Was für eine nationale Krise?

Die Frage eines Reporters traf es genau. Woher nimmt Präsident Donald Trump seine Zahlen, wenn er sagt, es gebe an der Grenze zu Mexiko eine humanitäre und sicherheitspolitische Krise. Drogen und Kriminelle kämen ungehindert ins Land, eine Mauer müsse gebaut werden. Denn, so der Reporter weiter, das FBI, die Grenzbehörde und auch das Justizministerium veröffentlichten ganz andere Zahlen. Demnach kämen 95 Prozent der Drogen über die legalen Grenzübergänge in die USA und auch die „Vergewaltiger, Mörder und Kriminelle“ ohne legale Papiere seien meist schon lange im Land.

Grenze zu Mexiko bei El Paso, Texas.

Trump reagierte, wie er eben immer reagiert. Er bekomme seine Zahlen und Fakten von vielen Seiten, vor allem vom Ministerium für Heimatschutz. Ausserdem verdrehten die Medien die veröffentlichten Zahlen, denn es gäbe tatsächlich eine große nationale Krise, ja, einen Notstand an der Grenze mit Mexiko. Was der Präsident nicht erwähnt ist, dass so einige konservative Talk Show Moderatoren, wie Rush Limbaugh und Sean Hannity, großen Einfluss auf das Denken von Donald Trump haben. Schon mehrmals schien es so, dass Trump auf Tweets oder auf Inhalte in den Sendungen dieser Rechtsaußenpopulisten reagierte. Hannity gilt deshalb auch als „Berater“ des Präsidenten.

Nun also ruft Donald Trump den nationalen Notstand aus, für etwas, was kein nationaler Notstand ist. Die Situation an der Grenze könnte ohne weiteres und parteiübergreifend gelöst werden, aber dazu lässt es Donald Trump nicht kommen. Er hatte seiner 25Prozent Basis im Wahlkampf eine Mauer versprochen, „from sea to shining sea“. Hoch, schön und unüberwindbar sollte sie sein. Und dieses Versprechen will er einlösen, auch wenn es nur teuer ist und keinen Sinn macht.

Trump allerdings übersieht die wahren Krisen im Land. Erst gestern war der erste Jahrestag des Schulmassakers von Parkland. Der Präsident sprach vor einem Jahr noch große Worte, er wolle den Zugang zu Waffen für Jugendliche beschränken, bestimmte Waffengattungen und -zusätze verbieten lassen. Geschehen ist nichts. Seit Parkland gab es 31 weitere Schulschießereien, das ist eine alle 12 Tage. Seit den tödlichen Schüssen an der „Marjory Stoneman Douglas High School“ wurden in den USA 429 weitere „Mass Shootings“ gezählt.

Mister President, das ist eine nationale Krise! Eine, die diese Bezeichnung verdient. Ich könnte nun auch noch vom Klimawandel anfangen, dessen Folgen schon jetzt in den USA zu spüren sind. Aber wir alle wissen ja, dass Donald Trump die Fakten der Wissenschaftler anzweifelt, sogar die seiner eigenen Angestellten in Bundesbehörden. Vielmehr lässt er Informationen streichen, verändern, abschwächen, um ja nicht handeln zu müssen. Donald Trump entwickelt sich durch sein Handeln und vor allem durch sein Nicht-Handeln mehr und mehr selbst zu einer nationalen Krise für die USA.

Amerika hat täglich seinen Krieg

San Francisco: 98. Oakland: 123. San Jose: 32. Richmond: 28, Antioch 9….Die Zahlen stehen für die ermordeten Menschen im Jahr 2008. Die Kommunen in der San Francisco Bay Area verzeichneten im vergangenen Jahr, wie überall im Land, einen leichten Rückgang bei den Mordopfern.

Aber ohne Zweifel sind sie noch viel zu hoch. Als ich meinen Eltern davon erzählte, dass ich nach Afghanistan reisen werde, schlugen sie nur die Hände über dem Kopf zusammen. „Von wem hat der Junge das nur?“, fragte meine Mutter. „Musst Du da wirklich hin“, meinte mein Vater. Das Argument, dass das ja gar nicht so gefährlich sei, gerade weil ich mit der Bundeswehr unterwegs sei, liessen sie nicht zählen. Dummerweise gab es gerade an dem Tag, als ich davon berichtete, einen weiteren Anschlag im Norden Afghanistans. Also erklärte ich, dass in Oakland bereits 1200 Menschen ermordet wurden, seitdem ich im Herbst 1999 hierher gezogen war. Und verglichen mit Afghanistan ist es statistisch betrachtet wohl wahrscheinlicher hier Opfer einer Gewalttat zu werden, als in Mazer-e Sharif oder Kunduz. Die Antwort meiner Eltern auf diese, meiner Meinung nach, hervorragende Argumentation kann man sich wohl denken. Meine Mutter erklärte nur, ich hätte überhaupt nicht nach Amerika gehen und lieber in Nürnberg „was“ (einen Job) finden sollen. Ich denke mal, Müttern kann man nicht mit Statistiken kommen.

