Immer wieder Flucht und Vertreibung

Flucht und Vertreibung sind ein aktuelles Thema. In den täglichen Nachrichten diesseits und jenseits des Atlantiks, in Afrika, in Asien, in Australien. Flucht und Vertreibung bestimmen Wahlkämpfe, führen zu Wahlergebnissen, wie in den USA, die durchaus Angst machen. Doch das Thema ist nicht neu, gerade und vor allem für Deutschland.

Die sehr hörenswerte und auch nahegehende CD „Flucht und Vertreibung im Rundfunk“, kostenlos herausgegeben vom Hans-Bredow-Institut in Zusammenarbeit mit der Historischen Kommission der ARD und dem Deutschen Rundfunkarchiv, präsentiert Tondokumente aus den Jahren 1945 bis 1960. Millionen von Deutschen waren auf der Flucht, wurden aus ihrer östlichen Heimat, Schlesien, Ostpreußen, Pommern, Sudetenland vertrieben, für immer, ohne Aussicht auf eine Rückkehr. Und das kurz nachdem Deutschland selbst für Flucht und Vertreibung verantwortlich war. In den Hörbeiträgen geht es auch um Offenheit, um Unterstützung, um Hilfe, um Verständnis. Sie liefern Antworten, die zeitlos sind.

Wenn man diese Tondokumente heute hört, diese Reden, die Hörspiele, die Radiobeiträge, scheinen sie etwas verstaubt zu sein. Der Sound ist etwas dumpfer, es knackt, knistert und rauscht auch mal. Interviewer und Interviewte wirken teils steif, nicht locker flockig, wie es heute üblich ist im Radio. Vergangenheit, damals, vorbei. Doch diese Aufnahmen in ihrer Bedeutung bleiben gegenwärtig, sind aktuell, gerade für uns Deutsche. Wenn man die Interviews hört, eine junge Frau, die Ärztin werden wollte und stattdessen nun in Wesermünde in einer Heringsfabrik arbeitet, dann muss man sich an die Geschichten der geflohenen Menschen aus Syrien erinnern, die auch alles aufgegeben haben – ihr Land, ihre Herkunft, ihren Beruf, ihren Alltag – um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. (West-) Deutschland war damals wie auch heute das Ziel. Ankommen, sicher sein, von vorne anfangen.

Ich selbst kenne diese Geschichten nur zu gut, mein Vater war Flüchtling. Mit den Erzählungen von Flucht und Vertreibung wuchs ich auf, sie prägten auf ihre Art meinen Lebenslauf. Eine dieser Aufnahmen auf der CD ist ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks vom 16. Dezember 1956. Darin berichtet der Journalist und spätere Bundestagsabgeordnete und Vertriebenen-Politiker Herbert Hupka von den schlesischen Glocken, die in westdeutschen Kirchen zu hören sind, ein Stück weit Schlesien nach West-Deutschland bringen. 1200 Glocken aus den Ostgebieten, die nach Kriegsende nicht mehr zurückgegeben werden konnten, wurden als sog. Patenglocken an christliche Gemeinden übergeben. Sie kamen über den Umweg des Glockenfriedhofs in Hamburg, auf dem im Zweiten Weltkrieg rund 47.000 Glocken aus dem gesamten Deutschen Reich zwischengelagert wurden, in die Kirchen. Und eine davon ist die Glocke aus der Gemeinde „Zum Schifflein Christi“ in Glogau. In der Oder-Stadt ging mein Vater bis zu seiner Flucht ins Gymnasium, seit 1951 erklingt die Glocke in der St. Stephans Gemeinde in Würzburg, meinem Geburtsort. So schließen sich die Kreise.

Tondokumente Auschwitz

Ich höre viele CDs, zwangsläufig für meine verschiedenen Musiksendungen. Vor etlichen Jahren habe ich damit angefangen geschichtliche Aufnahmen zu sammeln. Reden, Interviews, Zeitdokumente. Nun bin ich erneut an eine Veröffentlichung gekommen, die außerordentlich ist, die man erwähnen sollte, gerade im Zeitalter der jetzt-und-gleich Medien.

Vom CD Cover schaut ein Mann, der vom Aussehen her auch bei Loriot hätte auftreten können. Er sieht aus wie ein Beamter, gründlich, genau, pünktlich. Doch der Mann auf dem Bild ist der Hörfunkjournalist Axel Eggebrecht, Schriftsteller, Drehbuchautor und in den 20er Jahren Mitarbeiter der „Weltbühne“. Er berichtete im Auftrag des NDR als einziger Radioreporter vom ersten Auschwitzprozess, der zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main stattfand. Eggebrecht sollte für die Hörer den Ablauf beschreiben und auch das kommentieren, was er beobachtete, hörte, miterlebte. Es war kein Gebelle, wie das heute üblich ist, kein ganz nah dran sein um jeden Preis, keine Offenlegung der intimsten Details. Ganz im Gegenteil, mit feinem Strich und einer ganz bewußten, sensiblen und verantwortungsvollen Wortwahl ließ Eggebrecht die Zuhörer am Radio an diesem Prozess teilnehmen. Noch nicht mal 20 Jahre nach Kriegsende versuchte dieser Journalist Auschwitz für die Deutschen zu beschreiben. Jenes Auschwitz, dass einfach verdrängt wurde, weggeschoben wurde, vergessen werden sollte. Ein schier unmögliches Unterfangen, doch Axel Eggebrecht hat mit seiner Berichterstattung etwas besonderes erreicht. Er hat mit „seiner Reise in die Vergangenheit“ nicht nur beeindruckend von diesem Prozeß berichtet, er hat auch eine Zustandsbeschreibung der noch jungen Republik geliefert. Für mich ist dies ein Meisterwerk des deutschen Journalismus.

Das deutsche Rundfunkarchiv hat Auszüge aus dieser Berichterstattung veröffentlicht. „Aufklärung statt Bewältigung“ wurde diese CD genannt, die gerade mal 7,50 Euro kostet. Fast 70 Minuten lang taucht man ein in die deutsche Geschichte, hört von Pflichtbewußtsein, Verdrängung, Verantwortung, Geschichtsaufarbeitung. Und am Schluß merkt man, diese Aufnahmen sind zeitlos, aktuell und sollten gehört werden.