Mit der Wumme an der Tafel

Vier Jahre lang war ich auf der Staatlichen Realschule Nürnberg, drei Jahre davon in der zweiten Sportklasse. Das war so eine Luftnummer aus dem bayerischen Kultusministerium, Sport als Vorrückungs- und Abschlußfach. Schularbeiten, mündliche, schriftliche und praktische Abschlußprüfung. Nach zwei Klassen war Schluß, das war die bajuwarische Befreiungspädagogik der 80er Jahre. Na ja, immerhin war ich Teil der Schulgeschichte im Freistaat.

Ich stelle mir gerade vor, wie das damals im Klassenzimmer mit den Pappmaché Wänden in der Sigmundstraße war. Dieser bunte Haufen aus Schülern hier und vorne unser Klassenlehrer Günther Koch (ja, der Günther Koch, die „Stimme Frankens“). Irgendwie lief der Laden, alle machten ihren Abschluß. Wenn ich mir nun vorstelle, dass GK eine 45er im Holster gehabt hätte, dann wären die Erinnerungen an die Schulzeit sicherlich etwas anders.

Die Opfer an der Sandy Hook Grundschule.

Die Opfer an der Sandy Hook Grundschule. Fotos: Reuters.

Das Bild ist nicht weit hergeholt. In meiner neuen Heimat Amerika sind die Mordzahlen zwar seit den 90er Jahren drastisch gesunken, doch die Zahl der Schießereien und Amokläufe an Schulen und Bildungseinrichtungen ist deutlich gestiegen. Der traurige Höhenpunkt war sicherlich der Amoklauf von Adam Lanza im Dezember 2012. Er erschoß an der Sandy Hook Elementary School in Newtown 26 Menschen, darunter 20 Kinder. Danach veränderte sich Amerika. Es wurde vielfach gefordert, dass strengere Waffengesetze eingeführt werden müssen. Doch so laut der Ruf auch war, er verhallte in den Hallen des US Kongresses, die Waffenlobby hatte am Ende wieder die Diskussionführung übernommen. Und nicht nur das, der Vorschlag der „National Rifle Association“, NRA, als Antwort auf den Amoklauf mehr Lehrer an Schulen zu bewaffnen machte im ganzen Land Schule.

Bewaffnete Lehrer sind in den USA keine Ausnahme mehr.

Bewaffnete Lehrer sind in den USA keine Ausnahme mehr.

In Texas, Indiana, Ohio, Utah, Oklahoma und anderen Bundesstaaten wurden in Schuldistrikten Gesetze verabschiedet, die es Lehrer erlauben eine Knarre mit in den Unterricht zu bringen. „Teachers are our first defense line“ heißt es. Wenn der Supergau einer Schießerei an einer Schule eintreffen sollte, gibt es überall im Land genaue Verhaltensregeln. Doch das langt besorgten Eltern, Lokalpolitikern und Verfechtern einer liberalen Waffenkultur schon lange nicht mehr. Die Lehrer sollten in der Lage sein, so die Forderung, sich und die ihnen anvertrauten Kinder zu schützen, bis zum Eintreffen der Polizei und der Sicherheitskräfte einen Amokläufer aufhalten oder stoppen zu können. Und das auf gleicher Augenhöhe mit dem Täter. Heißt, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Bang, Bang, bumm-bumm, Wild-West auf dem Schulfhof und in den Klassenzimmern.

Nun ist diese Verteidigungsstrategie auch nach Kalifornien gekommen und setzt damit ein vielbeachtetes Signal für den Rest der USA. Die Mitglieder des Schulausschusses im „Kingsburg Joint Union High School District“ haben einstimmig dafür gestimmt, dass fortan Lehrkräfte bewaffnet zum Schuldienst kommen dürfen. Vor einem Monat wurde bekannt, dass bereits seit einigen Jahren im „Folsom Cordova Unified School District“ das Tragen von Schießeisen für Lehrer im Dienst erlaubt ist. Doch das hatte man bislang nicht öffentlich gemacht. Texas also in einigen Teilen Kaliforniens. Die Waffenlobby jubelt über all das, denn sie sieht ihre Sicht der Dinge bestätigt. Nur wenige Tage nach den Todesschüssen an der Sandy Hook Grundschule hatte der NRA-Präsident Wayne LaPierre in einer Pressekonferenz die Bewaffnung der Lehrer und mehr Sicherheitsbeamte an Schulen gefordert. Denn, so LaPierre, „The only way to stop a bad guy with a gun is with a good guy with a gun“. Das ist Logik auf amerikanisch!

