Die Mauern werden höher

Die Tour von Uli Jon Roth musste aufgrund von nicht ausgestellter Visa abgesagt werden.

Ok, er hat ziemlich lange Haare, aber das sollte eigentlich kein Grund dafür sein, dass der legendäre Gitarrist Uli Jon Roth und seine Band keine Einreise- und Arbeitsvisa für die USA erhalten. Der frühere Scorpions Gitarrist und weltweit bekannte Musiker ist das jüngste Opfer eines undurchschaubaren amerikanischen Künstleraustausches. Präsident Donald Trump geht nach seinen Mauerplänen, seinen Rufen nach Tarifen und Einfuhrzöllen nun wohl an die Bereinigung des amerikanichen Kulturangebotes: „America First“ auch für die Musikclubs im ganzen Land.

Die Tour von Uli Jon Roth stand schon fest, die Termine waren angekündigt, die Fans freuten sich auf eine sagenhafte Jubiläumstour, doch daraus wird nun vorerst nichts. Auf der Webseite erklärte Roth, dass man alles richtig gemacht habe, sich rechtzeitig um die Visa gekümmert hat, die höheren Gebühren für eine schnellere Behandlung der Anträge gezahlt habe, auch einen erfahrenen Anwalt für Immigrationsrecht eingeschaltet hatte. Doch am Ende half alles nichts.

Und das scheint nun mittlerweile Programm in Washington zu sein. In den 22 Jahren, in denen ich hier in den USA lebe und mit Musikern zu tun habe, gab es immer wieder Bands, die aufgrund von nicht rechtzeitig ausgestellten Visa ihre Tourneen absagen mussten, darunter auch solche bekannten Bands wie die Einstürzenden Neubauten. Doch mit dem Maurermeister und Kulturfeind Donald Trump im Weißen Haus scheint alles zu eskalieren. Uli Jon Roth, der in der Vergangenheit regelmäßig durch die Vereinigten Staaten tourte, erklärt auf seiner Webseite, dass „seit Februar dieses Jahres die Anzahl von nichtgenehmigten Arbeitsvisa in den USA um 1400 % (!!!) gestiegen ist“. Das ist eine klare Kriegserklärung an die globale Kunst- und Kulturszene.

Die Trump Administration, die sich bereits mehrfach für eine ersatzlose Streichung der staatlichen Kulturförderung in den USA, den sogenannten „Endowments“, einsetzte, geht nun an den internationalen Künstleraustausch. Anders kann diese deutliche Blockierung von Arbeitsvisa für hier auftretende MusikerInnen und KünstlerInnen aus dem Ausland nicht verstanden werden. „America First“ erhält damit einen ganz neuen Dreh, der so nur abgelehnt werden kann und muss.

Da dreht sich Donna Summer im Grab herum

Mit den Toten kann man es ja machen. Der deutsche Auslandssender, die Deutsche Welle, setzt seit ein paar Jahren auf eine neue Zielgruppe. Die Jugendlichen in aller Welt sollen angesprochen werden. Dafür begeistert man sich nun auch für Rammstein, deren CDs man in den 90er Jahren noch nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen, geschweige denn über die weltweiten Frequenzen spielen wollte. Nun gut, man denkt um. Bravo dw!

Donna Summer - the German Superstar.

Donna Summer – the German Superstar.

Gestern Abend klickte ich mal wieder durch die Sender und blieb bei Kanal 32 hängen. KMTP-TV ist ein offener Kanal in der San Francisco Bay Area, die Deutsche Welle hat sich hier Sendezeit gekauft. Und es lief PopXport, das Musikmagazin „Made in Germany“. Diesmal ging es um „The ten most successful German acts of the 70s“. Na, das ist doch ein Thema, bei dem ich gerne zuschaue und dranbleibe. Aber dann kam es. Auf Platz 10 die Scorpions, auf Platz 9 Tangerine Dream, auf Platz 8 Eruption, auf Platz 7 Les Humphries Singers, auf Platz 6 Baccara, auf Platz 5 Kraftwerk, auf Platz 4 Silver Convention, auf Platz 3 James Last, auf Platz 2 Boney M und auf dem Spitzenplatz – tata – die Nummer 1 der deutschen Acts in den 70ern setzte die Deutsche Welle Donna Summer.

