Wo beginnt und endet die Fairness?

Fairness in der Berichterstattung. Das ist etwas, was immer wieder diskutiert wird. In den USA, in Deutschland, in der Schweiz, Österreich, Ungarn, Türkei und vielen anderen Ländern. Immer wieder ist das auch mit einem Frontalangriff auf öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und die Medienfreiheit verbunden.

In den USA gab es über Jahrzehnte eine sogenannte „Fairness Doctrine“, die eine ausgewogene Berichterstattung verlangte. Und das hatte geschichtliche Wurzeln, wie Edward Wasserman, Journalismus-Professor und Dekan an der “Graduate School of Journalism” der “University of California” in Berkeley erklärt. „Gerade in den 1930er Jahren war die Angst groß. Die Leute sahen, was in Europa passierte, wie die Macht des Rundfunks eine politische Fraktion bevorzugte. Sie merkten, wie mit der Ausbreitung der elektronischen Medien auch der öffentliche Einfluss wuchs. Und auf einmal wurde das Manipulationsrisiko der neuen Medien deutlich. Ich denke, daraus kam die Idee, auch wenn es in Amerika, anders als in Europa, keinen staatlich kontrollierten Rundfunk gab. Es gab die Notwendigkeit, eine Ausgewogenheit für die Programme einzuführen.“

Aus dieser Angst vor Propaganda und Demokratie gefährdender Medienmacht wuchs der Gedanke der staatlichen Regulierung der Frequenzen. 1949 erließ die staatliche, doch unabhängige Aufsichtsbehörde “Federal Communication Commission”, kurz FCC, eine sogenannte “Fairness Doctrine”. Damit sollte sichergestellt werden, dass lizensierte Radio- und Fernsehsender Sendeplätze für Themen von öffentlichem Interesse einräumen und über diese kontrovers berichten. Mit der Fairness Doctrine wachte die FCC darüber, dass solche Sendungen “ehrlich, gerecht und ausgewogen” sein müssten, meint Professor Wasserman. „Der Grundgedanke war, dass der Rundfunk und das Fernsehen öffentlich waren und daher die ganze Breite der Meinungen in der Öffentlichkeit widerspiegeln müsse, die so auch von der Öffentlichkeit verlangt wird. Man muss beachten, dass man damals nur eine sehr beschränkte Anzahl von Stationen hatte.“

Die “Fairness Doctrine” galt nur für jene lizensierten Sender, die über terrestrische Frequenzen ausgestrahlt wurden. Für die Radio- und Fernsehkanäle im Kabelangebot, das in den 1950er Jahren eingeführt wurde, galt sie nicht, denn diese Sender brauchten für ihre Programme keine FCC-Lizenz. Auch galt die “Fairness Doctrine” nicht für die Presse. Der Grundgedanke hinter dieser ausgewogenen Meinungsregel war gut gemeint, doch nur schwer durchsetzbar, sagt der Journalismus-Professor Edward Wasserman: „Es braucht nicht lange, um zu realisieren, wie schwierig die Umsetzung dieser Doktrin war. Es gibt nicht nur die zwei Seiten, “wir mögen es” oder “wir mögen es nicht”. Das Problem mit, und auch der Nachteil der “Fairness Doctrine” war, es führte dazu, dass die Sender kaum noch über Themen mit öffentlichem Interesse berichteten, denn so wurde Sendezeit verschenkt, für die sich keine Werbekunden gewinnen ließen.“

Als die “Fairness Doctrine” 1987 unter Präsident Ronald Reagan außer Kraft gesetzt wurde, geschah dies nicht aus politischen, sondern vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen. Doch damit wurden die Schleusentore für eine nicht mehr zu kontrollierende Entwicklung geöffnet. Mit dem Aus der Regulierung kam der Aufstieg des meinungsbetonten “Talk Radios”, von vielen auch als “Hate Radio” bezeichnet. Rush Limbaugh, Michael Savage, Sean Hannity, Mark Levin und viele andere tobten, ja, wüteten fortan verbal on-air. Grenzen wurden ihnen kaum noch gesetzt. Im Sommer 1996 ging mit FoxNews ein weiterer Fernsehnachrichtenkanal on-air, der das Nachrichtenbusiness gehörig durcheinander wirbelte. Auch wenn FoxNews von sich behauptet “fair and balanced” zu sein, der Rechtsruck in der Berichterstattung war nicht zu übersehen. FoxNews drückte, so Wasserman, den Medien in den USA trotz relativ geringer Einschaltquoten den eigenen Stempel auf und veränderte die News-Landschaft. „Wenn man sich die Zahlen ansieht, dann ist FoxNews sehr profitabel, aber sie haben keine hohen Zuschauerzahlen. Als ich mir das zuletzt ansah, hatte die populärste FoxNews-Sendung am Abend die gleiche Einschaltquote wie die lokalen Nachrichten des CBS Senders in New York City.

