“Don’t worry, be happy”

Das Ojai Valley.

Wenn man auf dem 101 von Los Angeles nach San Francisco fährt, kommt gleich hinter Ventura die Abfahrt nach Ojai. Unbedarfte Kalifornienreisende lassen meist das Hinweisschild rechts liegen. Doch den Abzweig sollte man durchaus einmal nehmen. Auf dem Highway 33 geht es an Casitas Springs vorbei, hier lebte einmal Johnny Cash und dann, nach weiteren 15 Meilen, ist man da. An einem Ort, der von vielen als spirituelles Zentrum mit einer besonderen Energie, einem Vortex, geschätzt wird. So ähnlich wird auch über Sedona in Arizona gesprochen.

Ojai kommt aus der Sprache der Chumash und bedeutet “Nest”. Die Kleinstadt liegt in einem Tal am Fuße des “Los Padres National Forest”, einem riesigen, fast 8000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet, das von Ventura bis nach Monterey County reicht. Ojai ist so eine Stadt, die kaum einer kennt, doch wer schon mal dort war, der verliebt sich in diesen Ort. Hier leben Schauspieler und Filmschaffende, es ist ein Ort der von Citrusplantagen geprägt ist, doch vor allem ist Ojai ein besonderer, ja spiritueller Ort. Man muss nur durch den kleinen Ort fahren, so viele religiöse Gruppen und Organisationen, Kirchen verschiedenster Richtungen, eine Synagoge und Glaubensgemeinschaften aller Art findet man in dieser Dichte wohl selten. Und alle koexistieren mit- und nebeneinander.

Also, irgendwas muss wohl dran sein an dieser Geschichte vom besonderen Energiezentrum in diesem Ost-West Tal. “Ich weiss auch nicht genau, was es ist”, meint Johnny Johnston der Bürgermeister der Kleinstadt. “Ich sage den Leuten immer, wenn sie über Ojai reden, das wirkliche Ojai ist das, in das man sich beim ersten Mal verliebt hat. Und das ist nicht das Ojai, vom dem die sprechen, die seit 50 Jahren hier leben. Wir haben also alle ein unterschiedliche Version davon. Für alle Neuankömmlinge ist es toll, die, die schon länger hier sind sehen die Veränderungen. Und es verändert sich, wie überall auf der Welt.”

Und die Spiritualität ist keine neumodische Geschäftsmacherei, denn Ojai hat seit fast 100 Jahren religiöse Gruppen angezogen. Schon 1926 zog das theosophische Krotona Institut aus dem hektischen Hollywood nach Ojai, um hier Ruhe zu finden. Das Anwesen dieser theosophischen Gemeinde findet man kurz vor dem Ortseingang. Das Gelände wirkt wie ein Park, offen gehalten, Nachbarn gehen hier viel spazieren. Eine erfüllende Ruhe umgibt den Besucher. Maria Parison ist die Leiterin der Krotona Schule, einer Fortbildungseinrichtung für Erwachsene. Sie verweist auf Annie Besant, eine der Gründerinnen des Krotona Instituts. Hier in Ojai, so Parison, hätten sie und ihre Mistreiter vor fast 100 Jahren genau das gefunden, was ihre Gemeinde suchte: “Es hatte eine besondere Energie und sie fühlte, dass dieser Ort für die zukünftigen Generationen eine besondere Rolle spielen wird. Das, was hier passiert, würde zu mehr Menschlichkeit im ganzen führen. Zumindest würden wir hier unseren kleinen Teil dazu beisteuern.” Maria Parison ist eine ältere Dame, die vor 15 Jahren mit ihrem Mann, einem Manager in der Autoindustrie aus dem Mittleren Westen hierher zog. Ihr Mann verstarb vor drei Jahren, doch Maria blieb. Sie führt mich über das Gelände, durch einen theosophischen Park, in dem die Zeichen vieler Religionen zu finden sind und hier bildlich friedlich nebeneinander existieren.

Guru Prasad ist für die Anwohner zuständig, er lebt seit fünf Jahren in Ojai, kennt die Kleinstadt jedoch schon lange durch viele Besuche: “Wir glauben, dass wir nicht das absolute Recht auf die Wahrheit haben. Wahrheit ist etwas Individuelles und jede Person muss das für sich finden. Wenn wir das also glauben, dann müssen wir auch annehmen, dass andere Menschen andere Neigungen, Ideen, Philosophien haben. Denn ich habe nicht das Recht, dass das, was ich fühle der einzig wahre Weg in der Welt ist.”

Die Terrasse des Hauses von Krishnamurti.

Schon vier Jahre vor dem Krotona Institut siedelte sich der indische Philosoph und Theosoph Krishnamurti in Ojai an. Das Haus, in dem er lebte gehört heute der Krishnamurti Stiftung in Amerika. Es liegt am Fuße des Topa Topa Berges, am anderen Ende von Ojai. Dort treffe ich Michael Krohnen, einen Deutschen, der in den 70er Jahren den Ruf bekam, als Koch für den indischen Philosophen zu arbeiten, und das, obwohl er gar nicht kochen konnte. Seitdem lebt Krohnen in Ojai. Beim Gespräch sitzen wir auf der Terrasse des kleinen Hauses, in dem Krishnamurti wohnte, wenn er hier war. Michael Krohnen deutet auf einen Baum gleich neben dem einstigen Wohnhaus Krishnamurtis: “Dieser Pfefferbaum spielte eine gewisse Rolle im Leben Krishnamurtis. Eines Nachmittags sass er unter diesem Pfefferbaum und hatte ein sehr starkes Erlebnis….eine Erleuchtung, dass alles Leben eins ist. Ein paar Tage später schrieb er darüber, dass er eins mit der ganzen Welt war, mit dem Gras und der kleinen Ameise und auch dem Auto, das vorbeifuhr. Er war das alles, so empfand er das.”