So…was stimmt mit dieser Liste nicht? Wenn ich die Logik der deutschen Auslandsradiospezialisten weiter verfolge, dann müssten da eigentlich auch David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Brian Eno, Mike Batt und viele andere stehen, denn die haben auch in Deutschland in den 70ern gelebt, gearbeitet, Platten aufgenommen. David Bowie veröffentlichte sogar Songs, die „Neuköln“ und „V-2 Schneider“ hießen und man denke nur daran, dass er von den „Helden für einen Tag“ sang. Also, Kollegen, deutscher geht es ja wohl nicht mehr!

Dass Deutschland in den 70er Jahren durchaus eine Rolle auf der internationalen Musikbühne spielte, ist unbestritten. Mit Frank Farian werkelte da einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit. Mit den Musicland Studios in München und den Hansa Studios in Berlin gab es weltweit geschätzte Aufnahmemöglichkeiten. Und dann gab es da auch noch eine ganze Reihe von wichtigen Bands, die international ihre Spuren hinterließen. Klar, Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Faust uva. Gerade deshalb braucht man die Amerikanerin Donna Summers nicht posthum und noch ein paar weitere Gruppen zu  „German acts“ umschreiben.

Liebe Deutsche Welle, das kommt einfach etwas komisch bei mir und anderen hier drüben in den USA an. Das wäre ungefähr so, als ob ich Fiddler’s Green zu einer Los Angeles Band machen würde, weil sie ihre Platte „Spin Around“ in den Sound Image Studios in LA aufgenommen haben. Ich glaube, wenn ich das damals nach meinem Studiobesuch geschrieben hätte, hätten sich wohl einige zurecht an den Kopf gefasst.

Und hier kommt der Nächste

Immer mal wieder versuchen es deutsche Musiker und Bands in den USA groß rauszukommen. Doch bislang haben es nur ganz wenige geschafft. Klar, da sind die Scorpions, da ist Kraftwerk, da ist Rammstein, die man hier drüben als Superstars feiert. Interessant bei Rammstein ist, dass sie es mit deutschen Texten geschafft haben. Sie haben sich nicht verbogen und verdreht, um es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu packen. Sie blieben sich und ihrer Musik treu.

Andere Bands und Musiker touren viel durch die USA, sind veröffentlicht und haben auch ihre Fangemeinde. Ich denke an Blind Guardian, an Accept, an Kreator, an die Einstürzenden Neubauten, an Faust und auch an KMFDM, an zahlreiche deutsche Krautrock und Elektro Acts. Viele deutsche Independent Bands sind ebenfalls veröffentlicht und auf Tour. Sie alle haben ihre Nische gefunden und sind damit zufrieden.

Doch es gibt Großangriffe, die nicht funktionieren (können). Tokio Hotel wurden von ihrer Plattenfirma gehypt. Namhafte Konzerthallen, wie das Fillmore in San Francisco, gebucht, Tickets billig verkauft, um die Hallen zu füllen, und jedem Konzertbesucher ein Poster überreicht, darauf, wie hier, „Tokio Hotel in San Francisco“. Der angepeilte Erfolg blieb aus. Im Konzert riefen viele junge Mädchen „sing German“, doch die netten Jungs von Tokio Hotel spulten ihr Programm vor allem auf Englisch runter.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo's Club in North Beach.

Herbert Grönemeyer spielte live in San Francisco im legendären Bimbo’s Club in North Beach.

Ähnlich verlief es mit Herbert Grönemeyer. In Deutschland kann er tun und lassen, was er will. In den USA fiel er kaum auf. Seine englischsprachige Platte „I walk“ wurde groß angekündigt, Interviews liefen sogar auf National Public Radio mit ihm, denn Grönemeyer brachte den Superstarnamen aus Deutschland mit, war bekannt durch den Klassiker „Das Boot“ und sein Duett mit Bono auf der Debut Platte schadete seinem Ansehen auch nicht. Herbert Grönemeyer erklärte mir im Interview, dass er den Versuch in den USA gelassen sieht. Und tatsächlich, er verwirklichte sich wohl eher einen Traum. Auch in seinen Konzerten waren vor allem Deutsche, die ihn einmal in Clubatmosphäre und nicht im großen Stadion oder auf einer Anti-Pegida Demo sehen wollten. Auch sie riefen „Herbert, sing Deutsch“, doch auch Grönemeyer blieb fast nur beim Englischen.