Wäre eine neue “Fairness Doctrine” in den USA nötig, um Mäßigung in den Medien durchzusetzen? Tatsächlich ist die Forderung wieder aufgetaucht – aber unter umgekehrten Vorzeichen: durch Donald Trump, der sich von den Medien, außer von FoxNews, ungerecht behandelt fühlt und mehr positive Beiträge über sich hören und sehen will. Edward Wasserman, Dekan am Journalismus-Lehrstuhl der Uni Berkeley, sieht für eine Neuauflage allerdings keine Chance. „Ich glaube, man kann sie nicht umsetzen. Die Vielfalt der Meinungen würde beschränkt werden. Auch würden die Leute mit viel Geld so eine Leitlinie bis vors Verfassungsgericht bringen und die obersten Richter würden sie sofort kippen. Es gibt heute auch so viele unterschiedliche Kanäle, denken Sie auch ans Internet. Wenn man sich ansieht, woher die Leute heutzutage ihre Informationen bekommen, wie viele Kanäle müsste man überwachen, um sicher zu gehen, dass die “Fairness Doctrine” auch eingehalten wird. Es ist unmöglich, sie hat ausgedient.“

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Ein Besuch bei den somaliländischen Kollegen

Das Rauchverbot hat sich auch hier durchgesetzt.

Das Rauchverbot hat sich auch in diesen Studios hier durchgesetzt.

Radio Hargeisa ist der öffentliche Rundfunk Somalilands. Seit 1991 ist er in der Hand der somaliländischen Regierung, mit der Ausrufung der Republik Somaliland wurde auch die Kontrolle über die Sendeanlagen übernommen. Die Radiostationen waren bei der Abspaltung von Somalia eines der ersten Ziele der neuen Führung. Mit dem Rundfunk kontrollierte man den Informationsfluss der Bevölkerung.

Viele Jahre lang wurde Radio Hargeisa nur als eine UKW-Station betrieben, die im Sendegebiet der Hauptstadt zu empfangen war. Die finanziellen Mittel fehlten schlichtweg, um das ganze Land abzudecken. Seit 2012 sind die Programme jedoch über einen 100 Kilowatt Transmitter im ganzen Land zu hören. Gesendet werden täglich zehn Stunden Programm (06.30-09.00, 13.00-16.00 und 18.00-22.30).

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Tonbänder warten auf ihre Digitalisierung.

Ein altes 1943 erbautes Gebäude der britischen Kolonialherren beherbegt heute noch immer den Sender. Die Decken sind hoch, die Wände zumeist kahl, viel gibt es hier nicht zu sehen. Die ersten 25 Jahre des Rundfunks in Britisch-Somaliland wurden in dem Buch „Gather Round the Speakers: A History of the First Quarter of Somali Broadcasting 1941-1966“ beschrieben, man kann diesen Bericht von Suleiman M. Adam noch online finden.

Im Archiv liegen auf den Regalen noch Hunderte von alten Tonbändern, daneben CDs. In einem Nebenraum stapeln sich alte „Reel-to-Reel“ Bänder in einer Ecke auf dem Boden. Vergessen, verstaubt, kaum beschriftet. Ein paar Bandmaschinen sind aufgeschraubt, derzeit versucht man das Equipment wieder auf Vordermann zu bringen, um die alten Tonaufnahmen digital speichern zu können. Ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Von hier sendet Radio Hargeisa.

Vieles hier wirkt wie eine Behelfsstation, doch dann wird einem auch wieder klar, dass man eigentlich nicht viel fürs Radiomachen braucht. Feinste digitale Studios sind keine Garantie für ein gutes, zielgerichtetes und erfolgreiches Programmmachen. Schon gar nicht in einem Land wie Somaliland. Hier zählt die Handarbeit, die Fähigkeit aus wenig möglichst viel zu machen. Radio ist nach wie vor das wichtigste Medium im Land, wenn man bedenkt, dass der Großteil der Bevölkerung Nomaden sind und in ländlichen, teils sehr abgelegenen Gegenden ohne große Infrastruktur leben. Das Fernsehen kann nur in den wenigen Städten empfangen werden, Zeitungen und auch Onlineangebote sind aufgrund der hohen Analphabetenrate keine wirkliche Konkurrenz für das Radio. Und sowieso ist die somalische Kultur eine Kultur des erzählten Wortes. Die Programme, die Radio Hargeisa ausstrahlt, sind eine Mischung aus Musik, Information, Nachrichten und Religion.

