Mit Fiddler’s Green und Shiny Gnomes am Pazifik

Vor 16 Jahren schob ich an einem Samstagmorgen in einem kleinen Radiostudio auf dem Campus der University of San Francisco einen Regler nach oben und sagte: „Hallo und guten Morgen, hier ist Radio Goethe“….oder so ähnlich. Die Aufnahme habe ich noch hier auf Kassette rumliegen, aber nicht wieder gehört. Denn solche „Air Checks“ können manchmal sehr peinlich sein. Egal, wichtig ist, es ging los vor 16 Jahren. Mit einer Handvoll CDs schlappte ich an jenem Morgen ins Studio von KUSF und überraschte die paar Hörer, die eingeschaltet hatten. Vor mir lief eine armenische Sendung, nach mir kamen die Perser zum Zug, da passte so ein Deutscher mit einer Musikmischung zwischen Joachim Witt und Kraftwerk ja ideal. Hallo, was ist das denn!

Schon der Name „Radio Goethe“ war alles andere als passend. Amerikaner kennen Goethe nicht und können den Namen auch nicht aussprechen. Das klingt dann nach „Gothic Radio“ oder „Radio GoThiiiii“. Als ich im August 1996 nach San Francisco zog fand ich schnell KUSF im Radio. Der Collegesender war bekannt für seine bunte und vor allem internationale Mischung. Dort konnte ich Kraftwerk, Nina Hagen, Faust, KMFDM und die Neubauten hören und immer auch mal wieder ein paar Underground Hitsingles wie „Der Mussolini“ von DAF. Collegeradio in den USA, vor allem KUSF, war international aufgestellt. Hier blickte man nicht auf die heimischen Charts, hier war man Trendsetter, schaute sich um, hielt Verbindungen mit Industrial Bands in Deutschland, genauso wie mit schrillen Punk Trios in Japan.

Und an einem Tag im September stand ich bei der Programmchefin von KUSF auf der Matte und machte mit holprigem Englisch klar, dass ich Radiomacher und frisch aus dem Volontariat im Funkhaus Nürnberg hierher an den Pazifik gekommen sei und nun unbedingt eine Sendung brauche. Kate Ingram schaute mich ewas perplex an, fand aber wohl, für mich überraschend, die Idee interessant und meinte nur, als „Cultural Producer“ bräuchte ich einen „Underwriter“, also jemanden, der die Sendezeit von 20 Dollar pro halbe Stunde übernimmt. Sie habe auch ein offenes Zeitfenster, eben Samstagmorgen von 10-11 Uhr. In meiner Naivität dachte ich, das ist doch eigentlich die Aufgabe vom Goethe-Institut, die müssten doch an so einer tollen, neuen deutschen Radiosendung interessiert sein. Und der Direktor war es dann sogar auch und fragte, ob ich denn schon einen Namen für die Show habe? Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Er schlug „Radio Goethe“ vor. Na ja, nicht gerade der Renner, aber wenn man nichts anderes und besseres weiß, dann nimmt man eben das. Also hieß das Ding von nunan „Radio Goethe“.

Samstagmorgen fing ich mit dem Senden an. Nach ein paar Jahren übernahm nach einer finanziellen Fehlentscheidung der neuen Goethe-Instituts-Direktorin das deutsche Generalkonsulat den „Underwriter“ Part. Die Sendung wurde auf Donnerstagabend verschoben, eine viel bessere Sendezeit. Nun beplapperte und beschallte ich die Hörer zwischen einer kulinarischen Sendung und einer abgefahrenen Astrologenshow. Interessanterweise merkte ich schon bald, dass die Rückmeldungen von überallher kamen, also auch von außerhalb des eigentlichen UKW Sendegebiets. KUSF war einer der ersten Sender, der auch im Netz sendete. Die Idee einer Radio Goethe „Syndication“ war geboren.

Es war einfach die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Rammstein gingen ab wie die Rakete in den USA, Al Gore hatte sein Internet erfunden und viele junge Leute suchten im WWW nach deutscher Musik. Und diesen schrägen, schrillen, fremden Sound lieferte ich allwöchentlich live auf KUSF und in einer vorproduzierten „Syndication“ Sendung.

