Wunderbar Together

Während im Weißen Haus jemand sitzt, der einen mehr als kontroversen „America First“ Kurs fährt und damit nicht nur im eigenen Land viele Amerika Freunde vor den Kopf stößt, versucht man im Ausland zu verstehen, wie man am besten auf diese neuen Zeiten reagiert. Deutschland versucht da mit einer Projektreihe gegenzusteuern. „Wunderbar Together“ ist der Versuch, vielen in Amerika deutlich zu machen oder sie vielmehr daran zu erinnern, wie eng die Freundschaft, Verbundenheit, Partnerschaft zwischen den USA und Deutschland ist.

Das Auswärtige Amt hat dafür ein Deutschlandjahr in den Vereinigten Staaten ausgerufen. Überall im Land wird daran erinnert, was uns verbindet. Viel Geld wird in diesen 12 Monaten ausgegeben und die Projekte reichen von gemeinsamen Festen über Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen bis hin zu Radiosendungen mit Musikthemen, wie ich sie derzeit produziere.

Den Anfang macht eine Sendung über „American Forces Network“, AFN. Der Sender der amerikanischen Streitkräfte war für viele in Deutschland sehr prägend. Die Musik, die gespielt wurde, war anders als das, was wir auf den öffentlich-rechtlichen Frequenzen zu hören bekamen. Rock, Blues, Jazz, Country, Funk und R&B, AFN überzeugte durch eine ganz andere Musikauswahl. Auch die DJs moderierten anders, lockerer, als ihre deutschen Kollegen auf den damals noch steifen ARD-Kanälen. Und über die zahlreichen lokalen AFN-Stationen in Deutschland konnte man auch sein Englisch etwas aufpolieren. Ich hörte damals in den 80ern viel AFN-Nuremberg, der aus dem „Bavarian American Hotel“ gegenüber vom Hauptbahnhof sendete. In meinen Jahren bei Radio Gong Nürnberg konnte ich erst über den Umzug von Nürnberg nach Fürth berichten und später dann, beim Abzug der US Army aus dem Großraum Nürnberg, die Verlegung von AFN nach Vilseck. Dort wurde AFN-Nuremberg schließlich zu AFN-Bavaria. Ein wichtiges Kapitel in der mittelfränkischen Radiogeschichte wurde damit beendet.

AFN war (und ist) ein Sender für das US Militär. Doch „American Forces Network“ hatte eine riesige „Shadow Audience“ – Germans. Und darum geht es in dieser Sendung, den Einfluss dieser Radiostation und ihrer vielen Shows und DJs auf eine dankbare deutsche Hörgemeinschaft.

Und hier kann man die Sendung hören:

„Wunderbar Together – AFN and it’s huge impact on Germany“

Der Beginn von „American Forces Network“

Schon im September 1942 war der Führung im US Militär klar, dass etwas getan werden muss. Die eigenen Soldaten waren unmotiviert, „low GI morale“ hieß es, nachdem eine Befragung ausgewertet worden war. Die Camps der Soldaten waren überfüllt, es gab kaum Freizeit und der Krieg ging gerade erst so richtig los.

AFN Headquarters in Riverside.

Die USO versuchte zwar die Soldaten mit Auftritten abzulenken, auch strahlte die BBC am Wochenende 30 Minuten amerikanische Musik und fünf Minuten Sportnachrichten aus der Heimat für die GIs in England aus, aber all das langte nicht. General Eisenhower wies deshalb seine Leute an, etwas zu finden, was den Soldaten ein Stück weit Heimat im Einsatz liefern könnte. Die Idee für „American Forces Network“ war geboren.

Um 5:45 Uhr morgens am Independence Day, dem 4. Juli 1943,  wurde zuallererst die Nationalhymne auf AFN ausgestrahlt. Lokal produzierte Sendungen mit den bezeichneden Namen „The Duffel Bag Show“, „Combined Operation“ und „Your Town“ gingen on-air. AFN wurde über Nacht zum Hit für die amerikanischen Soldaten.

