Der Blick in die Welt

Seit 1996 findet in San Francisco Jahr für Jahr das deutschsprachige Filmfestival „Berlin & Beyond“ statt. San Francisco ist eine Film- und Festivalstadt, hier trifft man auf ein Publikum, das den Blick hinter die Glanz- und Glimmerwelt Hollywoods wagt und wagen will. Ein Blick in die Welt. Das deutschsprachige Filmfestival mit Streifen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet genau das.

Doch „Berlin & Beyond“ war noch nie so wichtig, wie in diesem Jahr. Mit der Wahl von Donald Trump, mit seiner Bauchnabelschau, seinem „America First“ Ruf, seinem „Make America Great Again“ wird ein fataler Kurs in den USA eingeschlagen. Amerika wendet sich von der Welt ab und vergisst scheinbar dabei, dass dieses Land nicht der Mittelpunkt des Universums ist.

„Berlin & Beyond“ kommt daher mit einer vielseitigen Filmauswahl zur richtigen Zeit. Der Blick auf das Leben, die Kultur, die Probleme, den Humor, die Kreativität in einem Land, das der neue Präsident schon jetzt als „Gegner“ auserkoren hat. „Berlin & Beyond“ zeigt, dass uns alle viel mehr vereint als uns trennt. Ob hier in San Francisco, in Oklahoma City, in Flensburg oder Zwickau, der Alltag und seine Freuden und Sorgen ist überall gleich. Ein Donald Trump denkt in schwarz-weiß, doch die Welt ist bunt. Das klingt platt, aber wer die Filme dieses Festivals ansieht, der merkt sehr schnell, dass der Weg, auf den Donald Trump die USA bringen will, ein Irrweg ist. Denn, wie sang mal Udo Lindenberg; „Hinter’m Horizont geht’s weiter“.

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Ein Kampf ums Überleben

Eine Woche Donald Trump im Weißen Haus zeigt, der „American Dream“ und die „American Values“ sind in Gefahr. Ein harter und intensiv geführter Kampf steht in den USA an. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, ja, die Demokratie an sich steht auf dem Spiel.

Donald Trump zeigt einen Regierungsstil, der an den von Diktatoren erinnert. Mit einer Unterschrift ordnet er an. Und das mit weitreichenden Folgen, wie nun das Einreiseverbot für Muslime aus dem Iran, dem Irak, Jemen, Syrien, Somalia, Libyen und Sudan zeigt. Was er sagt stimmt, auch wenn das noch so abwegig und offensichtlich falsch ist. Trump glaubt, was er aus seinem eigenen Mund hört. Da bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren.

Foto: Reuters.

Noch gibt es jedoch Medien und Politiker, Kommentatoren, Fachleute und Bürger, die sich einmischen. So twitterte der frühere Ethik-Berater von Barack Obama, Norm Eisen, von der Gruppe „Citizens for Responsibility and Ethics in Washington“: „WARNUNG: Mister President, ihr Muslimbann läßt Länder unbeachtet, in denen Sie Geschäftsinteressen haben. Das ist eine Verfassungsübertretung. Wir sehen uns vor Gericht.“ Auch die massiven Protestveranstaltungen am Tag nach dem das neue Kapitel in der amerikanischen Geschichte endgültig aufgeschlagen wurde machten das deutlich. Die amerikanischen Straßen beben und es scheint ganz so, dass sich viele in den USA nicht mit dem Status Quo, mit diesem Mann im Oval Office abfinden wollen.

Trump unterschrieb auch ein Dekret, das finanzielle Mittel für all jene Städte streichen soll, die sich selbst als „Sanctuary City“ einstufen, also Städte, die unter bestimmten Umständen nicht mit den Einwanderungsbehörden zusammen arbeiten wollen. Sie behandeln all ihre Bürger gleich, unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Darunter sind etliche Bay Area Städte. Die „Mayors“ trafen sich nun – Berkeley Mayor Jesse Arreguín, San Francisco Mayor Ed Lee, San Jose Mayor Sam Liccardo, Oakland Mayor Libby Schaaf – und machten in einer gemeinsame Stellungnahme deutlich, dass sie sich nicht den Drohungen von Donald Trump beugen wollen. Die Gelder, die der Präsident nun streichen will, sind nicht unerheblich. Allein Oakland erhält 130 Millionen Dollar aus Washington, Gelder, mit denen Bildungsmaßnahmen und polizeiliche Projekte finanziert werden. Trump, so die Bürgermeister, spiele mit dem sozialen Frieden und der Sicherheit in vielen amerikanischen Städten.

Doch Donald Trump wird sicherlich nicht auf die gemeinsame Stellungnahme aus der Bay Area hören. So etwas geht ihm wohl wahrlich an der Haartolle vorbei. Trump ist resistent für einen produktiven Dialog. Nach einer Woche im Amt trampelt er weiter über all das, für was Amerika einmal stand. Sogar vor der weltweiten Erinnerung am internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts macht Trump nicht Halt. Er unterschrieb sein unsinniges Dekret zum Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, dem Irak, Jemen, Syrien, Somalia, Libyen und dem Sudan ausgerechnet an diesem 27. Januar 2017. Wer noch immer glaubt, Trump werde ein großer Staatsmann mit Weitsicht, Ehrfurcht und Verantwortungsbewußtsein sein, der sollte sich all die Tweets und Reden und Entscheidungen dieses Mannes durchlesen, die er in dieser einen Woche von sich gegeben hat. Wort für Wort. Das sagt alles aus über Präsident Donald Trump.

