Plastiktüten, Todesstrafe, Kondome und Limosteuer

Der Präsident ist durch und Kalifornien hat auch noch über anderes abgestimmt. Das Verbot von Plastiktüten bleibt im Sonnenstaat bestehen, Pornodarsteller müssen in ihren Filmen keine Kondome drüberziehen, in vielen Gemeinden wurde eine Limosteuer eingeführt, Zigaretten werden weiter besteuert, der Preis für eine Schachtel wird wohl um zwei Dollar steigen, der Verkauf von Munition wird drastisch verschärft und dann ist da noch die Todesstrafe. Kalifornien setzt politische Rauchzeichen, die auch in Washington gehört werden. Und diese Abstimmungen zeigen, dass Amerika auch mit einem Präsidenten Trump keinen Rechtsruck macht. Nicht die Themen für die Hillary Clinton steht wurden abgelehnt, sondern die Kandidatin. Viele der Stimmen für Trump waren vor allem Stimmen gegen Hillary Clinton.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Erleichterung nach der Wahl im Todestrakt von San Quentin. Foto: S. Robinson.

Ich hatte ja schon in einem früheren Blogeintrag geschrieben, dass viele im Todestrakt von San Quentin gegen die Abschaffung der Todesstrafe und für die Beschleunigung der Verfahren sind, die nun auch zur Abstimmung standen. Und jetzt liegt das Ergebnis vor. Die kalifornischen Wähler haben sich mit 53,9 Prozent gegen eine Abschaffung der Todesstrafe und einer Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung ausgesprochen. Doch die Zahl der „Death Penalty“ Unterstützer sinkt weiter.

In der zweiten Abstimmung, die sich mit der Todesstrafe in Kalifornien befasste, votierten 50,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler für eine Beschleunigung der Verfahren. Zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung solle nicht mehr so viel Zeit vergehen, damit soll erreicht werden, dass die übervolle Death Row in Kalifornien mit derzeit über 750 Todeskandidaten geleert wird. Es gibt also noch eine Mehrheit in diesem Bundesstaat, die die Höchststrafe unterstützt. Doch diese Wahl zeigt, das Ende der Todesstrafe ist in Sicht.

Todeskandidaten gegen die Abschaffung der Todesstrafe

Am 8. November wird in den USA gewählt. Und hier stimmt man nicht nur für Donald oder Hillary ab, in Kalifornien sollen oder können wir 41 Mal unser Kreuzchen machen, sprich unsere Linie zwischen zwei Punkten ziehen. Es geht neben der Präsidentenwahl auch um Abgeordnete, Senatoren, Mitglieder verschiedener öffentlicher Unternehmen, Stadträte, Richter und dann noch allerhand „Volksentscheide“ auf staatlicher, kommunaler und Bezirksebene.

Vor mir liegt ein umfangreiches Heft, so dick wie DER SPIEGEL in guten Zeiten, zugeschickt von der Wahlbehörde. Darin die Auflistung all dieser Entscheide, das Für und Wider. Als Wähler muß man hier seine Hausaufgaben machen, wobei viele wohl nur ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten abgeben werden. Wer weiß schon, welche Qualitäten ein Richter oder ein Aufsichtsratsmitglied für das lokale UBahn-System, den Park Service oder die Schulbehörde mitbringt.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

San Quentin Death Row. Foto: CDC.

Zwei der Volksentscheide befasssen sich auch mit der Todesstrafe in Kalifornien. „Prop. 62“ sieht die Abschaffung der „Death Penalty“ und die Umwandlung aller Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung vor. „Prop. 66“ hingegen will eine Beschleunigung der Verfahren durch eine Beschneidung der Einspruchsmöglichkeiten und eine zusätzliche Verpflichtung von Rechtsanwälten erreichen. Beide Initiativen führen an, dass ihr jeweiliger Ansatz massiv Steuergelder einsparen würde.

Interessanterweise werden beide „Propositions“ im Todestrakt selbst abgelehnt. Das zumindest erklärten mir gleich mehrere zum Tode Verurteilte. Klar, „Prop/ 66“, die Beschleunigung des Verfahrens, stößt nicht auf viel Zustimmung auf der „Death Row“. Die Abschaffung der Höchststrafe, „Prop. 62“ kommt allerdings auch nicht gut an, denn mit der Verlegung in andere Gefängnisse und in den allgemeinen Strafvollzug, würden ein paar der Privilegien wegfallen, die die Todeskandidaten in San Quentin derzeit haben.

