Mal wieder raus

Es ist in diesen Wochen nicht leicht, direkte Interviews zu führen. „Social Distancing“, Abstand halten, gilt auch für Journalisten. Eigentlich alle Gesprächspartner wollen lieber per Telefon, über What’s App Audio oder Skype reden. Das ist für mich eine große Umstellung, denn gerade das vor Ort sein, zu sehen, was passiert, das Umfeld des Interviewten kennenzulernen, an Orte zu kommen, die man sonst nie sehen würde, mit Menschen zu sprechen, die man sonst nie sprechen würde, das macht für mich meine Arbeit aus.

Doch diese Woche wurde ich seit langem mal wieder eingeladen, in eine Nachbarschaftsklinik nach East-Oakland zu kommen. Der „Roots Community Health Center“ ist eine private Initiative, die in einem der von Covid-19 stark betroffenen „black and brown“ Stadtvierteln zu finden ist. Das ganz bewußt, denn hier sind die Gesundheitsprobleme massiv, Corona hat hier besonders zugeschlagen. Die Ärztin Noha Aboelata hat 2008 diese Klinik gegründet, sie traf ich auf dem gesperrten Parkplatz, der in diesen Tagen für eine „Walk-In“ Corona Teststelle genutzt wird. Viele in diesem Stadtteil haben kein Auto, für sie kamen die von der Stadt Oakland eingerichteten „Drive-In test sites“ nicht in Frage.

Deshalb hat der Roots Center darauf gedrängt, am Internatinal Boulevard, im Herzen von East-Oakland, eine Teststelle aufzumachen, zu der man zu Fuß kommen kann. Etliche Zelte sind dort aufgereiht, die Mitarbeiter in Schutzkleidung, mit Maske und Brille checken die Testwilligen ein, erklären alles und helfen weiter. Dr. Noha Aboelata trägt zwei Nasenmundmasken, eine medizinische, eine aus Stoff darüber. Dazu eine Schutzbrille. Sie führt mich in den Innenhof des einstöckigen Gebäudes, wir gehen eine Treppe hoch, setzen uns mit Abstand auf eine Bank, es ist heiß an diesem Tag, ich beginne schnell unter meiner Maske zu schwitzen.

Dr. Noha Aboelata, die Gründerin der „Roots Clinic“ in Oakland.

Aboelata berichtet von den Herausforderungen, hier in einem jener Problemviertel der Stadt, das das Ergebnis des „Red Lining“ war, der systematischen Ausgrenzung von Schwarzen aus den Weißenvierteln. Diese Politik der Segregation wurde zwischen den 1920er und 1970er Jahren überall in den USA durchgeführt. Die Folgen sind noch heute zu spüren. Mangelnde Infrastruktur, eine schlechte Gesundheitsversorgung, fehlende Bildungseinrichtungen, eine Unterversorgung an gesunden Lebensmitteln. Das alles führte zu massiven Gesundheitsproblemen. Auch darüber wird derzeit in den USA gesprochen, wenn es um den systematischen und strukturellen Rassismus geht. Die Proteste im ganzen Land drehen sich auch darum. In Zahlen ausgedrückt, in dieser Covid-19 Krise, heißt das, Dr. Noha Aboelata hat in ihrer Klinik 1400 Tests durchgeführt, mehr als 12 Prozent waren positiv. Nur ein paar Kilometer weiter in den Oakland Hills, einer wohlhabenderen Gegend, liegt die Zahl der positiven Tests deutlich unter fünf Prozent.

Der Rassismus in den USA äußert sich nicht nur in der Polizeigewalt, er ist vielmehr tagtägliche Realität für Afro-Amerikaner und Latinos. Die Gesetze sprechen zwar davon, dass jeder in „Vereinigten Staaten von Amerika“ gleich ist, doch der Alltag sieht anders aus, wie man das auch hier in East-Oakland sehen kann. Was gefordert wird, ist nicht nur eine gewaltige Investition in diesen Stadtteilen, um die offensichtlichen, geschichtlichen Ungleichheiten auszumerzen. Was eingefordert wird ist auch eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ nach dem Vorbild in Südafrika. Nur so, glauben viele afro-amerikanische „Community Leaders“ kann die amerikanische Nation zu einer Einheit und zu einem inneren Frieden kommen.

