann. Etliche Zelte sind dort aufgereiht, die Mitarbeiter in Schutzkleidung, mit Maske und Brille checken die Testwilligen ein, erklären alles und helfen weiter. Dr. Noha Aboelata trägt zwei Nasenmundmasken, eine medizinische, eine aus Stoff darüber. Dazu eine Schutzbrille. Sie führt mich in den Innenhof des einstöckigen Gebäudes, wir gehen eine Treppe hoch, setzen uns mit Abstand auf eine Bank, es ist heiß an diesem Tag, ich beginne schnell unter meiner Maske zu schwitzen.

Dr. Noha Aboelata, die Gründerin der „Roots Clinic“ in Oakland.

Aboelata berichtet von den Herausforderungen, hier in einem jener Problemviertel der Stadt, das das Ergebnis des „Red Lining“ war, der systematischen Ausgrenzung von Schwarzen aus den Weißenvierteln. Diese Politik der Segregation wurde zwischen den 1920er und 1970er Jahren überall in den USA durchgeführt. Die Folgen sind noch heute zu spüren. Mangelnde Infrastruktur, eine schlechte Gesundheitsversorgung, fehlende Bildungseinrichtungen, eine Unterversorgung an gesunden Lebensmitteln. Das alles führte zu massiven Gesundheitsproblemen. Auch darüber wird derzeit in den USA gesprochen, wenn es um den systematischen und strukturellen Rassismus geht. Die Proteste im ganzen Land drehen sich auch darum. In Zahlen ausgedrückt, in dieser Covid-19 Krise, heißt das, Dr. Noha Aboelata hat in ihrer Klinik 1400 Tests durchgeführt, mehr als 12 Prozent waren positiv. Nur ein paar Kilometer weiter in den Oakland Hills, einer wohlhabenderen Gegend, liegt die Zahl der positiven Tests deutlich unter fünf Prozent.

Der Rassismus in den USA äußert sich nicht nur in der Polizeigewalt, er ist vielmehr tagtägliche Realität für Afro-Amerikaner und Latinos. Die Gesetze sprechen zwar davon, dass jeder in „Vereinigten Staaten von Amerika“ gleich ist, doch der Alltag sieht anders aus, wie man das auch hier in East-Oakland sehen kann. Was gefordert wird, ist nicht nur eine gewaltige Investition in diesen Stadtteilen, um die offensichtlichen, geschichtlichen Ungleichheiten auszumerzen. Was eingefordert wird ist auch eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ nach dem Vorbild in Südafrika. Nur so, glauben viele afro-amerikanische „Community Leaders“ kann die amerikanische Nation zu einer Einheit und zu einem inneren Frieden kommen.

Die Bilder sprechen für sich

Donald Trump gegen Joe Biden, die Unterschiede könnten nicht größer sein. Das zeigte sich auch am Montag. Joe Biden ging in eine Kirche, setzte sich hin und hörte einfach mal zu, was die afro-amerikanische Gemeinde ihm zu sagen hat. Biden machte sich Notizen. Er wurde für seine frühere Unterstützung von Gesetzen kritisiert, die vor allem zu höheren Gefängnisstrafen von Schwarzen in den USA führten. Doch der Vize unter Obama war offen für das, was er da hörte. Am Ende dann ein Gemeinschaftsfoto. Alle standen, nur Joe Biden „took a knee“, eine mehr als symbolische Geste in diesen Zeiten:

Foto: Reuters.

Anders dagegen Donald Trump. Die Bürgermeisterin von Washington DC hatte eine Ausgangssperre für 19 Uhr verkündet. Doch Trump trat um halb sieben vor die Presse und erklärte, dass er nun das Militär mobilisiere, um wieder Ruhe ins Land zu bringen. Während er das verkündete, zündeten Polizeieinheiten auf sein Geheiß hin, Gas- und Rauchbomben gegen Demonstranten im Lafayette Park, gleich gegenüber vom Weißen Haus gelegen. Der Park wurde von Demonstranten mit Nachdruck und ohne Vernuft geräumt.