Mit dem Gewinn des Krieges kamen die Radiomacher in Uniform auch nach Deutschland. Sie übernahmen zum Teil die Reichssender, nutzten die vorhandende Technik für ihr Unterhaltungsprogramm, berichteten aber auch, was im besetzten Deutschland passierte. Hier zwei Fundstücke aus den frühen Jahren der amerikanischen Besatzung, AFN-Berichte von den Kriegsverbrecherprozessen und den Hinrichtungen in Nürnberg:

Prozess     
Hinrichtung     

Im Januar 1950 ging der  lokale AFN Sender „Tower of Power“ im Nürnberger Grand Hotel („Bavarian American Hotel“) auf Sendung. Hörer gab es mit den vielen Kasernen in und um Nürnberg herum genügend. Nachdem die amerikanischen Truppen mit dem Ende des Golfkriegs aus Nürnberg abzogen, wurde AFN Nuremberg zuerst vom Bahnhof in die Fürther Darby Kaserne verlegt, bevor der Sender dann im September 1995 ganz der Nürnberger Region „Auf Wiedersehen“ sagte und fortan aus Vilseck als AFN Bavaria weiter sendete.

AFN prägte über Jahrzehnte die Hörgewohnheiten der Franken, denn es gab ja mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch keine große Alternative. Jeder, der wohl in den 60er, 70er und 80er Jahren in Franken aufwuchs, schaltete ein. Jazz, Blues, Country, Funk and Soul, Rock’n Roll, die Amerikaner hatten einfach den Sound, den man im damals Monopol BR nicht hören konnte. Sie prägten auch viele der lokalen Radiomacher, die in den späten 80ern bei den Privatsendern ihre ersten Gehversuche machten. AFN sendete eigentlich nur für die Soldaten, doch hatte eine riesige „Shadow Audience“ in der deutschen Bevölkerung. Erst spät merkte man beim Soldatensender, dass AFN eigentlich auch Kulturbotschafter Amerikas war. Und das sehr erfolgreich. Heute ist das kaum noch vorstellbar, was „American Forces Network“ mit seinem Programm erreicht hat. AFN prägte das durchaus positive Bild Amerikas in Deutschland maßgeblich mit.

Community Radio – abseits des Mainstream

Heute ist es mal wieder so weit. Eine weitere Live-Sendung auf dem Community Sender KKUP in San Jose steht an. KKUP wird im Mai 47 Jahre alt, das heißt, 47 Jahre an Radioprogrammen, die nicht kommerziell sind, von Ehrenamtlichen moderiert und produziert werden, es keine Werbung gibt, der Sender vielmehr durch die Spenden der Hörerinnen und Hörer finanziert wird.

Das ist möglich und es macht einfach Spaß, mit einer Tasche voller CDs die gute Stunde von Oakland nach San Jose zu fahren, um Musik zu spielen, die man sonst wohl auf keiner anderen Station hören kann. Einige, die mich und meinen Musikgeschmack kennen werden sagen, das ist wohl auch gut so, dass man das nicht auf anderen Sendern hört, aber heute habe ich Lust auf eine elektronische Show zwischen Klaus Schulze, Bernd Kistenmacher, Adalbert von Deyen und so einiger wiederveröffentlichter Perlen auf Bureau-B Records. Und für diesen Sound gibt es durchaus viele Fans, gerade auch in der San Francisco Bay Area.

KKUP sendet im Großraum San Jose. Das Programm lässt sich bis runter nach Monterey, im Silicon Valley und hoch bis Oakland und South San Francisco hören, also ein riesiges Sendegebiet. Und ich werde von 15-17 Uhr (PST) „on-air“ sein, um den Sonntagnachmittag mit einer besonderen Musikmischung zu beschallen.

Community Radio in den USA ist etwas Besonderes. Es ist ein wichtiger Teil des öffentlichen Rundfunks. Neben den NPR, den Pacifica und College Stationen, gibt es da auch noch diese Sender, die aus der Community heraus gewachsen sind, von der Community unterstützt werden und für die Community senden. Und da ist wirklich alles dabei, von Klassik bis Country, von Weltmusik bis Punk. Das Angebot ist grenzen- und genrelos und genau darauf kommt es an. Radio ohne Format, ohne einengende Playlist eines Musikchefs. Zu hören ist, was eben zu hören ist, was ein Moderator oder DJ eben an diesem Tag und für seine Show auswählt. Zu hören sind die vielen Stimmen der Menschen, die um uns herum leben, mit ihrem Hintergrund, ihrem Wissen, ihren Besonderheiten. Von daher, einfach mal reinhören, vielleicht heute Nachmittag/heute Nacht….von 00:00 – 2 Uhr deutscher Zeit KKUP einschalten.

