Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Somaliland ist nicht Somalia

Über Puntland sind die Wolken dünn gesät.

Sonntagnachmittag in Puntland. Von Hargeisa ging es über Boosaaso nach Garoowe, der Hauptstadt dieser autonomen Region direkt am Horn von Afrika. Irgendwie fühlt man sich hier noch Somalia zugehörig und strebt auch die Wiedervereinigung an. Ganz anders sieht es da in Somaliland aus. Am gestrigen Samstag hatte ich gleich mehrere Interviews, in denen mir von Regierungsvertretern, aber auch von der weltbekannten Kämpferin gegen die weibliche Genitalverstümmelung, Edna Adan, versichert wurde, dass es nie mehr zu einem Zusammenschluss von Somalia mit Somaliland kommen werde.

Edna Adan konnte ich schon einmal vor zwei Jahren für mein Feature über FGM interviewen:

FGM in Somaliland     

Die 81jährige kämpft unermüdlich weiter, holt im Gespräch aus, erzählt von ihrem Lebenswerk der „Edna Adan Klinik“ und der „Edna Adan University“, spricht von der internationalen Verantwortung und schwenkt dann auf die Unabhängigkeit Somalilands ein. Die einstige First Lady und Außenministerin der Republik Somalilands ist eine energische Befürworterin der Unabhängigkeit. Sie verweist auf die Geschichte und auf die aktuelle Situation. Was sich in Puntland und in South/Central Somalia abspiele habe nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun was Somaliland geschaffen habe, sagt sie. Vor allem Sicherheit, eine Vision, ein Leben ohne Angst und Krieg. Sie spricht vom „Genozid“ an der somiländischen Bevölkerung durch somalische Militärs vor dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991. Sogar auf dem Grund ihres Krankenhauses, das im Zentrum von Hargeisa liegt, sei ein Massengrab gefunden worden.

Im Gespräch mit Edna Adan in ihrem Büro in Hargeisa.

Die Geschichte ist komplex, die Lage zwischen Somaliland und Somalia nicht einfach. Das Auswärtige Amt in Berlin spricht von einer „Gefahr der Balkanisierung der Region am Horn von Afrika“. Doch davon will Edna Adan nichts hören. Nichts verbinde sie mit den Kriminellen in Puntland und Mogadischu. Die Welt müsse endlich erkennen, dass die Menschen in Somaliland ihre Zukunft in der eigenen Republik sehen.

Es ist beeindruckend und tief bewegend dieser Frau zuzuhören, wie sie über ihren Kampf gegen die Genitalverstümmelung berichtet, wie sie energisch für die internationale Anerkennung Somalilands plädiert. An ihren Bürowänden hängen unzählige von Fotos mit ihr und Staatspräsidenten und bekannten Gesichtern, die sie alle einmal traf. Demnächst reist sie nach London, um wieder eine Würdigung ihrer langen Arbeit entgegen zu nehmen. Doch Edna Adan ruht sich darauf nicht aus, sie hat weitere Pläne, das eine Gebäude muss erneuert werden, sagt sie. Und sie bräuchten Veterinäre für die Klinik, damit das Farmland vor der Stadt für die Studenten der Universität genutzt werden kann. Unermüdlich macht sie weiter. Kommen Sie mal wieder vorbei, meint sie noch am Schluss, dreht sich um und weist den Sicherheitsbeamten an, dass die Autos vor dem Eingang da nicht stehen dürfen.

Ich geh‘ in die Wüste

Für mich fängt der Tag immer so an. Ich stehe morgens auf, schalte die Kaffeemaschine und den Milchschäumer ein, gehe in der Zeit bis der Kaffee durch ist mit meinem Hund um den Block. Zurück, setze ich mich mit meinem Kaffee hin und lese die Nachrichten aus Deutschland und den USA und schaue eben auch auf die Twitter Seite von Donald Trump. Wie oft ich mir dabei schon gesagt habe, das war es nun für ihn oder mich gefragt habe, ob er das noch toppen kann…er kann und er bleibt.

Selbst im Zentrum von Hargeisa ist Trump ein Thema.

Als Korrespondent in den USA kommt man um Donald Trump nicht herum. Da ist sicherlich die politische Berichterstattung, da sind aber auch viele andere Themen, die nun einfach ganz anders, ganz neu betrachtet werden, ja, werden müssen. Eine Ausstellung über Mode Designer aus dem Iran und der muslimischen Welt. Ein Akkordeonfestival, auf dem die verschiedenen Kulturen zusammen kommen. Eine Plattenveröffentlichung über Musik aus dem „Travel Ban Country“ Somalia. In vielen meiner Interviews kommt man irgendwann unweigerlich auf Donald Trump, seine Adminstration, seine Politik und deren langfristigen Schaden zu sprechen. Amerika hat sich unter diesem Präsidenten verändert, spürbar ist das in allen Lebensbereichen geworden.

