Von Airportpiraten und Pantherschildkröten

Piraten, so haben mir zwei Minister in Garowe, der Hauptstadt Puntlands, versichert, gibt es in den Gewässern vor Puntland nicht mehr. Die Rechtlosigkeit auf hoher See habe ein Ende genommen. Auf dem Meer vielleicht, aber das Piratentum lebt in Puntland weiter. Man muss nur über den neuen Flughafen Garowe fliegen, der ganze Stolz der Regierung im autonomen Teilstaat Somalias. Es fängt mit den 60 $ bei der Einreise für ein Visum an, dafür kriegt man seinen Pass gestempelt und hingeworfen.

Schlimmer ist es da schon, wenn man ausreist. Nach der ersten Sicherheitskontrolle stand gleich einer da und verlangte eine 20 Dollar Gebühr für die Sicherheitskontrolle. Also, ich zahle quasi dafür, dass ich gefilzt und ziemlich ruppig von der Seite angequatscht werde. Kaum war ich zehn Schritte weiter, hatte den Koffer eingecheckt (umsonst), die Passkontrolle erledigt (auch umsonst) stand so ein kaum 20jährger mit Sonnenbrille und hochgestelltem Hemdkragen da und faselte was von Gebühr. Wie jetzt, ich habe doch gerade schon eine Sicherheitsgebühr gezahlt!? Nein, nein, meinte er, das sei jetzt eine Reinigungsgebühr. Ich wollte meinen 50jährigen Ohren nicht trauen und fragte nach: Reinigungsgebühr? Ja, so David-Hasselhoff-Light, der Flughafen müsse ja sauber gehalten werden und dafür müssten die Passagiere zahlen. Ich blickte mich um, der Boden sah so aus, als ob er schon seit Wochen nicht mehr gereinigt worden war, aber gut, so viele Menschen fliegen wohl nicht über den Airport Garowe, da häufen sich Staub und Schlieren schon an. Also zahlte ich die drei Dollar und erhielt dafür sogar eine Quittung. Mal sehen, ob ich die auf meiner nächsten Steuererklärung für berufliche Ausgaben geltend machen kann.

Zwei Meter weiter, ich will gerade in die Abflughalle abbiegen, ruft mir einer hinterher, ich solle zurückkommen. Was will der nun? Etwas von oben herab meinte er, ich müsse noch die Exit-Gebühr in Höhe von 60 Dollar zahlen. Exit-Gebühr, was bitte schön soll das sein? Vor allem, ich bin schon mehrmals aus Puntland ausgereist und habe diese „Fee“ noch nie berappen müssen. Tja, meinte er, ihm egal, ich müsse zahlen. An dem Punkt hatte ich den Hals dick und wurde lauter. Das könne nicht sein, hier komme eine Gebühr nach der anderen, was das denn solle? Und überhaupt, wenn ich mich so umblicke, verlangen sie diese sehr fragwürdigen Gebühren nur von den „Muzungus“, den Weißen. Geht’s noch!!! Auf einmal stand ein anderer Mitarbeiter da und fragte, ob ich die Quittung von der Einreise bei mir hätte. Natürlich habe ich die noch, sagte ich und kramte in meinem Rucksack. Dann sei ja alles gut. Gute Reise. Was mein Einreisevisum nun mit einer „Exit-Gebühr“ zu tun haben soll, ist mir nicht klar. Aber dicker Hals zahlt sich manchmal wohl doch aus. Über Galkayo und Bossasso ging es dann mit dem Flugdienst der Vereinten Nationen zurück nach Hargeisa, einmal kreuz und quer über Puntland. Die Landschaft trocken, sandig, heiss. Die Küste ein einziger Traum, grünes, klares Wasser, lange, endlose Sandstrände ohne irgendeine Menschenseele.

Am Flughafen in der Hauptstadt Somalilands wieder ein Problem. Die äußerst unfreundliche Frau an der Passkontrolle wollte mich nicht durchlassen und meinte, ich solle da drüben warten. Andere Passagiere wurden abgestempelt, nach dem letzten erhob sich die Immigrationsbeamtin und ging. Und ich stand da. Und da. Und da. Nach ein paar Minuten fragte ich einen Flughafenmitarbeiter, was nun los sei, wie lange ich hier und vor allem auf was ich hier warten sollte. Er ging zum Büro der Einwanderungsfachangestellten und kam mit der Mitteilung zurück, ich hätte nur eine Kopie des Einreisevisums, ich bräuchte allerdings ein Original. Guter Mann, wie soll ich denn ein Original haben, wenn ich eine pdf Datei als Email Anhang zugeschickt bekomme. Ja, sagte er, sie brauche das Original, ich solle jemanden anrufen. Wen denn und vor allem wie, denn weder AT&T noch Aldi-Talk funktionieren meines Wissens in Somaliland. Ich fragte, ob er nach draußen gehen könne, denn ich werde abgeholt und vielleicht hat der Fahrer das Original bei sich.

