Der positive Gangsterrap

Meine Oma hätte sicherlich gesagt: Dat sind doch alles Gangsta im Knast. Stimmt schon irgendwie, alle wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Doch dieser Gangsterrap ist anders. Positiv, mit einer Message, Therapie hinter den dicken Mauern.

Johnny Cash spielte schon dort, genauso wie Metallica, B.B. King und Carlos Santana. San Quentin, das älteste Staatsgefängnis in Kalifornien, hat aber nicht nur musikalische Besucher von draußen bekommen. Hinter den dicken Mauern des einst gefährlichsten Gefängnisses westlich des Mississippis waren auch immer wieder Musiker inhaftiert. Das reicht vom Komponisten Henry Cowell über Jazz Musiker wie Art Pepper, Frank Morgan und Dexter Gordon bis hin zum Country Musiker Merle Haggard. Seit über 25 Jahren beschäftigt ich mich und berichte über San Quentin, nun habe ich David Jassy kennengelernt, einen Musiker aus Schweden, der wegen Mordes zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, nach San Quentin kam und im Frühjahr begnadigt wurde. Jassy hat nun die “San Quentin Mixtapes” veröffentlicht.

David Jassy erreiche ich per What’s App in Stockholm. Seit März lebt er wieder in seiner Heimatstadt. Er war Mitglied des erfolgreichen schwedischen Hip Hop Duos “Navigators”, er produzierte in Deutschland Songs für die No Angels und Janet Biedermann und war im November 2008 in Los Angeles, um am Album von Britney Spears mitzuarbeiten. Dann passierte es, auf dem Nachhauseweg geriet er mit einem anderen Verkehrsteilnehmer in Streit, er schlug zu, der Mann verstarb an den Folgen. Jassy wurde für einen Mord angeklagt und 2010 zu 15 Jahren bis zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach dem LA County Jail kam er erst nach Solano und dann nach San Quentin: „Und ich komme in dieses Gebäude und es war wie aus einem Film. Es war der West Block. Es war verrückt. Leuten liefen durch die Gegend, es schien keine Struktur zu geben, sie liefen die Eisentreppen hoch und runter. Und ich hatte dieses panische Gefühl in mir, lebenslang. Ich dachte mir, wie um alles in der Welt soll ich das überleben. Aber ich hab’s überlebt.“

Der heute 46jährige überlebte es nicht nur, er half vielen anderen im Gefängnis. Er selbst ist schwarz, sein Vater stammt aus Gambia, seine jüdische Mutter floh aus Estland nach Stockholm, wo er geboren wurde. Seine Geschichte stieß auf Interesse, gerade auch, weil viele im kalifornischen Knast nicht wußten, dass es in Schweden auch Schwarze gibt. David Jassy hielt sich fern von den Gangs und den Drogen im Knast, organisierte sein Leben hinter Gittern, konzentrierte sich auf seine Musik und begeisterte damit auch andere um ihn herum. Er schaffte es, einen Synthesizer in seine Zelle geschickt zu bekommen, ein Musikprogramm hinter den dicken Mauern zu starten. In einem Anbau wurde sogar ein kleines Tonstudio eingerichtet.

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Musik war meine Therapie. Als ich mit dem “San Quentin Mixtape” anfing, wollte ich ein Album mit den Youngsters machen, auf dem sie über ihr Leben und ihren Mühen sprechen, aber ohne obszöne und abfällige Sprache, und doch authentisch. Du kennst San Quentin, Du weißt wie das hier ist, da ist nichts zum Schönreden und es ist auch nicht cool im Gefängnis zu sein. Da aufzuwachen und es jeden Morgen zu bereuen, dass man jemanden umgebracht hat. Ich wollte, dass sie das mitteilen.“

Und genau das kann man in diesen 17 Songs hören, authentische Stimmen, die durch Musik und Rap einen Weg gefunden haben, sich mitzuteilen. Es war nicht leicht, dieses “Mixtape” Album zu realisieren und dann zu veröffentlichen. Als er schon die Zusage hatte, zog ein anderer Beamter die wieder zurück. Doch Jassy gab nicht auf, über bekannte Unterstützer, wie MC Hammer und Kim Kardashian, hörte Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom von dem Projekt und gab scließlich grünes Licht.

In den Texten werden Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle im Leben der Youngsters draußen und hinter Gittern beschrieben. Ein Song sticht für David Jassy ganz besonders heraus, der von Dinero G, einem 19jährigen Mexikaner, der in einer Gang war. Eigentlich, so David Jassy, wären sie im Gefängnisalltag nie zusammen gekommen, aber die Musik brachte sie zusammen. „
Eines Tages kam er ins Studio und er fing an diesen Song zu rappen. Und dabei sagte er “I’m in the same prison as my grandfather”, ich bin im gleichen Gefängnis wie mein Großvater. Und ich stoppte ihn und fragte, was war das. Und er, yeah, ich bin im selben Knast. Nicht nur, dass sein Opa auch in San Quentin war, er war im selben Zellenblock, auf der selben Ebene, nur ein paar Zellen weiter. Und ich, was für eine verrückte Geschichte. Er sprach von diesem Generationentrauma, seine Mutter war gerade 13 als sie mit ihm schwanger war, ihr Vater war in San Quentin und konnte nicht da sein für seine Tochter. Und jetzt ist er im selben Gefängnis und er kann selbst nicht für seine Tochter da sein.“

Nach zehn Jahren in San Quentin, einem der notorischen Gefängnisse in den USA, beginnt nun für David Jassy ein neues Leben, den Kontakt mit seinen “Mixtape” Mitstreitern will er halten und sie von außen unterstützen. Er sagt von sich, er sei ein neuer Mensch: „
Es hat mich in vielen Bereichen verändert. Es hat mich wohl dankbarer gemacht, am Leben zu sein. Ich schätze Dinge nun mehr wert, wieder hier in Stockholm zu sein, ich sehe Sachen in meiner Stadt, die mir nie aufgefallen sind. Ich sehe die Schönheit an Orten, die ich nie beachtet habe…ich bin dankbar zu leben.“

Die „San Quentin Mixtapes“ sind auf allen digitalen Plattformen, wie amazon, iTunes und Spotify zu finden.