Von Gott gesandt

      Christliche Fundamentalisten und Trump

Ein ruhiger Sonntagmorgen. Ich stehe in der Küche, mache Kaffee, schaue nach draußen, der Morgennebel verzieht sich so langsam. Mein Nachbar, ein älterer Mann, tritt im Anzug und Krawatte vor die Tür, steigt wie jeden Sonntagmorgen in seinen in die Jahre gekommenden Plymouth, klappt seine Brille nach oben und fährt zur nahegelegenen Kirche.

In der San Francisco Bay Area kann man davon ausgehen, dass in den Gottesdiensten über Nächstenliebe, den Schutz von Flüchtenden, die Hilfe für Notleidende gesprochen und für sie gebetet wird. In anderen Teilen der USA klingt das wahrscheinlich ganz anders, denn noch immer sind 3/4 der Southern Baptist Gläubigen davon überzeugt, dass Donald Trump „von Gott gesandt wurde“, dass der 45. Präsident auf der „rechten Seite Gottes“ steht. Die christlichen Fundamentalisten im Land waren für den Wahlerfolg Donald Trumps ausschlaggebend. Keine Skandale, keine Lügen, keine Beschimpfungen konnten sie davon abbringen für ihn zu stimmen. Und noch immer halten sie zu ihrem Präsidenten, dessen Fehler sie zwar sehen, aber der für sie dennoch einen höheren Auftrag hat, als nur der amerikanischer Präsident zu sein.

Mit der Bibel in der Hand zur Wahlurne. Foto: Reuters.

Nächstenliebe heißt für viele der Southern Baptist Gläubigen, liebe Deinen amerikanischen Nachbarn. Dem Fremden auf der Durchreise Schutz bieten, ja, aber nur dann, wenn er legal im Land ist. Den Armen in der Gesellschaft helfen, auch das, doch er soll Amerikaner sein. „God and Country“, Gott und Nation, das ist für die christlichen Fundamentalisten eng miteinander verbunden. Der Patriotismus in Glaubensfragen äußert sich auch durch die amerikanische Fahne im Gotteshaus. Da ist kein Platz für Menschen aus anderen Ländern. Das Bekenntnis zu Gott ist ein Bekenntnis zu Amerika, zu „God’s Country“, dem auserwählten Land.

Donald Trump steht für all das. Er sagte im Wahlkampf, das Christentum sei in Gefahr, dass die Bibel sein Lieblingsbuch sei und das er als Präsident nur Richter für das Verfassungsgericht auswählen werde, die sich gegen die Abtreibung aussprechen. Das kam gut an, Trump war ihr Mann, hier sprach einer, der zwar mit Sünden beladen war, aber dennoch von Gott gesandt war, um dieses Land, ihr gelobtes Land zu retten. Obama, so meinen noch immer viele, sei ein Muslim, der einen Koran in der Jackentasche mit sich führt. Und Hillary Clinton ist sowieso die Ausgeburt des Teufels.

Mehr als Zweidrittel der christlichen Fundamentalisten stehen nach wie vor zu Donald Trump. Nichts konnte bislang an ihrer Unterstützung für diesen Präsidenten ändern. Sie sehen ihn und das Land auf dem richtigen Weg, in dem Gott und Amerika wieder an vorderster Stelle stehen. Was die liberale Lügenpresse, die „Fake News“ über Donald Trump, seine Administration und seine Politik berichten, kommt im „Bible Belt“ der USA nicht an. Trump hat seine eigenen Kommunikationskanäle geschaffen – Twitter und die Kanzeln in den unzähligen fundamentalistischen Kirchengemeinden der USA. Der nächste Wahlausgang ist hier bereits entschieden.

Die Gläubigen mischen sich ein

      Franklin Graham in Berkeley

Vor ein paar Monaten berichtete ich über eine neue Bewegung in den religiösen Gemeinschaften. Christen, Muslime und Juden fanden hier in der Bay Area zusammen, um sich gemeinsam in die Politik einzumischen. 50 Jahre nach dem Attentat auf Martin Luther King und mit einem Präsidenten Donald Trump im Weißen Haus, der vor allem für ein weißes Amerika spricht, sahen sich viele zum Handeln gezwungen. Vor allem in den schwarzen Communities und Kirchen beginnt der Aufstand, wie man das gut im Wahlkampf um den Senatsposten in Alabama sehen konnte.

Doch auch die andere Seite des Glaubensspektrums macht mobil. Vor ein paar Tagen beendete der Prediger Franklin Graham, Sohn des verstorbenen Billy Graham, seine Kalifornientour, die ihn durch zehn Kleinstädte im Sonnenstaat führte. Viele davon in republikanischen Gegenden, doch Graham kam auch nach Berkeley, der wohl liberalsten Stadt in den USA (Audiobeitrag oben). Hier lag 2016 Donald Trump mit gerade mal drei Prozentpunkten weit abgeschlagen hinter der Grünen Kandidatin Jill Stein.

Franklin Graham kam mit seiner Bustour in einen Park an der Bay und etwa 1500 Gläubige wollten ihn sehen. Ganz offen sagte er, dass ihm viele davon abgeraten hätten in Berkeley einen Stop seiner „Decision America“ Tour einzulegen, doch er wollte hier sein. Zahlreiche seiner Anhänger, mit denen ich an dem Abend sprach, meinten, in Berkeley regiere der Teufel, gerade hier sei das Wort von Franklin Graham wichtiger denn je.

Es war eine friedliche Veranstaltung mit Blick auf den Sonnenuntergang hinter dem Golden Gate. Ständig wurde mir gedankt, dass ich gekommen bin, hier ein Lächeln, da freundliche Worte. So etwas erlebt man selten als Journalist in den USA. Zwei Bands spielten auf, es wurde gemeinsam gesungen und gebetet für das Land und seine politischen Führungspersonen, die amerikanische Flagge wehte: God bless America. Nein, es sei keine politische Veranstaltung wurde mir immer wieder vergewissert. Klar, Graham möchte, dass man für christliche Politiker stimme, aber das sei ja ganz normal, hieß es. Gefeiert wurde die Gemeinschaft, die hier in der San Francisco Bay Area nicht oft die Gelegenheit hat so offen und so vereint zusammen zu kommen. Franklin Graham selbst hielt sich mit politischen Aussagen zurück, lediglich meinte er, die Abtreibung sei ein wichtiges Thema bei diesen anstehenden Wahlen. Der Schutz des Lebens sollte verteidigt werden. Ungewohnte Worte in Berkeley, doch damit war dieser Besuch eines erzkonservativen Predigers und der Vertreters der „Christian Right“ in den USA auch schon wieder vorbei. Noch ein paar Lieder der Band und dann zog die Karawane weiter. Die religiösen Gemeinschaften in den USA mischen sich wieder mehr ein, das tief gespaltene Land erlebt einen Glaubenskrieg um die Auslegung der heiligen Schrift.

Amerika und die neue Protestbewegung

“Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. “Jemand rufe Halleluja”. “Halleluja”. Pastor Mike reibt sich mit einem kleinen Handtuch den Schweiß von der Stirn. Er hat sich in seiner fast 50minütigen Predigt verausgabt. Es ist Sonntagmorgen in Berkeley. Der “Christian Center The Way” liegt an der University Avenue, die die weltbekannte Universität mit der San Francisco Bay verbindet. Das Gebäude ist ein unscheinbarer Flachbau, doch wer an diesem Morgen hier vorbeiläuft kann trotz des Straßenlärms die lautstarke Band und den Gesang der Gläubigen hören. “Halleluja” heißt es immer wieder.

Pastor Mike bei seiner Predigt.

Pastor Mike, wie ihn hier alle nur nennen, ist kräftig gebaut, Afro-Amerikaner, Anfang 40. Er lacht viel, auch bei seiner Predigt, bei der er nicht einfach nur vorne steht und spricht, er bezieht seine Gemeinde mit ein. Er fordert ihre Reaktionen heraus, mal wohlwollend, mal entrüstet. Pastor Mike spricht über Gerechtigkeit, über Sieger und Zurückgelassene, über die aktuelle Situation im Land. Auf seine politische Predigt angesprochen, meint er anschließend: “Ich bin davon überzeugt, dass Kirche und Politik zusammen gehören. Ich glaube, immer wenn man über Systeme spricht, die mit dem Leben der Menschen zusammenhängen, dann muss man über einen moralischen Rahmen sprechen, den die Kirche und der Glauben bieten”.