Der Terror vor der eigenen Haustür

1988 war ich das erste Mal in den USA, danach regelmäßig. 1992 dann ein ganzes Jahr, 1996 zog ich dann mit Sack und Pack an die Westküste. Heute habe ich die doppelte Staatsbürgerschaft, bin eben auch Amerikaner, zumindest auf dem Papier, doch mehr verstehe ich „sie“ deshalb auch nicht.

Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 existiert der „War on Terror“. Billionen von Dollar wurden dafür ausgegeben, Tausende von Soldaten starben in Afghanistan und Irak, die Welt ist nach diesen zwei Kriegen dennoch nicht sicherer geworden. Ganz im Gegenteil. „It’s a mess“ wohin man auch blickt. Und in den USA selbst hat dieser Krieg gegen den Terrorismus zu drastischen Veränderungen geführt. Bürgerrechte wurden eingeschränkt, Geheimgerichte und Geheimgefängnisse eröffnet, riesige Datenbanken aufgebaut, unter dem Begriff „Homeland Security“ ist heute alles möglich in den USA. Zehntausende von Menschen dürfen in kein Flugzeug mehr einsteigen, warum sie auf der „No Fly“-Liste sind und wie man davon wieder gestrichen wird, weiß niemand. Moscheen, islamische Zentren und Geschäfte sind unter FBI Beobachtung. „Wer nichts zu verbergen hat, braucht sich auch keine Gedanken machen“, diesen Satz habe auch ich schon in Diskussionen gehört, in denen ich die einschneidenen Maßnahmen der US Regierung kritisierte. Keiner murrt über die nervigen und teils schikanierenden Schlangen am Flughafen auf, die Überwachung des öffentlichen Raumes ist zur Normalität geworden, sogar Park Ranger sind in den USA an der „Homeland Security“ Front eingesetzt.

Und dann sind da die allabendlichen Nachrichten. „News Alert“ flimmert auf den 24 Stunden Kabelkanälen gleich mehrfach am Tag über die Bildschirme. Eigentlich ist nichts passiert, doch verkauft wird die Angst vor den Anderen, den angeblichen islamistischen Zellen in den USA, den ohne Gerichtsverhandlung und Richterspruch einsitzenden Gefangenen in Guantanamo Bay, den Terroristen in Übersee und den ach-so-vielen Schläferzellen in Amerika, die nur auf ihre Chance und ihren Marschbefehl warten. Und jüngst sind auch noch die syrischen Flüchtlinge dazugekommen, unter denen sich nur Radikale und Fanatiker befinden, so Donald Trump. Amerikaner sind eigentlich Angsthasen, wenn man sich die Newssendungen hier ansieht und daran glaubt, dass die Botschaft auch ankommt, dann ist das hier das Land der Menschen, die die Buxe voll haben.

Die Knarre gehört zu Amerika wie Coca Cola und Micky Maus. Foto: Reuters.

Das Schießeisen gehört zu Amerika wie Coca Cola, BBQ, Hamburgers und Micky Maus. Foto: Reuters.

Umso verwunderlicher ist es, dass die Amerikaner mit dem Terror vor der eigenen Tür gut leben. Oder zu leben gelernt haben. Egal, wie man es sieht und bewertet, dieses Land, diese Gesellschaft kann man nicht verstehen. Anders ausgedrückt, wenn eine amerikanische Auslandsschule, nehmen wir als Beispiel die „International School of Kenya“ in Nairobi, Ziel eines terroristischen Anschlages durch die somalische Al-Shabaab werden würde, Dutzende von Schulkindern getötet und verletzt werden würden, dann würden die USA reagieren. Washington wäre geeint in einer militärischen Reaktion, die schnell, hart, umgehend und kompromisslos käme. Nichts anderes würde man von den USA erwarten.

