Der Absturz vor dem Genozid

Als am Abend des 6. April 1994 die Präsidentenmaschine im Landeanflug auf den Flughafen Kigali abgeschossen wurde, nahmen radikale Hutu in Ruanda das zum Anlaß mit dem Morden zu beginnen. Schon kurz nach dem Attentat auf den ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana wurden Straßensperren in Kigali errichtet, die ersten Mordkommandos zogen zu den Häusern gemäßigter Hutu und Tutsi und begannen mit ihrem blutigen Handwerk. Von dort weitete sich die Todeswelle im ganzen Land aus.

Soldat an der abgestürzten Präsidentenmaschine.

Soldat an der abgestürzten Präsidentenmaschine.

Wer hinter diesem Auslöser zu einem der größten und brutalsten Völkermorde im 20. Jahrhundert stand, war lange Zeit unklar. Die Franzosen, die eng mit der Hutu Regierung verwoben waren, schoben das Attentat auf die „Rwanda Patriotic Front“ (RPF), der Tutsi Exil-Armee. Die jedoch wies jegliche Verantwortung immer wieder weit von sich und beschuldige Hutu Extremisten im Land, einen Auslöser für das gezielte und geplante Morden gesucht zu haben. Was dafür spricht ist die Tatsache, dass radikale Kräfte der Hutu schon frühzeitig von einem Attentat auf Präsident Habyarimana sprachen und die Auslöschung der Tutsi dann unumgänglich sei. Der deutsche Pfarrer Jörg Zimmermann, der in Ruanda lebte, bestätigte diese Nachricht im NZ-Interview. Er erklärte, bereits Monate vor dem 6. April in der ruandischen Extremistenzeitung „Kangura“ von solchen Plänen gelesen zu haben.

Auch war lange Zeit klar, dass die Rakete, die die Präsidentenmaschine traf, von einer Armeebasis der ruandischen Armee im Stadtteil Kanombe abgefeuert wurde. Die RPF hatte zu dem Zeitpunkt keinen Zugang zu dem Gebiet. Interessanterweise waren in der Kaserne auch deutsche Militärberater der Bundeswehr untergebracht. Seit den 70er Jahren unterhielt die Bundesrepublik enge militärische Kontakte zu Ruanda. Eine Beratergruppe der Bundeswehr war vor Ort. Von Seiten Deutschlands wurde offiziell nie gefragt, was die Bundeswehrangehörigen gesehen, gehört oder mitbekommen haben. Falls es eine Untersuchung gegeben haben sollte, wurde diese nicht bekannt gemacht. Das politische Archiv des Auswärtigen Amtes unterliegt der Sperrfrist von 30 Jahren. Im Bundesverteidigungsministerium erklärt man lapidar, zu den Vorgängen in Ruanda seien keine Unterlagen mehr auffindbar. Auch auf die Frage, was vier Offiziere der deutschen Luftwaffe in Ruanda zu tun hatten, die am 5. April im berühmt-berüchtigten „Hotel Ruanda“, dem Hotel des Mille Collines, eincheckten und bereits am 6. April wieder auscheckten, konnte und wurde von Seiten des Verteidigungsministeriums nicht beantwortet.

Rund eine Million Menschen wurden in 100 Tagen in Ruanda abgeschlachtet.

Eine Million Menschen wurden in 100 Tagen in Ruanda ermordet.

Eine französische Untersuchungskommission, bestehend aus mehreren Richtern, kam nun zu dem Schluß, dass der Abschuß der Präsidentenmaschine von Hutu Extremisten durchgeführt wurde. Das vorhergehende Ergebnis des französischen Richters, Jean-Louis Bruguière, der die RPF verantwortlich machte, sei falsch. Dieser habe seine „Ergebnisse“ auf Falschaussagen und Verschwörungstheorien aufgebaut, so die Richter Marc Travidic und Nathalie Poux, die die jüngste Untersuchung leiteten. Bruguières Anschuldigung führten 2009 zu diplomatischen Spannungen zwischen Ruanda und Deutschland, als die ruandische Protokollchefin Rose Kabuye bei ihrer Einreise nach Deutschland verhaftet wurde. Richter Jean-Louis Bruguière hatte einen internationalen Haftbefehl gegen Kabuye ausstellen lassen, den deutsche Behörden pflichtbewußt ausführten.