Für Pastor Mike ist dieser moralische Rahmen nicht nur auf seine Gemeinde beschränkt, er engagiert sich in einem US weiten Netzwerk, zu dem sich in den letzten Jahren zahlreiche schwarze Gemeinden zusammen geschlossen haben. “Black Church PAC” – PAC steht für “Political Action Committee” – ist Teil der Initiative “New Nation Rising”. Es ist eine schnell wachsende Bewegung in den USA, die von dem neuen politischen Ton im Land befeuert wird. Zum einen soll damit mehr politischer Einfluss erlangt werden und zum anderen soll ein Gegenpart zur christlich-fundamentalistischen Rechten im Land geschaffen werden.

Dem stimmt Ben McBride zu, er ist der Co-Direktor von “Pico California” einem glaubenbasiertem Netzwerk in Kalifornien mit Sitz in Oakland. “Wir sind Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und auch solche, die sich keiner organisierten Religion anschließen wollen, die aber für ethnische und soziale Gleichberechtigung eintreten.” Seit mehr als 20 Jahren wächst dieses Graswurzelnetzwerk von den Redwoods im Norden des Bundesstaates bis hinunter zur mexikanischen Grenze. “Wir sehen uns nicht unbedingt als eine Antwort auf jene, die Dr. King einmal “unsere kranken weißen Brüder in den Südstaaten und im Bibelgürtel” nannte . Jene, die die Vision einer Gemeinschaft für alle verloren haben”. McBride betont, dass er vielmehr die religiösen Fundamentalisten im Land als Gegenstück zu ihren Bemühungen einer sozial gerechten Gesellschaft sieht.

“Pico California”, “New Nation Rising” und andere Zusammenschlüsse religiöser Gruppen in den USA sind Beispiele für eine Neuausrichtung der außerparlamentarischen Opposition, die aus der Mitte der schwarzen Gemeinden kommt. Und das nicht ohne Grund. Ben McBride zitiert einen Satz von Martin Luther King Jr., den dieser 1967 in einem NBC Interview sagte: Ich befürchte, dass mein Traum zu einem Alptraum geworden ist. Für Ben McBride steht fest, dass die Afro-Amerikaner in den USA einen großen Fehler gemacht haben. “Wir verlangten nach Integration, stattdessen hätten wir zuerst unsere Gemeinschaft stärken sollen.”

Und darum geht es nun. Für McBride und auch für Pastor Mike von “The Way” in Berkeley waren die Ausschreitungen von Ferguson, Missouri, und die Gründung der “Black Lives Matter” Bewegung ein Wendepunkt, ja ein “Aufwachen” in den Glaubensgemeinschaften der USA. Mit der Wahl von Barack Obama als ersten farbigen Präsidenten des Landes, verbanden viele die Hoffnung auf bessere Zeiten. “Hope” und “Change”, die Rufe jener Tage sind jedoch verhallt, gerade auch weil unter Obama mehr illegale Einwanderer als je zuvor abgeschoben wurden, Mike Brown, Treyvon Martin und andere von Polizisten erschossen wurden.

„Dieses Land braucht immer einen „Nigger““, meint Ben McBride.

Der Ernüchterung unter Obama folgte der Schock mit der Wahl von Donald Trump. Viele Communities im Land verfielen in eine Starre, denn da war auf einmal ein Präsident im Amt, der das weiße Amerika längst vergangener Tage umwarb und Afro-Amerikaner gegen Latinos aufhetzte. Trump betonte erst kürzlich wieder, dass unter ihm die Arbeitslosigkeit von Schwarzen verringert wurde, auch weil mehr und mehr illegale Einwanderer aus dem Süden abgeschoben wurden. “Für uns gibt es da nichts zu feiern”, erklärt Ben McBride. “Am Ende des Tages glauben wir Farbige, die 400 Jahre lang unter dem amerikanischen Imperium gelitten haben, dass es heißen muss, alle oder keiner. Man macht den schwarzen Nachbarschaften keine Versprechen und bezieht unsere muslimischen, unsere Latino Nachbarn und Brüder, auch südlich der Grenze nicht mit ein. Wir sind hier lange genug, um zu wissen, dass dieses Land immer einen “Nigger” braucht. Sei es mit schwarzer Hautfarbe, roter oder brauner, diese Gesellschaft funktioniert nicht ohne.”

Deutliche Worte eines “Community Leaders”, der mit am Tisch von Barack Obama sass und der nun von Donald Trump und seiner Administration gemieden wird. Pastor Mike sieht das, für was Donald Trump steht und was dieser sagt als “Geschenk” an. “Ich bin davon überzeugt, dass wir den “Trumpismus” besiegen werden”.

Organisiert wird auf der lokalen Ebene, Netzwerke gebildet, die nicht mehr übersehen werden können. Die ersten Erfolge sind sichtbar und haben das Weiße Haus und viele Republikaner im Kongress alarmiert. Bei der Wahl um den freigewordenen Senatsposten in Alabama im vergangenen Dezember konnte mit einem massiven Kräfteeinsatz die Wahl des republikanischen Rechtsaußenkandidaten Roy Moore verhindert werden. Pastor Mike war einer von mehreren Glaubensführern aus der San Francisco Bay Area, die sich im Wahlkampf engagierten. “Ich war für mehrere Wochen vor Ort. Wir haben Kirchen und Gemeinden organisiert, wir haben an Hunderten von Türen geklopft und mit Tausenden Menschen gesprochen und das alles in weniger als einem Monat.” Wähler wurden registriert und informiert. Das Ergebnis war der Wahlsieg des demokratischen Kandidaten Doug Jones in einem traditionell republikanischen Bundesstaat. Der Erfolg gezielter Basisarbeit. Ein Model für die kommenden Wahlkämpfe in diesem Jahr und 2020.

Cayman Amiri ist der Vorsitzende des “Islamischen Kultur Center in Nordkalifornien” (ICCNC). Ein altes Freimaurer Gebäude beherbergt seit über 20 Jahren die stetig wachsende islamische Gemeinde in Oakland. Amiri sieht seine Aufgabe in diesen Tagen nicht nur darin für die muslimische Gemeinde der Region da zu sein, sondern das Center öffnet seine Türen auch für einen interreligiösen Austausch. Zum ersten Mal überhaupt in den USA hat im vergangenen Dezember die Bürgermeisterin einer Metropole ihre “State of the City” Rede im islamischen Kulturzentrum gehalten. Libby Schaaf, Bürgermeisterin von Oakland, wollte damit ein deutliches Signal in stürmischen politischen Zeiten setzen. Die musikalische Untermalung lieferte eine Gruppe, die schon seit längerem im Center probt. Mitglieder von Aswat sind Menschen aus jenen Ländern, die unter Donald Trump mit einem Einreiseverbot belegt wurden.

Auch das ein politisches Signal und dennoch Cayman Amiri gibt sich bescheiden. “Wir feiern den Islam durch Kunst und Kultur, und die Musik ist Teil dieser Kunst. Es kann durchaus sein, dass es einen politischen Unterton hat, aber unsere Aufgabe liegt nicht darin, politisch aktiv, für oder gegen eine bestimmte Politik zu sein. Wir sind vielmehr für Gerechtigkeit. Das heisst, nur weil ein paar Terroristen aus bestimmten Ländern kommen, heisst das nicht, dass jeder von dort ein Terrorist ist, dass eine ganze Religion terroristisch ist. Wir bieten den Menschen an, sich zu bilden über die Kultur, die Religion, unsere Herkunft. Das sollte eigentlich jede Organisation machen.” Dieser Ansatz wird im breiten Angebot des islamischen Kulturzentrums deutlich. Eng arbeitet Payman mit der “Kehilla Synagoge” und der “Montclair Presbytarian Church” zusammen. Es geht um Armenspeisung, um Hilfen für Obdachlose, um Schutz für Flüchtlinge, aber auch um gemeinsame Kunst- und Kulturveranstaltungen. “Wir machen auch immer wieder deutlich, wie wichtig es für Muslime ist zu wählen. Es ist die Verantwortung von jedem sich zu registrieren und wählen zu gehen.” Politik von unten, darauf bauen mehr und mehr religiöse Gruppen.

Am “American Baptist Seminary of the West”, einer Bildungseinrichtung direkt am “People’s Park” in Berkeley gelegen, werden die Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit groß geschrieben. Seit diesem Jahr wird auf Drängen der Studierenden und auch einiger Dozenten die Kursreihe “Public Theological Program” angeboten. “Der Kernpunkt dabei ist, dass wir die Teilnehmer dahingehend ausbilden, ihren Glauben auf die Straße zu bringen, weg von nur einem Pastor und der Kanzel”, umschreibt es LeAnn Flesher, die Dekanin des “American Baptist Seminary of the West”. “Es geht auch darum, wie wir diese Botschaft verpacken können, um sie in der Öffentlichkeit erfolgreich anbieten zu können.” Schon länger habe man über solch ein Angebot nachgedacht, meint Flesher. Der Wahlkampf von Donald Trump und seine Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten habe jedoch “das Feuer gehörig angefacht”.