Lieder erkennen

Vor kurzem durfte ich mal wieder bei KKUP on-air gehen, um an einem Sonntagnachmittag für offene und interessierte Hörerinnen und Hörer im Großraum San Jose meine Musikmischung zu spielen. Das reichte von Sirom und Dirtmusic, über Studio Shap Shap und Senyawa und den Shiny Gnomes, bis hin zu Dolphin Midwives, Einstürzende Neubauten und Mika Vainio.

Einige dieser Platten und CDs sind nicht gerade bekannt, schon gar nicht in den USA. Und dennoch hat das neue Playlisten-System „Spinitron“ alle meiner Songs erkannt. Früher musste man Titel, Band und Länge selbst eingeben, nun wird der Song schon kurz nach den ersten Tönen automatisch registriert und in die Playlisten des Senders eingefügt. Ich war begeistert. Zuvor noch dachte ich, bei meiner eher internationalen und teils ausgefallenen Musikauswahl müsste ich viel selbst eingeben, aber es kam ganz anders. Spinitron erkannte sowohl die Musik aus dem Niger, wie auch einen Song auf einer limitierten Auflage eines finnischen Soundtüftlers.

Ich bin ja nicht gerade der große Kenner solcher technischer Entwicklungen, aber dennoch frage ich mich, wie das möglich sein kann, dass ein Musikerkennungssystem für College-, Community- und Bildungssender all die Aufnahmen richtig erkennt und registriert, die noch nicht einmal in den USA erhältlich sind und zum Teil gar nicht richtig erschienen sind? Für mich war es faszinierend mit jedem Song zu beobachten, wie lange das System braucht, um die Lieder zu erfassen. Grandios!

So klingt Amerika

Zehn Jahre lang produzierte und moderierte ich die Country, Folk und Americana Sendung auf allen Langstreckenflügen einer großen deutschen Airline. Diese Zweistundenshow war ein offener Raum, in dem ich frei entscheiden konnte, was ich in die Playlisten aufnahm. Dabei sollte ich mich nicht an den Country Charts orientieren, sondern vielmehr die Alternative Country Szene vorstellen. Ein paar wenige Auflagen gab es, keine Schimpfwörter und keine Songs, die bei Menschen mit Flugangst Panik auslösen könnten.

Aber sonst hatte ich alle Freiheiten, die dazu führten, dass ich von den Shiny Gnomes und ihr „Lazing at Desert Inn“, von den Berliner Infamis und ihrem Metropolen Country Sound, bis hin zu 16 Horsepower und ihrem für mich grandiosen Song „American Wheeze“ alles einsetzen konnte. Manchmal sah ich Bands in kleinen Clubs spielen, war begeistert und fragte nach dem Konzert einfach, ob sie mir eine CD geben könnten, ich würde sie gerne in meiner Show über den Wolken spielen. Das war wirklich handgemachtes Radio mit einem Fokus auf Independent Künstler.

Und eine der Bands, die ich über das Programm kennenlernte waren die Crooked Jades aus San Francisco. Eine Gruppe, die sich selbst als „old-time string band closer in spirit to Tom Waits and Nick Cave“ beschreibt. Doch das trifft es ganz gut. Die Wurzeln des Americana Sounds und dazu das Düstere von Nick Cave und das Verschrobene von Tom Waits, angereichert mit musikalischen Einflüssen aus Afrika und Europa. Beeindruckend, faszinierend, mitreissend.

Nun melden sich die Crooked Jades mit einem neuen Album zurück. „Empathy Moves The Water“ heißt es und ist erneut eine tolle Songsammlung, eine Mischung aus neu arrangierten „Traditionals“ und eigenen Liedern. Hinter den Crooked Jades steckt Jeff Kazor, der diese Vision eines musikalischen Brückenschlags zwischen Alt und Neu, zwischen Americana und der weiten Klangwelt da draußen verwirklicht. Einfach brillant.

„Empathy Moves The Water“ klingt nach Amerika, nach dem, was mich hier immer wieder anspricht, fasziniert, bewegt. Musik, die die Schönheit des Landes, die Offenheit dieser Gesellschaft, die Möglichkeit des Lebens hier in den USA beschreibt. Das klingt nach viel, aber in diesen Zeiten des Geplärres und der lauten Töne, sollte man nicht vergessen, was Amerika auch ausmacht, was das Schöne an diesem Land ist. Und die Crooked Jades schaffen es – bewußt oder unbewußt – all das einzufangen. Ein tolles Album zum Jahresende, sehr empfehlenswert für alle, die den wahren Americana Sound entdecken wollen.

