Heute hat die Welt Geburtstag

Rammstein sind ein weltweites Phänomen, und das schon seit fast 25 Jahren. Die Band aus Berlin spielt in gleicher Besetzung und das ist erstaunlich in diesem Geschäft. Nun gewährt Keyboarder Flake einen Einblick in das Innenleben der Band. Sein zweites Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein Abriss von einem Tag auf Tour, gespickt mit Anekdoten aus seinem und dem Leben der Band.

Es ist eine enge Gemeinschaft, die als Rammstein die musikalische Welt aufgerollt hat. Erklären kann es eigentlich niemand, dass die sechs Musiker mit ihrem Sound und ihren deutschen Texten rund um den Globus so erfolgreich sind. Lange Zeit wurden sie vom deutschen Feuilleton genauso belächelt wie von den staatlichen Kulturexperten. Ganz wichtige Musikjournalisten warfen ihnen sogar eine Nähe zur Nazi-Ideologie vor, weil Sänger Till Lindemann angeblich das „R“ rolle wie Adolf Hitler es getan haben soll. Das ist natürlich totaler Quatsch. Weder rollt Lindemann das „R“ wie der einstige Führrrrerrr des tausendjährigen Reiches, noch sind Rammstein auch nur in der Nähe der verblendeten Geschichtsverfälscher auszumachen.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Flake hat bereits sein zweites Buch vorgelegt. Nach „Der Tastenficker“ feiert nun also die Welt Geburtstag. Und Flake erzählt witzig und voller Humor vom Alltag in der Band. Flake kommt dabei immer wieder als Schwachmat voller Ängste rüber, er beschreibt sich selbst als das schwache Glied in der Band, der eigentlich nur durch Zufall dabei ist. Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, dann merkt man schnell, dass Rammstein eine eingeschworene Gruppe ist, die jeden der Mitglieder braucht, um den Erfolgsweg weiterzugehen. Die sechs Musiker ergänzen sich auf ihre Weise.

„Heute hat die Welt Geburtstag“ ist ein unterhaltsames Buch, bei dem man immer wieder lächeln und lachen muss. Flake ist ein genauer Beobachter, der gekonnt Situationen, auch peinliche oder nicht geplante, beschreiben kann. Das macht das Buch zu einem lebendigen und höchst lesenswerten Bericht. Klar, ich mag die Musik von Rammstein, habe Flake und die anderen schon mehrmals selbst interviewt, zum ersten Mal, als sie eine noch unbekannte Vorband von KMFDM in einem kleinen Club in Palo Alto waren.

Das ist lange her. Rammstein gingen danach konsequent ihren Weg. Sie haben es im Laufe der Jahre geschafft, ganz ungeplant Sprach- und Kulturbotschafter zu werden. Man muss sich nur mal die DVD „Völkerball“ von Rammstein ansehen, um das zu begreifen. Die Band spielt da in Frankreich, England, Japan und Russland und überall singen junge Leute lautstark die wohlgemerkt deutschen Texte der Berliner mit. Als jemand, der seit 22 Jahren in den USA lebt, hier Radio macht und viel mit Hörern in Kontakt ist, weiss ich das sehr zu schätzen, was Rammstein für die deutsche Kultur- und Sprachförderung erreicht haben. Zwar unbeabsichtigt und fernab jeglicher staatlicher Unterstützung, aber deshalb umso willkommener.

Flakes Buch „Heute hat die Welt Geburtstag“ zeigt die sehr menschliche Seite hinter der harten Fassade dieser Band. Erschienen ist das Buch für 20 Euro im S. Fischer Verlag, und ich kann es nur wärmstens empfehlen.

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Live in Konzert

Vier Bands, vier Konzerte, gnadenlos gute Stimmung. Eisbrecher live im Circus Krone in München, Fiddler’s Green im E-Werk in Köln, Rammstein im Madison Square Garden in New York City, die Böhsen Onkelz live am Hockenheimring. Unterschiedlicher könnte es nicht sein und doch belegen alle vier CDs/DVDs/LPs, welche Energie in der deutschen Musikszene steckt. Alle vier Bands sind geniale Live-Acts.