In Ruanda wurde dieses neue Untersuchungsergebnis wohlwollend aufgenommen. Denn lange Zeit warfen Verschwörungstheoretiker der RPF und dem ruandischen Präsidenten Paul Kagame vor, den Abschuß der Präsidentenmaschine selbst durchgeführt zu haben, um so den Krieg in Ruanda zu eskalieren. Damit hätten Kagame und seine RPF eine Mitschuld am Genozid, der am Ende rund einer Million Menschen das Leben kostete. Diese unsägliche Behauptung ist nun endlich vom Tisch.

Der Abschluß der französischen Untersuchung bedeutet jedoch nicht eine Antwort auf alle noch offenen Fragen. Die Hintergründe und auch Hintermänner der Ereignisse vor und während des Abschlachtens in Ruanda 1994 sind noch lange nicht geklärt. Es fehlt der internationale Wille, wie man am zögerlichen Verhalten Deutschlands nur zu gut erkennen kann, eine grundlegende Aufarbeitung überhaupt anzugehen.

„Dass es knallte, bekam man mit“

Pfarrer Jörg Zimmermann sagte diesen Satz im Interview. Damit machte er klar, dass jeder, der vor dem 6. April 1994 in Ruanda lebte, mitbekam, dass es zur Katastrophe kommen würde. Von dem, was dann passierte, damit konnte niemand rechnen. Doch klar war, dass es zu Massakern kommen würde.

Heute fand im Bundestag eine Anhörung zum 20. Jahrestag des Genozids statt. Betroffenheit war groß geschrieben. Ja, die internationale Gemeinschaft habe versagt. Doch hier und heute wäre der richtige Ort gewesen, um ganz offiziell die Schuldfrage aufzugreifen. Deutschland hat weggeschaut, die Zeichen nicht erkannt, nicht erkennen wollen. Und das obwohl regelmäßig und gehäuft Berichte und Informationen an mehrere Ministerien in Bonn und in Mainz übermittelt wurden. Das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das Verteidigungsministerium, das Innenministerium und die Staatskanzlei in Mainz, sie alle wußten, was in Ruanda vor sich geht. Doch niemand handelte, niemand ergriff die Initiative. Man versteckte sich damals hinter der Leitlinie, man müsse eine gemeinsame europäische Linie finden, die es nie gab. Und genau diese Politik wird heute weiter betrieben, in dem man sagt, die „internationale Gemeinschaft“ habe versagt. Ist es so schwer zuzugeben, dass Deutschland sich mitschuldig gemacht hat? So schwer zu sagen, man wolle, man habe aus diesen Erfahrungen gelernt?

Doch nichts dergleichen geschieht. Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU Fraktion Philip Mißfelder erklärte: „Die autoritäre Militärregierung hat damals versucht, die Opposition niederzuringen und dringend notwendige Reformen zu verhindern. Als 1973 Präsident Juvénal Habyarimana durch einen Staatsstreich ins Amt kam, war die Rollenverteilung nicht nur in ethnischer Hinsicht klar, sondern auch machtpolitisch zementiert. Zur Konsolidierung seiner Macht platzierte der Präsident diverse Hutu-Anhänger in nahezu allen Schlüsselpositionen, vor allem in der Armee des Landes.“ Herr Mißfelder, die Frage muß gestattet sein, warum hat Deutschland dann Mitte der 70er Jahre mit einer militärischen Kooperation begonnen und diese auch dann weiter geführt als längst klar war, dass die ruandische Regierung die Menschenrechte mit Füßen tritt. In einen vertraulichen Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung heißt es dazu:

„Deutschland finanzierte seit Jahren schon, aber über den Zeitpunkt der Invasion durch die FPR hinaus, ja bis zur Evakuierung im Anschluß an den Abschuß der Präsidentenmaschine am 6.4. 1994 eine Bundeswehrberatergruppe, deren Aufgaben im wesentlichen in der Schulung bei der Instandhaltung von Gerät und der logistischen Ausbildung lagen. Selbst wenn die Bundeswehr anders als französische, belgische und zairische Truppen damit nicht direkt in Kampfhandlungen oder deren Sicherung involviert war, wurde doch eine eindeutig unterstützende Dienstleistung für die FAR geleistet….Man wundert sich, dass dieses Engagement nicht frühzeitiger gestoppt wurde, insbesondere weil die Zusammenarbeit im Ausstattungshilfebereich mit Ländern wie Togo, Somalia, Sudan, Kenia, Kamerun, Malawi, Zambia udn Zaire Anfang der 1990er Jahre nicht fortgesetzt wurde. Gründe des AA: Man werde nur mit Partnerländern zusammenarbeiten, die “grundsätzlich die Menschenrechte achten, ihre Rüstungsausgaben in angemessenen Grenzen halten und Demokratisierungsbestrebungen nicht unterdrücken”. Wie das Programm dann in Ruanda bis 1994 fortgesetzt wurde ist unverständlich.”

Die Nürnberger Abgeordnete Dagmar Wöhrl erklärte in ihrem Redebeitrag: „Wir haben es gehört: Zwischen dem 6. April und dem 17. Juli 1994 wurden in Ruanda über 800 000 Menschen ermordet – kaltblütig, systematisch, grausam -, das heißt, fast 10 Prozent der Bevölkerung. Mit anderen Worten: mindestens 8 000 Menschen am Tag, in der Minute fünf Tote. Eine mediale Hetzkampagne im Land stachelte die Mörder zusätzlich an. Radiosender meldeten: Das Grab ist nur halb voll. Wer hilft uns, es zu füllen?

Auch Frau Wöhrl sei an dieser Stelle der vertrauliche Bericht des BMZ zu empfehlen, den sie sicherlich aus den Archiven des Ministeriums beziehen kann: „Wie wir inzwischen wissen, bestehen unglücklicherweise enge personelle und technische Verbindungen von RTLM zu Radio Rwanda, das von der deutschen Entwicklungshilfe lange Jahre gefördert wurde.” Die Autoren des Berichts zitieren die BBC: ‘Radio Television des Mille Collines… has become the symbol of “hate radio” throughout the world. It’s broadcasts, disseminating hate propaganda and inciting to murder Tutsis and opponents to the regime, greatly contributed to the 1994 genocide of hundreds of thousands. RTLM, aided by the staff and facilities of Radio Rwanda, called to destroy the Tutsi minority.” Und weiter heißt es in dem Bericht: „Von 1991 bis 1993 wurden Seminare mit ruandischen Journalisten weiterhin sowohl in Ruanda, als auch in Burundi abgehalten; insgesamt wurden aus der CEPGL (Wirtschaftsgemeinschaft der Großen Seen) im Förderzeitraum 700 Journalisten fortgebildet. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete – in Abstimmung mit der Friedrich-Naumann-Stiftung – einige Presseseminare mit den gleichen (z.T. problematischen) Partnern.”

Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte als erster Redner am heutigen Tag: „Die eine Lehre, die an einem Gedenktag wie heute zu ziehen ist, die wir ziehen müssen, heißt: Niemals wieder! Ja, niemals wieder. Doch viel schwieriger ist die Frage, wie wir dieser Verantwortung des „Niemals wieder!“ eigentlich gerecht werden. Seien wir ehrlich: Wir haben schon einmal „Niemals wieder!“ gerufen. Das war 1948, nach dem Holocaust, als die Vereinten Nationen die Völkermordkonvention beschlossen haben. Doch wir haben dieses Versprechen nicht halten können. Die internationale Gemeinschaft hat versagt, als sie in Ruanda vor 20 Jahren inmitten der Gewalt ihre Blauhelmsoldaten abzog.“

Wenn Herr Steinmeier diese Worte ernst meint, was ich ihm durchaus glaube, dann sollte er auf die Worte seiner Kollegin im Bundestag hören. Kordula Schulz-Asche von den Grünen wies auf die durchaus bedeutende Rolle Deutschlands in Ruanda hin. Schulz-Asche lebte damals mit ihrem Mann in Ruanda und erlebte, durchlebte, überlebte den Horror. Die Abgeordnete berichtete von ihren damaligen Eindrücken und schloß ihren Redebeitrag mit einer Aufforderung nach Aufarbeitung: „Das Ziel einer solchen Aufarbeitung sollte es sein, dass wir für die Zukunft weitere Lehren daraus ziehen und wirklich sagen können: Unser Ziel ist: Nie wieder Völkermord! Lassen Sie uns alle gemeinsam, auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Geschichte, eine Antwort auf die Frage finden: Warum habt ihr uns nicht geholfen?“

Eine Gedenkveranstaltung, wie sie heute im Bundestag stattgefunden hat, macht nur dann Sinn, wenn man kritisch die eigene Rolle in dieser Geschichte betrachtet. Das ist bislang, und das ist heute wieder nicht passiert. Das Auswärtige Amt unter Frank-Walter Steinmeier ist nun am Zug. Man sollte nun nicht noch weitere zehn Jahre warten, bis das politische Archiv im AA endlich die Unterlagen zu Ruanda freigibt. Die Lehren aus dem ruandischen Genozid müssen heute gezogen werden.

Die Macht und Ohnmacht eines Wortes

In den USA wird derzeit heftigst darüber diskutiert, ob das, was am 3. Juli in Ägypten passierte, ein „Coup“, ein Putsch war oder nicht? Eigentlich ist klar, es war einer, doch nun beginnt ein Eiertanz um dieses Wort. Wenn es denn einer war, müßte Washington handeln, wäre gezwungen, zu handeln. Und dabei geht es nicht nur um die Streichung von Militärhilfe an die Regierung in Kairo. Es geht um eine moralische Stellungnahme.

Das ganze erinnert an die Ereignisse im Frühjahr 1994. Damals war auch ein demokratischer Präsident im Weißen Haus. Und damals wurde auch ein Eiertanz um ein Wort geführt. Das Abwarten hat damals Hunderttausenden von Menschen das Leben gekostet. Ein hoher Preis für ein Wort. Hier die Abschrift einer Sequenz aus dem Dokumentarfilm „Ghosts of Rwanda“, in der eine Pressekonferenz im Außenministerium in Washington gezeigt wird:

Sprecher: After the Holocaust, the World said never again. And adopted a UN convention, requiring that future genocides be stopped. When genocide happened in Rwanda, the United States along with most other governments, simply avoided using the word.

Journalist: Comment or view, whether or not what is happening in Rwanda could be genocide?
Christine Shelly, State Dept. Spokesperson: Well, as I think you know the use of the term genocide has a very precise legal meaning, although it’s not strictly a legal determination. There are other factors in there as well. When in looking at a situation to make a determination about that before we begin to use that term, we have to know as much as possible about the facts of the situation.

 

„Dass es knallte, bekam man mit“

Eineinhalb Jahre lang habe ich an diesem Thema gearbeitet. Viele Interviews geführt, Unterlagen, Berichte, Protokolle einsehen können, die bislang irgendwo lagen, nicht beachtet, vergessen wurden. Es stellte sich heraus, Deutschland war sehr aktiv in Ruanda zwischen 1990 und dem Beginn des Genozids im April 1994. Man hat die Zeichen gesehen und auch erkannt. Doch man nicht gehandelt.

