Ein Sonntag in Juarez

50 Cent kostet der „Eintritt“. Den zahlt man an der Brücke, die El Paso mit Juarez verbindet. Kaum drüben steht schon der erste Soldat mit Maschinengewehr vor einem und schaut einen etwas grimmig an. Es geht die belebte Strasse entlang Richtung Downtown. Musik dringt aus einigen Läden, doch viele Ladenflächen und Restaurants sind verlassen, zugenagelt, alles andere als besenrein hinterlassen. Eine Folge des Drogenkrieges auf den Strassen von Juarez. juarez

Doch im Zentrum der Stadt angekommen erinnert so gut wie gar nichts daran, dass es in diesem Jahr schon 90 Morde gegeben hat, 18 alleine am Freitag, über 30 an diesem Wochenende. Und nicht nur das, einige der Leichen wurden zerstückelt aufgefunden. Die Brutalität kennt hier keine Grenzen. Downtown Juarez erscheint an diesem Sonntag wie eine ganz normale Stadt. Lautes Geplärre aus den Shops, Strassenhändler, die allerlei feil bieten. Die Menschen strömen zur Kathedrale, dem Mittelpunkt der Stadt.

Ich bin mit Carlos unterwegs, einem 47jährigen, der in El Paso wohnt, aber in Juarez aufgewachsen ist. Mit ihm schlendere ich durch die Gegend. Er hat, so sagt er, keine Angst, wir gehen von den Hauptstrassen ab in Nebenstrassen. Carlos erzählt und berichet, weist mich auf dieses hin, zeigt auf jenes. Auf was ich achten soll, wenn ich morgen alleine unterwegs bin, frage ich. Na ja, meint Carlos, wohl nicht in Nebenstrassen gehen, ich habe auch keine Ahnung wo wir gerade sind, meint er, lacht und wir gehen weiter.

Juarez ist eine beeindruckende Stadt. Es ist nicht der Kriegsschauplatz, den man sich aufgrund der Nachrichten vorstellt. Es gibt ein „normales“ Leben in dieser Stadt. Und das lerne ich an diesem Nachmittag auch kennen. Wir essen gut, trinken Kaffee, unterhalten uns….und doch kommt das Gespräch immer wieder auf das eine Thema zurück. Später treffen wir Julian, einen freien Journalisten, der in Juarez lebt. Er zeigt uns die vernachlässigten Gegenden. An einer Militärkontrolle werden wir von schwerbewaffneten Soldaten angehalten, müssen aussteigen, das Auto wird durchsucht, die Ausweise kontrolliert. Sogar in meine Tasche mit meinem Equipment wird geschaut. Was wir hier machen? Nichts weiter, wir sind Journalisten. Mit einem Nicken dürfen wir weiterfahren. Auch das ist Alltag in Juarez.

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Wohin geht die Reise?

Nach wochenlangen Vorbereitungen geht es morgen los. Ciudad Juarez in Mexiko ist das Ziel. Die Grenzstadt zu El Paso, Texas. Die derzeit gefährlichste Stadt der Welt. Letztes Jahr wurden über 2600 Menschen dort umgebracht, in diesem Jahr ist die Statistik schon auf 50 Morde geklettert. Die 1,5 Millionen Metropole im Norden des Landes gleicht nach 21 Uhr einer Geisterstadt, schilderte mir ein lokaler Reporter am Telefon. Es ist unglaublich, denn nur eine Brücke über den Rio Bravo trennt Juarez von El Paso, der zweitsichersten Stadt in den USA. Hier sinkende Verbrechenszahlen, dort ein offener, brutaler und nicht zu kontrollierender Krieg zweier Drogenkartelle.

JuarezIch bin gespannt, was ich dort sehen werde, was mich erwartet. Es geht mir nicht darum, einen weiteren Beitrag über die Schrecken und den Horror in der Stadt zu zeichnen. Ich möchte sehen, ob und wie ein Leben in Juarez möglich ist, trotz dieser Umstände. Ist es überhaupt möglich, wenn es heisst, die irakische Haupstadt Bagdad oder die afghanische Haupstadt Kabul wären sicherer als Juarez? Es gibt einige beeindruckende und erschütternde Fakten über den Alltag in Juarez. In Mexiko gibt es nur einen legalen Waffenladen, und der ist in Mexico City. Doch die Kartelle sind bis zu den Zähnen bewaffnet. Die Waffen kommen aus den USA, wo einige Leute sehr, sehr gut mit dem Strassenkrieg in Juarez verdienen. Und die Kartelle, die sich um die Drogenrouten nach Norden bekämpfen, lassen den Krieg nicht nach El Paso rüber schwappen, denn sie wissen genau, dass das nur die amerikanischen Sicherheitsbehörden auf den Plan rufen würde. Es scheint also so, als ob Amerika nur dann reagieren würde, wenn die eigenen Interessen berührt werden, wenn die eigenen Bürger dran glauben müssten. Was ausserhalb der südlichen Grenze geschieht….tja, man beobachtet die Situation, heisst es von offiziellen Stellen. Und man zählt die Toten mit, die sich seit zwei Jahren in den Strassen von Juarez anhäufen.