Truvada als HIV Polizei in San Francisco

Truvada wurde von Gilead Sciences in Foster City entwickelt, einer Vorstadt von San Francisco.

Truvada wurde von Gilead Sciences in Foster City entwickelt, einer Vorstadt von San Francisco.

„San Francisco is the capital of gay culture“. Schwul, Lesbisch, Bi, Transsexuell, in der City by the Bay ist vieles normal, was andernorts verboten, verpönt, belächelt wird. Gay Culture ist ein wichtiger und lebendiger Teil von San Francisco. Straßenfeste, Filmfestivals, Paraden und auch eine offene und offensive Diskussion über HIV/Aids. Nun hat einer der Supervisors, das Stadtratsmitglied Scott Wiener, als erste „öffentliche“ Person in den USA erklärt, er nehme das HIV-Präventionsmittel Truvada.

Truvada wurde vom Pharmaunternehmen Gilead Sciences in Foster City entwickelt. Untersuchungen haben ergeben, dass bei einer täglichen Einnahme von Truvada, das Risiko einer HIV Infektion um bis zu 90 Prozent sinken kann. Für viele im „Wild, Wild West“ der nordkalifornischen Metropole ist Truvada zu einem Freifahrtschein geworden. Man kann ungehemmt und ungehindert, die Chancen einer Ansteckung sind deutlichst gesunken, was will man also mehr?

Doch Scott Wiener, in dessen Wahlbezirk der Castro Distrikt, das Herzstück der Gay Bewegung, liegt, will genau das Gegenteil mit seiner offenen Haltung erreichen. In einer Pressemitteilung erklärt er: „Ich hoffe, dass, wenn ich darüber rede, es mehr Bewußtsein über PrEP (pre-exposure prophylaxis) als eine verfügbare und wichtige Präventionsmaßnahme geben wird.“

Truvada ist keine billige Droge, die bis zu 14.000 Dollar im Jahr kosten kann. Allerdings hilft der Pharmakonzern bei der Finanzierung, auch gewähren Krankenversicherungen Zuschüsse. Doch auch trotz der finanziellen Hilfen und der bislang unbekannten Nebenwirkungen hat sich Truvada nicht durchgesetzt. Obwohl die Testphase vor allem in San Francisco durchgeführt wurde, liegt die Nutzerzahl bislang bei nur 2000 US weit. Deshalb auch Wieners Erklärung. Er will eine breitere Akzeptanz von Truvada vor allem in der Gay Szene von San Francisco erreichen. Seit den frühen 80er Jahren ist HIV und Aids eines der wichtigsten Themen in der Lokalpolitik von San Francisco.

Limonadenkrieg am Golden Gate

San Francisco ist mal wieder in den Schlagzeilen. Die Konservativen in den USA werden es als „Nanny State“, als „Liberal Values“, als übertrieben und anti-amerikanisch umschreiben, wahrscheinlich kommt auch noch das Argument, dass das was mit „Obamacare“ zu tun hat, was da einige Stadträte in der City by the Bay vorhaben. Die Supervisors Scott Wiener und Eric Mar hatten schon im vergangenen Jahr vorgeschlagen, pro Cola-, Limo- und anderen gezuckerten Softdrinkdosen eine 2 Cent Steuer zu erheben, um so die wachsende Fettleibigkeit in den USA zu bekämpfen. Die übergesüßten Getränke werden schon lange mit dafür verantwortlich gemacht, dass Kinder immer dicker werden und Diabetes bei Erwachsenen epidemisch steigt. In dieser Woche wird der Stadtrat darüber entscheiden.

Die Limo-Industrie ist schon lange ins Schußfeuer von Gesundheitspolitikern geraten. Die vergleichen sogar den Kampf gegen gezuckerte Getränke mit dem Kampf gegen die Tabakindustrie. Und das ist gar nicht so einfach vom Tisch zu weisen. Die Erzfeinde Coca Cola und Pepsi Cola haben sich genauso zusammen getan, wie damals der Marlboro Man auf Joe Camel daher geritten kam. Nur gemeinsam sieht man eine Chance diese Angriffe auf unbehinderte und freie Verkaufswege zu verhindern. Auch der Kampf gegen den blauen Dunst fing auf lokaler Ebene an. Auch damals in der Bay Area, in Contra Costa County. Und nicht nur das, damals machte die Tabakindustrie deutlich, dass Gesundheitsprobleme von Rauchern ja nicht nur vom Rauchen kommen könnten. Genauso argumentiert die Soda-Industrie, eine Cola ist ja wohl wirklich nicht alleine für die Zuckererkrankung von Nachbar Heini Hirsch verantwortlich zu machen. Der „Fight“ gegen lokale Steuern ist also ein ernstzunehmender Test gegen ausufernde Beschränkungen für die Limonadenmischer.