Puntland Patrioten und ein Radiosender

Ich komme ja aus einem Land, in dem der Patriotismus groß geschrieben wird. Und erst recht in diesen „America First“ Zeiten, in denen ein Kulturkrieg um Fahne und Nationalhymne entfacht ist. In denen ein Präsident ein Amerika in höchsten Tönen beschreibt, das es nie gegeben hat. Egal, Patriotismus gehört zu Amerika dazu wie das  vielzitierte Amen in der Kirche.

Und nun bin ich hier in Puntland. Bewaffnete Soldaten und Polizisten sieht man überall im Stadtgebiet von Garowe, der Haupststadt der autonomen Republik. Und wenn ich unterwegs bin, d.h. kurze Strecken zu Interviews fahre, dann habe ich gleich mehrere von ihnen an meiner Seite. Sie stehen dann vor dem Gebäude und „sichern“ die Gegend ab. Vor wem und vor was ist mir nicht ganz klar.

Zwei der Interviews heute waren mit Ministern der puntländischen Regierung. Und beide erklärten, Puntland sei „one hundred percent secure“, also quasi bombensicher. Puntland habe sich hervorragend in den letzten paar Jahren entwickelt, mehrmals fiel sogar das Wort „paradise“. Ja, Puntland hat sich entwickelt, seitdem ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war. Und ja, die Region könnte paradisisch sein, wenn ich nur an die langen Sandstrände und das klare Meerwasser denke, doch zum Paradies gehört wohl mehr dazu als nur ein netter angedachter „Beach Day“ am längsten Strand von Afrika.

Am späten Nachmittag dann ein Besuch an der „Puntland State University“, eine von drei Universitäten in Garowe. 1800 Studierende sind hier eingeschrieben, meist in den Fächern Sozialwissenschaften und Business. Auch ein paar Ingenieure werden hier ausgebildet, obwohl das Land gerade die für den Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur mehr als benötigt. Einige, die das studieren, werden sogar in GIZ Projekten (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) im Land miteinbezogen. Es gibt also einen Bedarf und eine Zukunft für lokale Ingenieure in Puntland.

Besuch bei PSU Radio in Garowe, Puntland.

Auch eher unterbesetzt ist der Medienzweig der PSU. Journalismus wird noch nicht als eigener Beruf gesehen. Und doch, es gibt einen eigenen Radiosender an der Uni – PSU Radio. Ein Tagesprogramm zu aktuellen Fragen. Von Nachrichten hält man sich fern, spricht aber on-air über Korruption, Umweltprobleme, Klimawandel, soziale Fragen. Auch Rückkehrer von Tariib kommen zu Wort, um junge Leute, die mit der Idee der langen Reise nach Europa spielen, davon zu überzeugen, dass sie nicht gehen, hier bleiben, an der Zukunft im eigenen Land mitarbeiten. Kannst Du uns mit einem Sender in Deutschland verbinden? Die Frage kommt unvorbereitet, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich ein Uniradio mit einer Station in Deutschland verbinde. Zuletzt war es ein Sender aus dem ostkongolesischen Goma mit einer Station in Berlin.

Und die Idee gefällt mir, dass junge Radiomacher aus Puntland Hörerinnen und Hörer in Deutschland finden. Eine kleine Radiobrücke könnte zu einem spannenden Kulturprojekt werden. Radio ist so einfach und doch so wichtig. Gerade die Community Sender, die handgemacht, direkt, manchmal holprig sind, aber eben nicht begradigt wuden in ihrem Klangbild. Multikulturelle Programme neben Fremdsprachensendungen, Musik weit abseits der Charts und alles mit einem lokalen Ton. Der Besuch bei PSU Radio hat dieser Reise nach Puntland einen schönen Abschluss gegeben.

Kraft(Kunst)Werk

Kraftwerk sind Kult. So richtig habe ich die Düsseldorfer Band erst nach meinen Radio Goethe Anfängen auf KUSF in San Francisco kennen-, schätzen- und liebengelernt. Mit ein paar eigenen CDs hatte ich die Sendung begonnen und dann gezielt im umfangreichen Plattenarchiv des Senders nach weiteren deutschen Bands gesucht. Und da standen unter anderem auch die frühen Vinyl Scheiben von Kraftwerk. Klar, ich kannte Kraftwerk, aber so richtig hatte ich bis dahin nicht zugehört, doch das änderte sich schnell. Kraftwerk öffneten mir eine ganz neue Klangwelt, zeigten mir auf, welchen Einfluss das Kling Klang Sounduniversum auf andere Gruppen und Musikrichtungen hatte.