Der Bauchnabel in der Krise

Donald Trump streichelt sich gerne um den Bauchnabel herum. So zumindest lassen sich seine Tweets lesen. An diesem Morgen in nur wenigen Stunden nahezu 30 an der Zahl, Tweets und Re-Tweets. Vor allem seine Verschwörungstheorie „Obamagate“ beschäftigt den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Kein Wort zu dem, was in Minneapolis passiert ist und wieder passiert.

Proteste in Minneapolis nach dem Tod von George Floyd. Foto: Reuters.

In der Nacht erneut Ausschreitungen, die Folge des brutalen und tödlichen Polizeieinsatzes gegen George Floyd. Das Video des knienenden Polizisten auf dessen Hals ging um die Welt, schockierte zutiefst und nicht nur in den USA. Ein Ladenbesitzer hatte die Polizei wegen eines gefälschten Geldscheines verständigt. Die kam, verhaftete den 46jährigen. Mit Handschellen auf dem Rücken lag er auf dem Straßenboden und ein Polizist setzte sein Knie minutenlang auf die Halsschlagader von George Floyd. Sein Flehen „I can’t breathe“ wurde einfach ignoriert. Selbst als der zweifache Vater schon regungslos auf dem Asphalt lag, kniete der Polizist noch immer auf ihm. Seine drei Kollegen schritten nicht ein.

Die Bilder sind verstörend. Die vier Polizisten wurden aus dem aktiven Dienst entlassen. Minneapolis brennt. Erneut starb ein Schwarzer nach einem unverhältnismäßigen und überbrutalen Polizeieinsatz. Diesmal vor laufender Kamera. Es herrschte keinerlei Gefahr für die Beamten. Vielmehr zeigen diese Bilder, wie tief der Rassismus in den USA noch immer verwurzelt ist. Ich spreche immer wieder im Bekanntenkreis und auch dienstlich mit Afro-Amerikanern und Latinos. Ihre Schilderungen von persönlichen Erfahrungen machen sprachlos. Ich erinnere mich an die Erzählung eines Freundes, Professor an der University of California in San Francisco, ein mehr als friedliebender Mensch, der mir schilderte, dass er schon mehrfach auf dem Nachhauseweg von der Polizei kontrolliert wurde, einmal sogar nur wenige Meter von seinem Haus entfernt. Sie glaubten ihm nicht, dass er dort wohne. Er mußte sich auf den Bürgersteig legen, Hände auf dem Rücken bis geklärt wurde, dass er in dem, in seinem Haus wohnt.

Das passierte in Berkeley, in der liberalsten Stadt in den USA. Das passiert tagtäglich überall in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Ausgang solcher Polizeikontrollen kann durchaus tödlich sein, wie man jetzt wieder in Minneapolis sehen konnte. Auch an den Ratschlag meines Freundes an seinen Sohn erinnere ich mich. Wenn die Polizei ihn kontrollieren wolle, solle er sich bloß nicht widersetzen. Das sind die USA im 21. Jahrhundert.

Und was fehlt, ist ein Präsident, der genau das zum Thema macht, zur Chefsache. Wir alle erinnern uns an den Wahlkampf 2016, als Donald Trump Footballspieler, wie Colin Kaepernick, angriff, weil diese während der Nationalhymnen vor den Spielen niederknieten, als eine Form des Protests gegen Polizeigewalt. Trump beschimpfte sie als „Hurensöhne“, als „unamerikanisch“, als „Vaterlandsverräter“, sie sollten einfach das Land verlassen. Unter dem Jubel seiner Anhänger schrie er das ins Mikrofon, so, als ob dieser Protest eine Staatskrise sei. Und jetzt ein erneuter Kniefall, ein etwas anderer, ein tödlicher und Trump schweigt. Er hat zwar das FBI eingeschaltet, aber das war es dann auch schon. Keine großen Worte, keine Versuche die Situation zu befrieden, keine Attacken gegen die brutalen Polizisten. Trump fehlt genau das, was in diesen Zeiten, in diesem tief gespaltenen Land mehr als wichtig wäre – Führungsstärke. Was noch schlimmer ist, der Präsident der Vereinigten Staaten treibt die Spaltung der USA nur noch weiter voran, in dem er nur Politik macht, die ihn, seine Familie, seine Freunde und seine Basis betreffen. Die „black and brown communities“ im Land zählen nicht dazu. Und so wird es wieder passieren, unbewaffnete Schwarze, die nach einem Polizeieinsatz sterben. Amadou Diallo, Trayvon Martin, Sean Bell, Eric Garner, Michael Brown, Freddie Gray….George Floyd. Wer ist der Nächste?