Trump ließ keine Fragen zu, erklärte vielmehr, dass er nun zu einem wichtigen Ort gehe. Damit machte er sich auf den Weg durch den Vorgarten des Weißen Hauses, beschützt von Secret Service Agenten, schwerbewaffneten Scharfschützen und weiteren Polizeieinheiten. Er ging hinüber zur St John’s Church, die in der Nacht zuvor beschädigt worden war. Die Kirchenleitung wußte nichts von dem Plan, sie waren zuvor selbst im Lafayette Park und wurden von der Polizei des Platzes verwiesen. Donald Trump ging nicht in die Kirche, schaute sich den Schaden nicht an, redete mit niemanden von der Gemeinde, er stellte sich nur davor, hielt eine Bibel hoch und ließ sich vom offiziellen Fotografen und Videografen in Szene setzen. Auf die Frage einer Journalistin, ob es seine Bibel sei, die er da hochhalte, antwortete Trump, es sei eine Bibel.

Foto: Reuters.

Der Aufschrei und das Entsetzen war danach groß. Die Kirchenleitung der Episcopal Church, der zuständige Bischof und auch andere Glaubensgemeinschaften erklärten, Trump habe die Kirche nur zur Selbstdarstellung genutzt, ihm ging es nicht darum, die Situation in den USA unter Kontrolle zu bekommen. Reverend Robert Fisher meinte, St. John’s sei ein Ort der Würde, ein Ort, an dem man atmen könne. Als Foto Hintergrund benutzt zu werden, nehme der Gemeinde das, für was sie in diesen Tagen steht. Doch solche Worte sind Trump egal, denn er hatte das erreicht, was er erreichen wollte. Seine evangelikale Basis sah den Spaziergang und das Hochhalten der Bibel als das, was Trump wollte. Ein Zeichen der Stärke, er als der von Gott Gesandte, der sich durchsetzt, der aufräumt, der für Recht und Gesetz steht. Das zeigt aber auch, dass Donald Trump nicht begriffen hat, um was es derzeit geht. Der Graben in der amerikanischen Gesellschaft wird nur noch tiefer.

Missing in Action, Mister President

Donald Trump hatte sich das Wochenende sicher anders vorgestellt. Mit Vize-Präsident Mike Pence flog er nach Cape Canaveral, Florida, um dort direkt den Start der NASA/SpaceX Weltraummission zu beobachten. Ein historischer Tag für Amerika sollte es werden, schöne Bilder mit Trump und der Rakete und dann wurde daraus so gut wie gar nichts. Denn die 24/7 Nachrichtenkanäle berichteten nur darüber, dass Amerika brennt. Im Lauftext am unteren Ende des Bildschirms wurde auf den geglückten Start verwiesen.

Und diesmal war es nicht nur in den Metropolen New York City, Los Angeles, Seattle und San Francisco, diesmal brannte es und brennt noch immer im ganzen Land. Nach dem Tod von George Floyd in Polizeigewahrsam in Minneapolis eskalierte überall die Lage. Und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist „Missing in Action“. Ein paar Tweets, ein paar Worte, aber damit gießt er nur noch mehr Öl auf den Flächenbrand.

Vier Tweets am Sonntag innerhalb einer Stunde machen das ganz deutlich. Trump hat keine Ahnung, keinen Plan, versteht nicht, was in den USA passiert. Er gratuliert der Nationalgarde für ihr hartes Durchgreifen in Minneapolis, er beschuldigt Demokraten die Lage eskalieren zu lassen, die Medien der falschen Berichterstattung und will fortan die Antifa als terroristische Organisation brandmarken. Damit zeigt er, dass er das grundlegende Problem in den USA nicht nachvollziehen kann.