Zurück in den Ort. In einer Seitenstrasse liegt das Haus von Kristan Altimus. Sie zog vor 18 Jahren hierher, für sie war Ojai schon von Kindheit an ein großes Lebensziel. Im Fernsehen liefen damals die Fernsehserien “Bionic Woman” und “Six Million Dollar man”, die beide in Ojai spielen. “Der Name Ojai (Nest) fühlte sich nach Zuhause an. Es ist nicht nur ein spiritueller Ort, es ist auch ein beseelter Ort. Deshalb liebe ich Ojai. Der Boden hier erdet mich. Ich glaube, wir alle fühlen Spiritualität als ein Weiterkommen. Ojai hilft mir dabei.”

Im Gongbad sich fallen lassen.

Kristan Altimus hat sich in ihrem Garten einen Traum erfüllt. Ein Gong-Studio, ein kleines Häuschen, in dem acht Gongs hängen, der größte mit gut einem Meter Durchmesser. Hier begongt sie andere, eine spirituelle Reinigung, ein Loslassen, eine gedankliche Leere schaffen. Man liegt auf einer dünne Matte auf dem Boden und läßt dieses Klangbad mit seinen Soundwellen über einen hinwegrollen. Für Altimus ist klar, Ojai ist ein Ort, an dem man eine besondere Energie spüren kann: “Vortexes entstehen durch diese Energie Linien um die Welt. Dieses Tal, das “Ojai Valley” ist etwas besonderes in der Welt, zehn Meilen lang und es geht von Ost nach West. Es gibt auch einen Vortex, der die Menschen ausspuckt. Ich meine damit, wenn du nach einem Ort suchst, an dem es Action gibt, an dem man gesehen wird, dann ist das hier nichts für dich. Hier ist es ein ruhiges Leben. Wer hierher kommt, der erfährt, wie entspannt er hier ist.”

Und da ist was dran. Selten kann ich zur Ruhe kommen, Langeweile kenne ich nicht, zu tun, zu sehen, zu lesen gibt es für mich als Journalisten immer etwas, Abschalten ist für mich schwer. Doch in Ojai ist das ganz anders. Ich kenne den Ort seit mehr als 25 Jahren, bin regelmässig dort. Und immer wieder merke ich, dass es für mich zu einem Platz geworden ist, an dem ich durchatme, innerlich zur Ruhe komme und ja, dieses sprichwörtliche Entschleunigen für mich schaffe, einfach ein paar Gänge zurückschalten kann.

Ganz bewusst wurde mir das hoch droben auf dem Berg, in Upper Ojai. Gleich neben dem früheren Haus von Schauspieler Larry Hagman, das nun der abgeschotteten Scientology Church und ihrem umstrittenen Drogenentzugsprogramm Narconon gehört, findet man “Meher Mount”. Es ist ruhig hier oben auf dem Berg, die Aussicht einfach spektakulär. Man sieht vor sich den Pazifik und die Channel Islands in rund 60 Kilometern Entfernung, hinter einem ragt der „Los Padres National Forest“ mit Topa Topa Mountain auf. Am späten Nachmittag kann man den “Pink Moment” erleben, wenn der Berg sich rosa färbt. Eine seltene Ruhe ist hier zu finden, kein Laubbläser, kein Autoverkehr. Nur Stille. Meher Baba sagte von sich, er sei der Avatar auf Erden, die Reinkarnation von Gott, wie vor ihm schon Zarathustra, Rama, Krishna, Buddha, Jesus, und Mohammed.

Die Weitsicht vom Meher Baba Mount.

Ginger Glasky und ihr Mann Buzz Glasky waren die “Caretaker”, die Verwalter und Betreuer dieses riesigen Grundstückes. Im Sommer beendeten die beiden Rentner nach fünf Jahren diese unbezahlte Aufgabe und zogen weiter nach Arizona. “Meher Baba hatte einst seinen Jüngern aufgetragen, einen Ort etwa eineinhalb Stunden außerhalb einer Großstadt zu finden, an dem er ausruhen könne, wenn er in den Westen der USA reise”, erzählt Ginger Glasky. Das sei 1946 gewesen. Zum ersten Mal sei er erst im Jahr 1956 hier gewesen. “Dieses Grundstück ist ihm gewidmet, denn er war hier, als spiritueller Führer und durch seinen Übersetzer erklärte er seinen Jüngern, Gott durch die Natur zu lieben. Und das machen wir.”

Buzz Glasky ergänzt mit einer tiefen, sonoren Stimme: “Als wir zum ersten Mal hier waren, spürten wir gleich diese besondere Schwingung, wenn man es so nennen will. Wenn man hier dann für fünf Jahre lebt, dann wird es normal. Wir spüren es, wenn wir mal runter ins Tal zum Einkaufen fahren. Manchmal haben wir vor, in fünf Läden zu gehen, doch schon nach dem zweiten sagen wir, lass uns wieder rauf auf den Berg fahren. Denn es fühlt sich einfach so gut an, hier zu sein. Und natürlich für uns als Jünger von Meher Baba, ist es wunderbar an einem Ort zu sein, den er besuchte und wo er umherschritt.”

Wir sitzen bei diesem Gespräch auf einer kleinen Bank. Hinter uns der “Baba Tree”, unter dem Meher Baba am 2. August 1956 sass. Nur damals und nur dieses eine Mal. Der Baum brannte beim großen “Thomas Fire” im Dezember 2017 fast vollständig ab und wird nun mit viel Aufwand und Liebe gepflegt. Vor uns ein Ausblick, der einzigartig ist und der allein schon einen lächeln lässt. Kein Wunder also bei dieser Weitsicht, dass der bekannte Spruch “Don’t worry, be happy” auf Meher Baba zurück geht. “Er kam nicht um zu lehren, sondern um zu erwecken”, erklärt Buzz Glasky. “Man kann es auf diesen einen Satz von ihm reduzieren: Liebe Gott. Es ist so einfach und doch auch so schwer. Und er sagte auch, mach dir keine Sorgen, sei zufrieden. Auch das klingt einfach, aber ist ebenfalls so schwer.”