Die Marktriesen im Getränkegeschäft investieren deshalb Millionen Dollar, um ihre süßen Limos als gesund und wohlschmeckend feil zu bieten. Coca Cola, ein Stück Heimat, ein Stück Amerika. In zahlreichen, besonders von Fettleibigkeit betroffenen Distrikten San Franciscos ist es normal in jedem Cornerstore eine Cola im Dutzendpack zu bekommen, aber an gesundes Obst und Gemüse kommt man da nur unter erschwerten Bedingungen. Die 2 Cent Steuer soll nur bei gesüßten Limos, Sport- und Energydrinks anfallen, nicht bei 100 Prozent Frucht- und Gemüsegetränken. Rund 31 Millionen Dollar hoffen die SF Supervisors pro Jahr mit der neuen Steuer zu erzielen, um dieses Geld in Ernährungs- und Fitnessprogramme in den Stadtteilen zu investieren.

Die Frage steht also nun im Raum, wie weit darf die Fürsorge der Regierung, in diesem Fall der Stadtführung gehen? Ist es die Aufgabe der gewählten Repräsentanten dem Bürger vorzuschreiben, was er essen und trinken darf und wo ist da die Grenze erreicht? Was ist mit Schokolade, Süßigkeiten, übertriebenem Fleischkonsum?

Zieht Euch warm an

Stichtag 1. Februar. Nein, keine neuen Steuern für die Bürger, keine neue Fahrpreiserhöhungen und auch keine neuen Abfallgebühren. Ab heute darf man in San Francisco nicht mehr nackt durch die Gegend laufen. Ja, Schluß mit den nackten Tatsachen auf den Straßen der nordkalifornischen Metropole. Doch das auch nur halb, es geht eigentlich nur um die Geschlechtsteile, die ab heute nicht mehr unbedeckt an der frischen Luft gezeigt werden dürfen.

Das Problem mit den Nudisten in der „City by the Bay“ ist in der jüngsten Zeit etwas außer Kontrolle geraten, wir berichteten in einem früheren Blogeintrag darüber. Supervisor Scott Wiener hatte genug von den Klagen aus seinem Distrikt, wo vor allem in die Jahre gekommene Männer an einer vielbefahrenen und vielbesuchten Straßenecke, Market und Castro, nackig auf Stühlen und Bänken saßen. Und sie saßen nicht nur da, nein, nach dem stundenlangen Sonnen- oder Nebelbad latschten sie im Adamskostüm durch die Nachbarschaft nach Hause. Bislang sagte niemand etwas, wenn mal einer nackt spazieren ging oder nackt an der monatlichen Fahrraddemo „Critical Mass“ teilnahm. All das war geduldet, San Francisco eben.

Familien mit Kleinkindern und etliche der sonst so liberalen San Francisco Bewohner waren allerdings entsetzt, denn die Freikörperkultur hatte sich rumgesprochen. Nicht nur Nudisten von außerhalb kamen in ihre Nachbarschaft, auch Touristen mit Kameras machten sich auf die Suche nach den „Naggerten“ im Castro Distrikt. Scott Wiener hatte also genug, brachte den Gesetzentwurf im Rathaus ein, dass man fortan nicht mehr einfach so die kühle Luft im Schritt genießen darf. Es folgte ein Aufschrei sondergleichen, Wiener wurde als hochverklemmt und als Faschist beschimpft. Doch er setzte sich durch, Stichtag 1. Februar. Die Nudisten protestierten und klagten, bislang ohne Erfolg. Ein Richter machte allerdings deutlich, wenn die Freunde der Freikörperkultur ihre Nacktheit als Meinungsfreiheit sehen und die Stadt nun diese einschränken will, dann könnten sie nach den ersten Verhaftungen wieder vor Gericht erscheinen, dann müßte neu verhandelt werden. Und genau das planen die Nudisten schon heute am 1. Februar. Sie wollen nackt, wie Gott sie schuf, verhaftet werden, um erneut ihren Tag vor Gericht zu bekommen.