Ein ganz wichtiger Vorteil sind die Einzelzellen, in denen sie untergebracht sind. Diese sind zwar nur 1,40 Meter x 2,60 Meter groß, allerdings sind im normalen Strafvollzug in San Quentin zwei Häftlinge in solchen Zellen eingepfercht, heißt, wenn einer steht, muß der andere auf seinem Bett sitzen. Wenn einer die Toilette am Kopfende benutzt, geschieht das gleich neben dem Zellengenossen. Hinzu kommt mit einer Verlegung in andere und auch modernere kalifornische Gefängnisse ein Verlust von vielen Sozial-, Kunst- und Freizeitprogrammen. Im ältesten Knast Kaliforniens, direkt im Ballungsraum an der San Francisco Bay gelegen, gibt es mehr als 70 solcher Angebote, die vor allem von Freiwilligen von draußen durchgeführt werden. Darunter eine Uni, Yoga Klassen, Musik-, Kunst-, Bildungs- und Kulturangebote. Darüberhinaus würde mit einer Umwandlung in lebenslängliche Haftstrafen ohne Aussicht auf Begnadigung für einige Todeskandidaten die Tür nach draußen endgültig geschlossen sein. Mit dem Ende der Einspruchmöglichkeiten wäre ihr Lebenslauf abgeschlossen, sie wären vergessen hinter dicken Mauern. Es gibt sie, die Häftlinge, die nach wie vor behaupten, sie seien unschuldig oder hätten nicht mit dem Tod bestraft werden sollen. Einzig die Hoffnung hält sie in San Quentin am Leben, ein Leben auf „Death Row“.

Wahlkampf in San Quentin

Sonntagmorgen 8:30. Ich stehe in der Warteschlange vor dem Gefängnis von San Quentin. Um mich herum etwa drei Dutzend Frauen, zumeist Latinas und Afro-Amerikanerinnen, auch ein paar Weiße. Einige Kinder sind auch dabei, warten auf die Kontrolle hinter der ersten Sicherheitsschleuse. Ich besuche mal wieder Reno, den ich seit über 20 Jahren kenne und seitdem ich hier in der Gegend lebe regelmäßig im kalifornischen Todestrakt besuche.

Das Warten und der Gang entlang der San Francisco Bay zum Besucherraum des East-Block ist nichts mehr besonderes, diesen Weg bin ich in den letzten 20 Jahren oft genug gegangen. Heute muß ich zum „Overflow“ Bereich, das ist ein Backsteingebäude gleich neben der Hinrichtungskammer. Auch dort wurden Besuchsmöglichkeiten für Todeskandidaten geschaffen, heißt, Stahlkäfige im Boden verankert, in denen man mit dem Häftling eingesperrt wird.

Dort angekommen muß man zuerst durch eine weitere Schleuse, seinen Leuchtstempel auf dem Unterarm vorzeigen, seinen Ausweis abgeben, dann darf man sich ein paar überteuerte Getränke und Speisen aus den Automaten holen. Die Atmosphäre ist entspannt an diesem Morgen. Dieser Besuchsraum wird im hinteren Bereich auch für die „regular population“, also die „normalen“ Häftlinge mit langjährigen Haftstrafen genutzt. Ein paar Gefangene sprechen mich an, sind freundlich, zeigen mir, wo ich Papiertücher und Pappteller für die Mikrowelle finde. Man ist hier locker entspannt, auch wenn einige der in Jeans gekleideten Zeitgenossen in einer anderen Umgebung angsteinflössend wirken würden.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Wahlkampf in der Warteschlange von San Quentin.

Zwei Stunden Besuch mit einem Todeskandidaten gehen schnell vorbei. Wir lachen, machen Witze, er isst seine Burger, trinkt seine Coca Cola, wir teilen uns Popcorn. Wir reden über die Politik, über die zwei Todesstrafen-Abstimmungen, die am Wahltag in Kalifornien auch entschieden werden. Ich erzähle von meinen Reisen, über meinen Hund Käthe, die gerne mal Rehen hinterherhastet und mich danach heiser werden lässt. Reno lacht nur darüber. Über seinen Fall sprechen wir kaum. Eine Umarmung am Schluß. Er wird nach einer Ganzkörperkontrolle wieder in seine kleine Zelle, sein „House“, gebracht, ich spaziere, nachdem es „Clear“ heißt, entlang der Bay zum Parkplatz zurück.