Am Wochenende ist das Gelände für jedermann geöffnet, es kostet keinen Eintritt, es gibt keinen Buchladen, man wird auch nicht missioniert. Man soll einfach diesen einzigartigen, friedvollen Platz geniessen, der für viele selbst in Ojai unbekannt ist. Auch für mich war es das erste Mal in 25 Jahren, dass ich hier oben war. Aber sicherlich nicht das letzte Mal. Ojai liegt etwas ab von den bekannten kalifornischen Touristenzentren, doch der Weg dahin lohnt sich auf alle Fälle. Es ist für mich einer der besonderen Orte in Kalifornien, an dem man, wie auch immer man sich religiös orientiert, innere Einkehr finden kann. Und das ist etwas ganz besonderes in diesen hektischen, seltsamen Zeiten, in denen wir leben..

„Only a good guy with a gun…“

Ganz deutlich sind auf diesem Videobild der Amokläufer im roten Kreis und Jack Wilson links oben mit gezückter Waffe zu sehen.

„…can stop a bad guy with a gun“. Das ist das Mantra der National Rifle Association, NRA, der Waffenlobby in den USA. Und nun  haben sie nicht nur einen Fall, den sie im Wahlkampfjahr ausschlachten können, nein, es gibt sogar ein Video dazu, wie der „good guy“ dem „bad guy“ in den Kopf schießt. Und das alles auch noch in einer Kirche.

In der „West Freeway Church of Christ“ in Tarrant County, in der Nähe von Ft. Worth, Texas, wurde am Sonntagmorgen gerade die Kommunion gefeiert, als der Täter mit einer Shotgun um sich schoss, zwei Menschen tötete. Der Gottesdienst wurde über den Youtube Kanal der Gemeinde in alle Welt übertragen. Zu sehen war, wie gleich mehrere Gläubige ihre Waffe zückten, als die Schießerei begann. Der 71jährige Jack Wilson war am schnellsten, zog seine Sig Sauer P229 und schoss dem Täter in den Kopf.

In NRA und „Second Amendment“ Kreisen wird Wilson nun als Held gefeiert. Er machte das, was immer wieder von all den Waffenlobbyisten in den USA an die Wand gemalt wurde. Wilson reagierte und stoppte einen Attentäter. In Texas ist es ganz legal eine Waffe tragen zu dürfen, auch in Kirchen und Gotteshäusern. Nur wenn die Gemeinde ein Schild aufstellt, dass das nicht erwünscht sei, dann müssten sich die Waffenträger daran halten, so das Gesetz. In der „West Freeway Church of Christ“ war man am Sonntag froh, dass es diese Einschränkung nicht gab. Gemeinden der verschiedensten Glaubensrichtungen sind in den letzten Jahren Ziel von Amokläufen geworden. Mittlerweile haben viele Kirchen eigene Wach- und Schutzdienste angeheuert und organisiert. Doch diesmal lief alles anders. Der Grund ist dabei auch, dass Jack Wilson geschult war und wohl auch Erfahrung im Polizeidienst hatte. Er wußte also, wie er zu reagieren und zu schießen hatte, um den Attentäter auszuschalten. Wilson ist also kein selbsternannter Cowboy, der in einer Situation wie dieser durchaus den klaren Kopf behält.

Das jedoch hält die Waffenlobby nicht davon ab, jetzt eine allgemeine Bewaffnung der Bevölkerung zu fordern. Texas sei ein Vorbild für andere Bundesstaaten tweetet die NRA. Damit hat die Waffenlobby nun ein wichtiges Thema im Wahlkampf 2020, denn erneut geht es ja darum, das vermeintliche Grundrecht auf Waffenbesitz vor den Demokraten zu verteidigen, die, so die NRA, alle Waffen der Amerikaner konfiszieren wollen. Mit solchen Angstszenarien wird in den USA Wahlkampf geführt. Donald Trump ist schon längst auf diesen Kurs eingeschlagen, die NRA wird ihn dabei tatkräftig unterstützen.

Nach dem Rückblick der Ausblick

2020 steht vor der Tür. Übermorgen ist es so weit und ich habe keine Ahnung, was das kommende Jahr bringen wird. Viel Donald Trump, das zumindest weiss ich. Denn es ist Wahljahr und es geht ums Weiße Haus. Aber was da in den kommenden Monaten auf uns alle zukommen wird, ist noch völlig unklar. Wobei man schon jetzt vermuten kann, dass der Wahlkampf alles andere als „Friede, Freude, Eierkuchen“ werden wird.

Natürlich werde und, ja, muss ich auch darüber berichten. Viel Wahlkampf, wer setzt sich bei den Demokraten durch, wie stellt sich die Partei damit auf, wie reagiert Donald Trump, was wird er tun, um an der Macht zu bleiben? Viele offene Fragen, auf die noch niemand eine Antwort weiß. Aber ich hoffe, ich kann auch im kommenden Jahr einiges fernab des Politalltags und des Trumpschen Wahnsinns berichten.

Anfangen wird das Jahr für mich mit einer neuen Sendung. Auf KKUP, einer Community Station in San Jose mit einer starken UKW Frequenz, werde ich eine monatliche Nachtsendung moderieren. Angedacht ist Mittwoch von 00:00 bis 3 Uhr (in Deutschland 9 bis 12 Uhr). Ich habe Lust darauf wieder live zu senden. Spielen will ich experimentelle, ausgefallene und elektronische Musik. Manches wird ein wahres Klangbad zu früher Stunde sein, anderes eine Herausforderung für die Hörer. Ich freue mich darauf.