Nun geht es für mich in ein paar Tagen wieder ans Horn von Afrika, nach Somaliland und Puntland. Eine Region, die sehr stark von Trump und seiner Außenpolitik betroffen ist. Einreiseverbot und US Militärpräsenz, Kürzungen von Hilfsgeldern, eine stetige Verteufelung gewachsener afrikanischer und arabischer Kulturen und Einflüsse. Dieser Präsident bezeichnet afrikanische Länder abschätzig und arrogant als „Shithole Countries“, ohne jemals in jenen Ländern gewesen zu sein, ohne jemals mit den Menschen dort gesprochen zu haben, ohne jemals von ihrer Kultur bereichert worden zu sein.

Auch dort in Somaliland und Puntland wird es für mich unter anderem um Donald Trump gehen, die Auswirkungen seiner Präsidentschaft. So ganz kann ich ihm selbst in den abgelegenen Wüstenregionen am Horn von Afrika nicht entkommen. Auch, weil er selbst dort Thema ist. Das letzte Mal, als ich vor Ort war, bin ich in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands, spazieren gegangen, setzte mich in der Nähe des Bazars in eine Teestube am Rande einer belebten Straße, beobachtete die Menschen und fiel einfach auf, weil ich der einzige westliche Besucher weit und breit war. Irgendwann setzten sich ein paar Männer zu mir, fragten, woher ich komme und wir versuchten mit ihren wenigen Englischkenntnissen ein Gespräch zu führen. Es ging über Deutschland und die USA, über meine Eindrücke von Somaliland. Und ja, es ging auch um Donald Trump. Selbst hier beim dritten Glas somalischem Tee mit Kamelmilch war Trump ein Thema. Ich scheine dem Donald nicht entkommen zu können.

Das kulturelle Drehkreuz Somalia

Wer an Musik aus Afrika denkt, dem fallen Musiker aus dem Senegal, Nigeria oder Südafrika ein. Die Weltmusik hat ihre afrikanischen Stars. Eine Region Afrikas wird dabei gerne übersehen. Nicht nur, dass Teile Somalias seit über 25 Jahren im Chaos versinken, es gab auch noch nie eine funktionierende Plattenindustrie. Welch musikalischen Reichtum es jedoch am Horn von Afrika gibt, das zeigt nun ein neues Album “Sweet as broken dates”.

Hargeisa, die Hauptstadt der unabhängigen, doch international nicht anerkannten Republik Somaliland. In einer Seitenstrasse, etwas versteckt liegt das Kulturzentrum der Stadt. Der Leiter heisst Jama Mussa Jama, selbst Autor, der lange Jahre in Italien lebte. Nun versucht er mit dieser Einrichtung den Kulturschaffenden in Somaliland einen Platz zu bieten. Bei meinem Besuch in seinem Büro fiel mir gleich eine Wand voller Kassetten auf. Hunderte von Tapes. Aufgezeichnet sind Gedichte und Geschichten somalischer Autoren und Lieder von Musikern. In der somalischen Gesellschaft gab und gibt es kaum Bücher und auch keinen professionellen Musikmarkt, alles wurde mündlich weitergegeben oder bei Live-Konzerten mitgeschnitten.

Hier in diesem Büro lagert ein Schatz der somalischen Kultur, auf den auch der 31jährige Vik Sohonie, Betreiber des New Yorker Indie Labels Ostinato Records, auf Umwegen aufmerksam gemacht wurde. Er war, so Sohonie, für ein neues Album auf der Suche nach somalischer Musik: „Wir hatten sehr gute Kontakt zur somalischen Diaspora in den USA und Europa aufgebaut. Immer mal wieder bekamen wir ein paar Kassetten geschickt, darauf ein, zwei gute Lieder. Aber es war nichts besonderes darunter. Bis uns einer mal sagte, wir sollten mit Jama Mussa Jama sprechen, der ein Archiv von 10.000 Kassetten habe. Und wir wussten gleich, das ist eine Goldmine. Wir kontaktierten ihn also, erklärten, was wir vorhatten und er war sofort offen dafür.“