Konzerte, alle Platten, Bücher und Interviews mit Karl Bartos folgten. Der Sound von Kraftwerk, die Geschichte und die musikalischen und künstlerischen Visionen waren für mich und auch meine Sendung prägend. Und nun dieses Buch hier: „Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“, eine umfangreiche Studie zur Musik, der Vision, der Kunst der Düsseldorfer Formation, herausgegeben von Uwe Schütte. Jede Platte wird für sich analysiert, zerlegt, auf die kleinsten Teilchen und Tönchen hin begutachtet und durchgehört. Das Kraftwerk Imperium in seiner ganzen Macht und Schönheit.

Es ist beeindruckend, was die 15 Autorinnen und Autoren hier an Informationen, Genauigkeiten, Hintergründen, Geschichte und Geschichten zusammengetragen haben. Kraftwerk waren ihrer Zeit weit voraus, haben andere Musikerinnen und Musiker, Künstlerinnen und Künstler, ja, ganze Genres maßgeblich mit ihrem teils minimalistischen Kling Klang Sound beeinflusst. Sie experimentierten mit Tönen und Technik, kreierten so eine unvergleichliche und einzigartige Klanglandschaft, eine musikalische Vision, die immer wieder in irgendeiner Form mit der auftauchenden Mensch-Maschine zu tun hatte. Kraftwerk haben sich von den nicht verstandenen Soundtüftlern aus dem Düsseldorfer Hinterhof zu weltweit gefeierten Kulturschaffenden gewandelt, die heute wochenlang und problemlos die Hochkulturtempel dieser realen Welt füllen.

„Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk“ ist nicht nur ein Buch für Kraftwerker, für Sammler, für Liebhaber des deutschen Sounds. Es ist auch ein Buch über eine Zeit, in der junge deutsche Musiker auszogen, um ihre eigene Identität zu finden, ohne dabei die deutsche Geschichte zu übersehen. Kraftwerk wurden so zu unglaublich wichtigen Kulturbotschaftern eines Landes, in dem man schlichtweg zu lange den eigenen musikalischen und künstlerischen Weg übersah, verhöhnte, klein redete. Von daher war es höchste Zeit für diese genaue Betrachtung des Gesamtkunstwerks Kraftwerk.

Mensch – Maschinen – Musik: Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk, C.W. Leske Verlag, 24,90 Euro.

Ein bißchen Aloha für die Seele

Paul Page Pacific Paradise     

Musik aus Hawaii und Polynesien erlebt derzeit in den USA ein (zumindest kleines) Revival. Auf Festivals und in Bars treten Bands auf, alte Songs werden wiederentdeckt und neu aufgenommen, man kann sagen, ein bißchen Aloha tut der amerikanischen Gesellschaft in diesen stürmischen Zeiten ganz gut. Und nun kommt auch ein Album heraus, das einen der ganz großen Musiker und Bandleader dieses Genres präsentiert. Einen Musiker, der kaum bekannt ist und ganz in Vergessenheit geraten ist, doch bei dem es sich lohnt genauer hinzuhören. Paul Page steht für jene Zeiten, in denen die Tiki Bars in Südkalifornien mehr als angesagt waren. „Pacific Paradise“ heißt die Platte, die nun bei Subliminal Sounds erscheint. Dazu der obige Audiobeitrag.

Er erklärte UFOs, die „Twilight Zone“ und Big Foot

Der legendäre Radiomoderator Art Bell. Foto: Reuters.

Art Bell ist tot. Schon am vergangenen Freitag verstarb einer der ganz großen amerikanischen Radiomacher im Alter von 72 Jahren. Art Bell war kein Schreihals, kein politischer Talk Show Moderator, kein „Shock-Jock“. Art Bell war vielmehr der König der Nacht. Mit seiner unverkennbaren sonoren Stimme unterhielt er Woche für Woche Millionen von Zuhörern zu später Nachtstunde. Zwischen 1989 und 2003 täglich, danach noch weiter an Wochenenden ließ Bell die Hörerinnen und Hörer zu Wort kommen. In der Hochzeit von „Coast to Coast“ wurde die Sendung auf rund 400 Stationen im ganzen Land ausgestrahlt.

