Antisemitismus im Trump-Land

Die „Oakland Hebrew Day School“ liegt genau gegenüber von meinem Fitness Club, dem „Oakland Hills Tennis Club“. Da ich das Spazierengehen mit meinem Hund meistens an ein Workout anschließe, parke ich immer im Schatten eines Baumes, der genau am Zaun der Schule liegt. Käthe wartet und weiß, danach ist sie mit mit ihrem Auslauf dran. So auch gestern, ein Tag wie immer. Doch als ich zurück zu meinem Wagen kam, stand da ein Sicherheitsbeamter der Schule. „Is that your car“, fragte er. Ja, meinte ich. Er kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand und meinte, „Thank you for taking care of your dog“. Ich wußte, auf was er hinaus wollte und fragte ihn, ob es ein Problem sei, wenn ich hier parke. Nein, nein, sagte er. Der Schulleitung sei nur aufgefallen, dass da ein Wagen sehr nah am Zaun parke und er habe kontrolliert was da los sei. Als er meinen Hund im Auto sah, wußte er gleich, warum der Wagen da stand. „I watched out for her, beautiful dog“.

Am 3. März wurden zahlreiche Grabsteine auf dem Waad Hakolel Friedhof in Rochester, New York, beschädtigt. Foto: AFP.

Am Zaun der Schule sind Schilder angebracht, dass das Gelände mit Kameras überwacht wird. Heute stand ein Streifenwagen vor der Schule, als ich langsam an ihm vorbeifuhr sah ich, dass der Beamte mein Kennzeichen in den Computer eingab. Es herrscht Angst bei Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. Jüdische Einrichtungen, Schulen, Kulturzentren, Synagogen stehen unter besonderer Beobachtung in diesen Tagen und Wochen. Es hat sich etwas verändert in den USA, im Trump-Land. Mit dem erfolgreichen Wahlkampf und der Amtsübernahme durch Donald Trump sehen sich Rassisten und Juden- und Islamhasser im Aufwind. Offen treten sie auf, schlagen um sich, beschädigen Einrichtungen und Friedhöfe, verbreiten Angst und Schrecken. Die jüdischen Gemeinden in den USA werden mit Bombendrohungen überzogen. Allein in der ersten Märzwoche wurde 100 antisemitische Zwischenfälle in 33 Bundesstaaten gezählt, daruter Anschlagsdrohungen, geschändete Friedhöfe, Hakenkreuzschmierereien an Synagogen.

Nun haben zum ersten Mal überhaupt alle 100 Senatoren im US Senat einen gemeinsamen Brief an den Chef des Homeland Security Ministeriums, John Kelly, an den Justizminister, Jeff Sessions, und an den FBI Direktor, James Comey, geschickt, in dem sie die Bundesbehörden dazu auffordern, alles in ihrer Macht mögliche zu tun, um Kommunen im Kampf gegen diese neue Welle Antisemitismus und Rassismus zu helfen. Eine symbolische Einheit, die mehr als wichtig ist.

Das Problem ist einfach nicht mehr wegzureden. Rechte Gruppen sehen sich durch die Wahl Donald Trumps gestärkt, auch wenn dieser jüngst erklärte, er verabscheue solche Art von Gewalt. Doch das kam für viel in den jüdischen Gemeinden zwischen New York und San Francisco zu spät. Zuvor hatte sich der New Yorker Selbstdarsteller um eine klare Position herumgeredet. Es müsste nun eigentlich eine Chefsache sein, die unsäglichen, hasserfüllten und unamerikanischen Zwischenfälle zu stoppen. Doch der Präsident schweigt erneut. Darauf zu warten, bis es wirklich zu Bombenanschlägen gegen eine Schule in den Oakland Hills oder ein jüdisches Kulturzentrum in San Francisco kommt, ist nicht nur unverantwortlich, es würde vielmehr jene mitverantwortlich machen, die jetzt keine klare Stellung beziehen.