Draußen warten wieder Dutzende von Frauen auf Einlass. Dort liegt auch Karten der sozialistischen „Peace and Freedom Party“ aus. Ein etwas ungewöhnlicher Ort, um Wahlkampf zu führen. Präsidentschaftskandidatin Gloria La Riva und ihr Vize-Kandidat Dennis Banks gehen in der Besucherschlange von San Quentin mit ihrem Ruf nach einer sozialistischen Revolution in den USA auf Wählerfang. Anscheinend glaubt einer ihrer Unterstützer, dass Besucher von Todeskandidaten, Lebenslänglichen oder Langzeithäftlingen besonders offen für die antikapitalistische Losung sind. Viel beachtet wurden die Karten allerdings nicht. Hier hat man anderes im Sinn, als sich über eine (unrealistische) politische Alternative zu Donald Trump und Hillary Clinton Gedanken zu machen.

„San Quentin you’ve been living hell to me“

Ein Samstagmorgen in San Quentin, an einem Wochenende, an dem meine Lange Nacht über das älteste kalifornische Staatsgefängnis auf Deutschlandradio Kultur und dem Deutschlandfunk läuft. Seit 1980 sitzt Reno dort auf Death Row, 1978 wurde er verhaftet. Heute ist er ein alter Mann, er sitzt im Rollstuhl, kann sich kaum erheben, als ich mit einigen Sandwiches, Cola und Popkorn in dem „Besucherkäfig“ eingesperrt werde, in dem er schon wartet.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

Das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin.

8:30 ist mein Termin, vor ein paar Tagen hatte ich angerufen und nachgefragt, ob am Wochenende noch ein Besuchertermin offen sei. Am Eingang von San Quentin warten Dutzende Frauen auf den Einlass. Ich bin der einzige Mann, der in der Besucherreihe steht. Kontrolle, Metalldetektor und dann der lange Spaziergang zur „Bastille by the Bay“. Wie oft bin ich diesen Weg schon in den letzten 20 Jahren gegangen? Damals, 1996, war alles noch neu, ein komisches Gefühl im Bauch begleitete mich auf diesem ersten Besuch. Heute ist alles Normalität, man grüßt „Correctional Officers“ und andere Besucher. Ich weiß, nach was ich in den Automaten für Reno suchen muß, wie die Mikrowelle funktioniert, ein kleiner Plausch noch mit dem zuständigen Strafvollzugsbeamten, bevor der mich dann in den Käfig einsperrt. Reno, der schon drin ist, muß die Hände durch einen kleinen Schlitz stecken, ihm werden Handschellen angelegt, dann wird die stählerne Stahlschiebetür geöffnet, ich darf eintreten, die Stahltür schließt sich mit einem lauten Krachen. Anschließend die gleiche Prozedur, die Handschellen werden abgenommen. Eine kurze Umarmung, „Hello, here I am“.

Wir reden über alles mögliche, wir lachen, scherzen, essen und trinken gemeinsam. Reno fragt viel nach, will wissen, wen ich wählen werde. Ich erzähle ihm von meinen anstehenden Reisen, von dem, was ich gerade mache, von meinem Hund. Ein paar Stunden Unterhaltung, bevor ich zurück nach Oakland fahre, um mir das DFB Pokalfinale im Internetradio anzuhören und er zurück in seine 1,40 x 2,30 Meter große Zelle geht. Alltag in San Quentin.

Another one bites the dust

Merle Haggard ist tot. Er verstarb gestern im Alter von 79 Jahren, es war sein Geburtstag. Merle Haggard war einer der großen Countrymusiker in den USA. Er lebte den Country, wie wohl kaum ein anderer. Er stand für den Bakersfield-Sound, begründete den Outlaw-Country, erlebte durch ein Konzert von Johnny Cash im Staatsgefängnis von San Quentin am 1. Januar 1958 seine Erleuchtung. Nach der Inhaftierung für einen Einbruch startete er seine Karriere als Musiker.