 

 

Wo man singt, da lass dich nieder

In der San Francisco Bay Area hat man mit allem gerechnet, aber nicht mit einem Wahlsieg von Donald Trump. Über 80 Prozent der Wähler stimmten im Bezirk San Francisco gegen den New Yorker Milliardär, der so für gar nichts steht, was hier gelebt und geliebt wird. Trump wetterte  in seinem Wahlkampf gegen die „San Francisco Werte“, beschimpfte Oakland als „gefährlichste Stadt der Welt“, drohte den Gemeinden und Städten der Region, ihnen die Bundesmittel zu streichen, wenn sie nicht aufhörten eine „Sanctuary City“ zu sein. Das sind Städte, die zum einen soziale Angebote und Schulen auch für illegale Einwanderer öffnen. Zum anderen bewusst nicht mit der Einwanderungsbehörde zusammen arbeiten und ihnen bekannte „illegal immigrants“ nicht melden.

Der Schock saß also tief, als Donald Trump in der Wahlnacht als selbstzufriedener Sieger da stand, sich und seine Verbalattacken gegen alles und jeden bestätigt fühlte. Was machen, war und ist hier die große Frage? Den Kopf in den Sand stecken und durch, hoffen, dass in den kommenden vier Jahren nicht alles so wird, wie es Donald Trump in seinem „Contract with the American Voter“ angekündigt hat? Hier in der San Francisco Bay Area rätselt man, was nun kommen wird.

Der weltbekannte San Francisco Gay Choir geht da einen ganz anderen Weg. Die vielen Sänger waren ebenfalls geschockt vom Wahlausgang, doch wollten sich damit nicht abfinden. Der Chor veröffentlichte ein Video „There will be light“ und plant nun eine Tour durch mehrere Südstaaten, die Brücken bauen soll, zeigen soll, dass Amerika viel mehr ist, als nur der Blick zum eigenen Bauchnabel. Der SFGC wird auf seiner „Lavender Pen Tour“ nach North Carolina, South Carolina, Mississippi, Tennessee, Georgia und Alabama reisen, um dort aufzutreten und, um mit einer „kräftigen, positiven Stimme unsere befreundeten LGBTQ+ Amerikaner, vor allem unsere LGBTQ+ Jugendlichen zu unterstützen. Und gleichermaßen wollen wir eine Hand zu einen ehrlichen Dialog mit allen Amerikanern ausstrecken“.

Der San Francisco Gay Choir sammelt nun Geld für seine Konzertreise in den Süden der USA. Es ist ein wichtiges Zeichen in diesen schwierigen Zeiten. Aufeinander zugehen, das sollte auch jemand anderes in diesem Land lernen und tun.

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Auch Goethe würde Radio hören

      Radio Goethe Station ID

rg_karteVor 20 Jahren fing das mit Radio Goethe an. Am 23. November 1996, einem Samstagmorgen, ging ich zum ersten Mal auf KUSF 90.3 fm „on air“. Das war nur ein paar Monate nach meinem Umzug von Nürnberg nach San Francisco. KUSF war damals der Collegesender der Stadt. Er gehörte der jesuitischen „University of San Francisco“. Doch das Uniradio war mehr als nur Unifunk. KUSF war ein wichtiger Communitysender in der Stadt, der offen war für viele Minderheiten, ethnische Gruppen und die etwas anderen Programme. Da gab es eine finnische Show, eine türkische, Radiotheater und Sendungen von Behinderten, die Show eines schwulen Pastors. Radio Goethe wurde zwischen die armenische und die persische Sendung gepackt. Hier auf der 90.3 fm hörte man die Welt. Und mein Freund Ramon Montana lieferte mir die Verpackungselemente und Station IDs, die auf KUSF sofort auffielen. Der Sender war eine der wichtigsten Collegestationen in den USA und hatte viele bekannte Musiker und Bands gefördert, darunter Metallica, Nirvana, Tom Waits, PJ Harvey uva.

      Radio Goethe Station ID

Anfangs sendete ich auf Deutsch, später dann zweisprachig und schließlich ganz auf Englisch. Radio Goethe heißt übrigens Radio Goethe, weil ich keinen besseren Namen wußte. Damals ging ich zum Goethe-Institut und fragte, ob sie die 40 Dollar Sendekosten pro Sendung übernehmen würden. Der damalige Direktor willigte ein, fragte mich, ob ich schon einen Namen für die Sendung hätte. Als ich verneinte, schlug er Radio Goethe vor. Dabei blieb es, auch wenn kaum ein Amerikaner Goethe kennt und erst recht nicht aussprechen kann. Station IDs von Sammy Hagar oder anderen Rockgrößen klangen dann mehr nach Gothic Radio oder Radio Gute.

      Sammy Hagar Station ID

rgm_button2Egal, ich sendete jeden Samstagmorgen live. Um halb elf gab es dann noch einen Nachrichtenblock, selbst gelesen oder wenn ich Praktikantinnen bei meinem Job mit der Neuen Presse hatte, übernahmen die die Rolle der Nachrichtensprecherin. Die News fielen dann irgendwann ganz weg, ich sendete fortan am Donnerstagabend. KUSF war einer der ersten Sender, die auch im Internet ausstrahlten. Und auf einmal bekam ich Rückmeldungen von Hörern außerhalb des eigentlichen Sendegebietes. Die Vorstellung begeisterte mich, dass diese Idee des Lokalfunks total aufgehoben wurde. Mit einer Projektidee wandte ich mich an das deutsche Generalkonsulat San Francisco. Ich wollte Radio Goethe ausbauen, anderen College- und Communitystationen in den USA und Kanada anbieten. Das GK stimmte nach Absprache mit der deutschen Botschaft in Washington zu und so begann die Ausbreitung von Radio Goethe mit einer extra produzierten Sendung. Das ist etwas, was wohl so nur in den USA möglich war. Collegesender, die die musikalische Welt in ihre Städte und Gemeinden holen wollten.