Eine Sendung über die Area 51, Ufos und Außerirdische kommt noch.

Gleich mehrere Features sind in der „Pipeline“, darunter die Ausarbeitung des Themas „Musik in Krisenzeiten und Konfliktgegenden“ für das ich im Niger und in Somaliland war. Daneben kommt eine Sendung über UFOs und Außerirdische in den USA. Dann arbeite ich mit einer Kollegin in Afrika an einem international brisanten Politikthema. Sie dort, ich hier, und ja, es geht dabei auch um Trump. Ich will etwas zu Flüchtlingen und „undocumented immigrants“ machen, auch mal ganz, ganz hoch hinaus, wenn ich dafür einen Abnehmer finden kann. Ich hoffe, ich werde etwas mehr in den USA unterwegs sein, aus Gegenden berichten, die oftmals außen vor gelassen werden. Dann plane ich ein oder zwei weitere Reisen nach Afrika, sowohl in Somaliland wie auch im Sudan warten sehr interessante und spannende Geschichten.

Natürlich werde ich auch wieder Musik- und Religionsgeschichten suchen und finden und für Radio Goethe im Jahr 24 will ich ein paar thematische Sendungen produzieren. Ein Hörspiel über San Quentin und die Death Row schwebt mir vor, in dem ich all die Aufnahmen, Briefe, Kontakte, Erfahrungen, Besuche und auch Emotionen und Eindrücke aus den letzten 25 Jahren einbauen könnte. Mal sehen, ob ich dafür die Zeit und die Ruhe finde. Ach ja, dann arbeite ich auch noch mit an einer größeren Ausstellung über die Geschichte der deutschen Einwanderer nach San Francisco und in die Bay Area. Dafür werde ich Audio Files für Hörstationen und eine Webseite produzieren.

Hier stapeln sich die Bücher, die gelesen werden wollen. Daneben viel neue und alte Musik, die gehört, entdeckt und wiederentdeckt werden will. 2020 ist sicherlich ein Jahr, in dem es als USA Korrespondent nicht langweilig werden wird. Doch für mich ist es wichtig, dass ich dabei genau wie in diesem Jahr auch anderes bearbeiten kann, eben nicht nur den Wahlkampf, Trumps Tweets und langweilige Debatten. Das wird schon. Allen Leserinnen und Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr…Happy New Year aus Kalifornien.

Aufruhr bei den Fundamentalisten

Ein Kommentar in einem christlichen Magazin schlägt derzeit hohe Wellen, wie ich an dieser Stelle schon vor ein paar Tagen berichtete. Auf den Autor des Beitrags, dem Chefredakteur von „Christianity Today“, Mark Galli, prügeln nun alle namhaften Führer der Christlichen Rechte in den USA ein und betonen, er spreche nicht für die evangelikale Bewegung in den USA. Galli hatte geschrieben, Trump dürfe für sein Fehlverhalten nicht länger von Christen unterstützt werden. Er beklagte den mangelnden moralischen Charakter von Trump und betonte, der Präsident solle des Amtes enthoben werden aufgrund der “Loyalität gegenüber dem Schöpfer und den zehn Geboten”. Sicherlich steht die Mehrheit der Fundamentalisten nach wie vor hinter Trump, klar wird jedoch auch, dass es einen deutlichen Bruch in den Reihen der Christlichen Rechte gibt.

James Dobson predigt seine Unterstützung für Präsident Trump von der Kanzel. Foto: AFP.

Nun mischt sich auch noch James Dobson in diese Debatte ein. Dobson gilt als einer der einflussreichsten Evangelikalen in den USA, der mit seiner „Family Talk“ Radiosendung Millionen von Hörerinnen und Hörer erreicht. Dobson erklärt: „Vielleicht will das Magazin ja einen Präsidenten, der vehement für Abtreibung ist, gegen die Familie, feindlich gegenüber dem Militär, unparteiisch gegenüber Israel, der eine sozialistische Regierung unterstützt, Zwangsbesteuerung möchte, der die freie Schulwahl ablehnt, Männer in Frauensportarten und Jungs in den Umkleideräumen von Mädchen möchte, der die gesamte LGBTQ Agenda unterstützt, der die Rechte von Eltern ablehnt und der Evangelikalen und jedem misstraut, der nicht politisch korrekt ist.“

Das sind die Worte von James Dobson, die klarmachen, was von einem Präsidenten erwartet wird, von ihrem Präsidenten Donald Trump. Der Leiter des christlichen Fernsehnetworks TBN, John B. Casoria, sieht das ähnlich: „Tatsache ist, dass eine absolute Mehrheit der evangelikalen Christen Trump unterstützt, ungeachtet seines vergangenen falschen moralischen Kompasses und seiner Lebensentscheidungen. Er hat aber unerschütterlich eine jüdisch-christliche Weltsicht unterstützt, die nicht nur für unsere Glaubensgemeinschaft lebenswichtig ist, sondern auch für „one nation under god“. Trumps Unterstützung geht weit über das Recht auf Leben, Religionsfreiheit, das Grundrecht auf Waffenbesitz, die Ernennung von Richtern, die sich an die Grundsicht der Verfassung halten hinaus. Er setzt sich auch für die Grundprinzipien ein, die Amerika groß gemacht haben – darunter den Kapitalismus des freien Marktes, niedrige Steuern und eine Regierung, die nicht von einer destruktiven sozialistischen Agenda belastet wird.“

Deutliche Worte, die jedoch genau beschreiben, für was Donald Trump und was bei der Wahl 2020 auf dem Spiel steht. Trump ist für die Evangelikalen von Gott gesandt, der Schulterschluss steht, doch der Bruch innerhalb der Bewegung ist zu erkennen. Auch so kann man die sehr deutlichen Worte und die heftige Reaktion der führenden Evangelikalen lesen.