In den Gemeinden der USA wird mehr und mehr von “social justice” und “equality”, von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit gesprochen. Pastoren, Imame, Rabbiner rufen die Gläubigen dazu auf, aktiv am demokratischen Prozess teilzunehmen, sich einzumischen, nicht mehr wegzusehen, sich als Wähler registrieren zu lassen und schließlich zur Wahl zu gehen. Vor 50 Jahren, am 4. April 1968, wurde Martin Luther King Jr. ermordet. Dieser Tag scheint im Rückblick wie das Ende der Bürgerrechtsbewegung zu sein. LeAnn Flesher vergleicht die heutige Bewegung in den Kirchen mit der damaligen um den charismatischen Baptistenpastor und Bürgerrechtler. “Einer der großen Unterschiede ist für mich, dass sie nicht um eine Person wie Martin Luther King Jr. aufgebaut ist. Wir sehen heute viele Führungspersonen und unzählige von Gruppen, die im ganzen Land entstehen, die sich für dieses Ziel der sozialen Gerechtigkeit einsetzen”. Und die sich vernetzen, wie das Ben McBride mit “Pico California” versucht. “Für mich ist das keine schnelle Sache. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, ich weiss nicht, ob ich das je erleben werde. Aber ich weiss, dass ich und andere es tun müssen, damit hoffentlich meine Enkel zu Lebzeiten ein Amerika erleben werden, in dem es zu einer wirklichen Versöhnung kommen kann.”

„I see dead people“

An der Ecke Franklin und Clay Street in San Francisco, unweit des Deutschen Generalkonsulats gelegen, steht ein Haus, das da so gar nicht mehr hinpasst. 1895 für Margaret Crocker erbaut, fällt dieses Herrenhaus umgeben von Wohnsilos selbst beim Vorbeifahren auf der vielbefahrenen Franklin Street auf.

Golden Gate Spiritualist Church.

In diesem für San Francisco alten Gebäude ist seit 1924 die “Golden Gate Spiritualist Church” untergebracht. Am vergangenen Mittwochabend besuchte ich erneut die Kirche. Beim Eintreten hat man gleich das Gefühl in eine andere Zeitepoche, wenn nicht sogar in eine andere Dimension zu schreiten. Die Welt da draußen ist weit weg, nur ganz entfernt kann man den Lärm des Alltags wahrnehmen. An den Wänden selbstgemalte Bilder, die ihre eigene Geschichte haben, wie mir später Reverend Delaney Lauderback und auch die Pianistin Carla Gee erklären. Die Gemälde wurden nämlich nicht in dieser Welt gemalt. Sie hängen an den Wänden, die noch zum Teil die Originaltapete aus den Gründungsjahren aufweist.

Im Erdgeschoss befindet sich der Versammlungsraum der Kirche, ein kleines Nebenzimmer dient als “Chapel”, als Kapelle. Das Licht gedämpft, alte Stühle an einer Wand, in mehreren Vitrinen sind etwa 800 Elefantenfiguren aufgereiht. Ein religiöses Symbol für die Spiritualisten. In dieser Kapelle finden die “Healing Sessions” vor dem eigentlichen “Church Service” statt, wie der Pastor der 95 Mitglieder starken Gemeinde, der 81jährige Reverend Delaney Lauderback, erklärt: „Wir praktizieren hier Heilung durch Handauflegen, nichts Spektakuläres. Einige von uns haben das Glück diese heilende Kraft zu kanalisieren. Wir lassen die Personen in der Geisterwelt, die diese Heilkraft haben, sie durch uns an Menschen weitergeben, die sie brauchen.“

Die Mitglieder der “Spiritualist Church” glauben an einen Austausch zwischen dieser und der Welt der Verstorbenen. Etwa 180.000 Mitglieder zählt diese Glaubensgemeinschaft in den USA. „Es ist anders und doch ist es eine Kirche, die auf Gott basiert“, so der Pastor. „Der erste Grundsatz des Spiritualismus lautet, dass wir an die endlose Intelligenz glauben, dass Gott keine Person irgendwo auf einem Thron ist. Er ist endlos gegenwärtig, endlos bewußt, endlos überall und wir alle sind ein Teil darin. Wir haben eine Seele, die ein Funken in dieser Gotteskraft ist.“

Nach dem Heilen, dem Handauflegen, für einige der Gekommenen findet im größeren Versammlungsraum der “Service”, die Messe, statt. Nach einigen Liedern und Gemeindehinweisen treten nacheinander zwei Männer an das Rednerpult, die beide Medium sind. Sie deuten scheinbar wahllos auf Männer und Frauen in den Sitzreihen und fragen, ob sie zu ihnen kommen dürfen. Dann berichten sie von “Spirits”, von Geistern, die sie neben den Personen sehen, beschreiben, was diese ihnen erzählen und versuchen das mit Fragen zu deuten. Aufzeichnen darf ich den Service mit einem Aufnahmegerät nicht. Nicht die Geister haben damit ein Problem, sondern es sind eher weltliche Gründe, wie Pastor Lauderback mit einem Lachen meint: „Das ist keine gute Idee. Ich glaube es gibt Gründe der Vertraulichkeit für die Leute, die hier sind. Ich meine ganz legale.“

Eine die regelmäßig hier ist, ist Marilyn Lander. Seit fast einem Jahr kommt sie Woche für Woche zur Kirche. Meist schon vor dem eigentlichen Beginn des Service, um noch etwas in den spirituellen Büchern in den Wandschränken zu schmökern. „Ich war schon immer vom Austausch mit Geistern fasziniert. Als beide meiner Eltern starben, entschied ich mich, ich schau mal, was es damit auf sich hat. Und seit dem ersten Mal, seitdem ich hierher kam, fühlte ich mich willkommen. Plus, ich bekam Beweise, die mir zeigten, dass meine Eltern und andere die verstarben in der Geisterwelt sind. Es ist unglaublich und die Gemeinschaft hier ist sehr nett.“

Carla Gee sitzt jeden Mittwoch und Sonntag am Flügel gleich neben der kleinen Bühne und begleitet die Lieder. „Ich glaube an die Philosophie der Kirche. Ich mag sie, sie ist wunderschön. Sie besagt, dass wir nicht sterben, wenn der physische Körper stirbt, die Seele besteht weiter. Das ist der Grund unserer Kirche, daran glauben wir und versuchen Leute das verständlich zu machen.“

Auf der anderen Seite der San Francisco Bay findet man das American Baptist Seminary of the West. LeAnn Flesher ist die Dekanin und Professorin für das Alte Testament. Sie sieht die “Spiritualist Church” kritisch, und dennoch weiß sie, dass dieser Glaube auch im Christentum zu finden ist. „Als erstes fällt mir etwas aus dem Alten Testament ein, als King Saul Samuel von den Toten beschwören will. Er geht zu einem Medium und fragt Samuel, ob er eine bestimmte Schlacht gewinnen wird. Und Samuel bestraft ihn hart dafür, dass er ihn von den Toten beschworen hat. In diesem bestimmten Text sieht man ein deutlich negatives Beispiel, das nicht gebilligt wird. Aber das es überhaupt da ist legt nahe, dass es praktiziert wurde.“

In der San Francisco Bay Area gibt es viele verschiedene Religionen, Glaubensgemeinschaften, die hier friedlich nebeneinader existieren können. LeAnn Flesher, Expertin des Alten Testaments, sieht deshalb auch die “Golden Gate Spiritual Church” gelassen. Sie versteht sogar, zumindest ein bisschen, woher die Faszination für diesen Glauben kommt. „Ich denke, dass Wissenschaft und Religion uns davon zurückhält, all das zu erfahren, was es zu erfahren gibt. Es gibt da Dinge im Universum, in unserer Welt, in bestimmten Bereichen, die wir nicht kennen oder nicht hunderprozentig erklären können. Und wir glauben, durch die Wissenschaft alles verstehen zu können. Und wenn es nicht konkret und nachweisbar ist, dann existiert es nicht. Das hält uns zurück. Und gleichzeitig sind da bestimmte Leute,  die den Glauben an einen bestimmten Punkt bringen wollen, an dem die Wissenschaft überflüssig ist. Und auch das hält uns zurück, denn sie gehen in eine ganz andere Richtung. Die Frage ist also, wenn da nun Leute zu mir kommen und mir sagen, sie sehen Geister um mich rum, die da einiges veranstalten, glaube ich daran, dass das so ist? Nein, ganz sicher nicht.“

Nach dem Service am Mittwochabend kommt einer der Männer von der Bühne auf mich zu. Ich hatte bemerkt, dass er mich, während der andere sprach, ständig anblickte. Er lächelt mich an, gibt mir die Hand und sagt: „Da war eine junge Frau neben Dir, die Dich die ganze Zeit umarmt hat. So wie eine Schwester.“ 

 

Donald Trump, von Gott gesandt

Sie sind für “Guns, Country and Culture”, für Waffen, Nation und Kultur. Die christlichen Fundamentalisten in den USA greifen erneut in den Wahlkampf ein. Doch diesmal haben sie mit Donald Trump einen Kandidaten vorgesetzt bekommen, der eigentlich so gar nicht in ihr Weltbild passt. Mehrfach geschieden, ein Egomane, ein politischer Wendehals. Und doch hat er etwas, was die Christliche Rechte in Amerika anspricht.