      T.C.Boyle Station ID

Heute, 20 Jahre später, ist die Sendung auf rund 40 Stationen zu hören. Sender kamen, Sender gingen. Über die Jahre war und ist Radio Goethe terrestrisch in den USA, Kanada, Neuseeland, Namibia, Irland, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark, Österreich, Schweiz und Deutschland zu hören (gewesen). Hinzu kommen allwöchentlich Hörerinnen und Hörer, die sich online zuschalten, das Podcast abonniert haben. Die Live-Sendung gibt es nicht mehr. Die Jesuiten der „University of San Francisco“ haben vor ein paar  Jahren die Frequenz 90.3 fm für viel Geld verkauft und damit die wichtige Community Station KUSF zerschlagen.

      Oliver Stone Station ID

rgm_button1Radio Goethe war und ist eine „One Man Show“. Eine Einstundensendung, die Woche für Woche an die Stationen überspielt wird. Ich brauche meine Playlist mit niemandem abzustimmen, ich brauche keine Werbung schalten, ich verdiene keinen Cent mit der Show. Radio Goethe ist mein Ding, und ich weiß, mein Geschmack ist nicht der von vielen. Es ist Minderheitenradio, Radio für Musikinteressierte und -begeisterte, für all jene, die offen sind, mir einfach mal zuzuhören. Es macht Spaß, noch immer, deshalb mache ich weiter. Ich spiele, was mir gefällt. Natürlich habe ich musikalische Vorlieben, natürlich hat sich mein Geschmack über die Jahre verändert. Heute kann ich aus den vollen Regalen greifen, es hat sich viel angehäuft. Damals, an diesem ersten Samstag im November 1996, hatte ich nur ein paar CDs bei mir. Viel hatte ich damals nicht in meinen zwei Koffern mit in die USA bringen können. Aber es war ein Anfang, das Archiv von KUSF bot mir noch weitere deutsche Acts, darunter DAF, die Einstürzenden Neubauten, Faust, Kraftwerk und viele der eher abgefahreneren Bands der 70er und 80er Jahre.

      Herbert Grönemeyer Station ID

rgembassyIm Rückblick gibt es viele Highlights, von denen ich berichten kann. Viele schöne Interviews mit Musikern, Musikerinnen und Bands, Schauspielerinnen und Schauspieler, Politikerinnen und Politiker, einen Radiopreis für das auf Radio Goethe ausgestrahlte Feature über das Lied der Moorsoldaten, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für meine kulturelle Arbeit im Ausland, „Radio Goethe Magazine“ eine Zusammenarbeit mit deutschen Uniradios, Live-Präsentationen an Unis, High Schools, in der deutschen Botschaft in Washington und sogar im ruandischen Butare, die Vermittlung von Infamis an Wim Wenders…

      Extrabreit Station ID

rg_buttonDoch was für mich vor allem wichtig war und ist, sind die vielen Freundschaften, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Freundschaften mit Musikerinnen und Musikern, Promotion- und Labelvertretern…ihr wisst, wer ihr seid. Und dann auch mit Hörerinnen und Hörern, die im ganzen Land zu finden sind. Als ich noch die Live-Sendung auf KUSF hatte, diskutierte Woche für Woche am Donnerstagabend eine Gruppe von ihnen online über das, was ich da sendete. Oder beim Kraftwerk Konzert in Oakland. Ich hatte meine vom Höchstadt gedruckte Radio Goethe Jacke an (Danke Atze), stand da und wartete auf den Beginn des Konzerts. Auf einmal sprach mich jemand an und fragte, woher ich die Jacke habe, er höre regelmäßig Radio Goethe. Ich sagte „I am Radio Goethe“. Aus diesem Treffen wurde eine Freundschaft.

      Nena Station ID

Ich weiß, ich kann es nie allen recht machen. In einer Stunde kann man nur soviel Musik spielen, und ja, ich habe meine Lieblingsbands, die da immer wieder auftauchen. Bands, die mir gefallen, am Herzen liegen, die mir sehr viel bedeuten. Meine Verbindung zu Nürnberg und Franken kommt auch immer wieder durch. Zuletzt mit der Straßenkreuzer CD (Danke Martin) oder auch mit Fiddler’s Green, mit denen mich seit Jahren eine enge Freundschaft verbindet (Danke Stefan).

20 Jahre Radio Goethe, ich hätte nie gedacht, dass das mal so lange läuft. Aber es ist für mich zu einem Selbstläufer geworden, Woche für Woche Musik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu präsentieren. Zum Schluß dieser Zeilen ein herzliches Dankeschön an alle, die „den da drüben in Kalifornien mit seinem Radio“ unterstützt haben. Mit Musik, mit dem Zuhören, mit den Rückmeldungen. Ohne Euch wäre schon längst die letzte Sendung gelaufen.

      Stendal Blast Station ID

Nach 33 Jahren das erste Konzert

      Nena im Interview

Irgendwie ist man das von deutschen Bands gewohnt. Kraftwerk brauchten zwischen ihren Studioalben „Computer Welt“ und „Tour de France Soundtracks“ schlappe 22 Jahre. Nena übertrifft das noch deutlich. Sie brauchte 33 Jahre, nachdem ihr Hit „99 Luftballons“ auf Platz 2 der amerikanischen Billboard Charts landete, um ihr erstes Konzert, überhaupt ihren ersten Live-Auftritt in den USA zu geben.