Trumps Basis bröckelt

“Christianity Today” ist alles andere als ein “far left magazine”, ein linksliberales Heftchen, wie es Donald Trump bezeichnet. “Christianity Today” wurde einst vom Übervater der amerikanischen Evangelikalen Billy Graham gegründet und erscheint heute noch in einer Auflage von 80.000 Exemplaren. Es ist keine weit verbreitete Schrift, vielmehr wird sie in engen Kreisen der Christlichen Rechte gelesen.

Bröckelt Trumps Rückhalt bei de Evangelikalen?

Doch deren Chefredakteur hat nun einen Kommentar veröffentlicht, in dem er sich mit deutlichen Worten gegen eine Wiederwahl von Donald Trump wendet und damit eine Lawine ausgelöst. Mark Galli beklagte den mangelnden moralischen Charakter von Trump und betonte, der Präsident solle des Amtes enthoben werden aufgrund der “Loyalität gegenüber dem Schöpfer und den zehn Geboten.” Und dieser Kommentar in einer kaum beachteten Publikation schlug ein wie eine Bombe in den USA, denn vor allem Donald Trump selbst hob den Beitrag auf eine ganz andere Ebene. Er sah sich mal wieder kritisiert und reagierte bekannt beleidigt. Trump tweetete gleich mehrmals, beschimpfte den Chefredakteur, erklärte, kein anderer Präsident habe jemals soviel getan wie er für die Evangelikalen wie auch für Religion allgemein. Und er werde dieses Blatt nun nicht mehr lesen.

Einige Vertreter der “Christlichen Rechte” in den USA sprangen Trump bei, verteidigten ihn, darunter auch Franklin Graham, der Sohn von Billy Graham. Der Junior ist schon seit langem ein lautstarker Unterstützer des Präsidenten, verteidigt dessen Politik und sieht ihn von Gott gesandt. Doch deutlich wurde durch diesen Kommentar auch, dass Trump sich nicht mehr auf eine hundertprozentige Unterstützung der Evangelikalen in den USA verlassen kann. Die Reihen der Zweifler, Abweichler und Nichtwähler wächst. Zwar hat der Präsident vieles von dem umgesetzt, was sie immer wieder forderten, doch dessen aggressiver Ton, seine Lügen, seine Beschimpfungen stoßen mittlerweile auch vielen in den Reihen der christlichen Fundamentalisten auf. Trump ist für viele nicht mehr derjenige, der in Amerika “God’s Country” realisieren kann.

Der von Gott Gesandte

Manchmal sitzt man als Journalist da und weiß nicht, wie man einen Text beginnen soll. Seit 25 Jahren arbeite ich nun für verschiedene Medien, habe in meinem Beruf viel gesehen und erlebt, mit interessanten Menschen gesprochen. Vieles ging mir unter die Haut, manches war mehr Pflichtprogramm, bei einigen Geschichten musste ich mich zurückhalten. Und dann kommt sowas wie heute, der einstige texanische Gouverneur, ehemaliger Präsidentschaftskandidat und nun Energieminister im Kabinett von Donald Trump erklärt in einem Interview mit Fox News, dass Donald Trump von Gott gesandt wurde.

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Das muss man erstmal setzen lassen, aber Perry ist ein „born again Christian“, der nur das ausspricht, was viele in der Christlichen Rechte in den USA glauben. Donald Trump ist ein Präsident, der den göttlichen Plan in  „God’s Country“ umsetzt. Klar, so Perry, Trump habe seine Fehler, doch auch Gott habe, wie es in der Bibel zu lesen ist, immer wieder auf Menschen gesetzt, die fehlerhaft waren. Nun tut er das eben mit Donald Trump. Der egozentrische Milliardär als Gottes Kämpfer auf Erden.

Rick Perry sieht sich als Gehilfe des Gott Gesandten. Foto: AFP.

Schon früh setzte die „Christian Right“ in den USA auf Trump, der genau das versprach, was andere nicht auszusprechen wagten. Trump sprach von MAGA, Make America Great Again, und malte dabei das Bild Amerikas aus den 50er Jahren, einem weißen Amerika, in dem Familie, Kirche und Glauben noch wichtige Rollen spielten. In dem sich Arbeit lohnte, in dem nicht über die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen debattiert wurde, in dem es nur Herren- und Damentoiletten gab, nur ER und SIE. Trump forderte den Umzug der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, sprach sich gegen Abtreibung aus und brachte mit Mike Pence einen „born again Christian“ ins Boot, der betonte, die gesamte Außenpolitik unter den erzkonservativ-christlichen Blickwinkel zu nehmen. Die Folgen für Entwicklungsländer sind immens. Und der Präsidentschaftskandidat der Republikaner versprach auch die Stärkung der Kirchen in den USA.

Doch Trump versprach nicht nur, er arbeitete seine Liste auch ab. Von daher ist es kein Wunder, dass die „Christliche Rechte“ im Land nach wie vor nahezu geschlossen hinter Donald Trump steht und im kommenden Wahlkampf die wichtigste Basis für ihn sein wird. Rick Perry, der Trump im Wahlkampf 2016 noch als „Krebsgeschwür“ abtat, hat also nur das ausgesprochen, was etliche Amerikaner denken. Donald Trump in Gottes Namen….

Unglaubliche Stille

Es gibt diese Orte, an denen man einfach bleiben möchte. „Meher Mount“ ist so ein Ort. Über die Sulphur Mountain Road kommt man aus dem Ojai Tal auf diese Anhebung. Die Straße windet sich den Berg hinauf. Hinter jeder Kurve wartet ein neuer Ausblick auf das Valley und den Los Padres National Forrest. Und dann biegt man links in die Einfahrt ein. „Welcome“ steht am Eingang.