It’s not just Trump

Donald Trump macht heute einen auf Präsident und will nach den tödlichen Schüssen vom Wochenende Dayton, Ohio und El Paso, Texas besuchen. Dort will er sich mit Einsatzkräften und Opfern treffen. Und doch macht er klar, dass er sich nur als Präsident seiner Minderheitsbasis sieht. Vor dem Abflug nach Dayton erklärte Trump: „Ich glaube, was ich sage bringt die Leute zusammen“ und weiter, er sei „besorgt über jegliche Zuwachs von Hassgruppen“, was auch immer das heißen soll.

Nicht mehr als ein Wunsch, das Ende der Waffengewalt in den USA ist nicht in Sicht. Foto: Reuters.

Donald Trump macht also da weiter, wo er vor diesem Wochenende aufgehört hat. Er sieht kein Problem in seinen Aussagen, seiner Wortwahl, seinem rassistischen Unterton. Und sein Umfeld und die republikanische Partei schauen nicht nur weiterhin zu, sie unterstützen den Präsidenten auch weiterhin. Es wird sich also nichts ändern. Man muss sowieso zwischen zwei Dingen unterscheiden. Zum einen Trumps fremdenfeindliche und aggressive Äußerungen, die wohl auch aus Auswirkungen auf den Todesschützen in El Paso hatten. In seinem Manifest hatte der 21jährige an mehreren Stellen genau das aufgegriffen, was Trump per Twitter und auf seinen Massenveranstaltungen stets von sich gibt. Von einer „Invasion“ war die Rede.

Zum anderen ist da aber auch die aktuelle Debatte um eine Verschärfung der Waffengesetze. Und die wird nicht kommen. Das liegt nicht nur an Trump, es gibt dafür einfach keine Mehrheit im republikanisch geführten Senat. Hinzu kommt, dass Amerika sich bereits knietief im Wahlkampf befindet und niemand davon ausgehen kann, dass es nun weitreichende Einschnitte im Waffengesetz geben wird. Dafür hat die angeschlagene Waffenlobby NRA immer noch genug Muskelkraft.

Trump und die Waffendiskussion in den USA sind eine gefährliche Mischung. Denn wenn es wirklich so ist, dass sich bewaffnete Amerikaner bewusst oder unbewusst durch die Worte dieses Präsidenten radikalisieren lassen, dann sollte man mit größter Vorsicht die kommenden Wahlen ansteuern. Denn Trump, der König der Verschwörungstheorien, hat damit eine nicht zu unterschätzende Waffe in seiner Hand – verblendete, schwerbewaffnete und zu allem bereite Amerikaner. Die Folgen einer Wahlniederlage dieses Mannes sind noch nicht abzusehen, aber man sollte mit allem rechnen.

Amerika 2019

This is Trump Country! Amerika im Jahr 2019. Ein „Gun Store“ in North Carolina macht Werbung mit den vier demokratischen Kongressabgeordneten, die Präsident nach Hause schicken will. Auf der facebook Seite lädt der Laden zum Vorbeikommen ein, um „Bacon“ zu essen, zu erklären, dass man 2020 für Trump stimmen werde und dann würde man einen Aufkleber mit der Billboard Message erhalten. Allein diese Nachricht von Cherokee Guns wurde tausendfach „geliked“. Wie soll man nun diese Werbetafel nun lesen? Als Aufforderung zur Gewalt? Immerhin wird damit für einen Waffenladen geworben. Oder fällt das unter die Meinungsfreiheit, die allerdings hier mehr als gefährlich geworden ist. Amerika erlebt derzeit einen sehr fragwürdigen Kulturkampf, der von Präsident Donald Trump tagtäglich befeuert wurde. Distanziert hat er sich bislang nicht von dieser Art der Wahlkampfhilfe. Foto: Reuters.

