Leben in der Bay Area

Wellenmässig breitete sich das Beben aus. Karte USGS.

Gestern Abend war es mal wieder soweit. Ich lag im Bett, schaute mir den Dokumentarfilm „Hail Satan“ an, da ich demnächst über den satanischen Tempel berichten möchte. Und dann um 22:33 fing das Haus an zu wackeln. Bilder kippten um, mein Hund schaute mich etwas verdutzt an.

Was macht man in solchen Situationen? Man wartet ab, was da noch kommt. Das ist wohl nicht die offizielle Richtlinie, aber mal ehrlich, wer springt schon gleich aus dem Bett und rennt unter einen Türrahmen, wenn es gerade mal ein paar Sekunden rappelt. Das Erdbeben war kein starkes, gerade mal 4,5 auf der Richterskala, aber man spürte es deutlich in der gesamten Bay Area.

Das erinnert einen immer mal wieder daran, wo man lebt und was hier passieren kann. Daran denken tut man eigentlich nicht, bis es eben mal wieder rüttelt. Jedesmal sage ich mir, ich muss das „Earthquake Kit“ auffrischen, also Wasser, unverderbliches Essen, Hundefutter, Decken, Taschenlampen, feste Schuhe, frische Kleidung und auch Bargeld so hinterlegen, dass ich dran komme, falls das Haus nicht mehr begehbar ist. Und alles sollte reichen, dass man damit problemlos drei, vier, fünf Tage ohne Hilfe von außen überleben kann. Die jüngsten Katastrophen in den USA, seien es Hurricanes oder Überschwemmungen bestätigen das.

Diese Gedanken sollte man haben, ich glaube aber, dass nur die wenigsten in der San Francisco Bay Area überhaupt an so etwas denken. Wer will schon damit leben, dass von jetzt auf gleich sein gesamtes Haus, sein Besitz, sein Leben ausgelöscht sein könnte. Von daher hofft man einfach, dass der deutliche Rüttler am Abend, eben kein Vorzeichen für „the next big one“ sein wird.

#LoveWins oder ein Naturgesetz gebrochen

„Gay Pride Weekend“ in San Francisco, dem Zentrum der Schwulen und Lesben. Und noch nie kamen so viele Menschen, um zu feiern. Und es waren eben nicht nur homosexuelle Aktivisten, es schien, als ob ganz Nordkalifornien auf den Beinen war. Der amerikanische Verfassungsgerichtshof hatte mit seinem Urteil zum gleichen Recht für alle auf Eheschließung ein deutliches Zeichen gesetzt. Fortan wird es keine Ausnahme mehr geben, ob jemand in diesem Bundesstaat oder in jenem lebt, und es davon abhängt, ob man heiraten darf oder nicht. Der Richterspruch war quasi eine Einladung zur großen Party quer über den Kontinent nach San Francisco geschickt. Und die kam auch an, einen besseren Zeitpunkt hätten sich die Richter im fernen Washington gar nicht aussuchen können.

Der Republikaner Mike Huckabee sieht Naturgesetze außer Kraft gesetzt.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mike Huckabee sieht die Naturgesetze außer Kraft gesetzt.

Barack Obama twitterte unter seinem Namen POTUS (President of the United States): „Heute ist ein großer Schritt auf dem Marsch für Gleichberechtigung gemacht worden. Schwule und lesbische Paare haben nun das Recht, genau wie jeder andere zu heiraten. #LoveWins“. Doch nicht jeder im Land war begeistert. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten reagierten alle mit eindeutigen Stellungnahmen. Sie sprachen von „Aktivisten Richtern“, von politischen Entscheidungen, die von ungewählten Richtern zum Gesetz gemacht wurden. Einige, wie Lyndsay Graham, erklärten, sie akzeptierten die Entscheidung, werden aber dafür kämpfen, dass das Recht auf Religionsfreiheit und Religionsausübung bestehen bleibe. Andere, wie Mike Huckabee, erklärten, dieser Urteilspruch der Verfassungsrichter komme einer Aushebelung natürlicher Gesetze gleich. Die Dimension dieser Entscheidung sei gleichzusetzen, wie wenn die Juristen richterlich entschieden hätten, dass die Erdanziehungskraft aufgehoben sei. Das ist dann wohl auch eine Meinung.