Und jetzt kommt der Rapper Cro über den großen Teich. Seine Single „Traum“ wird nun neu und englischsprachig veröffentlicht, ein US Magazin riet seinen Lesern auf eine Reihe internationaler Rap Musiker zu achten, dabei kam Cro sogar auf Platz zwei. Und er selbst zeigt sich durchaus angetan, erklärte er in einem Interview, dass er nun die Chance hat, im Geburtsland des Hip Hop mal einen abzurappen. Die Erfolgsaussichten sind allerdings auch bei Cro gering.

Deutsche Musiker und Bands haben meiner Meinung und Einschätzung nach nur dann in den USA eine wirkliche Chance, wenn sie etwas ganz anderes liefern, als der größte Musikmarkt schon selber hat. Jene Gruppen, die es hier irgendwie geschafft haben einen Fuß in die Tür zu bekommen, sind das beste Beispiel dafür. Die Liste ist lang und vielseitig. Doch Tokio Hotel, Herbert Grönemeyer und auch Cro sind bei dem, was sie machen gut, aber sie können in den USA auch nicht annähernd den gleichen Erfolg feiern, den sie daheim haben.

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Rock you all over

Die Scorpions kündigen ihr Ende an und man muss ja mal ganz ehrlich sagen „Gott sei Dank“. Denn seit dieser Nöl-Hymne „Wind of change“ konnte ich sie einfach und beim besten Willen nicht mehr hören. Das ging einfach gar nicht mehr. Klar, die Platte war ein riesiger Erfolg für die Band, hat sich verkauft wie warme Semmeln, aber das Ding war auch so weich und latschig wie eine warme Semmel. Richtig zum Rumpulen. Egal, nun soll Schluss sein, noch eine Platte, eine lang andauernde Welttournee und dann Rentnerdasein für Klaus Meine und Co.

Aber zur gleichen Zeit legt eine andere deutsche Hard Rock Formation aus längst vergangenen Tagen noch mal kräftig los. Accept melden sich zurück. Nach ihren kurzzeitigen Reunion Konzerten 2005 und dem Hit „Balls to the wall“ im Mickey Rourke Film „The Wrestler“ war das Interesse an diesen deutschen Hard Rockern wieder da. Ich bin begeistert, auch wenn es ohne Mister Einmeter Udo Dirkschneider weiter gehen wird. Dirkschneider hatte irgendwie nicht so richtig Lust auf eine Neuauflage und wollte sich lieber auf sein U.D.O. Projekt konzentrieren. Auch recht. Die neue Accept Platte soll nun im Frühjahr erscheinen und danach geht es auf Welttournee. Man kann sehr gespannt sein. Das folgende Video gibt schon mal einen Vorgeschmack.

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Deutsche Band rockt Hollywoodfilm

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Es kommt ja nicht so oft vor, dass eine deutsche Band einen Song für einen erfolgreichen Hollywoodstreifen beisteuert. Deshalb sei an dieser Stelle mal darauf hingewiesen. Accept sind mit „Balls to the wall“ im Film „The Wrestler“ vertreten und auch auf dem offiziellen Soundtrack zu finden.

Accept waren neben den Scorpions die wohl erfolgreichste deutsche Hard Rock Band, die in den 80er Jahren riesige Hallen füllen konnte…überall, ausser in Deutschland selbst. In den USA haben sie durchaus Kultstatus erreicht und werden noch heute von Rockfans in den höchsten Tönen gelobt.

Für Radio Goethe führte ich vor etlichen Jahren mal ein Interview mit Gitarrist Wolf Hoffmann über die Geschichte und den Erfolg der Band in den USA. Wolf hat sich mit seiner Frau und früheren Accept Managerin Gaby Hoffmann in Tennessee niedergelassen. 2004 spielte die Band erneut zusammen, das Interview dazu gibt es hier (Englisch):

Accept
Interview mit Gitarrist Wolf Hoffmann, Juni 1998

Accept waren jahrelang das Aushängeschild des deutschen Hard Rocks. Sie legten dabei eine härtere Gangart als die Scorpions aus Hannover ein und spielten sich wie die Derwische durch die Metropolen von Tokio bis New York. International wurden sie mit Bands wie Saxon, Iron Maiden und Whitesnake verglichen. Doch die Solinger kopierten nie andere Gruppen. Ganz im Gegenteil, sie gingen ihren eigenen lautstarken Erfolgsweg. Mit energiegeladenen Konzerten erspielten sie sich eine treue Fangemeinde, die auch nach dem Ende der Band noch schwärmerisch von Accept berichtet. Gitarrist Wolf Hoffmann lebt heute mit seiner Frau Gaby, der früheren Managerin von Accept, in Tennessee. Radio Goethe sprach mit Wolf über seine wilden Jahre und seine Pläne für die Zukunft:

Radio Goethe: Accept haben auch eine erfolgreiche Karriere in den USA hinter sich. Warum meinst Du, sind die Amerikaner so auf Accept eingestiegen?
Wolf Hoffmann: Amerika ist einfach ein riesengroßer Markt, schon immer gewesen. Rückblickend kann ich gar nicht sagen, daß die Amerikaner mehr abgefahren sind auf unsere Musik als das Publikum in anderen Ländern. Ich würde sogar sagen, wir hatten ein weltweit universales Publikum. Der Eindruck wird einfach nur dadurch erweckt, daß Amerika ein riesiger Markt ist und man hier monatelang unterwegs sein kann, ohne das Land zu verlassen. Das war einfach eine Riesensache und ist es heute noch. Hier werden einfach unheimlich viele Platten umgesetzt und das war wohl der Hauptgrund, warum wir hier erfolgreich waren.

Radio Goethe: Nun mal nicht so bescheiden. Nur am Plattenmarkt lag es ja wohl nicht.
Wolf Hoffmann: Ein anderer Grund kann sein, daß wir eine Musik gemacht haben, die frisch und spontan war. Hinzu kam, daß, weil wir aus Deutschland kamen, eine gewisse Exotik dabei war. Wir waren einfach anders, als die meisten typisch amerikanischen Bands und das hat denen wohl gefallen.

Radio Goethe: Wie wurdet Ihr anfangs hier in den USA aufgenommen, denn eine deutsche Hard Rock Band hatte doch sicherlich keinen leichten Stand?
Wolf Hoffmann: Wir hatten eine gewisse Exotik, weil wir eben aus Deutschland kamen. Wir hatten andere Texte, befaßten uns mit anderen Inhalten als viele andere Bands. Und natürlich, eben weil man anders war, mußte man dagegen auch kämpfen. Wir hatten nie einen ganz leichten Stand. Das anders sein ist auf der einen Seite eine gute Sache, auf der anderen Seite hatten wir dadurch aber auch Anlaufschwierigkeiten, die wir erst überwinden mußten. Als die meisten Leute uns live gesehen haben, hat sich das jedoch schnell rumgesprochen, daß das eine ziemlich gute Sache war. Wir waren immer dafür bekannt, eine gute Live-Band zu sein. Und, you know, eins kommt zum anderen.

Radio Goethe: 1996 war Schluß für Euch. Ein brillantes Live-Album am Schluß belegte noch mal, daß Ihr noch immer die Power hattet. Tut das weh, wenn man dann endgültig die Bühne verläßt?
Wolf Hoffmann: So ein bißchen wehmütig war, glaube ich, jedem zumute. Wir haben unser letztes Konzert im Juni 1996 in Tokio gegeben. Es war einfach jedem von uns klar, daß damit auch ein ganzer Lebensabschnitt für uns zu Ende ging. Wir waren ja schließlich von Kindesbeinen auf zusammen. Haben uns damals getroffen…da war ich 16, das war vor über zwanzig Jahren. Und die ganze Zeit waren wir mehr oder minder zusammen und haben Musik gemacht. Wenn das dann eines Tages zu Ende geht, wie das ja zwangsweise sein muß, dann ist das schon klar, daß dann ein gewisses Kapitel abgeschlossen ist. Aber gleichzeitg bricht ja auch für jeden von uns ein neues Kapitel an, was auch wieder aufregend ist…und das ist auch o.k.so. Eine Rockband ist einfach nicht dafür geschaffen, auf ewig zu halten. Und wir können richtig zufrieden sein, daß es so lange gehalten hat.