Seit dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut, im Dezember 2012 gab es in den USA 142 weitere Schießereien an Schulen und Bildungseinrichtungen. Fast jede Woche ein Vorfall mit Toten und Verletzten. Dazu kommen noch all die anderen Amokläufe, Massenschießereien und Morde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In jeder Schule gibt es einen „Lockdown“ Drill, dabei wird das Verhalten trainiert, was zu tun ist, wenn ein Bewaffneter auf das Schulgelände kommt. Schüler, Studenten, Eltern und Familien leben mit der täglichen Angst, dass es auch hier in ihrer Nachbarschaft passieren könnte, denn die Statistik zeigt, es passiert überall.

Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man Opfer eines Amoklaufes wird. Doch die Wahrscheinlichkeit ist in den USA höher als in jedem anderen Land. Die Wahrscheinlichkeit für mich, der schon öfters in Konflikt und Post-Konflikt Regionen unterwegs war, ist höher, hier in den USA Opfer einer Schießerei zu werden, als in Afghanistan, Nord-Mexiko, Kongo, Tschad oder demnächst in Somalia.

Die Amerikaner haben gelernt mit dem Terror im Alltag zu leben. Verstehen kann man es jedoch nicht. Warum würde die US Militärmaschinerie nach einem Anschlag auf die „International School of Kenya“ in Gang gesetzt werden, die Täter dingfest oder wahrscheinlicher „neutralisiert“, Hintermänner des Attentats ausfindig gemacht werden. Sie müssten auch nach Jahren noch mit Dronenangriffen rechnen. Amerika schläft und vergisst nicht.

Ganz anders im eigenen Land. 142 Schulschießereien in 34 Monaten, und nichts ist passiert. Hier Trauer, Betroffenheit, Hilflosigkeit, das Gefühl, es ist einfach so, es wird sich nichts ändern. Dort die hirnrissige Forderung nach der Bewaffnung von Lehrern und Schülern, um Amokläufer schnell auszuschalten. Der Waffenbesitz ist nun nach dem jüngsten Vorfall am „Umpqua Community College“ in Roseburg, Oregon, auch wieder zum Wahlkampfthema geworden. Donald Trump hat sich unter dem Applaus von NRA Trollen geoutet, eine Lizenz zum Tragen eines Schießeisens zu besitzen. Und ja, er fordert mehr Waffen in allen Lebenslagen, aber das verwundert nun wirklich niemanden mehr.

Es scheint, Terrorismus ist in den USA eine Auslegungssache, die sehr stark von der Lobbyarbeit in Washington abhängt. Das Erschießen amerikanischer Kinder ist im Ausland anders zu betrachten und zu werten, als im Inland. Und im Inland ist es nur dann ein terroristischer Akt, wenn der oder die Täter Islamisten oder rechtsradikale Spinner sind. Aber selbst dann wird es sehr laute Stimmen in den USA geben, die alles daran setzen, den allgemeinen Zugang zu Waffen nicht zu beschränken. Das begreife, wer will. Fazit ist, es wird sich nichts ändern.

558 Tote durch Polizeikugeln…so far!

Ein erneuter Fall. Wieder ein toter Afro-Amerikaner. Diesmal wurde ein unbewaffneter Schwarzer von einem weißen Campus Polizisten in Cincinnati erschossen. Wegen einer Lapalie, einem fehlenden vorderen Kennzeichen. Doch diesmal klagt der lokale Staatsanwalt auf Mord. Und erneut gibt es eine Diskussion, wie rassistisch die amerikanischen Polizeieinheiten sind.

Foto: AFP

Foto: AFP

Die Statistiken zeigen ein klares Bild. 558 Menschen wurden in diesem Jahr (!) durch Polizeikugeln in den USA getötet. 534 Männer und 24 Frauen. Davon waren 468 mit einer „deadly weapon“ bewaffnet, 57 waren unbewaffnet. Von all den Getöteten waren 274 Weiße, 140 Schwarze, 86 Hispanics und 20 „Andere“. Man kann diese Statistik nun lesen wie man will, auslegen wie man will, analysieren wie man will. Eines steht fest, Afro-Amerikaner sind im Bezug auf die Gesamtbevölkerung häufiger betroffen, als Weiße. Aber das sind sie auch im Strafvollzug, bei Schulabgängern, bei Obdachlosen.

