Was soll der ganze Terz?

Mal was neues. Selbst hartgesottene Amerikaner waren von dieser Schießerei überrascht. Vor laufenden Fernsehkameras erschoss Vester Flanagan während eines Interviews die Reporterin Alison Parker und den Kameramann Adam Ward. Die Interviewte Vicki Gardner liegt zur Zeit noch mit Schußverletzungen im Krankenhaus, doch wird überleben.

Flanagan war von der Fernsehstation entlassen worden und auf einem Rachefeldzug. Er wollte ein deutliches Zeichen setzen, filmte sich selbst bei der Tat und lud dieses Video ins Internet. Es war also kein Amoklauf gegen Journalisten, sondern Flanagan ging „postal“, wie man hier so eine Schießerei eines frustrierten, verwirrten (Ex-)Mitarbeiters nennt.

Kurz vor den tödlichen Schüssen. Foto: AFP.

Kurz vor den tödlichen Schüssen. Foto: AFP.

Und Amerika zeigte sich schockiert von der Tat. Auf National Public Radio, NPR, warnte man die Hörer vor dem Bericht, dass man darin „disturbing sounds“ hören wird. Gemeint waren die tödlichen Kugeln aus Flanagans Pistole und die Schreie der Umstehenden. Auf FOXNews sah man Moderatorin Megyn Kelly tief betroffen. Sie meinte, man werde das Video, geschnitten und gekürzt, nur einmal zeigen, um dem Täter nicht die Öffentlichkeit zu geben, die er mit der Wahnsinnstat ersehnte. Tiefe Bestürzung und Trauer im ganzen Land. Doch warum eigentlich?

Amokläufe, Massenschießereien, Irrsinnstaten wie diese vom Mittwoch gehören zu Amerika wie die Freiheitsstatue, Hamburger und Disneyland. „The right to bear arms“, das Recht Waffen zu tragen, das ist der Grundsatz im US amerikanischen Alltag. Ermordete Kleinkinder, wie an der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut. Erschossene Schüler, wie an der Columbine High School in Littleton, Colorado. Gläubige, wie in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina. Und nun eben Reporter bei der Arbeit in Roanoke, Virginia. All diese Vorfälle und mehr haben in den USA zu keinem Umdenken geführt und werden auch nichts in der Zukunft verändern.

Neben dem ungehemmten Waffenwahnsinn in den USA, gibt es sicherlich noch weitere Faktoren, wie ein mangelhaftes Gesundheitssystem, gerade in der Erkennung von Frühwarnzeichen bei potenziellen Tätern, die für diese erhöhhten Zahlen von Massenschießereien in den USA sprechen. Doch grundsätzlich gilt, Amerika hat ein Waffenproblem, das außer Kontrolle ist und so auch bleiben soll und wird. Erst Anfang der Woche kam die Nachricht aus Seattle, dass die Waffenlobby NRA, weitere Waffenclubs und auch einige Knarrenbesitzer gegen die geplante kommunale Steuer klagen werden. Gedacht war, mit dieser Steuer auf Schießeisen Präventions- und Hilfsmaßnahmen für Opfer von Gewalt durch Schußwaffen zu finanzieren. Kannste vergessen, die NRA blockt.

Das ist der Alltag in den USA. 350 Millionen Waffen im Umlauf langen nicht, jeder Amerikaner wird auch weiterhin ein Recht auf seine Wumme haben. Extrabesteuerungen werden vor den Gerichten angefochten. Nichts und niemand darf sich gegen „The right to bear arms“ stellen.

Von daher muß man die Tat von Roanoke als das sehen, was sie ist. Eine Meldung am Mittwoch. Nicht mehr und nicht weniger. Warum die Aufregung, die Bestürzung, die Trauer, der Schock. Es wird wieder passieren, irgendwo und irgendwann im Land. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Egal, es wird passieren. Das steht fest.