Meher Mount ist ein, so heißt es, spiritueller Platz. Einer von vielen in diesem kleinen Tal, das ungewöhnlich von Westen nach Osten reicht. Hierher kam am 2. August 1956 Avatar Meher Baba. Schon in den 40er Jahren suchten seine Anhänger einen Ort, „ein bis zwei Stunden außerhalb einer Großstadt“, so die Vorgabe. Gefunden wurde ein über 200 Hektar großes Gelände, das einzigartig ist. Vor einem der Blick auf den Pazifik mit den Channel Islands, hinter einem erhebt sich Topa Topa, ein Gebirgszug, der bis ans Ojai Valley langt.

Hier oben ist nichts und doch so viel. Ruhe, wirklich absolute Ruhe. Kein Auto ist zu hören, kein Lärm von irgendeinem Laubpuster, kein nerviges Radiogedudel. Nichts. Nur die Vögel zwitschern, manche kreischen, ein paar singen harmonisch. Der Wind streicht durch die Bäume und durch das Gras. Und dann dieser Blick auf dem Meher Mount, direkt vor dem „Baba Tree“, unter dem der Avatar an diesem einen Tag 1956 gesessen hatte. Die Eiche wurde im Thomas Fire im Dezember 2017 fast völlig zerstört und wird nun mit viel Liebe wieder aufgerichtet.

Ein unendlicher Blick. Vor einem das ehemalige Hagman Anwesen, das nun der Scientology „Kirche“ gehört.

Auf einer Bank sitze ich und lasse es einfach wirken. Kalifornien hat einfach wunderbare Orte, wie diesen hier. Das Nachbarhaus ist von hier gut zu sehen und gehörte dem Schauspieler Larry Hagman, bekannt durch seine Rolle des J.R. in Dallas. Vor vielen Jahren war ich einmal dort, traf ihn, sprach mit ihm über seine Arbeit. Er unterstützte viele Projekte in seiner Community Ojai. Das Anwesen wurde nach seinem Tod verkauft. Und die neuen Eigentümer haben eine Festung daraus gemacht. Die Scientology Organisation hat das abgelegene Grundstück erworben und genau hier ein elitäres Behandlungszentrum ihres umstrittenen Narconon Programmes eingerichtet. Bewaffnete Wächter passen auf, dass keiner rein und keiner raus kommt. Doch davon sieht man zum Glück nichts an diesem Ort, nur das Haus, kein freier Blick darauf wird von den Scientologen zugelassen.

Meher Mount ist ein besonderer Ort. Die Ruhe, der Weitblick, die Zeit scheint hier still zu stehen. Irgendwie ist man draussen aus dem, was da weit unter einem passiert und vorbeizieht. Dieser Platz wird Teil einer meiner Geschichten über den spirituellen Ort Ojai, einer kleinen Gemeinde, die viele als ein Zentrum der fließenden Energien, als Vortex sehen, bezeichnen, erfahren. Es ist so eine ganz andere Geschichte, als das, über was ich normalerweise berichte. Aber eine, die sehr nachhallt.

Einem Heiligen zuhören

Jahrzehntelang war die John Coltrane Church Teil des Fillmore Distrikts von San Francisco, einem einstigen afroamerikanischen Zentrum in der “City by the Bay”, in dem der Jazz und der Blues gefeiert wurde. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Auch die Kirche selbst verlor vor ein paar Jahren das Dach über dem Kopf. Die Gentrifizierung verändert alles in der Stadt. Die John Coltrane Church hat mittlerweile neue Räume gefunden, teilt sich nun ein Kirchengebäude mit der St. Cyprian’s Episcopal Church auf Turk Street.

In der Western Addition ist nun das neue Zuhause der John Coltrane Church, zwar nur einige Blocks von dem früheren Standort entfernt, aber hier kommen nicht zufällig Spaziergänger vorbei, neugierig, was die Jazz Klänge zu bedeuten haben. Aber aufgeben stand nie zur Debatte. Das spürt man gleich, wenn man Pastorin Wanika Stephens und den Aktiven in der Gemeinde begegnet. Vor nunmehr 50 Jahren entstand diese einzigartige kleine Kirchengemeinde, die es nur in San Francisco gibt. Für Pastorin Wanika Stephens gehört die Kirche und San Francisco einfach zusammen. Hier war der Summer of Love, hier in der Bay Area wurde die Black Panther Partei gegründet. John Coltrane, Billy Holiday, Miles Davis, Thelonious Monk, Duke Ellington kamen hierher. Es macht also Sinn, dass die Coltrane Church genau von hier kommt.“

An einem Sonntagmittag mit etwas Verspätung beginnt um 12:45 Uhr der Gottesdienst in der John Coltrane Church. Etwa 50 Menschen sind gekommen. Alt und jung, weiß, schwarz, farbig, einige sind zum erste Mal hier, andere kommen seit Jahren. Es ist eine äußerst entspannte Atmosphäre, jeder lächelt hier jeden an. Was sie alle verbindet ist die Musik von John Coltrane, der schon von CD eingespielt wird, als man vorne in der Kirche noch Bilder des Musikers aufhängt, einen kleinen Altar schmückt. Es fällt der Begriff “Baptized in sound” in Anlehnung an die Taufe mit geweihtem Wasser, wird man hier mit dem Klangbild John Coltranes in die Glaubensfamilie aufgenommen. Es war durch diese “Klang Taufe”, die unsere Gründer Bischof King und Mutter Marina 1965 in einem Jazz Workshop in San Francisco erlebten. Sie sahen damals einen Auftritt von John Coltrane und waren total gebannt von der Musik und dem, was sie in dieser Nacht erlebten.“

In einem Jazzclub hätten die beiden den Heiligen Geist durch die Musik erfahren, heisst es auf der Webseite der Gemeinde. Nachdem John Coltrane im Juli 1967 im Alter von gerade mal 40 Jahren verstarb, kam man zu regelmäßigen Hörtreffen mit Freunden zusammen. Und hier spürte man erneut die Kraft von Coltranes Musik und Wort und gründete den Yardbird Tempel. Man orientierte sich an Coltrane, war aktiv mit der Black Panther Party verbunden, organisierte auf den Straßen den Kampf für soziale Gleichheit mit. Mitte der 80er Jahre sprach die “African Orthodox Church” John Coltrane heilig. Der Tempel wurde in “Saint John Will-I-Am Coltrane African Orthodox Church” umbenannt.

