Alarmierende Selbstmordzahlen

In dieser Woche nahmen sich die Modedesignerin Kate Spade und der Koch und Reisejournalist Anthony Bourdain das Leben. Zwei Selbstmorde, die viel Aufmerksamkeit erhielten, gerade weil beide erfolgreich und beliebt waren, für viele Außenstehende mitten im Leben standen.

Sogar Barack Obama erinnerte sich an sein Treffen mit Anthony Bourdain. Man beachte den Ton dieses Tweets des früheren Präsidenten.

Die USA haben ein Problem, das wird deutlich, wenn man sich den in dieser Woche vorgelegten Bericht des „Centers for Disease Control and Prevention“ durchliest. Im letzten Jahr starben 45.000 Menschen in den USA durch Suizid. Zwischen 1999 und 2016 stiegen in allen Bundesstaaten außer Nevada die Selbstmordraten. In North Dakota um bis zu 57 Prozent. In Montana liegt die Rate am höchsten im ganzen Land, auf 100.000 Einwohner kommen 29,2 Suizide, US weit liegt diese Zahl bei 13,4 auf 100.000 Einwohner. Nur in Nevada fiel die Selbstmordrate um ein Prozent.

Vor allem die Rocky Mountain Staaten und der Mittlere Westen sind von dieser Welle an Selbsttötungen betroffen. Dort war die Wirtschaftskrise der letzten zehn Jahre besonders zu spüren. Mit dem Verlust von Häusern, Jobs und Familientragödien aufgrund von wirtschaftlichen Problemen, wurde der Ausweg Selbstmord mehr und mehr gewählt. Und in vielen dieser zumeist ländlichen Gegenden gibt es keine Hilfseinrichtungen, Ansprechpartner, Unterstützung für Menschen in einer Krise. Interessanterweise waren die Betroffenen in weniger als der Hälfte der Fälle auffällig, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzten.

Die bevorzugte Methode sind Schusswaffen, mittlerweile greifen auch immer mehr Frauen zu einer Knarre, um sich – fast sicher – ins Jenseits zu befördern. Bislang brachten sich mehr Männer um, doch der Bericht des CDC zeigt, dass die Zahlen nun fast ausgelichen sind. Das liegt nicht daran, dass Männer weniger Selbstmorde begehen, sondern daran, dass die Rate der Frauen steigt.

Die Suizide von Kate Spade und Anthony Bourdain haben Amerika in dieser Woche erschüttert. Dazu der Bericht des „Centers for Disease Control“, der zeigt, dass die USA in einer tiefen Gesundheitskrise stecken, ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein. In allen Medien wird darüber berichtet und immer wieder betont, dass Betroffene nicht allein sind. Die nationale Nummer der Suizidprävention wurde allernorts veröffentlicht: 1-800-273-TALK.In Deutschland ist die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 zu erreichen.

20.000 Selbstmorde durch Schußwaffen

Es hinterlässt ein komisches Gefühl, wenn man diese Zahlen liest. Jedes Jahr bringen sich in den USA mehr als 40.000 Menschen um. In Deutschland sind es etwa 10.000. 2013 nahmen sich in den USA 41,149 Menschen das Leben. Mehr als die Hälfte davon, 21,175, nutzten eine Schußwaffe für ihren Freitod, das waren 58 Selbstmorde mit einer Knarre pro Tag.

Foto: AFP.

Foto: AFP.

Viele von denen, die sich durch Erhängen, Vergiften, durch einen Sprung in die Tiefe oder mit dem Aufschneiden von Pulsadern das Leben nehmen wollen, schaffen es nicht. 90 Prozent der Männer, Frauen, Jungen und Mädchen, die den Suizidversuch überleben, versuchen es kein zweites Mal, das hat eine Studie der Harvard Universität belegt. Bei Schußwaffen sieht das ganz anders aus. 90 Prozent der Selbstmordversuche mit Knarren sind erfolgreich.

Die Selbstmordrate mit Schießeisen in den USA ist hoch. Bei der ganzen Diskussion um den leichten Zugang zu Waffen wird diese Zahl meist vergessen, unterschlagen, übergangen. Man redet von den 16.000 Morden im Jahr, von den Schießereien, von den Amokläufen. Doch mehr als 20.000 Menschen sterben Jahr für Jahr in diesem Land durch Schußwaffen, die gegen sich selbst gerichtet sind, und nichts wird dagegen unternommen. Das Recht auf Waffenbesitz scheint mehr zu zählen, scheint wichtiger zu sein, als das Recht auf Leben. Ja, wer sich umbringen will, wird einen Weg finden. Doch die Wahrscheinlichkeit zu überleben sinkt mit dem Griff zur Knarre.