Diese Statistik der tödlichen Schüsse durch Polizisten belegt eigentlich nur eines. Und zwar, dass Amerika ein grundlegendes Problem hat. Es gibt eine Schieflage in der Gesellschaft, die auch 50 Jahre nach der Bürgerrechtsbewegung noch nicht behoben ist. Und seien wir mal ehrlich, wohl auch nicht zu beheben sein wird, gewollt oder ungewollt. Die Mär vom „American Dream“, vom Hocharbeiten, vom Tellerwäscher zum Millionär ist so gegenwärtig und so falsch wie seit langem nicht mehr. Das wird in diesen Tagen, Wochen und Monaten offensichtlich. Das steht hinter diesen trockenen Statistikzahlen.

Es ist allerdings kein Schwarz-Weiß Bild, das man hier ansetzen kann, also hier die schwarzen Opfer, dort die weißen Täter. Wer so denkt, kommt zwar zu einem Ergebnis, doch zu keiner Lösung. Allerdings will man in den USA auch keine ernstzunehmenden Lösungsvorschläge, das zeigt die Debatte um Waffenbesitz und – gewalt nur zu gut. Selbst der gegenwärtige Wahlkampf macht deutlich, dass es um eine inhaltliche Diskussion schon lange nicht mehr geht. Tödliche Statistiken hin oder her. Es ist eine platte Phrasendrescherei, die am Ende zu nichts führen wird.

Wenn sich die Geister scheiden

Fünf Menschen starben, drei wurden verletzt, als am 16. Juli Mohammad Abdulazeez erst auf ein Rekrutierungsbüro des amerikanischen Militärs und dann auf eine Reservistenzentrum schoß. Der Täter war am Ende einer der fünf Toten. Dieser Amoklauf war nicht der erste und nicht der letzte in den USA.

Foto AFP

Foto AFP

Bereits über 200 Schießereien mit mehreren Opfern hat es in den USA schon in diesem Jahr gegeben. Unvorstellbar, wenn man sich die Zahlen und die Folgen genauer ansieht. „Mass Shootings“, werden diese Taten hier genannt. Die Geister scheiden sich derzeit nur, ab wann man ein „Mass Shooting“ ein „Mass Shooting“ nennen kann und darf. Die „Harvard School of Public Health“ definiert es als eine Schießerei in der Öffentlichkeit, die nichts mit häuslicher Gewalt, Drogen und Gangs zu tun hat und bei der mehr als vier Menschen sterben. Der „Stanford Geospatial Center “ hingegen meint, man könne schon dann von einem „Mass Shooting“ sprechen, wenn es „einen Täter gibt, der drei oder mehr Menschen in einer Tat erschießt“. Egal ob Tote oder Verletzte. Drei Menschen, drei Opfer!

Die Webseite shootingtracker.com dokumentiert unterdessen diese Taten und listet sie auf. Einfache harte Zahlen, eine Liste mit Tatort, Tätern, Anzahl der Todesopfer und Verletzten. Alleine diese Liste zeigt, das und was in Amerika falsch läuft. Denn eigentlich müsste es deutliche Reaktionen geben, ein Aufschrei, der von der Ost- zur Westküste zu hören ist. Doch nichts passiert. Somit wird die Liste tagtäglich fortgesetzt. In diesem Jahr. Im nächsten Jahr.

Die einzige Lösung für Schulmassaker?

Wenn ich an meine Schulzeit denke, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass es den einen oder anderen Lehrer gab, der gerne hin und wieder mal mit der Knarre in die Luft geschossen hätte, einfach um Ruhe in den Raum zu bringen. Die zweite und letzte Sportklasse in der Staatlichen Realschule Eibach war schon ein wilder Haufen. Das ganze war eine Versuchsklasse der bayerischen Staatsregierung, doch nach zwei Jahrgängen war Mitte der 80er Jahre Schluss. Irgendwie drängelten sich keine Sportskanonen von uns auf die internationale Bühne und der Abschluß in Sport war irgendwie „nüscht“ wert.

Dieses Schild gilt nicht für Lehrer.

Dieses Schild gilt nicht für Lehrer.