„99 Red Balloons“ wird noch immer im US-Radio gespielt. Hier in der San Francisco Bay Area ist es KOSF 103.7 fm, auf dem man die englische Version des Hits hören kann („Ich mag die englische Version nicht“, so Nena). Daneben tauchen auch noch Peter Schilling mit „Major Tom“, Trio mit „Da Da Da“ und Falco mit „Der Kommissar“ im Radio auf.

Nena etwas verwackelt in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Nena etwas verwackelt beim ersten US Konzert in San Francisco. Ich weiß schon, warum ich Radio mache.

Aber Nena gilt als das „One-Hit-Wonder“, als das deutsche Fräulein der 80er Jahre in den USA. Nach 33 Jahren stehen nun drei Konzerte an, San Francisco war der Startpunkt. Es war ein Familienausflug für die 56jährige Hamburgerin. Zwei ihrer Kinder standen mit auf der Bühne, Freundinnen und Nachbarn begleiten die berühmte Tochter Hagens auf ihrer ersten Mini US-Tournee. Schon Tage vorher reiste die Gruppe an, radelte durch die Stadt und über die Golden Gate Bridge, tauchte unerkannt ein in die nordkalifornische Metropole.

Als „Germany’s Queen of Rock“ wurde sie angekündigt und die Fans kamen. Mehr als 60 Prozent im gut gefüllten Regency Ballroom waren Deutsche oder mit deutschem Hintergrund. Das hörte man, als Nena ihre Klassiker wie „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, „Wunder gescheh’n“ und natürlich die deutsche Version von „99 Luftballongs“ präsentierte. Es wurde lautstark mitgesungen, mitgefeiert, mitgetanzt, so nah war man dem deutschen Superstar noch nie.

Nena ist eine Frohnatur, das kommt nicht nur im Interview rüber, das zeigte sie auch auf der Bühne. Sie war begeistert vom Empfang in San Francisco, lachte, tanzte, suchte das Gespräch mit den Fans und am Ende schien sie überwältigt zu sein, was da gerade in diesem altehrwürdigen Ballsaal an der Van Ness Avenue passiert war. 33 Jahre liegen zwischen ihrem Riesenhit und dem ersten US-Konzert. Vielleicht dachte sie da am Schluß, als sie sich mit ihren Musikern auf der Bühne verneigte: „ich hätte doch mal früher kommen sollen“. Wobei, vielleicht kann sie gerade erst jetzt, im gesetzten Alter, mit all den Erfolgen, Erfahrungen und Erkenntnissen, entspannt und auch mit dem für sie etwas ungewöhnlichen Lampenfieber dieses neue Kapitel in ihrer langen Karriere genießen. „Irgendwo, irgendwie, irgendwann“ kommt alles dann doch mal zusammen.

Pröschtli Switzerland in San Francisco

Wer als Besucher nach San Francisco kommt, sieht selten die zahlreichen diplomatischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vertretungen vieler Länder in der Stadt. Sie haben meist ihre Büros auf irgendeiner Etage in Downtown oder ihre Konsulate in Nachbarschaften, in die kein Tourist kommt.

Eine bessere Location gibt es wohl kaum in San Francisco. Foto: swisspier.org.

Eine bessere Location findet man wohl kaum in San Francisco. Foto: swisspier.org.

Das ist nun anders. Die Schweiz zeigt Flagge und klotzt direkt am Embarcadero in San Francisco. Nachbar ist das Wissenschafts- und Mitmachmuseum Exploratorium, ein beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen gleichermaßen. Wer als Besucher vom Ferry-Building, am Ende der Market Street, Richtung Fisherman’s Wharf spaziert, kommt direkt an der neuen Schweizer Vertretung in San Francisco vorbei. Über dem Eingang am Pier 17 weht nun das weiße Kreuz auf rotem Untergrund.

Bislang waren die verschiedenen Einrichtungen der Schweiz über das Stadtgebiet verteilt, darunter das Generalkonsulat, Swissnex und eine Wirtschaftsvertretung. Das hat sich nun mit dem Einzug in Pier 17 geändert. Büros, die Visastelle und ein Veranstaltungsort in einem soll es sein. Die Räume sind hell und offen, immer findet man hier Kunstprojekte aus der Schweiz. Und dann ist da der einmalige Blick auf die San Francisco Bay, Treasure Island/Buena Vista Island und die Bay Bridge.

Ein Schluck Franken an der Westküste.

Gestern nun wurde Pier 17 feierlich eröffnet, am Wochenende stehen noch Workshops, Konzerte und eine Party an. Bürgermeister Ed Lee sprach am Abend von einer engen Beziehung zwischen San Francisco und der Schweiz, Zürich ist die Partnerstast der „City by the Bay“.

Was aus Nürnberger Sicht interessant war, war das Bier, das am Abend ausgeschenkt wurde. Die kleine Brauerei „Fort Point“ aus San Francisco hatte da eine Sorte, die sie „Westfalia“ nannten. Und dieses „Red Ale“ war „Nuremberg inspired“. Klar, ich mußte es probieren und es ist richtig gut. Auf der Webseite der Brauerei wird die Namensgebung so erklärt: „Inspired by a trip to Nuremberg, Germany, Westfalia imports an exemplary red ale to audiences closer to home.“ Na dann,  Pröschtli, Switzerland!

Nach über 30 Jahren kommt die Tour

      Nena in ihrer Hamburger Küche
Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Ihr erstes USA Konzert findet in San Francisco statt.