Das alles wird wohl ein weiteres Kapitel im Buch: „Only in San Francisco“.

Let’s get naked

Da stand ich im Regen vor dem Rathaus und wartete auf die Nackten. Und die kamen nicht. Für 12 Uhr war der Protest für die freie Körperkultur in San Francisco angesetzt, doch die Schönwetternackten blieben weg. Kurzerhand hatten sie ihre Demo in den „Center for Sex and Culture“ drei Straßenblöcke weiter verlegt. Also latschte ich duch den Regen dorthin. Schon am Morgen hatte ich Supvervisor Scott Wiener interviewt, der hinter der neuen Kleiderordnung in San Francisco steht. Splitterfasernacktsein sei „nur noch“ bei Strassenfesten oder besonderen Events erlaubt. Wiener unterstrich, dass man auch weiterhin bei dem Folsom Street Fair nackt sein darf. „Dafür kommen viele Touristen, auch aus Deutschland extra nach San Francisco“. Aber er wolle nicht mehr, dass nackte alte Männer an Straßenecken stehen und sich Familien in seinem Distrikt darüber beschwerten. Darüberhinaus, so betonte Wiener, gehe es nur darum, dass man die Genitalien bedecke. Frauen könnten ja ihre Brüste zeigen, Männer ihren nackten Hintern, aber bitte nicht das volle Adam- und Evakostüm. Dafür wurde er mehrfach als Faschist von den FKK Jüngern beschimpt, die ihm vorwerfen, die historische Freizügigkeit in San Francisco zu beschneiden.

Der „Center for Sex and Culture“ ist ein Flachbau auf der Mission Street. Unscheinbar, fällt nicht auf. Dort kam mir schon Gypsy Taub entgegen, die Aktivistin, die mich am Tag zuvor zur Veranstaltung einlud. Noch hatte sie ihre Klamotten an, umarmte mich, auch wenn ich sie heute zum ersten mal sah. Das ist San Francisco, Peace, Love and Happiness. Innen erklärte mir dann ein älterer Herr, dass der Center sich für alle sexuellen Themen einsetze. Hier fänden regelmäßig Vortragsabende, Treffen von bestimmten Sexanhängern und eben auch Sexparties statt. Während so langsam immer mehr bekleidete FKK Anhänger kamen, ging ich mit Gypsy in ein Hinterzimmer in dem allerlei Erotikmöbel rumstanden und interviewte dort die ehemalige Erotiktänzerin. Nackt sein sei ein Grundrecht, das über Artikel 1 der US Verfassung garantiert sei, betonte sie. Und kein Supervsior könne das einschränken. Gypsy Taub verglich ihren Kampf um die nackte Haut mit dem der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Angefangen habe ihr Einsatz um die Freikörperkultur nach dem 11. September 2001, als sie an der Aufklärung der Terrorangriffe mitarbeitete. Aber niemand wollte ihr zuhören, was wirklich geschah. Deshalb zog sie sich einfach aus und moderierte so vor laufender Kamera und dann hörte man ihr zu.

Wieder im Vorraum meinte Gypsy, „let’s get all naked and start this party“. Und ja, alle zogen sich aus. Und nein, ich zog mich nicht aus. Man unterhielt sich, tauschte sich aus, gratulierte mir dazu Deutscher zu sein, denn „die Deutschen sind viel FKK freundlicher“. Mein Einwand, dass ich noch keinen Nackten in der Breiten Gasse gesehen habe, verhallte im Raum. Hinsetzen wollte ich mich auch nicht unbedingt, denn sonst wäre ich auf Augenhöhe mit diversen kleinen und größeren Geschlechtsteilen gewesen. So ein direkter und freier Blick muss ja auch nicht sein.

Schließlich standen alle Nackten auf der Bühne und hielten Reden. Dabei wurde gefilmt, um alles später auf die Webseite der Initiative mynakedtruth.tv zu stellen. Auch die Kamerafrau stand so wie Gott sie schuf – nur mit Stiefeln – im Raum. Ein lokaler Reporter kam, der über den Kampf der Nudisten berichten will, von den Bürgern und Bürgerinnen San Franciscos war allerdings an diesem Tag nicht viel zu sehen. Draußen regnete es noch immer, also wurde es nichts mit der Spontandemo durch den Stadtteil. Noch darf man ja hüllenlos durch San Francisco spazieren. Stattdessen gab es eine Tanzveranstaltung… ich bin dann mal gegangen.