Eisbrecher haben sich nach dem Ausstieg von Sänger Alex Wesselsky und Gitarrist Noel Pix von Megaherz etwas eigenes und neues geschaffen. Kein Blick geht zurück, es wird nur nach vorne geblickt, und das aus gutem Grund. Mitreißend ihr Stil und ihr Spiel. Das zeigen sie nur zu gerne in diesem Circus Krone Konzert. Es ist eine kraftvolle Mischung aus den bisher sechs Studioalben der Band. Die Münchner Combo wird angetrieben vom nimmermüden Sänger Alex Wesselsky, der hier auf der Bühne in seinem Element ist. Ein geborener Frontmann. Eisbrecher, und da bquatsche ich sie seit Jahren, haben durchaus eine Chance in den USA. Eisbrecher sind bereits im Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den Plattenregalen erhältlich. Metropolis Records hat sie unter Vertrag. Es wäre einen Versuch wert, auch jenseits des Atlantiks den Eisbrecher auf Fahrt zu bringen. Das Konzert im Circus Krone belegt das nur noch einmal erneut.

Fiddler’s Green aus Erlangen sind eine der besten Live-Bands in Deutschland. Ihre Konzerte sind schweisstreibende Parties für Musiker und Publikum gleichermaßen. Mit ihrem Irish-Speed-Folk haben sie sich eine treue Fangemeinde in allen Teilen der Republik erspielt. Gab es früher für die Band noch weiße Flecke auf der Landkarte, ist das nach 25. Jahren Bandgeschichte längst Vergangenheit. Egal, wo die Jungs aus Erlangen auftreten, es wird gefeiert. Ihr Kölner E-Werk Konzert wirkt wie ein Heimspiel im Erlanger E-Werk. Interessant bei den Fidders ist, dass sie es schaffen, immer wieder neue, junge Fans zu gewinnen. Wenn man sich die Bilder aus vergangenen Tagen ansieht, dann scheint es, dass ihr Publikum nicht altert. Das spricht für die Band, die diese spezielle musikalische Sprache gefunden hat, die Generationen verbindet und begeistert.

Deutsch hingegen ist die Sprache von Rammstein. Keine andere deutsche Band hat so viel für den Deutschunterricht in aller Welt getan, wie die Schwermetaller aus Ost-Berlin. Das zeigen sie auf beeindruckende Weise auf ihrer DVD „In Amerika“. Innerhalb von nur einer halben Stunde war das Madison Square Garden Konzert vom Dezember 2010 ausverkauft. Rammstein riefen, Tausende von Fans kamen, um die wohl weltweit beste Live-Band zu sehen. Rammstein spielen schon längst eine führende Rolle im internationalen Musikzirkus. Sie setzen mit ihren Live-Shows Maßstäbe, spielen in einer eigenen Liga. Und dann sind da die Fans, wie hier in New York City, die lauthals die Texte der Band mitsingen. Rammstein sind ein Erlebnis, für das es keine Vergleiche gibt. Perfekt organisiert, initiiert, abgespult. Als ich mir „In Amerika“ ansah, mußte ich unweigerlich an das erste Rammstein Konzert denken, das ich gesehen habe. Damals spielten sie als Vorband von KMFDM in einem kleinen Club in Palo Alto. Doch nichts außer der Größe der Konzerthallen hat sich verändert. Rammstein sind einmalig geblieben.

Nach neun Jahren Pause, zahlreichen Schlagzeilen außerhalb der Musik, haben sich die Böhsen Onkelz wieder zusammen gerauft. Böse Zungen werfen ihnen Geldgeilheit vor, nur deshalb würden sie wieder spielen. Doch die Onkelz sind solche Vorwürfe gewohnt. Sie haben sich in all den Jahren, 35 an der Zahl, nicht verbogen und nicht verbiegen lassen. Den alten Vorwurf der rechten Band hört man noch immer, aber der ist so verstaubt, wie diese olle Elton John Platte, die ich mal vor etlichen Jahren geschenkt bekommen habe und die seitdem auf dem Regal lieg. Geht gar nicht! Ihre Fans sind ihnen treu geblieben. Das zeigten vor allem auch die beiden Konzerte vom Juni 2014, die nun in einer speziellen Vinyl-Box erschienen sind. Pro Abend waren 100.000 Fans vor und um die Bühne herum versammelt, um die „Bad Boys“ der deutschen Musikszene zu feiern. Die Mannen um Stephan Weidner sind älter geworden, die Stimme von Sänger Kevin Russell spröder, kratziger und etwas kraftloser. Dennoch, die Band hat noch immer den „Drive“, die Energie und diese kompromisslose Wut im Bauch. Mit dem Hockenheimringkonzert melden sie sich beeindruckend und lautstark zurück. Ihre Kritiker hatten sich zu früh gefreut.

