Mal wieder raus

Es ist in diesen Wochen nicht leicht, direkte Interviews zu führen. „Social Distancing“, Abstand halten, gilt auch für Journalisten. Eigentlich alle Gesprächspartner wollen lieber per Telefon, über What’s App Audio oder Skype reden. Das ist für mich eine große Umstellung, denn gerade das vor Ort sein, zu sehen, was passiert, das Umfeld des Interviewten kennenzulernen, an Orte zu kommen, die man sonst nie sehen würde, mit Menschen zu sprechen, die man sonst nie sprechen würde, das macht für mich meine Arbeit aus.

Doch diese Woche wurde ich seit langem mal wieder eingeladen, in eine Nachbarschaftsklinik nach East-Oakland zu kommen. Der „Roots Community Health Center“ ist eine private Initiative, die in einem der von Covid-19 stark betroffenen „black and brown“ Stadtvierteln zu finden ist. Das ganz bewußt, denn hier sind die Gesundheitsprobleme massiv, Corona hat hier besonders zugeschlagen. Die Ärztin Noha Aboelata hat 2008 diese Klinik gegründet, sie traf ich auf dem gesperrten Parkplatz, der in diesen Tagen für eine „Walk-In“ Corona Teststelle genutzt wird. Viele in diesem Stadtteil haben kein Auto, für sie kamen die von der Stadt Oakland eingerichteten „Drive-In test sites“ nicht in Frage.

Deshalb hat der Roots Center darauf gedrängt, am Internatinal Boulevard, im Herzen von East-Oakland, eine Teststelle aufzumachen, zu der man zu Fuß kommen kann. Etliche Zelte sind dort aufgereiht, die Mitarbeiter in Schutzkleidung, mit Maske und Brille checken die Testwilligen ein, erklären alles und helfen weiter. Dr. Noha Aboelata trägt zwei Nasenmundmasken, eine medizinische, eine aus Stoff darüber. Dazu eine Schutzbrille. Sie führt mich in den Innenhof des einstöckigen Gebäudes, wir gehen eine Treppe hoch, setzen uns mit Abstand auf eine Bank, es ist heiß an diesem Tag, ich beginne schnell unter meiner Maske zu schwitzen.

Dr. Noha Aboelata, die Gründerin der „Roots Clinic“ in Oakland.

Aboelata berichtet von den Herausforderungen, hier in einem jener Problemviertel der Stadt, das das Ergebnis des „Red Lining“ war, der systematischen Ausgrenzung von Schwarzen aus den Weißenvierteln. Diese Politik der Segregation wurde zwischen den 1920er und 1970er Jahren überall in den USA durchgeführt. Die Folgen sind noch heute zu spüren. Mangelnde Infrastruktur, eine schlechte Gesundheitsversorgung, fehlende Bildungseinrichtungen, eine Unterversorgung an gesunden Lebensmitteln. Das alles führte zu massiven Gesundheitsproblemen. Auch darüber wird derzeit in den USA gesprochen, wenn es um den systematischen und strukturellen Rassismus geht. Die Proteste im ganzen Land drehen sich auch darum. In Zahlen ausgedrückt, in dieser Covid-19 Krise, heißt das, Dr. Noha Aboelata hat in ihrer Klinik 1400 Tests durchgeführt, mehr als 12 Prozent waren positiv. Nur ein paar Kilometer weiter in den Oakland Hills, einer wohlhabenderen Gegend, liegt die Zahl der positiven Tests deutlich unter fünf Prozent.

Der Rassismus in den USA äußert sich nicht nur in der Polizeigewalt, er ist vielmehr tagtägliche Realität für Afro-Amerikaner und Latinos. Die Gesetze sprechen zwar davon, dass jeder in „Vereinigten Staaten von Amerika“ gleich ist, doch der Alltag sieht anders aus, wie man das auch hier in East-Oakland sehen kann. Was gefordert wird, ist nicht nur eine gewaltige Investition in diesen Stadtteilen, um die offensichtlichen, geschichtlichen Ungleichheiten auszumerzen. Was eingefordert wird ist auch eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ nach dem Vorbild in Südafrika. Nur so, glauben viele afro-amerikanische „Community Leaders“ kann die amerikanische Nation zu einer Einheit und zu einem inneren Frieden kommen.

„We shall overcome some day“

Samstagmorgen in Oakland. Pete Seeger wäre nun 100 Jahre alt. „We shall overcome“ ist der erste Song auf der neuen und umfangreichen Box von Smithsonian Folkways, dem langjährigen Label von Pete Seeger. Dort hatte er im Laufe der Jahrzehnte über 70 Schallplatten veröffentlicht. Folk Songs und Arbeiterlieder, Spoken Word genauso wie Platten für Kinder. Pete Seeger war ein Reisender, der mit seiner Musik um die Welt tingelte, Amerikas Folk Musik präsentierte und Lieder von überallher mit in die USA zurück brachte. Ein musikalischer Kulturbotschafter und Brückenbauer zugleich.