Wer in den 1990er Jahren nachts durch die USA fuhr, kam an dieser einmaligen Radioshow nicht vorbei. Mitten aus dem Nirgendwo in Nevada sendete Art Bell, schaltete seine Hörer zu, lud „Fachleute“ ein, die über alles sprachen, was es da draussen gab und nicht erklärbar erschien. Bells Stimme beruhigte in der Nacht, ihm glaubte man, wenn es um Außerirdische, um UFOs, um Kontakte mit Geistern, um grenzwertige Erfahrungen ging. Er lachte nicht über seine Anrufer, auch wenn diese die seltsamsten Geschichten erzählten.

Art Bell fragte nach, gab Hinweise, Denkanstöße. Lange bevor der Begriff „Fake News“ geboren war, wurden Vermutungen, Halbwahrheiten, Erfundenes, ja, Hirngespinste als Tatsachen, als erlebte Erfahrungen dargestellt. Und als Hörer geriet man zumindest ins Zweifeln, ob da nicht doch etwas um uns herum passiert, was man so einfach nicht erklären kann. Das war das Meisterwerk von Art Bell, der unaufgeregt und überzeugend allem nachging. Mitten in der Nacht wurde er zum vertrauensvollen Begleiter für Schlaflose, Reisende durch Zeit und Raum, Zweifler, Überzeugte des paranormalen Lebens. Area 51, die geheime Militärbasis in der Wüste von Nevada, war ein immer wiederkehrendes Thema. Sichtungen von UFOs, Kontakte mit Außerirdischen, spirituelle Grenzerfahrungen, Art Bell konnte mit allem umgehen.

Etliche seiner Hörerinnen und Hörer, Gäste seiner Show konnte ich einmal auf einem UFO-Kongress in San Jose treffen. Eine Frau, die schon mehrmals auf dem Mars war. Ein Doktor, der erklärte kleine Sonden aus Menschen herausoperiert zu haben, die Außerirdische dort eingepflanzt hatten. Kornkreisexperten, Geisterjäger, UFOlogen. Bei meinen Interviews musste ich an Art Bell denken und wie er mit diesen teils unglaublichen Geschichten umging: ernsthaft, nachfragend, interessiert. Und so bekam ich die wohl einzigartigsten Interviews meiner langen Radiojournalistenkarriere. 2003 übergab Art Bell seine nächtliche „Coast to Coast“ Sendung an George Noory. Bell selbst sendete am Wochenende weiter. Bis zuletzt meldete er sich aus der Einsamkeit Nevadas mit seiner Botschaft: The truth is out there!

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Wo beginnt und endet die Fairness?

Fairness in der Berichterstattung. Das ist etwas, was immer wieder diskutiert wird. In den USA, in Deutschland, in der Schweiz, Österreich, Ungarn, Türkei und vielen anderen Ländern. Immer wieder ist das auch mit einem Frontalangriff auf öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und die Medienfreiheit verbunden.

In den USA gab es über Jahrzehnte eine sogenannte „Fairness Doctrine“, die eine ausgewogene Berichterstattung verlangte. Und das hatte geschichtliche Wurzeln, wie Edward Wasserman, Journalismus-Professor und Dekan an der “Graduate School of Journalism” der “University of California” in Berkeley erklärt. „Gerade in den 1930er Jahren war die Angst groß. Die Leute sahen, was in Europa passierte, wie die Macht des Rundfunks eine politische Fraktion bevorzugte. Sie merkten, wie mit der Ausbreitung der elektronischen Medien auch der öffentliche Einfluss wuchs. Und auf einmal wurde das Manipulationsrisiko der neuen Medien deutlich. Ich denke, daraus kam die Idee, auch wenn es in Amerika, anders als in Europa, keinen staatlich kontrollierten Rundfunk gab. Es gab die Notwendigkeit, eine Ausgewogenheit für die Programme einzuführen.“

