Trump der Geschichtsverfälscher

Amerika durchlebt derzeit eine schmerzhafte Zeit. Eine tiefe Spaltung im Land, die Corona Pandemie wird nicht unter Kontrolle gebracht, eine breite Diskussion über systemischen Rassismus beherrscht die Diskussionen. Und dazu ein Präsident, der einfach nicht verstehen will, dass er mit seinen Worten und seinem Tun nicht gerade zur Lösung der Krise beiträgt

Donald Trump spricht von MAGA, seinem „Make America Great Again“. Was er damit meint, zeigt er auch in diesem Tweet, in dem er von den „einst blühenden Vorstädten“ spricht. Und das ist wahrlich Geschichtsfälschung. Diese „blühenden Vorstädte“ waren weiß, nicht durch Zufall, sondern staatlich sanktioniert. Die USA waren zwischen 1934 und bis in die 1970er Jahre ein Apartheids Staat, sicherlich nicht so offensichtlich und brutal wie Südafrika, doch die Rassentrennung war auch hier Gesetz.

„Redlining“ hieß diese imaginäre Stacheldrahtziehung. Die Regierung in Washington hatte 1934 durch den sogenannten „National Housing Act“ Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die „besten“ Gebiete: rein weiße Nachbarschaften, erstrebens­wert für die Mittel­klasse. Schon eine einzige nicht weiße Familie in der Gegend drückte den Grad auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf „immer noch begehrens­wert“. Gelbe C-Nachbarschaften wurden als „eindeutig im Niedergang“ bezeichneit. D, mit rot markiert, als „gefährlich“ eingestuft.

Mit der „G.I. Bill“, einer finanziellen Förderung zur Wiedereingliederung von Soldaten, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen, wurde dieser Zustand noch weiter betoniert, denn schwarzen Armeeangehörigen wurde diese Unterstützung verwehrt. Die Vorstädte wurden damit weiß, die Innenstädte verelendeten. Die Armutsprobleme blieben in Downtown und den anliegenden Stadtteilen, während in den „Suburbs“ die Vorgärten gepflegt wurden.

Wer sich bislang also wunderte, von welchem Amerika Donald Trump mit seinem „Make America Great Again“ sprach, der bekommt hier eine Antwort. Der Präsident der Vereinigten Staaten denkt an die „einst blühenden Vorstädte“, die durch ein rassistisches System geschaffen und über Jahrzehnte erhalten wurden. Die Auswirkungen sind noch bis heute zu spüren, man denke nur an die erhöhten Covid-19 Zahlen in den „black and brown communities“ in den USA, den einst abgehängten Stadtteilen. Vielleicht hat Donald Trump noch nie etwas vom „Redlining“ gehört, das kann gut sein. Doch wer lauthals „MAGA“ ruft und dabei an die weißen Vorstädte denkt, der sollte wissen, dass Amerika in den 50er und 60er Jahren keine geeinte Nation mit Fairness, Respekt und Chancengleichheit war. Trump verteidigt den systemischen Rassismus, der tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Und er kann oder er will das nicht verstehen.

 

Es tut sich was in Amerika

In Oakland wird weiter protestiert. Foto: Reuters.

Tausende marschieren in den USA. Tag für Tag. Die Gewerkschaft der „International Longshore and Warehouse“ Arbeiter machte alle Häfen an der Westküste dicht. Unternehmen solidarisieren sich, überdenken ihre eigene Firmengeschichte, ändern Namen von Produkten. Denkmäler von Generälen der Südstaaten, von ehemaligen Sklavenhaltern, von Christoph Columbus und anderen werden gestürzt. An Brücken, Straßenecken, auf vorbeifahrenden Autos, in Küchenfenstern, überall kann man „Black Lives Matter“ lesen. Amerika erlebt eine breite Front, die ein Umdenken und eine tiefe Reform des gesellschaftlichen Lebens fordert.