I give a Fuck

Till Lindemann, der Autor von „On Quiet Nights“. Lindemann, der Sänger und Texter des gleichnamigen Projektes. Diesmal auf Englisch, seine Gedichte und seine Lyrics. Till Lindemann ist der Sänger von Rammstein. Und die haben weltweit Kultstatus. Seit Mitte der 90er Jahre provozieren die eigensinnigen und markanten Berliner Heavy Rocker mit ihren Songs, ihren Texten, ihren Live-Shows. Auf ihrer ersten USA Tournee im Vorprogramm von KMFDM interviewte ich Gitarrist Paul Landers. Ein nettes Gespräch und Landers meinte, die Band sei selber überrascht, dass das, was sie machen, so gut ankommt. Und wie geht es weiter, fragte ich. Keine Ahnung, meinte Paul Landers, sie machen einfach weiter, so lange es jemand hören will.

Album 1 kam, da dachte man, was ist das denn. Album 2 kam, da waren sie schon ein Begriff in den USA. Mit Album 3 war klar, Rammstein bleiben. 21 Jahre nach der Gründung der Band sind sie weltweit zu den erfolgreichsten Botschaftern der deutschen Sprache geworden. Auch wenn dieser eine Satz den Kulturprofis in Deutschland Bauchschmerzen bereitet. Die Berufsbeamten in den Zentralen von Goethe-Institut und Auswärtigem Amt haben lange Zeit versucht, mit Ignorieren, Weghören und Belächeln Rammstein auszusitzen. Das hat nicht geklappt.

Rammstein wurden zu einem internationalen Phänomen. Allein die DVD „Völkerball“ zeigt, welchen kulturellen und sprachlichen Beitrag die Band geleistet hat. Da singen Fans in England, Russland, Frankreich, Japan die deutschen Texte, feiern diese Band aus Germany, die Interesse weckt an Deutschland, der deutschen Kultur, der deutschen Sprache. Und wer das nicht glaubt, den verweise ich immer wieder gerne auf einen Radiobeitrag, den ich vor ein paar Jahren für DeutschlandRadio Kultur produzierte. Damals postete ich auf dem Rammstein Forum herzeleid.com die Frage, warum und weshalb Amerikaner Rammstein hören? Ich erhielt nahezu 400 Rückmeldungen, vom High School Schüler bis zum Deutschprofessor. Rammstein waren geliebte Superstars, die einfach anders waren und die ein ganz neues, ein weltoffenes, ein interessantes, ein aufgeladenes, ja, ein durchaus positives Deutschlandbild vermittelten. Fans kamen über Rammstein zu anderen deutschsprachigen Bands, diskutierten online über Texte, deutsche Kultur, Sprache, Filme und Politik. Klar, kann man das belächeln und ignorieren, das ist jedem selbst überlassen. Ich allerdings betrachte das Phänomen Rammstein als jemand, der die Berliner als erster im amerikanischen Radio spielte, aus einer anderen Perspektive.

Doch zurück zu Till Lindemann, der sein musikalisches Soloprojekt und seine Gedichte nun auf Englisch veröffentlicht hat. Da hämmert sich einer auf der CD durch die Boxen, ein Fuck folgt dem anderen. Das erste Video, ganz typisch in Rammstein Manier, provoziert, eskaliert. Lindemann will nicht im Radio gespielt werden, warum auch? Eigentlich kann so gut wie kein Song auf der CD im US Rundfunk laufen. „Clean Versions“, bereinigte Songs, wie das amerikanische Musiker und Bands liefern, um im Radio und Fernsehen zu laufen, gibt es bei Lindemann nicht. Er macht ganz deutlich, er ist Künstler. „Fuck it“ ist die Aussage. Hör hin oder laß es sein. Die internationale Fangemeinde ist groß genug, um auch dieses Album, englischsprachig, zum Hit zu machen.