Im Kulturzentrum von Hargeisa war in den vergangenen Jahren das vertraute musikalische Erbe Somalias wieder zusammen getragen worden. Sohonie und sein Partner reisten mit dem Ziel nach Hargeisa, in vier Wochen so viel Musik wie möglich zu digitalisieren. Es wurde eine Reise in eine bis dahin unbekannte Musikwelt: „Jedem, den wir trafen, erzählten wir, was wir machen und fragten nach, wer ihre Lieblingsmusiker und -sänger von Hargeisa, von Puntland, von Mogadischu waren? Welchen Musikstil, sie mögen? Wir haben so eine unglaubliche “Road Map” zusammengestellt. Am Ende der Digitalisierung im Archiv wussten wir ziemlich viel über die Musikszene, die Gruppen, die Genres und die Epochen. So konnten wir alles richtig einordnen und kamen am Ende mit einem wahren Schatz zurück.“

Für Vik Sohonie hat die somalische Musikszene so viel zu bieten, wie kaum eine andere, denn Somalia war lange Zeit eine offene, multikulturelle, eine tolerante Gesellschaft, in der die vielen Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen zusammen trafen. „Man sieht das heute nicht mehr in der Berichterstattung, aber man kann es in der Musik hören, im Essen schmecken, in der Sprache hören. Es gibt in der somalischen Sprache Wörter aus dem Chinesischen, aus dem Hindi, Arabische Wörter. Jeder Teil der somalischen Kultur hat eine alte Geschichte, und die Musik ist da nicht anders.“

Tonbänder im Archiv von Radio Hargeisa. Foto: Peltner.

Nach dem Sturz des somalischen Diktators Siad Barre 1991, erklärte sich die einstige britische Kolonie Somaliland für unabhängig. Schon zuvor gab es Spannungen zwischen dem Regime in Mogadischu und der Region im Nordwesten des Landes, die dazu führten, dass Barre 1988 die eigene Luftwaffe gegen Aufständische in Somalialand fliegen ließ. Doch zuvor hatten Mitarbeiter von Radio Hargeisa die Weitsicht viele der Musikbänder aus dem eigenen Archiv in Sicherheit zu bringen. „Die ersten Bombenziele waren Radio Hargeisa, denn es war das Kommunitkationszentrum der Rebellen. Sie wussten also, dass die Bomben kommen werden und ein paar Radioleute vergruben viele der Tonbänder, darauf Live-Mitschnitte von Musikern. Erst kürzlich hätten sie wieder welche ausgegraben. Doch sie haben vergessen, wo viele dieser Bänder versteckt wurden, nur einige konnte sie bislang wiederfinden.“

“Sweet as broken Dates” ist eine Sammlung aus Liedern dieser Kassetten und Tonbänder aus dem Kulturarchiv der somaliländischen Hauptstadt und von Radio Hargeisa, die lange als vermisst gegolten haben. Sie präsentieren ein Land, das offen für viele Einflüsse war, ein Drehkreuz der Kulturen. Dieses Album wirft ein ganz neues Licht auf eine Region, die die meisten von uns nur mit Terror, Krieg und Elend in Verbindung bringen. Es zeigt die menschliche Seite dieser reichen Kulturregion am Horn von Afrika.

„Sweet as broken Dates“ erscheint auf Ostinato Records. Auf der Webseite des Labels kann man einige Songs hören.

 

Die Lage am Horn von Afrika ist mehr als angespannt

Zum Ende meiner Reise ans Horn von Afrika interviewte mich ein Netzwerk an Schweizer Lokalradios für einen Aktionstag am kommenden Dienstag. An diesem Tag soll auf die aktuelle Krise in Somalia, Somaliland und der Region hingewiesen und Spenden für die betroffene Bevölkerung gesammelt werden. Hier das Interview im Wortlaut:

Arndt Peltner, Sie sind ans Horn von Afrika gereist, nach Somaliland und Puntland in Somalia, wie ist Ihr Eindruck?

– In der unabhängigen Republik Somaliland und auch in Puntland, dem nordöstlichen Teil von Somalia, ist die Situation mehr als angespannt. Mitte März hätte bereits die aktuelle Regenzeit beginnen müssen, doch bislang ist kaum Regen gefallen. Das ist nun bereits die vierte ausbleibende Regenzeit in Folge, und das bedeutet, die Böden sind ausgetrocknet. Flüsse, Bäche, Seen existieren nicht mehr. Das sieht man gerade, wenn man über das Land fliegt, es gleicht einer kargen Mondlandschaft. Die Weideflächen sind nicht mehr existent, Zweidrittel des Viehs, also Ziegen, Kamele und Rinder sind bereits verendet. Wir reden hier von etwa 10 Millionen Stück Vieh. Überall wohin man hier fährt, sieht man tote Tiere am Straßenrand. Es ist ein Bild des Schreckens.