Trump ist ein Alptraum für die USA

In einem Leserbrief an die Nürnberger Zeitung schreibt Manfred Ritter aus Neumarkt: „Endlich hat Amerika einen Präsidenten mit deutschen Wurzeln, der unser Land kennt – und nun kommen die ganz gescheiten Spezialisten und haben nichts anderes zu tun als ihn madig zu machen. Als ob uns Deutsche das amerikanische Sozialsystem, die Armut oder das Waffenrecht etwas anginge“.

Da hat er recht, das geht die Deutschen nichts an, aber man sollte sich besorgt zeigen, auch wenn es um die amerikanische Innenpolitik geht. Wenn ich mir auf facebook und twitter so einige der Pro-Trump Kommentare aus deutschen Landen ansehe, durch die vielen qualitativ unsinnigen „News-Seiten“ im Internet lese, dann wird Trump als der Heilsbringer der westlichen Welt, als Friedensstifter, als der neue Führer der Weltgemeinschaft gesehen. Trump setzt nun das um, was er im Wahlkampf von sich gegeben hat. Die erste Riege seiner Administration steht, und die läßt mit Stephen Bannon und Jeff Sessions nichts Gutes erwarten. Dazu kommt eine lange Liste von Republikanern und Konservativen, die einem Nackenschmerzen vom vielen Kopfschütteln bereiten. Namen, die als mögliche Kandidaten im Trump-Kabinett gehandelt werden, darunter Sarah Palin, Joe Arpaio, David Clarke, John Bolton, Jan Brewer. Mir wird schwindelig. Allein die Tatsache, dass diese Personen in Frage kommen könnten ist irrsinnig.

Die Konfederationsflagge auf einer Parade im nordkalifornischen Petaluma. Foto: @ JaredHuffman.

Die Konfederationsflagge auf einer Parade im nordkalifornischen Petaluma. Foto: @ JaredHuffman.

Wer in diesen Tagen als „USA Spezialist“ auf facebook, in sozialen Medien oder auch sonstwo mit Blick auf die internationale Bühne erklärt, es werde schon nicht so schlimm oder wahrscheinlich sogar besser unter Trump werden, dem sei gesagt, es wird schlimm werden. Was die ersten Aussagen von „President elect“ Donald Trump belegen, was die ersten Kabinettsmitglieder zeigen, was hier nun ganz offen passiert, deutet auf schlimme Zeiten hin. Amerika steht vor einem gewaltigen Rechtsruck, einem Kulturschock.

Nördlich von San Francisco liegt die Kleinstadt Petaluma. Dort fand am vergangenen Freitag eine Parade zum „Veterans Day“ statt. Und dort wurde ganz offen die Südstaatenflagge gezeigt, ein Symbol des weißen, rassistischen Amerikas aus längst vergangenen Tagen. So etwas gab es hier noch nie. Klar, manche sagen, es sei nur eine Fahne, kein großes Ding. Doch das ist hier die Bay Area, liberal, offen, politisch korrekt. Wer die Konföderiertenflagge offen zeigt, der will provozieren, will in diesen Tagen deutlich machen, dass nun andere Zeiten anbrechen. Hier IN den USA wird ein Donald Trump tiefe Spuren und auch Wunden hinterlassen.

Die Rassismusdebatte in den USA

Amerika ist schon ein seltsames Land. Die jüngsten Ereignisse ob in Ferguson oder Baltimore, Chicago oder New York zeigen, dass eine wirkliche Debatte über Ungleichheit, Benachteiligung, alltäglichem und strukturellem Rassismus dringend notwendig wäre. 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung muß man sich manchmal schon fragen, warum damals eigentlich Hunderttausende marschiert sind, sich niederknüppeln ließen, zivilen Ungehorsam leisteten, einige ihren Einsatz für gleiche Bürgerrechte mit dem Leben bezahlten. Für was?