“I think it’s important for us to realize, going back in our history. We were founded as a Judeo-Christian nation. This nation was built on the truth claims of the Judeo-Christian tradition, built on the laws of nature and nature’s god. And therefore I think as Americans, the only way we can properly view this thing is through the lense of scripture, use the same platform, the same truth-foundation that the founders used when they established the political experiment we call the United States.” (Bryan Fischer)

Die Sendung heißt “Focal Point”, Moderator ist Bryan Fischer, täglich ausgestrahlt auf dem christlich-konservativen Radionetzwerk “American Family Radio”. Die Programme von AFR werden in den USA über nahezu 200 Stationen im ganzen Land verbreitet. Fischer ist bekannt für seine radikale Sicht der Dinge. Und die ist gegen Abtreibung, Homosexualität, ein staatliches Gesundheitssystem und vor allem gegen Muslime. Seine Verbalattacken haben so weit geführt, dass “American Family Radio” auf der Liste der Hassgruppen des “Southern Poverty Law Centers” aufgeführt wurde. AFR musste sich von Fischer distanzieren, aber senden darf er weiter. So umschrieb Fischer Muslime als “Parasiten”, die einen “Dämon” anbeteten. Zitat Bryan Fischer: “Jedesmal wenn wir es erlauben, eine Moschee in unseren Nachbarschaften bauen zu lassen, pflanzen wir einen improvisierten Sprengkörper in die Herzen unserer Städte und wir haben keine Ahnung, wann eine dieser Bomben gezündet wird”.

“That was Paul Ryan. I did not, did you hear any specifics at all about what principals we are gonna unify around. I didn’t hear anything. While I heard Paul Ryan saying, we all agree on, there is only two things we all agree on, we gotta stop Hillary Clinton and the country is in bad shape. Those are the two things we agree on. But then Paul Ryan talks about common principles. A compelling and clear agenda going forward, and he just raises the question, can we unify around our common principals? Well, I did not hear him articulation any common principals around which we could rally.” (Tim Wildmon)

“American Family Radio” und die dahinter stehende “American Family Association” sieht sich nicht als politisches, eher als moralisches Sprachrohr, wie der frühere General-Manager des Senders, Marvin Sanders, erklärt: „Wir sind nicht politisch aktiv, ich würde dem widersprechen und lieber sagen, wir sind kulturell aktiv. Wir haben keine politischen Ziele, aber wir haben kulturelle Ziele. Dieses Land ist quasi ein Zweiparteienstaat, Republikaner und Demokraten. Wir als Missionare waren immer wieder sehr kritisch gegenüber beiden Parteien aus verschiedenen Gründen. Wir sind in den jüdisch-christlichen Werten verankert, dem Leben verbunden, gegen Abtreibung, glauben an die Familie und die Ehe. Wir setzen uns dafür mit kulturellen Mitteln ein, die Leute finden das politisch, ist es aber nicht. Wir können keinen Kandidaten unterstützen, aber wir arbeiten mit vielen Demokraten und Republikanern im ganzen Land zusammen. Es sieht also politisch aus, denn die Republikanische Partei hat eine Basis, die sich um diese Werte sorgt, jene kulturellen Werte, die ich meine. Die Demokratische Partei hingegen ist in eine andere Richtung marschiert und unterstützt Abtreibung, die homosexuelle Agenda, Anti-Familien Maßnahmen, Lebensstile, vorehelichen Sex, diese Dinge. Das ist die Basis des dominanten Flügels der Demokratischen Partei. Wenn man aber von Staat zu Staat, von Gemeinde zu Gemeinde geht, dann findet man eine Menge Demokraten, die auf unserer Seite stehen. Es ist also nicht politisch, es geht vielmehr um Kultur.“

Tim Wildmon ist der Präsident der AFA, der “American Family Association”, und auch selbst Radiomoderator auf AFR. Für ihn ist das Anliegen ganz klar. „American Family Association und American Family Network existiert, um traditionelle moralische Werte zu fördern, biblische Werte, in der amerikanischen Kultur und Gesellschaft. Und wir wollen die Botschaft Jesus Christus verbreiten. Das sind unsere zwei wichtigsten Ziele. Wir sind durch die Bibel motiviert, Matthäus Kapitel 5, wo Jesus sagt, wohin wir in der Welt in Salz und Licht gehen sollen.“

“I have heard Donald Trump say repeadedly he likes the late Anthony Scalia and Clarence Thomas and he continuously lists those justices as the kind of Supreme Court Justices he would appoint, with those justices, Scalia and Thomas, five stars in our view. So if he appoints those kinds of justices, I think that will help him build his credibility with conservatives, because a president has very few responsibilities that are more important than appointing Supreme Court justices…” (Tim Wildmon)

Tim Wildmon von der “American Family Association” stimmt mit Donald Trump überein, dass die konservativsten Verfassungsrichter Anthony Scalia und Clarence Thomas der Maßstab für das oberste Gericht der USA sein sollten. Genau darum geht es den christlichen Fundamentalisten wie Wildmon und anderen der Christlichen Rechten vor allem im aktuellen Wahlkampf 2016. Mit der Wahl der Verfassungsrichter werden politische Entscheidungen für Generationen in Stein gemeißelt.

Nur so kann man auch das vorsichtige Herantasten der christlichen Fundamentalisten an den New Yorker Milliardär Donald Trump verstehen. Er ist sicherlich nicht der Wunschkandidat der Christlich-Konservativen und des Partei-Establishments, aber er ist immer noch besser in ihren Augen als die verhasste Hillary Clinton.

James Bennett

James Bennett

Der christliche Fundamentalismus ist keine neue Erscheinung in den USA. Die Bewegung formte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, wie James Bennett, Professor für religiöse Studien an der Santa Clara University in Kalifornien, erklärt: „Fundamentalismus geht zurück bis auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, auf die ersten ein, zwei Jahrzehnte. Fundamentalismus ist ein Teil einer größeren christlich-konservativen oder christlich-evangelikalen Bewegung. Der fundamentalistische Zweig nimmt seinen Namen von einer Buchserie, die “The Fundamentals” hieß, veröffentlicht zwischen 1910 und 1915. Das war wirklich die Geburtsstunde der fundamentalistischen Bewegung, gegen Modernisierung, gegen Liberalismus, gegen Evolution, gegen kritische Bibelstudien, wie sie Ende des 19. Jahrhuderts auch aus Deutschland kamen. Der Fundamentalismus kam also Anfang des 20. Jahrhunderts gegen diese modernen Bewegungen auf.“

LeAnn Flesher ist die akademische Dekanen und Professorin für das Alte Testament am “American Baptist Seminary of the West” in Berkeley, Kalifornien. Auch sie markiert den Beginn des Fundamentalismus in den USA mit einer Buch-Veröffentlichung. Sie sieht John Darbys Doktrin zum Dispensationalismus als Ausgangspunkt. John Darby war ein englischer Geistlicher, der im 19. Jahrhundert eine eigene heilsgeschichtliche Lesart der Bibel predigte; für ihn setzte schon nach dem Tod der Apostel der Verfall der christlichen Kirche ein, und er kämpfte um eine christliche Erneuerung aus einer gesunden Lehre heraus. Der sogenannte Dispensationalismus sah in der Bibel irrtumsfreie Texte, die wörtlich genommen werden müssen und keiner Auslegung bedürfen.