Und da sind die Gedichte des ehemaligen DDR Wettkampfschwimmers. „On Quiet Nights“. Verquastet, verschroben, verfremdet durch die englische Sprache. Doch das Englisch macht sie nicht einfacher, nicht schwieriger zum Verstehen. Till Lindemann hat seinen Ton gefunden, den er in typischer, sonorer Tonlage dem Leser, dem Hörer entgegen schleudert. Er will sich gar nicht erklären, er redet da nicht um den heißen Brei herum. Es sind dunkle Zeilen, bei denen man sich – ich mich – als Leser ertappt, man versteht manchmal einfach nicht, um was es eigentlich geht. Was will der Künstler mir da sagen? Und doch, die Worte haben ihren Reiz, ihren Klang, ihre Schönheit.

Till Lindemann ist jemand, der mit den Worten onaniert. In seinen Songtexten und seinen Gedichten gleichermaßen. Es ist dieses diabolische Vergnügen des Sängers, Dichters, Wortfetischisten, das man beim Lesen und Hören der Zeilen verspürt. Er schert sich einen Dreck darum, was Kritiker und Journalisten und Schreiberlinge über ihn denken und zu Papier bringen. „I give a fuck“ steht über allem. Und das ist ganz und gar nicht negativ gemeint. Ganz im Gegenteil, es verschafft Till Lindemann die künstlerische Freiheit, die er braucht und die seine Fans an ihm schätzen. Für Rammstein, für Lindemann, für seine poetischen Ergüsse.

On Quiet Nights / Lindemann

Ein Rammstein packt aus

"Der Tastenficker" ist der Rückblick des Rammstein Keyboarders Flake.

„Der Tastenficker“ ist der Rückblick des Rammstein Keyboarders Flake.

„Niemand, ich betone, niemand würde dieses Buch in die Hand nehmen, wenn ich nicht zufällig in dieser Band spielen würde“. Das schreibt Flake auf der Rückseite seines Buches „Der Tastenficker“, erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf. Und recht hat er. Niemand würde sich um seine Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse kümmern. Und doch, gerade weil er in dieser „Band“ spielt, ist das Buch lesenswert. Es gibt einen Einblick auf einen Musiker, der problembeladen seinen Weg ging und geht, der meint, nur durch Zufall sei er in der „Band“ gelandet. Die brauchten halt einen Keyboarder, so Flake.

Flake vermeidet bis wenige Worte vor dem Ende das Wort „Rammstein“, er redet nur hin und wieder von „der Band“. Er beschreibt seine Kindheit, seine Phobien, kommt manchmal als liebenswerter Trottel rüber, den andere ausnehmen. Aber seine Geschichte ist wohl vergleichbar mit vielen, die in der DDR aufgewachsen sind, sich irgendwie damit arrangiert hatten ohne Teil davon zu werden. Sie erlebten zwei  Systeme und den Wandel der Zeit. Darum geht es auch in diesem Buch. Flake nennt sich „Tastenficker“, doch er ist auch ein Freischwimmer, der sich irgendwie durchgekämpft hat und nun zu einer der bedeutendsten Bands unserer Zeit gehört. Ob das Zufall war, wie er meint, oder logische Konsequenz, er ist da, wo er sein sollte, und ergänzt durch seine zappelige Art und Weise diese auf Perfektion getrimmte Band.

Ich hatte Flake ein paar Mal hier in den USA für Interviews getroffen. Das war noch bevor sie die großen Stadien füllten. Was mich von ihm überzeugte, und warum ich auch dieses Buch lesen wollte, war, dass er nicht abgehoben, auf dem Boden der Tatsachen, sympathisch und locker daher kam. Wir unterhielten uns über die Musik, klar, aber auch über alles mögliche. Er fragte mich aus über die USA, die ihn auch in seinem Buch fasziniert.

