Vergrabene Tonbänder überlebten die Zerstörung

Siad Barre war ein Diktator, der sogar die Musik im damals vereinten Somalia kontrollierte. Kritische Töne ließ er nicht zu, so etwas durfte weder aufgenommen, noch ausgestrahlt werden. Doch die Lieder entstanden dennoch und verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in Somaliland. Der beliebte Sender Radio Hargeisa wurde in den 80er Jahren zu einer Relaisstation von Radio Mogadischu herabgestuft, das Programm streng kontrolliert und, wie mir heute mit einem Lachen erklärt wurde, nur im Gefängnis von Hargeisa gehört. Damit wollte Barre auch verhindern, dass die somaliländische Unabhängigkeitsbewegung, Somali National Movement (SNM), Zugang zu einer Radiostation haben konnte.

Doch all das langte dem Diktator nicht, 1988 wies er seine eigene Luftwaffe an, Hargeisa und andere Städte in der einstigen britischen Kolonie zu bombardieren. Die SNM sollte ausgelöscht werden. Sogar vom Airport Hargeisa stiegen Kampfjets auf, um nur ein paar Kilometer weiter ihre Bomben abzuwerfen.

Aus diesem rostigen LKW, einem chinesischen Übertragungswagen, wurde nach der Unabhängigkeitserklärung Somalilands gesendet.

Hargeisa wurde damals dem Erdboden gleich gemacht. Zehntausende von Menschen flohen in die Nachbarländer und wenn sie konnten weiter nach Europa, Kanada und die USA. Siad Barre wurde im Januar 1991 aus Mogadischu vertrieben. Noch am gleichen Tag ging Radio Hargeisa wieder auf Sendung. Gespielt wurden genau diese Lieder, die der Diktator verboten hatte. Als Zeichen der neuen Zeit, als Zeichen der Hoffnung, als „in your face, dictator“.

Gesendet wurde aus einem alten chinesischen Übertragungswagen, den schon Mao genutzt hatte, wie mir bei meinem Besuch erzählt wurde. Der war einst von Peking an Siad Barre gespendet worden, der mit seinem „wissenschaftlichen Sozialismus“ durchaus auch das Interesse der Kommunisten in Peking geweckt hatte. Und die ausgestrahlten Musiktonbänder hatten genauso die Bombardierungen überlebt, wie der rustikale Rundfunklaster. Die Bänder waren zum Teil von den Radiomachern selbst vergraben oder von Bürgerinnen und Bürgern Hargeisas vor der Vernichtung versteckt und somit gerettet worden.

Und diese Aufnahmen mit Musik, Poetry und Interviews sind heute eines der wenigen Zeugnisse des alten Hargeisas, des lebendigen, somalischen Kulturlebens der 70er und 80er Jahre. Ein unschätzbarer Wert auf verstaubten und brüchigen Tonbändern und Kassetten.

Ein Besuch bei den somaliländischen Kollegen

Das Rauchverbot hat sich auch hier durchgesetzt.

Das Rauchverbot hat sich auch in diesen Studios hier durchgesetzt.

Radio Hargeisa ist der öffentliche Rundfunk Somalilands. Seit 1991 ist er in der Hand der somaliländischen Regierung, mit der Ausrufung der Republik Somaliland wurde auch die Kontrolle über die Sendeanlagen übernommen. Die Radiostationen waren bei der Abspaltung von Somalia eines der ersten Ziele der neuen Führung. Mit dem Rundfunk kontrollierte man den Informationsfluss der Bevölkerung.

Viele Jahre lang wurde Radio Hargeisa nur als eine UKW-Station betrieben, die im Sendegebiet der Hauptstadt zu empfangen war. Die finanziellen Mittel fehlten schlichtweg, um das ganze Land abzudecken. Seit 2012 sind die Programme jedoch über einen 100 Kilowatt Transmitter im ganzen Land zu hören. Gesendet werden täglich zehn Stunden Programm (06.30-09.00, 13.00-16.00 und 18.00-22.30).

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Ein altes 1943 erbautes Gebäude der britischen Kolonialherren beherbegt heute noch immer den Sender. Die Decken sind hoch, die Wände zumeist kahl, viel gibt es hier nicht zu sehen. Die ersten 25 Jahre des Rundfunks in Britisch-Somaliland wurden in dem Buch „Gather Round the Speakers: A History of the First Quarter of Somali Broadcasting 1941-1966“ beschrieben, man kann diesen Bericht von Suleiman M. Adam noch online finden.

Im Archiv liegen auf den Regalen noch Hunderte von alten Tonbändern, daneben CDs. In einem Nebenraum stapeln sich alte „Reel-to-Reel“ Bänder in einer Ecke auf dem Boden. Vergessen, verstaubt, kaum beschriftet. Ein paar Bandmaschinen sind aufgeschraubt, derzeit versucht man das Equipment wieder auf Vordermann zu bringen, um die alten Tonaufnahmen digital speichern zu können. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Vieles hier wirkt wie eine Behelfsstation, doch dann wird einem auch wieder klar, dass man eigentlich nicht viel fürs Radiomachen braucht. Feinste digitale Studios sind keine Garantie für ein gutes, zielgerichtetes und erfolgreiches Programmmachen. Schon gar nicht in einem Land wie Somaliland. Hier zählt die Handarbeit, die Fähigkeit aus wenig möglichst viel zu machen. Radio ist nach wie vor das wichtigste Medium im Land, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Nomaden sind und in ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden ohne große Infrastruktur leben. Das Fernsehen kann nur in den wenigen Städten empfangen werden, Zeitungen und auch Onlineangebote sind aufgrund der hohen Analphabetenrate keine wirkliche Konkurrenz für das Radio. Und sowieso ist die somalische Kultur eine Kultur des erzählten Wortes. Die Programme, die Radio Hargeisa ausstrahlt, sind eine Mischung aus Musik, Information, Nachrichten und Religion.

Das eigentliche Sendestudio ist dann doch modernste Technik, zumindest für hier. Ein geräumiger Mastercontrol-Room, hinter einer Scheibe ein Aufnahmestudio, in dem bequem Diskussionsrunden, Musikaufzeichnungen und andere Performances aufgenommen und übertragen werden können. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Live-Stream von Radio Hargeisa. Wer kein Somalisch spricht, wird sprachlich sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Doch der Stream gibt nicht nur für begeisterte Radiofans einen Eindruck, wie in diesem Teil der Erde der Hörfunk klingt. Morgen werde ich bei einer Fortbildung weitere „Kollegen“ von Radio Hargeisa kennenlernen, ich bin gespannt auf den Austausch, auf ihre Erfahrungen und ihre Schilderungen ihres Arbeitsalltags.