Neben der deutschen Botschaft engagierten sich der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in etlichen Projekten im ganzen Land. Die Bundeswehr unterhielt bereits seit 1976 enge Kontakte. Ruanda war Empfängerland im Rahmen des Ausstattungshilfeprogramms der Bundesregierung für ausländische Streitkräfte. Eine Beratergruppe der Bundeswehr war darüberhinaus vor Ort und arbeitete eng mit dem ruandischen Militär zusammen. Das Bundesland Rheinland-Pfalz bezeichnete sich seit Mitte der 80er Jahre als enger Partner Ruandas. Ein Partnerschaftsbüro in der Hauptstadt Kigali koordinierte die vielfachen Projekte in Ruanda. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schulte Parteipolitiker vor Ort, die Deutsche Welle, bildete ruandische Journalisten aus. Pikanterweise wurden viele von ihnen zu Tätern. Sie hetzten im Nationalrundfunk und im “Radio Télévision Libre des Mille Collines (RTLM)” gegen die Tutsi Minderheit und riefen zum Mord, zur Auslöschung der Tutsi auf.

Deutschland war gut vernetzt in Ruanda vor dem Genozid. Aus den Gesprächen und Unterlagen wird ersichtlich, dass zum einen ein unfähiger und unwilliger Botschafter seine Zeit im Land aussitzen wollte. Und das mit Kenntnis des Auswärtigen Amtes. Der deutsche Diplomat sollte Ende April 1994 in Pension gehen. Am 6. April 1994 brach in dem kleinen ostafrikanischen Land die Hölle aus. Das AA erhielt Berichte, wurde in Kenntnis gesetzt, genauso wie das Verteidigungsministerium (BMVg), das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMwZ), das Innenministerium in Mainz und die GTZ Zentrale in Eschborn. Sie alle wußten von den Spannungen, von den Diskriminierungen, von den gewaltsamen Übergriffen, von den gezielten Morden. Einer der bedeutendsten Sätze in diesen Interviews kam von einem Mitarbeiter der GTZ, der erklärte: “Die einzigen, die politische Konsequenzen damals gezogen haben und das auch offen gesagt haben waren die Kanadier. Das haben wir ihnen auch immer hoch angerechnet, aber wir durften es nicht. Die haben gesagt, wir können diese Morde, diese gezielten Morde nicht mehr mittragen, wir ziehen hier ab. Das war, ich denke, Ende 1993, Anfang 1994.“ Die Frage ist also, wie lange darf man als Geberland zusehen, wegsehen, ein System unterstützen, das den gezielten Massenmord vorbereitet?

Das SWR2 Feature „Dass es knallte, bekam man mit“ kann man hier auch online hören und runterladen.

 

Jahrestag des Genozids

Ein Zeuge berichtet     

In den Abendstunden des 6. April 1994 wurde die Präsidentenmaschine im Anflug auf den Flughafen der ruandischen Hauptstadt Kigali abgeschossen. An Bord der ruandische Präsident Juvénal Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira. Das Attentat war der Auslöser für das 100tägige Abschlachten der Tutsi Minderheit und der gemäßigten Hutu Opposition im Land. Am Ende waren fast eine Million Menschen ermordet worden.

Die westlichen Nationen zeigten sich vom Ausmaß überrascht, weigerten sich lange Zeit, von einem Genozid zu sprechen. Erst nach langem Druck auf die UN und die westlichen Nationen, wurde das gezielte Morden nicht länger nur eine Stammesfehde genannt. Doch das Einschreiten kam zu spät, viel zu spät.

Der Audiobeitrag schildert die Erfahrungen der katholischen Ordensschwester Milgitha im ruandischen Kaduha im April 1994.