„Der Tastenficker“ ist eine Beschreibung, einfach und direkt geschrieben, so, als ob er einfach alles in ein Diktiergerät gesprochen hat. Wahrscheinlich sogar noch mit Kassette, Flake lebt in seiner eigenen Welt, die irgendwo stehen geblieben ist. Und das sage ich nicht, um ihn abzuwerten. Ganz im Gegenteil, es ist überraschend, dass jemand, der durch die Welt tourt, die größten Bühnen und Festivals bespielt und mit deutschsprachigen Songs international Musikgeschichte geschrieben hat und eben Teil dieser „Band“ ist, dass dieser jemand so offen von sich schreibt, Fehler und Mängel eingesteht, von sich behauptet er renne keinen Trends hinterher, sich so öffnet und sagt, eigentlich ist er ein ganz uncooler Typ, den man nicht beachten würde, wenn er eben nicht einer von R+ wäre. Das macht ihn für mich sympathisch, das macht das Buch lesenswert. Sicherlich nicht die erwartete Biographie eines Rammsteiners. Aber vielleicht gerade doch, denn sie haben es immer wieder geschafft etwas ganz anderes zu machen, als alle vorhergesagt haben.

Und hier kommt der Nächste

Immer mal wieder versuchen es deutsche Musiker und Bands in den USA groß rauszukommen. Doch bislang haben es nur ganz wenige geschafft. Klar, da sind die Scorpions, da ist Kraftwerk, da ist Rammstein, die man hier drüben als Superstars feiert. Interessant bei Rammstein ist, dass sie es mit deutschen Texten geschafft haben. Sie haben sich nicht verbogen und verdreht, um es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu packen. Sie blieben sich und ihrer Musik treu.

Andere Bands und Musiker touren viel durch die USA, sind veröffentlicht und haben auch ihre Fangemeinde. Ich denke an Blind Guardian, an Accept, an Kreator, an die Einstürzenden Neubauten, an Faust und auch an KMFDM, an zahlreiche deutsche Krautrock und Elektro Acts. Viele deutsche Independent Bands sind ebenfalls veröffentlicht und auf Tour. Sie alle haben ihre Nische gefunden und sind damit zufrieden.

Doch es gibt Großangriffe, die nicht funktionieren (können). Tokio Hotel wurden von ihrer Plattenfirma gehypt. Namhafte Konzerthallen, wie das Fillmore in San Francisco, gebucht, Tickets billig verkauft, um die Hallen zu füllen, und jedem Konzertbesucher ein Poster überreicht, darauf, wie hier, „Tokio Hotel in San Francisco“. Der angepeilte Erfolg blieb aus. Im Konzert riefen viele junge Mädchen „sing German“, doch die netten Jungs von Tokio Hotel spulten ihr Programm vor allem auf Englisch runter.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo's Club in North Beach.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo’s Club in North Beach.

Ähnlich verlief es mit Herbert Grönemeyer. In Deutschland kann er tun und lassen, was er will. In den USA fiel er kaum auf. Seine englischsprachige Platte „I walk“ wurde groß angekündigt, Interviews liefen sogar auf National Public Radio mit ihm, denn Grönemeyer brachte den Superstarnamen aus Deutschland mit, war bekannt durch den Klassiker „Das Boot“ und sein Duett mit Bono auf der Debut Platte schadete seinem Ansehen auch nicht. Herbert Grönemeyer erklärte mir im Interview, dass er den Versuch in den USA gelassen sieht. Und tatsächlich, er verwirklichte sich wohl eher einen Traum. Auch in seinen Konzerten waren vor allem Deutsche, die ihn einmal in Clubatmosphäre und nicht im großen Stadion oder auf einer Anti-Pegida Demo sehen wollten. Auch sie riefen „Herbert, sing Deutsch“, doch auch Grönemeyer blieb fast nur beim Englischen.