Platz 2 in den Billboard Charts und das mit einem deutschsprachigen Song. Das Lied verkaufte sich allein in den USA über eine Million Mal. „99 Luftballons“ machte das Hagener Mädchen Nena zum Weltstar. Na ja, nicht ganz, denn eigentlich gilt sie außerhalb des deutschsprachigen Raumes als „One-Hit-Wonder“. Gerade in den USA mag es daran liegen, dass Nena mit ihrer Band nie über den großen Teich kam, auch damals nicht, als der Anti-Kriegs-Song zur Hochzeit des Kalten Krieges die amerikanischen Hitparaden eroberte.

Es heißt, damals hätte ein DJ eines großen Senders in Los Angeles auf einer Reise nach Deutschland die Single gehört, gekauft und mitgebracht. Und damals in den 80ern durften DJs noch selbst ihre Playlisten bestimmen. Der weltoffene Mischpultmeister spielte also „99 Luftballons“ und die Hörer klingelten an, was das denn für ein neuer und ungewöhnlicher Sound sei. Und so kam das Lied aus Hagen in die Rotation des großen LA-Senders. Da andere Stationsmanager ihren Praktikanten auftrugen hinzuhören, was da bei der Konkurrenz im Programm läuft und immer wieder läuft, wurde Nena schnell auch bei anderen Sendern gespielt. Der Rest ist Geschichte. „99 Luftballons“ wurde 1983/84 zum Hit in den Vereinigten Staaten und wird noch heute, allerdings auf Englisch, auf zahlreichen Stationen gespielt, die Programme für die Menschen 40+ formatieren. Neben „99 Red Balloons“ haben auch die guten alten NDW-Klassiker „Der Kommissar“, „Major Tom“ und „Da Da Da“ auf Englisch im US-Radiogeschäft überlebt.

Nun, nach über 30 Jahren kommt Nena endlich in die USA. Die ersten Konzerte, drei an der Zahl, in San Francisco, Los Angeles und New York City. Eigentlich sollte sie in San Francisco im Bimbo’s spielen, doch der Raum war zu klein. Nun tritt Nena zum ersten Mal überhaupt in den USA am 30. September im „Regency Ballroom“ auf. Gestern wurde ich dafür zu einem telefonischen Pressegespräch mit Nena eingeladen. Das lief dann so ab, dass ich eine Nummer wählen musste, dann einen Code eingeben und drei weitere Journalisten warteten mit mir auf die Zuschaltung von Nena aus Hamburg. Die meldete sich aus ihrer Küche, lachend, wie man sie kennt. Jeder von uns durfte „nur“ zwei Fragen stellen und auf Englisch. Als letzter kam ich dran:

„Nena, „99 Red Balloons“ was a big hit in the US. Over here, people think you are a one-hit-wonder. Do you regret or do you think you missed a chance not to tour over here back than?“

      Nena zur verpassten Chance

„Your musical colleague, Hebert Grönemeyer, recently toured as well  for the first in the US. He also released an English language album. Are you also testing the waters, like he did, are there any plans for you to release an album over here?“

      Nena zu Plattenplänen

 

Ein weiter Weg

2004 gewann George W. Bush die Wiederwahl. Es war ein Wahlkampf um „Family Values“, Familienwerte, allen voran der Kampf um die Ehe. In Massachussetts und auch in Kalifornien hatten Gemeinden Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zugelassen. Die Bilder aus San Francisco gingen durchs Land und um die Welt. Lange Schlangen mit Männern die Männer, Frauen, die Frauen heiraten wollten. An der Spitze der Bewegung, der damalige Bürgermeister Gavin Newsom, der erkannte, dieser Kampf um Gleichberechtigung von Homosexuellen ist die Bürgerrechtsbewegung unserer Tage.

Harvey Milk wurde schon mit einer Briefmarke geehrt. Nun folgt die Benennung eines Navy-Schiffes. Foto: Reuters.

Harvey Milk wurde schon mit einer Briefmarke geehrt. Nun folgt die Benennung eines Navy-Schiffes. Foto: Reuters.

Newsom wurde von allen Seiten angegriffen. Sein Alleingang machte ihn zum Aussätzigen in der demokratischen Partei. Auch Hillary Clinton distanzierte sich von ihm. John Kerry verlor die Wahl, George W. Bush gewann und sein damaliger Stratege Karl Rove hatte erneut einen Sieg eingefahren. Er hatte frühzeitig erkannt, dass der Kriegspräsident Bush die Wahl nicht gewinnen konnte, ein anderes Thema mußte her, um die christlich-konservative Basis zu mobilisieren. Da kamen Rove die Bilder aus San Francisco gerade recht. Rove setzte alles auf eine Karte, sprach vom Verfall der Werte, dem Ende des Abendlandes und mobilisierte so die christliche Basis.

12 Jahre später ist alles anders. Gleichgeschlechtliche Eheschließungen sind überall anerkannt, abgenickt vom Verfassungsgericht. Und nun zieht sogar das Militär nach. Schon seit langem wurde die Doktrin „Don’t ask, don’t tell“ aufgegeben, Schwule und Lesben, Transsexuelle können offen in den Streitkräften dienen. Die US-Navy setzt nun ein ganz deutliches Zeichen, ein Zeichen, dass den Wandel der Zeit symbolisiert. Es ist ein Ende der LGBT-feindlichen Bush-Ära. Die Navy wird schon sehr bald ein Schiff ihrer Flotte „USNS Harvey Milk“ benennen, benannt nach dem ermordeten Supervisor und Gay-Aktivisten aus San Francisco Harvey Milk.