Im Mai wird auf DeutschlandRadio/Deutschlandfunk eine Lange Nacht über die Geschichte und die vielen Geschichten des Staatsgefängnisses von San Quentin ausgestrahlt werden. Merle Haggard wird ein Teil davon sein, sein dortiger Besuch 1971, sein Gospelkonzert, das er in der kleinen Kapelle von San Quentin aufzeichnete. Haggard war kein geradliniger Musiker, kein einfacher Country-Sänger. Er schielte nicht nach Charts und Mainstream, vielmehr tat er genau das, was er wollte und in der Weise, die ihm lag. Auf seine ruhige und direkte Art erspielte er sich eine treue Fangemeinde in aller Welt. Das deutsche Label Bear-Family Records hat einige beeindruckende CD-Boxen von Haggard herausgegeben, die einzigartige Klangdokumente eines Ausnahmenmusikers sind.

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Nur einer ist gegen die Todesstrafe

In all den Jahren als Korrespondent in den USA, habe ich ein Thema immer wieder aufgegriffen; die Todesstrafe. Vielleicht liegt es daran, dass das kalifornische Staatsgefängnis von San Quentin mit seiner „Death Row“ fast vor meiner Haustür liegt und ich Häftlinge im dortigen Todestrakt persönlich kenne. Doch vor allem liegt es wohl daran, dass im amerikanischen Strafvollzug all die Ungerechtigkeiten, all die Probleme, all die Fehler der amerikanischen Gesellschaft zu finden sind. Rassismus, soziale Ungleichheit, eine verschrobene Justiz, ein kaputtes Wahlsystem, fehlende soziale Einrichtungen, ein hohes Gewaltpotenzial…. ich könnte weiter ausholen. Und dann sind da genügend Fälle, die deutlich machen, dass im Namen des Volkes Unschuldige in den USA hingerichtet wurden.

Hillary Clinton und Bernie Sanders am Abend in New Hampshire. Foto: AFP.

Hillary Clinton und Bernie Sanders am Abend in New Hampshire. Foto: AFP.

Aus all diesen Gründen und noch vielen mehr lehne ich die Todesstrafe ab. Sie kann nicht gerecht sein. Für mich, der seit 20 Jahren hier drüben lebt, und nun seit ein paar Jahren auch in den USA als Bürger wählen darf, ist es immer wieder erstaunlich, wie weit verbreitet die „Rübe ab“-Mentalität, das Eintreten für die Höchststrafe bei Politikern verbreitet ist. Und ich rede hier nicht nur von Republikanern, sondern auch von Demokraten.

Im derzeitigen Wahlkampf sind auf republikanischer Seite alle Kandidaten für die Todesstrafe. Bei den Demokraten erklärte heute Abend Hillary Clinton in einer Fernsehdebatte auf MSNBC, dass sie bei bestimmten Fällen die Todesstrafe unterstütze. Also, ein Ja mit Einschränkungen. Aber eben ein Ja. Genau so ein Ja, wie es auch Barack Obama im Wahlkampf vertrat. Auch Bill Clinton war für die Todesstrafe.

Nur Bernie Sanders, der Senator aus Vermont, ist da anderer Meinung, er sagte: die Todesstrafe sei falsch, eben weil sie nicht gerecht sein kann und weil Unschuldige in den USA hingerichtet wurden. Da ist jemand, der Klartext redet, ohne Rücksicht auf Verluste. Der keinen Negativwahlkampf führen will, der komplizierte Sachverhalte anspricht, sie erklärt, seinen Standpunkt vertritt. Doch vor allem ist da einer, der ehrlich ist. Er redet für niemanden, nur für sich selbst.

Gestern im „Town Hall Meeting“ wurde Sanders gefragt, ob er religiös im Sinne von organisierter Religion sei. Sanders überlegte kurz und meinte dann, seine Religion sei hinzuschauen, wenn Kinder in den USA in Armut leben, wenn heimkehrende Veteranen obdachlos seien, wenn die Einkommensschere in diesem Land immer weiter auseinander geht. Das zu Erkennen treibe ihn an. Was daran „populistisch“ sein soll, kann ich nicht sagen. Vor allem nicht in einem Land wie den USA. Doch als „Populisten“ bezeichnete DIE ZEIT-Herausgeber Josef Joffe Bernie Sanders in der aktuellen Ausgabe auf der Titelseite und nannte ihn in einem Satz mit Donald Trump und Ted Cruz. Auch eine Meinung, Herr Joffe, die ich mit einem leichten Kopfschütteln einfach mal so stehen lassen möchte.