Die 45jährige Sahra Hawadle Diiriye hat fast ihre gesamte Herde von 500 Ziegen verloren.

Was können die Regierungen in Somaliland, in Puntland und Zentral-Somalia, was können Hilfsorganisationen tun?

– Sie versuchen ihr bestes. Die Regierungen hier haben kaum Eigenmittel, um die Krise in den Griff zu bekommen. Das Problem ist, dass die somalische Bevölkerung zum großen Teil nomadisch lebt, also mit ihren Tieren umher zieht. Derzeit wird versucht die Menschen zu erreichen, sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Das heißt, Tanklaster mit Wasser fahren bis zu einhundert Kilometern weit, um Wasser in entlegene Gegenden und zu den Bedürftigen zu bringen. Dazu Lebensmittel, wie Mehl, Reis, Zucker. Das alles in einer Hitze von 35, 36, 37 Grad. Die Stammesältesten sprechen hier von der schlimmsten Dürre in über 50 Jahren. Die letzte Dürre in Somalia, 2011, forderte über 200.000 Tote. Doch diese Dürre und ihre Folgen war nur in einigen Regionen des Landes zu spüren. Die aktuelle Krise erfasst das ganze Land. Wir reden hier von der Hälfte der Bevölkerung, die betroffen ist, über sechs Millionen Menschen.

Somalia kennen wir nur aus den Schlagzeilen, ein gescheiterter Staat, der im Chaos und Terror versinkt. Ist das der Grund für die derzeitige Krise?

– Es ist auch ein Grund, in den vergangenen Jahren konnte wenig an der Infrastruktur gearbeitet werden, die präventiv wirken könnte. Und für mich als westlicher Besucher bedeutet das immer, mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs zu sein. Aber der Hauptgrund ist vor allem die anhaltende Dürre. Das Wetterphänomen El Niña hat weite Teile Ostafrikas fest im Griff, der Regen bleibt aus. Somalia und auch die umliegenden Länder sind betroffen, wie der Osten Äthiopiens und der Norden Kenias. Im großen und ganzen erreichen die Hilfsorganisationen die Bedürftigen, nur in einigen Teilen im Süden des Landes, in denen die Al Shabaab Milizen die Kontrolle haben, ist die Situation ganz dramatisch, denn dort erreicht die Hilfe die Menschen nicht. Es ist für die NGOs zu gefährlich dort im Einsatz zu sein.

Wie schlimm ist die Lage?

– Ich kann es nicht deutlich genug sagen. Wenn es nicht innerhalb von wenigen Wochen regnet und vor allem gut regnet, werden sich hier am Horn von Afrika dramatische Szenen abspielen. Schon jetzt kann man die Zeichen deutlich sehen. Millionen von Ziegen, Kamelen und Rindern sind verendet, die Kadaver liegen an den Straßen. Damit breiten sich Krankheiten aus, Fälle von Cholera wurden schon vermeldet. Hinzu kommt die Unterversorgung vor allem der nomadischen Bevölkerung, der Hirten, die in dieser Krise alles verloren haben. Ich war vor ein paar Tagen in einer abgelegenen Siedlung von Hirten, irgendwo im Nirgendwo von Puntland. Alle Kinder dort sind unterernährt, werden derzeit mit Hilfe von Organisationen wie CARE aufgepäppelt. Noch spricht man von „Medium Acute Malnourishment“, also einer noch im Grenzbereich befindlichen Unterernährung. Aber die Lage spitzt sich zu. Wenn sich der Status von „Medium“ auf „Severe“, auf massiv oder schwer, verändert, muss innerhalb von 72 Stunden gehandelt werden. Und das ist eine Aufgabe, die in einem Land wie Somalia fast unlösbar erscheint. Auch wenn keiner offen darüber reden will, die Planungen für den schlimmsten Fall laufen bereits. Doch dafür braucht man jetzt die nötigen Mittel vor Ort.

Man muss sich schon fragen, warum es überhaupt so weit kam, hätte man sich besser auf die Krise vorbereiten können? Die Dürre kam ja nicht über Nacht?