„We shall overcome“ ist wohl eines der wichtigsten amerikanischen Folk Songs. Es steht für die Bürgerrechtsbewegung in den USA, in einer Zeit, als Afro-Amerikaner nicht in die selbe Toilette pinkeln durften wie Weiße. Als Schwarze nach einer falschen Ausfahrt in den Südstaaten gelyncht wurden. Als weiße Jurys schwarze Angeklagte unschuldig hinter Gitter brachten. Und dennoch war da der Ruf „We shall overcome“. Trotz all der Gewalt, der Ungerechtigkeit, der Benachteiligung, der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Und wo stehen wir heute? Der Graben in Amerika ist tief und wird tagtäglich noch weiter vertieft und verbreitet. Ich frage mich beim Durchhören dieser umfassenden Werkschau von Pete Seeger, wie die USA es damals geschafft haben, diese gesellschaftlichen Wunden zu heilen, „to overcome“ die Differenzen, irgendwie einen Neustart zu beginnen. Natürlich hat das nicht so geklappt, wie es eigentlich hätte sein sollen. Der tief verwurzelte Rassismus in einigen Teilen der USA existiert nach wie vor. Afro-Amerikaner und Farbige sind weiterhin benachteiligt. Da gibt es die langfristigen Folgen des „Red Lining, die nie ausgeglichen wurden, da gibt es Polizei Übergriffe, da gibt es noch immer Ungleichheit vor dem Gesetz. Man sollte sich nichts vormachen, das steht fest.

„We shall overcome“ war und ist ein kraftvolles Lied, dass Menschen vereinen, zusammen bringen konnte. Auf dieser Box sind viele der „Hits“ von Pete Seeger zu finden, die ihn zu dem machten, was er in seinem 94jährigen Leben geworden ist. Ein Mann mit Hoffnung, mit Mut, mit dem Glauben an das Gute in den Menschen. Ein Mann mit seinem Banjo, der viel mehr war als nur ein Musiker. Auf „Pete Seeger – The Smithsonian Folkways Collection“ wird eine der bedeutenden Stimmen Amerikas präsentiert, der neben seinen Freunden Woody Guthrie und Lead Belly zu den wichtigen Drei der Folk Musik zählt.

Pete Seeger beeinflusste Musiker von Joan Baez, über Bob Dylan bis hin zu Bruce Springsteen und Rage Against The Machine. Er war ein umtriebiger Rebell, der nicht ruhen und rasten wollte. Obwohl er in der McCarthy Ära „blacklisted“ wurde, quasi mit einem Auftritts- und Aufführverbot belegt wurde, schaffte es Pete Seeger zur Stimme einer Nation zu werden. Er ging in jenen Jahren ganz direkt an Schulen und Universitäten, ohne große Ankündigung, und spielte seine Lieder. Niemand konnte ihn stoppen. Joan Baez erlebte Pete Seeger damals an ihrer High School und meinte später, dass dieses Konzert eines der wichtigsten Momente in ihrer Karriere war. Seeger wurde der Vater des großen Folk-Revivals in den USA. „We shall overcome“, das hat er mit seiner Musik vorgelebt.

Auf dieser Werkschau zum 100jährigen Geburtstag von Pete Seeger ist auch eines der für mich bedeutendsten Songs des 20. Jahrhunderts zu finden. „Moorsoldaten“, geschrieben 1933 im Konzentrationslager Börgermoor und über den Spanischen Bürgerkrieg in alle Welt verbreitet. Dieses Lied drückt die Kraft des Widerstands und die Hoffnung der Unterdrückten aus. Ein Lied, das Pete Seeger immer wieder in seinen Konzerten spielte.

Das Lied der Moorsoldaten     

6 CDs mit Songs voller Hoffnung, Wärme, Kraft und Mut. Amerika heute bräuchte einen Pete Seeger, eine Stimme der Vernunft, der den Amerikanern vor Augen führt „This land is your land“, ein Land, das nicht perfekt ist, das nicht „God’s Country“ ist, das seine Fehler erkennt, aber daran arbeitet. Die USA, „a work in process“. Ein Land, in dem der Fremde, der Andere, der Unterdrückte, der Benachteiligte, der Farbige, der an einen anderen Gott Glaubende, der sexuell anders Orientierte willkommen ist und seine Chance bekommt. Daran glaubte Pete Seeger. Das klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, und doch, gerade klingt es hier in Oakland ganz laut: „We shall overcome….some day….deep in my heart, I do believe. We shall overcome some day“