Was derzeit in Amerika passiert, ist schon lange am Köcheln. George Floyd ist der nicht der erste Schwarze, der unbewaffnet und ohne eine Gefahr darzustellen durch Polizeigewalt stirbt. Die Liste der Namen ist lang. Statistisch betrachtet sterben in den USA zweimal mehr Afro-Amerikaner durch Polizeigewalt als Weiße. Das alleine zeigt schon das Problem auf. Donald Trump spricht von den „Bad Apples“, den Einzelfällen in den Polizeireihen, doch da ist mehr, was getan, verändert, verbessert werden müsste. Die Polizeigewalt gegen Schwarze dürfte eigentlich nur der Anfang für eine grundlegende Aufarbeitung des tief verwurzelten Rassismus in den USA sein.

Doch dazu braucht es Leute, die ihre Hand zum Dialog ausstrecken, die Führungsstärke beweisen, die einfach verstehen was in Amerika passiert. Ein gutes Beispiel ist der Polizeichef im kalifornischen Santa Cruz. Auch dort wurde protestiert, auch dort war die Polizei vor Ort, beobachtete, begleitete. Und dann kam diese Aktion, die der Footballspieler Colin Kaepernick ins Leben rief – „take a knee“, niederknien und an die Polizeigewalt im Land zu erinnern. Mit den Protestierenden kniete auch der Polizeichef nieder, er trug eine Maske in Zeiten der Pandemie, auch das ein Zeichen von Führungsstärke. Mit diesem Kniefall zeigte er, dass er das, was George Floyd in Minneapolis angetan wurde, aufs Schärfste verurteilt. Mit solchen symbolischen Gesten ist ein erster Schritt getan.

Amerika brennt…mal wieder

Eigentlich jeden Tag schaue ich mir um 18 Uhr die Newshour von PBS an. Eine Nachrichtensendung, die ausgewogen, informativ und fundiert ist, ohne Geschrei, Anfeindungen und großes „Ich-Gehabe“ auskommt. Jeden Freitag sind zwei Journalisten zu Gast, Mark Shields und David Brooks, die die Ereignisse der Woche analysieren. Und gestern meinte David Brooks „collectively we had one of the worst weeks in our lives“.

Und dann zählte er auf. Der rassistische Zwischenfall im Central Park von New York, Verschwörungstheorien verbreitet durch den Präsidenten, die Wirtschaft im „free fall“, der Mord an George Floyd in Minneapolis, die zahlreichen Proteste gegen Polizeigewalt, ach ja, und die Überschreitung der mehr als 100.000 amerikanischen Todesopfer in der Corona Krise. Dazu kommt noch die Eskalation auf der außenpolitischen Bühne mit China und der Rückzug der USA aus der WHO. Amerika steckt tief in der Krise und das mit einem Präsidenten im Weißen Haus, der keinerlei Führungsqualitäten hat und kein Mitgefühl zeigt.

Amerikanische Städte brannten in der Nacht zum Samstag. Foto: AFP.

In der Nacht zum Samstag dann Proteste im ganzen Land, die teilweise in sinnloser Gewalt ausarteten. In Los Angeles und San Jose wurden Freeways blockiert, in Washington mußte der Secret Service das Weiße Hau absichern, in Houston, Atlanta, Detroit, Minneapolis und etlichen anderen Städten kam es zu gewaltsamen Konfrontationen mit der Polizei und zu zahlreichen Verhaftungen. Und hier in Oakland marschierte im Schutz von Tausenden von Demonstranten ein schwarzer Block auf, bewaffnet mit Hammer und Stemmeisen, gezielt wurden Geschäfte in Downtown aufgebrochen, geplündert und verwüstet. Videos von Mitgliedern der „Black Lives Matter“ Bewegung zeigen vor allem junge Weiße, die gut organisiert auf Verwüstung aus waren.