 

Manager von Hotel Ruanda ausgezeichnet

Das Hotel Des Mille Collines in Kigali ist weltberühmt durch den Film „Hotel Ruanda“ geworden. Darin wird die Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina beschrieben, der während des ruandischen Genozids verfolgten Tutsis und Hutus in seiner Herberge Unterschlupf und Schutz bot. Der Hollywoodfilm portraitiert Rusesabagina als einen Mann, der sich bewußt, entschlossen und energisch gegen die mordenden Banden vor seinem Tor stellte und somit vielen Menschen das Leben retten konnte.

Nach dem Genozid zog Paul Rusesabagina nach Belgien, wo er heute noch lebt und zu einem deutlichen Kritiker von Ruandas Präsident Paul Kagame wurde. Was der einstige Manager vor allem immer wieder anspricht ist die Tatsache, dass in jenen 100 Tagen 1994 nicht nur Tutsis umgebracht wurden, es also nicht ein reiner Genozid an dieser Bevölkerungsgruppe war. Rusesabagina weist immer wieder darauf hin, dass auch Tausende von Hutus umgebracht und abgeschlachtet wurden, die sich gegen diesen geplanten und gezielten Massenmord richteten.

Doch dieses Bild stößt der Regierung in Kigali auf. Schon länger setzen patriotische Gruppen Ruandas im Ausland jene unter Druck, die die offizielle Sichtweise Kigalis anzweifeln und auch die Kriegsverbrechen der RPF Armee unter General Kagame untersucht haben wollen. Auch Paul Rusesabagina ist ins Fadenkreuz der Ruander geraten, schon seit Jahren traut er sich nicht mehr in sein Heimatland zu reisen.

Als nun Paul Rusesabagina für den Menschenrechtspreis der Lantos Stiftung in den USA vorgeschlagen wurde, gab es heftige Proteste in Ruanda, Belgien, USA und Kanada. Der Organisation wurde vorgeworfen, einen Verfechter des  historischen Revanchismus auszuzeichnen, der mit seinen Äußerungen nur die Spaltung des ruandischen Volkes verfolge. Auch wird Rusesabagina von Seiten ruandischer Gruppen beschuldigt, 1994 nur dann Tutsis in sein Hotel gelassen zu haben, wenn sie dafür Tausende von Dollar zahlten. Er, Rusesabagina, habe sich also am Leid und der Not anderer bereichert und sei wahrlich kein Anwärter auf einen Menschenrechtspreis. Die Lantos Stiftung weißt diese Beschuldigungen zurück und erklärte, man habe genauestens recherchiert.

Paul Rusesabagina wurde nun in Washington trotz Proteste ausgezeichnet. Dafür, dass er als Manager des Hotels Des Mille Collines rund 1200 Tutsis und Hutus im Schlachthaus Ruanda das Leben rettete, als die Weltöffentlichkeit lieber wegschaute.

 

Guten Morgen in Kigali

Vor kurzem war ich mal wieder in Ruanda und habe dort die Green Hills Academy besucht, eine Privatschule an der u.a. auch Deutsch unterrichtet wird. Und das erfolgreich. Rund 500 von den 1200 Schülern lernen dort Deutsch. Von der Grundschule bis zum Abitur.

Durch die Unterstützung der Bundesregierung konnte ein umfangreiches Deutschprogramm aufgebaut werden. Betreut wird es durch die deutsche Botschaft in Kigali und das Goethe-Institut in Nairobi. Der bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband schickt dazu sogar PraktikantInnen nach Ruanda und fördert die Lehrerfortbildung vor Ort.

Dazu ein Hörbeitrag, Deutschlernen in Ruanda:

Deutschlernen in Ruanda     

75 Minuten Fußball – das langt!!!

Gleich mal vorweg, ich bin kein Freund der Deutschen Welle. Ich habe ihr Programm in den USA, in Kanada und eben auch in Afrika gehört und mich oft genug fragen müssen, was das eigentlich soll? Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam mit den Auslandsprogrammen anderer europäischer Staaten einen Radiosender nach dem Fernsehvorbild Euronews aufzubauen? Billiger wäre es allemal.