Aber zurück zum Thema. Amerika hat einen Krieg auf den eigenen Strassen mit jährlich tausenden von Opfern. Seitdem ich in Oakland lebe wird jedes Jahr darüber gesprochen, wie man das Problem in den Griff kriegen kann. Es gibt Absichtserklärungen und Pläne, Gewalpräventionsprogramme und schöne Worte. Getan wird letztendlich recht wenig. Es sterben nicht nur rivalisierende Bandenmitglieder, sondern immer öfters auch unbeteiligte Passanten, die zwischen die Feuerlinien geraten. Der Ruf nach mehr Polizei ist da, die lokalen Steuern steigen kontinuierlich, um das alles zu finanzieren, aber die Ergebnisse lassen auf sich warten. Das Problem ist, dass es zu viele Knarren auf der Strasse gibt. In einigen Stadtteilen Oaklands (und sicherlich auch in anderen Städten) ist es so, dass es für Kinder einfacher ist, an der nächsten Strassenecke für ein paar Dollar eine Knarre zu kaufen, als Bleistifte oder Hefte für die Schule. Geredet wird hier viel über Ursachen und Lösungsvorschläge. Doch es wird sich nichts ändern, die Gewalt auf den amerikanischen Strassen wird bleiben. Das ist nicht pessimistisch, das ist vielmehr eine realistische Einschätzung. Man lernt einfach damit zu leben.

Blutiges Wochenende

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Zwischen Samstagmorgen 3 Uhr und Sonntagnachmittag 18 Uhr wurden in Oakland sechs Menschen erschossen, drei weitere schwer verletzt. In San Francisco gab es zwei Morde. Ein blutiges Wochenende liegt hinter uns. Und nun sitzen die Verantwortlichen im Rathaus mal wieder da und überlegen, was zu tun ist. Der Bürgermeister Ron Dellums, ein früherer Kongressabgeordneter und US weit bekannter Demokrat, wundert sich, dass seine Gewaltpräventionspläne nicht greifen, ist sich aber sicher, dass das schon noch klappt. Pustekuchen! Dellums ist ein Vertrauter von Hillary Clinton und hat sich in den letzten Monaten lieber in Sachen Wahlkampf rumgetrieben, als sich um die Probleme daheim zu kümmern. Die waren ihm zu profan, klar, hier die potentielle Präsidentschaftskandidatin in deren Kabinett man sitzen möchte und da eine olle Stadt im Schatten von San Francisco, wo so gut wie gar nichts voran geht.

Sechs Morde in weniger als 40 Stunden ist ein  neuer Höhepunkt, aber grundsätzlich nichts neues für diese Stadt. Seit nunmehr neun Jahren lebe ich in Oakland und jedes Jahr ist die Mordrate hoch, zu hoch…2007 lag sie bei fast 150 Toten. Nicht berücksichtigt sind dabei die überlebenden Opfer von Gewaltkriminalität, die in dieser nationalweit beachteten Statistik überhaupt nicht auftauchen.

Seitdem ich hier lebe wird ständig über dieses Thema gesprochen, aber ausser vielen Worten geschieht nichts. Bürgermeister kamen und gingen. Polizeipräsidenten kamen und gingen. Strategien wurden angedacht, umgesetzt und ziemlich bald als gescheitert erklärt, denn es fehlt die Geschlossenheit in der Stadt, der Wille gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Kaum eine Kommune ist so zerstritten wie Oakland. Da kämpft die Stadtverwaltung gegen Stadträte (Supervisors), Bürgermeister gegen Gott-weiss-wen und lokale Persönlichkeiten untereinander. Und unterdessen wird auf den Strassen der Stadt weiter rumgeballert und gemordet. Hier gibt es Stadtteile, die meidet man lieber, denn ein „Drive by shooting“ könnte jederzeit passieren und dann wäre man vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort das falsche Opfer.