Eine Diskussion bräuchte es, doch die kommt nicht zustande. Zumindest nicht auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene. Wie hier über Rassismus gesprochen wird, ist alles andere als hilfreich. Jüngstes Beispiel der Ausflug eines Buchclubs afro-amerikanischer Frauen ins nordkalifornische Napa Valley. Die Gruppe hatte den Trip schon lange geplant. Mit einem „Wine Train“ fährt man zwischen Napa und St. Helena hin und her. Dabei wird Wein verköstigt und allerhand über die Weine und die Region erzählt.

Die Gruppe Frauen war allerdings so laut, dass sich andere Passagiere gestört fühlten und beschwerten. Mehrmals, wie es hieß. Der Schaffner kam einmal  und bat um etwas Zurückhaltung. Keine Reaktion. Der Schaffner kam ein zweites Mal und ermahnte die Damenrunde. Wieder keine Reaktion. Der Schaffner kam ein drittes Mal und meinte, jetzt sei Schluß. Auf den Einwand, das sei doch ein Weinzug, in dem getrunken und gefeiert werde, hieß es, dass sei er eben nicht. Man befinde sich hier nicht in einer Bar.

In St. Helena wurde die Gruppe kurzerhand des Zuges verwiesen. Die Betreiber der Strecke organisierten einen Kleinbus, um sie wieder zurück nach Napa zu fahren. Die Kosten für die Tickets wurden zurück erstattet. Doch damit war die Geschichte nicht zu Ende. Einige Damen der 11köpfigen afro-amerikanischen Buchgruppe warfen dem Unternehmen nun Rassismus vor, sie seien „erniedrigt“ und nur deshalb des Zuges verwiesen worden, weil sie schwarz seien. Nun verlangen sie eine öffentliche Entschuldigung der Bahnbetreiber. Andere Passagiere widersprechen dem zwar, doch das Rassismus Schwert über dem „Napa Valley Wine Train“ kommt in diesen Tagen gar nicht gut. Eine schlechtere Werbung kann man sich gar nicht vorstellen. Aber dieser Vorfall ist ein gutes Beispiel dafür, auf welcher Ebene sich derzeit die eigentlich wichtige und notwendige Rassismus Debatte in den USA befindet und abspielt.

YouTube Preview Image

Das Land der schönen Worte und großen Gesten

Am Wochenende jährte sich zum 50. Mal der brutale Polizeieinsatz gegen schwarze Demonstranten in Selma, Alabama. In den Geschichtsbüchern wird dieser Sonntag als der „Bloody Sunday“ geführt. Damals wollten ein paar Hundert Afro-Amerikaner von Selma nach Montgomery marschieren, um für ihr Wahlrecht zu protestieren. Als sie von der „Edmund Pettus Bridge“ kamen, wurden sie von „State Troopers“ und Mitgliedern des Ku Klux Klans erwartet und brutalst zusammen geschlagen. Diese Brücke und dieser Protest spielt in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein ganz wichtige Rolle, denn die Bilder des blutigen Polizeieinsatzes wurden im ganzen Land gesehen. Tausende von Afro-Amerikanern und Weißen zog es daraufhin nach Selma, um die Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht durchzusetzen. Präsident Lyndon B. Johnson mußte handeln und handelte.

Am Wochenende wurde an den historischen Marsch von Selma, Alabama, gedacht.

Am Wochenende wurde an den historischen Marsch von Selma gedacht. Vor 50 Jahren wurden hier Hunderte von der Polizei niedergeknüppelt.

Nun am 50. Jahrestag des „Bloody Sunday“ kamen sie alle nach Selma. Zeitzeugen von damals, Bürgerrechtler, Politiker aus Washington. Sie marschierten erneut über die Brücke, Arm in Arm, die Präsidentenfamilie vorne weg. Ein Moment für die Kameras, ein weiteres Foto für die Geschichtsbücher. Auf dem Bild sieht das so aus, als ob Amerika seine Vergangenheit überwunden hat. Der erste afro-amerikanische Präsident vereint mit den Überlebenden der US Bürgerrechtsbewegung. Man läuft symbolisch auch über eine Geschichtsbrücke, wir sind weit gekommen, will das Bild suggerieren. Doch stimmt das?