Amerika brennt, die Probleme nehmen überhand und es ist Wahlkampf. Donald Trump ist mehr denn eine Fehlbesetzung in der Krisenzeit und auch der demokratische Herausforderer Joe Biden besticht nicht gerade damit, dass er sich als Präsident aufdrängt. Was für den 77jährigen spricht ist, dass Donald Trump einfach abgewählt werden muß. Biden ist sicherlich nicht der Wunschkandidat der meisten Amerikaner, aber er ist der Kandidat, auf den sich die Demokraten einigen können, der zumindest in solchen Krisen das gesamte Land im Blickwinkel behalten würde und nicht nur die eigene Wählerbasis.

Donald Trumps „great people“

“These are great people. Look. They call it cabin fever — they’ve got cabin fever. … Their life was taken away from them. These people love our country. They want to get back to work.” Präsident Donald Trump fügte in seiner Pressekonferhinzu, dass er die Berichterstattung im Fernsehen gesehen habe und nur amerikanische Flaggen erkennen konnte. Wie auch 2017 in Charlottesville, marschierten auch am Wochenende verschiedene Milizen in einigen Bundesstaaten auf, um diesmal gegen die Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen das Corona Virus zu protestieren. Viele der Teilnehmer trugen nicht nur eindeutige Schilder und Abzeichen, sondern auch „Make America Great Again“ Baselballmützen. Trump kann sich im Wahlkampf 2020 auf seine Basis verlassen.

Proteste gegen Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer. Foto: AFP.

 

Auch Donald Trump behauptete mal, dass Impfungen zu Autismus führen. Protestierende gegen die Corona Shutdowns. Foto: AFP.

 

„Great American Patriots“, so beschreibt Donald Trump die Protestierende. Foto: AFP.

 

Eine Insel mit zwei Bergen

Na ja, Berge gibt es hier nicht wirklich, am Rande von Oakland liegen jedoch die Oakland Hills, da lebe ich. Aber eine Insel ist das hier schon, eine politische Insel. Das wird ganz deutlich, wenn ich mir die Wahlergebnisse vom Dienstag ansehe.

In Oakland erhielt Hillary Clinton 78,3 Prozent der Stimmen. Donald Trump nur 14,8 Prozent. Bei der Wahl um die Nachfolge der kalifornischen US Senatorin Barbara Boxer traten zwei Demokratinnen an, Republikaner hatten es gar nicht bis auf den Wahlzettel geschafft. Hier setzte sich Kamala Harris, die u.a. von Barack Obama und Hillary Clinton unterstützt wurde, mit 76,3 Prozent durch.

Ausschreitungen in Oakland nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Foto: Reuters.

Ausschreitungen in Oakland nach dem Wahlsieg von Donald Trump. Foto: Reuters.

Noch deutlicher war das Rennen um den 13. Distrikt für das Abgeordnetenhaus in Washington. Amtsinhaberin Barbara Lee, die praktisch keinen Wahlkampf in Oakland führte, gewann mit 90,46 Prozent gegen die republikanische Herausforderin Sue Caro, die mit 9,54 Prozent nach Hause gehen kann.

Kein Republikaner hat am Golden Gate eine Chance. Entweder kandidieren sie erst gar nicht, oder sie erleben eine krachende Niederlage. Hier in der Bay Area weht ein anderes politisches Lüftchen. Umso fragwürdiger sind da die Proteste gegen „President elect“ Donald Trump, die hier seit Tagen in Oakland, San Francisco und Berkeley ablaufen. Lautstark und teils gewalttätig wird gegen den neuen Mann im Weißen Haus marschiert, geschimpft und getönt. Schaufensterscheiben werden eingeschmissen, Müllcontainer in Brand gesetzt, Straßen und Autobahnen blockiert, Polizisten mit Steinen und anderen Wurfgeschossen angegriffen. Was das soll, was das hier soll, verstehe ich nicht ganz? Ein Zeichen setzen, Donald Trump verdeutlichen, dass es nun an ihm liegt, Amerika zu einen, ist eine Sache. Er sollte durchaus wissen, dass viele in diesem Land, ja, die Mehrheit in den USA, ihn nicht gewählt hat, ihn nicht unterstützt. Trump hat mit dem Wahlsieg keine Narrenfreiheit erlangt. Doch in jenen Städten und Gemeinden, die sich deutlich gegen Präsident Trump aussprachen, aufgeladen und gewaltbereit zu demonstrieren ist unsinnig und schadet am Ende nur dem demokratischen Prozess.