Und jetzt kommt der Rapper Cro über den großen Teich. Seine Single „Traum“ wird nun neu und englischsprachig veröffentlicht, ein US Magazin riet seinen Lesern auf eine Reihe internationaler Rap Musiker zu achten, dabei kam Cro sogar auf Platz zwei. Und er selbst zeigt sich durchaus angetan, erklärte er in einem Interview, dass er nun die Chance hat, im Geburtsland des Hip Hop mal einen abzurappen. Die Erfolgsaussichten sind allerdings auch bei Cro gering.

Deutsche Musiker und Bands haben meiner Meinung und Einschätzung nach nur dann in den USA eine wirkliche Chance, wenn sie etwas ganz anderes liefern, als der größte Musikmarkt schon selber hat. Jene Gruppen, die es hier irgendwie geschafft haben einen Fuß in die Tür zu bekommen, sind das beste Beispiel dafür. Die Liste ist lang und vielseitig. Doch Tokio Hotel, Herbert Grönemeyer und auch Cro sind bei dem, was sie machen gut, aber sie können in den USA auch nicht annähernd den gleichen Erfolg feiern, den sie daheim haben.

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Der wahre Heino lebt in LA

Der wahre Heino unterhält die Amerikaner am Pazifik.

Der wahre Heino unterhält die Amerikaner am Pazifik.

Heino ist ein Phänomen. Lange Jahre war er ja nur so eine Omageschichte. Hörte oder las ich was von Heino, dachte ich an meine Oma, denn der blonde Barde mit der dunklen Brille war der Hit im Altenclub in Dortmund-Mengede. Ja, ja so blau, blau, blau blüht der Enzian…. Was er dann mit dem wahren Heino, Norbert Hähnel, Mitte der 80er Jahre machte, war nicht ok, denn in Deutschland muß doch Platz für mehr Heinos sein. Ein Gericht verurteilte Hähnel zu einer Geldstrafe, die der jedoch nicht abzahlte, sondern lieber im Gefängnis absaß.

Heino, der ewige Entertainer, erlebt derzeit einen neuen Frühling. Seine Stammfangemeinde dünnt sich ganz natürlich etwas aus, da erweitert er die Grenzen des Möglichen und Zumutbaren. Heino auf Wacken mit Rammstein. Heino singt Die Ärzte. Heino in Lederkutte. Heino auf großer Clubtour mit harten Gitarrenriffs. Ja, was ist denn jetzt los.

Das alles betrachte ich seit einiger Zeit etwas perplex aus der Ferne. Und nun das, es gibt in Nordamerika einen zweiten Heino. Der Kanadier Marc Hickox tritt schon seit Jahren als singender Doppelgänger auf, meist in deutschen Restaurants zwischen Toronto, San Francisco und Los Angeles, wo Heino ein Begriff ist. Das ganze ist eine Art Persiflage auf Deutschland und die Deutschen, wie Hickox meint, denn „gibt es ein anderes Land auf der Welt, wo David Hasselhoff wie ein Gott verehrt wird?“

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Es wird kalt, Amerika!

Das neue Eisbrecher Album wird auch wieder in den USA veröffentlicht werden.

Das neue Eisbrecher Album „Schock“ wird auch wieder in den USA veröffentlicht werden.

Nun also die Nummer 6. “Schock” heißt das Album und knallt richtig gut. Eisbrecher holen zum nächsten Schlag aus, der sie weit nach vorne katapultieren soll und auch wird. Kompromisslos und mit Vollgas schiebt sich der Eisbrecher voran.

Ohne Zweifel haben sich die Mannen um Sänger Alex Wesselsky fest in der deutschen Musikszene verankert. Das kann man an den Verkaufszahlen ablesen, das kann man an den begeisterten Fans (Rheinfeier 2014) erkennen, das kann man aber auch erneut auf dieser Platte hören. Das Rad wird hier nicht neu erfunden, vielmehr baut die Band auf den fünf Vorgängeralben auf. Der Sound ist kompakt, direkt und auf die 12. Da wird nicht groß gefrickelt, da wird nicht rumgezaudert, da versucht man nicht sich mit Klangexperimenten neuen Hörerschichten zu öffnen. Wer eine Eisbrecher Platte hört, weiß, was er bekommt. Harte Riffs, treibende Beats, stimmige, ja eingängige Melodien und deutsche Texte, die mit “Hooklines” nur so durchsetzt sind.