Der Jahrestag fiel in die Woche, in der eine Untersuchung des Justizministeriums zu der Polizeiarbeit in Ferguson veröffentlicht wurde. Das Ergenbnis, 50 Jahre nach Selma gibt es in den USA noch immer einen systematischen und gezielten Rassismus. Ferguson ist eine Kleinstadt, die genauer betrachtet wurde. Und nur deshalb, weil hier ein weißer Polizist einen schwarzen Jugendlichen erschoss.

An diesem Wochenende gab es viele Reden, viele große Gesten. All das, was Amerikaner so sehr lieben, auf was sich die Medien stürzen. Immer, wenn ein Jahrestag ansteht, wenn eine Katastrophe passiert, wenn Amerikaner Opfer von Gewalt und Terror werden, dann wird an den amerikanischen Geist appelliert. „Wir sind eine Nation“, heißt es dann. Trotz aller Unterschiede, sei man geeint. Doch hinter den großen Worten und Gesten ist nicht viel zu erkennen. Die Wahlgesetze, für die sich Afro-Amerikaner vor 50 Jahren blutig schlagen ließen, werden ausgehöhlt, was gerade diejenigen betrifft, die damals auf die Straßen gingen. Den Latinos im Land geht es nicht viel besser. Polizisten und Sheriffs in den südlichen Bundesstaaten verdächtigen erst einmal jeden mit dunklen Haaren als illegalen Einwanderer, als potenzielles Gangmitglied, als Waffen- und Drogenschmuggler.

Es gibt genügend Beispiele, die die Bildernation Amerika liefern kann. Da wäre auch das vielgelobte Militär. Eigentlich der Bereich, in dem sich Demokraten und Republikaner einig sind. „We support our troops“ ist ein parteiübergreifender Grundsatz, der besagt, Truppen, die in den Einsatz geschickt werden, werden auch unterstützt. Das stimmt, zumindest weitgehend. Auch hier gibt es schöne Bilder und Gesten, verwundete Soldaten werden zu Empfängen eingeladen. Doch kommen die Soldaten, teils schwer verwundet und traumatisiert aus ihren Einsätzen zurück, werden sie nicht aufgefangen. Die Wartelisten in den Krankenhäusern für Veteranen sind lang, die Behandlungszentren überbelegt. Mehr und mehr Veteranen enden auf der Straße, laufen Amok, gehen in den Freitod. Keine schönen Bilder.

Amerika ist Hollywood. Eine Nation des ganz großen Kinos,  immer richtig präsentiert. Das ist gekonnt, das muß gekonnt sein. Doch nach fast 19 Jahren in „God’s Country“, dem „best place on earth“ sehe ich die Dinge etwas anders. Ja, ich habe mir Reden und Sendungen am Wochenende angehört und angesehen. Der Blick zurück auf das, was da 1965 passierte ist beeindruckend, bewegend, nahegehend. Das war es dann aber auch, denn viel gelernt hat man hier aus den Ereignissen vor 50 Jahren nicht. Wie sonst muß man die Tatsache sehen, dass die Brücke von Selma, die nach General Pettus benannt wurde, noch immer so heißt. Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung fand auf dieser Brücke statt, die nach einem führenden Mitglied des Ku Klux Klans benannt wurde..

Volltreffer durch die Stirn

Die einen werten es als Skandal. Die anderen meinen, das sei ein ganz normales Training. Was war passiert? Auf dem Schießstand der Polizeibehörde von North Miami haben Scharfschützen seit über zehn Jahren den sicheren Schuß geübt. Dazu wurden ihnen kleine Bilder präsentiert und anschließend mußten sie durchs Zielfernrohr den „Verdächtigen“ auf einem weiteren Bild aus sicherer Entfernung treffen. Bumm. Direkt durch die Stirn.