Klar wird bei all diesen Reaktionen, dass die Republikaner sich in den kommenden Wochen und Monaten in einen Moralwahlkampf verlieren werden, in dem sie von den „Family Values“ und den „christlichen“ Moralvorstellungen sprechen. Dabei jedoch vergessen, dass Amerika ein anderes Land geworden ist, in dem man so nicht mehr, wie noch 2004 George W. Bush, eine Wahl gewinnen kann. Der Überdemokratin Hillary Clinton kommt das ganz recht, denn sie stellt sich schon seit Jahren als Verfechterin der Homoehe dar. Vergessen ist die Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Ehen, als die Clintons noch im Weißen Haus waren. „Don’t ask, don’t tell“, das Gesetz, das Homosexuellen ein offenes Leben im Militär verbot, wurde seinerzeit von Bill Clinton unterschrieben.

Die Wahl zwischen Beelzebub und Luzifer?

Hillary Clinton will für die Mittelschicht kämpfen. Hillary Clinton will sich gegen Rassismus einsetzen. Hillary Clinton will den Zugang zu Waffen einschränken. Hillary Clinton vereint die Republikaner. Und in ihrer eigenen Partei wird keiner so richtig warm mit ihr. Die Über-Demokratin wird die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, daran geht kein Weg vorbei. Und dennoch, nur die wenigsten in den eigenen Reihen sind derzeit von ihr so richtig überzeugt. Darauf bauen auch die Republikaner, die sie als Superreiche hinstellen, die schon seit Jahrzehnten keinen Bezug mehr zu den Normalproblemen amerikanischer Bürger hat. Als Gouverneursehefrau, als First Lady, als Senatorin, als Außenministerin, immer unter dem Begleitschutz von Highway Patrol oder dann Secret Service.

Hillary Clinton bei ihrem Auftritt in San Francisco.

Hillary Clinton bei ihrem Auftritt in San Francisco.

Viele Demokraten wissen, ohne sie braucht man gar nicht in diesen Wahlkampf zu ziehen. Das hat Hillary auch wieder am Wochenende in San Francisco demonstriert. Als Hauptrednerin auf der Konferenz der amerikanischen Bürgermeister beleuchtete sie die Probleme der US Kommunen. Sogar republikanisch geführte Städte und ihre Vertreter waren von ihr überzeugt. Und nach dem offiziellen Programm ging es dann gleich weiter zum Geldsammeln. Bis zu 50.000 Dollar zahlten finanzstarke Unterstützer, um mit ihr zu speisen und ein Foto mit der lächelnden Hillary zu bekommen. Das ist auch die Stärke der Kandidatin, auf die die Partei nicht verzichten kann. Hillary Clinton ist das Zugpferd der Demokraten, die die Milliarden benötigten Dollar für den Wahlkampf problemlos einfahren kann.

Die eigenen Parteigenossen sind hin und hergerissen. Sie ist ohne Zweifel die beste Kandidatin, die man sich wünschen kann. Sie hat den Namen, den Bekanntheitsgrad, die Aura und die Erfahrung. Doch da sind auch die politischen Leichen, die sie mitbringt, die Abgehobenheit und die Garantie darauf, ihre engen Verbindungen zu Wall Street und dem „Big Business“. Und es ist klar, falls sie gewählt werden sollte, dass die Republikaner alles, aber auch wirklich alles blockieren würden, was von ihrem „White House“ vorgeschlagen wird. Das hat man in den letzten Jahren immer wieder mit Präsident Obama beobachten können, dessen Politik gezielt ausgebremst wurde. Aus welchen Gründen auch immer. Bei Hillary kann man schon jetzt sagen, dass sie für die Republikaner ein rotes Tuch ist und von daher sie bei nichts und niemand unterstützen werden. Die Ablehnung Hillary Clintons ist darüberhinaus das einizge Thema, was die fragmentierte republikanische Partei in diesem Wahlkampf eint. Keine gute Basis für einen sachlichen Wahlkampf.