Keine zweite Chance

In den USA wird gerade eine heftige Diskussion geführt. Was war passiert? In einem Jahrbuch aus seinem Medizinstudium von 1984 ist ein Bild auf der Seite des heutigen Gouverneurs von Virginia, Ralph Northam, zu sehen, auf dem zwei Personen maskiert sind. Einer trägt die weiße Kutte des Ku Klux Klan, der andere hat sich die Haut schwarz angemalt, das sogenannte rassistische „black facing“, bei dem Weiße einen Schwarzen vorgeben. Als das Bild bekannt wurde, ging ein Aufschrei durch das Land. Northam müsse zurücktreten, war der laute Ruf, Rassismus habe nichts in einem Regierungsamt zu suchen.

Wohlgemerkt, das Bild stammt aus dem Jahr 1984. Ralph Northam ist nicht gerade bekannt dafür ein Rassist in Amt und Würden zu sein. Ganz im Gegenteil, er galt bei seiner Wahl 2017 als Hoffnungsträger, es war ein Sieg gegen den rassistischen Ton von Donald Trump, denn Northam setzte sich für den Abbau von Monumenten aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges ein, suchte die Nähe zu afro-amerikanischen Gemeinden, baute viele Brücken.

Die Seite aus dem Jahrbuch von Ralph Northam. Foto: Reuters.

Am Freitag veröffentlichte Ralph Northam ein Video, in dem er sich für dieses Bild auf der Jahrbuchseite von 1984 entschuldigte. Das entspreche nicht dem, für was er sich einsetze. Es sei ein Fehler gewesen, der sicherlich einige enttäusche, aber dieses Verhalten sage nichts über ihn als Person und über ihn als Gouverneur aus. Doch das half nichts, der Chor der Kritiker wuchs weiter an. Sie forderten den Rücktritt des Demokraten.

Teflon-Donald, an dem jeglicher rassistischer und sexistischer Skandal abperlt, blieb ungewöhnlich ruhig. Kein Tweet, keine Stellungnahme. Warum auch, die Demokraten zerlegten sich gerade selbst. Sie beschuldigten einen Politiker aus den eigenen Reihen ein Rassist zu sein, weil der in den frühen 80er Jahren als Student auf einer Kostümfeier entweder die KKK Kapuze überzog oder sich das Gesicht mit Schuhcreme schwärzte.

Nein, ich verteidige weder Northam noch das unsägliche Bild, ich frage mich nur, wie ein Fehler vor 35 Jahren solche Auswirkungen haben kann? Hier wird versucht, etwas politisch korrekt zu rücken, was gar nicht geht. Denn man darf eines nicht vergessen, die USA in den 80er Jahren waren ein anderes Land. Es gab damals tiefe rassistische Gräben in den USA. Man denke an das „Red Lining“, eingeführt in den 1920er Jahren und offiziell bis in die späten 1970er Jahre durchgeführt, die es Schwarzen unmöglich machte in weiße Nachbarschaften zu ziehen. Die Folgen sind noch heute deutlich in allen gesellschaftlichen Bereichen zu spüren.

Man denke an den „War on Drugs“, der sich vor allem gegen Afro-Amerikaner, die „Crack“ Süchtigen, wandte und nicht an die zumeist weißen „User“ von Kokain. Man denke an das brutale und rassistische Vorgehen der Polizei in den US Innenstädten in den 70er und 80er Jahren, die als schwarze Ghettos verrufen waren. Amerika damals war ein anderes Land.

Und was ist eigentlich mit der zweiten Chance im Leben? Wenn Northam so etwas getan hätte, als er schon gewählt und in Amt und Würden gewesen wäre, dann wäre das eine ganz andere Diskussion. Doch selbst da zeigt Präsident Donald Trump, dass Rassismus und Sexismus nicht unbedingt zu einem Rücktritt führen muss. Ralph Northam hat als 25jähriger vor 35 Jahren etwas falsch gemacht. Er hat sich dafür entschuldigt, den Fehler eingestanden und auch darauf verwiesen, dass er nicht mehr der junge Mann ist, der auf diesem Bild zu sehen ist. Man kann ihm das glauben, man kann nun auch denken, dieses Bild zeigt einen unsensiblen 25jährigen, der sicherlich auch noch nach 35 Jahren so denkt, wie es dieses Foto ausdrückt. Was diese Diskussion jedoch lediglich zeigt, ist, dass heute versucht wird, eine historische gesellschaftliche Ungleichheit, einen institutionalisierten Rassismus, ein tief verwurzeltes Schwarz-Weiß-Denken in den USA durch eine übertriebende politische Korrektheit zu überwinden. Doch das wird in diesem Land nicht funktionieren.