Fahndungsfotos als Zielscheiben freigegeben.

Fahndungsfotos als Zielscheiben freigegeben.

Einziges Problem bei dieser Übung. Die Fotos waren Fahndungsfotos von Gesuchten, die zum Teil bereits Haftstrafen abgesessen hatten oder noch einsitzen. Mehr durch Zufall kam diese Praktik nun raus, als eine Soldatin der Nationalgarde Floridas auf dem selben Schießstand im Dezember das Bild ihres Bruders fand. Einen Afro-Amerikaner. Mit durchschossener Stirn. Der Bruder war vor 15 Jahren verhaftet worden.

Sergeant Valerie Deant beschwerte sich und schaltete die lokalen Medien ein, die gleich über die Story berichteten, denn sie witterten einen neuen Skandal. Schießübungen auf Fahndungsfotos verhafteter Schwarzer. Der Polizeipräsident von North Miami, J. Scott Dennis, stoppte umgehend die Ballerei auf Polizeifotos und wies seine Behörde an, in Zukunft offizielle Zielscheiben zu erwerben. Doch gleichzeitig erklärte er, niemand habe auf dem Schießstand einen Fehler gemacht, niemand würde zur Rechenschaft gezogen werden. Dennis verwies darauf, dass die Zielscheiben durchaus auch Weiße und Latinos zeigten. Was die Sache nicht gerade besser macht, auch wenn es offiziell wohl keinen rassistischen Hintergrund gibt. Dennoch muß man der Polizei in North Miami zumindest das gewisse Feingefühl in der Ausbildung und Schulung ihrer Beamten vorwerfen.

Amerika ist rassistisch

Jetzt ist es eben Eric Garner. Die Namen lassen sich austauschen. Ein weiterer unbewaffneter Schwarzer, der nach einem Polizeieinsatz verstarb. Auch wenn der republikanische Kongressabgeordnete für New York, Peter King, erklärt, die NYPD schütze eigentlich junge Afro-Amerikaner und der Fall Eric Garner sei kein rassistischer Vor-, sondern ein tragischer Zwischenfall. „Wenn er kein Asthma und kein Herzproblem und nicht übergewichtig gewesen wäre, dann wäre er höchstwahrscheinlich nicht davon gestorben“, meinte King. Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, Schwarze mit Asthma, Herzproblemen und Übergewicht sollten in Zukunft noch mehr aufpassen und sich vor allem auf keine Konfrontationen mit der Polizei einlassen. Das ist auch eine Sicht der Dinge.

Präsident Barack Obama betonte erneut, Amerika habe ein Polizeiproblem. Viele Communities trauten den Beamten in Uniform nicht. Das sei zu lösen. Der Bundesjustizminister Eric Holder will sich den Fall Garner genauer ansehen und prüfen lassen, ob da Bürgerrechte verletzt wurden.

Ein Einzelfall? Ganz sicher nicht. Wir sind 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung in den USA. 2015 jähren sich die Unruhen im Stadtteil Watts von Los Angeles, die Gründung der Black Panther Partei in Oakland, Massenproteste gegen offenen und versteckten Rassismus in den USA. Jahrzehntelang tat man in den USA so, als ob alles paletti sei. Eine Klassengesellschaft, aufgeteilt nach Hautfarbe, das gibt es doch nicht. Nicht in den USA. Man verwies auf Gesetze, die Gleichbehandlung und Förderung von Minderheiten versprechen. Die tumultigen 60er Jahre liegen lange hinter uns, wurde immer wieder betont, so, als ob man sich selbst davon überzeugen wollte.

