„Ein Amerika ohne Juden, ohne Afro-Amerikaner, ohne Latinos“

Reaktionen auf Charlottesville     

 

Und es war wieder eine schlechte Woche für Donald Trump. Voller Entsetzen blickten die Amerikaner am vergangenen Samstag nach Charlottesville, wo Tausende von Neo-Nazis, der Ku Klux Klan und andere rechtsextreme Gruppen aufmarschierten.

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Bumm, Bumm, Bumm

Ein Sonntag auf dem Schießstand.

Ein Sonntag auf dem Schießstand.

Manche Themen verlangen einem Journalisten wirklich alles ab. Aber was tut man nicht alles für seine Leser und Hörer! Heute z.B. führte ich ein Interview für eine größere Geschichte zum Thema „Waffen in den USA“. Mein Interviewpartner erzählte von seinen Knarren und Beweggründen, zeigte mir seine Schießeisen, einen Revolver und eine italienische Shotgun, und dann meinte er: „Und jetzt fahren wir auf den Schießstand“. Was sollte ich darauf sagen? Ein Freund von ihm holte uns ab und der hatte eine Luger und eine 44er Smith & Wesson im Kofferraum liegen. Munition wurde ordentlich eingepackt und los ging es über die Golden Gate Bridge Richtung San Rafael.

Zu dritt fuhren wir los, unterwegs wurde dann noch ein Bekannter angerufen, der auch noch zur „Bullseye Shooting Range“ kommen wollte. Dort angkommen, mußten wir ersteinmal jeder ein Formular ausfüllen, einen Ausweis abgeben, die Munition wurde kontrolliert. Mit Geduld und erklärenden Worten führte man mich dann in die jeweiligen Waffen und Munitionsarten ein. „Let’s go“, hieß es nur noch. Neben mir wurden kleinere und größere Kaliber abgefeuert. Jüngere Leute waren dort, ein Vater mit seinem Sohn, ein Rentnerehehepaar, die am Stock liefen, doch dann zielsicher losballerten, auch zahlreiche Frauen versuchten sich an allem was knallte. Direkt auf meiner rechten Seite ein fast zwei Meter großer Hüne, der gleich mehrere Shotguns bei sich hatte. Und auch seine Munition war durchschlagend, die Zielscheibe wurde zerfetzt.

Waffen gehören in den USA einfach dazu. Selbst in liberalen Gegenden Kaliforniens, wie Marin und San Francisco County, gibt es unzählige Waffenbesitzer. Viele haben sich eine Knarre zur Selbstverteidigung angeschafft, andere wiederum sehen mehr den sportlichen Charakter im Zielschießen. Genaue Zahlen, wie viele Waffen in den USA im Privatbesitz sind, gibt es nicht. Lediglich Schätzungen gehen von 330 bis 350 Millionen Schießeisen aus. Und der derzeitige Wahlkampf zeigt erneut, wie aktuell das Thema „Waffenbesitz“ in den USA war, ist und bleibt.

Ziviler Protest der anderen Art

Der 56jährige Jonathan Frieman legt sich nun mit dem Staat an. Zehn Jahre dauerte es, bis der Mann aus dem kalifornischen San Rafael von einem Highway Patrol Officer gestoppt wurde, obwohl er regelmäßig gängiges Recht verletzt. Friemans Vergehen, er fuhr alleine in der „Car Pool Lane“, der extra markierten Fahrbahn auf kalifornischen Autobahnen, die für 2 oder 3 Personen pro Wagen reserviert sind. Damit soll versucht werden, jene Autofahrer zu unterstützen, die umweltbewusst nicht alleine im Auto unterwegs sind.

Nun also war es soweit, Frieman wurde gestoppt. Der Beamte fragte ihn, ob er wisse, warum er ihn angehalten habe. Und Frieman sofort, klar wisse er das….aber, er sei nicht alleine im Auto gefahren. Auf dem 101, wo er gestoppt wurde, müssen zu den Stoßzeiten mindestens zwei Personen im Wagen sitzen, um die „Car Pool Lane“ zu nutzen. Der Polizist dachte schon, Frieman habe einen sitzen oder käme von einer feuchtfröhlichen Feier, doch Jonathan Frieman war nüchtern, wie der Papst am Aschermittwoch. Auf diesen Moment hatte er gewartet. Er zeigte auf den Beifahrersitz, auf einen Stapel Papiere und meinte, dort sitze die zweite „Person“. Die Papiere belegten, dass das Unternehmen, das zu seiner Familienstiftung gehöre, vor dem Gesetz also eine „Person“ sei, wie das das Bundesverfassungsgericht seit rund 100 Jahren immer wieder bestätigte – Unternehmen sind Personen.

Der Highway Patrol Officer ließ sich nicht beirren, schrieb seinen Strafzettel aus und wünschte noch viel Glück vor Gericht. Und genau das war das Ziel von Jonathan Frieman. Er will eigentlich verlieren, doch gleichzeitig die Rechtssprechung in den USA verändern, die Konzerne zu Personen machen. Erst 2010 hatten die höchsten Richter im Land im Fall „Citizens United“ erklärt, dass Firmen nach Artikel Eins der Verfassung geschützt sind und somit deren Spenden bei politischen Wahlkämpfen nicht beschränkt werden dürfen.