– Das stimmt, die Dürre hat sich lange angekündigt. Derzeit bleibt bereits die vierte Regenzeit aus, und das in einem eher unwirtlichen Land. Fehlender Niederschlag wird hier gleich zu einer Katastrophe. Doch man hat aus der letzten Hungerkrise 2011 durchaus gelernt. Die Koordination zwischen den Regierungsstellen und den NGOs wurde verbessert. Die Warnzeichen wurden frühzeitig erkannt und auch weitergegeben, auch an die UN. Als ich im Herbst 2015 durch Somaliland und Puntland reiste, war die Lage bereits angespannt. Damals verendeten zwar noch keine Tiere, aber viele Ernten blieben aus. Die Regierungen und Hilfs-Organisationen waren gewarnt, aber Somalia, das seit 1991 in den internationalen Medien vor allem als Krisen- und Chaosstaat beschrieben wird, war nicht so auf dem Radarschirm, wie es hätte sein sollen. Syrien, die Flüchtlingskrise, Ebola, die Wahl in den USA und nun die Hungerkatastrophen in Nigeria, im Südsudan, im Jemen….Somalia spielte da nur eine untergeordnete Rolle in den Medien, aber auch bei den Spendern. Jetzt versucht man eben vor Ort den Fokus auf dieses geschundene Land zu legen. Und es muß schnell gehen.

Sie haben auf ihrer Reise durch Somaliland und Puntland mit vielen betroffenen Menschen gesprochen. Wie gehen sie damit um?

– Die Menschen kennen das Land und seine Bedingungen. Es ist trocken, Wüste, Dürren gehören hier dazu, immer mal wieder kommt es zu Hungerkatastrophe. Aber die Dimension ist diesmal eine andere. Das ganze Land ist betroffen. Und dennoch, ich war in Ansiedlungen von Flüchtlingen, die alles verloren haben, von der Hand in den Mund leben, die mir aber sagten, sie werden auch diese Krise überstehen. Sie hoffen auf Allah und auf die internationale Hilfe, die sie durch diese schwierige Zeit bringen und ihnen hoffentlich anschliessend einen Neustart als Viehzüchter ermöglichen werden. Die derzeitige Situation ist also nicht mit etwas Regen bewältigt. Die medizinische Versorgung für die Menschen und die Tiere muß mittelfristig gewährleistet werden, sie werden einen Neustart brauchen, die Mittel dafür müssen von außen kommen. Wenn man hier die Alten fragt, die ihr Leben lang Vieh gezüchtet haben, Somalia in und auswendig kenne, wenn man sie fragt, wird der Regen noch kommen, sagen sie, mit einem Lächeln und einem Schulterzucken: Insh’Allah….wenn Gott will.

Die braune Erde Somalia

Mit einem Flieger des „World Food Programs“ ging es zurück nach Hargeisa.

Heute ging es von Garowe über Boosaaso am Golf von Aden zurück nach Hargeisa. Ein Flug über Puntland hinweg im Nordosten Somalias, direkt am Horn von Afrika und dann Richtung Osten und nach Somaliland. Wie Narben ziehen sich die Flussbette durch die Landschaft. Kein Wald, kein See, kein Fluss ist von oben zu sehen. Alles ist braun, erscheint unwirtlich, fast wie eine Mondlandschaft. Wären da nicht immer wieder ein paar Dörfer.

Die letzten Tage haben mir gezeigt, wie hart das Leben in diesem Teil Afrikas ist. Besuche in den Dörfern, in den Ansiedlungen von Inlandsflüchtlingen führten mir das ganze Ausmaß der Krise vor Augen. Die Menschen haben nichts außer der Hoffnung auf bessere Zeiten. Die letzten drei Regenperioden sind bereits ausgefallen, seit Mitte März sollte es eigentlich wieder regnen. Sollte! Der fehlende Niederschlag bringt das Land an den Rand einer Katastrophe.

Vor meinem Abflug aus Garowe sprach ich noch mit dem CARE Länderdirektor für Somalia, Raheel Chaudhary.

Das ganze Ausmaß der Dürre kann man von oben sehen.

Er arbeitet seit über 20 Jahren für Hilfsorganisationen, hat in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan und eben Somalia Erfahrungen sammeln können. Auch für ihn ist diese Dürre etwas ganz Neues. Bislang, so Chaudhary, gab es Hungerkrisen in Teilen Somalias, zuletzt 2011. Doch diese hier erfasst das ganze Land, sogar darüber hinaus. Der Norden Kenias, Äthiopien, Südsudan, Jemen sind betroffen. Die Krise hat eine bislang nicht dagewesene Dimension erreicht.