Für mich wichtig war von Anfang an auch immer Bands und Musik aus meiner alten Heimat einzubauen. Das reichte von den Shiny Gnomes, über Klaus Brandl, Atze Bauer und JBO bis zu Fiddler’s Green, von Blue Manner Haze bis Fade und viele mehr. Ich spielte, was ich in die Hand bekam und erzählte über Nürnberg, Franken, das Leben und die Kultur dort. Dazu gab es Interviews mit Musikern, Filmschaffenden, Künstlern, Politikern.

Radio Goethe ist heute auf etlichen Sendern in den USA und Kanada zu hören. Darüberhinaus kann man das Programm am Hindukusch in Afghanistan über die Frequenz des Bundeswehrsenders Radio Andernach und sogar in Namibia empfangen. Etliche Sender im deutschsprachigen und europäischen Ausland strahlen das Programm aus. Und auch lokal ist Radio Goethe in Nürnberg auf AFK Max empfangbar. Radio Goethe wurde in diesen 16 Jahren auf Stationen in 12 Ländern ausgestrahlt.

16 Jahre Radio Goethe, das hätte ich mir damals an diesem besagten Samstagmorgen nicht vorstellen können. Was mich im Rückblick überrascht ist die große Resonanz auf die deutsche Musikszene im Ausland. Und das nicht nur auf Bands wie Rammstein oder Tokio Hotel, sondern auch auf die vielen Bands, die einfach ihr Ding machen, ohne große Unterstützung von Plattenfirmen und Management. Radio Goethe war nie eine Genre Sendung, das sollte sie auch nie sein. Mir war wichtig, die Vielseitigkeit und die Vielschichtigkeit der Musikszenen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Natürlich habe ich Lieblingsbands und Lieblingssongs, die immer mal wieder auftauchen. Das ist wohl dann meine persönliche Marke. Ob ich das ganze noch weitere 16 Jahre weitermache bleibt offen. Auf alle Fälle wird weitergesendet, so lange es noch Spaß macht und es noch Hörer für dieses schräge Formatradio unfreundliche Programm gibt.

Der Kreis schliesst sich

…irgendwie zumindest. In diesen Tagen bekam ich die Nachricht, dass der Bundeswehrsender „Radio Andernach“ ab April mein Programm „Radio Goethe“ übernehmen wird. Und das freut mich sehr, auch wenn das mit mehr Arbeit für mich verbunden ist, denn ich werde fortan eine Sendung auf Deutsch moderieren müssen, die dazu auch noch etwas mehr „Mainstream“ klingen wird. Also mehr Pop und Rock, anstelle von Industrial und Electronica. Aber ich bin begeistert „Radio Goethe“ so zu präsentieren und den deutschen Soldaten, die im Ausland eingesetzt sind, eine vielseitige Musiksendung zu bieten. Ich bin gespannt auf diese neue Erfahrung und freue mich auf Rückmeldungen aus den Einsatzgebieten. Und der Kreis schliesst sich für mich, denn meine Liebe zu Amerika wurde durch das Hören von AFN Nürnberg geweckt, Armed Forces Network, dem Sender der amerikanischen Streitkräfte. Jeden Sonntag sass ich da und hörte die Charts „American Top 40“. Später dann, als ich als Morgenreporter für Radio Gong Nürnberg mit dem Gong Corsa unterwegs war, beschwerten sich meine Kollegen immer wieder, dass ich „Fremdsender“ höre, also keine Funkhaussender, denn ich liebte das Morgenprogramm von AFN. Nach dem Umzug von AFN in die US-Kaserne in Fürth besuchte ich Derby-D in der Sendung und war von seinem lockeren Moderationsstil begeistert. „Hey, what’s up in B-Berg“ begrüßte er einen Hörer aus Bamberg am Telefon, bevor er den neuesten Alternative Rock Song ankündigte.  Und „Radio Andernach“ ist für mich nichts neues. Mein Freund Ramon Montana, ebenfalls früher im Funkhaus Nürnberg tätig, war eine zeitlang Station Voice für den Sender. Von daher wusste ich von der Existenz und war neugierig, was er berichtete. Und irgendwann schrieb ich den Sender an und bot ihnen „Radio Goethe“ zur Übernahme an. Mit einigen Veränderungen im Programm und Aufbau der Sendung kann es nun also los gehen. Ich bin begeistert und hoffe, hin und wieder auch ein paar Nürnberger Bands mit ins Programm einzubauen….aber sicher doch, Fiddler’s GreenFadeRobocop KrausMissouri oder auch die Shiny Gnomes passen bestimmt….