Die Band lebt vom charismatischen Sänger Alex Wesselsky, der nicht nur ein begnadeter Vocalist ist, sondern auch ein ganz besonderer Frontmann. Hier überschneiden sich die Spuren von Eisbrecher mit denen von Rammstein. Beide Bands haben einen herausragenden Sänger, der live und im Studio in seinem Element ist. Und wenn man das sagt, vermindert das in keinster Weise die Bedeutung von Noel Pix oder Richard Kruspe in ihren Bands. Ganz im Gegenteil, Eisbrecher zeigen auf ihren neuen Album “Schock” das perfekte Zusammenspiel einer Band. Einfach hervorragend!

Rammstein haben vor Jahren den Sprung in die USA gewagt, sich als Vorband von KMFDM durch kleinere Clubs nach oben gespielt. Sie überzeugten die Fans mit ihrem Sänger, ihrer Show, ihrem brettharten Sound und ihren deutschen Texten. Eisbrecher könnte ohne weiteres diesem Beispiel folgen. Sie haben das Zeug und vor allem die Songs dafür. Seit über 18 Jahren ist „Radio Goethe“ on-air in den USA und Kanada. Die Rückmeldungen, die ich von Hörerinnen und Hörern bekomme, bestätigt genau das; deutsche Texte sind international kein Bremsklotz mehr.

Auch die neue Platte wird Ende Januar auf Metropolis Records in “God’s Country” veröffentlicht. Die Möglichkeiten für Eisbrecher sind unbegrenzt im Land jenseits des großen Wassers. Ein “Schock” wäre es nur, wenn der Eisbrecher lediglich im Heimathafen vertaut bliebe. Deshalb mal hier und klar gesagt: Es wird kalt, Amerika!

Mit Mozart bei Aldi an der Kasse

      Mozart im Interview

Er hat bereits vor Rammstein auf der Bühne geschockt. Ganz bewusst. Es krachte, flammte und provozierte. Mit Umbra et Imago ging Mozart 1991 an den Start. Der Sound kommt an, auch international ist die Band gefragt. Der aus Karlsruhe kommende Musiker gehört zu den Pionieren der deutschen Gothic-Szene. Neben seiner mehr gitarrenorientierten Band Umbra et Imago hat er seit einigen Jahren auch das Projekt Dracul am Start. Mehr elektronisch ausgerichtet, besser für die Clubs geeignet. Mozart nimmt kein Blatt vor den Mund, er versteckt sich nicht, beschönigt auch nichts. Er steht zu dem, was er sagt.

Er arbeitet ständig an etlichen Projekten, bekommt dabei gleich Ideen und Visionen für weitere. Ein Interview mit ihm ist unterhaltsam, man kann scherzen, man kann lachen, wie man das in dem oben zu hörenden Gespräch für meine Sendung Radio Goethe hören kann. Und doch, Mozart hat den Überblick über die Gothic-Szene, wie wohl kein anderer. Gerade weil er schon seit Ewigkeiten dabei ist. Er legt den Finger in die Wunde, vor allem dann, wenn er mitansehen muß, wie die Gothic-Szene von politisch rechten Strömungen unterspült wird.

KMFDM Sucks

Also, diesen Ausspruch „KMFDM sucks“ sollte man nicht so wörtlich nehmen. „Sucks“ ist eine Single vom 93er Album „Angst“. Darin machen KMFDM deutlich, um was es ihnen geht und singen eben auch „KMFDM sucks“….und genau das riefen die Fans am Samstagabend in San Francisco, um die in Hamburg ansässige Band zu einer weiteren Zugabe zu animieren.

We don’t have no lyrics, our message is nil
We hate all DJs, they’re makin‘ us ill
Whatever we tell you, is meant to be crap
We hate all music, and especially rap
We don’t like Michael Jackson
We hate Depeche Mode
We don’t care for Madonna
Or Kylie Minogue
KMFDM Sucks!