Hat er Hoffnung? Raheel Chaudhary überlegt kurz und beschreibt dann das Gespräch vom Vortag, als wir in diese Nomadenansiedlung mitten im Nichts kamen und eine Frau über ihren Alltag berichtete. Sie erzählte von den Schwierigkeiten, von ihren sieben Kindern, aber auch davon, dass ihnen geholfen werde. Mit Wasser, Nahrung und Bargeld, und wenn Gott es will, werde es auch bald wieder regnen. Und dann, so die Frau, werden sie und ihre Nachbarn wieder losziehen, mit neuen Tieren fruchtbare Weidegebiete finden, Insh’allah. Insh’allah meinte Raheel Chaudhary mit einem Lächeln. Diese Frau, sagte Chaudhary zu mir heute Morgen, habe Hoffnung und das gebe auch ihm Hoffnung. Die Hilfe, die sie als Organisation geben, auch wenn sie noch so klein ist, kommt an. Auch das zeige ihm dieses Gespräch mit der Mutter. Sie gibt nicht auf, wie könnte dann er aufgeben.

Wolken ziehen vorbei

Am Himmel über Puntland sind immer mal wieder Wolken zu sehen. Gerade morgens türmen sich die Wolkenberge, doch im Laufe des Tages klart der Himmel auf. Kein Tropfen Regen ist gefallen. Die Wahrscheinlichkeit auf Niederschlag liegt derzeit bei Null Prozent. Damit nähert man sich hier der absoluten Katastrophe. Noch will das niemand offen ansprechen, doch die Zeichen sind bereits zu erkennen.

Hilfsorganisationen, wie CARE, sprechen derzeit von „MAM“, das steht für „Moderate Acute Malnutrition“. In der kleinen Ansiedlung außerhalb von Gardo in Puntland kann man sehen, was das bedeutet. Gegen Mittag, in der größten Hitze, sind wir da. Eine Zeltansammlung von Nomaden, die hier gestrandet sind. Auf der Suche nach Weideflächen und Wasser ließen sie sich schließlich auf diesem trockenen Boden neben der Landstrasse nieder. Auch in der Hoffnung Hilfe zu bekommen. Die kommt in Form von Lebensmitteln, Wasser und Bargeld. Nicht viel, aber es langt zum Überleben. Bislang noch.

Vor jeder Hütte im Flüchtlingsdorf steht eine Tonne mit dem Wasser für die Familie. Das Wasser wird mit Tankwagen hierher gebracht.

Als unsere Geländewagen halten, werden gerade die Kleinkinder unter einem Baum im Schatten gewogen und gemessen, ihre Größe und ihre Armdicke. Eigentlich alle Kinder hier sind hart an der Grenze zwischen moderater und akuter Unterernährung. Mit „Plumpy’Nut“ werden sie aufgepäppelt, in der Hoffnung, dass sie so die aktuelle Krise überstehen.

Doch die wird mit jedem Tag schlimmer. Der Regen kommt und kommt nicht, mehr und mehr Tiere verenden elendlich, Krankheiten breiten sich aus, die Menschen werden schwächer. Die Regierungen von Puntland und Somalia tun, was sie können mit den wenigen Mitteln, die sie haben. Hinzu kommen einige Hilfsorganisationen vor Ort, die gleich an mehreren Fronten zu kämpfen haben. Hier auf dem Land die Menschen zu erreichen, zu handeln, so weit das möglich ist. Und weltweit Spenden in einer von Krisen gezeichneten Welt für ein Land zu sammeln, das die meisten nur mit Krieg, Terror, Dürre und Chaos in Verbindung bringen. Tatsache ist auch, dass die Krise am Horn von Afrika morgen nicht zu Ende sein wird.

Hier spielt man bereits gedanklich „SAM“ durch, das steht für „Severe Acute Malnutrition“, der Ausbruch einer breiten Hungerkatastrophe. Und die wird kommen, wenn der Regen nicht fallen sollte. Wenn „SAM“ ausgerufen wird, müssten innerhalb von 72 Stunden nicht nur Notfallmaßnahmen anlaufen, sie müssten auch die Menschen in den abgelegendsten Teilen Somalias und Somalilands erreichen. Wenn nicht, werden Hunderttausende sterben. Hilfsorganisationen gehen bereits davon aus, dass diese anstehende Hungerkatastrophe am Horn von Afrika weitaus schlimmer sein wird, als die letzte im Jahr 2011.