Radio Goethe: Rückblickend, was waren die schönsten, was die schlimmsten Erfahrungen mit Accept?
Wolf Hoffmann: Also die beste Zeit hatten wir so Mitte der 80er Jahre, als wir die großen Festivals gespielt haben. “Monsters of Rock” in Deutschland und in England und dann sind wir auch das erste Mal nach Amerika gekommen. Das war so rückblickend die beste Zeit. Allgemein war es eine coole Zeit für diese Art der Musik. Heavy Metal und Hard Rock waren einfach angesagt…das war einfach geil. So richtig schlimme Erfahrungen hatten wir eigentlich nie. Wir hatten mal eine Zeit lang einen neuen Sänger. Das war so innerbetrieblich die am wenigsten erfolgreiche Zeit. Aber an so richtig schlimme Sachen kann ich mich nicht erinnern.

Radio Goethe: Deutsche Hard Rock Bands haben es seit jeher schwer im eigenen Land. Woran liegt das Deiner Meinung nach?
Wolf Hoffmann: Wir haben von Anfang an versucht möglichst international zu klingen und nie betont, daß wir aus Deutschland sind. Einfach auch, was ja später geklappt hat, um im Ausland Erfolg zu haben. Allgemein ist es, glaube ich, schwer in Deutschland mit einer Musik anerkannt zu werden, die hauptsächlich aus England und Amerika kommt. Da gilt dann wohl der Spruch: Der Prophet hat es im eigenen Land schwer. Den richtigen Durchbruch in Deutschland hatten wir tatsächlich erst, als wir dann aus den USA und anderen Ländern erfolgreich zurück kamen.

Radio Goethe: Du lebst schon seit einigen Jahren in den USA. Was fasziniert Dich so an diesem Land?
Wolf Hoffmann: Also, gerade weil ich schon so viel rumgekommen bin und so viele Länder gesehen habe, kann ich sagen, daß es eigentlich egal ist, wo man lebt. Es gibt überall gute Seiten und schlechte Seiten. Und jeder muß eigentlich nur herausfinden, was einem am wichtigsten ist und wo die persönlichen Schwerpunkte liegen. Mich begeistert an Amerika nur die Offenheit der Menschen, und das ist einem Künstlerleben, wie ich das ja doch letztendlich führe, sehr entgegenkommend.

Radio Goethe: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du heute musikalisch nichts mehr machst. Wie sieht Dein musikalischer Alltag, wie Deine weiteren beruflichen Pläne aus?
Wolf Hoffmann: Ich schreib nach wie vor Songs, manchmal mit unbekanntem Ziel, manchmal mit ganz speziellen Absichten, wie diese Classicals, die jetzt erschienen sind. Da habe ich mich dann ganz bewußt hingesetzt und mich über Wochen und Monate damit befaßt. Manchmal setze ich mich auch nur hin und mache ein, zwei Songs, lege sie in die Schublade und ziehe sie dann zu gegebener Zeit wieder heraus. Konkrete Bandpläne habe ich zur Zeit nicht, arbeite aber an einem neuen Studioprojekt, ist natürlich noch alles ganz streng geheim. Ansonsten bin ich ja auch noch seit vielen Jahren Photograph mit Leidenschaft. Das ist bei mir doch noch in den Vordergrund gerückt.

Radio Goethe: Wie ist heute das Verhältnis zu Deinen alten Bandkollegen?
Wolf Hoffmann: Gut. Wir telefonieren gelegentlich miteinander, haben aber zur Zeit keine gemeinsamen Pläne.

Radio Goethe: Heute zielt die Musikszene viel mehr auf elektronische Klänge ab. Auch Heavy-Bands, wie Sepultura und Rammstein, nutzen Sampler und Keyboards. Hätte Accept, angenommen Ihr würdet Euch erst heute treffen, noch eine Chance?
Wolf Hoffmann: Das ist schwer zu sagen, aber wahrscheinlich hätten wir es heute viel schwerer. Früher, als wir angefangen haben, war es allgemein leichter, einen Plattendeal zu kriegen. Es hat auch keinen gestört, wenn man mit der ersten LP nicht so viele Platten verkauft hat. Da wurde einem noch eher eine zweite Chance gegeben, so jedenfalls kommt mir das rückblickend vor. Auch unsere erste Platte hat so gut wie nichts verkauft. Die zweite dann etwas mehr und die dritte dann allmählich angezogen. Heute wäre das sicherlich so, daß man nach der ersten Platte gleich weg vom Fenster ist, wenn die nix verkauft. Aber ich glaube, man hat immer eine Chance, wenn man was bietet, was Erfolg verspricht und was die Leute anspricht.