Tatsache ist jedoch, Amerika ist ein gespaltenes Land. Nicht nur in Demokraten und Republikaner. Nicht nur in reich und arm. Sondern eben auch in weiß und schwarz. Erst gestern Abend erzählte mir ein Bekannter, ein 63jähriger Architekt und eben  Afro-Amerikaner, dass er oft und ohne Grund von der Polizei kontrolliert wurde und wird. Ein Professor in San Francisco kann das nur bestätigen (die NZ berichtete). Selbst in seinem Büro und vor seinem eigenen Haus wurde er schon von Polizisten mit diesem gewissen Unterton befragt und kontrolliert. Auch Todesstrafengegner verweisen immer auf die Tatsache, dass man in den USA zum Tode verurteilt wird, wenn man arm und/oder farbig ist.

Amerika hat ein Problem. Ein ziemlich großes sogar. Die Polizei geht massiver gegen Afro-Amerikaner vor. Das belegen Aussagen von Schwarzen, von Weißen. Das belegen Statistiken, die zeigen, dass Afro-Amerikaner für geringe Delikte verhaftet und verurteilt werden, für die Weiße einen „Slap on the wrist“ oder einen „Pass“ bekommen. Was in der derzeitigen Diskussion nach den Todesfällen in Ferguson und New York fehlt, ist der Ansatz einer grundlegenden Debatte in den USA. Die Polizei muß derzeit ihren Kopf für die Versäumnisse einer ganzen Gesellschaft hinhalten, obwohl die Polizeieinheiten nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Dass es Fehlverhalten der Polizei gibt, ist unbestritten. Dass manche Polizisten ihre Uniform für unnötige Machtdemonstrationen nutzen, steht außer Zweifel. Doch die Beamten haben auch einen schweren Job, tagtäglich fahren sie in schußsicherer Weste in den Einsatz, wissen nie, ob da nicht ein Bekloppter mit einem Sturmgewehr auf sie wartet. Sie nun alleine für die mangelnde Gleichheit in den USA verantwortlich zu machen ist, wie ein Pflaster auf die Schnittwunde eines Krebspatienten zu kleben.

YouTube Preview Image

 

Was steckt hinter der Gewalt?

In Ferguson brannten erneut Autos und Geschäfte.

In Ferguson brannten erneut Autos und Geschäfte.

In Ferguson, Missouri, erklärt die „Grand Jury“, dass der weiße Polizist Darren Wilson nicht für die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten 18jährigen Afro-Amerikaner Michael Brown angeklagt wird. In Ferguson und auch in Oakland stehen Protestierende auf der Straße, halten Plakate hoch, hören das Urteil, alles bleibt zunächst ruhig. Dann beginnt der Demonstrationszug durch Downtown Oakland zu marschieren. Alles ist noch friedlich, doch irgendwann kippt die Stimmung.

Oakland ist die Stadt, in der Oscar Grant von einem BART Polizisten erschossen wurde. Auch er war unbewaffnet, auch er ein Afro-Amerikaner, auch in dem Fall wurde der Todesschütze nicht wegen Mordes angeklagt. Oakland ist eine „schwarze“ und hochpolitische Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich hier viele Afro-Amerikaner aus dem Süden des Landes nieder. Der Hafen und die lokale Industrie boten Jobs. In Oakland wurde die Black Panther Partei gegründet, hier begann die „Free Speech“ Bewegung, Oakland ist eines der amerikanischen Zentren des Hip Hop.

Natürlich blickt man von hier aus genau hin, was in Ferguson oder in Sanford, Florida, im Trayvon Martin Fall, passierte. Eben nichts, zumindest kam das so an. Ein weißer Polizist schießt auf einen unbewaffneten Schwarzen. Mal wieder, ein Zeichen der Ungleichheit in den USA, des Rassismus, die ganze Geschichte dieses Landes wird neu aufgerollt.