Der Mann im Mond

„That’s one small step for man, one giant leap for mankind.“ Diese Worte von Neil Armstrong am 20. Juli 1969, als er als erster Mensch den Mond betrat, drücken heute so viel mehr aus. Es zeigt die Größe Amerikas, aber auch die Verbundenheit mit der internationalen Gemeinschaft. Es zeigt aber auch, wie demütig dieser Amerikaner in diesem großen Moment für sein Land und für die ganze Welt war. 50 Jahre ist das nun her. Der Ton hat sich verändert.

Nichts aus der Geschichte gelernt. Foto: Reuters.

Es ist heute schwer vorzustellen, wie in so einem historischen Augenblick Bescheidenheit gezeigt werden kann. Gerade und vor allem auch, weil an der Spitze dieses Landes ein Mann steht, der so etwas nicht kennt. Donald Trump ist ein Großmaul, ein Angeber, ein Lügner, ein Egozentriker, ein Rüpel. Beispiele für jeden dieser Begriffe gibt es genügend, die müssen hier nicht wieder und wieder aufgeführt werden. Es langt eigentlich, wenn man Donald Trump in dieser vergangenen Woche betrachtet, das was er getweetet, das was er gesagt hat. Demut kennt er nicht.

Dieser Satz von Neil Armstrong auf der Mondoberfläche ist einer der ganz großen, historisch bedeutenden Worte in der Menschheitsgeschichte. Und er kam zu einer Zeit, als es eine Aufbruchstimmung gab. Die Mondlandung zeigte, was nicht nur vorstellbar war, sondern auch was realisierbar ist. Solch ein technischer Sprung in einer so kurzen Zeit. Und dazu eine Nation, die das ausführte. Der „American Dream“ wurde hier gelebt. Heute ist das nahezu undenkbar, zumindest mit diesem Präsidenten, der zwar immer wieder betont, er vertrete Amerika, die amerikanischen Werte, „America First“. Doch Trump ist nicht der Präsident aller Amerikaner. Er ist machtbesessen, regiert nur für seine Basis, er liefert seinen Unterstützern genau das, was sie hören wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste, auch das hat diese Woche gezeigt. Um zu punkten öffnet er sogar die Giftkammer der Politik und greift Andersdenkende mit primitivsten Äusserungen an. Klasse hat dieser Präsidente nicht. Seine rassistisch gröhlenden Anhänger beschreibt er als „wunderbare Patrioten“. Das ist Amerika 2019. In 50 Jahren hat sich viel verändert. Von der einstigen Demut ist nicht mehr viel übrig geblieben. Auch daran sollte man an diesem Jubiläumstag denken.

Trumps Masterplan

Man muss sich schon fragen, was Donald Trump mit seinen sehr fragwürdigen und durchaus rassistischen Tweets vor hat. Da ist sicherlich, dass er die genau zu dem Zeitpunkt rausgehauen hat, als sein einstiger Busenfreund Jeffrey Epstein vor Gericht antreten musste. Immerhin geht es um Vergewaltigung von Minderjährigen und ausufernde Sex Parties. Und Donald Trump soll wohl nicht nur mit Epstein diniert und „pc“ gefeiert haben. Also kann man die rassistischen Tweets durchaus als Rauchbomben erklären.

Mit Rotfront Gruss gegen die Sozialisten. Foto: Reuters.