Der Fahrschein ins Leben

Von Oakland nach San Francisco Downtown und zurück nimmt man am besten öffentliche Verkehrsmittel. Kein Stau, keine Parkplatzsorgen und es ist billiger als die Spritkosten, Brücken- und Parkgebühren. Heute mußte ich rüber, direkt auf die Powell Street, um dort ein Interview mit einer Organisation zum Thema „Waffen in den USA“ zu führen. Also, nahm ich die Bart, die U-Bahn in der Region. Dutzende Touristen standen an der Cable Car an und schauten zu, wie eine ankommende Bahn gedreht wurde. Ein paar Obdachlose saßen auf dem Boden, vor einem Hotel gab es eine Protestaktion einer Gewerkschaft. Ein Morgen wie jeder andere in San Francisco.

Erst auf dem Rückweg, als ich mein Ticket wieder aus der Jacke zog, sah ich die Rückseite der Fahrkarte. Darauf die eindeutige Botschaft. Wenn man emotionale Probleme hat oder über Selbstmord nachdenkt, dann soll man die angegebene und kostenfreie Telefonnummer anrufen.

Die Rückseite des Bart-Tickets.

Die Rückseite des Bart-Tickets.

Hinter dieser sehr direkten, doch ganz und gar nicht „schreienden“ Aktion stecken gleich mehrere Gruppen in den verschiedenen Counties, die von Bart angefahren werden. Ein Projekt, das durchaus Sinn macht, denn oftmals kann man in der Bahn mitreisende beobachten, die ihren Gedanken nachhängen. Vielleicht sieht der eine oder die andere diese Nummer und wählt sie in einem stillen Moment.

Selbstmord ist in San Francisco ein durchaus stets aktuelles Thema. Die Golden Gate Bridge ist und bleibt ein Anziehungspunkt für suizidgefährdete Menschen. Ein letzter Blick auf die Stadt, dann der Sprung, der fast immer den sicheren Tod bringt. Krisentelefone wurden zwar auf der Brücke angebracht, ein Suizidnetz soll nun nach einer längeren Debatte unterhalb der Bridge befestigt werden. Doch die Brücke bleibt ein Magnet für Lebensmüde. Vor diesem Hintergrund wirkt die Fahrkartenaktion der Beratungsgruppen in der San Francisco Bay Area als ein wichtiges Signal für Menschen in Not.

Zum Tod von Robin Williams

      Robin Williams
Robin Williams

Robin Williams

Er war einer von vielen Stars, die in der San Francisco Bay Area leben. Doch Robin Williams war anders, man sah ihn beim Joggen, im Comedy Club, im Restaurant. Er war zugänglich, es schien, er genoss es richtiggehend ins tägliche „normale“ Leben einzutauchen. Sein Tod kam überraschend, auch wenn man von Williams‘ Alkoholproblemen und seinen Depressionen wußte. Er verheimlichte es nicht, sprach offen in Interviews darüber. In den USA und besonders in der San Francsico Bay Area war man geschockt von dieser Nachricht. Viele Kollegen sprachen von ihm als Freund, als großartigen Schauspieler, als begnadeten Komiker. Doch am Ende, war er mit seiner Entscheidung alleine.

Dazu der aktuelle Audiobericht.

Selbstmordrate steigt

59.000 Soldaten der amerikanischen Streitkräfte gehören zu Spezialeinheiten, wie den Army Rangers oder den Navy SEALs. Derzeit sind sie nicht nur in Afghanistan und dem Irak, sondern in 84 (!) Ländern im Einsatz. Nun hat Admiral William McRaven, der die Spezialoperationen der US Sondereinheiten leitet, auf ein massives Problem in den Reihen seiner Soldaten hingewiesen. Die Selbstmordrate liegt ungewöhnlich hoch und steigt von Jahr zu Jahr. „Meine Soldaten kämpfen seit 12, 13 Jahren im harten Einsatz. Und jeder, der das miterlebt hat, hat sich verändert. So einfach ist das“, erklärte McRaven auf einer Konferenz in Tampa, Florida.