Das eigentliche Sendestudio ist dann doch modernste Technik, zumindest für hier. Ein geräumiger Mastercontrol-Room, hinter einer Scheibe ein Aufnahmestudio, in dem bequem Diskussionsrunden, Musikaufzeichnungen und andere Performances aufgenommen und übertragen werden können. Seit ein paar Jahren gibt es auch einen Live-Stream von Radio Hargeisa. Wer kein Somalisch spricht, wird sprachlich sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Doch der Stream gibt nicht nur für begeisterte Radiofans einen Eindruck, wie in diesem Teil der Erde der Hörfunk klingt. Morgen werde ich bei einer Fortbildung weitere „Kollegen“ von Radio Hargeisa kennenlernen, ich bin gespannt auf den Austausch, auf ihre Erfahrungen und ihre Schilderungen ihres Arbeitsalltags.

Das Ende des deutschen Radios

Nur noch 33 deutsche Radiosendungen gibt es in den USA. Das Ende des deutschen und deutschsprachigen Rundfunks in Amerika ist damit in Sicht. Anfang der 70er Jahre gab es noch weit über 120 Programme, die fest verankert waren in der deutschen Community. Etliche der Radiomacher produzierten darüberhinaus auch noch lokale Fernsehprogramme auf offenen Kanälen, finanziert durch Werbung von Lufthansa, Siemens, dem deutschen Feinkostladen, Metzger und Automechaniker an der Ecke.

Doch das ist lange vorbei. Moderatoren und Hörer sind ins Alter gekommen. Etliche der „Hosts“ sind über 80. Erst am vergangenen Sonntag verabschiedete sich Gunter Auerbach zum letzten mal am Ende seiner Sendung. Er war seit 1966 on-air. Damit gibt es nur noch 32 Sendungen. Die Deutschen in Amerika verlieren mit jedem Programm ein wichtiges Teilstück ihrer Geschichte. Ein paar deutschsprachige Zeitungen dümpeln vor sich hin. Die wenigen Radioprogramme werden auch bald verschwinden. Das wars dann. Schluß. Aus die Maus.

Und ja, vielleicht muß es so kommen, vielleicht muss es so sein. Wenn kein Interesse mehr da ist, wenn kaum noch Hörer einschalten, wenn junge oder jüngere Deutsche sich nicht verpflichten lassen wollen, an jedem Wochenende eine Sendung zu moderieren, und das auch noch kostenlos, dann ist es wohl Zeit, das Licht im Sendestudio auszumachen. Doch was sehr, sehr bedauerlich ist, ist die Tatsache, dass einfach Schluß ist und nichts von der reichen deutschen und deutschsprachigen Rundfunkgeschichte in Amerika dokumentiert wurde. Die USA sind ein Land der Immigranten. Jeder, egal woher er kam, brachte etwas mit in diesen Multikulti Hexenkessel. Die Medien der Zuwanderer dokumentierten genau das. Der Einfluss und die Bedeutung der ethnischen Medien wurde einfach übersehen von „Mainstream America“. Die Sendungen wurden so gut wie nie aufgezeichnet, es gab keine Hörerbefragungen, keine Analysen, keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Schade, denn damit geht ein wichtiger Teil der amerikanischen Geschichte für immer verloren.

Hier eine kürzlich aktualisierte Liste der noch ausgestrahlten Radioprogramme in den USA (Quelle Kent Williams, November 2012):

New York:
German Hit Parade
Monday, 8:00 – 9:00 pm ET
Wednesday, 8:00 – 9:00 pm ET
Thursday, 4:00 – 5:00 am ET
WHPC 90.3 FM (New York City-Garden City)
Uwe Riggers
German Hour
Sunday, 10:00 – 11:00 am ET
WKNY 1490 AM (Kingston)
Hans Safer
German Radio Program (Federation of German-American Societies)
Saturday, 2:00 – 4:30 pm ET
WGMC 90.1 FM (Rochester)
George Hoffmann
The German Show
Sunday, 4:00 – 5:00 pm ET
WXRL 1300AM (Buffalo)
Herman Endres Jr.