Milk war einer der ersten Politiker, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekannten. Er kandidierte, gewann die Wahl und wurde zum Sprecher der Bewegung, nach seinem frühen Tod zur Symbolfigur. Am 28. November 1978 wurden er und Bürgermeister George Moscone von Dan White erschossen.

Das alte San Francisco verschwindet

Vor einem Jahr berichteten die lokalen Radio- und Fernsehstationen, die Zeitungen und Online-Portale in der San Francisco Bay Area ausführlich über einen drohenden Ausverkauf in Chinatown. Sogar die überregionale Medien, wie die New York Times und Al Jazeera griffen die Story auf. Eines der ältesten Viertel der Stadt war in Gefahr im jüngsten High Tech Boom zu verschwinden. Die Alarmglocken schrillten auf.

Chinatown ist das älteste chinesische Viertel in den USA und die größte chinesiche Community außerhalb Asiens. 1848, zu Zeiten des Gold Rush, wurde es an seiner jetzigen Stelle zwischen dem Financial District, North Beach und Nob Hill gegründet. Damals emigrierten Tausende von Chinesen in die USA, das Golden Gate war ihr Landepunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Chinatown ist eine Stadt in der Stadt mit eigenem Krankenhaus, Schulen, Läden, Restaurants, Händlern und sozialen Clubs. In dem verheerenden Erdbeben von 1906 wurde das Viertel total zerstört. In einem anti-chinesischen Klima gab es danach Pläne, Chinatown innerhalb der Stadtgrenzen zu verlegen. Angedacht war, die Chinesen ins Hafenviertel nach Bayview Hunters Point abzuschieben. Doch obwohl bereits 1882 die amerikanische Regierung das sogenannte “Chinese Exclusion Act”, ein Anti-Immigrationsgesetz speziell für Chinesen verabschiedet hatte, wurden die Pläne am Ende doch nicht realisiert. Chinatown blieb da, wo es 50 Jahre zuvor gegründet wurde.

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Chinatown ist heute ein 30 Quadrat-Häuserblocks umfassender Stadtteil, in dem etwa 17.000 Menschen in zumeist sogenannten “Single Room Occupancy” Hotels leben. Das sind Wohnhäuser, in denen ganze Familien in einem einzigen Zimmer leben, Dusche und Bad auf dem Flur werden von mehreren Familien geteilt. Der Distrikt hat sich in seiner langen Zeit zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen von San Francisco entwickelt. Und dabei dennoch seine eigene Identität bewahren können, bis heute, wie Cindy Wu vom “Chinatown Community Development Center” erklärt: „Chinatown existiert vor allem, weil es ein erster Anlaufpunkt für viele Männer war, die während des Goldrauschs kamen. Seitdem ist es ein Anlaufpunkt für Familien, Frauen, Männer, Eltern mit Kindern geworden. Ein erster Ort für chinesische Immigranten, die in die Vereinigten Staaten kommen. Für Chinatown spricht einiges. Der Zugang zur Sprache, es gibt lokale Zeitungen auf Chinesisch, die die Worte der Immigranten kennen. Es ist eine Nachbarschaft mit vielen Dienstleistungen im Bereich Gesundheit, Schulen für Kinder, Wohnraumhilfen. Dazu Ärzte, die die Sprache sprechen und die für die Immigranten da sind.“

Chinatown hat in all den Jahren für chinesische Einwanderer nichts an seiner Anziehungskraft verloren. Noch immer ist das Viertel der erste Anlaufpunkt für neue Immigranten. Das liegt zum einem am vertrauten kulturellen Umfeld, doch zum anderen auch daran, dass man hier noch immer relativ günstige Unterkünfte finden kann. In einer Stadt, in der die durchschnittlichen Mieten für Einzimmerapartments bei derzeit rund 3600 Dollar liegen ist das nicht verwunderlich. Das Chinatown überhaupt so lange existieren konnte, liegt auch an der Weitsicht einiger Stadtplaner von San Francisco, glaubt Cindy Wu: „Das Chinatown in San Francisco überlebt hat, hat zwei Gründe. Zuerst, der Bebauungsplan von 1906. Und dann zweitens die Mietpreisbremse. Der neue Bebauungsplan von 1986 kam darüberhinaus zustande, da man in Chinatown sah, dass der Financial District sich in die Nachbarschaft ausbreitete. Mehrere Banken und zahlreiche Bürogebäude sollten in Chinatown errichtet werden. Das veränderte die Nachbarschaft, weg von dem “Tor der Immigranten”. Chinatown versuchte also zu der Zeit, sich dreigleisig zu retten. Als regionales Zentrum, als Wohngebiet und als Ort, um einzukaufen, ins Café zu gehen, Freunde zu sehen. Auf diesen drei Säulen wurde der Bebauungsplan der Nachbarschaft ausgerichtet. Und solch einen Schutz hat kein anderes Chinatown im Land.“

Doch trotz der amtlichen Hand über dem Stadtteil seit dem “Rezoning” von1986, sind die Probleme für die Anwohner gewachsen, so Wu: „Der erste dot.com Boom um 2000 herum war eine weitere Welle, die Druck auf die Nachbarschaft ausübte. Aber dieser jüngste Tech Boom ist dagegen noch viel gewaltiger. Wir sehen diese “Single Room Occupancy”-Gebäude mit gemeinsam genutzten Zimmern, zweieinhalb mal drei Meter groß, gemeinsame Küchen, Badezimmer, also wirklich mehr wie ein Studentenwohnheim. Vor drei Jahren wurden die Zimmer für 600 bis 700 Dollar vermietet, was schon recht viel ist. Diese Räume bringen nun 1100, 1200, 1300 Dollar im Monat. Der Anstieg der Mieten ist also unglaublich.“