LeAnn Flesher

LeAnn Flesher

John Darby wirkte in England, aber seine fundamentalistische Sicht auf die Bibel und das Christentum verbreitete sich, so LeAnn Flesher, schnell in den USA. Vor allem durch die sogenannte “Scofield Bible”. Der Theologe Cyrus Scofield kommentierte darin die biblischen Texte, verwies erklärend an manchen Stellen auf andere Bezüge in der Heiligen Schrift, erzählt LeAnn Flesher: „Diese Erklärungen unterstützten den “pre-millennial”–Dispensationalismus. Die Leute lasen sie wie einen Teil der Bibel, denn sie waren alle und zum ersten Mal auf derselben Seite und in einer Ausgabe zu finden. Es wurde kein Unterschied mehr gemacht, was eigentlich der biblische Kanon und was die Ergänzungen von Mister Scofield waren. Das breitete sich so aus, dass viele Leute meinten – und das habe ich in einigen Schriften bestätigt gefunden – die “Scofield Bible” sei alles, was man brauche, um zu verstehen, was Theologie, Religion, wer Gott, was die Wiederaufstehung ist und auch wie die Welt in Zukunft sein wird.“

Der Dispensationalismus von Darby, den Scofield so für eine breite Leserschaft zugänglich machte, beschreibt die Endzeit, so Flesher: „Was John Darby verstand, war, dass da zwei Gruppen waren, die Juden und die Christen, und dass die Juden für Gott Plan A waren, die es aber verkorkst hatten. Und deshalb mußte Gott einen Plan B haben, und der war die Kirche. Darby erkannte, dass es in der Bibel Texte speziell für die Juden und Texte speziell für die Christen gibt. Niemand der einen Gruppe musste dabei die Texte der anderen Gruppe beachten. Die Zeilen, die die jüdischen Gesetze umfassen, waren nur für die jüdische Bevölkerung wichtig. Jene Zeilen, die von der Gnade und der Wiederaufstehung handelten, waren für die Christen gedacht. Aber nur ein Teil der Christen, die Apostoliker, werden am jüngsten Tag auffahren. Und diese Gruppe wurde die “True Church”, die wahre Kirche, genannt. Niemand sonst war in der “wahren Kirche”, selbst wenn sie mit Glauben, Kirche und Religion zu tun hatten. All das verfestigte eine Hierarchie, eine männliche Vorherrschaft, eine christliche Vorherrschaft. Was wir hier haben, ist eine bestimmte elitäre Gruppe, die am Ende mit dem Messias sein wird, mit dem Messias kommen wird, um über den Rest der Welt zu herrschen.“

„Es war aber niemals eine breite Bewegung“, meint James Bennett, der Professor für religiöse Studien an der Santa Clara University in Kalifornien, hin. „Die Fundamentalisten verfolgten damals zwei Wege. Sie versuchten die Führung in den Glaubensgemeinschaften, wie den Baptisten, den Presbyterianern, den Methodisten zu übernehmen. Alle hatten in ihren Reihen fundamentalistische Schlachten um die Führungsrolle. Und die Fundamentalisten verloren alle davon. Sie versuchten auch, dass in öffentlichen Schulen nicht mehr die Evolutionstheorie gelehrt wird, auch diese Schlacht verloren sie. Nur ein paar Prozesse an untergeordneten Gerichten konnten sie gewinnen, aber den Kulturkrieg verloren sie. Sie waren nie bedeutend genug, um innerhalb der Kirchen oder der Gesellschaft wichtig zu sein.“

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, so Bennett, schrumpfte der christliche Fundamentalismus jedoch zu einer Randerscheinung in der US-amerikanischen Gesellschaft: „Nachdem sie diesen Kampf um die Kirchenführungen und die Evolutionstheorie in den 20er und 30er Jahren verloren hatten, verschwanden sie aus dem öffentlichen Leben und versuchten auch nicht weiter, politisch in den bestehenden Institutionen zu agieren. Sie gründeten vielmehr ihre eigenen Institutionen, Colleges und Bibelschulen, Sommercamps, Netzwerke, die den meisten Amerikanern gar nicht bekannt sind. Dazu Fernseh- und Radiostationen. Und in diesem Netzwerk operierten sie bis Mitte der 70er Jahre.“

Eine der bekanntesten Bildungseinrichtungen der Christlichen Rechten in den USA war und ist die Bob Jones University. Eine Eliteschmiede der Fundamentalisten. Deren Präsident Bob Jones III. musste sich seit Anfang der 70er Jahre regelmäßig in Interviews, wie hier mit Larry King auf CNN, für die teils rassistische Grundeinstellung seiner Universität erklären. Im Interview begründet Jones, warum die Universität nach einem Urteil des US Verfassungsgerichts lieber eine Million Dollar an Steuerschulden zahlt, als ihre Politik der Rassentrennung aufzugeben.

James Bennett sieht diesen Kampf als Neuanfang der christlich-fundamentalistischen Bewegung in den USA: „Ab diesem Zeitpunkt ging es um die Frage der Rassentrennung, denn Behörden begannen damit, Steuererbefreiungen solchen Colleges und Universitäten zu entziehen, die aufgrund der Hautfarbe diskriminierten. Das brachte die politische Rechte hervor, wie wir sie heute kennen. Es war der Fall der “Bob Jones-Universität” in Greenville, South Carolina, die bis in die 70er Jahre hinein keine farbigen Studierenden zuließ. Und danach wurden keine unverheirateten schwarzen Studenten zugelassen, denn es herrschte ein Verbot von Mischbeziehungen zwischen Schwarzen und Weißen. Die Steuerbehörde IRS entzog der “Bob Jones University” daraufhin die Steuerbefreiung. Und dieser Eingriff des Staates auf eine religiöse Einrichtung ließ das politische Gewissen der religiösen Rechten und vor allem der Fundamentalisten erwachen. Das brachte sie zusammen: der Kampf gegen die Einflussnahme des Staates auf eine religiöse Institution. Den Kampf haben sie verloren, aber sie realisierten, es gibt ein Potenzial für eine politische Organisation in der Gesellschaft. “Bob Jones” hatte ihnen das gezeigt und im Laufe der 70er Jahre erarbeiteten sie eine gemeinsame Strategie.“

Am 13. Dezember 1971 begann vor dem Verfassungsgericht die Anhörung Roe vs. Wade. In dem Prozess ging es um das Recht einer Frau auf Abtreibung. Mit dem Richterspruch am 22. Januar 1973 wurde Amerika tief gespalten. Seitdem ist Abtreibung eines der immer wiederkehrenden Themen im amerikanischen Wahlkampf, hier das Recht auf Leben, dort das Recht auf freie Entscheidung. Damit wurde die Nation gespalten, erklärt James Bennett: „Das war zu einer Zeit, als die Abtreibung und später die Homosexualität die galvanisierenden Punkte für sie wurden. Sie präsentierten sich als ein Block, der konservativen Kandidaten zur Wahl verhelfen könnte, wenn diese mit ihren Überzeugungen übereinstimmten. Bekannt ist da vor allem ihre Mithilfe bei der Wahl von Ronald Reagan 1980. Es gab also diese Ruhezeit zwischen den 20er, 30er Jahren und dann den massiven Ereignissen in den 70ern, was zur Wiederauferstehung der konservativen Protestanten in der politischen Landschaft führte.“

Und LeAnn Flesher ergänzt: „Bis dahin hielten sich die konservativ-religiösen Gruppen und die Fundamentalisten aus der Politik raus. Ihre Aufgabe sahen sie in der Verbreitung des Evangeliums, neue Gläubige zu finden und eine Art Gegenkultur zu leben. Aber in den 80ern traten Politiker an Jerry Falwell heran, damit er die “Moral Majority” gründen sollte, sie gaben das Geld dazu, und die Gruppen konzentrierten sich fortan auf die “Family Values”, die Familienwerte. Die Politiker der Republikaner wollten damit die konservative Wählerschaft gewinnen. Sie bauten die Plattform auf, danach wurde immer und immer wieder von den “Familienwerten” gesprochen.“

In den 70er Jahren unterstützten die Fundamentalisten den Demokraten Jimmy Carter. Foto: Reuters.

In den 70er Jahren unterstützten die Fundamentalisten den Demokraten Jimmy Carter. Foto: Reuters.

