Fast 1000 Bürger von der Polizei erschossen

„Don’t Shoot“ als Antwort auf Polizeigewalt in den USA. Foto: Reuters.

Zum dritten Mal in Folge starben nahezu 1000 Menschen in den USA durch Polizeikugeln. 987 Opfer zählt die Washington Post, die seit drei Jahren diese düstere Statistik führt. 2016 waren es 963 und 2015 995. Damit angefangen hat die Zeitung nach dem Tod des unbewaffneten 18jährigen Michael Brown, der 2014 in St. Louis von einem Polizisten erschossen wurde. Die tödlichen Kugeln führten zur Gründung der „Black Lives Matter“ Bewegung, einer Kommission im Weißen Haus und zahlreichen Reformen bei Polizeieinheiten im ganzen Land.

Problematisch bleibt nach wie vor die Zahl der unbewaffneten Opfer. 2017 lag sie bei 68 (2016: 51; 2015: 94). Davon waren 19 Afro-Amerikaner (2016: 17; 2015: 36), mit 22 Prozent eine vergleichsweise hohe Zahl, denn Schwarze in den USA machen nur sechs Prozent der Bevölkerung aus. Experten sehen diesen Dreijahresvergleich nun als einen Fakt in der amerikanischen Gesellschaft und werten die Zahlen nicht als Trend, denn bei den Gesamtzahlen von nahezu 1000 Opfern durch Polizeikugeln gibt es keine großen Verschiebungen.

Problematisch erscheint vielen Beobachtern die hohe Zahl an geistig verwirrten oder kranken Opfern. 236 Personen, damit jede vierte Tötung, hatte mit einer mentalen Problematik zu tun. In 88 Prozent dieser Fälle waren Schusswaffen, Messer, Äxte, Macheten und andere Waffen im Spiel. Polizisten sahen sich bedroht und feuerten meist mehrere tödliche Schüsse ab. Ron Honberg von der „National Alliance on Mental Illness“ kritisiert das Vorgehen der Polizei und das Akzeptieren dieser Vorfälle durch die Gesellschaft: „Wir rufen den Notruf 911 für medizinische Notfälle und es kommen für jeden Fall speziell ausgebildete Fachleute, aber wenn es um einen kritischen Fall von Geisteskrankheit geht, wird die Polizei geschickt“.

 

Amerika hat gelernt mit all diesen Opferzahlen zu leben. Es sind Jahr für Jahr Schlagzeilen, die sich wiederholen, doch zu keinen grundlegenden Veränderungen führen. Auch die Zahl von Polizisten, die „on the job“ getötet wurden, bleibt mit 46 im Jahr 2017 (2016: 66) noch hoch.

 

Ist doch nur für den Selbstschutz!

Man will sich doch nur sicher fühlen. Foto: Reuters.

Man will sich doch nur sicher fühlen. Foto: Reuters.

Irgendwas läuft schief im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die vom früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg finanziell unterstützte Organisation „Everytown for Gun Safety“ hat nun ein paar Zahlen veröffentlicht. Wieder mal Zahlen, bei denen man sich an den Kopf packt. 2015 haben 265 Kinder und Jugendliche unter 18 eine Waffe in die Hand genommen und versehentlich auf sich selber oder jemanden anderes geschossen. Meist waren es Kleinkinder, wie der vierjährige William Anderson aus Bethel, Alaska, der am 28. Dezember nach dem Schlittenfahren nach Hause kam und dort die Waffe seines Vaters fand, damit spielte und sich ein Schuß löste. William starb.

Von den 265 versehentlich abgefeuerten Schüssen waren 83 tödlich. 41 Kinder erschossen sich unabsichtlich selbst und 42 weitere Personen starben durch umherfliegende Kugeln. Es waren Unfälle, keine von Kindern und Jugendlichen geplanten Selbstmorde oder Morde.

Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch eine Kugel verletzt oder getötet zu werden, steigt erheblich mit einer Waffe im Haushalt. Und das auch, wenn niemand jemanden in der Familie oder im näheren Umfeld töten will. Dazu passt auch die Nachricht aus St. Cloud, Florida. Eine Frau wachte in der Nacht zu Silvester durch Geräusche auf und sah einen Schatten auf sich zukommen. Sie griff zur Waffe neben sich (!) und feuerte einen Schuss ab. Und der traf ihre 27jährige Tochter tödlich. Die war spät nach Hause gekommen und wollte anscheinend noch nach der Mutter sehen. Der Vater der 27jährigen ist Polizeibeamter, seine Frau, die Mutter, arbeitet in der Notrufzentrale der Stadt. Ich weiß, die „National Rifle Association“ (NRA) erklärt: Not guns kill people, people kill people!