Doch Trump verfolgt mit diesen Frontalangriffen auf die vier jungen Abgeordneten, alles „women of color“, vor allem ein Ziel. Er will die Demokraten als „out of touch“ mit den Wählern, als radikal, als sozialistisch darstellen. Dafür ist ihm keine Behauptung zuwider. Selbst die nicht, dass die Abgeordnete Ilhan Omar, eine der vier, mit der Terrororganisation Al Qaeda sympathisiere. Das ist ein totaler Krampf, ist mehrfach widerlegt worden, Trump verdreht hier vielmehr bewusst Aussagen der Abgeordneten. Doch das stört ihn nicht, er macht einfach weiter und verbreitet diese Lüge. Auch auf die Gefahr hin, dass Omar Opfer von Gewalt werden könnte, denn die Terroranschläge des 11. Septembers sind nach wie vor eine offene Wunde in den USA.

Trump zündelt derzeit. Er hofft auf einen Kulturkrieg im Wahlkampf. Hier , er als der Vertreter des weißen, christlichen Amerikas mit seinem Spruch „Make America Great Again“. Und dort die sozialistischen Demokraten, die sich für „undocumented immigrants“, für offene Grenzen, für Schwule, Transsexuelle, für höhere Steuern, für den Abbau des Militärs, für internationale Verträge, für Abtreibung bis zur Geburt und, und, und einsetzen. Trump lügt sich einfach durch die Gegend, erfindet Dinge, verdreht Tatsachen, zurücknehmen muss er ja nie etwas. Sich entschuldigen kennt dieser Präsident nicht. Trump spaltet die Nation aus dem einfachen Grund, um seine Wiederwahl zu erreichen.

Ob das klappen wird, ist derzeit total offen. Wie sich die Wählerinnen und Wähler entscheiden werden kann niemand genau sagen. Amerika wandelt sich. Von der demografischen Entwiclung her, dürfte Trump eigentlich keine Chance haben. Doch klar ist, dass eine Minderheit den Präsidenten bestimmen kann, wie man das 2016 sehen konnte. Es geht also nicht nur um eine demokratische Entscheidung. Es geht vor allem darum, wie man diesen – fragwürdigen – demokratischen Prozess in den USA besser ausnutzen kann. Und Donald Trump ist darin ein Meister. Die große Frage ist also derzeit, ob die Demokraten in ihren Reihen eine bessere Meisterin oder einen besseren Meister finden werden.

Geht dahin, wo ihr hergekommen seid

Als jemand, der selbst Amerikaner geworden ist, zumindest ein Amerikaner auf dem Papier, also mit Pass, kann ich durchaus behaupten, man wird nie ein „vollständiger“ Amerikaner. Darüber habe ich vor ein paar Monaten auch ein Feature für Deutschlandfunk Kultur produziert. Irgendwie hängt man zwischen den Ländern, den Kulturen, den Sprachen. Doch nun wird auch klar, dass das nicht nur die eigene Sicht der Dinge ist. Auch von außen wird einem deutlich gemacht, dass man einfach nicht ganz dazu gehört.

Was Donald Trump da über das Wochenende getweetet hat und am Montag nochmal nachlegte, zeigt, dass Immigranten für ihn nicht dazu gehören. Gerade, wenn sie auch noch eine andere Hautfarbe und eine andere Religion haben. Ob Trump mit mir als Einwanderer ein Problem hätte, das weiß ich nicht, ich denke aber mal, da ich nicht auf seiner verblendeten, hasserfüllten und populistischen Welle mitschwimme, dass ich wohl von ihm ähnliches hören könnte: „Go back to your country“.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika greift vier Abgeordnete der Demokraten an. Drei von ihnen wurden in den USA geboren, eine kam als Kind aus Somalia, erhielt hier Asyl und wurde als Teenager eine amerikanische Staatsbürgerin. Doch alle vier wurden in ihren Distrikten von Wählern gewählt, um sie im US Kongress zu repräsentieren. Trump wettert also nicht nur in billigen rassistischen Tönen gegen die Parlamentarierinnen, sondern auch gegen ihre Wählerinnen und Wähler. Und er macht deutlich, dass Amerika ein Land des weißen Mannes ist. Denn so eine billige Kritik an Kritikerinnen hat er bislang nur gegen Frauen mit anderer Hautfarbe und teils auch einer anderen Religion vom Stapel gelassen.