Aber ich denke mir, hin und wieder hätte da ein Lehrer oder eine Lehrerin schon gerne dazwischen gefunkt. Na ja, nicht unbedingt mit einer Knarre durch die Gegend ballernd, denn so schlimm war es dann nun doch nicht. Aber was in Eibach undenkbar gewesen wäre ist in 18 amerikanischen Bundesstaaten schon Realität. Lehrer dürfen bewaffnet zum Unterricht kommen. Nein, nicht um als John Wayne mit wippendem Colt an der Hüfte für Recht und Ordnung zu sorgen. Sie dürfen vielmehr die Wumme zum Selbstschutz und zum Schutz ihrer Schüler tragen.

Immer wieder gibt es in den Nachrichten die Schlagzeilen, dass hier und dort ein Schüler bewaffnet zum Unterricht kam und Mitschüler und Lehrer teils wahllos abknallte. Columbine, Sandy Hook und jüngst Marysville im Bundesstaat Washington, es passiert überall und immer wieder in den USA. Die Waffenlobbyisten der „National Rifle Association“ drängten schon früh darauf, dass man sich gegen Amokläufer nur bewaffnet wehren kann. Also sollten die Lehrer und die Schulleitung „armed“ sein. Zahlreiche Politiker folgten dieser Argumentation und brachten Gesetzesvorlagen in den jeweiligen Parlamenten ein. Nun also gibt es bereits Waffengesetze in 18 Bundesstaaten, die es Lehrern erlaubt, auf etwaige Zwischenfälle „entsprechend“ zu antworten.

Argumentiert wird, dass bewaffnete Lehrer und Schulleiter zumindest einen Amokläufer stoppen oder aufhalten könnten, um so schlimmeres zu verhindern, bis die Polizei am Tatort eintrifft. Man setzt also der Waffennarrerei in den USA noch eins drauf. Nicht weniger Waffen sind das Ziel, sondern eine vermeintliche Waffengleichheit. Eigentlich ist das ein Armutszeugnis für die amerikanische Gesellschaft, denn damit wird ganz deutlich gesagt, wir geben auf. Das Waffenproblem im Land ist nicht mehr unter Kontrolle zu bringen, nur noch eine allgemeine Bewaffnung scheint vor Schießwütigen auf den Straßen, in den Universitäten, den High Schools und Grundschulen zu helfen. Armes Amerika!

Land im Kriegszustand

Nach dem Polizistenmord in Sacramento.

Nach dem Polizistenmord in Sacramento.

Schießerei an einer Schule in Washington State; 2 Tote, 4 Verletzte. Verfolgungsjagd in Sacramento; zwei tote Polizisten. Eine Frau wird mit tödlichen Schußwunden in Oakland gefunden. Ganz normale Nachrichten in den USA. Anfangs denkt man beim Hören oder Lesen oder Sehen der News, „nicht schon wieder!“, doch dann geht man zur Tagesordnung über. Und die heißt, man lebt mit dem Wissen, dass Amerika ein Land im Kriegszustand ist. Anders ausgedrückt. Ich lebe seit nunmehr über 18 Jahren in den USA. In dieser Zeit sind über 300.000 Menschen auf den amerikanischen Straßen, in den Schulen, in den Einkaufszentren, am Arbeitsplatz, in ihren eigenen vier Wänden mit einer Schußwaffe ermordet worden. Weitere mehr als 300.000 Selbstmörder haben sich mit einer Knarre umgebracht, meistens sich den Kopf weggeblasen. Innerhalb von 18 Jahren ist eine Bevölkerungsgruppe vergleichbar mit der Einwohnerzahl von Nürnberg und Fürth durch Schußwunden umgekommen. Das ist eine Tatsache, das ist Realität, das sind die USA.