 

Eine Dürre wie seit 50 Jahren nicht mehr

„Wir haben die Stammesältesten in Puntland gefragt, und keiner konnte sich an so eine Dürre erinnern“, meinte Dr. Abdullahi Abdirahman Ahmed, General Manager der „Humanitarian Affairs and Disaster Management Agency“ (HADMA) in Puntland. „Wir reden hier nicht von ein, zwei, drei Regionen. Das ganze Land ist betroffen.“ Abdullahi zeichnet ein katastrophales Bild im NZ-Interview von der Situation in Puntland. Die Regierung und die Hilfsorganisationen im Land ständen vor einer fast unlösbaren Aufgabe, sagt er.

Über eine Piste geht es ins Dorf Uskure.

CARE ist seit 25 Jahren in Somalia. „Sie tun was sie können“, meint der Chef von HADMA. Aber er sehe die Spendenmüdigkeit, die die Arbeit von NGOs erst ermöglicht. „Uns rennt die Zeit davon. Seit Mitte März ist die Regenzeit angebrochen, doch es gab so gut wie keinen Niederschlag. Wenn bis Ende April, Anfang Mai kein Regen fällt, werden viele, viele Menschen sterben.“ Ihre Tiere haben viele Farmer und Viehzüchter bereits aufgegeben. Einige, die es sich leisten können, kaufen Mais und füttern damit das Vieh. Doch das hat zur Konsequenz, dass die Maispreise im Land drastisch gestiegen sind, somit wird auch der „türkische Weizen“ fast unerschwinglich für jene, die sich kein Reis und keine Nudeln leisten können.

Somalia steht am Rande des Abgrunds. Das wird auch deutlich, als es nach dem Interview im HADMA Büro in Garowe raus ins Dorf Uskure im Distrikt Dangorayo geht. Bis Dangorayo geht es auf einer geteerten Landstrasse, danach über eine Schotterpiste fast querfeldein. Links und rechts der Strasse und Piste liegen immer mal wieder tote Tiere, Kamele und Ziegen.

300 nomadische Familien haben sich neben dem Dorf Uskure niedergelassen. Ihre Tiere sind verendet.

Nach über einer Stunde Rumgeruckel erreichen wir das abgelegene Dorf, daneben haben sich 300 nomadische Familien in ihren Zelten niedergelassen. Sie sind hier, weil sie Hilfe brauchen. Normalerweise ziehen sie mit ihren Herden durchs Land, doch die gibt es nicht mehr. Hier am Rande von Uskure leben sie von der Hand in den Mund, einmal im Monat wird Wasser und Nahrung gebracht. Sie hoffen auf mehr von der Regierung von Hilfsorganisationen. Im Schatten eines der wenigen Bäume führe ich das Interview mit Dorfchef. Um uns herum etliche Männer, die mal nicken, mal vor sich murmeln. Die zahlreichen Kinder drängeln sich dazwischen, beobachten das ungewöhnliche Interview.

Doch die Menschen in Uskure sind nicht die einzigen in diesem geschundenen Land. Die Dürre ist gewaltig, die kalifornische Trockenperiode, die ich erlebt habe, war dagegen nichts. Die Tierkadaver, die man überall am Horn von Afrika sieht, sind ein bedrückendes Zeugnis dieser Krise. Und die Zeit tickt, wenn der Regen nicht bald kommt, werden hier viele Menschen sterben. Schon jetzt deuten sich die Zeichen der Hungerkatastrophe an. Kinder werden krank, manche sterben sogar, weil sie Wasser aus verunreinigten Tümpeln und Pfützen getrunken haben. Krankheiten breiten sich aus. Die Angst vor einer nicht mehr zu kontrollierenden Katastrophe ist überall zu spüren. Es geht jetzt um eine flächendeckende Nothilfe. Darauf bauen, darauf hoffen die Menschen in Puntland.

Es rollt sich gut auf der Schotterpiste

Eineinhalb Stunden dauert der Flug von Hargeisa in Somaliland nach Garoowe in Puntland. Mit einer Fokker F50 der Fluggesellschaft Daalo ging es gegen Osten. Nur ein paar Passagiere waren an Bord. Meine Bordkarte sagte zwar 5D, aber den Sitz gab es gar nicht. „Free Seating“, meinte der Flugbegleiter zu mir. Als ich dann nach hinten gehen wollte, um mir einen passenden Fensterplatz auszuwählen, sagte er, „No, just sit in the front, because of the weight“. Das schafft Vertrauen!

Puntland von oben.