Schwarz gegen Weiß

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

Es brennt auf der Telegraph Avenue in Oakland.

In amerikanischen Städten gehen die Proteste unvermindert weiter. In New York, Ferguson, Oakland, Berkeley, San Francisco wird gegen Polizeigewalt demonstriert. Und während der Großteil der Teilnehmer friedlich und lautstark auf die Straßen geht, vereinnahmt ein gewaltbereiter Haufen die Medienberichterstattung. Gewaltbereite, vor allem weiße Jugendliche und junge Männer legen es auf Provokation, auf eine Auseinandersetzung mit der Polizei an. Dabei schlagen sie Scheiben ein, beschmieren Gebäude, zünden Müllcontainer an und zerstörende parkende Autos. Und gerade das wird der Protestbewegung nun vorgeworfen.

Schwarze Bürgerrechtler, „Community Leaders“, Pfarrer und Aktivisten werfen den Steinewerfern und Sprayern vor, eine breite Bewegung in Beschlag zu nehmen, lediglich ihren Spaß bei den Konfrontationen mit der Polizei haben zu wollen, den Grundansatz der Bewegung für ihre Ziele zu mißbrauchen. In Oakland griffen Schwarze in den Nachbarschaften selbst ein, stellten sich schützend vor kleine Läden, um die Vandalen abzuhalten. Viele der afro-amerikanischen Teilnehmer an den Demonstrationen sehen sich mittlerweile auch als Friedensstifter auf den Protestzügen.

Auf den Veranstaltungen sprechen darüberhinaus vor allem weiße Redner, auch das stößt den „African-Americans“ auf. In Berkeley wurde ein weißer Stadtrat ausgebuht, als er gegen die Polizeigewalt sprach. “Let a black person talk”, schrie jemand, “We’ve heard enough from Caucasian men”, ein anderer. Sowieso besteht der Großteil der Protestierenden aus weißen Amerikanern. Schwarze und Farbige sind in der Minderheit. Bürgerrechtler erklären, dass dies daran liege, dass viele Schwarze Angst hätten mitzumarschieren. Sie würden sich bei einer gewaltbereiten Demonstration unnötig in Gefahr begeben. Es gehe gegen Polizeigewalt, die Lage eskaliert, die Polizei greift mit allen Mitteln ein, Afro-Amerikaner werden so erneut und unnötig zum Ziel auf einer Demonstration genau gegen diese Polizeigewalt. Ein sinnloser Kreislauf.

Es wird nicht langweilig

Diesmal Berkeley. Dort, wo vor 50 Jahren die „Free Speech Movement“ begann, versammelten sich Hunderte von Protestierenden, um erneut durch die kalifornische Kleinstadt zu ziehen. Samstagnacht war es bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei gekommen. Ladenfronten wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Polizeiwagen beschädigt. Schließlich feuerte die Polizei Tränengas ab, genau zu dem Zeitpunkt, als aus der Zellerbach Hall feingekleidete Konzertbesucher nach draussen kamen.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Polizeieinsatz während der Proteste in Berkeley.

Was spät in der Nacht zum Sonntag endete, wurde am Abend fortgesetzt. Mehrere Hundert Demonstranten versammelten sich an der Universität, um wieder durch Berkeley zu marschieren. Man wolle sich von der Polizeitaktik und der Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen, hieß es. Der große Teil der Protestierenden war gekommen, um friedlich gegen die jüngsten Entscheidungen von Grand Jurys zu demonstrieren. Zweimal waren unbewaffnete Schwarze durch den Einsatz weißer Polizisten umgekommen. In Ferguson wurde Michael Brown erschossen, in Staten Island, New York starb Eric Garner nachdem er in den Würgegriff genommen worden war.