Während Donald Trump nach Tulsa, Oklahoma, reist, um dort erneut eine Massenveranstaltung abzuhalten, sichtlich sein Bad in der ihm mehr als wohlwollenden Menge genießen wird, sind die USA im Umbruch. Egal wen man in diesen Tagen spricht, keiner hat bislang solch eine breite Koalition gegen den tief verwurzelten Rassismus in den USA gesehen und erlebt.

Als ich vor ein paar Jahren an einem Feature über das „Redlining“ in den USA arbeitete, wußte kaum jemand, mit dem ich sprach, damit etwas anzufangen. „Redlining“, was ist das? Doch dieses „Redlining“ hat Amerika im 20. Jahrhundert geprägt, die weißen Vorstädte, wie die innerstädtischen afro-amerikanischen Problem- und Elendsviertel. „Redlining“ war eine imaginäre Stacheldraht­ziehung in den amerikanischen Städten und Gemeinden. Die Regierung in Washington hatte 1934 durch den sogenannten National Housing Act Nachbarschaften in vier Klassen unterteilt: A, B, C und D. Die höchste davon, A, wurde auf Karten grün eingefärbt und bezeichnete die „besten“ Gebiete: rein weisse Nachbarschaften, erstrebens­wert für die Mittel­klasse. Schon eine einzige nicht weisse Familie in der Gegend drückte den Grad auf B, die Farbe wechselte auf blau und die Bezeichnung auf „immer noch begehrens­wert“. C-Nachbarschaften, in gelber Farbe, wurden als „eindeutig im Niedergang“ bezeichnet. D, in Rot, als „gefährlich“.
Praktisch jede amerikanische Stadt hatte solche eine Klassifizierung. Ganz offiziell festgehalten wurde sie auf Karten, die von der Home Owners’ Loan Corporation erstellt wurden, einer im New Deal geschaffenen staatlichen Agentur zur finanziellen Unterstützung von Hauseigentümern.

Die Zoneneinteilung hatte drastische Folgen, die bis heute nachhallen. Nicht nur, dass eine A-Strasse „weiss“ sein sollte, also ausschliesslich von Weissen bewohnt – die Stadt­teile unterhalb von A wurden auch gezielt benachteiligt. Afro­amerikaner erhielten für den Häuser­kauf in A- oder B-Gegenden keine staatlich geförderten Hypotheken und konnten für Häuser keine Versicherungen abschliessen. Sie wurden somit in C- oder D-Stadt­teile gedrängt: Gebiete, mit gelber oder roter Linie umrahmt, in denen weniger städtebauliche Investitionen getätigt wurden und wo sich kaum Geschäfte ansiedelten.

Bis in die 1970er-Jahre blieb diese Form der geografischen Diskriminierung gängige Praxis. „Redlining“ beförderte über Jahr­zehnte die Ghettoisierung in den amerikanischen Gross­städten und traf vor allem die Afro­amerikanerinnen. Viele Weisse zogen nach dem Zweiten Weltkrieg und mithilfe der GI Bill, einer Förder­massnahme für rück­kehrende Soldaten, weg von den Zentren in die Vorstädte. Kein Wunder, dass die GI Bill auch nur für weisse Armeeangehörige galt. Damit wurde die Rassen­trennung noch einmal zementiert.

„Redlining“ ist heute kein Begriff mehr, mit dem kaum jemand was anfangen kann. Ganz offen wird deshalb auch in den afro-amerikanischen Communities im ganzen Land ein «New Black Deal» eingefordert. Auch eine Wahrheits- und Versöhnungskommission, wie sie 1994 am Ende des Apartheid-Regimes in Süd Afrika eingerichtet wurde, wird verlangt, um die tiefen Spuren, Narben und Wunden in der amerikanischen Gesellschaft aufzuarbeiten. Nach dem Erkennen des strukturellen Rassismus müssen dann tiefe Veränderungen kommen. Und das alles kommt in einem Wahljahr, in dem der Präsident noch immer davon redet „Make America Great Again“. Auf Amerika warten noch schwierige und schmerzvolle Wochen.