Pantherschildkröten leben mitten in der somaliländischen Hauptstadt Hargeisa.

Und so war es auch, keine fünf Minuten später trat die Immigrationssonderbeauftragte für schwere Fälle aus ihrem Büro, trat nach wie vor gelangweilt und mich keines Blickes würdigend in das Abfertigungskabüffchen, griff sich das – wohlgemerkt – Original Visum und meinen Pass, blätterte durch die Seiten und stempelte schließlich alles ab. Danach durfte ich erneut 60 Dollar zahlen. Der Tag war nicht gerade preiswert.

Am Abend dann in Hargeisa lief ausgerechnet zu dem Zeitpunkt eine ziemlich große Schildkröte an dem Gästehaus vorbei, in dem ich untergebracht bin, als ich auf dem Dach stand und den Straßenklang des Abends und den Ruf der Muezzine zum Gebet aufnahm. Der Rekorder lief auch ohne mich, also hastete ich die Treppe runter, nicht dass mir die Schildkröte entläuft. Ein Riesentier, etwa 50 cm lang, zog sie den Kopf sofort ein, als ich auf zwei Meter heran kam. Die hier in Somaliland lebende Pantherschildkröte fauchte mich gleich an, alles klar, nur ein paar Fotos, so etwas sieht man ja nicht alle Tage, vor allem nicht in Nürnberg oder in Oakland.

Leben mit Tieren

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Zwei kleine Affen in einem kahlen Stahlkäfig.

Wieder zurück in N’Djamena. Eine lange Autofahrt vom Süden. Erst Holperpiste, dann Asphaltstrasse, dann Asphaltstrasse mit Schlaglöchern. Es zog und zog sich. Der Süden des Landes ist grün. Stundenlang fuhren wir an Reisfeldern vorbei, durch kleine Dörfer, durch ein paar größere Städte.

Rinder, Ziegen, Schafe weideten an der Straße, Schweine und Hühner streunten frei in Dörfern, abgemagerte Hunde liefen scheu und verängstigt durch die Gegend. Hier und da ein Esel und ein Pferd, meist angeleint oder die Hufen eng zusammengeschnürt, damit sie nicht weglaufen können. In den Dörfern und den Städten wurde am Straßenrand geschlachtet. Einige Tiere standen fast direkt daneben, wurden vom Schlachter abgetastet, nur ein paar Meter weiter war dann schon die Braterei.

Tiere sind hier Nutztiere. Sie werden auf Mopeds und Fahrrädern transportiert wie ein Sack Reis, Kopf nach unten, eng gebunden, damit sie sich nicht rühren können. Auf den Kleinbussen lagen sie oben auf dem Dach, um so zum und vom Markt transportiert zu werden. Es gibt hier keine Massentierhaltung, die Tiere laufen meist fast frei herum. Und doch ist es für einen westlichen Besucher nicht leicht, die Behandlung der Tiere mitanzusehen. Ich weiß, ich bin in einem Entwicklungsland. Hier herrschen andere Regeln, hier gibt es eine andere Kultur, auch eine andere Kultur des Miteinander zwischen Mensch und Tier. Und was maße ich mir überhaupt ein Urteil an, wenn allein in Deutschland jährlich 60 Millionen Schweine und 200 Millionen Hühner „verbraucht“ werden. Gehalten auf engstem Raum in engen Massentierhaltungsfabriken, abgesegnet und abgenickt vom Gesetzgeber in Berlin und Brüssel.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Zwei Riesenschildkröten im Käfig gleich neben den Affen.

Hier ist alles offener. Hier sieht man das Tier, die Schlachtung, das Blut. Es ist da, vor einem, man blickt hin. Vielleicht ist diese Art des Umgangs sogar besser, zumindest ist das Schnitzel auf dem Teller dann nicht einfach nur ein Stück Fleisch, gekauft im Supermarkt, wie 500 Gramm Zucker. Zuvor sah man das Tier grasen, hörte es muhen, blöken, meckern, schreien, kriegte mit, wie es zerlegt wurde.