Der jüngste Tech-Boom in der Region hat große Auswirkungen auf San Francisco. In allen Stadtteilen ist die neue Goldgräberzeit zu spüren. Wer Grundstücke und Häuser besitzt kann sehr reich werden. Immobilien sind rar und wenn sie auf den Markt kommen bieten Käufer in der Regel 30 Prozent über dem Angebotspreis, der meist nicht unter einer Million Dollar liegt. Der Großteil der Tech-Angestellten arbeitet im Silicon Valley, in Mountain View, Palo Alto und anderen Kleinstädten südlich von San Francisco. Dort sind die Tech-Giganten wie google, Apple und facebook angesiedelt. Doch wohnen wollen die zumeist jungen Angestellten in der nordkalifornischen Metropole. Geld spielt für sie keine Rolle, die Grundstücks- und Mietpreise steigen dementsprechend. Für Cindy Wu sollte deshalb die Stadt San Francisco mehr mit den umliegenden Gemeinden zusammenarbeiten, um die Wohnungskrise in der gesamten Region zu lösen. Hinzu sind Mietportale wie AirBnB sehr beliebt. Mit dem Tagesmietpreis kann man in einer Touristenstadt wie San Francisco weitaus mehr Geld machen als mit einer Monatsmiete. „Aber all das ist nicht legal nach den Regeln der kurzzeitigen Vermietung, die es in San Francisco gibt. Man muss sich als Person registrieren, um die eigene Wohnung, in der man auch lebt, vermieten zu dürfen. Klar, wenn man in den Urlaub fährt, darf man seine Wohnung vermieten, aber wir sehen “Landlords”, die diese Gesetze umgehen und diese SRO-Wohneinheiten in Hotels umwandeln. Es gibt in der Region de facto eine Wohnraumkrise. Alle Gemeinden in der Gegend müssen mehr Wohnraum schaffen. Es ist nicht fair, dass Mountain View all die neuen Jobs bekommt, aber dort keine neuen Häuser gebaut werden. Der Druck auf den Wohnungsmarkt in San Francisco wächst damit. Das alles zusammen genommen, wird zu einer Herausforderung für Chinatown.“ 

Das Büro des “Chinatown Community Development Center” liegt in der Grant Street, auf der anderen Seite der Columbus Avenue in North Beach, dem “italienschen” Viertel, in dem sich auch die Beatniks breit machten. Von hier laufen Cindy Wu und ich die paar Blocks rüber nach Chinatown, auf dem Weg zeigt sie auf ein Gebäude am Broadway, zwischen Stockton und Grant. Ein weißer Neubau, an dem noch gearbeitet wird. Ein Restaurant soll hier einziehen, sagt sie, doch die Klientel, die man ansprechen will, seien eher junge Berufstätige mit mehr Geld als die traditionellen Bewohner von Chinatown in ihren siebeneinhalb Quadratmeter-Zimmern.

Was auffällt auf den Straßen in Chinatown, sind die vielen älteren Menschen. Das hat einen Grund, meint Cindy Wu: „Viele Alte wohnen in SROs, das ist eigentlich gut. Denn sie haben damit mehr Unabhängigkeit. Man lebt oben, direkt vor der Tür kann man Lebensmittel kaufen, sich mit Freunden treffen. Ich glaube, das hilft den Menschen auch länger zu leben. Das Problem dabei ist, dass keines dieser Gebäude einen Aufzug hat. Mit dem Alter wird es also schwieriger die Treppen täglich rauf und runter zu kommen. Was wichtig ist, diese SROs sind im Herzen von Chinatown, mit allen seinen Services und dem Sprachvorteil.“

Cindy Wu führt mich einen Block weiter zu einem Eckhaus. Hier entzündete sich im vergangenen Jahr der Streit um die Gentrifizierung in Chinatown: „Dieses Gebäude ist 2 Emery Lane. Im letzten Jahr wurde den Mietern mit einer Räumungsklage gedroht. Und das, weil sie nur die Wäsche raushingen und etwas Dekoration zum chinesischen Neujahr in den Flur gehängt hatten. Das war das erste mal, dass wir so eine Kündigung ohne guten Grund im Herzen von Chinatown gesehen haben. Hier den Berg hoch ist Nob Hill, da ist sowas schon öfters passiert. Das haben wir auch verfolgt, auch mit Censusdaten, und dabei fanden wir heraus, dass in den letzten zehn Jahren die chinesische Bevölkerung hier Richtung Nob Hill, also am Rande von Chinatown, sich um zehn Prozent verringerte. Als wir das nun hier bei 2 Emery Lane mitbekamen, war das das rote Tuch “es kommt näher”. Es kommt auf Chinatown zu.“

Ein paar Straßen weiter treffe ich “Charlie”, so will der 63jährige genannt werden. Er lebt seit 18 Jahren in einem Zimmer in Chinatown. Unter der Bedingung, dass ich weder seinen Namen nenne, noch seine Antworten aufnehme führt er mich in seine kleine Behausung in einer Seitenstraße der Stockton Street. Er will keinen Ärger mit seinem Vermieter bekommen, sagt Charlie. Die Einwände, dass der Radiobericht in Deutschland laufen würde, übergeht er einfach. Ich folge ihm über eine steile Treppe nach oben, der Teppich ist durchgelaufen, die Farben an den Wänden blättern ab. Im ersten Stock nach hinten raus ist sein Zimmer, dass er sich mit einem Freund, wie er sagt, teilt. Ein dunkler Raum, in dem ein Stockbett, ein kleiner Schrank, ein Regal zu sehen sind. Nicht viel Platz zum Drehen bleibt. 850 Dollar kostet dieses karge, düstere Zimmer im Monat. Unglaublich, doch immer noch weit unter dem normalen Mietpreis von San Francisco. Charly arbeitet in der Nachbarschaft in einem Supermarkt, fühlt sich wohl in dieser Umgebung. Woanders hin will er nicht, das hier sei sein Zuhause. Er komme kaum aus Chinatown heraus, und das sei gut so, meint der hagere Mann.