Es gibt in diesem Land Narren, die fordern, Lehrer und Professoren, Blockwarte und Feierabendsheriffs, Briefträger und Supermarktangestellte, du und ich sollten das Recht und die Möglichkeit haben, immer eine Waffe bei sich zu tragen. Damit, so die Argumentation, ließen sich Mord, Vergewaltigung, Überfälle verhindern. Wenn ein böser Bube oder ein böses Mädel erkennen würde, dass das potenzielle Opfer eine 45er am Gürtel, eine Glock im Holster oder eine Ak-47 an der Schulter hängen habe, dann würde es keine Straftat geben. Das ist wahrhaft die Argumentation all jener, die auf ein vermeintliches Grundrecht auf Waffenbesitz pochen. Ein Recht, das 1791 in die Verfassung aufgenommen wurde, von Männern (!), die Frauen nicht wählen ließen, die Sklaverei befürworteten, die alles andere als herausragende Kämpfer für eine allgemein gültige Demokratie waren. Und heute stellen sich tatsächlich Verfechter der amerikanischen Verfassung hin und verteidigen ausgerechnet dieses „Grundrecht“, das Jahr für Jahr weit über 30.000 Menschenleben im eigenen Land fordert. Das Gesamtbild dieser „großartigen“ Gründungsväter wird da nur verzerrt betrachtet. Man nimmt das, was man gut findet, und verschweigt jenes, was man lieber unter den Teppich kehrt.

Schulschießereien, getötete Polizisten, gefährliche Nachbarschaften, all das war, ist und bleibt Normalität in den USA. Nichts wird sich daran ändern. Amerika ist ein Land im Kriegszustand, und das an der Heimatfront.

Ein Schuß in den Ofen

Der Amoklauf von Isla Vista mit sieben Toten und 13 zum Teil Schwerverletzten ruft die Waffengegner auf den Plan. In Kalifornien wurde im Eilschritt eine Gesetzesinitiative eingebracht, die Angehörigen und der Polizei mehr Rechte einräumen sollen. Wenn jemand auffällig ist, sollen die Behörden die Möglichkeit haben Schußwaffen im Besitz der Person zu beschlagnahmen. Dieses Gesetz ist eine Antwort auf das, was am Freitagabend in der kleinen Strandgemeinde bei Santa Barbara passierte. Und es ist eine Initiative, die für die Katz‘ ist. Sie wird rein gar nichts bringen.

Elliot Rodger

Elliot Rodger

Heute lief ein Interview auf KQED mit der demokratischen Abgeordneten Nancy Skinner, die diesen Gesetzestext schrieb und einem Waffenbefürworter, Robert Farago. Und letzterer machte für mich mehr Sinn, als der Schnellschuß in den Ofen, der in Sacramento formuliert wurde. Denn Elliot Rodger hatte zuerst drei Menschen mit einem Messer erstochen, danach auf seiner Autofahrt gezielt Passanten mit seinem BMW angefahren und nebenbei auch noch geballert. Etwas zynisch fragte Farago, ob man denn per Gesetz vorschreiben möchte, einem Auffälligen auch Messer und Autoschlüssel wegzunehmen.

Elliot Rodger, wie ich bereits in einem früheren Blogeintrag vermerkte, ist kein gutes Beispiel dafür, dass strengere Gesetze in Zukunft irrsinnige Amokläufe wie seinen verhindern könnten. Der 22jährige hatte massive mentale Probleme, die erst spät erkannt und dann nicht beachtet wurden. Rodger wollte töten, auch ohne seine Schußwaffen richtete er Unschuldige hin.

Kalifornien ist der Bundesstaat mit den strengsten Waffengesetzen. Schon jetzt haben Polizei und Behörden Möglichkeiten, bei auffallendem Verhalten Waffen zu beschlagnahmen und ein Verbot des Waffenbesitzes für einen längeren Zeitraum auszusprechen. Was bei dieser Bluttat mehr heraussticht als der einfache Zugang zu Schußwaffen ist die Tatsache, dass ein sichtlich gestörter junger Mann, der damit auch nicht hinterm Berg hielt und Dutzende von Videos veröffentlichte, von einem „mental health system“ außen vor gelassen wurde. Nancy Skinner mußte in dem Interview zugeben, dass gerade in diesem Bereich in jüngster Zeit finanzielle Mittel eingespart wurden. Warum? Die Frage ist auch, warum die Eltern nicht weiter Druck ausübten, nachdem die Polizei Elliot Rodger besuchte und ihn als „höflich“ und „schüchtern“, aber nicht als Gefahr einstufte?