Harte Zahlen und Statistiken wollten der Admiral nicht vorlegen, denn alles, was diese Spezialeinheiten angeht fällt unter strengste Geheimhaltung. Allerdings weisen die allgemeinen Zahlen der aktiven Militärangehörigen daraufhin, dass im Jahr 2012 350 Soldaten sich das Leben nahmen. Eine ähnliche Zahl liegt für 2013 vor. William McRaven fügte in Florida nur hinzu: „Und dieses Jahr, befürchte ich, sind wir auf dem Weg, diese Zahl zu überschreiten.“

Amerika, das wird immer deutlicher, hat mit den jüngsten Kriegsschauplätzen in Afghanistan, im Irak und dem ausgerufenen „War on Terror“ an der Heimatfront einen Krieg der anderen Art eröffnet. Die Ausmaße dabei sind noch gar nicht zu erkennen und abzuschätzen.

 

 

 

Tod einer Schülerin

Am 29. August fuhr die 17jährige Gabri Aparicio zur Golden Gate Bridge, parkte ihren Wagen, spazierte auf die Brücke und sprang in den Tod. 46 Menschen brachten sich so im vergangenen Jahr um, so viele wie noch nie zuvor seit der Eröffnung der weltbekannten Brücke 1937.

Eine halbe Stunde vor ihrem Freitod schickte die Schülerin noch einen Fragenkatalog per Email ab, für einen Artikel an dem sie für ihre Schulzeitung arbeitete. Das sei ein Zeichen dafür, dass es eine Kurzschlusshandlung gewesen sei, so die Eltern der 17jährigen. Ihr Leben hätte gerettet werden können. Die Geschichte der jungen Frau und die vieler anderer Selbstmörder wurden am Montag vor dem Rathaus in San Francisco erzählt. Angehörige und verschiedenste Organisationen fordern schon seit langem ein Netz unter der Brücke anzubringen, um Todesspringer retten zu können. Beschlossen wurde so ein Schutz im Jahr 2008, doch fehlt dem Brückenbetreiber, Golden Gate Bridge Highway and Transportation District. die dafür notwendigen 45 Millionen Dollar.

Die Angehörigen von Selbstmördern wollen sich damit nicht zufrieden geben und verlangen endlich die Umsetzung des Plans. Kritiker eines Sprungnetzes unterhalb der Golden Gate Bridge führen immer wieder an, dass durch diese Baumaßnahme das Bild der Brücke zerstört werden würde und, dass man damit einem zum Selbstmord entschlossenen Menschen langfristig nicht von seiner Tag abhalten kann.

„The Bridge“ ist eine beeindruckende Dokumentation über Menschen, die den Freitod an der Golden Gate Bridge wählen.

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Todessprung mit Aussicht

45 Millionen Dollar werden gebraucht. Die fehlen und bis sie zusammen gespart sind, springen weiter Menschen von der Golden Gate Bridge in den fast sicheren Tod. Allein im letzten Jahr wurden 37 Selbstmörder gezählt, die Zahl ist zu den Vorjahren gestiegen. Nicht alle zerschmetterten Körper wurden gefunden. Manche tauchen nie mehr aus den dunklen San Francisco Bay Wassern auf und werden ins offene Meer hinausgespült.

Zusätzlich zu diesen wurden mehr als einhundert Menschen von der Brücke geholt, die auffällig waren und als potentielle Selbstmörder eingestuft wurden. Schon seit Jahren wird die Golden Gate Bridge mit Kameras überwacht, Notruf- und Seelsorgetelefone eingerichtet. Jede Rettungsaktion eines Selbstmörders führt zu einem Verkehrschaos auf dieser Nord-Süd Achse. Manche Autofahrer zeigen Verständnis und warten geduldig bis alle Spuren wieder offen sind, andere fahren hupend vorbei und schreien lauthals aus dem offenen Fenster „Spring endlich“.