Und auch wenn sie sich selbst auf den Arm nehmen, derzeit tourt die Band um den Hamburger Sascha Konietzko wieder erfolgreich durch die USA. Portland ausverkauft, San Francisco ausverkauft…nun geht es über Los Angeles Richtung Ostküste und dann zurück zum Abschlußgig am 30. März in Seattle. Ein einziger freier Tag, sonst wird durchgebrettert.

Gestern im Independent in San Francisco war die Bude voll. KMFDM wurden lautstark von Fans empfangen, die seit nunmehr Jahrzehnten die Band begleiten. Sie legten los mit Songs aus dem neuen Album „Kunst“. Und immer wieder kamen Klassiker, von „Anarchy“ bis „Tohuvabohu“. Am Ende, als letzte Zugabe, die finale Dröhnung „A drug against war“.

Im Jahr 29 nach Bandgründung hat die Gruppe nichts von ihrem „Drive“, ihrer Energie, ihrer Kraft verloren. Sascha Konietzko ist Anfang 50, man merkt es ihm nicht an, die Hamburger Luft scheint ihm gut zu tun. Er gehört im internationalen Musikgeschäft zu den Pionieren in seinem Bereich. Keine andere Band in diesem Genre hat jemals so eine weltweite und eingeschworene Fangemeinde aufbauen können, und das über einen so langen Zeitraum. Andere kamen, andere gingen, andere wurden massiv beeinflußt. Die Deutschen haben durchaus einen guten Ruf auf der internationalen Bühne, dank Bands wie KMFDM. Sie sind die Topseller auf dem Metropolis Records Label, füllen problemlos die Clubs in Übersee…und haben letztendlich auch Rammstein mit nach oben gebracht. 1997 spielten Rammstein im Vorprogramm von KMFDM und präsentierten ihren Sound einer begeisterten und an der deutschen Musikszene interessierten Fangemeinde.

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Herbert will es wissen

„Hast du etwas Zeit für mich, dann singe ich ein Lied für Dich…“ trällert Nena noch immer durch den amerikanischen Äther. Und das hat sich wohl auch Herbert Grönemeyer gedacht, wenn Nena das kann…. Der Großvater des Deutschrock will es nun auch in Amerika wissen. Sein Konzert mit Gaststar Bono von U2 wurde für das US Fernsehen PBS aufgezeichnet und wird im Dezember als „Fundraiser“ für zwei Stationen ausgestrahlt. Wer spendet kann Tickets für zwei Konzerte von Grönemeyer in New York und Chicago bekommen.

Im Februar soll dann auch ein Album in den USA erscheinen. Falls die Platte gut läuft, soll es auch eine Tour im Herbst 2013 geben. Grönemeyer ist bekannt in Amerika…zumindest sein Gesicht aus dem Film „Das Boot“. Den deutschen Filmklassiker kennt eigentlich jeder. Doch Herbert Grönemeyer als Sänger in Amerika, man kann gespannt sein. Schon jetzt wird von Seiten der deutschen Botschaft und der Konsulate die Werbetrommel für die CD und Tour geschlagen, wobei ich mich wundere, ob Grönemeyer wirklich auf dem amerikanischen Markt eine Chance haben wird. Er ist gut – keine Frage. Er hat deutsche Musikgeschichte geschrieben – ohne Zweifel. Sein Genuschel ist einzigartig und zeigt, dass man nicht unbeding klar und deutlich singen mus, um erfolgreich zu sein – mit absoluter Sicherheit. Aber Herbert Grönemeyer ist weder Kraftwerk noch Rammstein noch Max Raabe.

„I walk“ heißt das Album, das im Februar erscheinen soll. Grönemeyer singt da auf Englisch, seine erste CD, die nicht in der Muttersprache aufgenommen wurde. Auch das nun auf PBS ausgestrahlte Konzertspezial heißt „I walk“ und umfasst neben eigenen Songs auch Klassiker, die Herbert klasse findet, darunter „Always on My Mind“ von Willie Nelson, „Marie“ von Randy Newman und „I’m On Fire“ von Bruce Springsteen.. Als Schmankerl schaut Bono für zwei Songs auf der Bühne vorbei….wo ist der eigentlich nicht zu finden? Weißes Haus, Afrika und bei Herrn Grönemeyer. Alles für den guten Zweck.

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