Die Gläubigen werden zum Mitspielen eingeladen.

An diesem Sonntag findet zuerst eine Meditation statt. “A love Supreme”, Coltranes Meisterwerk wird gespielt. Ich bin wohl der einzige, der nicht die Augen schließt und die Musik wirken lässt. Für mich ist die Musik von John Coltrane wie beten“, meint Wanika Stephens. „Ich spüre, wie die Musik zu mir spricht, sie erlaubt mir, mich zu öffnen, empfangbar für das zu sein, was der Geist Gottes mir sagen will. Denn genau das ist, was Beten bedeutet. Es ist eine Öffnung des Herzens.“

Nach “A love supreme” stehen viele der Anwesenden auf, teilen mit den anderen, was die Musik für sie bedeutet, in ihnen ausgelöst hat. Danach werden all jene eingeladen nach vorne zu kommen, die ein Instrument mitgebracht haben. Gemeinsam wird die Kirche zum Jazzraum. Für Wanika Stephens ist die „Message“ eine einfache. Wer hierher kommt, soll erfüllter nach Hause gehen können. Ich möchte, dass sie hierher kommen, suchend und findend und glücklich von hier weggehen. Dass sie ein Stück weit dem näher kommen, das Gefühl haben eine Antwort bekommen zu haben.“

Die John Coltrane Church wurde einmal von der New York Times, als hippste Kirche überhaupt bezeichnet. Nach dreieinhalb Stunden Gottesdienst der etwas anderen Art und viel Jazz kann man dem durchaus nur zustimmen. Die Türen der kleinen Gemeinde stehen sonntags für jeden offen. Auch für Besucher aus Deutschland. Und wer schon einmal vorhören möchte. Jeden Dienstag von 12-4pm PST sendet die John Coltrane Church auf KPOO in San Francisco und weltweit im Internet.

Trump ist Gott

Eigentlich signiert man ja als Autor nur seine eigenen Bücher. Von daher ist es zumindest etwas verwunderlich, dass Donald Trump bei seinem kürzlichen Besuch in Alabama gleich in mehreren Bibeln seine Unterschrift reinkritzelte. Natürlich verteidigten seine Anhänger ihn gleich und erklärten, Trump habe nur das unterschrieben, was ihm hingehalten wurde und nicht signierte Bibel-Kopien unters Volk gebracht. Auch wurde darauf hingewiesen, dass Melania Trump ebenfalls in der Heiligen Schrift unterzeichnete. Ob es das nun besser macht, sei dahingestellt. Aber Trump scheint ja schon seit langem auf einer göttlichen Mission im Land zu sein. Foto: Reuters.

Es war einmal eine kleine Hexe…

Otfried Preusslers kleine Hexe, Hänsel und Gretel und die böse Hexe im Wald und dann noch die „Wicked Witch“ im „Wizard of Oz“. Das waren so die Hexenbilder, mit denen ich aufgewachsen bin, die mein Hexenbild prägten. Warzen, Besen und ein brodelnder Kessel. Doch die Realität der Hexen hat so gar nichts mit diesen Bildern zu tun, wie ich jüngst feststellen konnte. Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum der Hexenbewegung und hier lernte ich weibliche und männliche Hexen kennen.

Am Anfang stand die Webseite des “Covenant of the Goddess”, eines Hexenbundes. Mehr durch Zufall stieß ich darauf und dachte mir, das könnte eine schöne Geschichte für die Religionssendung eines bundesweit ausgestrahlten Radiosenders sein. Ich schrieb an die Email Adresse des Covenant, ob es möglich wäre, ein Interview zu führen und an einem Treffen teilzunehmen. Die Antwort kam, ob ich zu einem Telefoninterview bereit wäre. War ich. An einem Dienstag rief mich eine Vertreterin des „Northern California Chapter“ an und interviewte mich. Warum, weshalb, wieso….Hexen sind etwas zurückhaltend.

Nach einigen Tagen meldete sich „Macha“ bei mir. Sie wäre zu einem Interview bereit und ja, ich könnte bei ihr Zuhause vorbeikommen. Gespannt fuhr ich in die Nord-Bay. In einem unscheinbaren Haus wohnte die Hexe. Für eine Stunde sprachen wir über „Witches“ und Wicca, die Mysterienreligion. „Macha“ berichtete, dass sie sogar regelmäßig als Priesterin im Staatsgefängnis von San Quentin sei, um sich dort mit Angehörigen des Wicca Glaubens auszutauschen und eine Zeremonie zu feiern. Zum Schluss fragte ich, ob Macha auch einen Besen habe. Sie lachte und meinte, ich solle ihr folgen. Und da standen sie, gleich mehrere Besen in der Abstellkammer.