Die Waffengegner in den USA leisten sich gerade einen Bärendienst, wenn sie diesen Amoklauf als Anlaß nehmen, um die Waffenflut in den USA unter Kontrolle zu bringen. Die Flut ist schon lange nicht mehr einzudämmen. Die allgemeine Kriminalitätsrate in den USA ist gefallen, allerdings ist die Anzahl von Amokläufen in jüngster Zeit gestiegen. Das sollte zu denken geben. Amerika ohne Waffen ist ein schöner Traum, der nie umgesetzt werden wird und kann. Man sollte nun vielmehr daran gehen, ein System zu schaffen, dass solche Wahnsinnstaten vom Freitag verhindern kann. Darin sollte Geld und Energie investiert werden, nicht in „feel good“ Gesetzesinitiativen.

“A spoiled rich white brat”

Die Kommentare unter Onlineartikeln und in verschiedenen Social Networks reichen von Trauer, Unverständnis, bis hin zu Wut und Häme. Elliot Rodger hatte alles und machte andere für seine Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen verantwortlich. Als Sohn eines Hollywoodproduzenten und einer Schauspielerin, mit Geld und eigenem BMW, einem Studium, mit Möglichkeiten im Leben, er verbaute sich das Leben selbst. Beendete alles mit seinem Amoklauf am Freitagabend, der sieben Menschen das Leben kostete und 13 Personen verletzte. Im Rückblick deutet vieles im Leben des 22jährigen auf ein dramatisches Ende hin, doch die Zeichen wurden nicht erkannt. Warum auch immer.

Zuerst erstach er am Freitagabend drei junge Männer in seiner Wohnung, bevor er in seinem Hass auf Frauen zum Haus der Studentenverbindung Alpha Phi fuhr, dort laut an die Tür klopfte, doch niemand öffnete. Drei junge Frauen, die zufällig in der Nähe standen, wurden sein Ziel und seine Opfer. Zwei starben im Kugelhagel, die andere ließ er in ihrem Blut liegen. Elliot Rodger setzte sich in seinen BMW und fuhr los. Das Ziel, ein kleiner Eckladen. Dort stieß er auf den 20jährigen UCSB Studenten Michael Martinez. Auch er mußte sterben. Wieder setzte sich Rodger in seinen Wagen und raste durch die „Beach Community“ Isla Vista, schoß wahllos auf Passanten und versuchte andere mit seinem Auto zu überfahren. Zweimal feuerte auf Polizisten, die ihn mittlerweile verfolgten. Die ballerten zurück, verletzten den 22jährigen an der Hüfte. Schließlich und endlich rammte Elliot Rodger einen parkenden Wagen und erschoß sich selbst, so die Angaben der Polizei. In seinem Auto wurden drei semi-automatische Waffen mit mehr als 400 Schuß Munition gefunden. Rodger hatte sich auf einen Krieg vorbereitet.

7 Menschen sind tot, 13 Verletzte, eine Gemeinde im Schock. Und jeder kennt nun Elliot Rodger. Die Familie hatte Ende April die Polizei alarmiert aus Angst vor einem Selbstmord oder einer Gewalttat. Sie hatten die verstörenden Videos ihres Sohnes auf YouTube gefunden und gesehen. Beamte besuchten Elliot Rodger in seinem Apartment und redeten mit ihm. Er sei schüchtern und höflich gewesen, so der Bericht der Polizei. Er habe zwar Probleme sich ins soziale Leben der Studentengemeinde einzufügen, aber man sehe keinen Bedarf ihn unter ärztliche Überwachung zu stellen. In einem Video erklärte Elliot Rodger anschließend: „Wenn sie verlangt hätten, mein Zimmer zu durchsuchen…das hätte alles beendet. Für ein paar schreckliche Sekunden dachte ich, jetzt sei alles vorbei“. In seinem Zimmer lagen die drei Tatwaffen und die Munition, die er am Freitagabend verschoß.