Das Wort Gottes hinter Gittern

Grelles Neonlicht, eine Madonna Statue, ein Kreuz, ein Altar. Links vorne spielt eine Band, singt ein Chor. Rund 100 Männer sind in der „Chapel“ von San Quentin zusammen gekommen, um an diesem Sonntagmorgen den katholischen Gottesdienst zu feiern. Zweisprachig wird gebetet, gesungen, gepredigt. Die Männer in Jeanshemd und -hose sind alles Häftlinge des ältesten Gefängnisses in Kalifornien.

Der Gottesdienst beginnt etwas später, da durch den Sturm und den starken Regen viele erst verspätet von ihren Zellen hierher kommen konnten. Die Gebetsräumlichkeiten sind in einem Innenhof von San Quentin untergebracht. Gleich nach der Schleuse in den inneren Bereich, gegenüber des SHU, des „Security Housing Units“, dem Gefängnis im Gefängnis.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

Beginn des katholischen Gottesdienstes in San Quentin.

John ist ein „Lifer“, ein Lebenslänglicher. Er begrüßt am Eingang alle Ankommenden per Handschlag, die Mitgefangenen und die wenigen Gäste von draußen. Einige Katholiken aus benachbarten Gemeinden kommen immer mal wieder vorbei, um hier mit den Insassen den Gottesdienst zu feiern, erklärt mir Father George. Er ist der katholische Priester, der auch beratend für alle andere Religionen zuständig ist. In einem Interview erklärte mir Father George, dass dieser Job hier in San Quentin für ihn wie ein Ruf an die Harvard University gewesen ist. Er liebe seine Aufgabe hinter Gittern, auch, wenn er sich in den Zellblöcken nur mit schußsicherer Weste, zum Schutz vor Stichwunden, bewegen kann. Auch, wenn er im East-Block, dem Todestrakt, den Gottesdienst in einem separaten Käfig, getrennt von den Todeskandidaten feiern muß. Hier, so Father George, sehe und erlebe er jeden Tag Gott.

Viele Gefangene schütteln mir die Hand, wünschen mir „Peace“. Einige harte Kerle, denen man ihr früheres Leben durchaus ansieht. Tätowierungen am Hals und an den muskulösen Unterarmen sprechen eine eindeutige Sprache. Aber hier sei man Familie, sagt John nach dem Gottesdienst. Das frühere Leben aus Gewalt, Kriminalität, Gottlosigkeit liege hinter ihnen, meint er. Als ich ihn frage, wie lange er noch habe, sagt er, das kann er nicht sagen, er sei „Lifer“. Vor ihm liegen lange Jahre in einer 2,40 x 1,20 Meter großen Zelle, denn lebenslänglich heißt in Kalifornien lebenslänglich. Er wird San Quentin nur auf einem Weg verlassen.

Der Glaube ist hier eine Stütze, das meint auch Mike, auch er sitzt eine lebenslängliche Haftstrafe ab. Man tausche sich aus, man helfe sich, meint er. Die Stimmung ist freudig an diesem 3. Advent. Die drei Kerzen brennen vorne, dafür braucht es eine Sondergenehmigung. Es wird für die Verstorbenen und die Kranken im Gefängnis gebetet, für die Opfer von Terror und Gewalt draussen. Der Gottesdienst wird aufgezeichnet und später für die anderen Gefangenen, die es hören wollen, über den Gefängnis eigenen Audiokanal ausgestrahlt.

Die Männer lachen viel vorher und nachher, umarmen sich, genießen diese Gemeinsamkeit in der Kapelle von San Quentin. Hier sind sie alle gleich; Weiße, Schwarze, Latinos, ein paar Asiaten. Junge und Alte. Der Glaube versetzt hier wahrlich Mauern. Der Glaube ist hier, das verstehe ich an diesem Morgen, eine wirkliche Sinnfindung in einem ausweglosen Zustand.