Egal, was ich eigentlich erzählen wollte…ich fahre heute durch Ruanda, habe das Radio an, höre die Deutsche Welle und dann um halb fünf fangen sie tatsächlich an die Fußballbundesliga zu übertragen. In einer Konferenzschaltung. Super, denke ich mir. Mir kommen fast die Tränen, als sie live nach Dortmund zu meiner Borussia schalten. Ich mitten im tiefsten Afrika und da höre ich die Gesänge aus dem Stadion. Dann der Club….klar, auch da höre ich hin, dachte mir sogar, da schreib ich doch mal einen positiven Blogeintrag über die DW…und was passiert um Schlag 17 Uhr, die Nasen von der Deutschen Welle schalten die Nachrichten auf…in Kisuaheli….da quakt dann eine Tante schlappe acht Minuten. Kein Witz! Ich denke, mein Gott was soll das und hoffe auf das Ende der News….Und was passiert, eine ganz neue Sendung in Kisuaheli beginnt auf der Frequenz der Deutschen Welle.

Ja, haben die sie noch alle, ist ein Fußballspiel nach 75 Minuten zu Ende? Erstens, warum überträgt man die Bundesliga, wenn 15 Minuten vor Schluß für den Reporter Schluß mit Torjubel ist? Ich verpasse zwei Tore vom BVB, den Ausgleich des Clubs und noch so einiges mehr…das geht doch nicht!!! Und dann – zweitens – als Radiomann kriege ich Hitzewallungen und einen ganz dicken Hals, wenn man eine Live-Schaltung 15 Minuten vor Abpfiff beendet. Das geht überhaupt nicht! Die Deutsche Welle wird mit Steuermitteln finanziert, also bei dem Kram was da manchmal gesendet und gemacht wird frage ich mich schon, ob da überhaupt mal ein Parlamentarier zuhört, denn das Budget für den deutschen Auslandsrundfunk wird ja vom Bundestag verabschiedet.

Guten Tag in Kigali

Auf (Nimmer) Wiedersehen sagt man in den USA. Ein Deutschprogramm nach dem anderen wird an High Schools und Universitäten eingestampft. Das Geld in den Bildungseinrichtungen fehlt vorne und hinten, da wird gestrichen wo es geht. Fremdsprachen, wenn es nicht gerade Spanisch oder Chinesisch ist, Musik- und Kunstunterricht, bestimmte Sportarten, alles fällt dem Rotstift zum Opfer. Deutsch ist in den USA beliebt, die Nachfrage da, aber eben nicht mehr so, wie noch vor 20 Jahren. Also weg damit.

Ganz anders hier in Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. An der „Green Hills Academy“ wird die Lehrerin mit „Guten Morgen“ begrüßt. Die Schüler lernen mit den Wise Guys etwas Umgangssprache, schauen sich deutsche Musikvideos an, rappen auch schon mal die deutsche Nationalhymne ganz locker vom Hocker. Deutsch ist „in“ an dieser Schule. Es ist cool die Sprache von Goethe und Rammstein zu lernen. So beliebt sind die Deutschklassen, dass sogar Schüler abgewiesen werden müssen. Über 500 Deutschlernende gibt es an der Schule, alle Altersgruppen, ein Erfolg sondergleichen.

Unterstützt wird das ganze durch das Projekt „Schulen: Partner der Zukunft“ des Auswärtigen Amts, vor Ort betreut durch die deutsche Botschaft. Wenn es in bestimmten Städten keine deutschen Auslandsschulen gibt, werden Partnerschulen vor Ort gesucht, die Deutsch unterrichten oder unterrichten möchten, an denen die Lehrerfortbildung gewährleistet ist und die Nachfrage nach Deutsch da ist. Und in Kigali an der „Green Hills Academy“ ist sie da. Ein Klassenzimmer mit allen Schikanen wurde eingerichtet, Lehr- und Unterrichtsmaterial gestellt, der bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband unterhält ein Austauschprogramm.