Draußen debattierte noch eine Frau mit mehreren Männern des Bodenpersonals, schließlich durfte auch sie an Bord und die Reise nach Puntland konnte beginnen. Um Hargeisa herum war noch etwas grün zu ehen, einzelne Bäume, Sträucher. Tiefe Spuren von früheren Bächen und Flüssen durchzogen die Landschaft. Immer seltener wurden Dörfer und Anwesen im Nirgendwo. Umso näher wir Garoowe kamen, um so trockener wurde das Land unter der Fokker. Eine Wüstenlandschaft so weit das Auge reicht. Die Landung war daher auch das Highlight des Fluges, das Video dazu sieht man unten.

Der Flughafen von Garoowe besteht aus einer Schotterpiste und ein paar Bretterbuden. Zahlreiche Soldaten, mit Maschinengewehren und Patronengürteln bewaffnet, sichern diesen Schotterstreifen ab. Von einer Stadt ist weit und breit nichts zu sehen. Ein Stempel in den Pass und die knappe Anordnung „Go“. Der Koffer wurde mit einem Kleinlaster die 30 Meter von der Maschine bis zur Butze gefahren. Ich schnappte ihn mir und ging durch eine weitere Bretterbude hindurch, das war wohl der puntländische Zoll. Auch dort ein paar Bewaffnete. Was die hier sichern, war mir wirklich nicht ganz klar.

Draußen traf mich die Hitze, sonst wartete niemand auf mich. Eigentlich sollte da jemand sein, war aber keiner. Etwas bedröppelt stand ich da und fragte mich, was nun? Eine Telefonnummer hatte ich nicht, auch kein funktionierendes Telefon. Mein fragender Blick schien aufzufallen, denn sofort kamen ein paar Uniformierte auf mich zu und fragten „Problem?“. „Yeap, I have a problem“, aber wie mache ich das nun verständlich? Mein Somali ist auch auf der dritten Reise nicht besser geworden. Nach mehreren Versuchen verstand einer von ihnen, dass ich auf einen Fahrer von CARE wartete. „No problem. I call“. Woher er nun die Nummer vom CARE Büro in Garoowe hatte, wußte ich nicht, aber er versuchte es. „Not good“ kam als nächstes. Er packte sich meinen Koffer und meinte „Come“. Was sollte ich auch anderes machen, also lief ich hinter ihm her in einen Schuppen aus Wellblech. Darin saßen ein paar Soldaten, ihre AK47 locker auf dem Schoß liegend, zwei Frauen, ein paar Jugendliche waren auch in dem angenehm kühlen Unterschlupf. Mein Uniformierter bot mir einen Plastikstuhl an, alle schauten auf mich und ich sagte: „Hello, how are you?“ Ein Jugendlicher antwortete mir sogar und fragte, ob ich Wasser möchte. „Where from?“ „Germany“. „Ah, German. Good“, und er lachte. Fehlte nur noch, dass er „Schweinsteiger“ sagt, wie mir das schon öfters in Afrika passiert ist.

Nach wenigen Minuten kam der Uniformierte mit dem Telefon zurück, griff sich wieder meinen Koffer und lachte. „Driver sleep“, sagte er und wir gingen auf einen Geländewagen zu, der Fahrer stieg aus, grinste breit übers Gesicht und schmiß meinen Koffer auf die Ladefläche. Ich stieg hinten ein, doch er wartete noch mit der Abfahrt. Aus dem Radio dröhnte ein Sprecher, ich schätzte, eine Religionssendung, denn „Allah“ verstand ich gleich mehrmals. Nach etwa fünf Minuten kam ein Soldat zum Auto, der gleich zwei Maschinengewehre bei sich trug. Stereoschutz ist immer gut. Es ging weiter mit der Reise.

War die Landebahn schon eine Holperpiste, ist die Zufahrtstrasse zum Flughafen nicht viel besser. Nach mehreren Kilometern kamen wir auf eine geteerte Landstrasse. Links und rechts ist nichts, nur Sand und Steine, eine unwirtliche Landschaft. An einer Stelle kam uns auf der Straße ein Jeep entgegen. Sowohl der Fahrer, wie auch der Soldat drehten sich zu mir um, „no problem, all ok“. Nett, sie wollten mich beruhigen, obwohl ich mir gar keine Gedanken machte. Der Soldat stieg aus und in den Jeep ein, in dem zwei weitere Soldaten saßen. Das Begleitfahrzeug durch die Stadt, das den Weg für uns hupend freimachte. Und Garoowe ist eine pulsierende, lebendige Metropole inmitten der kargen Gegend. „Welcome to Garoowe“, sagte der Fahrer und freute sich, als ich meinte, es sei schon das zweite Mal. Aber heimisch fühle ich mich hier nicht.