Los Angeles kauft Knarren ein

Die Einkaufszentren waren voll mit Käufern, die nach Schnäppchen suchten und Beschenkten, die ihre Geschenke umtauschen wollten. An zwei Parkplätzen stauten sich am Mittwoch jedoch vor allem die Autos. An der Los Angeles Memorial Sports Arena und vor dem Van Nuys Masonic Temple ging es nur langsam voran, doch das aus gutem Grund.

Fast 2000 Pistolen, Shotguns und Gewehre weniger sind seit Mittwoch im Umlauf. Los Angeles hat seine jährliche Rückkaufaktion für Knarren kurzerhand vom Muttertag auf den zweiten Weihnachtsfeiertag vorverlegt. Mit dem Amoklauf von Newtown in den Schlagzeilen war man der Überzeugung, dass man mehr Menschen im Großraum LA für diese Aktion gewinnen könne. Und das war dann auch so. Für Supermarktgutscheine konnte jeder seine Knarre eintauschen. Es wurden keine Fragen gestellt, warum und weshalb man diese oder jene Wumme überhaupt hatte. Für Handfeuerwaffen gab es 100 Dollar, für Sturmgewehre 200 Dollar. Man fuhr einfach vor, reichte die Schußwaffe einem Beamten wie beim „Drive Through“ von McDonald’s aus dem Autofenster und der gab einem einen Gutschein. Das wars.

Auch wenn nur wenige automatische Angriffsknarren eingetauscht wurden, bezeichneten Bürgermeister Antonio Villaraigosa und Polizeichef Charlie Beck die Rückkaufaktion als vollen Erfolg. Schon am Nachmittag standen die einsammelnden Polizisten ohne Gutscheine da, so groß war die Nachfrage. Von alten Revolvern bis hin zu einem Kofferraum voller Pistolen wurde alles angenommen.

Seit 2009 konnten so mehr als 8000 Schußwaffen in Los Angeles eingesammelt werden. Das löst sicherlich nicht das Gewaltproblem in der kalifornischen Metropole, doch es zeigt auf, wie viele Knarren in der Stadt im Umlauf sind

Hoffnung für Juarez

Heute war ich nochmals in Juarez. Wieder 50 Cent eingeschmissen und über die Brücke marschiert. Ein Interview mit dem Bürgermeister stand an, ein weltgewandter, offener, sehr freundlicher Mann mit Weitblick. Time Magazine beschrieb ihn einmal als den Mann mit dem schlimmsten Job. Was fragt man jemanden, der den Willen und den Mut zur Veränderung hat, der bleibt, weil er seine Stadt liebt und gleichzeitig vor scheinbar unlösbare Aufgaben gestellt ist?

Jose Reyes FerrizJose Reyes Ferriz ist beschäftigt, Leute laufen rein und raus aus seinem Büro direkt hinter der Grenze an der Santa Fe Bridge. Nach zwei Stunden Verspätung setzt er sich zu mir an den langen Konferenztisch, macht sich eine Cola Dose auf, nimmt einen kräftigen Schluck und ist bereit. Er beschreibt im perfekten Englisch die komplexe Situation in der Stadt. Es geht nicht nur um einen Drogenkrieg, Juarez habe in den letzten zwei Jahren einen „perfect storm“, den perfekten Sturm erlebt. Und noch immer versucht man nicht unter zu gehen. Da sind die strengeren Passkontrollen der Amerikaner, die seit zwei Jahren von ihren Bürgern verlangen, einen Pass vorzulegen, wenn sie nach Mexiko wollen. Vorher reichte der Führerschein, doch 80 Prozent der Amerikaner besitzen nach wie vor keinen Reisepass. Alleine das zog die Tourismusindustrie von Juarez nach unten, denn die Stadt lebte von US Amerikanern, die zum Essen, Trinken und Einkaufen kamen.

Und dann die Wirtschaftskrise, die Juarez hart traf. Vor allem die amerikanische Automobilindustrie liess in Juarez produzieren. Alleine im letzten Jahr verlor die Stadt 25 Prozent der Jobs in der Produktion.

Hinzu stand Jose Reyes Ferriz gleich nach Amtsantritt vor grossen Entscheidungen. Er musste weite Teile der Polizeiführung auswechseln, die korrupt waren und mit den Kartells zusammen arbeiteten. Todesdrohungen folgten, nun lebt er mit Bodyguards an seiner Seite und einem automatischen Gewehr unterm Bett.

Juarez ist eine Stadt, die fasziniert. Denn hier treffen Widersprüche aufeinander, wie wohl an keinem anderen Ort. Die Menschen haben Angst und sind gleichzeitig von der Gewalt fasziniert. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, meinte Reyes Ferriz dennoch im Gespräch. Viel Glück wünschte ich ihm am Schluss….und „stay safe“. In dieser Stadt ist das nicht einfach so dahin gesagt.