Pennsylvania:
The German Austrian Show
Sunday, 9:00 – 9:30 am ET
WGPA 1100 AM (Bethlehem)
Bud Williams
German American Program
Sunday, 10:00 am – 12:00 pm ET
WNWR 1540 AM (Philadelphia)
German Hour
Sunday, 4:00 pm – 5:00 pm ET
WPIT 730 AM (Pittsburgh)
Heino Coelle

Ohio:
German Radio Hour
Saturday, 8:00 – 9:00 pm ET
WCPN 90.3 FM (Cleveland)
Joe Wendel
Lustige Musikanten German Program
Sunday, 10:00 am – 12:00 pm ET
WCSB 89.3 FM (Cleveland)
Joe Wendell & Ruth Kleine Marino
German Variety Show
Sunday, 1:00 pm – 2:00 pm ET
WDLW 1380AM (Cleveland)
George Jerjev
German Musical Variety Show
Sunday, 2pm – 3pm ET
1330 WELW AM (Cleveland)
Judy Wehner-Moran
German Radio Program
Tuesday 6-9pm ET
Sundays 4 – 5pm ET
WKTX -AM 830 (Youngstown)
Herb Haller & Hilde Kobetitsch
German-American Show
Sunday, 9:00 am – 11:00 am ET
WCWA 1230AM (Toledo)
WIOT 104.7FM (Toledo)
Tim Pecsenye & Jack Renz
German Tunes of the Queen City
Wednesday, 5:00 – 8:00 pm ET
WAIF 88.3 FM (Cincinnati)
Dieter Waldowski & Gebhard Erler
Over the Rhine Showcase
Sunday, 2:00 – 6:00 pm ET
WOBO 88.7 FM (Cincinnati)
Jim King
Wolf’s International Musica
Wolfgang’s Musikalische Kammer
Wednesday, 1:00 -3:00 pm ET
WVQC 95.7FM (Cincinnati)
Wolfgang Grossmann

Indiana:
German Music Hour
Sunday, 4:00 – 5:00 pm ET
WICR 88.7 FM (Indianapolis)
Manfred Witt

Illinois:
Deutschland Echo
Saturday, 9:00 – 11:00 am CT
Sunday, 9:00 – 11:00 am CT
WNWI 1080 AM (Chicago)
Armin Homann

Wisconsin:
Heimatecho
Saturday, 8:00 – 9:00 am CT
WJYI-AM JOY1340 (Milwaukee)
Bob Ziegenbein
Continental Showcase
Saturday, 1:00 – 4:30 pm CT
WJYI-AM JOY1340 (Milwaukee)
Robert Deglau
Bethany Lutheran Church Service (in German)
Saturday, 4:30 – 5:00 pm CT
WJYI-AM JOY1340 (Milwaukee)
Eberhard Klatt
German Music Program
Monday-Friday, 4:30 – 5:00 pm CT
WTKM-FM 104.9 (Hartford)
Hallo Deutschland
Sunday, 9:00 – 10:00 pm CT
WTKM-FM 104.9 (Hartford)
Bob Zigenbein

Missouri:
German Talk Radio
Sunday, 2:00 – 3:00 pm CT
WEW 770 AM (St. Louis)
John McKinistry
German Hit Parade
Sunday, 2:30 – 5:00 pm CT
WGNU 920 AM (St. Louis)
Alfred Goerlich

Virginia:
Gemuetlichkeit
Saturday, 1:00 – 2:00 pm ET
WKGM 940AM (Norfolk)
Inge Fischer-White

Florida:
Deutsche Funksendung / German Radio Show
GRS (Tampa – Online only at: germanradioshow.com)
Susanne Nielsen
German Interlude
Sunday, 5:15 – 6:00 pm ET
WPIO 89.3 FM (Titusville)
Ruth Mlodzianowski

Texas:
German Radio Texas Style (since 1953)
GRTS (New Braunfels/San Antonio – Online only at: nbgermanmusic.com)

Colorado:
Musical Greetings From Germany
Sunday, 12:00 – 3:00 pm MST
GRTVD (Denver – Online only at: www.grtvd.com)
Gunter Auerbach

Nevada:
Las Vegas German Show
Sunday, 9:00 – 11:00 am PT
KLAV AM 1230 (Las Vegas)
Silvia Brunn

California:
Excelsior German Radio Show
Sunday, 10:00 – 11:30 am PT
AM 1400 KVTO (San Francisco)
Marie Hoffmann & Anthony Schaller

Radio Goethe (syndicated)
Arndt Peltner