Vor dem Richter in Marin County hat Jonathan Frieman nun verloren. Das war klar und zu erwarten, er kündigte umgehend Berufung an und will notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, um klären zu lassen, was (unternehmerische) „Personen“ alles dürfen und wo ihre Rechte eingeschränkt sind, was dann wohl wieder verfassungswidrig sein könnte.

Scharf geschossen

Im Wahlkampf macht die „National Rifle Association“ (NRA) gegen Präsident Barack Obama mobil. Der würde bei einer Wiederwahl das Recht auf Waffenbesitz einschränken. Amerikaner könnten sich dann nicht mehr gegen die bösen, bösen Buben wehren, die nachts und mit Maske in die Häuser friedliebender Menschen eindringen. Und viele Amerikaner glauben den Blödsinn, Waffen- und Munitionsverkäufe steigen jedesmal vor einer Wahl. Ein pazifistischer Demokrat könnte ja ins Weiße Haus gewählt werden. Absoluter Unfug, aber wem sagt man das? An den zweiten Artikel in der Verfassung wird sich nie ein Präsident wagen, denn in beiden Parteien gibt es genügend Waffenbesitzer, die sich selbst als Sportschützen und Jäger bezeichnen.

Aber dennoch wollte ich mal wissen, wie das so ist mit einer Wumme in der  Hand. Gestern fuhr ich rüber nach San Rafael zur „Bullseye Range“. Man geht rein, sagt man will schießen, kein Problem. Ausweis muß man dabei haben, der besagt, man ist älter als sieben (!) Jahre. Eine kleine Frau mit rosa Bluse, Mitte Fünfzig freut sich über das Interesse. An ihrer rechten Seite hat sie ein Holster, darin keine kleinkalibrige Knarre. Was man denn schießen wolle? Keine Ahnung, was empfiehlt sie denn für einen Anfänger? Also man habe hier: Wilson Combat, Springfield Armory, Glock, Smith & Wesson, Sig Sauer, CZ-USA, Browning, Ruger und Heckler & Koch. Sie denke für den Anfang sei eine Heckler & Koch wohl das richtige. Toll, deutsche Wertarbeit, liegt auch gut in der Hand.

An der Wand hinter ihr, die etwas größeren Ballermänner, Shotguns, AK-47, Remington. All die Dinger sehen sehr martialisch aus, für mich als Laien sowieso. Um die Sicherheit im Umgang mit dem Schießeisen zu garantieren geht es erstmal nach oben in den Klassenraum. Dort führt die nette Dame mit einer Spaßpatrone vor, wie man die Heckler & Koch lädt, sichert, entsichert, zielt und dann bumm. Dann muß ich das ganze vorführen, Finger weg vom Abzug, nach vorne halten und ja genau….

Und nun geht es auf die Schießbahn. Brille und Hörschutz, Bahn 5 ist vorgemerkt. Eine Zielscheibe, ein Konterfei einer Person wird an einer Klammer befestigt und per Drahtwinde ein paar Meter weit entfernt geparkt. Also hier nun mit scharfer Munition laden und zielen und dann bumm. „Have fun“, und wenn Du was größeres willst, komm einfach raus und tausch die hier um. Klar doch! Neben mir wird geballert, offensichtlich mit größerem Kaliber. Es kracht, die Patronenhülsen fliegen. Alte und junge Schützen links und rechts neben mir.

30 Schuß später will ich auch mal was „größeres“ ausprobieren und tausche die Heckler & Koch gegen eine Glock um. Madame Bullseye zeigt mir wieder, wie man das Ding lädt und läßt gleich mal eine Packung mit 50 Schuß Munition da. Das Ding hat einen Fetzenrückschlag und macht beeindruckende Löcher in die Zielscheibe. Neben mir nun ein kleiner Asiate, der mit eigener fetter Wumme anrückt und gleich mal drei Magazine auffüllt. Danach platziert er seine Zielscheibe, das Bild einer Geisel mit Sack über dem Kopf, dahinter ein Fiesling, der der Geisel die Knarre an den Koph hält. Alles klar, denke ich mir, jetzt kann ich was lernen. Der Schützenkönig stellt sich locker hin, breitbeinig, einen Fuss leicht nach vorne gestellt, wie Schimanski im Duisburger Hafen auf Verbrecherjagd. Fehlt nur noch der Ausruf, „lass die Knarre fallen, Du Miesling“…bumm, bumm, bumm….und schon wäre die Geisel tot. Ein Schuß genau auf die Stirn, eine Kugel reißt das Ohr ab, eine trifft den Bösen an der Schulter. Tolle Ausbeute!

Ich ballere noch ein bisschen mit der Glock durch die Gegend, beeindruckt von der Schlagkraft. Draußen im Vorraum wartet die Dame in rosa Bluse. „How was it?“. „It was fun“. „That’s why we’re here“, erklärt sie mit einem Lächeln. Spaß hat es gemacht, weit und breit keine Spur von NRA und Waffennarren wie Ted Nugent. Sportschützen und Neugierige, die einfach mal ballern wollen. Was soll ich sagen, ich glaube, ich mach das mal wieder.