An dieser Privatschule kommen die Kinder von überallher. Viele Ruander, doch auch viele Kinder aus anderen afrikanischen Ländern, aus Korea, Japan, nur wenige Schüler sind aus europäischen Ländern. Und Deutsch gilt bei Ihnen als schwierige Sprache, doch auch als Sprache der Zukunft. Etliche von ihnen waren schon in Deutschland, viele wollen später dorthin reisen oder auch dort studieren, wie David aus Nigeria, der schon zwei Jahre lang in Hannover lebte und gerne für ein Studium nach Deutschland zurückkehren möchte. „Wie geht es Ihnen?“ „Mir geht es gut“…wenn ich solche mitreißenden Schul- und Sprachprojekte, engagierte Lehrerinnen und begeisterte Schüler im Herzen von Afrika erleben kann.

Umuganda in Ruanda

In Afrika blickt man auf Amerika und Europa. Junge Leute laufen in Hip Hop Kluft durch die Gegend, die westliche Kultur, vor allem die Pop-Kultur, ist hier überall anzutreffen. Doch kann man auch von Afrika lernen? Von einem Kontinent, der in den westlichen Medien nur als ein Sammelsurium von Ländern mit Kriegen, Katastrophen und Krankheiten dargestellt wird?

Einmal im Monat ist in Ruanda „Umuganda“, was als „Beitrag“ übersetzt werden kann. Am vierten Samstag im Monat von 8-12 Uhr müssen alle Bürger einen öffentlichen und für die Allgemeinheit wichtigen Beitrag leisten. Vom Strasse fegen bis zu Baumaßnahmen. Wer nicht daran teilnimmt und nicht nachweisen kann, dass er beruflich anderweitig eingespannt ist, zahlt eine Strafe. „Umuganda“ wurde von der Regierung nach dem Genozid von 1994 eingeführt, um die Gesellschaft wieder zusammen zu führen. Nachbarn sollten gemeinsam helfen, das Land und die Gesellschaft erneut aufzubauen.

Heute ist wieder „Umuganda“, in Kigali steht alles still. Die Läden sind bis Mittag geschlossen, es fahren kaum Autos, alles ist ungewöhnlich ruhig für eine Hauptstadt. Vier Stunden lang wird im öffentlichen Interesse gearbeitet. Die Grundidee hinter „Umuganda“ ist gar nicht mal so schlecht. Wäre das vielleicht etwas, was man auch in Deutschland einführen könnte? Einmal im Monat an einem Samstagmorgen trifft sich die Hausgemeinschaft oder die Nachbarn, um Dinge in ihrem eigenen kleinen Umfeld anzugehen? Parks und Grünflächen und Spielplätze zu säubern, Graffiti von den Wänden zu schrubben, kleinere Ausbesserungsarbeiten zu erledigen, hilfsbedürftigen Nachbarn zu helfen… Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Wäre das nicht etwas, um eine soziale Gemeinschaft zu fördern und zu stärken? Geschimpft, genölt, beschwert wird gerne in Deutschland, „Umuganda“ wäre eine Idee, das ganze dann in etwas Produktives umzusetzen.

Ich bin mir durchaus bewußt, dass dieser „Beitragsgedanke“ in der deutschen Gesellschaft nie umgesetzt werden wird. Leider. Und dennoch finde ich dieses Gedankenspiel interessant. Ich habe es für mich in Nürnberg umgesetzt, am Wöhrder See, im Burggraben, auf dem Spielplatz in St. Leonhard, gegenüber von St. Bonifaz. Man hilft, man unterstützt, man nimmt Anteil am öffentlichen Leben. Daran ist nichts falsch. Eine regelmäßige und fest angesetzte Nachbarschaftshilfe sehe ich als etwas positives. Und man würde endlich mal all jene kennenlernen, die man tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit, im Supermarkt oder beim Spaziergang sieht. Gewinner wären wir dabei alle.