Ich halte mich also hier mit Urteilen bei der hiesigen Fleischproduktion und -verarbeitung zurück. Ich esse kein Fleisch, nichts was mich anschauen kann, schon seit fast 30 Jahren nicht mehr. Das macht mich nicht besser, das ist einfach so, meine Entscheidung, darüber brauche ich nicht zu diskutieren. Was mir aber wirklich aufstößt ist die Behandlung von Tieren. Wenn Hunde getreten, nach ihnen Steine geschmissen werden. Oder wenn Affen und Schildkröten, wie in dem Hotel, in dem ich hier untergebracht war, in einem kleinen, kahlen Käfig im Hof „gehalten“ werden. Artgerecht ist etwas anderes. Ich verstehe es nicht, werde es auch nie verstehen, wie man Tiere so behandeln kann. Bei all dem Leid, dem Elend, der Not, der Armut, der Ungerechtigkeit, die ich hier gesehen habe und sehe, das hätte es nicht auch noch gebraucht.

Amerikanischer Artenschutz

Amerika steht immer im Verruf der Umwelt nie so richtig eine Chance zu geben. Doch nun planen die USA etwas, was in dem Ausmasse einmalig und überaus bedeutend wäre. Meeresbiologen der „National Oceanographic and Atmospheric Administration“ haben vorgeschlagen, mehr als 181.000 Quadratkilometer Meeresfläche vor der amerikanischen Westküste als kritischen Lebensraum auszuweisen. Das würde von Long Beach in Südkalifornien bis hinauf an die kanadische Grenze reichen. Grund ist die bis zu 2,7 Meter lange und rund 550 Kilogramm schwere Lederrückenschildkröte, die Jahr für Jahr rund 6000 Meilen schwimmt, um sich vor dem Golden Gate mit Quallen den Magen voll zu schlagen.

LederrückenschildkröteDie Schildkröten verlassen im Spätsommer ihre Nistplätze in Indonesien, auf den Solomon Islands, Vanuatu und Papua New Guinea um die lange Reise für das Festmahl vor der amerikanischen Westküste anzutreten. Es ist die längste bekannte Migrationswelle überhaupt. Seit 1970 gelten die Lederrückenschildkröten als gefährdete Art. Bislang weiss man nur wenig über sie, schätzt ihre Lebensdauer auf 40 bis zu 100 Jahren. Zwischen 2000 und 5700 Weibchen sind noch am Leben, allerdings hat die Population der Schildkröten um rund 90 Prozent in den letzten 20 Jahren abgenommen. Der Grund dafür sind vor allem Eingriffe des Menschen in den Lebensraum der Meeresreptilien.

Nun soll ein Jahr lang genauestens untersucht werden, ob solch ein besonderer Schutzraum der Schildkröte von Nutzen ist. Damit verbunden wäre die sichere Migration und auch der Erhalt der Quallenpopulation für die Reptilien als Nahrungsquelle. Doch diese Einsetzung eines kritischen Lebensraumes hätte weitreichende Folgen für die Landwirtschaft, industrielle Verschmutzung, Öl- und Gas-Bohrungen, Kraftwerke an der Küste, Abwasserleitungen und die Fischerei. Umweltschützer preisen diesen Schritt und hoffen schon jetzt auf den langfristigen Schutz der Lederrückenschildkröte.

Schildkröten gegen Sonnenenergie

Wuestenschildkroete24 Schildkröten gegen 400.000 Solarkollektoren. Eine Solarfirma aus Oakland würde ja gerne, aber diese paar ollen Turtles krabblen da in der südkalifornischen Mojave Wüste rum, genau da, wo das Unternehmen ein riesiges Solarkraftwerk errichten will. Jeder in den USA redet von der sauberen Energiegewinnung und in der Wüstengegend wäre das auch ideal. Aber das Land ist in Bundesbesitz und die Schildkröten stehen unter Naturschutz, denn es gibt nur noch wenige dieser Wüstenkriecher.

Nun hat man ein Dilemma am Hals, denn auf der einen Seite will man Land, Tiere und Pflanzen schützen, Freiräume bewahren. Und auf der anderen Seite will man massiv auf grüne und erneuerbare Energiekonzepte setzen. Der zuständigen Behörde in den USA liegen derzeit alleine 150 Bewerbungen für Solarprojekte auf öffentlichem Land vor. Vor allen in den Wüstenregionen im Südwesten der USA setzt man auf die neuen Technologien. Doch damit stösst man auf ungeahnte Probleme: die saubere Energielieferung kommt mit einem hohen Preis der Vernichtung von Lebensraum für Tiere und Pflanzen.