Sechs Morde und mehrere Schwerverletzte mit Schusswunden in weniger als 40 Stunden und jeder zuckt nur mit den Schultern. Die Polizei und Sonderkommissionen für Bandenkriminalität schwärmen nun aus. An die eigentlichen Gründe für die Wild-West Knallerei in der Stadt traut sich jedoch keiner, denn niemand, der den Willen zur Veränderung hat, hat auch den Rückhalt in Oakland.
Was würde in Nürnberg passieren, wenn sich solch eine Gewaltspirale immer schneller drehen würde….

Gewaltfrage

Luis Solari

Luis Solari war 37 Jahre alt, als er am Mittwochabend auf der Autobahn I-280 in San Francisco erschossen wurde. Er war nach einem langen Arbeitstag auf dem Weg seine Frau von ihrem Job abzuholen. Im Auto waren auch seine zwei Jungs, die er vorher noch von der Tagesbetreung einsammelte.

Und irgendwas passierte dann auf dem Freeway. Die Polizei geht nach ersten Ermittlungen davon aus, dass Solari einen anderen Fahrer schnitt. In dem Wagen waren nach Aussagen einer der Söhne drei Männer, die auf einmal neben Luis Solaris Auto fuhren, böse herüber schauten und plötzlich aus einer Handfeuerwaffe schossen. „Einer der Männer steckte seine Hand aus dem Fenster und schoss Daddy in den Bauch. Er betete und fiel dann um. Er atmete noch kurz und hörte dann auf. Ich schaute auf seinen Bauch, der blutete. Und dann kam Blut aus seinem Mund“. So beschrieb der 7jährige Lorenzo die Szene. Luis Solaris Wagen schlitterte über die gesamte Fahrbahn und kam schliesslich am rechten Rand zum Stehen. Die beiden Jungs blieben unverletzt.

Innerhalb einer Woche gab es drei Schiessereien auf Freeways in und um San Francisco. Eine weitere Frau erlitt dabei tödliche Verletzungen, ein Mann musste mit schweren Verwundungen ins Krankenhaus gebracht werden. Und auch im Grossraum Los Angeles ballern erneut aufgebrachte Fahrer durch die Gegend.

Es ist ein komisches Gefühl, hier auf der Autobahn zu sein und zu wissen, dass einige um einen herum bewaffnet sind und keinen Spass verstehen oder vermeintliche Fahrfehler anderer nicht akzeptieren können. Die Gewalt ist präsent in den USA und auch in so liberalen und waffenfeindlichen Gegenden wie der San Francisco Bay Area. Hier in Oakland ist das Thema Gewalt präsent. Jahr für Jahr liegt die Mordrate nahezu bei 150 Opfern. Es konzentriert sich auf zwei Stadtteile, East- und Wes-Oakland, die von Banden- und Beschaffungskriminalität geplagt sind. Seit nunmehr neun Jahren lebe ich in dieser Stadt, gleich gegenüber von San Francisco. Und seit neun Jahren erlebe ich die Diskussionen, wie man das Problem in den Griff bekommen will. Es ist eine schleppende und unsägliche Debatte, wer für was verantwortlich ist. Keiner ergreift die Führungsrolle, um endlich dem Morden hier auf den Strassen ein Ende zu setzen. Tatsache ist, dass es für Kinder und Jugendliche in Teilen dieser Stadt einfacher ist, an der Strassenecke für 30 Dollar eine Knarre zu kaufen, als Bleistifte für die Schule zu bekommen. Dafür müssen sie in einen Bus steigen und in ein nahegelegenes Einkaufszentrum fahren.

Oakland hat in der jüngsten Vergangenheit mit dem früheren kalifornischen Gouverneur, Präsidentschaftskandidaten und jetzigem kalifornischen Oberstaatsanwalt Jerry Brown und dem einflussreichen und ehemaligen Kongressabgeordneten Ron Dellums gleich zwei führende Demokraten als Bürgermeister gehabt. Und beide hatten sich im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben, das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen. Doch mehr als schöne Worte und ein paar nette Photogelegenheiten kamen dabei nicht heraus. In den ersten Monaten erlebte Oakland eine Spirale der Gewalt in der etliche junge Menschen starben, darunter auch Unschuldige, die einfach zur falschen Zeit am falsche Ort waren.

Gewalt scheint in den USA dazu zu gehören und eigentlich hat man sich an diese Kapitel des amerikanischen Alltags gewöhnt. Traurig aber leider wahr.