„Boots on the ground“ in Syrien

Man will reden, man will den diplomatischen Weg gehen. Doch dabei geht es einzig und allein um einen Luftangriff gegen militärische Einrichtungen des Assad-Regimes, als Bestrafung für den Giftgaseinsatz. Unterdessen hat die CIA mit der Auslieferung von Waffen, Fahrzeugen, Kommunikationstechnologie und medizinischen Versorgungsgütern an die syrischen Rebellen begonnen. Klar ist, Amerika hat sich positioniert und greift ein. Greift massiv ein. Da kann Putin noch so viel behaupten, die UN, der Papst und Guido Westerwelle weiter warnen, die USA haben ihren neuen Krieg. Und der wird nun eskalieren. Man kann davon ausgehen, dass die USA nicht nur, wie öffentlich behauptet wird, leichte Schußwaffen liefern werden. Was ist in den Vereinigten Staaten schon eine „leichte Schußwaffe“? Amerika will eine Entscheidung herbei zwingen.

Schon jetzt sind in Jordanien und in der Türkei amerikanische Militärberater und Ausbilder vor Ort, die die Rebellen für den Kampf in Syrien schulen. Und auch damals, kurz nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 waren Special Forces schon in Afghanistan und später auch im Irak, lange vor dem Einmarsch einer Truppe, und auch vor den Bombardements gegen Stellungen der Taliban und Saddam Husseins. Die Spezialeinheiten des amerikanischen Militärs und der CIA sind auch in Syrien vor Ort, klären auf, sammeln Informationen, unterstützen mit Know-How den Widerstand gegen die Assad Regierung. Die berechtigte Frage in Deutschland sollte deshalb sein, ob, wie damals in Afghanistan, auch Spezialkräfte der Bundeswehr und des Nachrichtendienstes in Syrien sind, um ihre amerikanischen Kollegen zu unterstützen?

Nun wird also auch noch geliefert, mit etwas Verzögerung, denn bereits im April kündigte US Außenminister John Kerry an, innerhalb „weniger Wochen“ Materialien zu schicken. Damals war aber die Rede von „nonlethal material“, also ausdrücklich keine Waffen. Das scheint vergessen zu sein.  Der Krieg in Syrien erreicht mit den amerikanischen „Shipments“ eine neue Dimension. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Situation auf dem syrischen Boden außer Kontrolle gerät.

9/11 – 10 Jahre danach

Osama bin Laden ist tot. Das war das Ziel von Präsident George W. Bush, der in den Ruinen des World Trade Centers schwor, den Oberterroristen zu jagen und zu fangen. „Dead or Alive“, wie man so schön im Wilden Westen sagt, fügte Bush hinzu. Osama ist tot, doch so richtig will die Partystimmung nicht aufkommen. Nichts ist mit Friede, Freude, Eierkuchen in Washington DC.

Warum auch? Das Terrornetzwerk Al-Qaida hat den Krieg gegen die USA gewonnen, und das auf ganzer Flur. Zwar reden die USA noch immer von militärischen Gewinnen gegen die Taliban und gegen Al-Qaida im Irak, in Afghanistan und in Pakistan, doch schon lange ist klar, Amerika hat den „War on Terror“ verloren. Das ist seit dieser Woche nicht mehr zu übersehen. Mit dem Schlachtruf von George W. Bush und den Kriegen im Irak und Afghanistan, dem militärischen Einsatz in Pakistan haben sich die USA selbst an die Wand drücken lassen. Ein kleiner Gegner hat den Riesen Amerika ausgeknockt. Die USA sind pleite, ihre Kreditwürdigkeit in Frage gestellt. Die Kriege haben die amerikanischen Steuerzahler in den letzten zehn Jahren rund vier Billionen Dollar gekostet plus Zinsen und Zinses-Zinsen, denn das Geld wurde auf Pump verballert. Diese Zahl hat das Eisenhower Research Project an der Brown University zusammengerechnet. Darin enthalten sind die direkten Kosten der Militäreinsätze, aber auch die Versorgung von verletzten und verwundeten Soldaten und die Langzeitpflege von kriegsgeschädigten Veteranen.

Doch diese gewaltige Zahl von vier Billionen Dollar beinhaltet noch nicht einmal alle Kosten verbunden mit dem „War on Terror“. Seit dem 11. September 2001 drehen die USA am Rad. Die Terroranschläge sind zu einem Totschlagargument geworden, mit dem in Amerika alles verändert werden konnte und kann. Die Bürgerrechte wurden eingeschränkt, Kommunen und Bundesstaaten sparten hier, um öffentliche Gelder da in die „Sicherheit“ der Bürger zu investieren. Die Vereinigten Staaten bröckeln und das sprichwörtlich. Die gesamte Infrastruktur in den USA leidet unter dem Mangel an finanziellen Mitteln, die woanders gegen einen vermeintlichen Gegner eingesetzt werden. Die Straßenverhältnisse in Kalifornien sind katastrophal, öffentliche Parks werden geschlossen, Büchereien dicht gemacht, in den Schulen und an Universitäten wird auf Sparflamme unterrichtet.

Und dann ist da noch der moralische Sieg der Terroristen. Nicht die Täter der verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 leben in Angst und Schrecken, es sind die Amerikaner, die seit zehn Jahren hinter jedem Busch einen Attentäter vermuten. An Flughäfen wird man als normaler Passagier wie ein potenzieller Bombenbastler behandelt. Alte, Gebrechliche, Schwerbehinderte, Kleinkinder werden abgetastet, als würden sie zum heiligen Krieg aufrufen. Moslems in den USA erleben seit zehn Jahren einen täglichen Spießrutenlauf. Wer von ihnen in einem Flughafen ein Gebet für eine sichere Reise spricht, läuft Gefahr verhaftet zu werden und einen Großalarm auszulösen. „We are at war“, eine Nation im Krieg. Damit wird alles erklärt, alles entschuldigt, jedes Argument gegen die offizielle Linie der Regierung vom Tisch gewischt. Sogar die Forderung, dass Präsident Barack Obama endlich seine Wahlversprechen einlösen soll, wie zum Beispiel die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo Bay und anderer geheimer CIA Gefängnisse, wird mit dem Totschlagargument beiseite geschoben.

Auch außenpolitisch haben sich die USA mit der Bush-Doktrin geschadet. Amerika hat den Status einer Supermacht verloren, ist nicht mehr der Kämpfer für Frieden, Freiheit und Demokratie. Die USA stehen heute für Kalkül, militärische Macht und draufhauen mit aller Gewalt. Seit dem Beginn des „War on Terror“ sind, so das Eisenhower Research Project der Brown University, 225.000 Menschen durch den Krieg gestorben. Soldaten, ihre Gegner und Zivilisten. Auch diese Kosten wurden nicht berechnet, können nicht berechnet werden. Wie errechnet man Trauer für unschuldige Opfer, wie errechnet man Hass gegen die USA, wie errechnet man Rachegefühle gegen ein Land?

Die USA haben ihren „War on Terror“ verloren. Mit Saddam Hussein und Osama bin Laden sind ein paar bekannte Köpfe gerollt, doch von einer Befriedung der Regionen, von einer Befreiung, von einer Demokratisierung kann nicht die Rede sein. Und nun auch noch das, Amerika ist pleite. Wer jetzt noch von „Mission accomplished“ spricht, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, träumt weiter von „God’s country“, von „the mighty, the greatest nation in the world“.