Die Republikaner waren jedoch nicht von Anfang an die Partei, auf die die christlichen Fundamentalisten in den USA setzten. James Bennett von der Santa Clara University verweist auf einen Demokraten, der eigentlich für die Evangelikalen im Land der bessere Kandidat war: Jimmy Carter, der 1976 für die Demokraten die Präsidentschaftswahl gewann. Er sei der erste evangelikale US-Präsident gewesen, sagt Bennett: „Er ist auch derjenige, der sich als erster als “wiedergeborener Christ” beschrieb. Er hat diese Bezeichnung in die öffentliche Diskussion gebracht. Die Medien wussten so gar nicht, was ein Evangelikaler ist, was es bedeutet, wiedergeboren zu sein. Jene Evangelikale in den 70er Jahren, die politisch aktiv werden wollten, sich von der Bob Jones-Rassendebatte fernhielten und sich nocht nicht auf das Abtreibungsthema festgelegt hatten, unterstützten Jimmy Carter, denn er war Evangelikaler, “er ist einer von uns”. Aber als er gewählt wurde, war er mehr an den traditionell liberaleren Sozialthemen interessiert, die Evangelikale , Konservative, Fundamentalisten so gar nicht berührte. Und das ist einer der Gründe, warum sie 1980 von Carter zu Reagan wechselten. Die Wirtschaft, soziale Gleichheit, Obdachlosigkeit, Arbeitnehmerfragen, das alles war nichts für die religiöse Rechte. Sie waren mehr an den persönlichen Moralfragen interessiert, wie Ehe, Familie, Geschlechtsrolle, Abtreibung, Homosexualität. Auch für die Außenpolitik der Republikaner standen sie. Ihre religiöse Identität und ihre amerikanische Identität gingen Hand in Hand. Amerika zu verteidigen als besondere Nation, als christliche Nation, gegen den gottlosen Kommunismus kämpfend, das passte zusammen für die christliche Rechte.“

Für die war der Wahlsieg Reagans 1980 ein politischer Triumph, obwohl politische Erwartungen der Evangelikalen eigentlich enttäuscht wurden, so Bennett: „Ich glaube, es war viel eher eine synergetische Bewegung als nur eine einseitige Sache. Man könnte sogar fast das Gegenteil behaupten, die republikanische Partei hat die religiös Konservativen vereinnahmt. Wenn man genauer hinschaut, Abtreibung war Ende der 70er Jahre das Thema, aber die Präsidenten Reagan, Bush 1 und Bush 2 haben nie etwas dahingehend geliefert. Sie machten Wahlkampfversprechen, um die Unterstützung dieser Wählergruppe zu bekommen, aber mehr wurde nicht daraus.“

So schrieb zum Beispiel die christlich-konservative Kommentatorin, Deborah Caldwell, nach der Wiederwahl George W. Bushs 2004 auf der einschlägigen christlich-konservativen Internetseite beliefnet.com:
“Präsident Bush erklärte am Tag nach seiner Wiederwahl, dass dafür vor allem sein politischer Berater Karl Rove verantwortlich sei, den er “den Architekten” seines Wahlkampfes nannte. In Kirchen, auf christlichen Radiosendern und in Wahlbezirken mit vor allem konservativen Christen ging der Dank hingegen an einen, der viel mächtiger ist: Gott. Der Allmächtige mischte sich in die US Wahl ein, damit Bush Präsident bleibt, das glauben die Evangelikalen. Sie sagen, Gott habe Amerika mit Bush “gesegnet”. Und wenn Senator John Kerry gewählt worden wäre, hätte Gott die USA “verflucht”. Indem er die Wiederwahl von Bush zugelassen hat, gab Gott Amerika “mehr Zeit”, das Abrutschen ins Teuflische zu stoppen.”

Und dann kam Bill Clinton. Für James Bennett ist der 42. Präsident ein äußerst interessantes Kapitel in dieser Geschichte. „Bill Clinton ist ein Evangelikaler aus dem Süden, so wie Jimmy Carter. Er spricht hervorragend die Sprache der Evangelikalen, der Christen, er fühlt sich viel wohler in einer Kirche zu beten und zu singen als Ronald Reagan oder George Bush. Er hat Sand ins Getriebe dieser damaligen Allianz geschmissen und gleichzeitig wurde er in seiner Präsidentschaft und mit der Monica Lewinsky-Affäre zur Hassfigur. Er lieferte Stoff für die “Christian Coalition”, dem politischen Arm, der von Ralph Reed geführten konservativ-politischen Gruppierung. Bill Clinton gab ihnen gute Gründe, für George W. Bush zu spenden und ihn im Jahr 2000 zu unterstützen. Aber 1992 mit dem ersten George Bush und dann 1996 mit Bob Dole als republikanische Kandidaten, das waren keine guten evangelikal-konservativen, protestantischen Kandidaten. Sie sprachen nicht die Sprache, sie kamen nicht aus dieser Tradition und Bill Clinton schaffte es, daraus Gewinn zu schlagen. Er war ein Präsident, der Kompromisse schließen und damit auch etwas die Schärfe aus dem politischen Zwist nehmen konnte. Zum Beispiel seine Sozialhilfereform stieß durchaus auf Unterstützung bei politischen und religiösen Konservativen.“

Die Clintons wurden zum roten Tuch für die christlichen Fundamentalisten in den USA. Als Hillary Clinton 2008 für das Präsidentenamt kandidierte, wurde sie massiv von den religiösen Rechten angegangen und bekämpft. Barack Obama war für sie das kleinere Übel. Acht Jahre später stehen die christlichen Konservativen vor einem noch größeren Problem als 2008. Denn ihr Kandidat war eigentlich Ted Cruz. Aber der hatte das Nachsehen gegen Donald Trump. Für LeAnn Flesher vom „American Baptist Seminary of the West“ ist der Triumph des vermeintlichen Außenseiters Donald Trump in den Vorwahlen der Republikaner gar nicht so verwunderlich: „Wir haben heute eine sehr große Gruppe in unserem Land, die noch immer in diesem elitären, auserwählten Denken steckt. Und diese Gruppe ist in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden, bei den sehr, sehr reichen Leuten, aber auch unter den Ärmeren denken manche so. Und ein großer Teil der Mittelschicht. Das ist schon interessant, wenn man an die Rolle der Religion in der Gesellschaft denkt, dass das klassenübergreifend ist. Ganz klar, die Kandidatur von Donald Trump und die Unterstützung, die er von diesem Teil der Gläubigen bekommt, ist etwas Besonderes. Wir alle sind davon überrascht worden. In diesem Wahlkampf wurde etwas sichtbar, was wir nicht für möglich hielten in diesem Land. Es gibt eine sehr starke elitäre Überzeugung, auserkoren zu sein. Die Fundamentalisten glauben fest daran und sehen das, was sie hier in den Vereinigten Staaten machen als von Gott gewollt. Sie sehen sich als jene, die für das jüngste Gericht vorbereitet werden. Dahingehend, dass sie biblische Texte so lesen, dass der Tempel in Jerusalem ein drittes Mal erbaut werden muss und die Juden wieder zurück nach Jerusalem kommen müssen, um das Land in ihren Besitz zu nehmen. Sie senden also Gelder an konservative Gruppen in Jerusalem und Israel, die diese Ideen und Bestrebungen unterstützen.“

Donald Trump ist der Kandidat der christlichen Fundamentalisten. Foto: Reuters.

Donald Trump ist der Kandidat der christlichen Fundamentalisten. Foto: Reuters.

Aus europäischer Perspektive treten bei der Präsidentschaftswahl 2016 zwei Lager gegeneinander an: das liberale gegen das konservative Lager. Clinton gegen Trump. Die Frage ist, welchen Einfluss die Fundamentalisten auf die zukünftige inhaltliche Ausrichtung der Republikaner nehmen werden. Für James Bennett, den Professor für religiöse Studien in Kalifornien, verfallen die Fundamentalisten beim Zweikampf Clinton gegen Trump in das altbekannte Schwarz-Weiß-Denken, für das Präsident George W. Bush stand. „In Abwesenheit eines klaren Kontrastes ist es also mehr das kleinere Übel. Ich glaube, da sind ein paar sehr interessante Dinge, die mit der Kandidatur von Donald Trump hochkommen. Wenn man vom Startpunkt “ich hasse Hillary Clinton” ausgeht, dann nimmt man eben die Alternative. Nach dem Motto, wenn sie nicht für uns sind, sind sie gegen uns. Oder wenn sie nicht gegen uns sind, dann sind sie für uns. Man kann für beide Positionen auch mit der heiligen Schrift argumentieren, denn Jesus sagt beides aus verschiedenen Blickwinkeln. Was die Trump-Kandidatur aber auch zeigt, ist, wie gespalten die religiöse Rechte ist. Klar sehen wir Leute wie Jerry Falwell Jr., der Trump unterstützt, aber wir sehen auch viele evangelikale Führer, die sagen: “ich kann Trump nicht unterstützen”. Sie reihen sich auch nicht so schnell hinter dem republikanischen Kandidaten ein, wie das viele republikanische Politiker in den letzten Wochen getan haben. Ich glaube, die religiöse Rechte, auch die Fundamentalisten, waren nie so eine geeinte Bewegung, wie wir das immer dachten. In diesem Wahlkampf wird die Spaltung in viele Teile ganz deutlich. Die Frage ist, wie sehr wollen sie an der politischen Macht festhalten, die sie durch die Unterstützung republikanischer Kandidaten in den 70er und 80er Jahren erhalten haben. Was sie gerade lernen, ist, dass Religion und Politik nicht immer gut zusammen passen. Und, dass die Kompromisse, um an der Macht zu bleiben, manchmal zu groß sind. So scheint es zumindest für einige Konservative zu sein.“