Donald Trump zeigt hier – mal wieder – sein wahres Gesicht. Und erschreckend ist nicht, dass er das tweetet, sagt und denkt. Solche Worte erwartet man mittlerweile vom Präsidenten. Viel erschreckender finde ich das große Schweigen in der Partei der Republikaner. Sie schließen nicht die Reihen untereinander, stellen sich schützend vor ihre Kolleginnen, auch wenn diese andere politische Überzeugungen haben. Sie schauen vielmehr weg, sitzen es mal wieder aus und machen sich so mitschuldig am neuen Ton in der amerikanischen Politik. Rassismus wird damit von ganz oben gesellschaftsfähig gemacht und auch noch stillschweigend abgesegnet.

Menschen zweiter Klasse

„She’s been very disrespectful to this country…she is somebody that doesn’t really understand life, real life…she’s got a way about her that’s very bad for our country…“

Das sind die Worte von Präsident Donald Trump während eines Interviews mit KSTP/TV in Minnesota, als er auf die demokratische Abgeordnete Ilhan Omar angesprochen wurde. Ilhan Omar ist eine 37jährige Abgeordnete, die im Kongress den 5. Distrikt von Minnesota vertritt. Omar wurde 1981 in Mogadischu geboren, mit dem Ausbruch des Krieges in Somalia floh die Familie ins benachbarte Kenia und lebte dort für vier Jahre in Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. 1992 kam die Familie in die USA, beantragte Asyl und lebt seit 1995 in Minneapolis. 2000 wurde Ilhan Omar amerikanische Staatsbürgerin.

Ilhan Omar ist für Donald Trump keine Amerikanerin. Foto: Reuters.

Die Lebensgeschichte der Abgeordneten ist sicherlich keine einfache gewesen, doch es ist auch irgendwie eine typisch amerikanische Immigrantengeschichte. Immerhin heißt es am Fuße der Freiheitsstatue: „Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free.“ Amerika das Land der Immigranten, das all jene einlädt hier den „American Dream“ zu leben. Und dann liest und hört man die Aussage von Donald Trump, der erklärt, dass Ilhan Omar das Leben nicht verstehe, das „wirkliche Leben“, wie er betont. Sie sei „respektlos gegenüber diesem Land“, so, als ob sie nicht dazu gehöre. Ihre Art sei „sehr schlecht für unser Land“, damit sagt der amerikanische Präsident, dass die USA nicht das Land der Asylsuchenden, der Immigrantin, der – zumindest auf dem Papier – Staatsbürgerin seit dem Jahr 2000 Ilhan Omar ist. Sie gehört nicht dazu, ist eine Ausländerin, eine Fremde, nicht eine von uns, so Trump.

Und gerade diese Aussage macht deutlich, wer und was Donald Trump ist: ein islamophober Rassist, der gegen Asylsuchende, gegen Immigranten, gegen Andersgläubige, Andersaussehende, Andersdenkende ist. Trumps Worte werden auf Twitter und in den sozialen Netzwerken geteilt. All jene, die einst mit Kapuzen Afro-Amerikaner aufknüpften und afro-amerikanische Kirchen in Brand steckten, die nach 9/11 Muslime beleidigten, bedrohten, verprügelten und durch die Straßen hetzten, sehen sich von diesem Mann bestärkt, immerhin ist er der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie brauchen keine Kapuzen mehr, Rassismus ist durch Donald Trump im Weißen Haus hoffähig geworden.

Der offene Rassismus

Eigentlich will ich gar nicht mehr über Donald Trump schreiben. Sein ungehobeltes, fieses, beleidigendes Auftreten, seine Lügen, seine spaltende Politik und, ja, sein offener Rassismus, all das bestimmt tagtäglich die Nachrichten, die Schlagzeilen, die News-Portale, die ich lese.

Und jetzt wieder. Trump verlangt, dass all jene Immigranten, die illegal über die Grenze gekommen sind und kommen in die sogenannten „Sanctuary Cities“ transportiert werden. Denn diese Städte, darunter San Francisco, Oakland und Berkeley würden ja nichts gegen „Illegale“ unternehmen, sie nicht an die Immigrationspolizei ICE ausliefern, von daher, so Trump, sollten sie alleine mit dieser „Invasion“ zurecht kommen.