Aus dieser Angst vor Propaganda und Demokratie gefährdender Medienmacht wuchs der Gedanke der staatlichen Regulierung der Frequenzen. 1949 erließ die staatliche, doch unabhängige Aufsichtsbehörde “Federal Communication Commission”, kurz FCC, eine sogenannte “Fairness Doctrine”. Damit sollte sichergestellt werden, dass lizensierte Radio- und Fernsehsender Sendeplätze für Themen von öffentlichem Interesse einräumen und über diese kontrovers berichten. Mit der Fairness Doctrine wachte die FCC darüber, dass solche Sendungen “ehrlich, gerecht und ausgewogen” sein müssten, meint Professor Wasserman. „Der Grundgedanke war, dass der Rundfunk und das Fernsehen öffentlich waren und daher die ganze Breite der Meinungen in der Öffentlichkeit widerspiegeln müsse, die so auch von der Öffentlichkeit verlangt wird. Man muss beachten, dass man damals nur eine sehr beschränkte Anzahl von Stationen hatte.“

Die “Fairness Doctrine” galt nur für jene lizensierten Sender, die über terrestrische Frequenzen ausgestrahlt wurden. Für die Radio- und Fernsehkanäle im Kabelangebot, das in den 1950er Jahren eingeführt wurde, galt sie nicht, denn diese Sender brauchten für ihre Programme keine FCC-Lizenz. Auch galt die “Fairness Doctrine” nicht für die Presse. Der Grundgedanke hinter dieser ausgewogenen Meinungsregel war gut gemeint, doch nur schwer durchsetzbar, sagt der Journalismus-Professor Edward Wasserman: „Es braucht nicht lange, um zu realisieren, wie schwierig die Umsetzung dieser Doktrin war. Es gibt nicht nur die zwei Seiten, “wir mögen es” oder “wir mögen es nicht”. Das Problem mit, und auch der Nachteil der “Fairness Doctrine” war, es führte dazu, dass die Sender kaum noch über Themen mit öffentlichem Interesse berichteten, denn so wurde Sendezeit verschenkt, für die sich keine Werbekunden gewinnen ließen.“

Als die “Fairness Doctrine” 1987 unter Präsident Ronald Reagan außer Kraft gesetzt wurde, geschah dies nicht aus politischen, sondern vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen. Doch damit wurden die Schleusentore für eine nicht mehr zu kontrollierende Entwicklung geöffnet. Mit dem Aus der Regulierung kam der Aufstieg des meinungsbetonten “Talk Radios”, von vielen auch als “Hate Radio” bezeichnet. Rush Limbaugh, Michael Savage, Sean Hannity, Mark Levin und viele andere tobten, ja, wüteten fortan verbal on-air. Grenzen wurden ihnen kaum noch gesetzt. Im Sommer 1996 ging mit FoxNews ein weiterer Fernsehnachrichtenkanal on-air, der das Nachrichtenbusiness gehörig durcheinander wirbelte. Auch wenn FoxNews von sich behauptet “fair and balanced” zu sein, der Rechtsruck in der Berichterstattung war nicht zu übersehen. FoxNews drückte, so Wasserman, den Medien in den USA trotz relativ geringer Einschaltquoten den eigenen Stempel auf und veränderte die News-Landschaft. „Wenn man sich die Zahlen ansieht, dann ist FoxNews sehr profitabel, aber sie haben keine hohen Zuschauerzahlen. Als ich mir das zuletzt ansah, hatte die populärste FoxNews-Sendung am Abend die gleiche Einschaltquote wie die lokalen Nachrichten des CBS Senders in New York City.

Wäre eine neue “Fairness Doctrine” in den USA nötig, um Mäßigung in den Medien durchzusetzen? Tatsächlich ist die Forderung wieder aufgetaucht – aber unter umgekehrten Vorzeichen: durch Donald Trump, der sich von den Medien, außer von FoxNews, ungerecht behandelt fühlt und mehr positive Beiträge über sich hören und sehen will. Edward Wasserman, Dekan am Journalismus-Lehrstuhl der Uni Berkeley, sieht für eine Neuauflage allerdings keine Chance. „Ich glaube, man kann sie nicht umsetzen. Die Vielfalt der Meinungen würde beschränkt werden. Auch würden die Leute mit viel Geld so eine Leitlinie bis vors Verfassungsgericht bringen und die obersten Richter würden sie sofort kippen. Es gibt heute auch so viele unterschiedliche Kanäle, denken Sie auch ans Internet. Wenn man sich ansieht, woher die Leute heutzutage ihre Informationen bekommen, wie viele Kanäle müsste man überwachen, um sicher zu gehen, dass die “Fairness Doctrine” auch eingehalten wird. Es ist unmöglich, sie hat ausgedient.“

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