Für LeAnn Flesher, Professorin für das Alte Testament, bedient Trump vor allem das amerikanische Urgefühl, „god´s own country“ zu sein: „Ich glaube, ein großer Teil von allem liegt an der Prosperitätslehre. Gott will, dass es uns gut geht. Gott will nicht, dass wir arm sind. Und so hören sie Donal Trumps Reden, dass, wenn Trump ins Amt kommt, er “diese Nation wieder großartig macht”, “jeder bekommt, was er braucht”. Das hören sie in seinen Reden, er bringt uns wieder dahin, wo wir die stärkste und wohlhabendste und bedeutendste Nation der Welt werden, die das auch verteidigt. Und das glauben sie zu hundert Prozent. Das hängt mit ihrer eigenen Theologie zusammen, die besagt, Gott will nicht, dass wir arm sind. Er will, dass wir erfolgreich sind, wohlhabend und, davon sind sie fest überzeugt, dass wir die Welt anführen müssen. Denn die USA sind für sie das Land der Auserwählten, ich glaube, deshalb unterstützen sie Trump.“

Nur so kann man überhaupt verstehen, wie die christlichen Fundamentalisten in diesem Wahlkampf auf Donald Trump setzen, meint Flesher: „Trump setzt sich dafür ein, andere draußen zu lassen. Ich hasse es sogar, das zu wiederholen, weil es so abstoßend und schrecklich ist – Trump sagt, wir lassen nicht alle Immigranten rein und bauen eine Mauer an der mexikanischen Grenze, denn sie sind Vergewaltiger. Wir lassen die Muslime nicht rein, sie sind Terroristen. Für mich sind diese verallgemeinernden Aussagen fürchterlich. Doch ein Teil der Bevölkerung kauft ihm das so ab, damit glauben sie, die Kontrolle behalten zu können. Und der Fundamentalismus geht genau darum: die Kontrolle zu behalten. Wir wollen keine großen Veränderungen, wir wollen es nicht viel anders, wir wollen die Hierarchie nicht zerstören.“

Die Sehnsucht, keine großen Veränderungen verkraften zu müssen, war seit der Modernisierung der Welt im 19. Jahrhundert der Nährboden des Fundamentalismus in den USA. Herkömmliche Hierarchien verteidigen. In diesem Sinne ist Trump ihr Kandidat, obwohl sie ihn nicht, wie sie es gerne hätten, sonntags in der Kirche antreffen werden. Das machte auch der ehemalige Gouverneur von Arkansas, Pastor und quasi Sprecher der Christlichen Rechte, Mike Huckabee, in einem Interview deutlich: “I don’t think for many of them, they’re voting for Donald Trump, they say, oh, he will be sitting with me in church next Sunday. They are pretty sure he won’t. But they’re willing to say, he will defend their religious liberty, so they won’t be harassed, because they did go to church and that’s more important to them than who they elect to be president.”

LeAnn Flesher blickt gespannt auf den kommenden Wahlabend, es könnte eine große Richtungsentscheidung sein: „Es ist schon etwas beunruhigend, dass sie glauben, Donald Trump sei der beste Kandidat. Aber er steht eben für diese Prinzipien, die sie wollen und die da sind: wir sind ein besonderes Land, wir wollen die anderen nicht hier haben, wir wollen die Hierachie nicht verändern, was einer weißen, männlichen Vorherrschaft gleichkommt. Sie versuchen nun, das Beste daraus zu machen, aber ein großer Teil der Bevölkerung stimmt damit nicht überein. Eine große Gruppe widerspricht dem. Es wird also spannend sein, was bei der Wahl passieren wird.“

Ein ungewöhnlicher Ort der Trauer

Im Nordosten von Nevada, rund 120 Kilometer von Reno entfernt liegt Gerlach, eine 200 Seelengemeinde. Von dort sind es nochmal 15 Kilometer, dann fährt man vom Highway rechts ab auf die “Playa”, wie das riesige ausgetrocknete Seebett genannt wird. Hier findet alljährlich das Burning Man Festival statt. In diesem Jahr zum 30mal. “Welcome Home – this is Burning Man”

In diesem Jahr hat es rund 70.000 Menschen in die Wüste gezogen. Es ist heiß, es ist staubig, der Wind wirbelt den feinen Sand immer wieder auf, die sogenannten “White Outs” sind dann so intensiv, dass man bei ausgestrecktem Arm die eigene Hand nicht mehr sieht. Doch all das schreckt die “Burner” nicht ab, ganz im Gegenteil, Jahr für Jahr kommen die meisten wieder zurück, um hier zu feiern, unglaublich kreative Kunstprojekte zu erleben, ihre Batterien aufzuladen, eine Stadt für eine Woche aus dem Nichts entstehen zu lassen. Lange Zeit fehlte jedoch etwas, wie sich der Künstler David Best erinnert: „Wir haben hier eine Stadt entwickelt, wir hatten die Infrastruktur mit einer Polizeistation, einem Krankenhaus, Cafes, Toiletten, aber wir hatten keinen Tempel. Es war ein Ort des Feierns, aber es gab keinen Ort der Trauer. Und mit dem Bau des Tempels haben wir diese Lücke gefüllt.“

Im Jahr 2000 war David Best zum ersten Mal mit einem Tempel bei Burning Man. Nach einem tödlichen Verkehrsunfall eines seiner Mitstreiter, entschied sich seine Gruppe in der Wüste bei Burning Man einen Gedenkort zu schaffen. Die Resonanz war so positiv, dass die Burning Man Organisatoren Best baten, im kommenden Jahr erneut einen Tempel zu bauen, weit draußen auf der riesigen Playa. „Ich baue ein Gebäude. Es ist leer, ich mache es zu einem schönen Gebäude und dann kommen sie und bringen das dorthin, an was sie glauben. Den Verlust ihres Hundes, den Verlust ihrer Tochter nach einem Autounfall, den Verlust eines Freundes, der Selbstmord begangen hat, eine gestorbene Mutter oder Vater. Einige glauben an ein Leben danach, andere nicht. Sie nutzen den Ort alle anders und ganz für sich.“

An einem Nachmittag vor dem Tempel. Zahlreiche „Black Rock Rangers“ und Vertreter von eingesetzten Polizeieinheiten beim Burning Man Festival stehen still in einem Kreis, hören zu, wie Ranger Paragon die Namen von getöteten Polizisten im ganzen Land vorliest: “Died in the line of the duty”. Eine Zeremonie, die man so hier auf dem Festival nicht erwartet hätte. Einige weinen, darunter auch Ranger Paragon, ein großer, kräftiger Kerl. Er wollte diese Gedenkveranstaltung organisieren, nachdem ein enger Freund von ihm getötet wurde. Der Burning Man Ranger schrieb 130 Polizeipräsidenten im ganzen Land an, die ihm Bilder und Infos von ermordeten Polizisten schickten. „Das Wunderbare an Burning Man ist, besonders am Tempel, dass es nicht darum geht, welche Reaktion man bekommt. Jedes Leben ist individuell, die Gefühle jedes einzelnen sind unabhängig von anderen. Jeder zieht also etwas anderes aus dieser Gedenkveranstaltung. Einige sind verärgert, andere traurig, andere fröhlich, einige bauen Brücken, um bessere Menschen zu werden. Es ist für jeden anders. Ich habe keinen Hintergedanken, ich wollte nur die ehren, die gestorben sind.“