45 Millionen Dollar. Die werden gebraucht, um ein Netz unter der Brücke spannen zu können. Der Golden Gate District aus Vertretern des Privatunternehmens, von Marin und San Francisco County hatte schon 2008 beschlossen, dieses Vorhaben zu realisieren. Eine kostspielige Untersuchung hatte ergeben, dass es statisch möglich sei und, dass gleichzeitig das Bild der Golden Gate Bridge nicht verändert werden würde, was als oberste Priorität galt. Doch das Geld fehlt. Das Warten ist für Paul Muller, einem Gründungsmitglied der Bridge Rail Foundation, die das Sicherungsnetz vorgeschlagen hatte, unverständlich. Die Zahlen belegten, „dass die Brücke den weltweiten Spitzenplatz für Selbstmörder einnimmt…und das seit 75 Jahren“.

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Todessprung überlebt

Eine Schulklasse aus Sonoma County hatte am Donnerstag einen unvergesslichen Schulausflug nach San Francisco. Einer der Schüler meinte, es sei besonders „cool“ von der Golden Gate Bridge zu springen. Als die 45 Schüler über die Brücke liefen, überkletterte der 17jährige das Geländer und sprang. Was in 99 Prozent der Fälle tödlich ausgeht, am Donnerstag war dies anders. Ein Surfer, der zu dieser Zeit an einem beliebten Spot direkt unterhalb der Brücke die Wellen ritt, sah den Schüler ins Wasser fallen und wieder auftauchen. Er schwamm sofort auf seinem Surfbrett zu ihm und gemeinsam mit dem Schüler zurück an Land. Der Junge meinte zu dem perplexen Surfer, er sei wegen des „Kicks“ gesprungen.

Im Krankenhaus stellten sie nur einen kleineren Bruch und ein paar blaue Flecken an dem Jugendlichen fest. Der Surfer ist sich sicher, dass ein starker Südwind, den Sprung des Jungen abgefedert und ihn letztendlich gerettet habe. Seitdem die Brücke 1937 eröffnet wurde, sprangen fast 2000 Menschen am Golden Gate in den Freitod. Pro Jahr bringen sich hier zwischen 20 und 30 Menschen um, meist auf der Seite, auf der San Francisco liegt.

Ende am Golden Gate

Golden Gate BridgeZahlen werden selten veröffentlicht. Das hat einen einfachen Grund, niemand soll einen bestimmten Platz in der Statistik einnehmen können. Lange bevor der 1000te Selbstmörder von der Golden Gate Bridge in den fast sicheren Tod sprang wurden keine Zahlen mehr publik gemacht. Nun hat der Gerichtsmediziner von Marin County jedoch erklärt, im vergangenen Jahr sind 31 Menschen von der Brücke gesprungen, drei weniger als im Jahr zuvor. Das sind die offiziellen Zahlen. Fälle von denen man weiss. 20 Leichen tauchten auf, wurden von der Coast Guard gefunden. Von den anderen fehlt jede Spur. Man weiss nur, dass 31 Menschen den Freitod wählten, denn Passanten wurden Zeuge.

Seit der Eröffnung der Golden Gate Bridge 1937 beendeten damit mehr als 1300 Menschen ihr Leben an diesem monumentalen Bauwerk. Nur ganz, ganz wenige überlebten den Sprung aus schwindelnder Höhe in das kalte Wasser der San Francisco Bay. Fast alle sprangen von der Ostseite mit Blick auf San Francisco in die Tiefe.

Schutz vor Selbstmörder?

Die kalifornische Strassenbaubehörde, CalTrans, wurde nun von einer Gruppe verklagt, die verhindern will, dass auf der Cold Spring Bridge in Santa Barbara County ein Selbstmordzaun errichtet wird. Die “Freunde der Brücke” begründen ihren Schritt damit, dass die Behörde keinerlei Rücksicht auf umweltpolitische Konsequenzen beachtet habe. Der rund 2,50 Meter hohe Zaun würde das Bild der Brücke total verändern, so die Gruppe in ihrer Klage. Seitdem die Brücke 1953 errichtet wurde, sprangen 47 Menschen von dort in den Freitod. Die Brücke ist ein Teilstück des San Marcos Pass, eine Abkürzung auf der Nord- oder Südroute des 101.
Interessant ist diese Klage gerade im Hinblick auf den geplanten Selbstmordzaun an der Golden Gate Bridge. Seit Jahren wird hier die Errichtung diskutiert, es wurden Studien in Auftrag gegeben und die Bürger auf beiden Seiten der Brücke befragt. Der Ausgang der Klage könnte durchaus Folgen für den beliebtesten Selbstmordplatz in Kalifornien haben.