Proteste entflammten im ganzen Land. Oakland, San Francisco und Berkeley wurden zu einem „Hotspot“. Friedliche Demonstrationen arteten in Provokation und Gewaltexzesse aus. Die Konfrontation mit der Polizei wurde von einem Teil der Teilnehmer gesucht, kleine lokale Läden beschmiert, beschädigt, geplündert. Die Reifen von parkenden Autos in Nachbarschaften wahllos aufgeschlitzt. Der Ansatz des zivilen Ungehorsams, eine Kommune lahmzulegen, wurde damit zunichte gemacht. Die Medien zeigten nur die Bilder der Gewalt, die brennenden Mülltonnen, die Reaktion der Polzei auf die Ausschreitungen. Vor laufenden Fernsehkameras wurden nur schreiende Protestierende gezeigt, gemäßigte und nachdenkliche Stimmen waren nicht zu erkennen.

Demonstrationen sind wichtig, sie zeigen, dass etwas in diesem Land nicht stimmt. Sie können die Diskussion unterstützen, die an anderer Stelle geführt werden muß. Doch der gewaltbereite und vermummte Block bei diesen Protesten schadet nur dieser Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz. Bei den Demonstrationen erklärten mir Teilnehmer, nur mit Gewalt sei in diesem Land etwas zu ändern, sprachen von Revolution und einer Massenbewegung. Wie bei „Occupy“ wird auch diese Protestwelle bald verebben. Und ändern wird sich am Ende auch nichts.

Nix „Fast“, aber sehr „Furious“

Auf diesem Foto der CHP sieht man einige der verhafteten Freizeitraser.

Auf diesem Foto der CHP sieht man einige der verhafteten Freizeitraser. Keiner von ihnen rechnete mit einer solchen Polizeipräsenz.

Da haben die Proteste in Oakland doch noch was gebracht, wenn auch etwas ganz anderes. Seit Jahren schon treiben ein paar Bekloppte in Oakland ihr Unwesen, darüber hatte ich hier schon mehrmals berichet. Illegale Autorennen und „Donuts“ drehen, das zum Teil sogar auf Autobahnen. Am Mittwoch war es mal wieder soweit. Rund 200 Hobbyrennfahrer in 150 Wagen trafen sich in der Nähe des Hafengeländes, um mit quietschenden Reifen den Asphalt zu „verschönern“. Keine Polizei weit und breit in Sicht, dachten sich wohl die Breitreifenfahrer, denn die Einsatzkräfte hatten ja alle Hände voll mit den Protestierenden zu tun.

Tja, da lag man etwas daneben, denn über Oakland kreisten gleich mehrere Hubschrauber und ein Flugzeug der Polizei. Und anscheinend gab der Polizeihelikopter  die Information weiter, dass da unten gerade ein buntes Treiben der Spoileranhänger stattfinde. Die Highway Patrol, die noch mehrere offene Rechnungen hatte, war an dem Abend mit Dutzenden Fahrzeugen in Oakland, um die Kollegen von der OPD während der Demonstrationen zu unterstützen.

Gleich scharenweise rasten die Highway Patrol Beamten zum Schauplatz der Freizeitraser und blockten von beiden Seiten kommend die Straße. Kein Ausweg mehr für die Teilnehmer, die alle in Gewahrsam genommen und befragt wurden. Zahlreiche Waffen wurden obendrein noch gefunden. Ihnen allen drohen nun Anklagen, die Auswertungen der Videoaufnahmen werden zeigen, ob Fahrzeuge beschlagnahmt werden. So ein Großaufgebot von Polizei kann also durchaus auch einen netten und positiven Nebeneffekt haben.