Eine Viertelstunde später sitze ich am “Portsmouth Square Plaza” an der Kearny Street. Hier stößt Chinatown an den Financial District, die Neubauten aus Glas und Beton werfen einen gewaltigen Schatten auf die ein- und zweistöckigen Gebäude des Viertels. Auf dem Platz viele ältere Männer und Frauen, die zusammen sitzen und Karten spielen. Charlys Geschichte geht mir nicht aus dem Kopf. Nicht die Wohnungen oder besser Wohnumstände sind hier wichtig, es ist die Nachbarschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl, die vertraute kulturelle und sprachliche Umgebung, die hier in Chinatown zählt. Das Leben spielt sich mehr auf der Straße ab, nicht so sehr in den eigenen vier Wänden. Und das würde mit einem weiteren Wohnraumverlust in Chinatown auch verloren gehen.

Cindy Wu sieht durchau den Wandel der Zeit. San Francisco ist eine teure Stadt mit kaum noch bezahlbarem Mietraum geworden. Weite Teile San Franciscos sind schon Opfer der Gentrifizierung geworden, wie die Tenderloin, South of Market, der Haight-Ashbury Distrikt, Castro und die Mission Gegend. Selbst auf der anderen Seite der Bay in Oakland, ziehen die Miet- und Grundstückspreise an. Oakland liegt derzeit unter den Top-Drei Städten im ganzen Land bei den Mietpreiserhöhungen. Von daher weiß Cindy Wu, dass diese Entwicklung nicht Halt machen wird vor Chinatown, und dennoch hat sie Hoffnung für diesen alten Distrikt San Franciscos. „Ich bin ganz ehrlich, ich glaube wir können eigentlich die Nachbarschaft nur stabilisieren. Stützen, bis sich dieser aufgeheizte Immobilienmarkt wieder abkühlt. Wir sehen gerade total überzogene Preise. Der Markt ist, was er ist. Wir versuchen auch nicht den Markt zu verändern, nur, dass all die Regeln eingehalten werden und der Wohnraum so genutzt wird, wie er soll. Wie ich Chinatown in zehn Jahren sehe? Ich glaube, dass hier wird ein starkes Chinatown bleiben. Der Bebauungsplan ist beispiellos und zeigt, was zum Schutz von Chinatown getan werden kann. Wir werden sicherlich einen demographischen Wandel sehen, aber ich habe die Hoffnung und bin optimistisch, dass es auch weiterhin ein Ort sein wird, an dem einkommensschwache Menschen leben können.“

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Happy Birthday GGB

New York hat „Lady Liberty“, wir haben unsere Golden Gate Bridge. Beide ragen hoch hinaus, sind von weitem zu sehen und symbolisieren das, für was Amerika mal stand und für was das Land berühmt wurde: Freiheit, Offenheit, den „American Dream“.

An diesem Wochenende wurde die Golden Gate Bridge 79 Jahre alt. Nach etwas über vier Jahren Bauzeit wurde sie am 27. Mai 1937 eröffnet. Kosten 35 Millionen Dollar, damit lag man noch unter dem kalkulierten Budget. Es war die zweite große Brücke, die in San Francisco gebaut wurde. Zuerst wurde die Bay Bridge in Richtung Oakland ein halbes Jahr zuvor, am 12. November 1936 eröffnet.

Die Golden Gate Bridge ist das Wahrzeichen der Stadt, Nordkaliforniens, des Westens der USA. Eine Touristenattraktion, wie kaum ein anderer Ort. Tausende laufen jeden Tag über die Brücke, fahren die steile Straße in die Marin Headlands hinauf, um den perfekten Blick, das perfekte Foto auf das Golden Gate, die Bridge und dahinter San Francisco zu haben. Und immer wieder hört man die Worte: „Die ist ja gar nicht gold“. Beeindruckend ist es, wenn man mit einem Schiff auf das Golden Gate zufährt und dann schon von weitem die gewaltigen Türme sehen kann. Ich hatte einmal die Möglichkeit eine Stunde oben auf dem Südtower zu sein. Das war eine der faszinierendsten Stunden meines Lebens. Der Ausblick, die Ruhe da oben, ich erinnere mich, wie überrascht ich war, nichts vom Verkehr unter mir zu hören. Der Wind trägt den Lärm in die Bay. Mit einem kleinen, engen Aufzug ging es ganz nach oben, von dort über eine Stiege auf das Dach der Brücke, wo die gewaltigen Nebelhörner angebracht sind. Und da stand ich dann, ließ es einfach nur wirken.

Im kommenden Jahr wird die Golden Gate Bridge 80 Jahre alt, ein Grund zum Feiern. Das Bauwerk an sich ist eine Party wert, doch man sollte sich auch an das erinnern, für was diese Brücke steht. Das wird leider in diesem Land und gerade in diesen Zeiten zu sehr vergessen.

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