Eine Woche später erhielt ich wieder eine Mail. Don Frew und Anna Korn würden mich gerne kennenlernen. Sie leiten die “Adocentyn Research Library”, eine Bücherei des Paganismus. Ein unscheinbares Haus mit einer Ladenfront in einer Seitenstraße in Albany, einer Kleinstadt gleich neben Berkeley. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier eine Bibliothek der etwas anderen Art befindet. Don und Anna warteten schon, sie wirken wie Alt-Hippies, nahmen sich für den Besucher viel Zeit, um über Wicca und das Hexentum zu sprechen. Der “Covenant of the Goddess” sei ein Netzwerk von Hexen, erzählte Don Frew. „Es ist keine Kirche. Gegründet wurde der Covenant 1975, um Hexen dieselben religiösen Rechte und Sicherheiten einzuräumen, wie anderen religiösen Organisationen. Dieser Hexen Verbund hat sich von Kalifornien aus in den gesamten Vereinigten Staaten ausgebreitet.“

Die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum dieser spirituellen Bewegung in den USA. Der liberale Geist, die damals noch billigen Mieten, der Aktionismus zog viele in den 1960er und 1970er Jahren ans Golden Gate. Hier lebten, hier arbeiteten sie und trafen Gleichgesinnte. Mit der erstarkenden Frauenbewegung in Berkeley, Oakland und San Francisco entwickelte sich auch die Suche nach der Weiblichkeit im Glauben. Und man fand es in der Natur, der Umwelt, der Mutter Erde, wie der 58jährige Hexer Don Frew erklärt: „Es bedeutet, dass ich daran glaube, dass sich das Göttliche in und durch die natürliche Welt manifestiert. Ja, es gibt eine übernatürliche Gottheit, aber ich fühle mich mehr mit einem Baum verbunden, mit der Sonne über uns, mit diesem Tisch hier. All das drückt das Göttliche aus. Und ich versuche mein Leben in Harmonie damit auszurichten. Meine Rituale damit abzustimmen, mit den Gesichtern des Mondes, mit den Jahreszeiten, mit dem Lauf des Lebens. Das alles ist der Weg hin zu einem harmonischen Leben.“

Auf meine Bitte und mein Drängen doch an einem Treffen teilnehmen zu können, erhielt ich immer wieder Absagen. Einige Mitglieder wären dazu nicht bereit, ich könnte mir stattdessen ein Video ansehen, hieß es. Und dann kam die Einladung zu einem „Spiral Dance“. Nur wenige Meilen von der Pagan-Bücherei entfernt liegt Richmond. Und dort in einem alten Fabrikgelände, direkt an der San Francisco Bay gelegen, trafen sich an einem Samstagabend mehrere Hundert Hexen und Gläubige des Paganismus zu einem “Spiral Dance”, einem Gruppentanz, der Gemeinschaft und Wiedergeburt ausdrücken soll.

Die Einladung kam von Starhawk, der Organisatorin dieses Treffens. Sie ist eine ältere Frau und die wohl bekannteste Hexe in den USA ist. Sie hat unzählige Bücher über die Bewegung, den Wicca Glauben, die Wiedergeburt des Hexentums geschrieben. Man kennt sie, bevor wir ein ruhiges Plätzchen für ein Interview finden konnten, umarmten etliche Frauen und Männer die 67jährige, wechselten ein paar Worte mit ihr, sagten ihr, wie sehr sie sich auf den Abend freuten. „Eine Hexe zu sein bedeutet für mich“, so Starhawk, „sich den alten in der Natur basierenden Traditionen aus Europa und dem Nahen Osten zu verpflichten Sie gründen sich in dem Glauben, dass die Erde heilig ist, dass jeder von uns heilig ist und den göttlichen Geist verkörpert, der in allem lebt. Und das greift auf die alten Traditionen der Kräuterkunde und der Verbindung zur Natur zurück.“

Starhawk schreibt unter anderem auch für die Religionsbeilage der Washington Post, ist Kommentatorin auf mehreren einschlägigen Online Plattformen und begeherte Rednerin in den USA und Europa. „Einige Leute wollen sich nicht als Hexe bezeichnen. Ich laufe auch nicht mit einem Schild herum, auf dem steht “Hallo, ich bin eine Hexe’. Aber für mich ist es wichtig, dieses Wort zurück zu bekommen, denn damit konfrontiert man die gesamte Geschichte. Dieses Wort und für was es steht, für die Idee einer Frau als Heilerin, eine mächtige Frau, die als gefährlich und angstvoll gesehen wird. Wenn wir uns dem stellen, dann gehen wir dagegen an, dann beginnen wir mit einem Wandel tief verborgener Unterstellungen in unserer Kultur, die für mich die Ungleichheit der Geschlechter bestärken.“

Als es draussen dunkel wurde, begann in dem alten Fabrikgebäude die Zeremonie. Über Lautsprecher wurde bekannt gegeben, dass ein deutscher Radiojournalist anwesend sei, der aber niemanden in seinen Aufnahmen erkennbar machen werde. Hexen wollen nicht so einfach erkannt werden. In einem riesigen Kreis saßen etwa 600 Menschen zusammen, sangen, lachten, weinten gemeinsam. Die Namen von Verstorbenenen wurden vorgetragen. Reden und Gesang folgten. Und dann begann der eigentliche “Spiral Dance” mit Trommelschlag und Gesang. Zwei endlos wirkende Menschenschlangen bewegten sich im Kreis und kamen sich dabei immer näher. Eine positive und durchaus mitreißende Energie machte sich in der Halle breit, die Community lebte auf und rückte zusammen. Vieles wirkte wie in Trance.

In den USA leben nach Starhakws Aussagen etwa 3-4 Millionen Menschen, die sich als Hexen bekennen, die dem Wicca Glauben angehören. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Doch eins wurde an diesem Abend in Richmond deutlich, die San Francisco Bay Area ist ein Zentrum von Wicca, Hexen, dem Glauben an die Natur, an die Weiblichkeit in der Religion. Die Hexen, die ich kennenlernte durfte, haben so gar nichts mit dem gruseligen Bild aus Kindertagen zu tun. Es geht um Harmonie, um ein Miteinander, darum, gemeinsam und bewußt zu leben. In diesen Zeiten ist das durchaus eine Bereicherung.