IMG_2122Der Tempel beim Burning Man Festival ist ein spiritueller Ort. In diesem Jahr erinnert er sehr an ein nepalesisches Bauwerk. Überall stehen Namen von Verstorbenen, hängen Fotos – kleine, große – alte und junge Menchen darauf, Haustiere. Es ist ein sehr beklemmendes und sehr nahegehendes Gefühl all diese Blicke von Verstorbenen zu sehen, die kurzen und auch langen Botschaften der Hinterbliebenen zu lesen. Menschen laufen still an den Bildern vorbei, einige beten, meditieren, gehen hier in sich, wie es Ranger Paragon beschreibt: „Für mich ist der Tempel ein heiliger Ort in meinem Zuhause. Mein Zuhause ist die Burning Man Gemeinschaft. Hierher komme ich zum Reflektieren, zum Loslassen…und hierher habe ich auch die Asche meiner Mutter mitgebracht. Es ist ein Ort, an dem man mit sich ins Reine kommt, seinen Verstorbenen nahe ist, die Dinge beim Namen nennt, die man in seinem Leben ändern will. Es ist für jeden etwas anderes. Für mich ist es ein heiliger Ort.“

Manchmal spielt jemand leise auf einem Instrument, aber der Tempel ist vor allem ein Ort der Stille. Der Wind peitscht immer mal wieder den Sand um das Gebäude. Nachts hört man die donnernden Bässe der Clubs im Camp und der fahrenden “Art Cars”…doch auch das verändert hier nichts. Das Gebäude nimmt, so seltsam das auch klingen mag, einen ganz auf, man wird selbst als Besucher ganz still. Einige weinen, trauern um Verstorbene. Fremde legen ihnen eine Hand auf die Schulter, umarmen sie. Einfach so, für einen langen, innigen Moment. Genau das wollte der Künstler und Erbauer des Tempels, David Best, auch erreichen: „Wir sehnen uns so sehr danach, gemeinsam zu trauern. Hier, in diesem Tempel, lesen 40.000 Menschen den Brief einer jungen Frau, die vergewaltigt wurde. Sie sehen das und schließen ihre Arme darum. Das Bild eines kleinen Babies….Leute kommen auf mich zu und sagen, “mir ist nichts passiert, mein Leben ist wunderbar”. Und ich sage ihnen, dann gehe auf jemanden zu und teile das mit jemanden, dessen Leben eine Tragödie ist.

David Best baut nicht nur Tempel bei Burning Man. Er ist international tätig, hat schon in Irland gebaut, wird nach Burning Man nach Paris gehen, um dort einen Tempel zu errichten. Burning Man ist für ihn dennoch immer eine Herausforderung. Er sagt, der Tempel muß so gestaltet werden, dass jeder der ihn besucht, sich darin aufgehoben fühlt. Dazu kommt, dass er im finanziellen Rahmen bleiben muß, dieses Jahr kostete er etwas über 100.000 Dollar und, dass der Tempel innerhalb von zwei Wochen unter zum Teil widrigen Bedingungen errichtet werden kann. „Was ich zu Architekten und jungen, vergewaltigten Frauen gleichermaßen sage. das Gebäude an sich muß feinfühlig genug sein, damit eine Person, die Gewalt erlebt hat, hineingehen kann. Und es muß stark genug sein, diese Verletzung zu nehmen.“

Am Ende der Woche wird der Tempel verbrannt, mit allem, was in den Tagen zuvor dorthin gebracht und dort aufgeschrieben wurde. „Das ist ganz wichtig“, meint David Best. „Das Feuer läßt uns Vergessen, läßt uns Vergeben, läßt uns Sichern. Mit dem Feuer, wird alles wie in einen Safe gegeben.“

Ein Mormone ist unwählbar!

Gleich zwei republikanische Mormonen wollen ins Weiße Haus. Jon Huntsman hat keine Chance, obwohl er ein erfahrener Politiker und Diplomat, ehemaliger Gouverneur und Botschafter, ist, kreucht er da am Ende der Kandidatenliste vor sich hin. Nach den ersten beiden Vorwahlen in Iowa und New Hamsphire wird er mit Sicherheit das Handtuch werfen.

Mitt Romney gilt nach wie vor als heißer Anwärter auf die Kandidatur seiner Partei. Doch auch er ist Mormone und das könnte zu einem größeren Problem beim lustigen Stimmenfang werden. Derzeit debattiert die christlich-fundamentalistische Basis der GOP heftigst über die Qualitäten und Überzeugungen Romneys. Und immer wieder kommt dabei auch seine Religionszugehörigkeit auf. Er sei zwar als Politiker erfahren, aber ein Mormone. Er sei ein Washington „Outsider“, aber  ein Mormone. Er sei erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, aber ein Mormone. Mormone klingt in diesen Erklärungen immer so, als ob im 100 Meter Endlauf ein absolut durchtrainierter Spitzenathlet an den Start ginge und der Sitznachbar auf der Tribüne abwinkt und sagt: „Dat wird nix, der hat ’nen Klumpfuß“.

In den verschiedensten christlichen Online Foren ist Mitt Romney das Thema schlechthin. Die einen meinen, seine Religionszughörigkeit ist Nebensache und gehe niemanden etwas an. Ein Nutzer schreibt: „Die Mormonen glauben an Jesus als ihren Retter. Ganz einfach. Romney wäre ein viel besserer Präsident als Obama oder Gingrich.“ Darauf der Kommentar eines anderen: „Sie (die Mormonen) glauben Jesus sei der Bruder Lucifers. Sie glauben, dass Gott Sex hatte, um Jesus zu zeugen. Das ist kein Christentum! Jesus ist Gott und nur das. Lucifer wurde erschaffen. Es war kein Ergebnis eines sexuellen Aktes“. Deutliche Worte, doch kein Einzelfall. Eine weitere Forenteilnehmerin schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass der Glauben eines Kandidaten wichtig ist. Man muß nur unseren jetzigen Präsidenten betrachten und man sieht, wie jemand mit muslimischem Glauben unser Land regiert. Ich persönlich empfinde Mormonismus als Kult und glaube nicht, dass jemand der einer Lüge folgt, mit Integrität führen kann.“

Obama ein Muslim, Romney ein Kultanhänger….diese Auffassungen sind weit verbreitet im christlich-fundamentalistischen Basiscamp der Grand Old Party. In einer Umfrage des „American Family Networks“ haben fast 40 Prozent der Befragten angegeben, dass Romney aufgrund seiner Zugehörigkeit zur mormonischen Kirche nicht wählbar sei. Und genau das könnte ein Problem für den Kandidaten Romney werden, erst in der Vorwahl und falls er sich dabei doch wider Erwarten durchsetzen sollte, im Hauptkampf gegen Amtsinhaber Obama.

 

 

 

 

There’s something wrong in this country

Oh weh? Adventszeit, stille Nacht – heilige Nacht und die armen amerikanischen Kinderlein dürfen kein Weihnachten in den Schulen feiern. Auch wenn schon vor Jahren die Trennung von Staat und Religion vom obersten US  Gerichtshof bestimmt wurde und dieses Urteil Gültigkeit hat, Rick Perry sieht das in seinem jüngsten Werbespot anders. Der texanische Gouverneur und Anwärter auf das Präsidentenamt hat Obama mal wieder als Radikalen „entlarvt“. Der würde zulassen, dass Homosexuelle in den amerikanischen Streitkräften dienen dürften, aber die Kleinen, ja, denen würde das christliche Fest in der Schule verweigert werden. Die Welt ist verkehrt, da hat Perry recht, aber wohl mehr, weil er mit so einem Weltbild in 30 Sekunden auf Stimmenfang geht.

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Als Jesus nicht zum Schlafen kam

milgithaIm September reiste ich nach Ruanda, in ein faszinierendes Land im Aufbruch und voller Hoffnung. Doch das kleine Land im Herzen von Afrika ist überschattet von den Ereignissen, die sich dort vor 15 Jahren ereigneten. Damals im April, Mai und Juni 1994 „herrschte der Teufel“ in Ruanda, wie es Schwester Milgitha beschreibt. Schwester Milgitha ist eine katholische Schwester des Clemensordens in Münster und kam vor 36 Jahren nach Ruanda. Voller Tatendrang bauten sie und ihre Mitschwester eine Krankenstation auf, die weit über die eigentlichen Grenzen des Bezirks hinaus bekannt wurde.

Doch dann kam der April ’94, in dem sich alles veränderte. In diesem Audio Beitrag beschreibt Schwester Milgitha Ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen, ihre Zweifel, das, was sie sah, was sie hörte und was sie durchmachte.

      Schwester Milgitha

ruanda1

Homerun für Sarah Palin

ba_usa_politics_0499080165.jpgSie kam, sah und siegte. Sarah Palin hat mit ihrem Auftritt auf dem Parteitag der Republikaner einen Grossteil der Partei hinter sich gebracht. Vor allem die christlich-konservative Basis der GOP mobilisiert nun die Wähler, um die schon verloren geglaubte Präsidentschaftswahl noch umbiegen zu können.

Dazu ein aktueller Höreindruck:

      Palin und die GOP Basis