 

Im Käfig predigen

Gestern besuchte ich mal wieder San Quentin. Diesmal für ein Interview mit dem katholischen Seelsorger, Father George Williams. Anfangs sass ich noch vor dem Tor und wartete, die Sonne schien, ein schöner und warmer Tag. Es war Schichtwechsel, Autos fuhren rein und raus. Die rauskamen mußten ihren Kofferraum öffnen, um sicherzugehen, dass niemand unentdeckt das Gefängnisgelände verlässt. Ein älteres Paar kam und wollte das San Quentin Museum besuchen. Ein paar Freiwillige des „Prison University Projects“ trugen sich in Listen ein und gingen dann zu ihren Studenten hinter Gittern.

Schließlich wurde der Pressesprecher von San Quentin telefonisch erreicht und auch ich durfte durch das Tor laufen. Alles hat hier seine Ordnung. Mit Sam Robinson ging es dann in den inneren Bereich des Gefängnisses. Eintragen in ein großes Besucherbuch, einen Leuchtstempel auf den rechten Unterarm, Stahltüren gingen auf, Stahltüren knallten hinter mir laut ins Schloß. Und dann stand ich wieder im Innenhof, links von mir der „SHU“, Security Housing Unit, das Gefängnis im Gefängnis mit den ganz harten Jungs und Fällen. Rechts die Gebetsräume. Father George wartete schon.

Das Gespräch drehte sich um seine Arbeit, seinen „Dreamjob“, wie er es nannte. Gott habe ihn hierher geführt. Für ihn sei San Quentin ein Zuhause geworden. Er berichtete von seinen vielen Gesprächen mit Gefangenen und Mitarbeitern und beschrieb den wohl seltsamsten Gottesdienst, den man sich vorstellen kann; auf Death Row in San Quentin. Die gläubigen Todeskandidaten werden in einer umgebauten Sammeldusche in einen Käfig gesperrt, darin ein paar Bänke. Father George ist nicht bei ihnen, sondern wird in einen Extrakäfig gesperrt, dort ein kleines Buchregal, das als Altar dient. Er habe sich an diese Art Gottesdienst erst gewöhnen müssen, gibt er zu. Aber aus seinen Erzählungen wird deutlich, dass die Gefangenen dankbar sind, dass er da ist. Und wie ich von Todestraktinsassen weiß, ist Father George ein Mann mit offenen Ohren, der gerne im East-Block von San Quentin gesehen wird. Er hat immer Zeit für einen und hört zu, so heißt es. Glaube ist wichtig, meint der Jesuit. Er schenke jedem in San Quentin Hoffnung, egal was er getan, warum er hier ist und welcher Religion er auch angehört.

 

„An einem Freitag vor 37 Jahren“

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

94964 ist die Postleitzahl, der Zip Code, von San Quentin.

Im Oktober 1978 wurde Harold Memro verhaftet, zwei Jahre später zum Tode verurteilt und nach San Quentin gebracht. Damals waren nur ein Handvoll Häftlinge im kalifornischen Todestrakt untergebracht. Über die Jahre ist die Death Row auf über 750 Insassen angewachsen.

Heute war ich mal wieder bei Reno, wie er sich heute nennt. Ein Kollege, der derzeit an einem Artikel über die Todesstrafe schreibt und dem ich viel über San Quentin erzählt hatte, fragte, ob er ihn kennenlernen könne. Klar, meinte ich. Nach Absprache mit Reno, dem obligatorischen Formularausfüllen und einer längeren Planung war es nun soweit. Etwas verspätet kamen wir in San Quentin an. Einer der größeren Käfige war für uns schon reserviert. Reno saß schon dort und wartete auf uns. Getränke, Popcorn und Buffalo Wings aus dem Automaten, kurz heiß gemacht, dann wurden wir mit ihm gemeinsam in den Stahlkäfig gesperrt.