Was Donald Trump nicht offen sagt, aber was er mit dieser Forderung erneut meint, ist, dass all jene Männer, Frauen und Kinder, die über die Grenze kommen Kriminelle sind, eine Gefahr, Terroristen, Vergewaltiger, Mörder sind. Das ist das Bild, was er auf seinen Massenveranstaltungen zeichnet. Und das ist daher auch seine Hoffnung, dass die Menschen in San Francisco, Oakland, Berkeley und anderen „Sanctuary Cities“ von einer Gewalt- und Kriminalitätswelle überschwemmt werden und sich gegen die lokalen Politiker wenden. Denn dann, so Trumps Hoffnung, würden alle für sein unnützes Mauerprojekt sein.

Immigranten sind für Trump also gefährliche Kriminelle, egal ob es sich um Familien oder Kinder handelt. Wer über die südliche Grenze kommt, zumeist Menschen aus Mexiko, Guatemala, Honduras und El Salvador wird von ihm mit Drogendealern, Gang Mitgliedern, Mördern und Vergewaltiger gleichgesetzt. Eine dunkle Haut, ein anderes Aussehen macht einen Menschen verdächtig. Der amerikanische Präsident ist damit offen rassistisch. Nicht nur das, seine Basis, darunter auch die Christliche Rechte, bejubelt ihn dafür. Der Präsident selbst macht es vor, er gibt den Ton an und viele seiner Anhänger machen es ihm gleich. Auf Twitter verbreitet Trump dann selbst begeistert Videos, Bilder, Aussagen seiner „Fans“, die einen rassistischen Unterton haben. Amerika hat sich unter Donald Trump massiv verändert. Heute wird offen ausgesprochen, was lange Zeit undenkbar war. Trump zündelt gefährlich am inneren Frieden der USA.

Wann ist Terror Terrorismus?

Eines ist auffällig. Donald Trump nutzt gerne das Wort Terrorismus. Dann wenn es um seinen Mauerbau geht und er behauptet, Terroristen kämen ungehindert über die südliche Grenze ins Land. Im Wahlkampf 2016 verbreitete er sogar die Falschmeldung, dass es in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez eine Zelle der Terrororganisation „Islamischer Staat“ gebe. Deshalb, so Trump, müsse man auch einen Anti-Terror Wall errichten. Und der amerikanische Präsident spricht regelmäßig von terroristischen Anschlägen, wenn radikale Islamisten dahinter stecken.

Doch dann ist da auch die andere Seite. Trump tweetete über das „schreckliche Massaker“ in Christchurch. Auch die Sprecherin des Weißen Hauses, Sarah Sanders, schrieb, die Vereinigten Staaten „verurteilen die Angriffe“. Vize-Präsident, Mike Pence, sprach von den „schrecklichen Moscheen Schießereien“.

Man kann das nun als Kleinigkeit und Wortklauberei abtun, wenn da eben nicht diese andere Seite wäre. Das Team-Trump spricht nur allzugerne über Terror, Terroristen, terroristische Anschläge, die Terrorgefahr. Und die kommt aus Sicht des amerikanichen Präsidenten und seiner Mitstreiter eben – scheinbar – nur aus der islamischen Ecke. Wenn Rassisten und Neo-Nazis gegen Muslime, Migranten, Homosexuelle, Andersdenkende vorgehen, Anschläge verüben, dann scheint das zwar „brutal“ und „schrecklich“ zu sein, aber es ist nach Trumpscher Definition kein terroristischer Akt.

Die Frage muss leider auch gestellt werden, wie Donald Trump den Anschlag von Christchurch gewertet hätte, wenn der Attentäter in einer christlichen Kirche um sich geschossen hätte. Wäre es dann in den Augen des amerikanischen Präsidenten ein „Terroranschlag“ gewesen? Spielt also die Religion und auch die Hautfarbe eines Terroristen und der Opfer eine Rolle beim Bewerten einer Tat? Allein, dass diese Fragen überhaupt auftauchen, zeigen, in welch kritischen und, ja, gefährlichen Zeiten wir leben.