Ein Madman im Blutrausch

Immer mehr Details vom Amoklauf am Freitagabend werden veröffentlicht. So soll Elliot Rodger zuerst drei Menschen in seinem Apartment erstochen haben, bevor er in seinen BMW stieg, durch die Gegend fuhr und wahllos auf Passanten schoß. Dabei tötete er drei weitere und verletzte, zum Teil schwer, sieben Menschen. Während der zehnminütigen Autofahrt durch die Strandgemeinde Isla Vista bei Santa Barbara, lieferte er sich auch noch einen Schußwechel mit der Polizei. Mit einer eigenen Kugel soll sich der 22jährige schließlich selbst hingerichtet haben, sein Wagen krachte in ein parkendes Fahrzeug. Die Polizei fand weitere 400 Schuss in seinem Auto.

Sheriff Bill Brown nannte den Amoklauf einen „vorsätzlichen Massenmord“, die Tat eines Geisteskranken. Niemand hätte das voraussehen und stoppen können. Dem widersprechen allerdings die Eltern von Elliot Rodger, die in einer ersten Stellungnahme erklärten, sie hätten bereits vor Wochen die Behörden auf die beunruhigenden Videos ihres Sohnes aufmerksam gemacht, die dieser auf einem eigenen YouTube Kanal veröffentlichte. In diesen Filmchen sieht man den 22jährigen, wie er davon spricht, das Leben sei nicht fair, kein Mädchen wolle ihn. Er plane, so Rodger in einem seiner Videos, Vergeltung.

Der Fall hat bereits zu ersten Forderungen nach strengeren Kontrollen bei Waffen- und Munitionskauf geführt. Doch, wie wir alle wissen, wird das zu nichts führen. Vielmehr wird die National Rifle Association, NRA, fordern, dass man fortan auch in Kalifornien offen Schußwaffen mit sich führen darf. Denn dann, so die Logik der NRA, hätte der Amokläufer frühzeitig mit einem gezielten Schuß zur Strecke gebracht werden können.

Geld macht nicht glücklich

Ein nagelneuer BMW, Businessflüge rund um die Welt, ein Studium in Santa Barbara, Privatkonzert mit Katie Perry, Geld war kein Problem. Und doch, der 22jährige Elliot Rodger war alles andere als glücklich. Sein Vater ist der Hollywoodproduzent Peter Rodger, seine Mutter die Schauspielerin Soumaya Akaaboune. Peter Rodger ist für seine Arbeit mit Hugh Jackman und jüngst für den Blockbuster „The Hunger Games“ bekannt. Das Foto zeigt den jungen Rodger mit seinen Eltern bei der Premiere des Welterfolgs.

Am Freitag nun drehte Elliot Rodger durch. In seinem BMW fuhr er durch Isla Vista in unmittelbarer Nähe der UC Santa Barbara. Erst ballerte er mit einer semiautomatischen Waffe aus dem Fenster, bevor er gezielt auf Menschen schoß. Danach raste er mit seinem Wagen, verfolgt von der Polizei, durch die Straßen, bevor er in ein geparktes Auto krachte. Die Beamten fanden ihn tot mit einer Schußwunde im Kopf. Noch ist unklar, ob sich Rodger selbst erschossen hat oder ob ihn eine Polizeikugel erwischte. Sechs weitere Menschen starben und sieben Personen wurden zum Teil schwer verletzt bei diesem jüngsten Amoklauf.

Elliot Rodger war auffällig. Er hatte seinen eigenen YouTube Kanal und postete immer wieder Filmchen, in denen er davon sprach, wie unfair doch das Leben sei. Hier sitzt er in seinem eigenen BMW und erklärt, dass ihn Mädchen einfach übersehen.

YouTube Preview Image

Woher Elliot Rodger die Waffe für seine Amokfahrt hatte ist noch unklar. Die Ermittlungen sind derzeit im vollen Gange. Klar ist nur, dass einiges schief gelaufen ist und man im Umfeld von Rodgers durchaus die Zeichen hätte erkennen können, erkennen müssen. Aber wahrscheinlich ist und bleibt das nur ein weiterer Fall einer wilden Schießerei im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Abgehakt, wir warten auf den nächsten Zwischenfall.

UPDATE: In einer ersten Erklärung der Rodger Familie heißt es, ihr Sohn sei höchstwahrscheinlich der Täter. Sie hätten schon vor Wochen die Polizei auf die schockierenden Videos aufmerksam gemacht, die der Sohn auf YouTube hochlud. Doch anscheinend gab es darauf keine Reaktion von Seiten der Behörden.