Für mich ist es nichts besonderes mehr, seit über 20 Jahren kenne ich Reno, seidem ich vor 19 Jahren in die San Francisco Bay Area gezogen bin, besuche ich ihn regelmäßig, fast wöchentlich telefonieren wir. Vor ein paar Monaten „feierte“ er in seinem 1.40 x 2,60 großen „Haus“, wie er seine Zelle nennt, seinen 70. Geburtstag. Mein Kollege hatte viele Fragen zum Tagesablauf auf „Death Row“. Es war eine lockere Unterhaltung, die auch um Freundschaften im Todestrakt, über Gefühle, Beziehungen, schöne und schlechte Tage ging.

Als Reno nach fünf Stunden wieder angekettet in den hinteren Teil des Besuchsbereichs gebracht wurde, um dort „strip searched“ zu werden, warteten wir vorne auf die Durchsage „Memro cleared“. Wir durften in die Sicherheitsschleuse treten, die eine Stahltür schob sich hinter uns zu, wir erhielten unsere Ausweise zurück, die andere Stahltür öffnete sich vor uns. Die Sonne strahlte am blauen Himmel, vor uns die Bay. „Und wenn er es wirklich nicht getan hat“, sprach der Printkollege seine Gedanken aus, darauf anspielend, dass Reno nach wie vor beteuert unschuldig zu sein. Ja, was dann? An einem Freitag vor 37 Jahren nahm Harold Memros Leben einen anderen Weg.

Außergewöhnliche Wohnstätten in der SF Bay Area

Foto: Judy Meuschke-San Francisco and Peninsula Realtor

Foto: Judy Meuschke

Es ist nicht ganz billig, aber man bekommt dafür schon was besonderes. Das als „Flintstone House“, also das Fred Feuerstein Haus, bekannte Anwesen in Hillsborough, südlich von San Francisco steht zum Verkauf. 1976 wurde es gebaut, gleich mehrere namhafte Künstler hatten ihr Händchen im Spiel. Es gibt wohl keine Ecken in dem Gebäude, alles ist rund und wirkt wie aus Knetmasse geformt.

Foto: Judy Meuschke

Foto: Judy Meuschke

Wer auf dem 280er fährt, kommt daran vorbei und jedesmal schaut man wieder hin und fragt sich, was da die Besitzer und den Architekten geritten haben. Doch vielleicht war es gerade das, man fällt auf mit so einem Dach über dem Kopf. Allerdings muß man heute etwas tiefer in die Tasche greifen. Der Immobilienmarkt hat sich wieder erholt in der San Francisco Bay Area, die Preise für Grundstücke sind gestiegen; „The sky is limit“. Für das „Flintstone House“ werden 4,5 Millionen Dollar verlangt. Das Rauschen der Autobahn in Sichtweite kommt kostenlos dazu.

Den Freeway hört man auch auf der letzten Insel in Privatbesitz, die es noch in der San Francisco Bay gibt. „Red Rock Island“ soll verhökert werden. Kann man schon so beschreiben, denn der Fels, der zwischen Richmond und San Quentin liegt war noch vor wenigen Jahren 22 Millionen Dollar wert. Damals hieß es, es gäbe Interessenten für das Stückchen Land. Doch dann wollte doch keiner so richtig. Das Preisschild wurde auf neun Millionen Dollar umgeschrieben. Und nun kostet die Insel nur noch fünf Millionen Dollar.

Für jemanden mit Geld ist das vielleicht ein Prestigeobjekt, denn Nachbarn gibt es keine, die Ausblicke sind phänomenal und wer hat schon eine Insel gegenüber von San Francisco. Manchmal wird der Felsen auch „Golden Rock“ oder „Treasure Island“ genannt, denn es gibt Gerüchte, dass hier Piraten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Schätze vergraben haben sollen. Doch bislang ist nichts gefunden worden. Aber man kann fleißig weiter buddeln.

1964 kaufte Mendel Glickman, der Sohn von Frank Lloyd Wright, für 50.000 Dollar den Felsen in der Brandung. Er hatte die Idee, darauf ein Ferienhaus zu bauen, aber daraus wurde nichts. „Red Rock Island“ blieb leer. Nun also kann man, wenn man denn will, ein Stück Land der Bay Area Geschichte kaufen. Allerdings wird jede Baumaßnahme nicht einfach sein, denn ein Käufer muß sich gleich mit drei Counties auseinandersetzen. „Red Rock Island“ gehört zu Marin County, Contra Costa County und San Francisco County, ein bürokratischer Alptraum wartet auf jeden Häuslebauer.

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