Dass Schwarze in den USA noch immer nicht gleichberechtigt sind ist weitestgehend bekannt. Da helfen auch keine Gesetze und auch kein schwarzer Präsident. Eine tiefe, umfassende und vor allem ehrliche Debatte fehlt in den USA. Da wird immer wieder Martin Luther Kings „I have a dream“ Rede vorgezogen, an die Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren erinnert, auf die Politisierung und auch Radikalisierung der Afro-Amerikaner gezeigt. Es wurden in den letzten 50 Jahren viele Gesetze verabschiedet, um die geschichtlichen Schulden des weißen Amerikas zu begleichen. Viel geholfen hat es nicht. Da muß man ehrlich sein.

Von daher ist die Wut und der Zorn, das Desinteresse und die Gleichgültigkeit in den afro-amerikanischen und mittlerweile auch in den Latino Communities zu verstehen. Es ändert sich ja doch nichts. Doch warum bei solchen Protesten immer auch Läden und Autos angezündet, „Corner Stores“, kleine Nachbarschaftsläden, geplündert werden, das ist mir unbegreiflich. Hier in Oakland brannten Geschäfte, Autos wurden demoliert, Hunderte marschierten auf die Autobahn und behinderten für Stunden den Verkehr. Bis tief in die Nacht lieferten sich einige der Protestierer Straßenschlachten mit der Polizei. Was das für eine politische Message sein soll, was das mit Michael Brown, Oscar Grant, Trayvon Martin, mit Diskriminierung, Rassismus und Ungleichheit zu tun hat, verstehe ich nicht. Das politische Establishment, das verhasste „weiße Amerika“ blieb davon in der Nacht auf Dienstag zumindest unberührt.

Der Blick zurück nach vorne

George Zimmerman ist ein freier Mann. Eine Jury in Florida kam zu dem Urteil, dass er den schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin nicht ermordet hatte. Doch dieses Urteil löste erneut in den USA eine breite Diskussion über Bürgerrechte und Benachteiligung von Afro-Amerikanern, über Diskriminierung und Rassismus, über ein ungerechte Justiz und eine gespaltene Gesellschaft aus. Und das 50 Jahre nach dem Marsch auf Washington.

Am 28. August jährt sich der Tag, an dem 1963 Martin Luther King seine berühmte Rede vor dem Lincoln Memorial in Washington hielt:

YouTube Preview Image

Rund 300.000 Menschen kamen damals nach Washington. 80 % davon, so schätzte man, waren Afro-Amerikaner, die ihre Rechte einforderten. Mahalia Jackson, Bob Dylan, Joan Baez umrahmten musikalisch dieses Ereignis. Der Marsch auf Washington wurde zum historischen Datum in der amerikanischen Geschichte, es war der Beginn einer Gewissheit für die Afro-Amerikaner, dass Veränderungen möglich waren, dass man gemeinsam den gesellschaftlichen Wandel schaffen kann.

In diesen Tagen wird zurück geblickt. Man erinnert sich, fragt, was ist seitdem geschehen? Der 28. August 1963 ist ein bedeutender Tag in der Geschichte der USA. Gerade auch, weil die derzeitige Debatte aufzeigt, dass die amerikanische Gesellschaft noch immer in Bewegung, noch lange nicht am Ziel angekommen ist. Die Bürgerrechtsbewegung ist nicht einfach etwas aus den 60er Jahren, sie ist ein lebendiger Part der USA.

Smithsonian Folkways hat eine interessante Sammlung an Originaltönen und Liedern aus der Zeit online gestellt, die man hier finden kann.

Ist Amerika rassistisch?

Seit ein paar Wochen schon ist der Name Treyvon Martin in den Schlagzeilen. Der 17jährige wurde in Sanford, Florida, von einem ehrenamtlichen Nachbarschaftssheriff erschossen. Der Tathergang ist unklar. Der Todesschütze George Zimmerman beruft sich auf Notwehr, er sei angegriffen worden. Die Familie des Jungen und auch einige Beweise besagen was anderes.

Amerika steckt im Wahljahr 2012 tief in einer Diskussion über Rassismus, Gleichberechtigung und Bürgerrechte. Dazu ein aktueller Audiobericht:

      Treyvon Martin